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Leseprobe: Fiona – Sterben (Band 6)

SPOILER-ALARM!

„Heute beginnt der Countdown.“
Ich starre Julie an. Habe ich was verpasst?
„Was für ein Countdown?“
„Noch 365 Tage bis zu deinem 30. Geburtstag!“
„Aha. Hört sich an, als wäre das was Gefährliches.“
„Nein, eigentlich ist das völlig normal“, erwidert Julie fröhlich. „Außerdem bist du heute ja erst 29 geworden. Kannst also noch ein ganzes Jahr lang dich darüber freuen, nicht über dein Alter lügen zu müssen.“
„Sprichst du aus Erfahrung?“ Oh, Fiona, das war böse! Aber Julie hat ein sonniges Gemüt, sie lacht nur. Ich mache ihr einen Cocktail, etwas Süßes, Solero, für den Fall, dass sie insgeheim doch sauer ist; dann kümmere ich mich um die anderen Gäste.
Wobei, nötig wäre das nicht. Der Star meiner Geburtstagsparty sorgt schon dafür, dass alle beschäftigt sind und sich gut amüsieren. Töchterchen ist begeistert davon, dass sie laufen und ansatzweise sprechen kann, und zeigt das allen. Sowohl ihre Freude als auch ihre Fähigkeiten. Sonst schafft sie es damit, den Tag meiner Eltern zu füllen, heute haben diese mal Urlaub.
James ging vorhin mit Danny und einer Kinderschar los, die Gegend unsicher zu machen. Für mich bleiben also nur meine Eltern, nachdem auch Julie eine neue Beschäftigung gefunden hat. Ich mixe mir einen Caipi und gehe in den Garten, wo meine Mutter es sich in einer Gartenliege bequem gemacht hat, während mein Vater Sandras Sandkasten inspiziert.
Ich setze mich neben meiner Mutter auf einen Stuhl und erkundige mich: „Was genau macht er da eigentlich? Hat er Angst, das könnte Treibsand sein, der Sandra verschlingt?“
Meine Mutter wirft mir einen amüsierten Blick zu. „Ich glaube, er sucht nach Hinterlassenschaften von Katzen. Die Viecher vermehren sich in letzter Zeit ziemlich.“
„Hier nicht, hier herrscht Danny.“
„Du bist grausam.“
„Ich bin nicht grausam, das Leben ist es. Ich kann auch nichts dafür, dass Katzen und Danny nicht kompatibel sind. Ich glaube, das nennt sich Verhaltensbiologie.“
„Wirst du auf deine alten Tage darwinistisch?“
Ich starre sie entgeistert an. „Ich? Darwin? Wenn überhaupt, dann interessiert mich der Darwin Award. Da habe ich eine ganz lange Vorschlagsliste. Aber Darwinismus?“
„Das klang vorher aber ganz, als wenn du an natürliche Auslese glauben würdest.“
„Klar, ein natürlicher Engel.“
„Ach ja.“ Meine Mutter lehnt sich zurück und nippt an ihrem Drink. „Nach all den Jahren habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnen können, dass du … Ich weiß nicht einmal, wie ich es nennen soll. Statthalter, Krieger, Vampire … Das ist so unwirklich.“
„Mama, schau nach oben. Was siehst du da?“
„Den Himmel.“
„Was noch?“
„Die Sonne.“
„Was noch?“
„Keine Ahnung. Worauf willst du hinaus?“
„Du akzeptierst ohne Probleme, dass es da den Himmel gibt, die Sonne, weißt nicht einmal genau, was das ist, akzeptierst, was du darüber in der Schule gelernt hast, dass da so ein Feuerball ist, in dem es unvorstellbar heiß ist, dass es Sterne gibt, du akzeptierst, dass du niemals zu den Sternen reisen wirst, weil Einstein was dagegen hat, all das bereitet dir keine Probleme. Ich sorge hier für ein bisschen Gleichgewicht und daran kannst du dich nicht gewöhnen?“
„Du solltest in die Politik gehen“, bemerkt mein Vater, der die Inspektion des Sandkastens beendet hat und neben uns steht. „Apropos, ich hole mir was zu trinken, möchtet ihr auch was?“
Meine Mutter hält ihm ihr Glas hin. Ich mustere die traurigen Reste meines Caipi, dann nicke ich.
„Ich habe mich auch daran gewöhnt, dass es einen Gott gibt, dass Jesus für uns gestorben ist, dass in jedem noch so kleinen Kaff eine Kirche steht. Das war keine Gefahr, es ist eigentlich so weit entfernt vom täglichen Leben wie die Sonne und die Sterne. Aber du, mit all deinen Fähigkeiten, du bist Teil unseres Alltags.“
„Ich achte schon darauf, dass ihr möglichst wenig davon mitbekommt.“
„Möglichst, genau.“
Ich denke an die Ereignisse vor einem Jahr und seufze. „Okay, klappt nicht immer. Vielleicht ist es ja auch ganz gut, wenn du nicht alles erfährst, was ich so erlebe.“
„Das glaube ich allerdings auch.“ Sie wendet den Blick von mir ab, denn ihre Schwester kommt auf uns zu. Ich schließe die Augen und höre nur halb zu, wie die beiden sich über irgendeine Nachbarin meiner Tante aufregen. Eigentlich regt sich nur meine Tante auf, meine Mutter nimmt es eher locker. Ich glaube, die letzten Jahre mit mir haben sie ziemlich abgehärtet, was aufregende Ereignisse angeht.
Plötzlich passiert etwas. Mit aufgerissenen Augen setze ich mich auf und starre nach vorne.
„Fiona? Was ist los?“ Meine Mutter klingt panisch.
Ich versuche herauszufinden, was mich so aufgeschreckt hat. Es war wie eine Erschütterung, aber sie kam nicht vom Boden, nicht wie ein Erdbeben. Ich habe sie gefühlt. Was zum Teufel war das?
Ich wende mich meiner Mutter und ihrer Schwester zu und lächele etwas verkrampft. „Ich glaube, ich bin eingedöst und habe etwas geträumt.“
Ich sehe meiner Mutter deutlich an, dass sie mir nicht glaubt, aber wegen meiner Tante lieber nicht nachbohrt. Zum Glück kommt jetzt auch mein Vater mit den Drinks.
Ich lehne mich wieder zurück und nippe an meinem Caipi. Den hat mein Vater zubereitet und er kann das verdammt gut. Ich schenke ihm ein dankbares Lächeln, während mein Unterbewusstsein verzweifelt versucht, sich zu erinnern, wie die Erschütterung sich angefühlt hat. Da anscheinend niemand außer mir sie wahrgenommen hat, war es auf jeden Fall etwas, was mit meinem Kriegerdasein zu tun hat. Ich werde heute Abend mal die anderen fragen, ob sie auch was gemerkt haben. Und dann war da noch etwas anderes, was ich gar nicht einordnen kann. Wie eine Art Schrei …

„Nicholas!“, rufe ich erfreut.
„Wir haben ihn einfach gezwungen, mitzukommen“, erklärt meine Mutter und schiebt den alten Mann durch die Tür. „Ich dachte, bei diesem eher privaten Teil kann er als quasi Familienmitglied ruhig mal dabei sein.“
„So sehe ich das auch“, erwidere ich und umarme Nicholas. „Kommt rein, ihr seid die Ersten.“
„Schon wieder?“, bemerkt mein Vater.
Noch bevor ich antworten kann, spüre ich, wie sich jemand der Tür nähert und öffne sie. Das Triumvirat ist da: Michael, Nilsson und John. Wie schön wäre es, wenn Katharina auch dabei wäre. Und Elaine.
Ich muss mich zwingen, mir nichts von meinen düsteren Gedanken anmerken zu lassen und begrüße die drei überschwänglich. Michael mustert mich von Kopf bis Fuß.
„Hast du das heute Nachmittag auch getragen?“
„Nein, der Hausanzug ist nur euch vorbehalten. Heute Nachmittag trug ich High Heels, eine schwarze Strumpfhose, Minirock und eine halb transparente Bluse. Und natürlich einen nicht transparenten BH.“
„Danke! So genau wollte ich das gar nicht wissen.“
„Du hast die Farbe des Schlüpfers vergessen“, bemerkt John. „Oder hast du gar keinen getragen?“
Meine Mutter verschluckt sich, ich verpasse John einen angedeuteten Tritt und begleite meine Mutter in die Küche, um ihr dort mit einem Glas Wasser das Leben zu retten.
Kurz darauf klingelt es schon wieder und danach sind wir mit Ben und Jack komplett. Hat irgendwie was Vertrautes. Findet Töchterchen auch und knutscht sie der Reihe nach ab.
Ich hole die Torte, die etwas kleiner ist als die heute Nachmittag für die Verwandtschaft. James kümmert sich derweil um den Wein. Mein Vater verzichtet diesmal auf eine Rede, wofür ich ihm ausgesprochen dankbar bin. Seit ich vorhin an Katharina denken musste, ist meine Stimmung sturzflugartig in den Keller gefallen.
Irgendwann landet Sandra wieder bei mir. Ich schnuppere an ihren Windeln, aber es besteht kein Handlungsbedarf.
„Du machst das inzwischen richtig routiniert“, stellt Nilsson fest.
„Was?“
„Wie du an Sandras Windeln geschnuppert hast.“
„Haha.“
„Hast du schlechte Laune?“
„Nein.“
Sandra verputzt den Rest meines Tortenstücks und greift dann blitzschnell nach dem Weinglas. Ihre Geschwindigkeit ist unglaublich. Ich schaffe es gerade so, ihr das Weinglas mit sanfter Gewalt zu entwinden, was lautstarken Protest bei ihr auslöst. Erst als James ihr in einem Weinglas roten Traubensaft reicht, werden meine Ohren erlöst. Ich beobachte sie beim Trinken und streichele ihren Kopf. Sie wird eine verdammt starke Persönlichkeit werden.
Wenn sie es erlebt, schießt es mir plötzlich durchs Hirn.
Vor Schreck lasse ich sie fast fallen. Was war das denn schon wieder? Als ich hochblicke, merke ich, wie Michael mich beobachtet. Er sieht ziemlich nachdenklich aus.
So nachdenklich, dass er mir später hilft, einige Sachen in die Küche zu tragen und dann leise sagt: „Was ist denn mit dir los?“
„Keine Ahnung, was du meinst.“ Ich räume die Sachen in die Spülmaschine. Michael reicht mir Gläser an, dabei berühren sich unsere Hände. Verdammt. Ich habe mich schon bewusst unsexy angezogen, den schwarzen Hausanzug und die Füße nackt, trotzdem spüre ich, wie es beinah knistert.
„Vorhin hat dich etwas erschreckt. Und als wir kamen, hätte ich dich am liebsten auf den Arm genommen und getröstet.“
„Idiot.“
„Das meine ich ernst. Du hast ausgesehen, als würdest du gleich anfangen zu weinen.“
„Ich habe Geburtstag, da werde ich immer sentimental.“
„Und du willst es mir nicht erzählen?“
Ich schließe die Tür des Geschirrspülers und lehne mich dagegen. „Michael, ich habe heute Nachmittag was gespürt. Einfach so. Als wäre da … Ich weiß nicht, was es war. Eine Art Erschütterung, aber sie war nicht physisch. Hast du auch was gemerkt?“
Er schüttelt den Kopf.
„Können Krieger verrückt werden?“
„Theoretisch schon, aber nicht du.“
„Was soll das denn schon wieder bedeuten?“
„Du bist doch keine gewöhnliche Kriegerin.“
„Ach? Wieso nicht?“
„Fiona, willst du mich verarschen? Du hast einen Krumana-Dämon getötet. Und auch wenn du dich weigerst, uns zu erzählen, wie du das geschafft hast, steht eines doch fest: Keiner von uns hätte das geschafft. Krumana-Dämonen verhalten sich zu Kriegern wie Kryptonit zu Superman.“
„Sehr witzig.“
„Also, was hat dich fast weinen lassen?“
Der Kerl lässt wohl nicht locker.
„Ich habe nur einen kurzen Moment daran gedacht, dass auch Katharina … mit euch … Egal.“
Michael mustert mich, dann wischt er die eine dämliche Träne ab, die es gewagt hat, sich aus dem Augenwinkel zu schleichen.
„Sie ist übrigens wieder in der Stadt.“
„Schön für sie“, erwidere ich und gehe zurück zu den anderen.

Es ist heiß. Das spüre ich selbst durch die geschlossenen Fenster. Da ich nicht schon mit durchschwitzten Sachen losfahren will, gehe ich nackt hinunter zum Frühstücken. James hat heute frei und den Tisch schon gedeckt. Sandra sitzt auf seinem Schoß und malt mit Marmelade irgendwas auf seine Stirn.
„Ihr dürft gleich baden gehen“, teile ich ihnen mit.
„Macht ja nix. Vielleicht gehen wir rüber zu deinen Eltern und in den Pool.“
„Bei der Hitze eine gute Idee. Achte darauf, dass sie nicht zu lange in der Sonne ist.“
James mustert mich. „Ist nicht mein erstes Kind.“
„Entschuldige“, murmele ich. Verdammte Scheiße.
„Schon gut. Alles in Ordnung bei dir?“
Ich nicke. Warum sollte nicht alles in Ordnung bei mir sein? Wir haben bald Mitte August, der Sommer war schön und ist es noch, heute Morgen hatten wir ausgiebigen und vor allem ungestörten Sex, auch wenn das bedeutete, dass James schon das Badezimmer unten renovieren durfte, also ist doch alles in bester Ordnung.
So rein theoretisch.
„Vielleicht solltest du heute auch mal frei nehmen“, schlägt James vor.
„Geht nicht, ich habe einen wichtigen Termin.“
„Dann mach früh Feierabend.“
„Das könnte ich machen.“ Ich nippe am heißen Kaffee und überlege, was ich essen soll. Eigentlich ist mir gar nicht nach Essen. Genau genommen ist mir irgendwie sogar schlecht. Ich werde doch nicht schon wieder schwanger sein?
Ich beschließe, dass ich auf der Heimfahrt einen Test besorgen werde.
Kann es sein? Ich überlege, ob wir zu der infrage kommenden Zeit überhaupt Sex hatten. Mir gelingt es aber nicht, die infrage kommende Zeit genau genug zu bestimmen, also höre ich mit dem Nachdenken auf..
Dann frühstücke ich heute eben nicht.
Als ich mich erhebe, um nach oben zu gehen und mich anzuziehen, fragt James: „Willst du heute nichts essen?“
„Kein Hunger.“
Ich stehe lange vor dem Kleiderschrank. Schließlich entscheide ich mich für ein luftiges, helles Sommerkleid mit Spaghettiträgern, das bis zu den Knien reicht und nach einem transparenten BH verlangt, weißes Höschen und flache Sandalen. So sieht zwar kein Engel aus, aber eine Fiona, die ungewohnterweise wegen der Hitze leidet, die schon.
James zieht eine Augenbraue etwa zwei Millimeter hoch, sagt aber nichts weiter. Er kriegt einen Kuss auf den Mund, Sandra tausende überallhin, dann fahre ich mit meinem Auto ins Büro.
In unser neues Büro. Ich werde wohl noch eine Weile brauchen, mich daran zu gewöhnen, dass wir umgezogen sind. Aus dem alten Wolkenkratzer mitten zwischen anderen Bürogebäuden von Versicherungen, Banken und Anwaltskanzleien auf einen Campus, der nur uns gehört. Den Mittelpunkt bildet ein vollkommen gläsernes Gebäude für die Verwaltung, in dem mein Büro die oberste Etage einnimmt. Trotz meiner Gegenwehr, aber letztlich musste ich mich den Argumenten der Architekten, Monicas und meiner Mitarbeiter geschlagen geben. Die Chefin eines Unternehmens, die den Wert dieses Unternehmens in fünf Jahren mehr als verzehnfacht hat, muss einfach einen repräsentativen Sitz haben. Nicht für die eigenen Leute, sondern für die Partner. Für die Autoren, für die Boygroups, für die Filmproduzenten, für die Regierungen, für alle, mit denen wir Geschäfte machen.
Ich wünschte, ich hätte mich von meinem Vater nicht überreden lassen, die Firma zu übernehmen.
Den Wagen stelle ich direkt neben dem riesigen Haupteingang ab und spaziere auf den Empfang zu. Claire lächelt mir entgegen.
