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Leseprobe: Fiona – Entscheidungen (Band 2)

– SPOILER-ALARM! –

 

 

Ich beobachte die Welle, die der letzte Tropfen aus der Kaffeemaschine verursacht. Eine einsame, letzte Welle. Wie in Trance nehme ich die Tasse und gehe zurück in mein Büro.
Draußen ist es bereits dunkel. Die Stille deutet darauf hin, dass ich wieder als Letzte gehen werde. Beim Gedanken an James und Danny beschließe ich, dass dies schon bald geschehen wird. Ich schließe am PC das Mailprogramm und die Präsentation der aktuellen Geschäftszahlen. Als das letzte Fenster sichtbar wird, zögere ich.
Fiona Flame, steht da. Mein Name. Mein Name?
Ein Artikel in einer lokalen Zeitung, die Geschichte der Stadt während der letzten 10 Jahre. Immerhin eine halbe Seite über Steve Connor und in diesem Zusammenhang über mich. Hm. Ich überlege beim Lesen, ob ich das gut finde oder nicht. Bei der recht reißerischen Aufmachung tendiere ich eher dazu, es nicht gut zu finden. Ich lehne mich zurück und halte die Kaffeetasse mit beiden Händen fest. Die Erinnerung an die Ereignisse von damals kommt hoch. Etwas überrascht registriere ich, dass ich keinen Hass und auch keine Wut mehr auf Steve Connor verspüre.
Mir fällt der seltsame Besucher in der Nacht ein. Seitdem habe ich seine Visitenkarte immer bei mir. Zwei Jahre denke ich nun schon darüber nach, ob ich ihn anrufen soll. Sollte ich diesen Artikel in der Lokalpresse etwa als Hinweis sehen, dass eine Entscheidung fällig ist?
Ich krame die Karte hervor und lege sie neben das Telefon.
Drol Wayne, Rechtsanwalt.
In einem Anfall von Entschlossenheit nehme ich das Telefon und wähle die Nummer auf der Karte. Nach einer kurzen Wartezeit klingelt es auf der Gegenseite. Ich ertappe mich dabei, dass ich an meiner Unterlippe herumkaue und überlege, wieder aufzulegen. In diesem Moment geht jemand dran.
„Drol Wayne hier.“ Eine angenehme, unauffällige Männerstimme.
„Hallo“, erwidere ich und komme mir sofort dämlich vor.
„Hallo Fiona“, sagt die Männerstimme und ich höre förmlich, wie mein Gesprächspartner grinst.
„Sie wissen, wer ich bin?“
„Scheint so. Du bist Fiona Flame.“
„Als wir uns begegnet sind, hieß ich noch anders!“
„Das ist wahr. Aber in der Zwischenzeit hast du ja auch geheiratet.“
Ich atme tief durch. „Beobachten Sie mich etwa?“
„Nein, nicht gezielt.“
„Aber ungezielt. Na super. Wer sind Sie eigentlich?“
„Das ist die falsche Frage. Ich bin Drol Wayne.“
„Und was sind Sie?“
Er antwortet erst nach einer kurzen Pause. „Diese Frage ist schon nicht so einfach zu beantworten. Und am Telefon gar nicht. Zumindest will ich sie nicht am Telefon beantworten.“
„Wie dann? Persönlich?“
„Ja, wenn du die Antworten auf deine Fragen wissen willst, werden wir uns treffen müssen.“ Er wartet ein paar Sekunden, bevor er fortfährt. „Morgen, 5 Uhr nachmittags im Café LaSoleil?“
„Na, immerhin ein öffentlicher Platz.“
Er lacht. „Genau, du brauchst keine Angst davor zu haben, dass ich dich entführe.“
„Ich glaube, davor habe ich auch so keine Angst“, erwidere ich.
„Solltest du aber“, sagt Wayne, bevor er auflegt.
Ich starre das Telefon an und bin unbegeistert. Was meinte er damit denn? Ich versuche, mich an ihn zu erinnern. Das Licht ist damals eher dürftig und mein Zustand auch nicht gerade auf der Höhe gewesen. Doch meine Erinnerung enthält nichts, was auch nur annähernd einen Mann ergeben könnte, dem ich zutrauen würde, mich zu entführen. Trotzdem bleibt ein sehr ungutes Gefühl in mir zurück, sodass ich mich mehrmals umsehe, als ich das Büro verlasse und mit dem Aufzug in die Tiefgarage fahre. Hier ist es leer und still, nur mein Auto steht in der Nähe. Während ich langsam darauf zugehe, lausche ich in meine Umgebung hinein. Nur meine Schritte sind zu hören, und mein Atem. Kopfschüttelnd schließe ich meinen Wagen auf, steige ein und fahre los. So was Bescheuertes.
