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Leseprobe: Fiona – Leben

Fiona – Leben

Déjà-vu.
Blauer Himmel. Weiches Gras. Stille, bis auf Vogelgezwitscher.
Das hatte ich doch schon mal. Damals bin ich vor den Schmerzen hierher geflohen.
Und jetzt auch!
Ich setze mich abrupt auf und sehe mich um. Ich liege auf einer Wiese, die übersät ist mit Wildblumen, soweit ich sie einsehen kann. Gesäumt von einem Wald, dessen Dunkel mich anzustarren scheint.
Ich atme tief durch, denn ich erinnere mich jetzt an den Anlass, warum ich hier bin. Nach Stunden des vergeblichen Kampfes, meinen Körper zu verlassen und den Schmerzen zu entkommen, habe ich es endlich geschafft.
Garoan muss sehr mächtig sein. Immer wieder wurde ich in meinen Körper zurückgerissen, bis ich vor Verzweiflung nur noch gebrüllt habe. Vor Verzweiflung und vor Schmerz. Die sieben Schergen des Zauberers verstanden ihr Handwerk sehr gut und wussten genau, wie sie mir fast unerträgliche Schmerzen zufügen konnten, ohne dass ich ohnmächtig wurde.
Als ich die Augen schließe, sehe ich ihre grinsenden Gesichter vor mir und spüre im nächsten Moment den säuregetränkten Stab, der in meinen Armstumpf geschoben wird. Aufschreiend reiße ich die Augen wieder auf. Ich bin blitzschnell schweißgebadet.
Also Wiese. Und bloß nicht einschlafen. Verdammte Scheiße, was ist das denn für ein Zauberer?
Ich erhebe mich langsam. Dabei fällt mir der Spiegel ein. Und Emily. Ich glaube nicht, dass ich verraten werde, wo sich der Zugang zu Augle befindet. Sicher, die Schmerzen, die Garoan als unvergessliches Erlebnis bezeichnet hat, sind tatsächlich noch schlimmer als die aus meiner Erinnerung an die Cuculus. Aber hier, in der Verborgenen Welt, spüre ich sie nicht. Nachdem ich es erst einmal hierhergeschafft habe, bin ich sicher.
Ich schreite langsam über die Wiese. Unter meinen nackten Sohlen spüre ich das weiche Gras und die kitzelnde Berührung von Pusteblumen. In meiner Nähe ein ganzes Feld von Kamillenblüten, deren Duft mich wohlig umhüllt. Es hat was paradiesisch Anmutendes. Zumindest solange ich den Waldrand nicht genauer betrachte. Ich spüre deutlich, dass sich dort etwas verbirgt und auf mich wartet. Mir ist allerdings ein Rätsel, wieso es nicht aus dem Wald herauskommt.
Kann mir nur recht sein.
Plötzlich erinnere ich mich an die Elfe. Daran, wie sie mir beigebracht hat, welche Macht auch ich besitze. In der Verborgenen Welt. Und da die Gefrorene Welt Teil der Verborgenen Welt ist …
Und ich bin ja hier. Bewusst. Weil ich es will. Weil ich es kann.
Ich wende mich dem Wald zu und gehe bis zum Rand der Wiese. Je näher ich komme, umso deutlicher kann ich erkennen, dass zwischen Wiese und Wald eine Grenze verläuft. Sie klingt dunkel.
Klingt? Ich stutze, dann wird mir klar, dass ich die Grenze tatsächlich hören kann. Es ist ein dumpfes, dunkles Geräusch, wie ich es noch nie gehört habe. Dennoch weiß ich, wie gefährlich die Grenze ist und dass ich sie besser nicht berühren sollte.
Ich bleibe so vor ihr stehen, dass meine Zehenspitzen nur wenige Millimeter von dem undurchdringlich dunkelgewordenen Waldrand entfernt sind.
So viel trennt mich also von der Macht des Zauberers. Inmitten seiner grässlichen, schmerzerfüllten Dunkelheit, seines abgrundtiefen Hasses, habe ich mir meine Wiese erschaffen, auf der ich sicher vor ihm bin.
„So sieht es aus, Garoan“, flüstere ich. „Auch deine Macht ist begrenzt.“
Andererseits, auf Dauer könnte es hier ziemlich langweilig werden. Besonders groß ist die Wiese außerdem auch nicht. Vielleicht ist die Absperrung durch den Wald, die sie umgibt, an einer Stelle durchlässig. Ich schlendere an der Grenze entlang und beobachte aufmerksam den Wald. Dabei höre ich ständig das dumpfe, dunkle Geräusch. Auch dann noch, als ich die Wiese einmal umrundet habe, ohne eine Fluchtmöglichkeit entdeckt zu haben. Seufzend trete ich ein paar Schritte zurück.
Was könnte ich mit meiner neugewonnenen Freizeit denn anfangen? Mir fällt wieder ein, wie viel Mühe ich damit hatte, aus meinem Körper zu entkommen. Die Tatsache aber, dass ich es überhaupt geschafft habe, beweist eindeutig, in welchem Maße ich bereits die Grenzen der Gefrorenen Welt überwunden habe. Und das bedeutet, die Illusionen blenden mich nicht mehr.
Es bedeutet aber auch, ich kann die Illusionen verändern.
So wie ich damals mir Kleider an den Leib zaubern konnte.