„Hi Fiona. So sommerlich angezogen heute.“
Ich deute nach draußen. „Ist ja auch Sommer.“
„Das stimmt. Man sieht dich trotzdem selten in so einem Kleid.“
„Ich sollte das ändern.“
Claire nickt. „Steht dir gut.“
Monica runzelt die Stirn, als sie mich aus dem ebenfalls gläsernen Aufzug steigen sieht. „Du siehst so luftig aus.“
„Hallo? Erst Claire und jetzt du? Es ist Sommer!“
„Wir haben eine Klimaanlage. Außerdem siehst du halt ungewohnt aus. Kaffee?“
„Ja, stark und schwarz.“
Monica runzelt erneut die Stirn, sagt aber dieses Mal nichts. Ich gehe ins Büro, das nur nach draußen gläsern ist. Mein Laptop ist bereits eingeschaltet. Ich entsperre den Bildschirm und lese die neuen Mails.
Monica stellt den Kaffee auf den Tisch und bemerkt: „Irgendwie siehst du scheiße aus. Bist du krank?“
Ich starre sie an. Sie kann ja nicht wissen, dass es völlig ausgeschlossen ist, dass ich krank bin. Nicht einmal durch eine Schwangerschaft. Aber was zum Teufel ist dann los? Ich fühle mich tatsächlich schlecht. Nicht einmal, als ich mit Sandra schwanger war, habe ich mich so gefühlt.
Es kommt urplötzlich. Ich schaffe es gerade so eben bis zur Toilette, bevor ich loskotze. Da ich schon lange nichts mehr gegessen habe, ist es vor allem grünlicher Schleim, den ich von mir gebe, und ich merke, dass Panik langsam in mir aufsteigt.
Ich. Bin. Eine. Kriegerin. Ich kann nicht krank werden.
Dann ist Monica da und hilft mir, mich aufzurichten. Sie packt mich am Kinn und blickt mir tief in die Augen.
„Du solltest zum Arzt gehen“, sagt sie dann.
„Mir fehlt nichts.“
„Hallo? Du hast grad nur durch einen Raketenstart verhindern können, dass du ins Büro kotzt!“
„Trotzdem …“
Ich gehe zurück ins Büro. Monica bringt mir ein Glas Wasser, das ich brav trinke.
„Soll ich nicht lieber den Arzt anrufen?“
„Welchen Arzt?“, erwidere ich.
Monica stutzt. Wahrscheinlich wird ihr gerade klar, dass ich gar keinen Hausarzt habe. Und dass sie mich noch nie krank erlebt hat.
„Ich suche dir einen“, sagt sie schließlich.
„Lieb von dir, aber es geht schon wieder.“
„Ganz sicher?“
Ich nicke. „Wann habe ich den Termin?“
„In einer halben Stunde. Soll ich ihn ab…“
„… vorbereiten“, unterbreche ich sie und schaffe es sogar, ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern.
„Na gut. Ich bin nicht einverstanden, aber du bist die Chefin.“
Ich blicke ihr lächelnd hinterher, dann klingelt mein Handy. Unbekannte Rufnummer.
„Ja?“
„Hallo Fiona.“
Ich erstarre. Niemals wäre mir, nicht einmal in meinen schlimmsten Albträumen, die Idee gekommen, ich würde diese Stimme jemals aus einem Telefon hören.
„Zanda …“
„Wie schön, du hast mich erkannt.“
„Was willst du?“, flüstere ich.
„Du kommst wohl gerne direkt zur Sache? Das liebe ich so an dir. Nun, kannst du dich erinnern, dass ich dir etwas versprochen habe?“
„Zanda, ich habe dir doch gesagt, dass ich sie nicht getötet habe!“
„Ich weiß, was ich gesehen habe“, erwidert er und plötzlich ist seine Stimme kalt. Sehr kalt. „Und ich will, dass du auch erfährst, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren, den man mehr liebt als alles andere auf der Welt. Heute ist Zahltag.“
Aufgelegt.
Ich starre das Handy an. „Heute ist Zahltag“ … Heute? Jetzt!
Ich wähle hektisch die Nummer von James.
„Hallo, mein Schatz“, meldet er sich, und er klingt fröhlich.
„Seid ihr schon bei meinen Eltern?“
„Nein, während ich mich angezogen habe, hat Sandra die Kaffeemaschine einer gründlichen Ansicht unterzogen. Ich musste erst der Küche eine Grundreinigung zuteil werden lassen. Und als wir dann los wollten, kam der Techniker.“
„Was für ein Techniker?!“
„Wegen des Internetanschlusses. Er sagte, du hättest einen neuen Tarif bestellt und …“
„Ich habe gar nichts bestellt“, flüstere ich und spüre, wie mir kalt wird. Sehr kalt. „Wo ist er jetzt?“
„Unten, im Keller. Hör zu, mein Schatz, er will grad was von mir, ich ruf dich gleich wieder an.“
„Nein, warte, nicht, geh nicht …!“ Zu spät, er hat bereits aufgelegt.
Verdammt! Wenn ich die Polizei anrufe, ist sie niemals rechtzeitig da. Wenn ich selber fahre, genauso wenig. Und wenn ich nicht ganz schnell etwas unternehme, dann …
Ich atme tief durch. Es gibt nur eine Möglichkeit, und im Moment kann und will ich nicht über die Konsequenzen nachdenken.
Ich gehe zum Fenster.

Meine Hand.
Ich bewege einen Finger. Dann einen anderen. Es ist wirklich meine Hand, und sie funktioniert noch.
Doch wo bin ich überhaupt?
Ich liege auf etwas Weichem. Es könnte sogar ein Bett sein. Unter meinem Kopf wahrscheinlich ein Kissen. Es ist warm. Langsam kommt mein Körpergefühl wieder. Ich spüre, dass eine Decke auf mir liegt. Ich selbst liege auf dem Bauch, den Kopf nach links gedreht, sodass meine rechte Wange das Kissen berührt. Es ist meine linke Hand, die ich sehe. Jetzt nehme ich auch den rechten Arm wahr, er liegt leicht verdreht rechts von mir auf dem Bett und unter der Decke.
Ich drehe mich auf die Seite und richte mich halb auf. Es ist dunkel, nur schemenhaft erkenne ich einige Umrisse. Meine erste Vermutung, ich könnte in einem Krankenhaus oder in einer Klinik sein, bestätigt sich nicht. Ein großes Schlafzimmer, sehr luxuriös eingerichtet, mit schweren, massiven Holzmöbeln.
Hier war ich schon mal.
Ich schlage die Decke zurück, stehe auf und gehe zum Fenster, das von der Decke fast bis zum Boden reicht. Dabei wird mir bewusst, dass ich nackt bin.
Rechts vom Fenster befindet sich der Schalter für den Rollladen. Ich betätige ihn kurz, gerade so lange, dass die Lamellen sich drehen und etwas vom Tageslicht reinlassen. Draußen ist es blendend hell, die Augustsonne scheint weit oben zu stehen.
Aber welcher Tag ist heute überhaupt?
Und wieso bin ich hier?
Ich gehe zum riesigen Kleiderschrank. Vermutlich passt mir alles, was sich darin befindet. So ist es auch. Ich streife ein langes T-Shirt über und ziehe einen Schlüpfer an. Dann verlasse ich das Schlafzimmer.
Es ist dasselbe wie vor einem Jahr.
Ich gehe nach rechts den breiten, hellen Gang entlang, bis zur Mitte, dorthin, wo sich die großzügige Treppe mit den ausladenden Stufen befindet. Ich muss nur eine Etage tiefer, um ins immer wieder faszinierende Erdgeschoss zu gelangen.
Ein Geräusch, das ich schon oben gehört habe, wird immer deutlicher. Tischtennis. Jemand spielt Tischtennis, und zwar ziemlich gut. Die Ballwechsel sind schnell, die Bälle hart und schnell geschlagen. Gegen wen mag Katharina da spielen?
Dann wird mir klar, dass Katharina gar nicht spielt. Es sind zwei junge Mädchen in ärmellosen Shirts und kurzen Hosen, barfuß. Das Mädchen mit dem Rücken zu mir dürfte Helena sein, das andere Mädchen, mit blondem Pferdeschwanz, kenne ich nicht.
Als es mich entdeckt, lässt es den Schläger sinken und deutet mit einer Kopfbewegung in meine Richtung. Helena legt ihren Schläger weg und kommt auf mich zu.
„Fiona! Du bist aufgewacht!“
„Ja … Vielleicht.“ Ich fasse an meine Schläfe. „Das alles kommt mir wie ein Traum vor. Wieso bin ich hier? Und wo ist Katharina?“
Helena mustert mich kurz, dann dirigiert sie mich zu einer Sitzgruppe mit Rattanmöbeln. Sanft drückt sie mich auf einen der Stühle und legt meine Füße hoch. In der Zwischenzeit holt die Blondine ein Glas mit Zitronenwasser. Helena nimmt es und drückt es mir in die Hand.
„Trink das, du bist vermutlich ganz ausgetrocknet.“
Ich nippe daran. Es tut wirklich gut. Aber wieso bin ich ganz ausgetrocknet? Was ist überhaupt passiert?
„Was … was ist heute für ein Tag?“
„Samstag. 15. August.“
Ich schließe die Augen. Irgendwas stimmt hier nicht. Grad war es doch noch Mittwoch. Warum bin ich hier? Und wie bin ich hierher gekommen?
„Wie bin ich hierher gekommen?“
Helena kaut auf ihrer Unterlippe herum, bevor sie antwortet: „Mama hat dich geholt.“
„Sie hat mich geholt? Von wo?“
„Aus dem Krankenhaus.“
Ich runzele die Stirn. Ich war im Krankenhaus? Warum? Und wieso erinnere ich mich überhaupt nicht daran, dass ich im Krankenhaus war? Und wie kommt Katharina, ausgerechnet Katharina, eigentlich dazu, mich aus einem Krankenhaus zu holen? Zu sich?
Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht.
„Erinnerst du dich denn gar nicht, was passiert ist?“, fragt Helena leise. Sie hockt immer noch neben mir. Die Blondine steht hinter ihr und beobachtet mich.
„Nein. Wer ist das?“
Helena schaut kurz nach hinten. „Das ist Jody, meine Freundin.“
„Hi Jody.“
„Hi“, erwidert sie. Ihre Stimme klingt angenehm. Kräftig und warm. Freundin? Was für eine Freundin?
„Und Kay?“
Wieder kaut sie auf ihrer Unterlippe herum. Hat sie das bei mir abgeschaut? „Meine Eltern haben sich vor einigen Wochen getrennt. Mein Vater ist ausgezogen.“
Wie? Was? Wieso weiß ich davon nichts?!
„Sie haben sich getrennt?“
Helena nickt. Ihre Augen glänzen verdächtig. Dann ist Katharina ja nicht mehr mit ihrem Mann zusammen und … Mir fällt James ein und ich richte mich auf. Mir wird kalt. Sehr kalt.
„Was … Ich … Ich erinnere mich jetzt, dass ich im Büro war. Und dann war da ein Anruf. Ist Katharina bei James?“
Helena schüttelt langsam den Kopf und flüstert: „James ist tot.“
„Tot? Was ist mit meiner Tochter?“
„Sie ist auch tot. Sie …“ Helena schluckt hörbar, bevor sie fortfährt: „Du bist hingeflogen, aber es war schon zu spät. Das Haus ist explodiert und bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Du bist zusammengebrochen. Deine Eltern waren auch da. Dann wurdest du in das Krankenhaus gebracht und mit Beruhigungsmitteln vollgespritzt. Es tut mir leid.“
Ich starre sie an.
„Ich konnte sie nicht retten?“
„Niemand hätte das gekonnt. Das Haus ist explodiert, bevor du da warst. Die Explosion war so stark, dass alles, was sich im Haus befand, verglüht ist.“
Ich wende den Blick ab und starre nach draußen. Das war vor drei Tagen.
„Mama hat es im Internet gehört, wenige Minuten nach der Explosion. Sie ist sofort losgefahren und ist dem Krankenwagen begegnet, der dich abgeholt hat. Sie fuhr hinterher. In der Nacht hat sie dich rausgeholt und hergebracht. Seitdem hast du durchgeschlafen.“ Sie atmet tief durch. „Bis heute Mittag war sie die ganze Zeit bei dir, aber dann musste sie weg. Ein Termin, den sie schon verschoben hatte und nicht noch einmal verschieben konnte. Aber sie ist bald wieder hier.“
„Warum hat sie das getan?“
„Sie war der Meinung, dass es nicht gut wäre, wenn sie dich im Krankenhaus dabehalten. Nicht für das Krankenhaus und nicht für dich.“
Ich nicke langsam. „Ja, das stimmt.“ Ich ziehe meine Beine an und beginne zu schaukeln. „Was ist mit meinen Eltern?“
„Das weiß ich nicht. Vielleicht hat Mama ihnen Bescheid gesagt.“
Ja, vielleicht. Ich starre wieder nach draußen. Es ist ein wirklich schöner Sommertag. Ich kann den Pool sehen. Eigentlich müssten wir jetzt am Pool sein, bei meinen Eltern. James, Sandra, Danny und ich. Unsere kleine Familie. An einem herrlichen Sommertag, an einem Wochenende, die kleine Sandra bei Oma und Opa. Wie so oft schon.
Aber wir sind es nicht. Sie sind nirgendwo. Nur noch ich bin.
Plötzlich weiß ich, was ich zu tun habe. Ich springe auf und gehe auf die Treppe zu. Doch dann stellt sich mir Helena in den Weg.
„Wo willst du hin?“
„Ich werde Zanda töten“, erwidere ich ruhig.
„Mama wusste, dass du das sagen würdest. Sie hat gesagt, wir sollen es verhindern.“ Jetzt steht auch Jody zwischen der Treppe und mir.
Ich starre die beiden an, versuche, an ihnen vorbei zu kommen, aber sie sind schnell. Beide sind schnell. Jody ist keine Kriegerin, das würde ich spüren, aber sie ist auch kein gewöhnlicher Mensch.
„Lasst mich vorbei. Ich will euch nicht wehtun.“
„Das geht nicht. Wenn du vorbei willst, musst du uns wehtun. Aber das solltest du nicht tun. Ich meine, ich kann verstehen, dass du das tun willst. Aber du solltest es nicht jetzt, nicht in diesem Zustand tun.“
„Was redest du da? Ich werde Zanda töten. Jetzt.“
Ich mache einen Schritt vorwärts und das Nächste, was ich wieder bewusst wahrnehme, ist, dass ich auf dem Boden kauere und die beiden Mädchen mich in den Armen halten. Ich spüre, dass mein Gesicht nass ist. Mein Atem geht rasselnd, ich schnappe förmlich nach Luft.
Mir wird klar, dass ich einen Blackout hatte, dass ich zusammengebrochen bin. Die Wucht des Schmerzes, als mir mit völliger Klarheit bewusst wurde, was geschehen ist, hat mich von den Füßen gerissen. Wortwörtlich.
Ich sehe Helena und Jody an, die mich festhalten. Sie haben auch geweint, das sehe ich an ihren Gesichtern, während ich verzweifelt um Luft kämpfe.
Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich nicht mehr das Gefühl habe, gleich ersticken zu müssen. Jody springt auf und holt mir mein Wasser. Ich trinke das Glas gierig leer.
„Wie … wie lange war ich weg?“
„Weiß nicht. Vielleicht zehn Minuten. Wir haben ganz schön Angst bekommen.“
„Es tut mir leid.“ Ich senke den Blick. „Es ist alles meine Schuld.“
„Was ist deine Schuld? Ich verstehe nicht.“
Ich sehe Helena an. „Alles ist meine Schuld. Dass Sandra tot ist, und James, und Danny. Sie sind alle meinetwegen gestorben. Es ist meine Schuld.“
„Das ist doch nicht deine Schuld!“
„Doch.“ Ich schließe die Augen. „Weil ich Anne Maries Avancen nicht zurückgewiesen habe. Weil ich zugelassen habe, dass sie sich an mich klammert. Deswegen sind wir noch einmal zurückgegangen, deswegen haben wir die Kette geholt, deswegen sind wir den Vampiren begegnet, deswegen ist Anne Marie gestorben.“ Ich öffne die Augen wieder und starre Helena an.
„Und was hat das mit … mit dem Tod von …“
„Zanda hat sich gerächt. Er glaubt, dass ich Anne Marie getötet habe. Dabei hätte ich alles getan, um sie zu beschützen. Aber ich habe versagt. Sie ist tot und nun auch Sandra. Und James.“
Helena will was sagen, doch dann schließt sie den Mund wieder. Hinter ihr erklingen Schritte und dann kommt Katharina um die Treppe herum und bleibt wie angewurzelt stehen.