Ich fahre früh genug los, damit ich noch einkaufen kann. Danny hatte schon wieder ein paar Sachen zwischen die Zähne gekriegt, also verweile ich besonders lange in einem Dessous-Shop. In Anbetracht der Summe, die auf dem Kassenzettel steht, nehme ich mir fest vor, in Zukunft alles an Wäsche vom Boden aufzusammeln, bevor ich ins Koma falle, egal wie heftig und geil der Sex war.
Bevor ich in das Café gehe, packe ich den Einkauf in den Kofferraum des nur subtil bedrohlich wirkenden Kombis. Lediglich die vier dicken Endrohre verraten, dass der Wagen selbst Ferraris jagen kann.
Obwohl ich vor 5 Uhr im Café bin, ist Drol Wayne schon da. Er sitzt an einem Ecktisch, von wo aus er den gesamten Raum gut überblicken kann. In einem maßgeschneiderten, tadellos sitzenden, dunkelblauen Anzug, mit passender Krawatte und strahlend weißem Hemd.
Er gibt mir lächelnd die Hand.
Noch bevor wir ein paar Worte tauschen können, ist die Kellnerin da. Ich bestelle Cappuccino und Apfelkuchen, Drol Wayne eine zweite Tasse Kaffee, schwarz.
Dann betrachte ich ihn.
„Sie haben mich inzwischen richtig neugierig gemacht, Mr. Wayne“, bemerke ich schließlich.
„Warum?“
„Warum? Soll das ein Witz sein? Sie machen ja auf ziemlich mysteriös. Wäre ich abergläubisch, käme ich vielleicht sogar auf seltsame Ideen!“
„Auf welche denn, zum Beispiel?“
Ich mustere ihn misstrauisch. „Können Sie sich das nicht denken?“
„Es spielt keine Rolle, was ich denken kann oder denke“, erwidert er. „Wichtig ist lediglich, was du denkst oder fühlst. Um dich geht es, nicht um mich.“
„Wieso geht es um mich? Mit mir ist alles in Ordnung, mein Leben endlich auf der Geraden. Mir ist überhaupt nicht nach irgendwelchen Abenteuern. Ich will weder angeschossen noch verprügelt werden, falls Sie wissen, was ich meine!“
„Oh ja, das weiß ich durchaus. Aber leider kann ich diesem Wunsch nicht entsprechen. Schließlich hast du dir diesen Weg ausgesucht.“
„Welchen Weg?“, frage ich und merke, wie mein Adrenalinspiegel in die Höhe geht.
„Den Weg der Kriegerin.“
„Aha. Hören Sie, Sie Komiker …“ Ich unterbreche mich, als die Kellnerin mit unserer Bestellung kommt. Ich bezahle direkt, dann betrachte ich meinen Kuchen. Seufzend trenne ich mit der Gabel ein Stück ab und führe es in meinen Mund. Kauend sage ich zu Wayne: „Ich weiß nicht, wer oder was Sie sind und woher Sie all das wissen, was Sie wissen, aber ich bin nur eine einfache, junge Frau, die zufällig mal in ein Abenteuer geraten ist, das Aufregung genug für den Rest meines ganzen Lebens geboten hat.“
„Nicht zufällig“, widerspricht Wayne.
„Wie, nicht zufällig?“
Jetzt ist es an Wayne zu seufzen. Er nippt an seinem Kaffee, bevor er mir antwortet. „Glaubst du wirklich, du hast all deine Talente, all deine Fähigkeiten nur zufällig?“
„Welche Talente meinen Sie?“ Mir gefällt es überhaupt nicht, welche Wendung dieses Gespräch nimmt. Überhaupt und gar nicht.
„Hör zu, Fiona, lass uns mit diesem Spielchen aufhören und offen miteinander reden. Einverstanden?“
Ich verkneife mir eine zynische Bemerkung und nicke.