Ich strecke versuchsweise eine Hand aus und wünsche mir einen Apfel. Doch anscheinend ist dieser Wunsch zu verwegen, oder vielleicht sind Äpfel zensiert im Paradies. Jedenfalls passiert nichts.
Das ärgert mich und fordert mich zugleich heraus. Ich will kein Paradies, in dem Äpfel zensiert werden, bloß weil Gott seine zwei Menschlein nicht im Griff hatte! Außerdem wäre ich dann Eva, und diesen Gedanken finde ich absolut schrecklich. Eva, das Weibchen! Die brave, liebe Frau, die alles tat, was Adam ihr sagte.
Ich nicht!
Ich strecke erneut die Hand aus und will einen Apfel darin haben.
Sofort!
Und es klappt! Erst spüre ich den Apfel nur, aber dann, nach Sekundenbruchteilen, sehe ich ihn auch. Schön rund und rot, könnte glatt von Schneewittchens Stiefmutter sein.
Geht doch.
Ich beiße herzhaft in den Apfel hinein und überlege kauend, wie ich meine neuen Fähigkeiten sinnvoll einsetzen könnte. Eine Hängematte wäre nicht schlecht. Und da sie nicht im Nichts herumhängen kann, brauche ich mindestens zwei Bäume. Apfelbäume am besten.
Ich starre die Stelle an, an der ich gerne den ersten Apfelbaum hätte, und schon beginnt er, sich zu materialisieren. Erst ist er noch sehr durchsichtig, so, als würde ihn Scottie grad zu mir beamen, aber allmählich verdichtet er sich und wird fest. Schließlich habe ich meinen ersten selbstgezauberten Baum vor mir stehen.
Sogar Äpfel trägt er, jede Menge sogar.
Coole Sache.
Der zweite Baum geht wesentlich schneller. Und die Hängematte bedarf nur noch eines Fingerschnippens.
Schade, dass das nur in der Verborgenen Welt so funktioniert.
Ich lege mich in die Hängematte, esse meinen Apfel und starre den blauen Himmel an. Langweilig ist es immer noch. Vielleicht sollte ich Gott spielen und Adam und Eva erschaffen. Sie dürfen nur nicht übertrieben keusch sein. Es könnte ein ganz interessantes Experiment sein zu beobachten, wie Menschen sich in so einem überschaubaren Ökosystem wie meiner kleinen Wiese entwickeln. Ich sollte das echt mal tun.
Aber wie erschafft man Menschen? Nach meinem Ebenbild?
Oh Gott, nein!
Ich betrachte meine nackten Füße. Irgendwie traue ich mich nicht, wirklich Menschen zu erschaffen. Bäume, Hängematte, okay, die können keinen Schaden anrichten. Aber alles, was ein Gehirn besitzt, kann potentiell seine eigene Welt zerstören. Und das wäre hier fatal.
Aber eine Schlange auch.
Trotzdem ist eine da.
Verdammt!
Ich starre die Schlange an, die sich zischelnd neben der Hängematte aufrichtet. Unmöglich, dass sich bloß aus meinen Gedanken eine Schlange materialisiert hat. Außerdem, ich habe an Menschen gedacht, nicht an Schlangen!
Wo kommt sie aber dann her? War es das mit dem sicheren Paradies?
Die Schlange beobachtet mich, wirkt aber sonst ganz friedlich. Sie will definitiv etwas von mir, bloß was? Ob ich ihr das Sprechen beibringen kann?
„Nicht nötig, das kann ich schon.“
Vor Schreck falle ich auf der anderen Seite aus der Hängematte und springe auf.
„Was zum Teufel …?“
„Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Du hast es aber geschafft! Habe ich dich erschaffen?“
„Nicht ganz.“
„Nicht ganz? Was meinst du damit?“
„Das kann ich dir nicht sagen.“
Oh mein Gott! Schon wieder ein Déjà-vu! Eine Schlange, die in Rätseln spricht!
„Was willst du dann?“
„Ich soll dir eine Botschaft überbringen. Das habe ich hiermit getan und meine Aufgabe ist erledigt.“ Bevor ich den Mund auch nur öffnen kann, ist die Schlange schon wieder verschwunden. Ich schließe den Mund wieder, denn die öffnende Bewegung konnte ich nicht mehr stoppen.
Eine Botschaft? Von wem? Von Garoan?
Überhaupt, woher könnte der von meiner Begegnung mit der Schlange wissen? Da waren ja nur Katharina, Michael und Nilsson dabei … Wie vom Blitz werde ich von der Erkenntnis getroffen: Natürlich, nur sie waren dabei! Und weil sie nicht in der Lage sind, auf die Wiese zu gelangen, da ich diese ja gegen Eindringlinge geschützt habe, schickten sie die Schlange, eine Erinnerung, die bereits in mir ist.
Das heißt, sie wissen, dass ich in der Verborgenen Welt bin.
Und das wiederum bedeutet, dass sie meinen Körper haben.
Die Botschaft lautet, ich kann wieder in meinen Körper zurückkehren. Klar, deswegen die Schlange! Auch die hat mir damals ja gesagt, dass ich in meinen Körper zurückkehren sollte.
Voll logisch!
Ich werfe einen Blick auf die Hängematte. Ich werde später zurückkommen und weiter üben. Zaubern ist geil.

 

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