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Leseprobe: Fiona – Reloaded

Fiona – Reloaded

„Was ist das?“
„Das ist eine Blume.“
„Wie heißt sie?“
„Blume.“
„Nur Blume?“
„Nein, nicht nur Blume, aber ich weiß nicht, wie sie sonst noch heißt. Siana, weißt du es?“
„Das ist eine Blaublüte“, antwortet Siana, vor Lachen halb erstickt.
„Die Blume heißt Blaublüte“, teile ich Kian mit.
„Hab ich gehört.“ Er wirft die Blume weg und rennt zu der nächsten am Wegesrand. Wenn es so weitergeht, kommen wir erst lange nach dem Dunkelgong wieder im Schloss an. Wie bringe ich den Kleinen dazu, etwas schneller zu gehen, ohne seinen Wissensdurst zu stören?
„Wie heißt diese?“
Er hält mir eine gelbliche Blume mit weißen Blättern hin. Müsste Kamille sein.
„Papa weiß das bestimmt. Wollen wir ihn fragen?“ Papa ist zwar grad in einer Sitzung, aber diese findet im Schloss statt. Also ist Papa im Schloss, und das dürfte Kian noch bewusst sein.
„Später. Da sind noch mehr!“ Er drückt mir die Kamille in die Hand und rennt wieder zum Wegesrand.
„Verflucht“, murmele ich und löse damit den nächsten Lacherstickungsanfall bei Siana aus. „Wir nehmen in Zukunft nur noch die Kutsche.“
„Gute Idee“, meint Siana.
Zum Glück ist Kian doch ein kleines Kind, allzu lange hält sein Interesse an den Blumen nicht vor. Ich schlage ihm vor, ihn auf die Schulter zu nehmen, was er sehr gut findet. Allerdings leiden meine Haare etwas darunter, denn er findet den Pferdeschwanz ausgesprochen gut geeignet, um mich zu lenken. Etwas doof komme ich mir schon vor, als ich seine Richtungsangaben befolge und wie eine Betrunkene über den Weg wanke.
Doch die Num war bereits lang und er wird allmählich müde. Das führt dazu, dass wir schneller als befürchtet im Schloss ankommen, mit einem auf meinem Kopf eingeschlafenen Sohn, den ich an seinen Beinen festhalte.
„Soll ich ihn ins Bett bringen?“, erkundigt sich Siana grinsend.
„Ja, bitte.“ Ich überreiche ihr den Kleinen vorsichtig.
„Ich fand es übrigens auch diesmal sehr schön, wie du das machst und dass du das machst.“
„Was genau meinst du, Siana?“
„Dein ‚Markttreffen mit Kyo‘. Die Menschen finden das sehr gut, so was gibt es sonst nirgendwo. Mich haben schon so viele Menschen darauf angesprochen, dass alle ganz begeistert sind. Und heute habe ich wieder beobachtet, wie du das machst. Du nimmst dir für alle Zeit, bist ganz geduldig und das, was du sagst, damit können die Leute wenigstens was anfangen.“
„Äh … Danke, Siana.“
Sie lächelt mir zu, dann geht sie mit Kian auf dem Arm die Treppe hoch und ich in den Königssaal, in dem sich Askan aufhält, wenn er nicht gerade eine Sitzung hat oder unterwegs ist. Sein Arbeitszimmer, sagt er immer. Es ist zwar so groß, dass darin die halbe Stadt unterkommen könnte, aber es ist halt sein Arbeitszimmer. Und meins auch, obwohl ich eigentlich lieber mit den Menschen unmittelbaren Kontakt habe. Deswegen hatte ich schon vor einiger Zeit mein „Markttreffen mit Kyo“ eingeführt. Immer wenn Markt ist, bin ich auch da, in einem eigenen Zelt. Alle dürfen hinkommen und mir ihr Anliegen erzählen. Es sind überwiegend die Frauen, die diese Möglichkeit nutzen. Ob sie nur erzählen, wie es ihnen geht, oder ob sie ein Problem haben, das sie alleine nicht lösen können, ich höre ihnen zu. Tee und Asman stehen bereit. Oft sitzen wir auch in kleinen Gruppen da und hören uns gegenseitig zu. Manche sind öfter da, andere sehe ich zum ersten Mal. Und manchmal, wie heute eben auch, ist Kian dabei. Er ist nicht viel älter als das Markttreffen. Sechs Numoas. Wie die Zeit vergeht!
