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Leseprobe: Fiona – Leben

Fiona – Leben

Der Dämon packt mich an den Haaren und zieht mich hoch.
„Das war es für dich“, sagt er, und es klingt, als wäre er wütend.
Ich verzichte auf Dialoge, meine aufgeplatzten Lippen sind eine einzige Schmerzquelle. Der Schmerz macht mich allerdings wütend, und diese Wut gibt mir Kraft. Die nutze ich, um mein Knie zwischen die Beine des Dämons zu rammen. Und während dieselbe Aktion ihm vor ein paar Tagen noch nicht einmal ein müdes Lächeln entlockt hat, lässt sie ihn jetzt förmlich zusammenklappen.
Ich versetze ihm einen Stoß, dass er nach hinten fällt, dann werfe ich mich auf ihn, den Dolch mit aller Wucht in sein Herz rammend. Er bäumt sich schreiend auf, dann schlägt er seine Hand in meinen Bauch.
Der Schmerz ist bestialisch. Ich kann spüren, wie seine Krallen meine Gedärme packen und an ihnen zerren. Ich muss handeln, sonst wird das sehr, sehr unangenehm. Ich packe mit beiden Händen den Dolchgriff, atme tief durch und drehe dann den Dolch so schnell ich kann mehrmals in seinem Herzen. Ich zähle nicht mit, aber plötzlich spüre ich, wie sein Körper unter mir erschlafft.
Ich halte inne und starre in sein dunkles Gesicht. Auf einmal kann ich es erkennen, sehe seine Augen; doch diese sehen mich nicht mehr.
Er ist tot.
Endgültig.
Unwiderruflich.
Ausgelöscht.
Und seine Hand liegt noch in meinem Bauch. Ich packe seinen Unterarm und ziehe die Klaue aus meinem Bauch. Angenehm ist anders, aber im Vergleich zu den Schmerzen gerade, als er versucht hat, meinen Dickdarm auszuwringen, ist das die reinste Freude.
Ich atme tief durch und warte mit geschlossenen Augen, dass der Schmerz nachlässt.
Habe meinen ersten Krumana-Dämon erlegt.
Und hoffentlich auch den letzten.
Als ich aus der Ferne Sirenen höre, setze ich mich auf. Ganz unbemerkt kann unser Kampf ja nicht geblieben sein. Überhaupt, wo sind die anderen?
Ich ziehe den Dolch aus dem toten Körper, säubere die Klinge an seiner Kleidung und erhebe mich dann. Den Dolch stecke ich wieder in meinen Gürtel und überlege, was ich jetzt mache. Den Dämon hier liegenzulassen geht nicht. Also bleibt nur eines: Ich nehme ihn mit nach oben. Das wird spannend!
Ich raffe sein Hemd mit rechts in Brusthöhe zu einem dicken Knäuel zusammen, richte den linken Arm nach oben und denke ans Fliegen.
Es. Klappt!
Der tote Körper des Dämons ist sauschwer. Wenn ich bedenke, dass ich viel stärker bin als jeder gewöhnliche, noch so gut trainierte Mann, dann bedeutet das, dass der Dämon mehrere hundert Kilo wiegen muss. Woraus zum Teufel besteht sein Körper eigentlich?
Ich lande mit ihm auf der Terrasse und setze ihn auf den Fliesen ab. Dann gehe ich wachsam auf das Penthouse zu. Drinnen ist es dunkel und ruhig. Überall liegen leblose Körper herum, aber meine Gefährten sind zum Glück nicht dabei.
Von der Etage darunter kommen Geräusche. Ich ziehe meine Pistole und gehe vorsichtig nach unten. Hier brennt Licht, liegen auch etliche leblose Körper herum, und ich finde Katharina, Nilsson und John.
Katharina sieht mich als Erste. „Fiona! Wo hast du denn gesteckt?“
„Ich hatte mit Sorned zu tun. Wo ist Frost? Und Michael?“
„Michael sucht dich. Frost ist weg. Wir hatten ihn schon, da kamen plötzlich einige Noispeds, und während wir noch mit ihnen beschäftigt waren, nahmen sie Frost mit. Was ist denn mit Sorned?“
„Er liegt auf der Terrasse.“
„Wie, er liegt auf der Terrasse?“
„Na ja, seine Überreste.“
„Ist er tot?“
„Ja.“
„Du hast ihn getötet?“
„Ja.“
Alle starren mich entgeistert an. Wieder ist Katharina die Erste, die sich fängt.
„Hast du ihn endgültig getötet?“, fragt sie.
„Yep!“
„Der Kampf muss hart gewesen sein“, sagt Nilsson und deutet auf meinen Bauch.
„Yep! Er hat versucht, meine Eingeweide herauszureißen.“
„Aber … aber … ich denke, er ist viel stärker als wir?“ John ist immer noch fassungslos.
„Aber nicht stärker als ich. Ich geh mal ins Bad und wasch mich. Übrigens ist die Polizei im Anmarsch.“
„Ich glaube, sie sind schon da. Aber bis die herausfinden, dass sie ins Penthouse müssen, vergeht noch etwas Zeit. Ich komme mit.“ Katharina folgt mir, als ich nach oben und ins riesige, sehr luxuriöse Bad gehe.
Ich ziehe das halb zerfetzte Hemd aus und halte den Kopf über dem Waschbecken in den Wasserstrahl. Danach wasche ich auch den Bauch und den Rest des Oberkörpers. Katharina beobachtet mich stumm.
Erst als ich ein weißes Handtuch nehme und mich abtrockne, fragt sie: „Was ist eigentlich passiert?“
Ich sehe sie nachdenklich an. Ich glaube, meine neu entdeckten Fähigkeiten bleiben besser mein Geheimnis. Zumindest einige. Erst einmal jedenfalls.
„Frost war in der unteren Etage, als ich nur bedingt freiwillig nach unten ging. Und Sorned war da auch, wie ich dann feststellen durfte. Erst sah es danach aus, dass er sein Werk vollendet. Aber dann fand ich heraus, dass ich gar nicht mehr so wehrlos bin, wie ich dachte. Meine Schläge und Tritte verpufften nicht mehr wirkungslos.“
„Wie kommt das?“ Katharina sitzt auf einer Ecke der Badewanne, in der Kinder sogar schwimmen könnten.
Ich zucke die Achseln. „Ich glaube, die Ereignisse auf der Insel haben bei mir Energien freigesetzt.“
Katharina nickt. „Ja, gut möglich. Wie ich schon mal sagte, ich bin noch keiner so mächtigen Kriegerin wie dir begegnet.“ Plötzlich lächelt sie. „Und keiner so süßen!“
Ich schnappe nach Luft. Was soll das denn werden? Mit aufgerissenen Augen beobachte sie dabei, wie sie aufsteht und auf mich zukommt. In einer Hand halte ich immer noch das Handtuch, am Oberkörper trage ich lediglich den Sport-BH.
Katharina legt die Hände auf mein Gesicht, ihre vollen Lippen sind nur wenige Zentimeter von meinem Mund entfernt: „Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben, Fiona.“
„Das … das hast du aber gut verheimlicht …“
„Ich weiß. Es tut mir leid.“ Ihre Lippen kommen näher. Gleich werden sie meinen Mund berühren und ich habe nicht die Absicht, mich dagegen zu wehren.
In diesem Augenblick reißt Michael die Tür auf und ruft: „Sie haben Ben gefunden!“

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