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Leseprobe: Fiona – Wiederkehrer

Fiona – Wiederkehrer (Band 4)

„Hier steigen wir aus“, sagt Schneewittchen.
Ich sehe mich um. Wir befinden uns mitten im Wald, auf einem Weg, der diesen Namen kaum verdient. Vor uns eine Schranke, wobei nicht diese den Grund, dass wir nicht weiterfahren können, darstellt, sondern das dichte Gestrüpp, das den Weg dahinter zuwuchert.
Wie eine Szene aus einem billigen Horrorfilm.
„Wie weit ist es noch?“, erkundige ich mich beim Aussteigen.
„Etwa eine Stunde Fußweg.“
„Eine Stunde?!“
„Meine Stiefmutter lebt etwas außerhalb.“
„Etwas ist gut! Lebt sie allein?“
„Nein, mit meinem Vater.“ Schneewittchen schwingt sich elegant über die Schranke. Sie trägt jetzt kein Kleid, sondern bequeme Wanderschuhe, Jeans und einen Pullover. Nachdem sie die kleinen Monster zur Arbeit gefahren hatte, zog sie sich um und wir machten uns auf den Weg.
Fiona und ich tragen eh noch unsere Kampfmontur. Fiona springt über die Schranke, ohne sie zu berühren, dann blickt sie mich auffordernd an. Ich atme tief durch. Habe ich das nötig? Ich, eine zweifache Mutter, Psychologin und kurz vor der Promotion?
Dann sehe ich ihr unverschämtes Grinsen und weiß, dass ich überhaupt keine Wahl habe.
Ich schaffe es. Aber das ist auch schon das Beste, was ich darüber sagen kann. Ich bin nur froh, dass ich mich dabei nicht selbst sehen kann. Das Springen funktioniert sogar ganz gut, aber beim Aufkommen verfängt sich einer meiner Füße in irgendeiner Schlingpflanze. Oder in meinem anderen Fuß. So ganz sicher bin ich mir da nicht.
Doch Fiona fängt mich auf, bevor ich ganz und gar unelegant auf der Schnauze lande.
„Wohin so eilig, junge Dame?“, erkundigt sie sich grinsend und hält mich viel länger fest, als es eigentlich nötig wäre.
„Ich dachte, ich hätte da zwei Ameisen gesehen, die ein Eichhörnchen weggetragen haben, und wollte es mir genauer ansehen.“
„Aha.“ Das Grinsen wird breiter. „Wenn du mit den Füßen nur so halb so geschickt wärst wie mit dem Mund, dann müsste ich dich nicht ständig auffangen.“
„Jetzt übertreib nicht so. Und lass mich bitte los.“
Sie nickt und tut mir den Gefallen. Ich richte mich auf und meine Kleidung, dann sehe ich Schneewittchen an, die uns lächelnd beobachtet.
„Ihr zwei seid herrlich“, sagt sie. „Kommt, gehen wir.“
Der Weg ist beschwerlich. Freundlich ausgedrückt. Schneewittchen scheint ihre Familie nicht sehr oft zu besuchen. Aber wenigstens kennt sie noch den Weg.
Irgendwann, auf einer etwas weniger zugewucherten Strecke, legt Fiona plötzlich eine Hand auf meine Schulter und berührt mit ihrem Mund fast mein Ohr. Bevor ich protestieren kann, flüstert sie: „Sehr still hier, findest du nicht?“
Jetzt fällt es mir auch auf. Kein Vogelgesang, kein Summen, kein gar nichts.
„Du hast recht“, flüstere ich zurück. „Was bedeutet das?“
„Wir nähern uns dem Schloss der bösen Königin. Hast du denn nie deinen Kindern Märchen vorgelesen?“
„Ich bin Psychologin, solche Märchen wollte ich meinen Kindern nicht antun!“
„Aha. Du bist also nicht nur ein Hausmütterchen, sondern auch noch eine Glucke. Echt klasse.“
„Wieso bin ich eine Glucke, wenn ich meine Kinder vor seelischen Schäden bewahren will?“
„Indem du ihnen ausgerechnet die wichtigsten Märchen vorenthältst? Wahrscheinlich hast du auch Rotkäppchen zensiert, stimmts?“
„Rotkäppchen ist eine Horrorgeschichte“, antworte ich düster.
„Und was machst du, wenn plötzlich ein Wolf vor dir auftaucht? Immerhin sind wir im Märchenwald, meine Liebe!“
Ich sehe sie unsicher an.
