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Leseprobe: Fiona – Reloaded

Fiona – Reloaded

Mohk sieht aus wie immer. Die Haare strubbelig, die Augen wachsam. Asman steht schon bereit für mich. Vor Mohk liegen einige Bücher.
„Wie hast du geschlafen, Ringträgerin?“
„Soll ich dich in eine Kröte verwandeln? Wieso nennst du mich Ringträgerin?“
„Könntest du das denn?“, erkundigt sich Mohk amüsiert.
„Wenn ich mich anstrenge, bestimmt!“
„Nun denn. Das würde mich interessieren, ob du das schaffst. Ich fürchte nur, sich anzustrengen ist nicht genug.“
„Aha. Du wolltest mir ja erzählen, was Magie ist, vielleicht weiß ich danach, was ich tun muss, damit du quakend durch die Welt hüpfst!“
„Genau. Oder auch nicht. Ich fürchte, das Wissen aus den alten Büchern ist zwar interessant, aber keine Anleitung.“
„Warum sitze ich dann hier?“
„Um Asman zu trinken. Außerdem kann es ja sein, dass du etwas mit dem anfangen kannst, was für mich kaum Sinn ergibt.“
„Dann erzähl mal.“
„Am Anfang war Elixa …“
„Mohk!“
„Wirklich! Elixa spielt eine wichtige Rolle dabei, was nicht verwunderlich ist.“
„Wieso nicht?“
„Weil es ja immerhin darum geht, dass mit Magie Dinge möglich sind, die eigentlich nicht möglich sind. Sand kann sich eigentlich nicht zur Menschengestalt formen und kämpfen. Richtig?“
„Richtig.“
„Magie bedeutet also, Dinge geschehen zu lassen, die eigentlich den uns bekannten Naturgesetzen widersprechen. Und da die Naturgesetze von Elixa festgelegt wurden, ist es naheliegend, dass sie diese auch aufheben kann.“
„Ist gut. Verstehe ich. Und wie macht sie das?“
Mohk zuckt die Achseln. „Wie soll ein Mensch Elixa verstehen können? Ich habe aber verschiedene Legenden gefunden dazu, die zwar unterschiedlich sind, aber einen gemeinsamen Teil haben. Ich denke, der Rest ist Ausschmückung durch den jeweiligen Chronisten. Interessant könnte der gemeinsame Teil sein, denn hier kommen wieder die Zeitmacher ins Spiel.“
„Die scheinen irgendwie wichtig zu sein.“
„Das sind sie auf jeden Fall“, sagt Mohk und nickt. „Denk allein an die Helldunkelwechsel, an die Nums, an die Zeit.“
„Du glaubst daran, dass das passiert, weil die Steine hin und hertragen?“, frage ich entgeistert.
„Du nicht? Welche Erklärung hast du denn für die Gongschläge? Die überall gleich laut sind.“
„Gar keine. Aber das mit den Zeitmachern …“
„Immerhin stammen die Zauberer von den Zeitmachern ab. Vielleicht auch du. Was starrst du mich so an? Der Gedanke ist doch naheliegend, oder?“
Er hat recht, denn wenn ich auch Magie kann, und davon scheinen die Zauberer auszugehen, dann wäre auch ich eine Nachfahre der Zeitmacher, sofern die ganzen Geschichten überhaupt wahr sind. Tatsache ist jedenfalls, dass es keinem Naturgesetz zu entsprechen scheint, dass Tee innerhalb von Augenblicke fertig ist, nachdem er in eine Tasse gefüllt wurde – als Pulver. Von unsichtbaren Palästen ganz zu schweigen. Oder von riesigen Muonen. Doch, der Gedanke, dass ich etwas mit den Zeitmachern zu tun haben könnte, ist sehr naheliegend.
„Also gut, und was hat nun Elixa damit zu tun? Oder wie?“
„Der Legende nach hat Elixa, als sie die Welt aus einem Samenkorn entstehen ließ, eine Handvoll Blütenstaub genommen und in die wachsende Welt hinein gepustet. Der Blütenstaub hat sich dann verteilt, allerdings ganz fein, denn eine Handvoll für eine ganze Welt ist ja nicht viel. Doch es gab einige Menschen, welche den Blütenstaub aufgenommen haben. Aus ihnen wurden die Zeitmacher. Und sie geben den Blütenstaub auch an ihre Nachkommen weiter. Dieser Blütenstaub ist es, der Zauberern ihre Kräfte verleiht.“
„Ich trage Blütenstaub in mir?“, frage ich entgeistert.
„Möglicherweise.“ Mohk nickt belustigt. „Es ist die Legende dazu. Wenn ich ehrlich bin, ist diese Erklärung genauso wahrscheinlich wie jede andere, die wir gar nicht kennen.“
„Vielleicht wissen wir einfach nur viel zu wenig über die Welt und verstehen darum vieles nicht.“
„Das mag sein. Wie dem auch sei, die Zauberer können Dinge auf eine Art und Weise verändern, wie andere Menschen es nicht können. Nimm Eisen. Eisen wird in den Minen abgebaut und in der Hitze zu Schwertern oder Scharnieren geformt. Der Schmied braucht das Feuer und seine Körperkraft dazu. Ein Zauberer nur seinen Willen.“
„Ein Zauberer kann Schwerter schmieden? Einfach so?“