Sie trägt einen eleganten Sommeranzug und sieht unglaublich schön aus. Nur die dunkle Sonnenbrille stört dabei etwas. Als sie diese jetzt abnimmt, sehe ich die rot geränderten Augen.
Ich glaube, sie hat mehr geweint als ich.

Ich beobachte Katharina. Sie sitzt mir gegenüber in einem der Rattanstühle, quer, die Beine lässig über die Lehne gelegt. Sie ist barfuß und trägt eine weiße Leinenhose, dazu passend die Bluse. Ihre Fußnägel sind rot lackiert. Die Jacke hat sie ausgezogen und über die Rückenlehne eines anderen Stuhls gehängt.
Ich sitze wieder, wo ich vorhin schon saß, und umarme die angezogenen Beine. Und konzentriere mich darauf, nicht zu schaukeln.
Auf dem Tisch vor mir steht ein Glas, diesmal mit Caipi darin. Helena hat ihn gemacht, bevor sie mit Jody nach draußen ging. Sie liegen jetzt in der Sonne, oben ohne.
Ich angele mir das Glas vom Tisch, ohne meine Beine loszulassen. Katharina sieht zu mir herüber. Sie hat auch ein Glas, der Farbe nach zu urteilen ist Whisky darin. Pur.
„Was ist geschehen?“, erkundige ich mich.
Katharinas sonst hellblaue Augen verdunkeln sich, nur für einen kurzen Augenblick. Dann nimmt sie einen Schluck von ihrem Drink und antwortet: „Ich war im Büro und las E-Mails, als in den Nachrichten die Explosion erwähnt wurde. Sie waren schnell, kaum mehr als fünf Minuten waren vergangen. Ich wusste sofort, welches Haus gemeint ist. Ich setzte mich ins Auto und fuhr los. Kurz bevor ich dort war, kam mir ein Krankenwagen entgegen. Ich spürte darin deine Anwesenheit und auch, dass du nicht bei Sinnen warst. Also wendete ich und fuhr hinterher. Im Krankenhaus haben sie versucht, dich ruhigzustellen und haben dafür so viel Barbiturate genommen, dass es für einen Elefanten gereicht hätte.“
„Barbiturate?“
Sie zuckt die Achseln. „Ich glaube, sie haben es erst mit anderen Mitteln versucht, damit hatten sie aber überhaupt keinen Erfolg. Sie konnten ja nicht wissen, dass dein Kriegerkörper das Zeug praktisch sofort wieder abbaut, vor allem, wenn er mit Adrenalin geflutet ist. Jedenfalls, irgendwann haben sie es geschafft, dich zu beruhigen. Wenn ich es mir so überlege, ist es fast ein Wunder, dass niemand zu Schaden gekommen ist.“
„Vielleicht habe ich einen Schutzmechanismus eingebaut.“
„Mag sein. Mir war klar, dass du nicht im Krankenhaus bleiben kannst. Erstens hätten sie dich eh nicht behandeln können und zweitens durften die nicht merken, dass du kein gewöhnlicher Mensch bist. Deine Resistenz gegen Beruhigungsmittel haben sie hoffentlich auf das Adrenalin geschoben.“
„Und was hast du getan?“
„Gewartet, bis alles ruhig war. Es war schon lange dunkel draußen. Dann habe ich dich geholt.“
„Mich geholt? Du hast mich rausgetragen?“
Sie schüttelt den Kopf. „Das war mein erster Plan, aber es wäre zu auffällig gewesen. Zum Glück warst du bereit mitzugehen.“
„Ich war wach?“
„Nun, inzwischen glaube ich das nicht mehr, da du dich offensichtlich überhaupt an nichts davon erinnern kannst. Aber ja, du hattest die Augen offen und hast brav getan, was ich dir gesagt habe. Wir sind hierher gefahren, ich habe dich ins Zimmer gebracht, dich ausgezogen und du hattest den Kopf noch nicht auf dem Kopfkissen und warst schon am Schlafen. Bis vorhin. Und das lag ganz sicher nicht an den Barbituraten.“
„Nein, ganz sicher nicht. Weiß denn jemand außer euch, dass ich hier bin?“
Sie schüttelt erneut den Kopf und nimmt einen Schluck von ihrem Drink. „Ich habe mit deinem Handy eine SMS an deine Mutter geschickt, gestern, als mir klar wurde, dass es länger dauern könnte, dass du in Sicherheit bist und dich meldest.“
Ich halte mein Glas zwischen den Knien und drücke die Stirn dagegen. Die Kälte tut gut.
„Ich … ich kann das nicht.“
„Was?“
„Meine Mutter anrufen. Nicht jetzt.“
„Dann ruf sie später an. Ist jetzt auch egal.“
„Eigentlich nicht. Ich rufe sie vielleicht wirklich später an. Oder morgen.“ Ich hebe den Kopf und starre Katharina an. „Ich sollte gehen.“
„Wohin? Und warum?“
Ihre hellblauen Augen mustern mich mit einem undefinierbaren Ausdruck. Dann wird mir klar, dass ich Angst sehe. Sie hat Angst, dass ich eine Antwort auf ihre Fragen habe.
Habe ich auch. Zumindest auf die erste. Bei der zweiten bin ich mir nicht so sicher.
„Ihr habt euch getrennt?“
Sie braucht einen Moment, um meinen plötzlichen Themenwechsel zu verdauen. Dann nickt sie. „Ja, schon vor einigen Wochen. Oder Monaten. Wir … wir haben uns entliebt. Und haben eingesehen, dass es keinen Sinn hat, krampfhaft die heile Familie spielen zu wollen. Und dass es besser ist, wir trennen uns, solange es noch friedlich geht. Kay ist nach London gezogen, hat dort eine schöne Wohnung, die ich bezahle. Auch seinen Lebensunterhalt, zumindest bis er es selbst kann.“
„Hat er einen Job?“
„Er macht eine Detektei auf. Nach London wollte er sowieso schon immer.“
Den Zusammenhang verstehe ich zwar nicht, aber es spielt auch keine Rolle, glaube ich.
„Bei seinen Fähigkeiten und Kontakten ist eine Detektei wahrscheinlich genau das Richtige.“
„Ich denke auch. Wie gesagt, wir sind noch Freunde. Mehr nicht.“
„Ist schon irgendwie seltsam, oder? Ich meine, das Schicksal ist ein so richtig fieser Hund. Du trennst dich von deinem Mann und ich kurz darauf …“ Auch, wollte ich noch sagen, aber das klappt nicht mehr. Ich merke noch, wie Katharina mit übermenschlicher Geschwindigkeit zu mir springt und das Glas mit dem Caipi auffängt, dann habe ich wohl den nächsten Aussetzer.
Als ich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen kann, kniet Katharina neben mir und hält meinen Kopf an sich gedrückt. Ich befreie mich und versuche, die Tränen abzuwischen, was bei der Menge schier aussichtslos zu sein scheint. Katharina reicht mir ein Taschentuch, damit habe ich mehr Erfolg.
Ich schnäuze mich, dann knülle ich das Taschentuch zusammen und sage schniefend: „Wie soll das funktionieren? Ich meine, vor drei Tagen ist mein Mann gestorben. Wir … wir sind beide frei, aber das geht doch nicht.“
Katharina sieht mich ernst an. „Fiona, ich habe nicht aufgehört, dich zu lieben. Und du kannst mir glauben, ich habe so ziemlich alles versucht, um dich zu vergessen. Vier Jahre lang. Meine Ehe ist nicht zuletzt auch daran kaputt gegangen. Ich war schließlich vor einem Jahr so weit, dass ich gesagt habe, es ist mir egal. Und dann fiel mir das mit Michael ein und ich war froh, doch noch eine Ausrede zu haben. Es hat nur überhaupt nichts gebracht. Ich habe mich nicht von Kay getrennt, um für dich frei zu sein. Wie hätte ich auch ahnen können, was geschehen wird? Und du kannst mir auch glauben, ich würde alles tun, um es wieder ungeschehen zu machen. Aber das kann ich nicht, egal wie viel Macht ich habe.“ Sie atmet tief durch. „Mir ist klar, wie du dich fühlst und erwarte auch gar nicht, dass du etwas tust, was du gar nicht willst. Das verstehe ich, sehr gut sogar. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dich liebe und dass ich warten kann. Tage, Wochen, Monate, Jahre. Das ist mir egal. Ich werde solange warten, wie es eben dauert.“
Was für eine perverse Situation. Da kniet sie neben mir, die Frau, nach der ich mich vier Jahre lang so verzehrt habe, und jetzt, wo ich sie haben könnte, ist es vollkommen unmöglich.
Warum eigentlich?
Weil vor drei Tagen erst James gestorben ist. Und Sandra. Und du so voller Schmerz bist, dass du dich gar nicht auf eine neue Beziehung einlassen kannst. Nicht jetzt.
Ich sehe Katharina an. Sie erwidert meinen Blick. Ihre Augen glänzen und langsam läuft eine Träne aus dem Außenwinkel ihres linken Auges. Sie rinnt an ihrer Wange hinab, an den Lippen vorbei, verharrt kurz an ihrem Kinn und fällt dann wie in Zeitlupe hinunter.
Ihre Lippen erzittern kaum merklich.
Sie hat sehr schöne Lippen. Sie erinnern ein wenig an die Lippen von Brigitte Bardot. Vielleicht nicht ganz so voll. Mir fällt ein, was sie mit diesen Lippen alles anstellen kann. Wie ihre Berührung sich anfühlt …
Fiona! Denk an James!
Ich denke an ihn. James war durch und durch pragmatisch. Würde er wollen, dass ich mich in Selbstmitleid zerfleische?
Es geht nicht um Selbstmitleid!
Wirklich nicht? Um was geht es dann? Wer sollte denn ernsthaft was dagegen haben?
Die Leute …
Die Leute? Das sagst du, Fiona Flame, der es sonst völlig am Arsch vorbei geht, was die Leute denken? Weißt du, was ich glaube?
Was denn?
Du hast einfach nur Angst. Vier Jahre lang hast du dir nichts sehnlicher gewünscht. Du hast es dir vorgestellt, immer wieder, wie es sein würde, sie wieder zu küssen, sie wieder in den Armen zu halten. Du hast es dir so sehr gewünscht und vorgestellt, dass du Angst davor hast, du könntest schon wieder enttäuscht werden.
Ja, kann schon sein, dass ich Angst habe. Ist sie denn unberechtigt? Was, wenn sie die Nächste ist?
Dann solltest du erst recht nicht warten.
Katharina legt den Kopf schief. „Was ist passiert?“
Ich schließe die Augen. Ich werde es bereuen. Und wie ich es bereuen werde.
Aber es ist mir scheißegal.
Ich werfe mich ihr so heftig an den Hals, dass ich vom Stuhl falle und sie umschmeiße. Wir landen beide auf dem Boden, sie unter mir. Ich presse den Mund auf ihre Lippen und suche ihre Zunge, die mir bereitwillig entgegen kommt.
Schließlich löse ich mich keuchend von ihr und spüre ihre Hände auf meinem Po.
„Wir sollten nach oben gehen. Trägst du mich hoch?“
„Ja, ich trage dich hoch“, erwidert sie halb lachend und halb weinend und richtet sich auf. Ich schlinge die Beine um ihre Hüften und verschränke die Hände hinter ihrem Nacken. Die Lippen auf meinen Mund gepresst, tastet sie sich die Stufen hoch, in das Zimmer, in dem ich vorhin aufgewacht bin.

Die süße Schwere, die so typisch ist nach einem heftigen Orgasmus, legt sich langsam auf uns. Katharinas Kopf liegt auf meinem linken Arm, ihr rechter Arm auf meinem Bauch und ihre rechte Hand locker zwischen meinen Oberschenkeln.
„Bereust du es?“, fragt sie plötzlich.
Ich drehe ihr meinen Kopf zu. Sie erwidert meinen Blick fragend.
Bereue ich es? Es ist erst wenige Stunden her, dass sie mir gestanden hat, wie sehr sie mich liebt, wenige Stunden, dass ich mich gegen jede Vernunft für sie entschieden habe. Gestern Nachmittag haben wir uns leidenschaftlich geliebt, gestern Abend haben wir uns leidenschaftlich geliebt und heute Morgen, jetzt gerade. Dazwischen haben wir gegessen, zwei Filme angesehen und geschlafen.
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Musstest du so lange darüber nachdenken?“
„Nein. Nicht darüber. Oder besser gesagt, nicht nachdenken. Ich habe mich erinnert, wie ich mich gefühlt habe, seitdem du mich hochgetragen hast. Aber da war keine einzige Sekunde des Bedauerns. Ich liebe dich.“
Für einen Moment wird sie ganz starr. Dann dreht sie sich auf die Seite und vergräbt ihr Gesicht in meiner Halsbeuge. Innerhalb von Sekunden wird meine Schulter nass. Ich küsse ihre Schläfe und streichele ihren Rücken, ohne etwas zu sagen. Es sind einfach keine Worte nötig.
Schließlich hebt sie den Kopf und sieht mich an. Ihr Gesicht ist von einem Tränenschleier bedeckt. Irgendwie schon fast lustig, wie wir die Rollen getauscht haben.
„Entschuldige“, sagt sie schniefend.
„Wofür?“
„Na ja …“ Sie berührt meinen Hals. „Ich habe dich nass gemacht.“
„Das stimmt allerdings.“
„Was?“ Sie scheint sich schon wieder nicht entscheiden zu können, ob sie lachen oder weinen soll. „Du wirst nass, wenn ich weine?“
„Am Hals auf jeden Fall.“
Sie legt eine Hand zwischen meine Schenkel und ihre Augen weiten sich. „Das ist ja unglaublich!“
„Ich glaube, das kommt nicht von deinem Weinen“, murmele ich.
„Sondern?“
„Ist das jetzt wichtig?“
Sie schüttelt den Kopf. „Nicht wirklich. Ich schätze, ich muss jetzt was dafür tun, dass du wieder trocken wirst. Wenn ich dich schon so nass mache …“
Das sehe ich genauso. Ganz schafft sie es zwar nicht, aber irgendwann entschwinde ich aus dieser Welt und kehre erst viel später und nur zögerlich wieder. Katharina liegt mit erhobenem Kopf auf mir und beobachtet mich.
„Was hast du gesehen?“
„Eigentlich nichts Besonderes. Dein Gesicht war völlig entspannt. Du hast irgendwann sogar gelächelt.“
„Das müssen wir im Kalender rot markieren!“
„Okay. Ich schreibe nachher rein: ‚Hat nach supergeilem Orgasmus selig gelächelt.’“
„Wehe!“
Sie grinst und wird plötzlich ernst. „Fiona, du musst jetzt wirklich deine Eltern anrufen.“
Ich ziehe eine Schnute. „Musst du den Moment kaputt machen?“
„Der Moment ist schon vorbei.“
Das stimmt auch wieder. Seufzend strecke ich mich nach dem Handy, das auf dem Nachttisch liegt. Auf die nächsten Minuten freue ich mich nicht einmal ansatzweise.
Die Stimme meiner Mutter klingt schwach, als sie sich meldet: „Ja …?“
„Hallo, Mama. Ich bin es.“
„Oh Gott sei dank! Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Und als diese SMS kam, haben wir gedacht, du wärst entführt worden!“
„Von wem sollte ich entführt worden sein?“
„Was weiß ich! Du warst doch gar nicht du selbst! Die Ärzte haben gesagt, sie hätten so was noch nie erlebt. Sie haben so viel Schlafmittel in dich reinpumpen müssen, dass sie schon Angst hatten. Aber es ging nicht anders.“
„Mein Körper betrachtet das Zeug als Gift und baut es sofort wieder ab. Mir geht es gut. Na ja, den Umständen entsprechend.“
„Aber wo um Himmels willen bist du überhaupt?“
„Bei Katharina.“
„Bei Katharina?“
Ich seufze und suche Katharinas Blick. Sie lächelt mich aufmunternd an.
