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Leseprobe: Fiona – Sterben

Fiona – Sterben

Rechte Hand. Ich bewege die Finger.
Déjà-vu.
Auch ohne mich aufzurichten, erkenne ich, dass ich in meinem alten Bett in meinem alten Zimmer bei meinen Eltern liege. Allein. Nackt.
Déjà-vu eben.
Ich setze mich auf und sehe mich um. Es dürfte wieder ein Morgen sein. Hoffentlich Samstagmorgen. Ich drücke die Stirn gegen die Knie und fahre mit den Händen durch die Haare.
Oh Mann.
Ich versuche, meine Erinnerungen zu ordnen. Deutlich höre ich meinen eigenen Schrei und spüre ich Katharinas Umarmung, als ich auf dem Boden liegend von einem Weinkrampf nach dem anderen geschüttelt werde. Danach verblassen die Erinnerungen sehr schnell.
Aus Erfahrung weiß ich, dass sie mich irgendwann hochgetragen und ausgezogen hat. Sowohl ihre als auch meine Sachen hängen über den Stühlen. Vermutlich hat sie sich wieder was Bequemes angezogen.
Seufzend gehe ich ins Bad, diesmal weiche ich meinem Spiegelbild allerdings nicht aus. Es sieht scheiße aus, ich also vermutlich auch.
Echt klasse.
Als ich mich vom Spiegel abwende, scheint mein Spiegelbild die Zunge rauszustrecken, doch als ich blitzschnell wieder in den Spiegel sehe, benimmt es sich wieder ganz normal. Soweit es bei mir überhaupt Normalität gibt.
Nach dem Pinkeln ziehe ich einen Schlüpfer und ein langes T-Shirt an und gehe langsam nach unten. Es ist alles genauso wie vor fünf Tagen, nur dass die Zusammensetzung der Stimmenwolke eine etwas andere ist.
In der Tür zum Salon bleibe ich stehen und lehne mich gegen den Rahmen.
Auf der Terrasse wird der Frühstückstisch gedeckt, hauptsächlich von meiner Mutter und Nadine. Margret sitzt in einem Gartenstuhl und sonnt sich, Kevin unweit davon entfernt im Schatten und spielt Nintendo. Mein Vater, Edgar und Peter spielen Karten und trinken Bier. Helena und Jody sind im Pool.
Katharina unterhält sich mit Eleonor. Als Eleonor mich erblickt, wird Katharina aufmerksam, springt auf und kommt zu mir. Sie trägt einen hellgrauen Hausanzug, sonst anscheinend nichts. Sie riecht frisch und gut. Ihre Lippen fühlen sich weich an, als sie zärtlich meinen Mund berühren.
„Ausgeschlafen?“
„Ja“, erwidere ich. „Bitte sag mir, dass wir erst Samstag haben.“
„Haben wir“, sagt sie lächelnd.
„Drol sei Dank!“
Katharina lacht schallend auf und zieht damit die Aufmerksamkeit aller auf uns. Ich winke nach draußen, ohne jemanden Bestimmten anzusehen. Meine Mutter und Margret kommen rein.
„Kind, wie fühlst du dich?“
„Bis zu dem Moment, als du mich Kind genannt hast, ging es mir ganz gut.“
Meine Mutter sieht mich irritiert an, aber Katharina und Margret grinsen.
„Möchtest du einen Kaffee?“, fragt meine Mutter schließlich.
Ich nicke und sie zieht davon. Ich blicke Margret an.
„Ich möchte mich entschuldigen für mein Verhalten gestern“, sagt sie. „Weder steht es mir zu, über dich zu urteilen, noch weiß ich, welche Gründe du hast. Und aus unseren Gesprächen habe ich den Eindruck, dass du ganz sicher keine Schlampe bist, sondern eine feinfühlige, intelligente Frau. Deswegen bitte ich dich hiermit um Entschuldigung.“
Ich räuspere mich. „Das … das nehme ich natürlich sehr gerne an, Margret.“
„Super!“ Sie lächelt mich an. „Darf ich dich umarmen, ohne dass Katharina eifersüchtig wird?“
Die hat es faustdick hinter den Ohren! Das muss an der Familie liegen.
„Natürlich“, erwidere ich.
Nach der Umarmung nimmt Katharina mich an der Hand und zieht mich zu der Couch, auf der Eleonor sitzt.
„Guten Morgen, meine Liebe“, sagt diese.
„Guten Morgen. Habe ich wirklich nur eine Nacht geschlafen?“
„Oh, die anderen denken noch nach. Aber Margret ist ein besonderes Kind mit ihren eigenen Ansichten zu vielen Themen.“
„Das scheint mir auch so.“ Ich setze mich neben ihr und Katharina neben mir.