„Schön. Du weißt genau, was ich meine. Und ich weiß, dass du dir da durchaus deine Gedanken dazu gemacht hast. Die Tatsache, dass du hier sitzt, ergab sich daraus, dass du mich angerufen hast. Warum hast du mich angerufen?“
„Ich weiß es nicht.“ Ich stochere lustlos in den Resten meines Kuchens rum. „Ich wurde an diese Geschichte durch einen Zeitungsartikel erinnert. Und da fielen Sie mir eben auch ein. Und dass das alles ziemlich seltsam war.“
„Was genau war seltsam?“
Ich blicke ihn an. „Jetzt spielen Sie, Wayne.“
„Ich möchte, dass du es aussprichst.“
„Also schön, ich fand es seltsam, dass ich das alles durchgehalten habe. Ich fand es seltsam, dass ich nach zwei Wochen aus dem Krankenhaus ging und weitermachte wie davor. Ich fand es schon seltsam, dass ich da 9 Männer mal eben zusammenschlug. Eigentlich fand ich so ziemlich alles seltsam.“
„Und welche Erklärung hast du dafür?“
„Wenn ich ganz ehrlich bin, gar keine.“
Drol Wayne lächelte. „Eine ehrliche Antwort. Dann ist es also an mir, dich darüber aufzuklären.“
„Ich bin sehr gespannt, was ich jetzt zu hören kriege. Wahrscheinlich bin ich Teil eines ultrageheimen Regierungsexperiments. Oder so was.“
„Nicht ganz. Die Regierung hat nichts damit zu tun. Wenn ihr davon was bekannt wäre, würde sie sich vermutlich auf euch stürzen …“
„Auf uns?!“
„Du bist damit nicht allein. Es gibt auf der ganzen Erde ein paar tausend Menschen mit vergleichbaren Fähigkeiten.“
„Okay, ich habe Ihnen fast geglaubt. Aber das wird mir jetzt zu verschwörungstheoretisch. Ich gehe jetzt.“
Wayne sieht mich lächelnd an, als ich Geld auf den Tisch lege und sagt ruhig: „Du kannst gehen, wohin du willst, du bist ja frei. Aber deinem Schicksal entkommst du nicht. Übrigens hast du schon bezahlt.“
„Ach du Scheiße, das wird jetzt melodramatisch. Welchem Schicksal denn, großer Meister? Das Geld lasse ich liegen, die Kellnerin wird sich freuen.“
„Du bist eine Kriegerin. Deine Kräfte und Fähigkeiten hast du bekommen, weil du mit ihrer Hilfe Gott dienen sollst und willst.“
„Will? Ich weiß ja nicht einmal was davon!“
„Du hast dich dafür entschieden, bevor du geboren wurdest.“
„Okay, also melodramatisch und esoterisch. Was haben Sie noch auf Lager, alter Mann? Hat Ihnen das alles ein Engel erzählt?“
„Nein“, erwidert Wayne grinsend. „Die Engel geben bei mir höchstens ihre Berichte ab.“
„Oha. Sie sind sogar so was wie der Chef von den Engeln. Das ist ja eine ganz neue Dimension. Sagen Sie mal, Sie sind doch nicht etwa inkognito hier unterwegs und heißen mit echtem Namen Gott?“
„Nein, Gott gibt sich mit einzelnen Planeten nicht ab. Dafür hat er seine Statthalter.“
Ich setze mich wieder. Vielleicht rufe ich gleich die von der Irrenanstalt an, und dann muss ich ihn ja festhalten, bis die Jungs da sind.
„Und Sie sind so ein Statthalter? Für die Erde, richtig?“
Er nickt. „Das ist korrekt.“
„Da müssten Sie ja ziemlich mächtig sein und so ziemlich alles wissen, was auf der Erde abläuft.“
„Ich bin ja nicht Gott. Aber ich weiß schon eine Menge, das stimmt.“
„Können Sie denn auch Gedanken lesen?“
„Nicht ohne deine Zustimmung. Das kann nur Gott.“
„Oha, Gottes Hausmeistergilde hat so was wie eine Datenschutzverordnung. Das beruhigt mich grad etwas.“
„Ich mag deinen Humor, Fiona. Natürlich könnte ich mit Leichtigkeit beweisen, dass alles wahr ist, was ich sage. Allerdings haben wir Statthalter uns verpflichtet, uns so wenig wie möglich in die Angelegenheiten der Bewohner unserer Planeten einzumischen. Zumindest direkt. Das ist die Aufgabe der Krieger, für Ordnung zu sorgen. Besser gesagt, für das Gleichgewicht. Ganz ohne Batmanmaske und so.“
„Jetzt bin ich noch mehr beruhigt. Ich muss also keine Maske, Uniform und so ein Zeug tragen?“ Ich wische den imaginären Schweiß von meiner Stirn ab. „Aber wie erfahre ich dann, dass es was zu tun gibt für mich?“
„So wie bisher auch.“
„Ach? Ich habe doch noch gar nichts für den Kriegerverein getan.“
„Doch. Mit allem, was du tust. Was du bist. Du bist Fiona, die Kriegerin. Du hast die Vergewaltigung überstanden, du hast Prügel überstanden, die Schusswunden, du hast bei einem Glas Milch vor der Glotze mitten in der Nacht erkannt, dass dein Onkel hinter dem Pornoring steckt, du hast …“
„Moment mal! Woher wissen Sie das mit dem Glas Milch? Ich glaube einfach nicht, dass James das jemandem erzählt hat!“
„Hat er auch nicht. Ich sagte ja, dass ich eine Menge weiß. ­Fiona, es liegt an dir, ob und wann du die Fakten akzeptierst. Dass es wahr ist, was ich sage, spürst du genau. Weitermachen macht aber nur Sinn, wenn du es akzeptierst.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das will. Denn wenn das wirklich stimmt, kann ich mein ganzes Weltbild über Bord werfen.“ Ich betrachte mürrisch die Kellnerin, die kommt, um den Tisch abzuräumen. Bei der Gelegenheit bestelle ich noch einen Kaffee.