„Das war nur eine Metapher. Aber im Grundsatz ist das so mit der Zauberei. Denk an die Sandmenschen. Zauberer können mit der Kraft ihrer Gedanken dem Sand befehlen, etwas zu tun, was er sonst nicht tut. Oder sie öffnen Türe, ohne sie zu berühren.“
„Sie öffnen Türen?“
Mohk nickt erneut. „Es gibt unzählige Berichte von früher darüber, dass Zauberer Gegenstände mit der Kraft ihres Geistes bewegen können. Und eine Tür zu öffnen ist doch auch nichts anderes, als sie zu bewegen.“
„Das ist wahr.“ Ich sehe die Tür zu seinem Arbeitszimmer an, die ich hinter mir geschlossen habe, als ich hereinkam. Eigentlich sollte ich sie doch auch öffnen können. Aber wie geht das? Was muss ich tun, damit Dinge sich bewegen, wenn ich das will?
„Du musst dich mehr anstrengen“, sagt Mohk, und ich höre, dass er grinst.
Ich ignoriere seine Unverschämtheit und denke nach. Den Ring muss ich doch auch nicht so anstarren. Und meine Kräfte habe ich sofort gehabt, nachdem ich den Ring über den Finger gestreift hatte. Bevor ich in der Dunkelheit sehe, muss ich nicht erst darüber nachdenken, dass ich in der Dunkelheit sehen will. Ich tue es einfach.
Tür, öffne dich einfach.
Tür? Wieso öffnest du dich nicht?
Hm. Das ist natürlich Blödsinn. Ich tue es ja nicht selbst, sondern befehle der Tür, etwas zu tun. Kann ja so nicht klappen. Ich muss etwas tun, nämlich die Tür öffnen. Aber eben nicht mit den Händen, sondern mit meinem Willen.
Jetzt ist die Tür geschlossen, aber ich will, dass sie offen ist. Ich will nicht, dass sie sich öffnet. Ich will, dass sie offen ist.
Ich will, dass sie offen ist.
Ohne dass die Klinke sich bewegt, schwingt die Tür knarrend auf.
Oh!
Ich sehe Mohk an, dessen völlig entgeisterter Gesichtsausdruck verrät, dass er damit nicht gerechnet hat.
„Du solltest mich lieber nicht mehr ärgern“, stelle ich dann lächelnd fest.
„Wie … wie hast du das denn gemacht?“
„Ich trage wohl wirklich Blütenstaub in mir“, erwidere ich. „Du hast mir jedenfalls sehr geholfen. Warte mal, vielleicht war es ja nur ein Zufall.“ Ich mache eine Bewegung mit der Hand, als wollte ich die Tür schließen, und sie fällt mit einem Knall zu. „Gut, dass ist dann wohl kein Zufall mehr. Ich bin begeistert. Mohk, bitte erzähle niemandem davon. Versprichst du mir das?“
Er nickt stumm.
„Gut. Ich suche dann meine Leute und wir werden aufbrechen.“
„Ich wünsche euch viel Erfolg. Ich glaube, deine magischen Kräfte, die du gerade entdeckt hast, werden dir hilfreich beim Überleben sein.“
„Das glaube ich allerdings auch.“
Ich umarme Mohk kurz, dann gehe ich auf die Tür. Und weil es Spaß macht, öffne ich sie mit Willenskraft. Zum Glück stehen in diesem Teil des Schlosses nicht vor jeder Tür Wachen, nur vor dem königlichen Arbeitszimmer, wenn dort jemand drin ist. Wie beispielsweise jetzt. Aber sie sehen nicht in meine Richtung, also schließe ich die Tür wieder mit Willenskraft.
Die Tür, die mich zu Askan führt, brauche ich auch nicht zu berühren, aber das liegt daran, dass die Wachen sie mir öffnen und hinter mir auch zumachen.
Askan unterhält sich mit Bato und Gaskama.
„Du bist ja noch da“, sagt Gaskama.
„Nicht mehr lange. Ich wollte mich nur verabschieden.“
Askan sieht mich seltsam an.
„Ich habe mit Mohk gerade die Zauberei geübt.“
„Die Zauberei geübt?“, wiederholt Askan. „Ich habe dich noch nie zaubern sehen.“
„Das liegt daran, dass ich gar nicht wusste, was ich alles kann.“
„Was kannst du denn?“
Ich blicke kurz zur Tür und beschließe, sie in Ruhe zu lassen. Eine sich von selbst öffnende und schließende Tür würde die Wachen nur unnötig aufregen. Also suche ich etwas Anderes. So ein Weinkelch, vor allem, wenn noch Wein drin ist, auf den ich plötzlich Durst habe, ist sehr gut geeignet, finde ich. Ich strecke also meine Hand aus und muss mich beeilen, die Finger um den Stiel zu schließen, bevor der Kelch noch nach unten fällt, so schnell ist er da. Ich glaube, ich sollte das Zaubern wirklich üben.
Ich trinke den Wein, während die anderen mich fassungslos anstarren.
„Ich finde diese Zauberei inzwischen ganz hilfreich“, erkläre ich dann.
„Ja, du wirst nicht mehr verdursten“, stellt Gaskama fest.
„Ach, bist du lustig. So, und jetzt verabschiede ich mich wirklich. Sobald ich den Kopf von Barka habe, komme ich zu euch.“
„Köpfe ihn aus der Ferne. Jetzt kannst du es ja.“ Ich sehe Askan an, dann stelle ich mich auf die Fußspitzen, packe seinen Kopf und küsse ihn wild. Gaskama und Bato bekommen nur eine Umarmung.

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