„Katharina hat mir vertraulich einige Dinge über euch erzählt. Ich habe ihr versprochen, dass ich mit niemandem darüber reden werde, außer mit deinen Eltern. Und mit Michael. Der nicht nur kein Mensch, sondern sogar ein Vampir ist. Ich habe zwar gewusst, dass er anders ist, aber mit einem Vampir habe ich nicht gerechnet.“
„Aber du bist nicht fortgelaufen“, stelle ich fest.
„In meinem Alter macht man das nicht mehr so“, antwortet sie mit einem angedeuteten Lächeln. „Mit der Zeit lernt auch der alte Mensch, dass es keinen Sinn hat, vor der Erfahrung davonzulaufen.“
„Das hast du schön gesagt. Dann habe ich ja noch bisschen was zu lernen.“
„Das glaube ich nicht, denn du hast die Weisheit der alten Seele in dir. Diese leitet dich ganz gut durch das Leben, wie es mir scheint. Und außerdem hast du Katharina an deiner Seite.“
Ich werfe einen schnellen Blick auf die Erwähnte, unsicher, ob sie ihr Geheimnis auch verraten hat. Aber der letzte Satz klingt ganz danach.
„Ich … Es tut mir leid, wie ich mich gestern aufgeführt habe.“
„Das braucht dir nicht leidzutun, meine Liebe.“ Sie nimmt meine Hände. „Du hast unter einem unglaublichen Druck gestanden. Und dieser Schmerz. Einige Reaktionen, die du erleben musstest, waren nicht schön. Und auch jemand wie du kommt an die Grenzen. Aber das ist nichts, wofür du dich entschuldigen musst.“
Ich nicke langsam und atme tief durch. „Ja, vielleicht hast du recht. Ich glaube, ich brauche jetzt …“
„Einen Kaffee!“, ergänzt Katharina und deutet auf meine Mutter, die genug Kaffee für eine ganze Armee mitbringt. Ich nehme eine Tasse, dann gehe ich auf die Suche nach Zigaretten. Mit meiner Beute gehe ich nach draußen und setze mich neben dem Pool in einen Rattanstuhl. Jody und Helena sehen mich kurz an, dann spielen sie weiter.
Das Frühstück verläuft ohne Aussetzer und andere Peinlichkeiten. Nadine und Kevin benehmen sich freundlich, aber reserviert mir und Katharina gegenüber, im Gegensatz zu Margret, die sich sogar neben Katharina setzt und sich intensiv mit der über Arbeitschancen in Marketingabteilungen unterhält. Katharina macht ihr klar, dass sie die besten Chancen mit einem schnell absolvierten Studium hat, in dem sie die handwerklichen Grundlagen lernt und bietet ihr an, sich bei ihr zu melden, wenn sie in diese Richtung gehen möchte.
Danach ist Abschied angesagt. Nadine lässt sich sogar zu einer kurzen Umarmung hinreißen, Kevin winkt uns nur kurz zu und setzt sich schnell ins Auto. Margret verabschiedet sich herzlich von allen und bekommt von Katharina noch eine Visitenkarte mit ihrer privaten Handynummer.
Nach der obligatorischen Umarmung legt Eleonor die Hände auf Katharinas Arme und sagt ernst: „Ich hoffe für euch und auch für uns, dass ihr dieses schreckliche Verbrechen aufklären werdet. Nicht, weil ich Rache für meinen Sohn will, was ich natürlich auch will, aber man soll sich ja besser nicht von Rache leiten lassen, sondern weil mein Gefühl mir sagt, dass schwere Zeiten auf uns zukommen.“
Noch eine, die das sagt. Es beruhigt mich nicht, im Gegenteil, denn schließlich spüre ich es ja auch.
Katharina nickt. „Wir werden uns darum kümmern, ebenfalls nicht, um uns zu rächen.“
„Gut.“ Eleonor streichelt mein Gesicht, dann setzt sie sich zu Peter ins Auto und gemeinsam fahren sie vom Grundstück.
„Puh“, sagt meine Mutter. „Das war ja aufregend.“
„Wolltest du nicht peinlich sagen?“, erkundige ich mich.
„Wieso peinlich? Weil selbst du Nerven hast und deine Gefühle auch mal zeigst?“
„Äh …“
Katharina nimmt mich schnell in die Arme und sagt lachend: „Nimm es einfach an, mein Schatz. Deine Mutter hat recht, auch wenn du sehr emotional agierst, zeigst du selten deine wahren Gefühle. Wir lieben dich so, wie du bist.“
„Aha. Dann ist ja gut. Können wir jetzt wieder reingehen?“
Ich gehe vor. Das ist ja furchtbar. Meine Gefühle gehen nur mich was an. Okay, vielleicht auch Katharina. Und überhaupt. Wieso sagen die das ständig? Wie kommen sie auch nur auf die Idee, ich würde meine Gefühle nicht zeigen?
