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Leseprobe: Fiona – Reloaded

Fiona – Reloaded

Ich begrüße die Wärme und stehe mit erhobenen Armen nackt vor meinem Baum. Grauhaar hatte von der kalten Numoa erzählt, wenn mit dem Gongschlag des Dunkelhellwechsels plötzlich kalt wird, Schnee fällt und Wasser hart wird. Jetzt weiß ich auch, was Schnee ist. Weißes Wasser, das wieder flüssig wird, wenn man es in die Hand nimmt. Oder in den Mund. Es ist aber nicht so hart wie das Eis, hartes Wasser, das aber auch wieder weich wird, wenn man es in den Mund nimmt.
Und man braucht gute Kleidung in der kalten Numoa. Denn es ist wirklich kalt. Zum Glück bin ich ja vorbereitet gewesen und habe mir Kleidung von Soldaten besorgt. Sie haben nach mir gesucht, aber im Wald konnte ich mich gut verstecken. Und ich weiß jetzt, dass ich gegen sie kämpfen kann, auch wenn ich nicht verstehe, wieso. Ich denke, das habe ich mal gelernt und es vergessen, so wie ich alles vergessen habe. Die Soldaten wissen auch, dass ich gegen sie kämpfen kann, und sind vorsichtig, aber eben nicht vorsichtig genug. Das heißt, jetzt schon. Nachdem ich einige von ihnen überwältigt habe, weil ich Kleidung brauchte, sind sie viel vorsichtiger geworden und gehen nur noch in größeren Gruppen durch den Wald. Wenn überhaupt.
Mir egal.
Ich verbrachte die kalte Numoa in meiner Baumhöhle, die ich zufällig entdeckt habe. Sie gehörte einem Tier, aber es sah ein, dass ich stärker bin, und suchte sich ein neues Zuhause.
Nun bin ich froh, dass die kalte Numoa vorbei ist. Mit dem Dunkelhellgongschlag ist der Schnee verschwunden und ich brauche nicht mehr unbedingt Kleidung. Wobei sie sinnvoll ist. Im Wald ist es unangenehm ohne Kleidung, sie schützt vor Dornen und Krallen. Aber wenigstens reicht das Kleid wieder.
Ich war bei Grauhaar, nachdem ich die Wärter getötet hatte. Sie sagte, ich sollte mich verstecken, sie werden überall nach mir suchen. Ich durfte ihr nicht sagen, wo ich mich verstecken wollte.
Als Erstes gehe ich im Fluss baden. Das tut nach den vielen Numos gut. Zwischendurch werfe ich einen Blick auf mein Kleid und das Schwert, das auf dem Kleid liegt. In dieser Gegend sind sonst keine Menschen, aber sie werden jetzt, wo es wieder warm ist, sicher erneut nach mir suchen. Ich muss vorsichtig sein.
Und ich muss nachdenken. Was soll ich tun? Hierbleiben? Woanders wird es doch nicht besser sein. Oder doch? Ich klettere aus dem Wasser und setze mich nackt neben mein Kleid, um trocken zu werden. Die warme Luft streichelt meine Haut, und ich habe das Gefühl von Vertrautheit. Etwas ist aber anders. Ich weiß nur nicht, was. Und was überhaupt so vertraut ist.
Wenn ich mich nur erinnern könnte. An irgendetwas. Egal was.
Ich lege mich hin, mit dem Kopf auf dem Kleid. Mit einer Hand umklammere ich den Schwertgriff und weine leise.
Doch vom Weinen wird nichts besser, im Gegenteil. Ich wische die Tränen ab, streife das Kleid über und gehe zurück zu meinem Baum. Ich beschließe, Grauhaar zu besuchen.
Zuerst muss ich sichergehen, dass sie allein ist, also beobachte ich das Haus, das an einigen Stellen nicht mehr so aussieht wie vor der kalten Numoa. Es verfällt, hat Grauhaar mal gesagt. Jetzt kann ich gut sehen, was sie damit gemeint hat.
Ich glaube, ich verfalle auch. Nicht mein Körper, der verfällt gar nicht, aber etwas in mir verfällt. Ich weiß nur nicht, was das ist.