„Warum denn?“, fragt Wayne, als die Kellnerin wieder abgezogen ist.
„Weil mein Weltbild weder Gott noch seine Statthalter enthält, darum!“
„Dann erweitere es doch einfach“, schlägt Wayne vor. „Wieso glaubt ihr Menschen, dass euer Weltbild direkt zerstört wird, bloß weil ihr was Neues erkennt? Du hast 26 Jahre lang diese Welt schon erfahren, all das ist doch nicht einfach weg oder falsch.“
„Hach! Erwischt! Ich bin erst 25!“
„Ja, du wurdest am 30. Mai 1980 geboren, aber du wurdest am 6. August 1979 gezeugt. Deine Mutter lag dabei auf dem Rücken, dein Vater hat exakt 5 Minuten und 37 Sekunden bis zum Samen­erguss gebraucht.“
„Scheiße!“ Ich starre ihn entgeistert an. „Vorhin dachte ich noch, es gäbe so was wie Intimsphäre!“
„Gibt es auch. Solche Informationen rufe ich nur in einzelnen Situationen ab, in denen es sinnvoll ist. Es gibt keine Aufzeichnungen dazu.“
„Und woher wissen Sie es dann?“
„Die Regeln von Raum und Zeit gelten für mich nicht.“
„Sie könnten also jeden einzelnen Orgasmus von mir, wie sagten Sie es doch, abrufen?“
„Wenn ich das unbedingt wollte, dann ja.“ Wayne lächelt. „Es verschafft mir nichts, das zu wissen. Dass du Sex und dabei Spaß hast, ist fein. Aber es ist deine Sache und im Moment noch von James.“
„Im Moment noch?“
„Im Moment. Noch war eine Addition. Und du hattest keineswegs nur mit James Sex in deinem Leben.“
„Äh … das stimmt.“
Wayne lehnt sich zurück und mustert mich eindringlich. Er macht mich nervös damit. Eine Zeit lang beherrsche ich mich, aber schließlich fahre ich ihn an: „Was soll das?“
„Wie machen wir jetzt weiter? Ich bin mir nicht sicher, ob du schon bereit bist, deine Aufgabe zu akzeptieren.“
„Das sehe ich genauso“, erwidere ich.
„Das Problem ist, dass du jetzt, wo du es weißt, viele Dinge wahrnehmen wirst, die du bis jetzt einfach ausgeblendet hast. Und diese Dinge werden dich erschrecken, wenn du auf sie nicht vorbereitet wirst. Im schlimmsten Fall könntest du wahnsinnig werden.“
„Reizende Aussichten. Eigentlich habe ich also gar keine Wahl.“
„Doch, die Wahl hast du, immer.“
Mir kommt plötzlich eine Idee und ich lehne mich vor, während ich zu ihm sage: „Irgendwie ist das alles unlogisch. Wenn Sie außerhalb von Raum und Zeit sind, wieso nutzen Sie Begriffe des Zeitverlaufs?“
Wayne lächelt freundlich. „Weil du dich nur in diesen Begriffen mit mir unterhalten kannst. Die Unlogik liegt nicht bei mir, sondern bei dir. Ein Wesen der vierdimensionalen Welt kann nur vierdimensional mit anderen Wesen reden, selbst wenn diese fünfdimensional sind. Du kannst die fünfte Dimension einfach nicht wahrnehmen.“
„Heißt das, was ich hier als Drol Wayne wahrnehme, ist nur die vierdimensionale Abbildung von ihm?“
„So ungefähr“, antwortet er.
