Leseprobe: Fiona – Entscheidungen (Band 2)

– SPOILER-ALARM! –

Ich beobachte die Welle, die der letzte Tropfen aus der Kaffeemaschine verursacht. Eine einsame, letzte Welle. Wie in Trance nehme ich die Tasse und gehe zurück in mein Büro.
Draußen ist es bereits dunkel. Die Stille deutet darauf hin, dass ich wieder als Letzte gehen werde. Beim Gedanken an James und Danny beschließe ich, dass dies schon bald geschehen wird. Ich schließe am PC das Mailprogramm und die Präsentation der aktuellen Geschäftszahlen. Als das letzte Fenster sichtbar wird, zögere ich.
Fiona Flame, steht da. Mein Name. Mein Name?
Ein Artikel in einer lokalen Zeitung, die Geschichte der Stadt während der letzten 10 Jahre. Immerhin eine halbe Seite über Steve Connor und in diesem Zusammenhang über mich. Hm. Ich überlege beim Lesen, ob ich das gut finde oder nicht. Bei der recht reißerischen Aufmachung tendiere ich eher dazu, es nicht gut zu finden. Ich lehne mich zurück und halte die Kaffeetasse mit beiden Händen fest. Die Erinnerung an die Ereignisse von damals kommt hoch. Etwas überrascht registriere ich, dass ich keinen Hass und auch keine Wut mehr auf Steve Connor verspüre.
Mir fällt der seltsame Besucher in der Nacht ein. Seitdem habe ich seine Visitenkarte immer bei mir. Zwei Jahre denke ich nun schon darüber nach, ob ich ihn anrufen soll. Sollte ich diesen Artikel in der Lokalpresse etwa als Hinweis sehen, dass eine Entscheidung fällig ist?
Ich krame die Karte hervor und lege sie neben das Telefon.
Drol Wayne, Rechtsanwalt.
In einem Anfall von Entschlossenheit nehme ich das Telefon und wähle die Nummer auf der Karte. Nach einer kurzen Wartezeit klingelt es auf der Gegenseite. Ich ertappe mich dabei, dass ich an meiner Unterlippe herumkaue und überlege, wieder aufzulegen. In diesem Moment geht jemand dran.
„Drol Wayne hier.“ Eine angenehme, unauffällige Männerstimme.
„Hallo“, erwidere ich und komme mir sofort dämlich vor.
„Hallo Fiona“, sagt die Männerstimme und ich höre förmlich, wie mein Gesprächspartner grinst.
„Sie wissen, wer ich bin?“
„Scheint so. Du bist Fiona Flame.“
„Als wir uns begegnet sind, hieß ich noch anders!“
„Das ist wahr. Aber in der Zwischenzeit hast du ja auch geheiratet.“
Ich atme tief durch. „Beobachten Sie mich etwa?“
„Nein, nicht gezielt.“
„Aber ungezielt. Na super. Wer sind Sie eigentlich?“
„Das ist die falsche Frage. Ich bin Drol Wayne.“
„Und was sind Sie?“
Er antwortet erst nach einer kurzen Pause. „Diese Frage ist schon nicht so einfach zu beantworten. Und am Telefon gar nicht. Zumindest will ich sie nicht am Telefon beantworten.“
„Wie dann? Persönlich?“
„Ja, wenn du die Antworten auf deine Fragen wissen willst, werden wir uns treffen müssen.“ Er wartet ein paar Sekunden, bevor er fortfährt. „Morgen, 5 Uhr nachmittags im Café LaSoleil?“
„Na, immerhin ein öffentlicher Platz.“
Er lacht. „Genau, du brauchst keine Angst davor zu haben, dass ich dich entführe.“
„Ich glaube, davor habe ich auch so keine Angst“, erwidere ich.
„Solltest du aber“, sagt Wayne, bevor er auflegt.