„Hör zu, Mama, Katharina wusste, dass es nicht gut für mich im Krankenhaus ist und hat mich rausgeholt. Eigentlich war es nicht geplant, euch nicht Bescheid zu geben, aber ich habe einfach ein paar Tage geschlafen. Auch ohne das Zeug. Deswegen hat sie euch irgendwann die SMS geschickt, damit ihr wenigstens ein Lebenszeichen von mir habt.“
„Das verstehe ich nicht. Wieso hat sie dich nicht zu uns gebracht?“
„Weil ich dort zu nah am Geschehen gewesen wäre, Mama. In jeder Hinsicht.“
„Es ist so furchtbar“, sagt sie schniefend. „Niemand weiß, was passiert ist, zumindest will uns niemand was sagen. Nicht einmal Ben oder Jack. Ich habe sogar versucht, diesen Vampir zu erreichen, aber er ist unauffindbar.“
„Mama, ich glaube, sie wissen wirklich nichts. Woher auch. Und ich möchte nicht am Telefon darüber reden.“
„Aber wie dann? Sollen wir zu euch kommen?“
Ich denke kurz nach, dann erwidere ich: „Nein. Wir kommen zu euch.“
„Wann?“
„Heute. In zwei, drei Stunden.“
„In Ordnung. Wir … wir sind so entsetzt.“
„Das bin ich auch, Mama“, sage ich leise. „Bis nachher.“
Ich beende die Verbindung und starre Katharina an. „Ich habe dich gar nicht gefragt, ob du überhaupt mitkommen …“
„Natürlich.“
Ich liebe sie dafür, wie sie alles in dieses eine Wort legt. Alles, was unsere Beziehung ausmacht. Was ich schon einmal gespürt habe, als sie in der Verborgenen Welt bedingungslos zu mir gehalten hat, selbst als ich dort bleiben wollte und sie genau wusste, was das mit ihrem physischen Körper macht. Da ist nicht der Hauch eines Zweifels.
Ich atme tief durch. „Wir sollten duschen und uns dann auf den Weg machen. Das wird hart.“
Sie sagt nichts, aber das braucht sie auch nicht. Ihr Gesichtsausdruck ist deutlich genug.

„Was soll ich anziehen?“
„Nun ja. Das ist eine wirklich schwierige Frage.“ Katharina öffnet die Türen des riesigen Kleiderschranks. „Sieht so aus, als hättest du jede Menge Auswahl.“
„Ziehst du mich an?“
Sie mustert mich und ich beiße unwillkürlich auf meine Unterlippe. Grinsend schüttelt sie den Kopf, dann beginnt sie, verschiedene Kleidungsstücke aus dem Schrank zu räumen. Ihr nackter Körper glänzt, ihre noch nassen Haare schmiegen sich an die Konturen ihres Kopfes an. Am liebsten würde ich weinen.
Da kommt es mir ganz recht, dass Katharina offensichtlich unter geistiger Verwirrung leidet.
„Was willst du mit zwei Slips? Und zwei Blusen? Und…?“
„Soll ich denn nackt gehen?“
„Ähm …“
Sie lacht auf. „Ich deute das mal als Zeichen der Verwirrung, nicht als Zustimmung. Jedenfalls dürften deine Sachen auch mir passen.“
„Nicht alles.“
Sie hält einen Sport-BH hoch. „Der schon. Dann werde ich dich wenigstens nicht so verwirren.“
„Dafür reicht es nicht, dir den Busen abzuquetschen.“
Sie sagt nichts mehr, sondern beginnt tatsächlich, mich anzuziehen. Scheiße, fühlt sich das blöd an! Sie geht vor mir in die Hocke, hebt erst ein Bein hoch und zieht den Schlüpfer über den Fuß, dann das andere. Danach geht es weiter mit meinem BH, einer schwarzen Bluse und schwarzer Leinenhose. Und schließlich bekomme ich noch Slipper auf die Füße gezogen.
„Fertig“, sagt sie und erhebt sich. „Jetzt bist du dran.“
Schweigend mache ich mich an die Arbeit. Sie erfordert ernsthafte Konzentration, spätestens als ich den Schlüpfer hochziehe und dabei für einen Moment ihre nackte, absolut glatt rasierte Muschi vor Augen und Nase habe. Ich schlucke, dann mache ich weiter. Dabei sehe ich, dass sie unverschämt grinst. Klar, sie hat ja dasselbe schon hinter sich. Nach ein paar Sekunden ist sie auch eingekleidet.
Ich gebe ihr einen Kuss auf den Mund, dann hole ich mein Handy und sehe sie fragend an.
Sie erwidert den Blick nachdenklich.
„Was?“
Statt einer Antwort geht sie zu einem anderen Schrank und holt mehrere Taschentücher hervor, die sie einsteckt.
„Gehen wir“, sagt sie dann.
Mir wird plötzlich bewusst, was mir bevorsteht, und ich würde am liebsten wieder umdrehen, ins Bett gehen, die Decke über den Kopf ziehen und ein paar Wochen schlafen.
Unten treffen wir Helena und Jody an. Sie sind im Pool und knutschen herum. Anscheinend haben sie weniger Hemmungen als wir. Sie sind ja auch deutlich jünger.
Fiona!
Schon gut. Ist doch so.
Ich winke den beiden zu, nachdem Katharina ihnen erklärt hat, wohin wir wollen und dass es spät werden kann.
„Wir kommen zurecht“, erwidert Helena. „Und viel Kraft!“
„Danke.“
Wir gehen in die riesige unterirdische Garage.
„Hast du einen besonderen Wunsch?“
„M3, Cabrio.“
Sie starrt mich an, schließlich nickt sie. „Das kam ja spontan. Wenn du BMW liebst, wieso fährst du dann so einen ollen Kombi?“
„Oller Kombi? So viel langsamer ist der gar nicht!“
„Sieht aber scheiße aus.“ Sie deutet auf ein weißes Cabrio. „Willst du fahren?“
Statt einer Antwort springe ich auf den Fahrersitz. Katharina steigt etwas lässiger auf der anderen Seite ein.
„Wo ist der Schlüssel?“
„Versuch es doch mit dem Knopf da.“
„Trotzdem muss der Schlüssel doch im Auto sein!“
Katharina öffnet das Handschuhfach und holt den Schlüssel hervor. „Zufrieden?“
Ich nicke und starte den Motor. Es ist eine Ewigkeit her, dass ich zuletzt einen BMW fuhr. Ich muss an meinen 3er denken, den ich damals geschrottet hatte, als der Motorradkiller hinter mir her war. Ganz so heiß wie dieser hier war der zwar nicht, aber auch nicht gerade eine lahme Krücke.
Ich fahre den Wagen zivilisiert nach draußen und gebe erst Gas, als wir auf der langen Geraden sind, die zum Tor führt. Die fünf Kilometer haben wir in wenig mehr als einer Minute geschafft. Dann muss ich allerdings abbremsen, denn das Tor öffnet sich erst, als wir davor stehen.
„Geht das nicht auch etwas komfortabler?“, erkundige ich mich, während ich den Wagen in die Schleuse fahre.
„Ich habe viele Feinde.“
Ein schlagendes Argument.
Draußen gebe ich wieder Gas. Ich fahre die Strecke nicht zum ersten Mal und weiß, wo die Blitzer stehen. Ich will Jacks Protektion nicht überstrapazieren, außerdem erwarten sie mich nicht in einem weißen Cabrio.
Dann biegen wir auf die King Valley ein. Die ersten fünf Grundstücke ziehen an uns vorbei und ich kann bereits die offene Einfahrt meiner Eltern sehen. Daneben die 13, wo wir gewohnt haben. Diese Einfahrt ist mit einem rotweißen Plastikstreifen abgesperrt.
Ich fahre langsamer, bis neben den Plastikstreifen, und starre geradeaus. In diesem Moment weiß ich nicht, ob ich den Anblick ertragen kann.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Katharina mich beobachtet. „Wir können auch später wiederkommen“, sagt sie leise.
Ich schüttele den Kopf und beiße auf meine Unterlippe. Dann sehe ich sie an. An ihr vorbei erkenne ich unscharf die Reste vom Haus, soweit sie von dieser Position aus überhaupt zu sehen sind.
Die ersten Tränen sind draußen.
Schließlich wende ich mich ab und steige aus. Wie in Trance gehe ich um das Auto herum, klettere über die Absperrung und betrete das Grundstück.
Das ausgebrannte Wrack vom Jaguar steht an seinem gewohnten Platz. Nur das Haus ist nicht mehr wirklich da. Ein paar Grundmauern stehen noch, der Rest ist weg. Einfach weg. Und da sind Spuren. Spuren der Feuerwehr, der Polizei und wahrscheinlich auch atomisierte Spuren von James. Und Sandra. Und Danny. Der Rasen zertrampelt, verkohlt.
Ich erinnere mich wieder. Mein Flug vom Büro hierher hat nicht lange gedauert, ich wusste ja, wo ich hin musste. Schon von oben sah ich das Feuer und mir war klar, dass niemand darin am Leben sein konnte. Die Explosion hatte das Haus förmlich weggesprengt und in einem normalen Viertel, wo die Nachbarhäuser viel näher zusammen stehen, hätten diese auch Schaden genommen. Selbst so sind einige Scheiben zersplittert, bei meinen Eltern, und vermutlich auch auf der anderen Seite. Meine Mutter hatte das gesagt, als sie kurz nach mir angekommen waren, vollkommen entsetzt. Sie sagte, dass sie einen Knall gehört haben, dann die zerberstenden Scheiben und dass sie zuerst an ein Attentat gedacht haben.
Es war ja auch ein Attentat.
Katharina tritt neben mich und reicht mir stumm ein Taschentuch. Ich wische mein Gesicht ab und frage mich unwillkürlich, für wie lange die Tränenvorräte wohl reichen werden.
Und ich bin erstaunt über mich. Ich bin trotz der Tränen sehr ruhig. Viel zu ruhig.
Dann höre ich die Schritte und blicke zur Einfahrt. Meine Eltern stehen da, unschlüssig. Als ich nicht reagiere, kommen sie schließlich langsam näher. Ich starre meine Mutter an, dann nehme ich sie schweigend in die Arme. Ich spüre, wie ihre Versteifung sich löst und ansatzlos in heftiges Weinen übergeht.
Verdammte Scheiße.
Ich habe keine Ahnung, wie lange wir so da stehen, beide weinend. Sie ist es, die irgendwann den Kopf hebt und mich ansieht. Katharina reicht uns Taschentücher. Meine Mutter wischt erst mein Gesicht ab, dann ihr eigenes und schnäuzt sich anschließend.
„Wir sollten jetzt vielleicht hineingehen“, schlägt mein Vater vor.
„Das ist eine gute Idee“, sagt Katharina schnell.
Ich zwinge mich, keinen letzten Blick auf die Überreste des Hauses zu werfen und gehe voran. Während meine Eltern mir folgen, springt Katharina in den Wagen und fährt ihn auf den Hof. Mein Vater mustert ihn kurz, sagt aber nichts.
Der Tisch auf der Terrasse ist gedeckt. Von dort kommt uns Nicholas entgegen. Ich umarme ihn stumm, er sagt ebenfalls nichts. Was sollte er auch sagen?
„Wo ist eigentlich meine Mutter?“, erkundige ich mich, weil mir plötzlich bewusst wird, dass sie nicht mit uns gekommen ist.
„Sie kommt gleich nach“, erwidert mein Vater. „Setzt euch schon mal. Möchtet ihr was trinken?“
Katharina wirft mir einen Blick zu, dann nimmt sie Platz. Ich setze mich neben ihr. Die Anspannung, die mein Vater plötzlich ausstrahlt, gefällt mir nicht, aber ich kann die Situation nicht so richtig einordnen. Meine Intuition sagt mir, dass keine Gefahr vorhanden ist. Aber etwas stimmt trotzdem nicht.
„Da Fiona noch nachdenkt, gebe ich meine Bestellung ab. Ich hätte gern einen Whisky.“
„Pur? On the rocks? Als Cocktail?“
„Oh, wenn du es schon anbietest: Ich nehme einen Scotch Sour.“
„Kein Problem. Du, Fiona?“
Ich starre Katharina an, dann wende ich mich meinem Vater zu. „Äh … Ach so, trinken. Ich nehme einen Wodka Martini.“
„Soll ich mich darum kümmern?“, erkundigt sich Nicholas.
Ich sehe meinem Vater an, dass er verneinen will, aber bevor er das tun kann, kommt meine Mutter, von wo auch immer. Sie nickt.
„Was trinkst du, Barbara?“
„Oh, trinken ist eine gute Idee. Ich nehme einen Rotwein.“
„Und Sie, Mr. Carter?“
„Ich nehme auch einen Sour. Danke, Nicholas.“
Die beiden setzen sich und in der entstehenden Stille wäre das Pupsen einer Fliege wie eine Explosion. Zumindest für kurze Zeit, denn kurz darauf beginnt Nicholas mit der Zubereitung der Drinks und unterbricht damit die Todesstille.
Meine Mutter rückt ihr Besteck zurecht, obwohl es perfekt ausgerichtet war. Sie ist nervös. Sie hat etwas getan, wovon sie weiß, dass ich nicht begeistert wäre, wenn ich wüsste, was sie getan hat.
„Ich höre“, sage ich.
„Was denn, Kind?“
Für einen kurzen, aber äußerst intensiven Moment habe ich das extreme Bedürfnis, einfach loszuschreien. Ich schaffe es kaum, mich zu beherrschen. Aber ich schaffe es.
„Mama, ich möchte jetzt sofort wissen, warum ihr so nervös seid. Und komm mir bitte nicht mit irgendwelchen Ausreden. Ich bin nicht blöd.“
Ihre Augen flattern kurz. Sie wirft ihrem Mann einen Blick zu, dann antwortet sie: „Ich habe Jack angerufen. Und Nilsson. Sie kommen zum Abendessen hierher.“
„Zum Abendessen? Es ist doch gerade mal Mittag!“
„Sie sind unterwegs. Aber Ben könnte …“
„Halt, stopp! Was soll überhaupt diese Heimlichtuerei?“
„Ich … ich dachte, dass es dir vielleicht nicht gefallen wird.“
Ich atme tief durch. „Damit hast du recht, aber hast du geglaubt, ich schlage dir den Kopf ab?“
„Fiona!“ Katharina und mein Vater sind absolut synchron. Ich fange an zu lachen und kann kaum aufhören. Erst als Nicholas mit den Drinks kommt habe ich mich einigermaßen wieder beruhigt.
„Entschuldigt bitte“, sage ich keuchend den vorwurfsvoll Dreinblickenden. „Das war einfach zu komisch, wie Katharina und Papa spontan völlig zeitgleich meinen Namen gerufen haben. Ich habe doch nur gefragt, ob Mama das geglaubt hat. Denn ihr wart so nervös, dass ich glauben muss, ihr traut mir die allergrößten Schweinereien zu.“
„Nun, das vielleicht nicht“, erwidert meine Mutter. „Aber du musst zugeben, die letzten Tage waren ziemlich seltsam.“
Ich werde augenblicklich ernst. „Ja, das ist wahr. Also gut, reden wir nicht mehr darüber. Das heißt, werden die beiden dem Rest der Truppe Bescheid geben?“
Meine Mutter nickt.
„Na schön.“ Ich nehme den Wodka Martini und stelle fest, dass Nicholas keine Olive hineingetan hat. Dafür ist das Glas und nur das Glas schön kalt. Woher kann er das?
Egal.
„Ich verzichte heute mal auf den Trinkspruch“, fahre ich fort und trinke die Hälfte des Glases leer.
Der Moment der Wahrheit rückt immer näher. Ich sehe Katharina an. Wir haben gar nicht darüber gesprochen, wie wir uns verhalten wollen. Doch für mich steht sowieso fest, dass ich keine Versteckspielchen spielen werde. Und wenn sie das nicht verkraftet, dann …
Ich atme mal wieder tief durch.
„Kind, was ist los? Ist dir schlecht?“
„Nein. Das heißt, irgendwie schon, aber dagegen hilft nicht einmal frische Luft.“ Wie erwartet, reiße ich mit dem Witz niemanden vom Hocker. „Ich vermute mal, ihr hättet jetzt gerne ein paar Erklärungen.“
„Das wäre angebracht“, bestätigt mein Vater.
Ich trinke schnell den Rest meines Drinks auch noch, bevor ich anfange.
„Ich erhielt am Mittwoch, kaum dass ich um Büro war, einen Anruf von Graf Zanda. Er teilte mir mit, dass Zahltag sei.“
„Zahltag? Was für ein Zahltag?“
Ich halte kurz inne. Katharina weiß ja auch nicht, was der wahre Grund für Zandas heftige Reaktion ist. Vielleicht sollte ich mir meine Worte gut überlegen. Andererseits, es ist so was von scheißegal. Es ist lange vorbei. In jeder Hinsicht.