„Und ich bin nur vierdimensional?“
„Das ist nicht ganz so einfach. Genaugenommen gibt es so was wie Zeit und Raum überhaupt nicht. Aus Gründen, die du nicht verstehen kannst, hast du dich entschieden, eine vierdimensionale Manifestierung von dir zu erschaffen, nämlich Fiona Carter. Wenn du willst, einen Avatar. Das, was von dir Fiona Carter ist, das ist vierdimensional.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Kannst du auch nicht verstehen. Dazu müsstest du dich von deiner Manifestierung lösen. Und das wäre der Tod von Fiona Carter.“
„Was ist denn mit außerkörperlichen Erfahrungen?“
„Du hast recht. Aber bei einer außerkörperlichen Erfahrung bleibt die Manifestierung bestehen und die Wahrnehmung der wirklichen Welt bleibt sehr unscharf. Zumindest vermitteln solche Erfahrungen eine Ahnung von dem, was außerhalb der Grenzen der raumzeitlichen Existenz noch alles da ist.“
„Also haben die ganzen Esoteriker recht?“
„Sagen wir es mal so: Sie haben nicht ganz unrecht. Manche haben diese Ahnung erlebt und im Ansatz auch verstanden. Aber sie sind die Ausnahmen. Die meisten wissen nicht, wovon sie reden.“
„Prima, dann gibt es also die ganzen Engel und Dämonen gar nicht!“
Wayne lächelt. „Doch, die gibt es, und noch viel mehr. Sie sind Teil des Spiels, das ihr Menschen erschaffen habt. Alles, was ein Mensch sich vorstellt, wird Manifestierung. Selten so, wie er es sich vorgestellt hat, denn alle Menschen stellen sich was vor, und das beeinflusst das Ergebnis massiv. Vor allem ist das Ergebnis dynamisch, ständig in Bewegung, immer im Fluss.“
„Autsch.“
„Deswegen gibt es die Krieger. Die Aufgabe der Krieger ist es, das Gleichgewicht zu wahren. Krieger müssen eingreifen, wenn das Gleichgewicht bedroht wird. Das kann immer wieder passieren, eigentlich ist das völlig normal und alltäglich.“
„Was bedeutet es, das Gleichgewicht wahren?“
„Das kann ich dir nicht erklären, das musst du und wirst du spüren. Du wirst spüren, wann du und wie du eingreifen musst. Dafür hast du dich entschieden, bevor du dich manifestiert hast.“
„Warum?“
„Es liegt außerhalb der Möglichkeiten von Fiona Carter, das zu verstehen.“
„Ich heiße Fiona Flame.“
„Namen sind ohne Bedeutung. Du hast dich als Fiona Carter manifestiert.“ Wayne trinkt den letzten Schluck aus seiner Tasse und verzieht das Gesicht. „Kalter Kaffee schmeckt scheußlich.“
Ich grinse ihn süffisant an. „Das stimmt.“
Sein Lächeln verrät, dass er verstanden hat. „Es gibt ja Rezepte, für die man kalten Kaffee benötigt.“
„Auch das stimmt. Aber zusätzliche Bestandteile sind notwendig. Ohne sie schmeckt kalter Kaffee einfach nur ätzend.“
„Da kann ich dir nur zustimmen“, sagt Drol Wayne nickend. „Deswegen die Frage an dich: Was kann ich dir noch sagen? Was möchtest du noch wissen?“
„Ob ich das alles noch träume? Diesen ganzen Schwachsinn.“
„Diese Frage wirst du dir schon selbst beantworten müssen. Niemand außer dir kann das wissen und entscheiden, was du als Wahrheit und Realität akzeptierst und was nicht.“
„Oh Gott … das ist nun wirklich unterste Schublade von fader Esoterik, finden Sie nicht?“
„Das kommt darauf an, in welchen Kontext du es stellst, ­Fiona. Auch die Physiker werden dir nichts anderes sagen, denn schließlich ist Licht, das du mit deinen optischen Rezeptoren wahrnimmst, doch nichts anderes als ein kleiner Ausschnitt sämtlicher Strahlungsfrequenzen – und damit nur ein kleiner Ausschnitt der gesamten Welt der Strahlung. Und auf die gleiche Weise ist das, was du glaubst, was du als Realität wahrnimmst, nichts weiter als ein kleiner Teil dessen, was durch deine Rezeptoren in dich gelangt. In jedem Sekundenbruchteil triffst du immer wieder die unbewussten Entscheidungen darüber, was für dich legitime Wahrheit ist und was nur ein flüchtiger Gedanke oder gar eine Einbildung oder eine Halluzination.“
„Ja, klar. Bloß, bei der Strahlung, da gibt es ein definiertes Spektrum, höchste und niedrigste Frequenz. Was für ein Glück, dass ich Physik als Abiturfach hatte. Wie ist es denn mit dem Spektrum der Wahrheit?“