Bis auf die Wachen vor der Tür ist niemand da. Ich mache den beiden Asman, dann setze ich mich an meinen Tisch und lese die Berichte durch, die ich mir regelmäßig anfertigen lasse. Darin ist alles erfasst, was irgendwie wichtig sein könnte. Unsere Finanzen, der Bestand an Tieren, Verbrechen, die verübt wurden, Geburten, Todesfälle. Und Sonstiges, was irgendjemandem irgendwie aufgefallen ist. Anfangs gab es viel Gebrumme, weil es ist viel Arbeit, doch inzwischen haben die Leute gemerkt, dass es eine gute Sache ist, und ich muss nicht mehr hinterherrennen.
Heute ist nichts wirklich Besonderes dabei, dennoch habe ich das Gefühl, etwas wäre anders. Ich gehe die Berichte noch einmal durch, ohne etwas zu finden. Doch das Gefühl bleibt, daher beschließe ich, dass es Zeit wird für unser Treffen. Ich drehe dreimal den Ring, dadurch weiß Nuoka, dass wir uns zur üblichen Zeit am üblichen Ort treffen werden. Wäre es dringend, würde ich ein zweites Mal am Ring drehen, wieder dreimal. So haben wir es vereinbart.
Askans Sitzung dauert heute lange, als er hereinkommt, sieht er müde aus. Ich sehe ihn fragend an.
„Nichts Besonderes“, erklärt er. „Aber irgendwie viel Unruhe.“
„Hm. Das Gefühl habe ich auch, ohne einen Grund dafür ausmachen zu können. Ich habe Nuoka Bescheid gegeben.“
„Ob ein Elf mehr weiß?“
Ich zucke die Achseln. „Sie bekommen andere Sachen mit als wir.“
Askan mustert mich. Ich trage ein schlichtes Kleid und Stiefeln, wie üblicherweise, wenn ich auf dem Markt war.
„Wie war das Treffen?“
„Gut“, erwidere ich lächelnd. „Gut, wie immer.“
„Das scheint dir wirklich Spaß zu machen.“ Er kommt näher und ich stehe auf. Er zieht mich an sich. „Womit habe ich alter König eigentlich jemanden wie dich verdient?“
„Das habe ich auch noch nicht herausgefunden. Irgendeinen Grund wird es schon geben.“
„Da ist wieder dein Wildkatzenhumor, Wildkatze. Hast du Hunger? Ich habe beschlossen, der Staat kann für heute Staat sein, wie er will.“
„Gute Idee. Wir können im Garten etwas essen.“
Gelegentlich treffen wir uns mit Gaskama und anderen im Garten und essen dort, wenn wir früh genug die Arbeit beenden. Wie heute. Oft sind Shaka und Mauka dabei, manchmal auch Huna mit einigen anderen Damen. Das sind Gelegenheiten, bei denen Askan und ich aufpassen müssen, uns nicht zu verraten. Von den Elfen weiß außer uns beiden niemand, nicht einmal Gaskama.
Es war schon schwer genug, Askan diese Neuigkeit beizubringen. Zu meiner Überraschung hat er davor noch nie von den Elfen gehört. Von den Wölfen, die Grenzen bewachen, wusste er hingegen, hielt sie aber für eine Legende, zumal es Wölfe nicht nur in Grenzgebieten gibt.
Heute taucht irgendwann auch Siana mit Kian auf. Der Kleine war nicht bereit, einzuschlafen, nachdem er uns draußen gehört hat. Ich nehme ihn auf den Schoß, nachdem er alle anderen begrüßt hat, am längsten natürlich seinen Vater.
Es wird eine lustige, entspannte Runde, dennoch kann ich die Unruhe nicht ganz vergessen. Ab und zu mustert mich Askan nachdenklich, bis ich ihm zuzwinkere und Kian gebe. Danach ist er beschäftigt.