Ich starre das Telefon an und bin unbegeistert. Was meinte er damit denn? Ich versuche, mich an ihn zu erinnern. Das Licht ist damals eher dürftig und mein Zustand auch nicht gerade auf der Höhe gewesen. Doch meine Erinnerung enthält nichts, was auch nur annähernd einen Mann ergeben könnte, dem ich zutrauen würde, mich zu entführen. Trotzdem bleibt ein sehr ungutes Gefühl in mir zurück, sodass ich mich mehrmals umsehe, als ich das Büro verlasse und mit dem Aufzug in die Tiefgarage fahre. Hier ist es leer und still, nur mein Auto steht in der Nähe. Während ich langsam darauf zugehe, lausche ich in meine Umgebung hinein. Nur meine Schritte sind zu hören, und mein Atem. Kopfschüttelnd schließe ich meinen Wagen auf, steige ein und fahre los. So was Bescheuertes.
Ich fahre früh genug los, damit ich noch einkaufen kann. Danny hatte schon wieder ein paar Sachen zwischen die Zähne gekriegt, also verweile ich besonders lange in einem Dessous-Shop. In Anbetracht der Summe, die auf dem Kassenzettel steht, nehme ich mir fest vor, in Zukunft alles an Wäsche vom Boden aufzusammeln, bevor ich ins Koma falle, egal wie heftig und geil der Sex war.
Bevor ich in das Café gehe, packe ich den Einkauf in den Kofferraum des nur subtil bedrohlich wirkenden Kombis. Lediglich die vier dicken Endrohre verraten, dass der Wagen selbst Ferraris jagen kann.
Obwohl ich vor 5 Uhr im Café bin, ist Drol Wayne schon da. Er sitzt an einem Ecktisch, von wo aus er den gesamten Raum gut überblicken kann. In einem maßgeschneiderten, tadellos sitzenden, dunkelblauen Anzug, mit passender Krawatte und strahlend weißem Hemd.
Er gibt mir lächelnd die Hand.
Noch bevor wir ein paar Worte tauschen können, ist die Kellnerin da. Ich bestelle Cappuccino und Apfelkuchen, Drol Wayne eine zweite Tasse Kaffee, schwarz.
Dann betrachte ich ihn.
„Sie haben mich inzwischen richtig neugierig gemacht, Mr. Wayne“, bemerke ich schließlich.
„Warum?“
„Warum? Soll das ein Witz sein? Sie machen ja auf ziemlich mysteriös. Wäre ich abergläubisch, käme ich vielleicht sogar auf seltsame Ideen!“
„Auf welche denn, zum Beispiel?“
Ich mustere ihn misstrauisch. „Können Sie sich das nicht denken?“
„Es spielt keine Rolle, was ich denken kann oder denke“, erwidert er. „Wichtig ist lediglich, was du denkst oder fühlst. Um dich geht es, nicht um mich.“
„Wieso geht es um mich? Mit mir ist alles in Ordnung, mein Leben endlich auf der Geraden. Mir ist überhaupt nicht nach irgendwelchen Abenteuern. Ich will weder angeschossen noch verprügelt werden, falls Sie wissen, was ich meine!“
„Oh ja, das weiß ich durchaus. Aber leider kann ich diesem Wunsch nicht entsprechen. Schließlich hast du dir diesen Weg ausgesucht.“
„Welchen Weg?“, frage ich und merke, wie mein Adrenalinspiegel in die Höhe geht.
„Den Weg der Kriegerin.“
„Aha. Hören Sie, Sie Komiker …“ Ich unterbreche mich, als die Kellnerin mit unserer Bestellung kommt. Ich bezahle direkt, dann betrachte ich meinen Kuchen. Seufzend trenne ich mit der Gabel ein Stück ab und führe es in meinen Mund. Kauend sage ich zu Wayne: „Ich weiß nicht, wer oder was Sie sind und woher Sie all das wissen, was Sie wissen, aber ich bin nur eine einfache, junge Frau, die zufällig mal in ein Abenteuer geraten ist, das Aufregung genug für den Rest meines ganzen Lebens geboten hat.“
„Nicht zufällig“, widerspricht Wayne.