Da Grauhaar allein zu sein scheint und auch sonst niemand zu sehen ist, gehe ich ins Haus. Grauhaar finde ich in ihrem Zimmer, wo sie fast immer ist, wenn ich sie sehe. Als sie mich sieht, lächelt sie.
„Kyo! Kyo ist da!“
„Es ist warm“, erwidere ich und setze mich neben ihr. „Hast du Wein?“
„Ich denke, du trinkst keinen Wein mehr“, sagt sie, holt aber trotzdem eine Flasche hervor. Ohne aufzustehen. Sie hat fast alle ihre Sachen so um sich angeordnet, dass sie nur selten aufstehen muss.
„Heute ausnahmsweise. Wie geht es dir?“
Sie trinkt aus der Flasche, bevor sie mir diese reicht. Ich nehme auch einen Schluck.
„Meine Knochen tun weh. Von der Kälte. Doch jetzt wird es bald besser.“
„Geh doch nach draußen. Da ist es viel wärmer!“
„Zu gefährlich.“ Sie mustert mich. „Für dich auch. Die Leute reden über dich, weil du den Soldaten das Fürchten lehrst. Und es wird geredet, dass der König kommt.“
Ich zucke die Achseln. „Was interessiert mich der König?“
„Seine Soldaten sind gefürchtet. Sie sind nicht so ängstlich und schwach wie die Soldaten von Lord Sakumo.“
„Ja. Gut. Ich passe auf.“ Und sie nervt mich. Manchmal. Obwohl sie recht hat. Ich kann gut kämpfen, das weiß ich ja inzwischen. Aber auch andere können bestimmt gut kämpfen. Echte Soldaten auf jeden Fall. Ich beschließe, dass ich wirklich aufpassen werde.
„Wie ist der König?“, erkundige ich mich.
Grauhaar grinst. „Er interessiert dich also doch! Nun, ein großer Mann, von majestätischer Erscheinung. Wie ein König eben. Ein echter König. Ein weiser, gerechter König.“
„Dann wird er mich nicht jagen lassen! Dann wird er wissen, dass ich nichts Böses getan habe! Ich habe mich nur verteidigt!“
„Woher soll er das wissen? Lord Sakumo wird ihm das bestimmt nicht erzählen.“
„Dann tue ich das!“
Grauhaar lacht kurz auf. „Du kommst nicht einmal in seine Nähe! Halt dich einfach versteckt, solange er da ist. In den Wäldern werden dich auch seine Soldaten nicht finden.“
Ich starre sie wütend an.
„Du brauchst nicht so zu schauen, du Wildkatze. Es ist so, wie ich es dir sage. Oder habe ich dich mal angelogen?“
„Nein“, antworte ich missmutig.
„Dann hör auf mich.“
„Hast du den König schon gesehen?“
Grauhaar nickt. „Er war schon einige Male hier. Er reist oft durch sein Land. Ich glaube schon, dass er dir begnadigen würde, wenn er wüsste, was wirklich passiert ist. Aber er wird es nicht erfahren.“
„Ja. Dann gehe ich lieber jagen. Ich komme nachher nochmal.“
Grauhaar nickt erneut. Ich gebe ihr die Flasche zurück und gehe wieder in den Wald. Dabei denke ich darüber nach, was sie erzählt hat. Der König scheint ein guter Mann zu sein, wenn Grauhaar so über ihn spricht, aber ich glaube, er wird von seinen Leuten beschützt und nur solche wie der Lord können direkt mit ihm sprechen. Das macht er irgendwie falsch, der König. Er müsste eher auf Menschen hören, die wissen, was in seinem Land geschieht.
Zum Beispiel auf dich, Wildkatze?
Ja, zum Beispiel. Wieso rede ich eigentlich mit mir selbst?
Kopfschüttelnd verscheuche ich die Gedanken und konzentriere mich auf das Jagen. Und das ist auch gut so. Ich höre Tiere und schleiche mich an sie heran.
Bären. Eine ganze Bärenfamilie. Von ihnen könnte ich lange satt werden. Allerdings könnte es auch passieren, dass sie von mir satt werden. Nur nicht ganz so lange. Ich suche mir lieber leichtere Beute.

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