„Was denkst du denn, wo Schneewittchens Stiefmutter, die böse Königin, wohnt?“
„Dann schmeiße ich ihn in den nächsten Brunnen“, sage ich und reiße mich los. „Oder du beißt ihn.“
„So, so, dafür bin ich also gut genug.“ Aber sie grinst dabei. Ihr sonniges Gemüt hätte ich auch gern.
Ich eile hinter Schneewittchen her, die nichts von unserer Diskussion mitzubekommen haben scheint. Dabei beobachte ich die Umgebung aufmerksam. Weiß der Teufel, wie ernst Fiona es mit dem Wolf gemeint hat, aber ich befürchte, in dieser Gegend ist alles möglich.
Wobei die Vorstellung, dass Schneewittchen und Rotkäppchen gemeinsam auf einem Ball tanzen könnten, irgendwie auch witzig ist.
Das bringt mich auf einen Gedanken.
Als ich endlich Schneewittchen keuchend einhole, spreche ich sie darauf an. „Hey, Schneewittchen, bist du schon mal Rotkäppchen begegnet?“
„Natürlich“, erwidert sie, ohne langsamer zu werden.
„Wieso ist das natürlich?“
„Wieso sollte ich ihr nicht begegnen?“
„Weil ihr unterschiedliche Märchen seid!“
Jetzt bleibt sie stehen und sieht mich an. Ich meine, Mitleid in ihren Augen zu erkennen.
„Wo kommst du eigentlich her? Weißt du denn gar nichts?“
Jetzt fängt sie auch schon damit an.
„Was soll ich denn wissen?“
Sie wirft Fiona, die hinter mir steht, einen verzweifelten Blick zu. Dann wendet sie sich kopfschüttelnd ab und geht weiter. Ich drehe mich zu Fiona um.
„Was war das denn?“
„Ich schätze, sie sieht dich als hoffnungslosen Fall an. Willst du nicht weitergehen?“
Hoffnungslos, ja, das trifft es. Diese blöde Kuh. Ich drehe mich um und renne hinter Schneewittchen her. Den ganzen Rest des Weges sage ich kein Wort mehr.
Erst als wir das Labyrinth erreichen, entfährt mir ein „Wow!“.
„Der Irrgarten des Schreckens“, sagt Schneewittchen. „Wer sich hier nicht auskennt, kommt niemals lebendig heraus.“
„Und du kennst dich hier aus?“
Wieder dieser mitleidige Blick. „Ich bin hier aufgewachsen. Folgt mir und verliert mich nicht, denn sonst seid ihr verloren.“
Wenigstens hat sie Humor. Andererseits … wer weiß, was sich alles in diesem Irrgarten versteckt? Ich werfe einen Blick auf Fiona, dann nehme ich kurzentschlossen ihre Hand. Sie sieht mich erstaunt an, sagt aber nichts. Kurz blitzen ihre Vampirzähne auf, die sonst kaum zu sehen sind.
Der Boden des Labyrinths ist grasbewachsen, die grauen Steinwände von Moos bedeckt. Das Ganze wirkt ziemlich gespenstisch. Vor allem, weil ab und zu ein gellender Schrei ertönt. Ich zucke jedes Mal zusammen, dann drückt Fiona meine Hand. Ich bin mir nur nicht so sicher, ob sie damit mich trösten will oder sich selbst. Ich hoffe auf Ersteres.
Irgendwann, nach einer Ewigkeit, so kommt es zumindest mir vor, erreichen wir das Ende des Labyrinths. Oder zumindest ein Ende.
Vor uns liegt das Schloß der bösen Königin. Und der Ort, an dem Schneewittchen ihre Kindheit verbrachte.
Da musste sie ja depressiv werden.
„Ziemlich düster“, stellt Fiona fest.
„Allerdings“, sagt Schneewittchen und nickt. „Kommt.“
„Werden wir eigentlich auch den Jäger treffen?“, erkundige ich mich, während wir hinter ihr auf ein großes, goldfarbenes Tor zueilen.
„Der Jäger ist doch tot. Meine Stiefmutter hat ihm das Herz herausgerissen, weil er mich hat laufenlassen.“
„Hier können Leute sterben?“
„Wenn die Geschichte das verlangt, dann schon.“
„Und wo sind sie dann? Ich meine, die können doch nicht einfach so aus dem Universum verschwinden. Oder etwa doch?“
„Natürlich nicht“, erwidert Schneewittchen.
Wir kommen am Tor an und sie tritt mehrmals dagegen, bis die Flügel sich öffnen. Sie scheinen sehr schwer zu sein. Sind sie etwa aus Gold? Beim Eintreten berühre ich sie. Sie fühlen sich an wie Gold.
Ach du Scheiße!