Kurz vor dem Dunkelgong gehen wir hoch. Siana nimmt Kian mit sich, er schläft bei ihr, seitdem ich ihm nicht mehr die Brust gebe. Anfangs fand er das ungewohnt, aber inzwischen besteht er sogar darauf. Er liebt Siana heiß und innig.
„Schlaft gut“, sagt er, nachdem er seinem Vater und mir einen Kuss gegeben hat.“
„Du auch, mein Schatz“, erwidere ich lachend und gebe ihm schnell auch einen Kuss, etwas, was er nicht immer mag. Heute ist er gnädig gestimmt, er fährt zwar mit dem Ärmel über die Stirn, sagt aber nichts.
„Er wird mal ein großer Frauenheld“, bemerkt Askan, während wir in unsere Gemächer gehen.
„Wie sein Vater, nehme ich an.“
„Ja, auf jeden Fall. Und wenn er eine Frau findet wie der, kann er sich glücklich schätzen.“
„Schleime hier nicht herum, König Askan!“
Er legt von hinten die Arme um mich. „Ich meine das ernst. Du bist eine außergewöhnlich ungewöhnliche Frau. Wie viele kennst du zum Beispiel, die sich in der Dunkelzeit mit einem Elfen treffen?“
„Ich glaube, da bin ich wirklich die Einzige. Das wird also schwierig für Kian.“
„Er wird an der Stelle tatsächlich Abstriche machen müssen.“ Seine Hände gleiten an meinem Bauch entlang nach oben und umfassen durch das Kleid meine Brüste. Ich drehe den Kopf nach oben, um ihn zu küssen.
Wir lieben uns lange und behutsam. Als Askan schließlich einschläft, zwinge ich mich, wach zu bleiben. Lange muss ich nicht warten, bis ich seine gleichmäßigen Atemzüge höre.
Ich klettere aus dem Bett und ziehe die Sachen an, die für diesen Zweck bereit liegen. Im Grunde handelt es sich dabei um einen groben Reitanzug, denn der Weg ist umständlich. Damit es kein Gerede gibt, verlasse ich das Schloss so, dass die Wachen mich nicht sehen. Das ist nur möglich, weil ich einerseits im Dunkeln sehen kann und andererseits über mehr Körperkraft verfüge als viele Männer und als bevor ich den Ring fand.
Askan liegt auf dem Rücken. Ich beuge mich über ihn und küsse ihn so sanft, dass er nicht wach wird. Dann binde ich meine Haare hoch zu einem Pferdeschwanz und klettere aus dem Fenster. Die Wand bietet gute Möglichkeiten, zumindest für mich, um auf das Dach zu gelangen. Hier ist es völlig dunkel, die Wachen können mich auf keinen Fall sehen.
An einer Seite verläuft die Mauer so nah am Schloss, dass ich hinüberspringen kann. Nun muss ich aufpassen, denn die Wachen drehen regelmäßig ihre Runden und haben ihre Fackeln dabei, es ist also nicht mehr ganz dunkel. Da ich aber ihre Zeiten kenne, erreiche ich unbemerkt das Tor und klettere nach unten. Jetzt kommt eine schwierige Stelle. Die Brücke ist beleuchtet mit Fackeln, ich muss mich also unter ihr lang hangeln, dazu muss ich erst einmal von der Mauer unter die Brücke gelangen. Das ist letztlich nicht allzu schwer, allerdings gefährlich, denn ich darf dabei die Wasseroberfläche nicht berühren, sonst verliere ich den entsprechenden Körperteil unter Umständen. Bin ich erst einmal unter der Brücke, kann ich entlang der Querbalken auf die andere Seite klettern. Etwas anstrengend ist es natürlich, denn ich hänge dabei unter der Brücke.
Sobald ich die andere Seite erreicht habe, kann ich mich im Schatten in den Wald begeben. Ab hier wird es ein gemütlicher Spaziergang.