Mit geschlossenen Augen fahre ich fort: „Als vor ungefähr drei Jahren Emily auf der Suche nach dem Spiegel zu uns kam und ich, durch verschiedene Umstände, die hier auszuführen zu lange dauern würde, die Gastfreundschaft der Vampire genießen durfte, lernte ich Anne Marie kennen. Sie war die Nichte von Graf Zanda, Katharina hat sie kennengelernt. Ich … ich wurde ihre Blutsklavin, weil sie sich in mich verliebt hat.“
„Oh, das erklärt einiges“, bemerkt Katharina. „Und du?“
Ich schüttele den Kopf. „Ich hätte mich nicht in sie verlieben können.“
Katharina braucht nur Sekundenbruchteile, um zu verstehen, das sehe ich an ihrem Gesichtsausdruck.
„Na ja, sie war ja schließlich eine Frau, nehme ich mal an“, sagt mein Vater.
„Das … das war nicht der Grund. Ich habe durchaus Sex mit ihr gehabt, als Blutsklavin war ich dazu verpflichtet. Außerdem wäre es für mich unangenehm geworden, wenn ich mich geweigert hätte.“
„Das glaube ich nicht“, erwidert Katharina leise. Sie hat es wirklich verstanden.
„Du hattest Sex mit einer Frau? Das ist ja mal was Neues.“
„Nicht wirklich“, entfährt es mir.
Mein Vater zieht die Augenbrauen hoch, meine Mutter starrt mich entgeistert an.
„Das war nicht das erste Mal? Ich habe dich noch nie mit einer Frau gesehen. Nur mit sehr vielen Männern. Vor James …“
Ich schlucke und werde direkt abgelenkt durch meine Mutter: „Oh mein Gott“, flüstert sie.
„Werde ich jetzt enterbt?“, erkundige ich mich, sie ansehend.
Sie schüttelt den Kopf. „Nein, nein, ich habe nur an was denken müssen. Tut mir leid. Ich bin aufgeklärt genug und habe nichts gegen Homosexuelle.“
„Ich bin nicht lesbisch“, entgegne ich stirnrunzelnd. „Ich … Ach, verdammt, darüber wollte ich gerade gar nicht reden.“ Tief Luft holen, ich weiß nicht zum wievielten Male heute. „Okay, also, Zanda ließ mich zu sich holen und hat mir, bei einem hervorragenden Glas Whisky, klar gemacht, dass er seine Nichte, deren Eltern schon lange tot sind, über alles liebt. Und dass er mich, sollte ihr was zustoßen, bis ans Ende der Welt jagen würde.“
„Ist ihr denn was zugestoßen?“, fragt mein Vater.
Ich nicke langsam. „Letztes Jahr, als James und Jack in der Vampirstadt gefangen gehalten wurden, hat uns Anne Marie geholfen. Sie entschied sich dabei, dass sie mit uns kommen will. Die anderen sind schon vorgegangen, aber sie wollte noch einmal zurück, um etwas zu holen.“
In die entstehende Pause hinein erkundigt sich Katharina: „Was war es denn?“
„Eine Kette. Die einzige verbliebene Erinnerung an ihre Mutter.“ Ich schlucke, denn ich habe das Gefühl, gleich ersticken zu müssen. „Auf dem Rückweg sind wir zwei Vampiren begegnet. Viele waren an jenem Tag gestorben, von den Zauberern getötet. Dementsprechend nervös und bewaffnet waren sie. Mit Armbrust und Spezialpfeilen. Die Pfeile enthielten mit Visz gefüllte Explosivgeschosse. Damit kriegt man sogar Krieger klein. Ich wusste das nicht, und als sie auf mich schossen und ich auswich, traf einer der Pfeile Anne Marie mitten ins Herz.“
„Oh mein Gott!“, entfährt es meiner Mutter.
„Aber du hast sie doch nicht getötet?“, stellt mein Vater fest.
„Aber Zanda glaubt das. Nachdem ich die beiden Vampire erledigt habe, kniete ich neben Anne Marie. So fand Zanda uns. Und bevor ich es aufklären konnte, stieß er mir einen Dolch ins Herz. Zum Glück kamen dann einige von uns, sonst säße ich vielleicht nicht hier.“ Und James würde noch leben. Und Sandra auch. Ich spüre, wie dieser Gedanke mir die Luft abschnürt.
Katharina legt eine Hand auf meinen Unterarm und sieht mich durchdringend an. Das hilft, ich kann kräftig durchatmen.
„Jetzt verstehe ich, was mit Zahltag gemeint war. Und du hattest keine Chance, rechtzeitig zu kommen.“
„Ich habe James sofort angerufen. Er sagte, es wäre ein Techniker da, wegen des Anschlusses. Und dass ich ihn bestellt hätte. Da wusste ich, was los war. Ich wollte ihn warnen, aber der Techniker hatte grad nach ihm gerufen und James legte auf, ohne meine Rufe zu hören.“
„Scheiße“, sagt Katharina.
Ja, Scheiße. Die Tränen brechen sich Bahn wie Lava aus einem Vulkan. Katharina zieht mich an sich und wie durch Watte höre ich, wie sie weitererzählt. Dass sie hinter uns hergefahren ist und mich aus dem Krankenhaus holte. Sie erklärt, warum und wieso. Wie ich tagelang geschlafen habe und sie schließlich die SMS geschickt hat.
Danach wird es still. Meine Tränen sind versiegt, vorläufig zumindest. Ich lehne den Kopf gegen Katharinas Schulter. Sie umarmt mich, ihre Hand ruht auf meiner Hüfte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Eltern das nicht sehen und verstehen.
„Ich verstehe trotzdem nicht, warum du so schnell zur Stelle warst“, sagt schließlich mein Vater.
„Ich habe die Nachricht im Internet gehört“, erklärt Katharina.
„Den Teil verstehe ich und das habe ich mir so ähnlich gedacht. Aber welchen Grund gibt es dafür, dass du dich sofort ins Auto setzt und losfährst?“
Ich hebe den Kopf und sehe meinen Vater an. „Weil sie mich liebt.“
Die Augen meiner Mutter weiten sich entsetzt, sie hat es also nicht erkannt. Mein Vater wirkt nicht überrascht, nur unangenehm berührt.
„Und du?“
„Ich liebe sie auch.“
„Verstehe.“ Mein Vater nimmt einen großen Schluck von seinem Drink.
„Wie … Seit wann?“
„Seit vier Jahren.“
„Ihr habt seit vier Jahren ein Verhältnis?“, fragt meine Mutter entgeistert.
„Nein. Es ist kompliziert.“
„Aber seit gestern?“ Mein Vater überrascht mich.
„Es ist kompliziert“, wiederhole ich. „Wir … haben uns ineinander verliebt, als wir damals die Cuculus gejagt haben. Uns war beiden klar, dass … dass es nicht geht. Sie war verheiratet, ich war es.“
„Sie war?“, fragt mein Vater.
„Kay und ich haben uns vor ein paar Wochen getrennt. Er lebt jetzt in London.“
„Oh“, sagt er nur.
„Verstehe ich das richtig? Ihr habt vier Jahre lang die Finger voneinander gelassen und jetzt, drei Tage, nachdem James tot ist, entdeckt ihr eure Liebe füreinander wieder?“
Oh, oh, das wird unangenehm. Meine Mutter ist wütend und empört. Sehr wütend.
„Nein, so war das nicht“, erwidere ich und spüre, dass auch ich wütend werde. „Ich sagte doch, es ist kompliziert. Ich habe James geliebt! Und auch Katharina! Und das hat mir die schlimmsten vier Jahre meines Lebens beschert! Es ist unfair, mir jetzt vorzuwerfen, ich hätte kaum abwarten können, dass James aus dem Weg ist!“
„Das habe ich nicht gesagt“, flüstert meine Mutter.
„Ach nein, wirklich nicht? Und was sollte deine Frage dann? Ich antworte für dich: genau das! Genau das hast du vorhin gedacht! Verdammt noch mal! Glaubst du wirklich, dass ich so bin? Vor vier Tagen stand ich vor diesem lichterloh brennenden scheißverdammten Haus und wusste, dass da drin Sandra und James nur wenige Sekunden vorher gestorben sind! Wie kannst du auch nur denken, ich hätte da nichts Besseres zu tun, als mich in eine Beziehung zu stürzen? Ich habe James geliebt, verstehst du das? Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie weh das tut? Und ja, ich liebe auch Katharina! Ich kann es selbst nicht erklären, was da passiert, wie so was überhaupt möglich ist! Diesen fast unerträglichen Schmerz und gleichzeitig diese irrsinnige Liebe zu spüren! Gleichzeitig! Es zerreißt mich, verdammte Scheiße!“
Ich merke, dass ich stehe und dass sowohl Katharina als auch mein Vater vergeblich versuchen, mich zu beruhigen. Doch dafür ist es bereits zu spät. Ich habe das Gefühl, von innen heraus zerrissen zu werden und breche zusammen. Es ist kein Blackout, wie schon ein paar Mal in den letzten Tagen. Diese Gnade wird mir diesmal nicht gewährt. Ich erlebe den Schmerz bei vollem Bewusstsein, jede Sekunde davon. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr, er schreit den Schmerz nur noch hinaus, während Katharina mich mit übermenschlicher Kraft festhält und mit mir auf den Boden sinkt.

Ich sehe schon wieder meine Hand. Und dieses Mal ist es die andere, ich liege ja auch auf der linken Seite. Schlagartig bin ich hellwach. Der Rollladen ist oben, nur der Vorhang dämpft das Licht. Doch das Zimmer stimmt nicht. Es ist mein Zimmer, das Zimmer, in dem ich aufgewachsen bin. Was zum Teufel ist passiert? Habe ich alles nur geträumt?
Ich setze mich auf und sehe mich um. Dann entdecke ich die Leinenhosen, die Slipper. Jetzt spüre ich auch, dass ich nackt bin. Mit einem Blick nach rechts sehe ich, dass ich allein im Bett bin. Aber geträumt habe ich es nicht, so viel steht fest. Und von irgendwoher höre ich gedämpfte Stimmen.
Ich gehe ins Bad und setze mich aufs Klo, um zu pinkeln. Dabei versuche ich verzweifelt, mich zu erinnern, was geschehen ist. Ich habe meine Mutter angeschrien, ich bin regelrecht ausgerastet. Katharina hat mich festgehalten und dann lagen wir auf dem Boden. Ich kann mich an diesen wahnsinnigen Schmerz erinnern, an meine unmenschlichen Schreie.
Aber was geschah danach?
Langsam machen mir diese ständigen Blackouts Angst. Ist das vielleicht normal, wenn jemand einen solchen Verlust erlebt hat wie ich? Oder ist bei mir einfach alles intensiver, also auch meine Gefühle, weil ich eine Kriegerin bin? Eine Kriegerin mit besonderen Fähigkeiten?
Seufzend erhebe ich mich, betätige die Spülung, wasche mir bewusst nicht die Hände, weil ich dann in den Spiegel blicken müsste, und gehe zurück in mein Zimmer. Im Kleiderschrank finde ich alte Sachen von mir, sauber und gebügelt. Diese Marotte von meiner Mutter, die ich anfangs so schrecklich fand, ist durchaus praktisch. Nicht zum ersten Mal.
Ich ziehe eine hellgraue Schlabberhose und ein dunkles T-Shirt an, dann gehe ich aus dem Zimmer. Die Stimmen werden lauter, sie kommen von unten. Ich stutze. Deutlich höre ich Jack, dann meinen Vater. Wollten sie nicht am Abend erst kommen?
Ich gehe die Treppe nach unten und wende mich nach rechts, wo die Küche und der Eingang zum großen Wohnzimmer liegen. Verteilt auf die Couch und Sessel sitzen Michael, Nilsson, John mit Katharina, eine zweite Gruppe bilden Ben, Jack und mein Vater. Nicholas und meine Mutter sind auf der Terrasse, sie decken den Tisch. Sie decken ihn zum Frühstück.
Was zur Hölle …?
Katharina erblickt mich als Erste. Sie springt auf, kommt zu mir und gibt mir einen Kuss auf den Mund. Ihre Zunge schiebt sich kurz und neckisch zwischen meine Lippen, dann löst sie sich wieder von mir.
„Guten Morgen“, sagt sie lächelnd. „Ausgeschlafen?“
„Guten Morgen?“, wiederhole ich. „Wie lange habe ich denn geschlafen?“
„Einen Nachmittag und die Nacht durch.“
„Ach du Scheiße!“
„Hast du ein Meeting?“
Ich schüttele den Kopf, dann muss ich doch grinsen. Wahrscheinlich etwas schief und gequält, aber immerhin ein Grinsen. Katharina scheint zufrieden zu sein, denn sie zieht mich zu einem Sessel, setzt sich hinein und zwingt mich mit sanfter Gewalt auf ihren Schoß.
Ich begrüße die anderen mit einem Handzeichen. Sie grüßen zurück und mustern mich mehr oder weniger unverhohlen neugierig, betroffen, entsetzt, nachdenklich.
„Möchtest du einen Kaffee?“, erkundigt sich mein Vater.
Ich nicke, und nachdem mein Vater gegangen ist, lehne ich mich zurück. Katharina legt ihre Arme um mich. Es tut gut, ihren Körper zu spüren. Sie trägt fast das Gleiche wie ich, nur das T-Shirt ist heller. Weniger angenehm sind die Blicke der anderen, die ich ebenfalls deutlich spüre. Bis auf Ben sind alle entweder entgeistert oder, zumindest einer, eifersüchtig. Michael wird genau wissen, dass spätestens ab jetzt er nicht mehr an mich herankommen wird. Und ich glaube, Nilsson hat was geahnt. Immerhin wusste er ja, dass Katharina und ich mal was miteinander hatten.
Ich bringe meinen Mund ganz nahe an Katharinas rechtes Ohr heran und flüstere: „Wie geht es meiner Mutter?“
„Eine gute Frage. Als ich mit dir hoch gegangen war gestern, um dich ins Bett zu bringen, und noch eine Weile bei dir lag, bis du eingeschlafen bist, haben deine Eltern sich wohl lange unterhalten. Danach hatte deine Mutter ziemlich verweinte Augen. Aber heute wirkt sie einigermaßen ruhig. Ich denke, sie hat viel nachgedacht.“
„Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll!“ Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und denke ernsthaft darüber nach, wieder hoch zu gehen und weiterzuschlafen.
„Sie kommt“, sagt Katharina leise.
Ich reiße den Kopf hoch und starre meine Mutter an, die auf uns zukommt. Sie trägt einen leichten Sommeranzug und Sandalen. Außerdem dezentes Make-up, was möglicherweise ihren Augen geschuldet ist.
Sie bleibt vor uns stehen, etwa einen Meter entfernt, und sagt: „Es tut mir leid, Fiona.“
Oh, oh! Sie nennt mich beim Namen, das ist normalerweise kein gutes Zeichen. Aber vielleicht liegt das auch nur an ihrer Anspannung, weil sie genauso unsicher ist wie ich.
Und jetzt?
Ich erinnere mich daran, wie ich sie angeschrien habe. Dass sie sich entschuldigt, muss sie eine unheimliche Überwindung kosten. Und wenn sie das kann, kann ich das auch.
Ich springe auf und nehme sie in die Arme. Nach einem kurzen Moment entspannt sie sich und erwidert die Umarmung mit aller Kraft.
Wir stehen eine ganze Weile da, bis plötzlich mein Vater in meinem Blickfeld auftaucht und eine Kaffeetasse hochhält.
Ich löse mich vorsichtig aus der Umarmung und räuspere mich. Meine Mutter nimmt mein Gesicht zwischen die Hände, sieht mich durchdringend an, dann gibt sie mir einen sanften, sehr mütterlichen Kuss auf den Mund und geht wieder nach draußen.
Scheiße, was war das denn?
„Der Kaffee wird kalt“, sagt mein pragmatischer Vater.
Ich nehme mit einem gemurmelten „Danke“ die Tasse in die Hände und setze mich wieder auf Katharina. Sie lächelt mich an und flüstert: „Danke.“
Kurz darauf kommt Nicholas rein und bittet zu Tisch. Bei der Gelegenheit erhasche ich einen Blick auf eine Standuhr. Kurz vor zehn. Und das an einem Montagmorgen.
Ich sitze zwischen Katharina und Ben. Die schwule Ecke, schießt es mir durch den Kopf. Gegenüber die drei Kriegerkollegen, neben ihnen meine Mutter und mein Vater.
„Gibt es schon einen Termin für die Beerdigung?“, erkundige ich mich.