Die Dekadenz setzt sich innen fort. Eine riesige Halle, deren Decke von goldglänzenden Säulen gestützt wird, eine breite, sanft geschwungene Treppe nach oben, die Stufen, so wie es aussieht, aus Marmor, übergroße Gemälden, die alle nur eine Frau zeigen, und die heißt nicht Schneewittchen, oppulente Möbel, vermutlich alle handgearbeitet … ein echtes Märchenschloss.
„Da kommt meine Mutter“, sagt Schneewittchen und deutet nach oben.
Die Frau, die von der Galerie auf uns herabblickt, passt gut ins Ambiente. Sie trägt ein schwarzes, glänzendes Kleid mit hohem Kragen, die vermutlich sehr langen Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Sie ist durchaus schön, auf ihre ganz eigene Art. Auf jeden Fall anders als die eher jugendlich wirkende Schneewittchen. Die böse Königin versprüht die Aura einer reifen, erfahrenen Frau.
„Schneewittchen! Wen hast du mir ins Haus gebracht?“
„Zwei Freunde“, erwidert die Angesprochene.
„Zwei Freunde?“ Die Königin schreitet nun die Treppe hinab. Ja, sie schreitet. Ich verstehe etwas davon, elegant zu gehen, zu schweben. Ich habe das lange geübt, außerdem habe ich getanzt, Kampfsport getrieben – ich beherrsche meinen Körper. Oder zumindest habe ich ihn mal beherrscht. Aber das, was die Königin uns da vorführt, das kann ich ganz sicher nicht.
Wow.
„Treibst du es denn jetzt schon mit Zwillingen?“, erkundigt sich die böse Königin, nachdem sie unten angekommen ist und uns ausgiebig gemustert hat.
„Wie bitte?“ Ich starre sie entgeistert an. Verflucht, in was für ein Sündenpfuhl bin ich da eigentlich geraten? Denken die denn hier alle ständig nur an Sex? Dann fällt mir ein, was ich im Studium über Märchen gelernt habe und beschließe, dass das noch untertrieben war. Aber wahr.
„Wie ich schon sagte, es sind Freunde“, sagt Schneewittchen mit blitzenden Augen. „Für den Spaß hatte ich mal die Zwerge und den Prinzen, aber die hast du mir ja erfolgreich abspenstig gemacht!“
„Abspenstig? Ich?“ Die Königin schwebt an uns vorbei auf eine Tür zu, die, wie ich gleich darauf sehe, in den Salon führt. Oder in einen? Das Schloss ist groß genug, um Dutzende von Salons zu haben. Und während die Königin auf eine durchaus modern aussehende Bar zuschwebt, fährt sie fort: „Das, meine Liebe, hast du ganz allein geschafft.“
„Ach nein, und wer hat dem Prinzen erzählt, dass er allein nicht in der Lage ist, mich zu befriedigen?“
Oh Scheiße! Ich kriege einen Hustenanfall, sodass Fiona mir auf den Rücken klopft. Auch sie wirkt etwas indigniert.
Die beiden Streithähne beachten uns gar nicht.
„Ach, komm schon, meine Liebe, schon eine zarte Andeutung meinerseits hat ausgereicht und er wusste, was los ist. Das bedeutet, er hat es bereits geahnt. Trinkst du das Übliche?“
„Ja. Geahnt und gewusst ist aber keineswegs dasselbe! Ohne dich wäre er nicht fortgeritten und hätte nicht meine heißgeliebten Zwerge mitgenommen!“
„Oh. Ja, das hat er tatsächlich.“ Die Königin macht einen Wodka-Martini fertig und reicht ihn Schneewittchen.
„Sie hat nur gerührt“, flüstere ich Fiona ins Ohr.
„Na und? Vielleicht mag Schneewittchen das so.“
„Geschüttelt schmeckt es aber besser.“
Fiona starrt mich kurz an, dann konzentrieren wir uns wieder auf die beiden. Irgendwie ist das ganz großes Kino.
„Aber dafür hat er dir die Gopfs dagelassen.“
„Gopfs!“, schnaubt Schneewittchen verächtlich. „Ja, die sind nicht schlecht, das stimmt schon. Sie haben auf jeden Fall größere Schwänze als die Zwerge. Aber Größe ist bekanntlich ja nicht alles.“
„Bist du etwa unzufrieden?“
„Unbefriedigt trifft es besser. Und es ist alles deine Schuld!“
In der Zwischenzeit hat die Königin sich selbst auch einen Drink fertiggemacht, allerdings habe ich keine Ahnung, was es ist. Irgendwas mit Rum drin. Sie leckt den Cocktaillöffel ab, dann blickt sie uns an.