„Was ist die höchste und die niedrigste Frequenz?“
Ich überlege kurz. „Zumindest die niedrigste ist klar. Die, die nach Null konvergiert.“
„Das hast du aber schön gesagt“, sagt Drol Wayne lächelnd. „Was macht dich da denn so sicher?“
„Weil das in etwa 0 Kelvin entspricht. Darunter geht nichts.“
„Und das weißt du genau? Woher eigentlich?“
Ich sehe ihn an und überlege, wie ernst ich den Schwachsinn nehmen soll. Das ist die Art von Diskussionen, die ich schon immer gehasst habe. „Hören Sie, Sie Platonverschnitt, natürlich weiß ich das nicht. Niemand kann das wissen.“
„Eben.“ Drol Wayne winkt der Kellnerin. „Das ist ein wichtiger Punkt. Ihr Menschen neigt stark dazu, Aussagen über Dinge zu treffen, von denen ihr gar nichts wisst. Und dann tut ihr so, als hättet ihr die Wahrheit beschrieben. Und das macht euch blind für eure Welt. Im Übrigen gilt das für die Esoteriker, die du angesprochen hast, genauso. Sie sind ebenso blind wie die sogenannten Naturwissenschaftler und alle anderen. Halt alle. Oder fast alle.“
Drol Wayne bestellt ein Glas Wasser bei der Kellnerin, ich nichts. Dann frage ich ihn: „Was meinen Sie mit fast alle?“
„Es gibt Menschen, die lösen sich von der Idee der Wahrheit, der Wirklichkeit, der Realität, der Subjektivität und Objektivität und so fort. Das sind alles Konzepte, die Sinn machen und lebenswichtig sind, solange man die Sicherheit der eigenen Existenz braucht, um die Angst vor der eigenen Vernichtung in Schach zu halten. Es gibt aber Menschen, wenn auch nur ganz wenige, die es geschafft haben, hinter diese Angst zu blicken. Sie brauchen solche Konzepte nicht mehr.“
„Na ja, wenn sie ja keine eigene Existenz mehr haben, brauchen sie natürlich solche Konzepte auch nicht.“
„Die Sicherheit der eigenen Existenz ist nicht dasselbe wie die eigene Existenz, und schon mal gar nicht dasselbe wie Existenz“, erwidert Drol Wayne lächelnd. „Ich denke, eine solche Diskussion ist aber müßig. Ging es doch eigentlich um die Frage, ob du diesen Schwachsinn alles träumst.“
„Ach ja, genau! Mir kommt er zwar grad sehr real vor, aber vielleicht ist es doch nur ein Traum.“
„Dann finde es heraus, Fiona.“
„Würde ich ja gerne, wenn ich wüsste, wie!“
„Dazu müsstest du den Unterschied kennen.“
„Wieso wusste ich, dass jetzt so eine Antwort kommt?“
Drol Wayne lächelt mitleidig. „Weil du dir das gewünscht hast, und ich wollte dich nicht enttäuschen. Warum ist es dir eigentlich so wichtig, ob es real ist oder ein Traum? Nicht nur, dass du den Unterschied nicht wirklich erklären kannst, darüber hinaus kann ich mir keinen Grund vorstellen, warum es eine Rolle spielen sollte. So oder so erlebst du es jetzt gerade.“
„Leider“, sage ich seufzend.
„Was hast du also zu verlieren?“
„Mein Leben, wenn ich grad wach bin.“
„Wirklich? Glaubst du das ernsthaft?“
„Ich hoffe das sehr! Sonst bestünde die Gefahr, dass mein Onkel plötzlich auftaucht!“
Drol Wayne trinkt sein Wasser und legt dann Geld auf den Tisch. „Ich denke, du hast erst einmal genug erfahren. Was du daraus machst, ist deine Entscheidung. Niemand kann und wird dir diese abnehmen.“
„Wayne …“
Er blickt stehend auf mich herab. „Ja, Fiona?“
„Sie sind doch außerhalb von Zeit und Raum, dann wissen Sie doch, wie es mit mir weitergeht?“
Er grinst süffisant. „Netter Versuch, Fiona.“
Ich beobachte ihn, als er das Bistro verlässt. Die Kellnerin kommt, um Waynes Glas abzuräumen, und ich bestelle einen Martini. Ich würde in Drol Wayne gern einen Spinner sehen, aber leider gibt es ein paar Gründe, ihn und das, was er sagte, ernst zu nehmen.
James sitzt an seinem Laptop, als ich nach Hause komme. Ich lege die Arme von hinten um ihn und drücke meine Wange an seine.
„Was ist passiert?“, fragt James.
Ich muss lachen. „Vor dir kann ich keine Geheimnisse haben, mein Schatz. Bin ich für dich wirklich ein offenes Buch?“
„Na, jetzt hast du es mir schon mitteilen wollen, dass etwas passiert ist. Kann nicht wissen, wann du etwas vor mir verschweigst und ich es nicht mitkriege.“
„Niemals!“, antworte ich entrüstet.