„Wie, nicht zufällig?“
Jetzt ist es an Wayne zu seufzen. Er nippt an seinem Kaffee, bevor er mir antwortet. „Glaubst du wirklich, du hast all deine Talente, all deine Fähigkeiten nur zufällig?“
„Welche Talente meinen Sie?“ Mir gefällt es überhaupt nicht, welche Wendung dieses Gespräch nimmt. Überhaupt und gar nicht.
„Hör zu, Fiona, lass uns mit diesem Spielchen aufhören und offen miteinander reden. Einverstanden?“
Ich verkneife mir eine zynische Bemerkung und nicke.
„Schön. Du weißt genau, was ich meine. Und ich weiß, dass du dir da durchaus deine Gedanken dazu gemacht hast. Die Tatsache, dass du hier sitzt, ergab sich daraus, dass du mich angerufen hast. Warum hast du mich angerufen?“
„Ich weiß es nicht.“ Ich stochere lustlos in den Resten meines Kuchens rum. „Ich wurde an diese Geschichte durch einen Zeitungsartikel erinnert. Und da fielen Sie mir eben auch ein. Und dass das alles ziemlich seltsam war.“
„Was genau war seltsam?“
Ich blicke ihn an. „Jetzt spielen Sie, Wayne.“
„Ich möchte, dass du es aussprichst.“
„Also schön, ich fand es seltsam, dass ich das alles durchgehalten habe. Ich fand es seltsam, dass ich nach zwei Wochen aus dem Krankenhaus ging und weitermachte wie davor. Ich fand es schon seltsam, dass ich da 9 Männer mal eben zusammenschlug. Eigentlich fand ich so ziemlich alles seltsam.“
„Und welche Erklärung hast du dafür?“
„Wenn ich ganz ehrlich bin, gar keine.“
Drol Wayne lächelte. „Eine ehrliche Antwort. Dann ist es also an mir, dich darüber aufzuklären.“
„Ich bin sehr gespannt, was ich jetzt zu hören kriege. Wahrscheinlich bin ich Teil eines ultrageheimen Regierungsexperiments. Oder so was.“
„Nicht ganz. Die Regierung hat nichts damit zu tun. Wenn ihr davon was bekannt wäre, würde sie sich vermutlich auf euch stürzen …“
„Auf uns?!“
„Du bist damit nicht allein. Es gibt auf der ganzen Erde ein paar tausend Menschen mit vergleichbaren Fähigkeiten.“
„Okay, ich habe Ihnen fast geglaubt. Aber das wird mir jetzt zu verschwörungstheoretisch. Ich gehe jetzt.“
Wayne sieht mich lächelnd an, als ich Geld auf den Tisch lege und sagt ruhig: „Du kannst gehen, wohin du willst, du bist ja frei. Aber deinem Schicksal entkommst du nicht. Übrigens hast du schon bezahlt.“
„Ach du Scheiße, das wird jetzt melodramatisch. Welchem Schicksal denn, großer Meister? Das Geld lasse ich liegen, die Kellnerin wird sich freuen.“
„Du bist eine Kriegerin. Deine Kräfte und Fähigkeiten hast du bekommen, weil du mit ihrer Hilfe Gott dienen sollst und willst.“
„Will? Ich weiß ja nicht einmal was davon!“
„Du hast dich dafür entschieden, bevor du geboren wurdest.“
„Okay, also melodramatisch und esoterisch. Was haben Sie noch auf Lager, alter Mann? Hat Ihnen das alles ein Engel erzählt?“
„Nein“, erwidert Wayne grinsend. „Die Engel geben bei mir höchstens ihre Berichte ab.“
„Oha. Sie sind sogar so was wie der Chef von den Engeln. Das ist ja eine ganz neue Dimension. Sagen Sie mal, Sie sind doch nicht etwa inkognito hier unterwegs und heißen mit echtem Namen Gott?“
„Nein, Gott gibt sich mit einzelnen Planeten nicht ab. Dafür hat er seine Statthalter.“
Ich setze mich wieder. Vielleicht rufe ich gleich die von der Irrenanstalt an, und dann muss ich ihn ja festhalten, bis die Jungs da sind.