„Noch nicht, da du nicht auffindbar warst“, erwidert mein Vater. „Ich werde nach dem Frühstück einen Termin organisieren.“
„Ist gut. Ich nehme an, es werden einige Leute kommen.“
„Ja, die Highfooter haben sich bereits angekündigt, auch von unserer Seite viele. Und einige Kollegen.“
„Und wir auch, wenn wir dürfen“, bemerkt Jack.
„Natürlich. Ich würde mich freuen.“
Es wird ein heißer Tag. Bereits jetzt ist es sehr warm. Die Holzdielen unter meinen nackten Füßen arbeiten. Ich mustere das Wasser im Pool zwischen Michael und Nilsson hindurch, während ich an einem Marmeladenbrötchen herumkaue.
Dann bin ich froh, als das Frühstück ohne besondere Peinlichkeiten und Blackouts von mir vorbei ist. Mein Vater geht ins Haus, vermutlich will er die Beerdigung organisieren. Ich werfe einen Blick auf Katharina, die ihn nachdenklich erwidert.
Plötzlich steht meine Mutter hinter uns und legt den linken Arm um meine Schulter und den rechten Arm um Katharinas Schulter, beugt sich zwischen uns vor und sagt: „Ich glaube zu verstehen, wie Fiona sich fühlt, was sie meint, wenn sie davon spricht, innerlich zerrissen zu werden. Und wenn eure Liebe ihr hilft, das irgendwie durchzustehen, dann akzeptiere ich das. Aber eins muss euch klar sein: Wenn du, Katharina, meiner Tochter wehtust, wirst du mich als Muttertier kennenlernen. Das meine ich sehr ernst. Ich habe ein Kind verloren und weiß, wie sich das anfühlt. Diese Erfahrung möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Ist das klar?“
„Okaaay“, sagt Katharina, aber sie lächelt ansatzweise. „Hört sich an, als hätten wir gemeinsame Interessen.“
„Sehr gut. Möchtet ihr noch einen Kaffee?“
Wir möchten. Dann starre ich meiner Mutter mit offenem Mund hinterher.
„Ich glaube, ich mag deine Mutter“, stellt Katharina fest.
„Ähm … Und ich glaube, ich kenne sie noch gar nicht“, erwidere ich, immer noch durcheinander.
„Das kommt vor.“
Wir werden von meinem Vater unterbrochen, der uns mitteilt, dass die Beerdigung um halb eins am Freitag stattfinden wird. Die Zusammenkunft danach findet hier statt.
Ich seufze: „Wieso ist es nicht schon Samstag?“

„Wie sehe ich aus?“
Ich drehe mich um und mustere Katharina, die in der Badezimmertür steht. Die leicht gewellten Haare fallen sanft auf die Schultern, sie trägt einen schwarzen matten Anzug mit weißer Bluse unter dem Blazer, dazu schwarze Lackschuhe mit höchstens sechs Zentimeter Absatz, schwarze, halterlose Strümpfe und einen ebenfalls schwarzen Tanga.
„Süß. Besonders der Tanga.“
Sie runzelt die Stirn. „Den siehst du doch gar nicht!“
„Aber ich weiß, dass du den anhast“, erwidere ich grinsend, froh über die Ablenkung von meinen düsteren Gedanken.
„Und außerdem bin ich nicht süß.“
„Doch, jetzt schon. Eigentlich viel zu süß für eine Beerdigung.“
„Soll ich mich umziehen?“
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Na gut. In zehn Minuten müssen wir los.“
„Bin gleich fertig.“
Ich wende mich wieder meinem Spiegelbild zu. Es ist brav und tut, was es soll. Ich betrachte mich. Wasserfeste Wimperntusche, leicht glänzender Lippenstift, die wilden Haare wild wie immer. James würde es gefallen. Seufzend gehe ich ins Schlafzimmer und ziehe mich an. Katharina hat eher konventionelle Sachen für mich rausgelegt. Schwarzes Rockkostüm über schwarzer Unterwäsche, Bluse und Strumpfhose ebenfalls schwarz. Genauso die Schuhe, mit etwas höheren Absätzen wie ihre eigenen, passend zum Rock.
Als ich fertig bin, korrigiert Katharina den Blazer an der linken Schulter, dann nickt sie zufrieden.
„So kannst du gehen.“
„Ja, James würde es gefallen.“
„Ich weiß, ich habe ja mitbekommen, was er gut fand. Deswegen habe ich diese Sachen ausgesucht.“
„Meinst du, er wird da sein?“
„Ich weiß es nicht, mein Schatz. Du müsstest es doch eigentlich spüren.“
„Ich spüre gar nichts, das ist es ja.“
„Er wird sich vom Schock erholen müssen. Das kam ja ziemlich plötzlich und heftig. Und es ist nicht so einfach, sich in der Verborgenen Welt zurechtzufinden, wenn man erst einmal ein paar Jahre in der Gefrorenen Welt gelebt hat.“
Das stimmt natürlich auch. Ich gebe ihr einen Kuss und hake mich bei ihr unter.
„Also gut, lass uns fahren, bevor ich es mir anders überlege.“
„Das geht nicht, du bist die Hauptperson.“
Ich will schon protestieren, aber dann wird mir bewusst, dass sie recht hat. Um James und Sandra geht es nicht, sie sind nicht da. Und selbst wenn ihre Seelen dabei sein sollten, was ich nicht glaube, denn das würde ich merken, so wissen die anderen nichts davon. Die meisten jedenfalls.
Helena und Jody warten schon. Sie sind ebenfalls in Schwarz, allerdings lässiger mit Jeans und Blusen. Da wir zu viert unterwegs sind, nehmen wir einen größeren Wagen und kein Cabrio. Jody darf ihn sich aussuchen, sie entscheidet sich für einen A8.
Diesmal fährt Katharina. Während wir auf die Schleuse zugleiten, hole ich mein Handy hervor und schicke meiner Mutter eine SMS, dass wir unterwegs sind.
Wir treffen gleichzeitig auf dem Parkplatz vor dem Friedhof ein. Einige sind schon da und stehen vor der Kapelle herum. Ich begrüße sie und stelle Katharina und die Mädchen vor, dann gehen wir hinein.
Rechts und links vom Altar stehen zwei geschlossene Särge. Von Ben weiß ich, dass sich darin das befindet, was vermutlich von James und Sandra übriggeblieben ist. Trotz DNA-Analyse war das nicht ganz eindeutig zuzuordnen.
Ich bleibe kurz vor dem Altar stehen und betrachte das Kreuz. Irgendwie kann ich gut nachvollziehen, dass in solchen Momenten viele Menschen gläubig werden. Oder ihren Glauben verlieren. Je nachdem. Auch ich hätte jetzt sehr gerne etwas, woran ich mich festhalten kann. Aber da ist einfach nichts. Ich bin nur froh, dass sie ziemlich sicher nicht gelitten haben. Ich bin oft genug gestorben, um zu wissen, dass sie nicht die Zeit dafür hatten, auch nur zu merken, was geschehen ist.
Später dann, in der Verborgenen Welt, das ist was Anderes.
Mit tränenverschleiertem Blick setze ich mich rechts in die vorderste Reihe und Katharina setzt sich daneben. Helena und Jody nehmen hinter uns Platz.
Wenig später kommen Eleonor und die Geschwister von James. Ich begrüße sie. Eleonor sieht mich lange an, dann nickt sie langsam, bevor sie sich auf der anderen Seite neben mich setzt.
Michael, Nilsson und John sind die Letzten, die hereinkommen. Unwillkürlich muss ich daran denken, was die Leute wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass ein Vampir an der Zeremonie teilnimmt.
Die Zeremonie selbst blende ich aus. Da ich weiß, dass nichts von dem stimmt, was der Priester erzählt, interessiert es mich auch nicht. Erst als mich Katharina heimlich anstupst, werde ich aufmerksam.
Ich sehe sie fragend an. Dabei wird mir bewusst, dass alle Leute in der Kirche irgendwie mich anstarren.
Katharina antwortet, allerdings ohne dabei den Mund zu bewegen: „Der Priester hat dich gefragt, ob du ein paar Worte sagen willst.“
Da es nicht das erste Mal ist, dass ich Gedanken höre, gelingt es mir einigermaßen, nichts von meiner Überraschung zu verraten.
Ich wende mich an den Priester, der offenbar auf eine Antwort von mir wartet. Dann nicke ich und erhebe mich.
Ich stelle mich zwischen die Särge, nicht an den Rednerpult. Da ich mich nicht vorbereitet habe, brauche ich auch keine Ablage. Und das freie Reden vor vielen Leuten bin ich sowieso gewohnt. Vor sehr vielen Leuten. Unwillkürlich muss ich daran denken, wie ich vor nicht ganz zwei Jahren zum ersten Mal vor Zehntausenden stand, ganz zu schweigen von den Millionen, die es später im Fernsehen gesehen haben. Damals kündigte ich ein Rockkonzert an, ein wesentlich erfreulicherer Anlass meiner Rede. Und außerdem werde ich heute ganz sicher nicht singen.
Ich lasse meinen Blick schweifen. Links sitzt die Familie von James. Nadine, Margret, Kevin, Edgar, Peter und James‘ Mutter, die mir aufmunternd zulächelt. Auf der anderen Seite meine Eltern, Mamas beide Schwestern, Papas Schwester und Bruder. Weiter hinten sitzt auch Monica, daneben Luke Koolman. Sogar Elaine ist da.
Ich hole tief Luft. „Die meisten von euch werden es ungewohnt finden, dass ich so wenig rede.“ Ich warte, bis das verhaltene Lachen verklungen ist. „Aber ich musste halt immer für James mitreden.“ Pause. „Nein, ein Mann vieler Worte war er nicht, der großen aber schon. Obwohl er durchaus reden konnte. Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute nur darum neue Häuser gekauft haben, weil James sie ihnen verkauft hat. Er war auch keiner, der die Gefahr gefürchtet hat. Die meisten hier werden wissen, dass er zehn Jahre lang als Agent gearbeitet hat. Er hat mich auch in meiner bis vorletzten Mittwoch schwärzesten Stunde unterstützt, vor sechs Jahren. Und wie wenig er die Gefahr gefürchtet hat, das sieht man auch daran, dass er mich geheiratet hat.“ Ich warte wieder, bis das Lachen verstummt. „Ich weiß nicht, ob es etwas zu bedeuten hat, aber in der ersten Augusthälfte passieren die Katastrophen in Intervallen von drei Tagen. Am 6. August Hiroshima, am 9. August Nagasaki und am 12. August King Valley. Und ja, das ist schwarzer Humor. Tiefschwarzer Humor. Genau die Art, die auch James so geliebt hat. Er konnte die bösesten Pointen bringen, ohne auch nur einen einzigen Muskel in seinem Gesicht zu verziehen. Ich meine, das fiel ihm ja auch nicht schwer, seine Gesichtsmuskeln waren völlig unterentwickelt. Aber …“ Ich mache eine kleine Pause, bis sich alle wieder beruhigt haben. „Aber ich habe mit der Zeit gelernt, ihn zu verstehen, immer ganz genau zu wissen, was er denkt, was er fühlt. Das bleibt normalerweise nicht aus, wenn man das Leben zusammen verbringt, wenn man sich so liebt, wie wir uns geliebt haben.“ Ich mache wieder eine Pause, diesmal, um mich selbst zu beruhigen und ein paar vorwitzige Tränen abzuwischen. „Es waren Kleinigkeiten, die ihn verraten haben, insbesondere die Augen.“ Ich sehe, wie Eleonor nickt. „Dass er keine Gefühle zeigte, hieß nicht, dass er keine hatte. Im Gegenteil, er hatte sogar sehr tiefe. Auf ihn traf das Sprichwort vom stillen Wasser sehr zu.“ Ich halte inne und muss mir eingestehen, dass ich an meiner Grenze bin. „Ich … ich könnte noch so viel über James erzählen. Und über Sandra. Aber es geht nicht, tut mir leid. James, ich werde dich nie vergessen.“
Katharina springt auf und hilft mir, wieder zur Sitzbank zu gelangen. Dann vergrabe ich das Gesicht in beiden Händen und bin dankbar, als mein Weinen in Orgelmusik untergeht.
Irgendwann ist endlich diese Messe auch vorbei und die Särge werden auf kleine, elektrische Wagen geladen, die fast lautlos ihre Last zur letzten Ruhestätte transportieren. Ich gehe zusammen mit Eleonor vorneweg, auf meine ausdrückliche Bitte hin begleitet mich auch Katharina, was einige fragende und sogar missbilligende Blicke auslöst. Eleonor allerdings scheint damit kein Problem zu haben, denn sie hakt sich bei mir unter und sagt leise: „Sie wird dich beschützen.“
Ich blicke sie erstaunt an, aber mehr kommt von ihr nicht. Sie lächelt nur. Ich sehe zu Katharina auf der anderen Seite und ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie es auch gehört hat.
Es ist ein langer Weg bis zur Grabstelle, insbesondere bei unserem Tempo. Ich hänge düsteren Gedanken nach, die sich vor allem um Zanda drehen. Zwischendurch scanne ich die Umgebung nach James ab, doch er ist definitiv nicht da. Ich spüre, wie mein Bauch sich verkrampft.
Am Grab lässt der Priester noch einige Bibelstellen los, dann werden die Särge hinuntergelassen. Zuerst James, dann direkt darüber Sandra. Meine Mutter drückt mir eine rote und eine weiße Rose in die Hand, die ich pflichtschuldig auf die Särge fallenlasse.
Während die Friedhofsangestellten, angeleitet von Martin Cartwright, das Grab zuschütten, lassen James‘ Familie und ich die Beileidsbekundungen über uns ergehen. Als Michael ankommt, halte ich kurz die Luft an, weil ich an Eleonors Hellsichtigkeit denken muss. Während ich Michael umarme, flüstere ich ihm ins Ohr: „Nicht erschrecken, meine Schwiegermutter wird dich erkennen.“
So ist er zum Glück vorbereitet und lächelt sanft, als Eleonors Gesichtszüge kurz entgleisen. Dann wirft sie mir einen Blick zu und ich schenke ihr ein angedeutetes Lächeln. Das scheint sie wieder zu beruhigen, Gott sei … Wem auch immer.
Nachdem die Prozedur endlich vorbei ist, gehen wir langsam zurück zu den Autos. Der Plan ist, in einem geschlossenen Konvoi nach King Valley zu fahren, zumindest diejenigen, die dabei sein werden. Das gilt für die meisten, lediglich die Kollegen und Monica wollen nicht mit. Was ich irgendwie sogar verstehen kann.
Margret schließt sich ihrer Großmutter und mir an und hakt sich bei uns unter.
„Tan… Fiona, darf ich bei Euch mitfahren?“
„Nur weil du dich korrigiert hast. Aber du musst die Rückbank mit Helena und Jody teilen.“
„Einverstanden. Fahren wir mit dem schnellen Kombi?“
„Nein, wir sind mit einem A8 da. Der ist auch schnell. Was auf dieser Fahrt aber keine Rolle spielt.“
„Na gut. Übrigens fand ich deine Rede sehr schön.“
„Danke.“
Auf dem Parkplatz verabschiede ich mich von Monica und James‘ ehemaligen Kollegen. Dann steigen wir in unsere Autos. Meine Eltern und Nicholas fahren vorne, direkt hinter ihnen wir.
Ich beobachte Margret im Rückspiegel. Sie sitzt hinten links, weil Jody und Helena sich nicht zur Trennung überreden ließen. Ich sehe Margret an, dass sie versteht, warum, aber auch, dass sie über Katharina und mich nachdenkt.
Der Platz vor dem Haus meiner Eltern füllt sich mit Autos. Einige möchten sich die Überreste von James‘ Haus ansehen. Katharina übernimmt es, sie zu führen und zu erklären, was überhaupt erklärt werden kann.
Im Haus hat inzwischen eine Cateringfirma das Buffet aufgebaut und sorgt auch für die Getränke. Mein Vater heißt kurz alle willkommen und teilt mit, dass das Buffet eröffnet ist.
Mittlerweile ist es schon fast drei Uhr.
Ich gehe zum Rauchen in den Garten. Bin damit gerade fertig, als Katharina auftaucht und sich zu mir gesellt. Ich begrüße sie mit einem innigen Kuss.
„Was macht ihr da?“
Ich fahre herum. Kevin steht auf der Terrasse und starrt uns ungläubig an.
„Wir haben uns geküsst“, erwidere ich.