Mir fällt ein, was James dazu gesagt hat, als wir unseren großen Streit hatten. Er, der große Meister im Verbergen von Gefühlen, ausgerechnet er, wies mich darauf hin, dass ich das ebenfalls gut könnte.
Und außerdem, Katharina? Hat nicht sie mich vier Jahre lang hingehalten und dabei voll ihre masochistischen Gelüste ausgelebt?
Wie kommen diese Leute dazu, mir zu sagen, ich soll mal meine wahren Gefühle zeigen?
Hallo?
Ich bleibe neben dem Pool stehen und Katharina legt von hinten die Arme um mich.
„Hab dich! Wo wolltest du denn hin? Kann es sein, dass du ein wenig sauer bist?“
„Ja!“
„Mein armer Schatz, alle hacken ständig auf dir herum. Aber, und das meine ich jetzt mal ernst, vielleicht hat es was zu bedeuten, wenn mehrere Leute dir ab und zu sagen, dass du deine wahren Gefühle ganz gut verbergen kannst.“
Ich sehe sie an und renke mir dabei fast das Genick aus. „Ich kann doch mit meinen Gefühlen machen, was ich will?“
„Das schon. Nur solltest du dich dann halt nicht über die Reaktionen wundern.“
„Ich bin im Moment eben etwas dünnhäutig“, sage ich seufzend.
„Weiß ich doch. Aber gerade du musst ein bisschen aufpassen, und im Moment übernehme ich das für dich.“
„Wieso?“, erkundigt sich meine Mutter, denn meine Eltern sind auch auf die Terrasse gekommen.
„Weil sie sehr mächtig ist, viel mächtiger als andere Krieger.“
„Katharina!“
„Was denn? Deine Eltern sollten das wissen.“
„Was sollten wir wissen?“, fragt meine Mutter verwundert. „Wir wissen, dass sie unsterblich ist, schnell, stark. So wie Nilsson, John oder eben dieser Vampir.“
Ist lustig, wie Michael alle etwas irritiert. Ich weiß ja, dass meine Mutter ihn inzwischen sogar mag, aber sich nicht so richtig an seine Daseinsform gewöhnt hat.
„Fiona kann weit mehr als andere Krieger“, bemerkt Katharina, dabei hält sie mich nach wie vor fest. Unbemerkt von den anderen schiebt sie eine Hand mitsamt T-Shirt langsam unter meinen Schlüpfer. Dieses Biest!
Ich flüstere ihr ins Ohr: „Wenn du so weiter machst und ich auslaufe, sehen es alle, denn dann läuft es an meinen Beinen hinunter.“ Und stecke ihr die Zunge ins Ohr.
Das wirkt, sie zieht die Hand wieder aus meinem Schlüpfer.
„Was genau bedeutet weit mehr?“, hakt mein Vater nach.
„Das würde mich auch interessieren“, sagt Helena, die es sich auf einer Liege gemütlich gemacht hat und uns aufmerksam zuhört. Vielleicht hat sie auch das mit der Hand mitbekommen. Eh egal.
„Willst du es nicht zeigen?“
Ich mustere Katharina, dann löse ich mich aus ihrer Umarmung und beschließe, selbst sie zu schocken. Denn auch sie weiß nicht alles. Dass ich fliegen kann, ist ja schön und gut, aber das kann ich nicht, weil die Erde kaum Dichte hätte, sondern weil ich die Illusion manipulieren kann. Und das eröffnet noch ganz andere Möglichkeiten, wie ich mit der Zeit rausgefunden habe.
Ich stelle mich ganz an den Rand des Beckens und strecke einen Arm aus. Fast genau darunter bildet sich im Wasser ein Wirbel, der immer stärker wird, bis schließlich das Wasser nach oben steigt. Wie eine Schlange aus Wasser wächst es nach oben, umfließt meine Hand und windet sich spiralförmig an meinem Unterarm entlang, bis zum Ellbogen, und fließt von dort wieder zurück in das Becken.
„Cool!“, entfährt es Jody.
Katharinas Reaktion fällt etwas verhaltener aus: „Okaaaay … Damit schaffst du es, sogar mich zu überraschen.“
Ich schenke ihr ein Lächeln. „Ich weiß.“
Dann betrachte ich meine Eltern, die mich beide mit offenem Mund anstarren.
„Wie geht das denn?“, fragt schließlich mein Vater.