„Und Sie sind so ein Statthalter? Für die Erde, richtig?“
Er nickt. „Das ist korrekt.“
„Da müssten Sie ja ziemlich mächtig sein und so ziemlich alles wissen, was auf der Erde abläuft.“
„Ich bin ja nicht Gott. Aber ich weiß schon eine Menge, das stimmt.“
„Können Sie denn auch Gedanken lesen?“
„Nicht ohne deine Zustimmung. Das kann nur Gott.“
„Oha, Gottes Hausmeistergilde hat so was wie eine Datenschutzverordnung. Das beruhigt mich grad etwas.“
„Ich mag deinen Humor, Fiona. Natürlich könnte ich mit Leichtigkeit beweisen, dass alles wahr ist, was ich sage. Allerdings haben wir Statthalter uns verpflichtet, uns so wenig wie möglich in die Angelegenheiten der Bewohner unserer Planeten einzumischen. Zumindest direkt. Das ist die Aufgabe der Krieger, für Ordnung zu sorgen. Besser gesagt, für das Gleichgewicht. Ganz ohne Batmanmaske und so.“
„Jetzt bin ich noch mehr beruhigt. Ich muss also keine Maske, Uniform und so ein Zeug tragen?“ Ich wische den imaginären Schweiß von meiner Stirn ab. „Aber wie erfahre ich dann, dass es was zu tun gibt für mich?“
„So wie bisher auch.“
„Ach? Ich habe doch noch gar nichts für den Kriegerverein getan.“
„Doch. Mit allem, was du tust. Was du bist. Du bist Fiona, die Kriegerin. Du hast die Vergewaltigung überstanden, du hast Prügel überstanden, die Schusswunden, du hast bei einem Glas Milch vor der Glotze mitten in der Nacht erkannt, dass dein Onkel hinter dem Pornoring steckt, du hast …“
„Moment mal! Woher wissen Sie das mit dem Glas Milch? Ich glaube einfach nicht, dass James das jemandem erzählt hat!“
„Hat er auch nicht. Ich sagte ja, dass ich eine Menge weiß. ­Fiona, es liegt an dir, ob und wann du die Fakten akzeptierst. Dass es wahr ist, was ich sage, spürst du genau. Weitermachen macht aber nur Sinn, wenn du es akzeptierst.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das will. Denn wenn das wirklich stimmt, kann ich mein ganzes Weltbild über Bord werfen.“ Ich betrachte mürrisch die Kellnerin, die kommt, um den Tisch abzuräumen. Bei der Gelegenheit bestelle ich noch einen Kaffee.
„Warum denn?“, fragt Wayne, als die Kellnerin wieder abgezogen ist.