„Trinkt ihr auch etwas?“, erkundigt sie sich. „Entschuldigt, ich vergesse jedes Benehmen, aber ihr bringt mich durcheinander. Ich weiß immer noch nicht, wer und vor allem was ihr seid.“
„Fiona“, sagt Fiona.
„Fiona“, sage ich.
Die Königin hebt eine Augenbraue. Die rechte.
„Seid ihr nun Zwillinge oder Klone?“
„So ganz sicher wissen wir es auch nicht“, erwidert Fiona. „Das heißt, Zwillinge sind wir ganz gewiss nicht. Ich nehme eine Bloody Mary.“
„Haha“, entfährt es mir.
Fiona sieht mich strafend an und der Königin läuft auch die zweite Augenbraue hoch. Schneewittchen kichert.
Alles perfekt. Aber so was von.
„Sie ist eine Vampirin, aber nur die eine“, erklärt Schneewittchen, nachdem sich alle mehr oder weniger beruhigt haben.
„Ich verstehe“, sagt die vielleicht gar nicht so böse Königin. „Dann bekommst du natürlich eine echte Bloody Mary, mit echtem Blut statt Tomatensaft.“
„Menschenblut?“, frage ich entgeistert.
„Natürlich, alles andere wäre unangemessen.“ Als ich sehe, dass sie eine Flasche aus einem der vielen verspiegelten Schränke holt, in der sich eine rote Flüssgkeit befindet, kommen mir Zweifel an der Angemessenheit in diesem Hause. Das sieht mir doch sehr nach Tomatensaft aus, aber nicht nach Blut.
Sie reicht den Drink an Fiona und blickt mich dabei an. „Und du? Was möchtest du trinken?“
Ich kann nicht sofort antworten, denn ich habe den Duft des Cocktails in der Nase, und mir wird klar, dass die Königin es sehr ernst gemeint hat. In der Flasche ist definitiv Blut!
Fiona nippt daran und macht ein seliges Gesicht.
Und ich habe an ihrer Seite und seelenruhig geschlafen letzte Nacht! Unwillkürlich fasse ich an meinen Hals.
„Ich habe dich nicht gebissen!“, sagt Fiona. Sie wirkt beleidigt.
Die Königin hebt die Hände. „Oh, welche Spannung! Nun, ich halte mich aus solchen Dingen heraus. Was möchtest du trinken, Fiona 2?“
„Ich bin Fiona 1, die da ist die 2. Und ich nehme einen Caipi.“
„Oh, Verzeihung, die Dame.“ Die Königin scheint sich ja prächtig zu amüsieren. Fiona 2 und meine Wenigkeit nicht so sehr. Und Schneewittchen schwankt allem Anschein nach zwischen Lachen und Weinen. Muss ja echt hart sein, das mit dem Prinzen und den Zwergen … Mir wird plötzlich klar, wie doppeldeutig das ist und werde rot.
„Was ist mit dir? Ist dir warm?“ Fiona berührt meine Schulter und ich zucke zusammen.
„Nein, ich … Ich glaube, ihr habt mich angesteckt und ich denke auch schon so schweinisch wie ihr.“
„Aha“, sagt Fiona nur, vergisst aber ihre Hand auf meiner Schulter, was sowohl Schneewittchen als auch ihre böse Stiefmutter bemerken, jedoch unkommentiert lassen.
Was für ein Glück.
Die Königin hebt ihr Glas und sagt: „Nun, da ihr hier seid und alle ein Glas mit etwas drin habt, hebe ich meins und sage: Cheers!“
So unkompliziert kann das Leben also sein.
Zumindest wenn man eine böse Königin mit einem riesengroßen Schloss im Märchenland ist. Das heißt, wenn es wenigstens das Märchenland wäre.
„Und nun erzählt, um was geht es eigentlich? Meine liebe Stieftochter besucht mich äußerst selten und niemals ohne triftigen Grund.“
„Auch das hat einen guten Grund!“, erwidert die liebe Stieftochter heftig.
„Ja, selbstverständlich.“ Die böse Königin sieht uns lächelnd an. „Nun?“
Und Fiona sieht mich an. Ich blicke zurück und wundere mich. „Was? Wieso ich?“
„Du hast studiert, du kannst besser reden.“
„Ich glaub das einfach nicht!“ Ich ziehe am Strohhalm und nehme einen großen Schluck vom wirklich guten Caipi. Vielleicht sollte ich gar nicht darüber nachdenken, was da drin ist. Ich meine, wo sollen die hier Rohrohrzucker hernehmen? Oder Limetten? Dann atme ich tief durch. „Also schön. Wir brauchen dringend einen sprechenden Spiegel.“

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