„Nun, die Illusion ist Realität und Realität ist Illusion. Und wer das wirklich weiß, und ich musste das lernen, der kann die Illusion und damit die Realität beeinflussen. So funktioniert jede Art von Magie. Ich muss noch viel lernen, aber das, was ich bereits kann, ist gut für ‚Ohs‘ und ‚Ahs‘.“
„Willst du nicht verraten, dass du auch fliegen kannst?“
„Fliegen?“, echot meine Mutter.
„Ja. Hast du dich gar nicht gefragt, wieso ich so schnell da war und das auch noch ohne Auto?“
„Hm“, macht mein Vater.
„Der Gedanke ging mir mal durch den Kopf, aber ich habe ihn nicht weiter verfolgt.“
„Nach dem Telefonat mit Zanda war mir, ehrlich gesagt, alles egal, deswegen bin ich einfach aus dem Bürofenster gesprungen und hierher geflogen.“
„Das ist noch viel cooler als die Wasserschlange“, stellt Jody fest. „Wie lange weißt du das denn schon?“
„Ich habe es entdeckt, als Sorned mich aus der dreißigsten Etage geworfen hat. Er hatte angekündigt, mich danach endgültig zu töten und das hätte ich nicht verhindern können, wenn ich als Fettfleck unten herumgelegen hätte. Die Kraft der Verzweiflung half mir, die Illusion so stark zu beherrschen, dass ich ungefähr einen halben Meter über den Pflastersteinen zum Stehen kam. Beziehungsweise zum Schweben.“
„Oh“, sagt meine Mutter nur.
„Das klingt nach einem sehr eindrücklichen Erlebnis“, bemerkt mein Vater. „Aber was genau meinst du mit endgültig töten?“
„Es gibt eine Möglichkeit, jedes Wesen endgültig und unwiderruflich aus diesem Universum zu entfernen. Da hilft dann auch keine Unsterblichkeit mehr. Ich werde nicht verraten, wie das geht, euch würde dieses Wissen sowieso nichts bringen.“
„Und du hast dann den Spieß umgedreht?“ Mein Vater ist gefährlich. Er nutzt seinen Verstand gerne und effizient, das ist mir öfter aufgefallen, seitdem ich ihn nicht mehr hasse.
„Ja, ich habe Sorned ein für alle Mal entfernt.“
Ich betrachte die Wasserschlange, dann lasse ich sie wieder in das Becken gleiten.
„Okay, mehr Zaubertricks gibt es vielleicht später. Und ja, Katharinas Sorge ist nicht unberechtigt. Aber du beschützt mich und die anderen ja, oder?“ Ich gebe ihr einen Kuss auf den staunenden Mund.
„Ich versuche es.“
„Nicht versuchen. Tue es oder lass es.“
„Das ich werde“, erwidert sie grinsend.
„Bestens! Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag?“
„Bleibt doch einfach noch bis morgen hier“, schlägt meine Mutter vor. „Natürlich nur, wenn das nicht zu viel für dich ist, Kind.“
„Es geht schon. Oder auch nicht. Aber das hängt nicht davon ab, ob ich hier bin oder bei Katharina.“
„Gut. Übrigens, hast du dir schon Gedanken gemacht, wo du wohnen wirst? Dein Zimmer hier ist ja noch da.“
„Mama.“ Ich nehme ihre Hände und sehe ihr tief in die Augen. „Mama, das ist wirklich lieb von euch. Aber wenn Katharina es erlaubt, werde ich bei ihr wohnen.“
„Blöde Frage!“, kommt es von hinten.
„Aber es ist so weit weg!“
„Ist es nicht. Natürlich weiter weg als nebenan, aber keinesfalls aus der Welt. Und ihr kennt den Weg.“
„Ja, kennen wir.“ Sie seufzt. „Ich schätze mal, das ist vielleicht ganz gut so, wenn sie immer da ist, um auf dich aufzupassen.“ Sie legt den Zeigefinger auf meinen Mund. „Lass deiner alten Mutter ihre Marotten.“ Ich denke an den vollen Kleiderschrank oben und nicke. „Okay, also ich werde mich jetzt ein wenig hinlegen, die Nacht war kurz.“
„Ich gehe mit“, erklärt mein Vater.
Helena und Jody erklären wie aus einem Mund, dass sie nicht müde sind und sich sonnen wollen. Und dabei einen Film gucken. Nicholas erklärt sich bereit, den Fernseher auf der Terrasse aufzubauen.
Ich sehe Katharina an. „Gehen wir auch ins Bett? So für ein paar Stunden?“
„Klar. Meine Nacht war auch kurz.“
„Na, dann bis später“, sagt mein Vater und zieht Mama mit sich.
Ich winke den Mädchen zu, dann gehe ich mit Katharina nach oben. Dass sie schlafen wird, bezweifle ich allerdings.

 

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