„Weil mein Weltbild weder Gott noch seine Statthalter enthält, darum!“
„Dann erweitere es doch einfach“, schlägt Wayne vor. „Wieso glaubt ihr Menschen, dass euer Weltbild direkt zerstört wird, bloß weil ihr was Neues erkennt? Du hast 26 Jahre lang diese Welt schon erfahren, all das ist doch nicht einfach weg oder falsch.“
„Hach! Erwischt! Ich bin erst 25!“
„Ja, du wurdest am 30. Mai 1980 geboren, aber du wurdest am 6. August 1979 gezeugt. Deine Mutter lag dabei auf dem Rücken, dein Vater hat exakt 5 Minuten und 37 Sekunden bis zum Samen­erguss gebraucht.“
„Scheiße!“ Ich starre ihn entgeistert an. „Vorhin dachte ich noch, es gäbe so was wie Intimsphäre!“
„Gibt es auch. Solche Informationen rufe ich nur in einzelnen Situationen ab, in denen es sinnvoll ist. Es gibt keine Aufzeichnungen dazu.“
„Und woher wissen Sie es dann?“
„Die Regeln von Raum und Zeit gelten für mich nicht.“
„Sie könnten also jeden einzelnen Orgasmus von mir, wie sagten Sie es doch, abrufen?“
„Wenn ich das unbedingt wollte, dann ja.“ Wayne lächelt. „Es verschafft mir nichts, das zu wissen. Dass du Sex und dabei Spaß hast, ist fein. Aber es ist deine Sache und im Moment noch von James.“
„Im Moment noch?“
„Im Moment. Noch war eine Addition. Und du hattest keineswegs nur mit James Sex in deinem Leben.“
„Äh … das stimmt.“
Wayne lehnt sich zurück und mustert mich eindringlich. Er macht mich nervös damit. Eine Zeit lang beherrsche ich mich, aber schließlich fahre ich ihn an: „Was soll das?“
„Wie machen wir jetzt weiter? Ich bin mir nicht sicher, ob du schon bereit bist, deine Aufgabe zu akzeptieren.“
„Das sehe ich genauso“, erwidere ich.
„Das Problem ist, dass du jetzt, wo du es weißt, viele Dinge wahrnehmen wirst, die du bis jetzt einfach ausgeblendet hast. Und diese Dinge werden dich erschrecken, wenn du auf sie nicht vorbereitet wirst. Im schlimmsten Fall könntest du wahnsinnig werden.“
„Reizende Aussichten. Eigentlich habe ich also gar keine Wahl.“
„Doch, die Wahl hast du, immer.“
Mir kommt plötzlich eine Idee und ich lehne mich vor, während ich zu ihm sage: „Irgendwie ist das alles unlogisch. Wenn Sie außerhalb von Raum und Zeit sind, wieso nutzen Sie Begriffe des Zeitverlaufs?“
Wayne lächelt freundlich. „Weil du dich nur in diesen Begriffen mit mir unterhalten kannst. Die Unlogik liegt nicht bei mir, sondern bei dir. Ein Wesen der vierdimensionalen Welt kann nur vierdimensional mit anderen Wesen reden, selbst wenn diese fünfdimensional sind. Du kannst die fünfte Dimension einfach nicht wahrnehmen.“
„Heißt das, was ich hier als Drol Wayne wahrnehme, ist nur die vierdimensionale Abbildung von ihm?“
„So ungefähr“, antwortet er.
„Und ich bin nur vierdimensional?“
„Das ist nicht ganz so einfach. Genaugenommen gibt es so was wie Zeit und Raum überhaupt nicht. Aus Gründen, die du nicht verstehen kannst, hast du dich entschieden, eine vierdimensionale Manifestierung von dir zu erschaffen, nämlich Fiona Carter. Wenn du willst, einen Avatar. Das, was von dir Fiona Carter ist, das ist vierdimensional.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Kannst du auch nicht verstehen. Dazu müsstest du dich von deiner Manifestierung lösen. Und das wäre der Tod von Fiona Carter.“
„Was ist denn mit außerkörperlichen Erfahrungen?“
„Du hast recht. Aber bei einer außerkörperlichen Erfahrung bleibt die Manifestierung bestehen und die Wahrnehmung der wirklichen Welt bleibt sehr unscharf. Zumindest vermitteln solche Erfahrungen eine Ahnung von dem, was außerhalb der Grenzen der raumzeitlichen Existenz noch alles da ist.“