„Okay“, erwidert James lächelnd. „Also gut, erzähl mal, was hast du erlebt?“
„Ich möchte ein Glas Rotwein, bitte.“
Während ich mich nackt ausziehe und auf das Sofa werfe, holt James eine Flasche und zwei Gläser, schenkt uns beiden ein und setzt sich neben mich – angezogen. Ich ziehe eine Schnute.
„Ich bin wohl alt und hässlich?“
„Nein, aber wenn ich mich auch ausziehe, erzählst du mir nichts. Vielleicht ziehe ich mich nachher zur Belohnung aus.“
„Du bist gnadenlos und gemein. Cheers!“
Lächelnd nimmt er einen Schluck aus seinem Glas. „Nun?“
Während ich überlege, womit ich anfange, fällt mir alles wieder ein, was Drol Wayne erzählt hat. Ich setze mich mit angezogenen Beinen auf das Sofa. Dann blicke ich James in die Augen.
„Für was hältst du mich?“
„Wie meinst du das?“
„Beantworte einfach die Frage mit dem, was dir spontan dazu einfällt. Für was hältst du mich?“
„Okay.“ James holt tief Luft. „Ich halte dich für eine ganz besondere junge Frau, die noch nicht genau weiß, was sie vom Leben will.“
Ups. „Du meinst, ich bin auf der Suche?“
„Ob du auf der Suche bist? Keine Ahnung. Man muss nicht auf der Suche nach etwas sein, was man nicht hat. Nein, ich habe bis jetzt eher nicht den Eindruck, dass du auf der Suche warst. Vielleicht hat sich das gerade geändert.“
Ich kaue auf meiner Unterlippe rum, allerdings nur kurz, denn James beugt sich zu mir rüber und berührt meine Unterlippe mit dem Mund. Sofort öffne ich meinen Mund und begehre mit der Zunge Einlass. Lächelnd zieht sich James wieder zurück.
„Das sieht zwar sehr sexy aus, wenn du an deiner Lippe rumnagst, aber selbstverletzendes Verhalten dulde ich nicht“, sagt er.
„Arschloch.“ Ich begieße meinen Kummer mit Wein. „Erinnerst du dich an Drol Wayne?“
James schüttelt den Kopf. „Sollte ich? Wer ist das?“
„Nein, solltest du nicht. Aber es hätte trotzdem sein können. Er war damals, vor zwei Jahren, nachts an meinem Bett und hinterließ mir seine Visitenkarte.“
„Ich erinnere mich“, sagt James nickend.
„Ich habe ihn heute, vorhin, getroffen.“
„Aha. Muss ich eifersüchtig sein?“
„Auf Drol Wayne? Nein, eher nicht.“ Ich kriege einen Lachkrampf, verschütte das halbe Glas und brauche eine Weile, um mich wieder zu beruhigen. Danach schenkt mir James neuen Wein ein und hält mir das Glas hin.
„Nächstes Mal gib mir das Glas erst, okay?“
„Ja, okay, mein Schatz.“ Ich nehme einen großen Schluck. „Drol Wayne behauptet, der Statthalter Gottes auf der Erde zu sein.“
„Aha.“
„Ja, so ging es mir auch. Dann erzählte er noch, ich sei eine Kriegerin. Ich hätte mich vor der Zeugung dafür entschieden, um auf diese Weise mit für das Gleichgewicht zu sorgen.“
„Für das Gleichgewicht von was?“
„Das konnte er mir leider nicht so ganz genau sagen. Ich nehme an, irgendwie für das Gleichgewicht zwischen gut und böse. So ähnlich jedenfalls.“
James mustert mich nachdenklich. „Was denkst du?“
Ich seufze. „Ich kann ihn leider nicht nicht ernst nehmen. Dazu wusste er zu viel über mich. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich davon halten soll. Ich meine, was vor zwei Jahren passiert ist, das geht doch eigentlich darüber hinaus, was eine 23jährige tun könnte. Oder?“
„Da ist was dran“, sagt James. „Kann eine Kriegerin denn so was?“
„Ja, ich glaube schon. Auch das mit dem schnellen Heilungsprozess würde da gut ins Bild passen.“ Ich kratze mich am Kopf. „James, wenn das alles wahr ist, dann ist mein gesamtes bisheriges Weltbild für den Arsch!“
„Warum?“
„Was?“ Ich starre ihn entgeistert an.