Der eigentliche Treffpunkt ist eine Höhle, die ich bei einem richtigen Spaziergang mal zufällig entdeckt hatte. Es gibt eine Stelle, an der sich natürliche Vertiefungen gebildet haben, die auch zum Sitzen geeignet sind. Sie sind weit genug drin, dass kein Lichtschein nach außen dringt, denn wenn der Elf kommt, beginnt der Ring unweigerlich zu leuchten, was auch nötig ist, damit er sich zurückverwandeln kann. Die Sprache der Wölfe ist mir nicht wirklich verständlich.
Nuoka ist schon da, als ich eintreffe, sodass der Ring zu leuchten beginnt, noch bevor ich unseren eigentlichen Treffpunkt erreiche.
Nach der Begrüßung setzt er sich auf den Felsvorsprung, auf dem er immer sitzt.
„Gibt es einen bestimmten Grund für deinen Ruf?“, fragt er.
„Ich weiß es nicht. Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl und wollte dich fragen, ob du etwas gehört hast.“
Er sieht besorgt aus. „Nichts Genaues. Aber es gibt Unruhe, es gibt Gerüchte. Und dass du auch etwas spürst, das lässt mich denken, dass es nicht nur Gerüchte sind.“
„Eigenartig. Was sind das für Gerüchte?“
„Schwer zu sagen. Teilweise widersprüchlich. Aber es sieht so aus, als würde sich eine Allianz bilden. Und es scheint dabei auch um dich zu gehen, doch das ist nichts, was dich freuen sollte.“
„Das hast du ja sehr diplomatisch formuliert, Nuoka.“
„Nun, Genaueres weiß ich leider auch nicht. Nur die Unruhe. Alle Elfen spüren sie, und das ist schlecht. Elfen können nicht die Zukunft sehen, aber sie sind sehr feinfühlig und bemerken es, wenn die Menschen sich vorbereiten. Wenn sie sich auf das Kämpfen vorbereiten.“
„Redest du von Krieg?“
„So deutlich können wir es nicht sehen. Aber es könnte auch Krieg bedeuten. Sicher ist das aber nicht.“
„Hm. Es würde mich nicht wirklich wundern. Da ist Isaka, da ist Orusa. Zumindest die beiden sind uns nicht wirklich freundlich gestimmt, seit der Sache mit dem Attentäter sowieso nicht. Ich glaube zwar nicht, dass sie wissen, wer ihn getötet hat, aber ich denke, sie sehen einen Zusammenhang mit Marbutan.“
„Davon sollten wir ausgehen“, sagt Nuoka nickend.
„Hast du schon mal einen Krieg erlebt, Nuoka?“
„Ja.“
„Scheint nichts zu sein, worüber du gerne sprichst.“
„Nein.“
„Wie verhalten sich Elfen bei einem Krieg?“
„Üblicherweise neutral.“
„Ist es üblich, dass Elfen sich mit einer Königin treffen?“
„Nein“, erwidert er zögernd.
„Würdet ihr Marbutan helfen, wenn wir angegriffen würden?“
„Ich müsste mit den anderen darüber sprechen.“
„Du hast gesagt, ihr müsst mir, der Ringträgerin, gehorchen.“
„Das ist richtig.“
„Und wenn ich euch befehlen würde, auf Marbutans Seite mitzukämpfen?“
„Dann würden wir das tun.“
„Aber eigentlich wäre es euch egal, für welches Land ihr kämpfen würdet?“
„Nein.“
„Nein?“
„Wir sehen die Unterschiede zwischen einem Land wie Marbutan und einem Land wie Isaka und helfen lieber einem Land wie Marbutan. Auch bevor es dich gab.“
„Ich verstehe. Nun, ich werde versuchen, über dem offiziellen Weg herauszufinden, was unsere Unruhe auslöst. Ich denke, ich werde dich relativ bald schon wieder rufen. Doch für heute soll das genügen.“
„Ich werde den anderen berichten und sie bitten, aufmerksam zu sein.“
„Ist gut.“
Wir verabschieden uns, dann kehre ich auf demselben Weg ins Schloss zurück, auf dem ich es verlassen habe. Askan schläft tief und fest, als ich mich nackt neben ihn lege, ihn sanft küsse und bald danach auch einschlafe.

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