„Also haben die ganzen Esoteriker recht?“
„Sagen wir es mal so: Sie haben nicht ganz unrecht. Manche haben diese Ahnung erlebt und im Ansatz auch verstanden. Aber sie sind die Ausnahmen. Die meisten wissen nicht, wovon sie reden.“
„Prima, dann gibt es also die ganzen Engel und Dämonen gar nicht!“
Wayne lächelt. „Doch, die gibt es, und noch viel mehr. Sie sind Teil des Spiels, das ihr Menschen erschaffen habt. Alles, was ein Mensch sich vorstellt, wird Manifestierung. Selten so, wie er es sich vorgestellt hat, denn alle Menschen stellen sich was vor, und das beeinflusst das Ergebnis massiv. Vor allem ist das Ergebnis dynamisch, ständig in Bewegung, immer im Fluss.“
„Autsch.“
„Deswegen gibt es die Krieger. Die Aufgabe der Krieger ist es, das Gleichgewicht zu wahren. Krieger müssen eingreifen, wenn das Gleichgewicht bedroht wird. Das kann immer wieder passieren, eigentlich ist das völlig normal und alltäglich.“
„Was bedeutet es, das Gleichgewicht wahren?“
„Das kann ich dir nicht erklären, das musst du und wirst du spüren. Du wirst spüren, wann du und wie du eingreifen musst. Dafür hast du dich entschieden, bevor du dich manifestiert hast.“
„Warum?“
„Es liegt außerhalb der Möglichkeiten von Fiona Carter, das zu verstehen.“
„Ich heiße Fiona Flame.“
„Namen sind ohne Bedeutung. Du hast dich als Fiona Carter manifestiert.“ Wayne trinkt den letzten Schluck aus seiner Tasse und verzieht das Gesicht. „Kalter Kaffee schmeckt scheußlich.“
Ich grinse ihn süffisant an. „Das stimmt.“
Sein Lächeln verrät, dass er verstanden hat. „Es gibt ja Rezepte, für die man kalten Kaffee benötigt.“
„Auch das stimmt. Aber zusätzliche Bestandteile sind notwendig. Ohne sie schmeckt kalter Kaffee einfach nur ätzend.“
„Da kann ich dir nur zustimmen“, sagt Drol Wayne nickend. „Deswegen die Frage an dich: Was kann ich dir noch sagen? Was möchtest du noch wissen?“
„Ob ich das alles noch träume? Diesen ganzen Schwachsinn.“
„Diese Frage wirst du dir schon selbst beantworten müssen. Niemand außer dir kann das wissen und entscheiden, was du als Wahrheit und Realität akzeptierst und was nicht.“
„Oh Gott … das ist nun wirklich unterste Schublade von fader Esoterik, finden Sie nicht?“
„Das kommt darauf an, in welchen Kontext du es stellst, ­Fiona. Auch die Physiker werden dir nichts anderes sagen, denn schließlich ist Licht, das du mit deinen optischen Rezeptoren wahrnimmst, doch nichts anderes als ein kleiner Ausschnitt sämtlicher Strahlungsfrequenzen – und damit nur ein kleiner Ausschnitt der gesamten Welt der Strahlung. Und auf die gleiche Weise ist das, was du glaubst, was du als Realität wahrnimmst, nichts weiter als ein kleiner Teil dessen, was durch deine Rezeptoren in dich gelangt. In jedem Sekundenbruchteil triffst du immer wieder die unbewussten Entscheidungen darüber, was für dich legitime Wahrheit ist und was nur ein flüchtiger Gedanke oder gar eine Einbildung oder eine Halluzination.“
„Ja, klar. Bloß, bei der Strahlung, da gibt es ein definiertes Spektrum, höchste und niedrigste Frequenz. Was für ein Glück, dass ich Physik als Abiturfach hatte. Wie ist es denn mit dem Spektrum der Wahrheit?“
„Was ist die höchste und die niedrigste Frequenz?“
Ich überlege kurz. „Zumindest die niedrigste ist klar. Die, die nach Null konvergiert.“