„Ihr habt euch geküsst wie Mann und Frau!“
„Oder wie zwei Frauen, die sich lieben.“
„Seid ihr etwa lesbisch? Und James? Hat er davon gewusst?“
Ob James das gewusst hat? Das ist eine gute Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich so ahnungslos war, wie er immer tat.
„Es gab nichts, wovon er hätte wissen müssen“, antworte ich, immer noch einigermaßen ruhig, obwohl ich ahne, dass da gerade ein schweres Gewitter aufzieht. Kevin ist jetzt vierzehn, alt genug, um zu verstehen, was er gesehen hat, aber vermutlich viel zu jung, um es wirklich zu verstehen.
Katharina berührt meinen Arm. „Vielleicht sollte ich gehen.“
„Dann gehe ich mit!“
Sie seufzt. „Okay. Wie möchtest du, dass ich mich verhalte?“
„Weise mich nicht ab.“ Ich spüre, wie die Tränen in meine Augen schießen. „Ich ertrage alles, aber das nicht.“
„Ist gut“, flüstert sie und nimmt mich in die Arme. „Ist gut. Ich weise dich nicht ab und ich lasse dich nicht allein.“
„Danke …“
In der Zwischenzeit hat Kevin Verstärkung geholt. Das scheint ihm ja echt nahe zu gehen. Jedenfalls taucht er plötzlich mit Margret und Nadine auf, Eleonor, Edgar und Peter dahinter. Und alle anderen beobachten uns, meine entgeisterte Mutter eingeschlossen.
„Ich verstehe das nicht“, sagt Nadine. „Wir haben James doch gerade eben beerdigt.“
Ich mustere sie und dann Margret. Sie reagiert sofort: „Jetzt verstehe ich, dass Jody und Helena am Knutschen waren. Aber ich verstehe auch nicht, wie ihr so … so gefühllos sein könnt! Das ist die Beerdigungsfeier deines Mannes!“
Ich atme tief durch. „Was wird das denn? Eine Abrechnung? Urteilt ihr immer nach dem ersten Anschein? Wie kommt ihr überhaupt auf die Idee, James würde sich über irgendetwas aufregen, was hier passiert?“
„Wie kannst du es wagen?“, flüstert Nadine. „James würde niemals etwas Derartiges gutheißen! Er war durch und durch anständig und …“
„Halt! Stopp! Bevor du irgendetwas sagst, was du später bereuen würdest! Und erzähl mir bitte nicht, was James gut oder nicht gut fand! Ich glaube, du hast ihn gar nicht gekannt! Ich habe in den sechs Jahren eine Menge mit ihm zusammen erlebt und ich weiß, was er nicht gut fand und was ihn nicht gestört hat. Was glaubst du überhaupt, was ein Geheimagent macht?“
Nadine wendet sich an ihre Mutter: „Warum sagst du eigentlich nichts dazu? Es geht um James!“
„James ist tot“, erwidert Eleonor leise. „Und er hat Fiona geliebt, das wissen wir doch alle. Und ich weiß genau, dass Fiona ihn geliebt hat. Ich kenne die Hintergründe nicht für das, was wir gerade gesehen haben, aber ich weiß, dass es uns nicht zusteht, darüber zu urteilen. Ich bin mir sicher, dass Fiona niemals etwas tun würde, was James wehtun könnte.“
Mir fallen plötzlich einige Dinge ein, die ich getan habe und die James wehgetan haben, aber das behalte ich lieber für mich. Außerdem war es ja gegenseitig … Boah, Fiona, du fängst doch jetzt keine Abrechnung mit einem Toten an?!
„Danke“, sage ich. Meine Stimme zittert. Kommt auch nicht oft vor.
„Ich glaube das einfach nicht, Oma!“, ruft Margret. „Wie kannst du nur so was sagen?“
„Weil ich meinen Sohn geliebt habe. Und weil ich gesehen habe, wie er Fiona angeschaut hat. Und weil ich Fionas Seele gesehen habe.“
„Oh nein, nicht das schon wieder“, stöhnt Edgar.
Während ich mich darauf einstelle, dass es in diesem und heftigerem Ton weitergeht, drängelt sich plötzlich mein Vater in unserer Richtung durch und stellt sich vor mich.
„Ich glaube nicht, was ich hier gerade erlebe“, sagt er ruhig, aber sehr bestimmt. „Wir sind alle, und ich betone: alle, hier, weil wir von James und von Sandra Abschied nehmen möchten. Ich werde nicht dulden, dass dieser Anlass durch irgendwelche Vorwürfe und Vorhaltungen gegen wen auch immer in den Dreck gezogen wird. Und ich kann euch auch noch sagen, dass ich ein wenig den Hintergrund kenne und mir sehr, sehr sicher bin, dass James Fiona ganz sicher keine Vorwürfe machen würde. James war nicht nur mein Schwiegersohn, er war auch mein Freund, mit dem ich viel geredet habe, und ich bin mir absolut sicher, dass er sich genauso vor Fiona stellen würde. Also, bitte, beruhigt euch alle.“
Ich bewundere meinen Vater. Er schafft es tatsächlich, dass Margret sich umdreht und zum Buffet geht. Nach kurzem Zögern folgen Nadine und Kevin ihrem Beispiel.
Mein Vater wirft uns einen kurzen Blick zu, dann geht er wieder ins Haus. Er ist wütend, das sehe ich ihm an, aber er hat sich gut im Griff.
Eleonor kommt zu uns. „Bitte entschuldigt das Verhalten meiner Tochter“, sagt sie. „Der Schmerz macht sie ungerecht.“
„Ich … ich kann es ja verstehen“, erwidere ich und wische meine Tränen mit einem Taschentuch, das Katharina mir reicht, ab. „Es ist selbst für mich schwer zu begreifen, was da geschieht. Und die anderen sehen ja nicht, was du siehst.“
„Das stimmt. Ich kann auch sehen, dass Katharina kein gewöhnlicher Mensch ist, genauso wenig wie dieser … Michael heißt er, glaube ich.“
„Ich bin auch kein gewöhnlicher Mensch.“
„Das weiß ich, denn ich habe in deine Seele schauen dürfen“, sagt Eleonor lächelnd.
„Wann?“, erkundigt sich Katharina stirnrunzelnd.
„Als wir bei Nadine zu ihrem Geburtstag eingeladen waren. Bei der Gelegenheit wurde Sandra gezeugt.“
„So genau wollte ich es gar nicht wissen“, murmelt Katharina, aber sie lächelt.
Eleonor legt eine Hand auf meinen Arm. „Ich glaube, ich gehe jetzt wieder zu meinen Lieben und beruhige sie ein wenig.“
„Danke.“
Ich blicke ihr hinterher, dann lehne ich mich seufzend gegen Katharina. Sie legt ihre Arme um mich.
„Es wäre vielleicht klüger gewesen, unsere Beziehung nicht so offen zu zeigen“, sagt sie ruhig.
Ich drehe meinen Kopf, bis ich ihr in die Augen sehen kann, und erwidere: „Vielleicht wäre es klüger gewesen, aber trotzdem falsch. Ich würde durchdrehen ohne dich.“
„Ich wäre ja trotzdem da.“
„Nein, wärst du nicht.“
Sie mustert mich nachdenklich. „Mein Schatz, du hast gesehen, wie es auch mich umgehauen hat. Ich … ich liebe dich und jede Sekunde, die du nicht in meinem Blickfeld bist, fühlt sich leer und trostlos an. Ich kann mir also vorstellen, wie du dich fühlst. Ein wenig jedenfalls. Aber die meisten da drin können das nicht. Nicht einmal Michael oder Nilsson werden das können.“
„Ich weiß“, sage ich leise. „Aber auch du kennst es, dich verstellen und verstecken zu müssen …“
„Oh ja.“
„Ich kenne das erst seit vier Jahren, seitdem ich weiß, dass ich eine Kriegerin bin. Und es macht mich wahnsinnig. Ich bin es nicht gewohnt, nicht einfach zu sagen, was ich denke und fühle. Es macht mich wahnsinnig, wirklich wahnsinnig. Ich will das einfach nicht mehr. Wenigstens nicht in Bezug auf uns. Ich kann das auch gar nicht, selbst wenn ich wollte. Ich würde mich mit jedem Blick, jeder Geste verraten. Mein Körper würde mir gar nicht gehorchen.“
„Du bist heute ja ganz schön melodramatisch.“
„Hey, mich gibt es nur als Komplettpaket.“
„Zum Glück.“ Sie küsst mich, sanft und lange. Ich bin mir sicher, dass wir beobachtet werden, aber es ist mir egal. Jetzt erst recht.
Wir werden von meiner Mutter unterbrochen. „Wollt ihr nicht reinkommen? Wir wollen auf James trinken.“
Ich nicke. Wir gehen hinter ihr her. Nicholas gibt uns Gläser mit Champagner. Ich werfe einen Blick in die Runde. Margret, Kevin und Nadine wenden sich ab.
Mein Vater hebt das Glas. „Ich trinke auf James Flame, den besten James, den es je gab!“
Woher kennt er den Spruch? Meinen Spruch?
„Auf den besten James!“ erwidere ich und halte mein Glas auch hoch. Die anderen folgen meinem Beispiel, einige nur zögerlich, aber schließlich sind alle Gläser oben.
Die nächsten Stunden gehen quälend langsam vorüber. Vor allem die Delfors üben sich darin, mir aus dem Weg zu gehen. Meine Mutter hingegen ist demonstrativ oft bei uns, redet mit Katharina, berührt uns beide gleichzeitig. Auch Eleonor setzt sich zwischendurch zu uns und wir unterhalten uns über neutrale Themen, die nichts mit Krieg oder Tod zu tun haben.
Viel später stehen wir an der Bar und mixen uns Cocktails, als Ben sich zu uns gesellt.
„Hi, mein Lieblingspolizist. Möchtest du einen Drink?“
„Ja, meine Lieblingskriegerin. Ich nehme einen hundsgewöhnlichen Caipi.“
Lächelnd greife ich nach dem Cachaça und einem Glas.
„Die Luft ist heute zum Schneiden hier“, bemerkt Ben.
„Ach, wie kommst du darauf?“
„Ist so eine Vorahnung.“
„Vorahnung? Also wird die Luft zum Schneiden werden sein?“ Katharina grinst den Lieutenant an, als der beleidigt dreinschaut. „Und, was denkst du?“
„Über euch?“ Er zuckt die Achseln. „Ganz ehrlich, viel zu viel Aufstand. Klar, irgendwo verständlich. Und nicht alle wissen, wie Fiona gelitten hat.“
„Du weißt es?“ Katharina zieht beide Augenbrauen hoch.
„Ich habe den ein oder anderen Weinkrampf abgefangen deswegen, ja.“
„Oh.“ Katharinas Blick verschleiert sich. „Das wusste ich nicht.“
„Es wundert mich nicht, dass Fiona andere Dinge für wichtiger hielt, dir zu erzählen.“
„Hey, Leute“, mische ich mich ein. „Ist gut jetzt. Es ist vorbei. Katharina hat auch gelitten, das ist ausgleichende Gerechtigkeit.“
„Oh.“ Das wird heute noch ihr Lieblingsspruch. Und der Caipi ist fertig. Ich reiche ihn Ben.
„Hört zu, irgendwie überstehen wir alle diesen Tag und diesen Abend. Und danach sehen wir uns wahrscheinlich nie wieder, die Delfors und ich.“
„Heißen sie so? Nicht Flame?“
„Hallo, du Genie? Nadine heißt mit Mädchennamen natürlich Flame, aber als sie Edgar geheiratet hat, nahm sie seinen Namen an.“
„Ja. Klingt logisch.“
Ich betrachte die Delfors, die wieder mal auf einem Haufen hocken. Wahrscheinlich bin ich ihr Dauerthema. Unwillkürlich fällt mir das Wochenende in Highfoot ein und die herzliche Atmosphäre damals. Die Erinnerung geht wie ein Stich durch mein Herz.
„Fiona?“
Ich sehe Katharina an. „Was?“
„Du weinst. Merkst du das gar nicht?“
Ich fasse an mein Gesicht und meine Hand wird nass. Nein, das habe ich gar nicht gemerkt. Ob ich mir Sorgen machen muss? Die Blackouts, jetzt das, das ist schon seltsam.
„Ich … ich habe mich nur erinnert.“
„Woran?“
Ich deute auf Nadine. „Als wir damals zu ihrem Geburtstag da waren, das war alles so herzlich gewesen. Ich fühlte mich richtig zu Hause. Es … es … Ach Scheiße, ist alles einfach nur Scheiße!“
Katharina starrt mich entgeistert an. Aber nicht nur sie. Eigentlich alle. Ich würde mich auch entgeistert anstarren, wenn ich könnte. So starre ich entgeistert die Stelle an, wo das Glas zerschellt ist, das ich soeben noch in der Hand gehalten hatte. Ich kann mich daran erinnern, dass mein Arm ausgeholt und dann das Glas gegen die Wand geschleudert hat, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ihm diesen Befehl gegeben hätte.
„Was war das denn?“, erkundigt sich Katharina.
„Mir war grad danach!“ Ich starre meine Mutter an, die zu uns kommt und vermutlich dasselbe fragen will. „Du brauchst gar nicht erst zu fragen! Mir war danach und fertig!“
„Ist schon gut, Kind. Du brauchst deswegen nicht gleich ausfallend zu werden. Jemand fegt das zusammen und alles ist wieder gut.“
„Nichts ist wieder gut!“, erwidere ich, viel lauter als ich eigentlich wollte. „Verstehst du? Nichts, aber auch absolut gar nichts ist gut! Wie könnte denn alles gut sein? Glaubst du, ich merke das nicht, wie fast alle mich anstarren? Was fast alle denken? Fiona, die Schlampe! Ich bin doch nicht völlig bescheuert, verdammt noch mal! Und ja, wenn ihr Schlampe so definiert, dann bin ich eben eine! Ist mir doch egal! Wahrscheinlich war ich nie etwas anderes!“
Ich beuge mich keuchend über die Theke und presse mein Gesicht gegen das harte Holz. Vielleicht sollte ich einfach mit dem Kopf dagegen schlagen, solange bis entweder mein Kopf oder die Theke zertrümmert ist.
Ich spüre zwei Arme, die sich um mich legen und richte mich auf. Katharina. Und ich sehe Michael, Nilsson und John herannahen. Die anderen sind immer noch nur entgeistert.
„Lass mich los!“, will ich schreien, doch statt der Wörter kommt nur ein wilder Schrei aus meiner Kehle, und dann lässt mich der Schmerz förmlich zusammenklappen. Am Rande bekomme ich mit, wie Katharina mich zu Boden gleiten lässt, ohne mich loszulassen, dann verschwindet alles in einem dichten, blutroten Nebel.

Rechte Hand. Ich bewege die Finger.
Déjà-vu.
Auch ohne mich aufzurichten, erkenne ich, dass ich in meinem alten Bett in meinem alten Zimmer bei meinen Eltern liege. Allein. Nackt.
Déjà-vu eben.
Ich setze mich auf und sehe mich um. Es dürfte wieder ein Morgen sein. Hoffentlich Samstagmorgen. Ich drücke die Stirn gegen die Knie und fahre mit den Händen durch die Haare.
Oh Mann.
Ich versuche, meine Erinnerungen zu ordnen. Deutlich höre ich meinen eigenen Schrei und spüre ich Katharinas Umarmung, als ich auf dem Boden liegend von einem Weinkrampf nach dem anderen geschüttelt werde. Danach verblassen die Erinnerungen sehr schnell.
Aus Erfahrung weiß ich, dass sie mich irgendwann hochgetragen und ausgezogen hat. Sowohl ihre als auch meine Sachen hängen über den Stühlen. Vermutlich hat sie sich wieder was Bequemes angezogen.
Seufzend gehe ich ins Bad, diesmal weiche ich meinem Spiegelbild allerdings nicht aus. Es sieht scheiße aus, ich also vermutlich auch.
Echt klasse.
Als ich mich vom Spiegel abwende, scheint mein Spiegelbild die Zunge rauszustrecken, doch als ich blitzschnell wieder in den Spiegel sehe, benimmt es sich wieder ganz normal. Soweit es bei mir überhaupt Normalität gibt.
Nach dem Pinkeln ziehe ich einen Schlüpfer und ein langes T-Shirt an und gehe langsam nach unten. Es ist alles genauso wie vor fünf Tagen, nur dass die Zusammensetzung der Stimmenwolke eine etwas andere ist.