„Das hast du aber schön gesagt“, sagt Drol Wayne lächelnd. „Was macht dich da denn so sicher?“
„Weil das in etwa 0 Kelvin entspricht. Darunter geht nichts.“
„Und das weißt du genau? Woher eigentlich?“
Ich sehe ihn an und überlege, wie ernst ich den Schwachsinn nehmen soll. Das ist die Art von Diskussionen, die ich schon immer gehasst habe. „Hören Sie, Sie Platonverschnitt, natürlich weiß ich das nicht. Niemand kann das wissen.“
„Eben.“ Drol Wayne winkt der Kellnerin. „Das ist ein wichtiger Punkt. Ihr Menschen neigt stark dazu, Aussagen über Dinge zu treffen, von denen ihr gar nichts wisst. Und dann tut ihr so, als hättet ihr die Wahrheit beschrieben. Und das macht euch blind für eure Welt. Im Übrigen gilt das für die Esoteriker, die du angesprochen hast, genauso. Sie sind ebenso blind wie die sogenannten Naturwissenschaftler und alle anderen. Halt alle. Oder fast alle.“
Drol Wayne bestellt ein Glas Wasser bei der Kellnerin, ich nichts. Dann frage ich ihn: „Was meinen Sie mit fast alle?“
„Es gibt Menschen, die lösen sich von der Idee der Wahrheit, der Wirklichkeit, der Realität, der Subjektivität und Objektivität und so fort. Das sind alles Konzepte, die Sinn machen und lebenswichtig sind, solange man die Sicherheit der eigenen Existenz braucht, um die Angst vor der eigenen Vernichtung in Schach zu halten. Es gibt aber Menschen, wenn auch nur ganz wenige, die es geschafft haben, hinter diese Angst zu blicken. Sie brauchen solche Konzepte nicht mehr.“
„Na ja, wenn sie ja keine eigene Existenz mehr haben, brauchen sie natürlich solche Konzepte auch nicht.“
„Die Sicherheit der eigenen Existenz ist nicht dasselbe wie die eigene Existenz, und schon mal gar nicht dasselbe wie Existenz“, erwidert Drol Wayne lächelnd. „Ich denke, eine solche Diskussion ist aber müßig. Ging es doch eigentlich um die Frage, ob du diesen Schwachsinn alles träumst.“
„Ach ja, genau! Mir kommt er zwar grad sehr real vor, aber vielleicht ist es doch nur ein Traum.“
„Dann finde es heraus, Fiona.“
„Würde ich ja gerne, wenn ich wüsste, wie!“
„Dazu müsstest du den Unterschied kennen.“
„Wieso wusste ich, dass jetzt so eine Antwort kommt?“
Drol Wayne lächelt mitleidig. „Weil du dir das gewünscht hast, und ich wollte dich nicht enttäuschen. Warum ist es dir eigentlich so wichtig, ob es real ist oder ein Traum? Nicht nur, dass du den Unterschied nicht wirklich erklären kannst, darüber hinaus kann ich mir keinen Grund vorstellen, warum es eine Rolle spielen sollte. So oder so erlebst du es jetzt gerade.“
„Leider“, sage ich seufzend.
„Was hast du also zu verlieren?“
„Mein Leben, wenn ich grad wach bin.“
„Wirklich? Glaubst du das ernsthaft?“
„Ich hoffe das sehr! Sonst bestünde die Gefahr, dass mein Onkel plötzlich auftaucht!“
Drol Wayne trinkt sein Wasser und legt dann Geld auf den Tisch. „Ich denke, du hast erst einmal genug erfahren. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Niemand kann und wird dir diese abnehmen.“
„Wayne …“
Er blickt stehend auf mich herab. „Ja, Fiona?“
„Sie sind doch außerhalb von Zeit und Raum, dann wissen Sie doch, wie es mit mir weitergeht?“
Er grinst süffisant. „Netter Versuch, Fiona.“
Ich beobachte ihn, als er das Bistro verlässt. Die Kellnerin kommt, um Waynes Glas abzuräumen, und ich bestelle einen Martini. Ich würde in Drol Wayne gern einen Spinner sehen, aber leider gibt es ein paar Gründe, ihn und das, was er sagte, ernst zu nehmen.