In der Tür zum Salon bleibe ich stehen und lehne mich gegen den Rahmen.
Auf der Terrasse wird der Frühstückstisch gedeckt, hauptsächlich von meiner Mutter und Nadine. Margret sitzt in einem Gartenstuhl und sonnt sich, Kevin unweit davon entfernt im Schatten und spielt Nintendo. Mein Vater, Edgar und Peter spielen Karten und trinken Bier. Helena und Jody sind im Pool.
Katharina unterhält sich mit Eleonor. Als Eleonor mich erblickt, wird Katharina aufmerksam, springt auf und kommt zu mir. Sie trägt einen hellgrauen Hausanzug, sonst anscheinend nichts. Sie riecht frisch und gut. Ihre Lippen fühlen sich weich an, als sie zärtlich meinen Mund berühren.
„Ausgeschlafen?“
„Ja“, erwidere ich. „Bitte sag mir, dass wir erst Samstag haben.“
„Haben wir“, sagt sie lächelnd.
„Drol sei Dank!“
Katharina lacht schallend auf und zieht damit die Aufmerksamkeit aller auf uns. Ich winke nach draußen, ohne jemanden Bestimmten anzusehen. Meine Mutter und Margret kommen rein.
„Kind, wie fühlst du dich?“
„Bis zu dem Moment, als du mich Kind genannt hast, ging es mir ganz gut.“
Meine Mutter sieht mich irritiert an, aber Katharina und Margret grinsen.
„Möchtest du einen Kaffee?“, fragt meine Mutter schließlich.
Ich nicke und sie zieht davon. Ich blicke Margret an.
„Ich möchte mich entschuldigen für mein Verhalten gestern“, sagt sie. „Weder steht es mir zu, über dich zu urteilen, noch weiß ich, welche Gründe du hast. Und aus unseren Gesprächen habe ich den Eindruck, dass du ganz sicher keine Schlampe bist, sondern eine feinfühlige, intelligente Frau. Deswegen bitte ich dich hiermit um Entschuldigung.“
Ich räuspere mich. „Das … das nehme ich natürlich sehr gerne an, Margret.“
„Super!“ Sie lächelt mich an. „Darf ich dich umarmen, ohne dass Katharina eifersüchtig wird?“
Die hat es faustdick hinter den Ohren! Das muss an der Familie liegen.
„Natürlich“, erwidere ich.
Nach der Umarmung nimmt Katharina mich an der Hand und zieht mich zu der Couch, auf der Eleonor sitzt.
„Guten Morgen, meine Liebe“, sagt diese.
„Guten Morgen. Habe ich wirklich nur eine Nacht geschlafen?“
„Oh, die anderen denken noch nach. Aber Margret ist ein besonderes Kind mit ihren eigenen Ansichten zu vielen Themen.“
„Das scheint mir auch so.“ Ich setze mich neben ihr und Katharina neben mir.
„Katharina hat mir vertraulich einige Dinge über euch erzählt. Ich habe ihr versprochen, dass ich mit niemandem darüber reden werde, außer mit deinen Eltern. Und mit Michael. Der nicht nur kein Mensch, sondern sogar ein Vampir ist. Ich habe zwar gewusst, dass er anders ist, aber mit einem Vampir habe ich nicht gerechnet.“
„Aber du bist nicht fortgelaufen“, stelle ich fest.
„In meinem Alter macht man das nicht mehr so“, antwortet sie mit einem angedeuteten Lächeln. „Mit der Zeit lernt auch der alte Mensch, dass es keinen Sinn hat, vor der Erfahrung davonzulaufen.“
„Das hast du schön gesagt. Dann habe ich ja noch bisschen was zu lernen.“
„Das glaube ich nicht, denn du hast die Weisheit der alten Seele in dir. Diese leitet dich ganz gut durch das Leben, wie es mir scheint. Und außerdem hast du Katharina an deiner Seite.“
Ich werfe einen schnellen Blick auf die Erwähnte, unsicher, ob sie ihr Geheimnis auch verraten hat. Aber der letzte Satz klingt ganz danach.
„Ich … Es tut mir leid, wie ich mich gestern aufgeführt habe.“
„Das braucht dir nicht leidzutun, meine Liebe.“ Sie nimmt meine Hände. „Du hast unter einem unglaublichen Druck gestanden. Und dieser Schmerz. Einige Reaktionen, die du erleben musstest, waren nicht schön. Und auch jemand wie du kommt an die Grenzen. Aber das ist nichts, wofür du dich entschuldigen musst.“
Ich nicke langsam und atme tief durch. „Ja, vielleicht hast du recht. Ich glaube, ich brauche jetzt …“
„Einen Kaffee!“, ergänzt Katharina und deutet auf meine Mutter, die genug Kaffee für eine ganze Armee mitbringt. Ich nehme eine Tasse, dann gehe ich auf die Suche nach Zigaretten. Mit meiner Beute gehe ich nach draußen und setze mich neben dem Pool in einen Rattanstuhl. Jody und Helena sehen mich kurz an, dann spielen sie weiter.
Das Frühstück verläuft ohne Aussetzer und andere Peinlichkeiten. Nadine und Kevin benehmen sich freundlich, aber reserviert mir und Katharina gegenüber, im Gegensatz zu Margret, die sich sogar neben Katharina setzt und sich intensiv mit der über Arbeitschancen in Marketingabteilungen unterhält. Katharina macht ihr klar, dass sie die besten Chancen mit einem schnell absolvierten Studium hat, in dem sie die handwerklichen Grundlagen lernt und bietet ihr an, sich bei ihr zu melden, wenn sie in diese Richtung gehen möchte.
Danach ist Abschied angesagt. Nadine lässt sich sogar zu einer kurzen Umarmung hinreißen, Kevin winkt uns nur kurz zu und setzt sich schnell ins Auto. Margret verabschiedet sich herzlich von allen und bekommt von Katharina noch eine Visitenkarte mit ihrer privaten Handynummer.
Nach der obligatorischen Umarmung legt Eleonor die Hände auf Katharinas Arme und sagt ernst: „Ich hoffe für euch und auch für uns, dass ihr dieses schreckliche Verbrechen aufklären werdet. Nicht, weil ich Rache für meinen Sohn will, was ich natürlich auch will, aber man soll sich ja besser nicht von Rache leiten lassen, sondern weil mein Gefühl mir sagt, dass schwere Zeiten auf uns zukommen.“
Noch eine, die das sagt. Es beruhigt mich nicht, im Gegenteil, denn schließlich spüre ich es ja auch.
Katharina nickt. „Wir werden uns darum kümmern, ebenfalls nicht, um uns zu rächen.“
„Gut.“ Eleonor streichelt mein Gesicht, dann setzt sie sich zu Peter ins Auto und gemeinsam fahren sie vom Grundstück.
„Puh“, sagt meine Mutter. „Das war ja aufregend.“
„Wolltest du nicht peinlich sagen?“, erkundige ich mich.
„Wieso peinlich? Weil selbst du Nerven hast und deine Gefühle auch mal zeigst?“
„Äh …“
Katharina nimmt mich schnell in die Arme und sagt lachend: „Nimm es einfach an, mein Schatz. Deine Mutter hat recht, auch wenn du sehr emotional agierst, zeigst du selten deine wahren Gefühle. Wir lieben dich so, wie du bist.“
„Aha. Dann ist ja gut. Können wir jetzt wieder reingehen?“
Ich gehe vor. Das ist ja furchtbar. Meine Gefühle gehen nur mich was an. Okay, vielleicht auch Katharina. Und überhaupt. Wieso sagen die das ständig? Wie kommen sie auch nur auf die Idee, ich würde meine Gefühle nicht zeigen?
Mir fällt ein, was James dazu gesagt hat, als wir unseren großen Streit hatten. Er, der große Meister im Verbergen von Gefühlen, ausgerechnet er, wies mich darauf hin, dass ich das ebenfalls gut könnte.
Und außerdem, Katharina? Hat nicht sie mich vier Jahre lang hingehalten und dabei voll ihre masochistischen Gelüste ausgelebt?
Wie kommen diese Leute dazu, mir zu sagen, ich soll mal meine wahren Gefühle zeigen?
Hallo?
Ich bleibe neben dem Pool stehen und Katharina legt von hinten die Arme um mich.
„Hab dich! Wo wolltest du denn hin? Kann es sein, dass du ein wenig sauer bist?“
„Ja!“
„Mein armer Schatz, alle hacken ständig auf dir herum. Aber, und das meine ich jetzt mal ernst, vielleicht hat es was zu bedeuten, wenn mehrere Leute dir ab und zu sagen, dass du deine wahren Gefühle ganz gut verbergen kannst.“
Ich sehe sie an und renke mir dabei fast das Genick aus. „Ich kann doch mit meinen Gefühlen machen, was ich will?“
„Das schon. Nur solltest du dich dann halt nicht über die Reaktionen wundern.“
„Ich bin im Moment eben etwas dünnhäutig“, sage ich seufzend.
„Weiß ich doch. Aber gerade du musst ein bisschen aufpassen, und im Moment übernehme ich das für dich.“
„Wieso?“, erkundigt sich meine Mutter, denn meine Eltern sind auch auf die Terrasse gekommen.
„Weil sie sehr mächtig ist, viel mächtiger als andere Krieger.“
„Katharina!“
„Was denn? Deine Eltern sollten das wissen.“
„Was sollten wir wissen?“, fragt meine Mutter verwundert. „Wir wissen, dass sie unsterblich ist, schnell, stark. So wie Nilsson, John oder eben dieser Vampir.“
Ist lustig, wie Michael alle etwas irritiert. Ich weiß ja, dass meine Mutter ihn inzwischen sogar mag, aber sich nicht so richtig an seine Daseinsform gewöhnt hat.
„Fiona kann weit mehr als andere Krieger“, bemerkt Katharina, dabei hält sie mich nach wie vor fest. Unbemerkt von den anderen schiebt sie eine Hand mitsamt T-Shirt langsam unter meinen Schlüpfer. Dieses Biest!
Ich flüstere ihr ins Ohr: „Wenn du so weiter machst und ich auslaufe, sehen es alle, denn dann läuft es an meinen Beinen hinunter.“ Und stecke ihr die Zunge ins Ohr.
Das wirkt, sie zieht die Hand wieder aus meinem Schlüpfer.
„Was genau bedeutet weit mehr?“, hakt mein Vater nach.
„Das würde mich auch interessieren“, sagt Helena, die es sich auf einer Liege gemütlich gemacht hat und uns aufmerksam zuhört. Vielleicht hat sie auch das mit der Hand mitbekommen. Eh egal.
„Willst du es nicht zeigen?“
Ich mustere Katharina, dann löse ich mich aus ihrer Umarmung und beschließe, selbst sie zu schocken. Denn auch sie weiß nicht alles. Dass ich fliegen kann, ist ja schön und gut, aber das kann ich nicht, weil die Erde kaum Dichte hätte, sondern weil ich die Illusion manipulieren kann. Und das eröffnet noch ganz andere Möglichkeiten, wie ich mit der Zeit rausgefunden habe.
Ich stelle mich ganz an den Rand des Beckens und strecke einen Arm aus. Fast genau darunter bildet sich im Wasser ein Wirbel, der immer stärker wird, bis schließlich das Wasser nach oben steigt. Wie eine Schlange aus Wasser wächst es nach oben, umfließt meine Hand und windet sich spiralförmig an meinem Unterarm entlang, bis zum Ellbogen, und fließt von dort wieder zurück in das Becken.
„Cool!“, entfährt es Jody.
Katharinas Reaktion fällt etwas verhaltener aus: „Okaaaay … Damit schaffst du es, sogar mich zu überraschen.“
Ich schenke ihr ein Lächeln. „Ich weiß.“
Dann betrachte ich meine Eltern, die mich beide mit offenem Mund anstarren.
„Wie geht das denn?“, fragt schließlich mein Vater.
„Nun, die Illusion ist Realität und Realität ist Illusion. Und wer das wirklich weiß, und ich musste das lernen, der kann die Illusion und damit die Realität beeinflussen. So funktioniert jede Art von Magie. Ich muss noch viel lernen, aber das, was ich bereits kann, ist gut für ‚Ohs‘ und ‚Ahs‘.“
„Willst du nicht verraten, dass du auch fliegen kannst?“
„Fliegen?“, echot meine Mutter.
„Ja. Hast du dich gar nicht gefragt, wieso ich so schnell da war und das auch noch ohne Auto?“
„Hm“, macht mein Vater.
„Der Gedanke ging mir mal durch den Kopf, aber ich habe ihn nicht weiter verfolgt.“
„Nach dem Telefonat mit Zanda war mir, ehrlich gesagt, alles egal, deswegen bin ich einfach aus dem Bürofenster gesprungen und hierher geflogen.“
„Das ist noch viel cooler als die Wasserschlange“, stellt Jody fest. „Wie lange weißt du das denn schon?“
„Ich habe es entdeckt, als Sorned mich aus der dreißigsten Etage geworfen hat. Er hatte angekündigt, mich danach endgültig zu töten und das hätte ich nicht verhindern können, wenn ich als Fettfleck unten herumgelegen hätte. Die Kraft der Verzweiflung half mir, die Illusion so stark zu beherrschen, dass ich ungefähr einen halben Meter über den Pflastersteinen zum Stehen kam. Beziehungsweise zum Schweben.“
„Oh“, sagt meine Mutter nur.
„Das klingt nach einem sehr eindrücklichen Erlebnis“, bemerkt mein Vater. „Aber was genau meinst du mit endgültig töten?“
„Es gibt eine Möglichkeit, jedes Wesen endgültig und unwiderruflich aus diesem Universum zu entfernen. Da hilft dann auch keine Unsterblichkeit mehr. Ich werde nicht verraten, wie das geht, euch würde dieses Wissen sowieso nichts bringen.“
„Und du hast dann den Spieß umgedreht?“ Mein Vater ist gefährlich. Er nutzt seinen Verstand gerne und effizient, das ist mir öfter aufgefallen, seitdem ich ihn nicht mehr hasse.
„Ja, ich habe Sorned ein für alle Mal entfernt.“
Ich betrachte die Wasserschlange, dann lasse ich sie wieder in das Becken gleiten.
„Okay, mehr Zaubertricks gibt es vielleicht später. Und ja, Katharinas Sorge ist nicht unberechtigt. Aber du beschützt mich und die anderen ja, oder?“ Ich gebe ihr einen Kuss auf den staunenden Mund.
„Ich versuche es.“
„Nicht versuchen. Tue es oder lass es.“
„Das ich werde“, erwidert sie grinsend.
„Bestens! Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag?“
„Bleibt doch einfach noch bis morgen hier“, schlägt meine Mutter vor. „Natürlich nur, wenn das nicht zu viel für dich ist, Kind.“
„Es geht schon. Oder auch nicht. Aber das hängt nicht davon ab, ob ich hier bin oder bei Katharina.“
„Gut. Übrigens, hast du dir schon Gedanken gemacht, wo du wohnen wirst? Dein Zimmer hier ist ja noch da.“
„Mama.“ Ich nehme ihre Hände und sehe ihr tief in die Augen. „Mama, das ist wirklich lieb von euch. Aber wenn Katharina es erlaubt, werde ich bei ihr wohnen.“
„Blöde Frage!“, kommt es von hinten.
„Aber es ist so weit weg!“
„Ist es nicht. Natürlich weiter weg als nebenan, aber keinesfalls aus der Welt. Und ihr kennt den Weg.“
„Ja, kennen wir.“ Sie seufzt. „Ich schätze mal, das ist vielleicht ganz gut so, wenn sie immer da ist, um auf dich aufzupassen.“ Sie legt den Zeigefinger auf meinen Mund. „Lass deiner alten Mutter ihre Marotten.“ Ich denke an den vollen Kleiderschrank oben und nicke. „Okay, also ich werde mich jetzt ein wenig hinlegen, die Nacht war kurz.“
„Ich gehe mit“, erklärt mein Vater.
Helena und Jody erklären wie aus einem Mund, dass sie nicht müde sind und sich sonnen wollen. Und dabei einen Film gucken. Nicholas erklärt sich bereit, den Fernseher auf der Terrasse aufzubauen.
Ich sehe Katharina an. „Gehen wir auch ins Bett? So für ein paar Stunden?“
„Klar. Meine Nacht war auch kurz.“
„Na, dann bis später“, sagt mein Vater und zieht Mama mit sich.
Ich winke den Mädchen zu, dann gehe ich mit Katharina nach oben. Dass sie schlafen wird, bezweifle ich allerdings.