„Warum eigentlich? Was in deinem bisherigen Weltbild schließt die Möglichkeit aus, dass du kein Mensch wie alle anderen bist? Oder dass es so was wie Gott gibt? Wieso sollte es nicht reichen, dass du dein Weltbild einfach erweiterst? Wieso muss es gleich für den Popo sein?“
„Jaaames …“
„Ja?“
„Ich vernasch dich gleich, wenn du noch mal Popo sagst!“
„Es macht dich an, wenn ich Popo sage?“ Jetzt ist es an James, entgeistert zu blicken.
Statt einer Antwort nehme ich seine Hand und führe sie zwischen meine Oberschenkel. Seine Augen weiten sich. „Okaaaay …“
„Also, Schatz, wenn wir weiter diese Sache mit dem Weltbild und so besprechen sollen, dann unterlass es bitte, mich zum Auslaufen zu bringen.“
„Ich werde mich bemühen.“
„Sehr gut.“ Ich atme tief durch. „Also, Weltbild. Ich weiß eigentlich gar nicht genau, was ich für ein Weltbild habe. So klar habe ich es mir noch nie definiert.“
„Wie fast alle Menschen.“
„Scheiße … wir vegetieren eigentlich so dahin, oder?“
„Möchtest du auf die Metaebene, mein Schatz?“
„Du bist echt ein Arschloch, mein Schatz. Nein, möchte ich nicht. Ich möchte eigentlich nur irgendwie einen Weg für mich finden, mit dieser Geschichte umzugehen.“
„Und warum denkst du dann darüber nach, statt es zu tun?“
„Du bist manchmal erstaunlich pragmatisch, mein Lieber!“
James grinst. „Oh oh, jetzt wird aus Schatz Lieber. Sollte ich mich in Acht nehmen? Ich bin doch immer pragmatisch. Das weißt du doch.“
„Hm.“ Ich trinke den Wein aus. „Gut, dann werden wir jetzt ganz pragmatisch ficken. Und ich dulde keine Widerrede!“
„So auf Kommando? Vergiss es. Das Mindeste ist, dass du mich fängst.“
„Kein Problem … hey, wir haben noch gar nicht angefangen!“ Ich stelle hastig das Weinglas ab und laufe hinter James her, der natürlich einen erheblichen Vorsprung hat. Für sein Alter ist er ja ziemlich fit. Ich hole ihn erst im Garten ein und werfe mich auf ihn. Wir rollen uns im Gras, bis ich es schaffe, auf ihm zu liegen.
„Wir könnten beobachtet werden“, sagt er grinsend.
„Das ist mir scheißegal“, erwidere ich und reiße ihm die Kleider vom Leib.
Ihm ist es dann auch egal. Er stöhnt auf, als ich ihn in mich eindringen lasse, dann verschließe ich seinen Mund mit meinem. Wir lieben uns lange und intensiv.
Später stehen wir frisch geduscht und angezogen vor der Tür meiner Eltern, um Danny abzuholen, der heute seinen Tag hier verbracht hat. Wenn meine Eltern schon kein Enkelkind haben, dann toben sie sich wenigstens an Danny aus, der das durchaus zu würdigen weiß. Dennoch begrüßt er uns freudig bellend, nachdem ich die Tür aufgeschlossen habe, um dann sofort begeistert zurückzurennen. Er ist mit irgendwas noch nicht fertig, und ich bin mir sehr sicher, dass es sich dabei um Essen handelt.
Wir finden ihn und meine Eltern im Salon, alle drei beim Abendessen.
„Wollt ihr auch was essen?“, fragt meine Mutter zum Empfang. „Nicholas, würden Sie noch …“
„Stopp!“, rufe ich. „Ich habe keinen Hunger. Was ist mit dir, James?“
James winkt ab.
„Schade. Ganz sicher nicht?“
„Ganz sicher, Mama. Eigentlich wollten wir nur Danny holen.“
„Aber ihr bleibt doch wenigstens auf einen Drink?“, erkundigt sich mein Vater. Dabei grinst er andeutungsweise.
„Das können wir machen. Wir setzen uns schon mal in den Garten, ihr könnt in Ruhe zu Ende essen und kommt dann nach. Einverstanden?“
Mama nickt seufzend. Ich nehme James an der Hand und ziehe ihn mit mir nach draußen auf die Terrasse, wo ich tief durchatme.
„Ich liebe meine Mutter wirklich und aufrichtig, aber manchmal nervt sie mich auch gewaltig!“
„Und ich dachte, so ein Orgasmus entspannt.“
„Einer??“
„Dann erst recht.“
Nicholas tritt auf die Terrasse und fragt nach unseren Wünschen. Ich entscheide mich für einen Whisky on the rocks, James nimmt einen Martini. Mit dem Glas in der Hand stelle ich mich neben den Pool und betrachte den Garten. Es fällt mir immer noch schwer, mir vorzustellen, dass Norman nicht mehr zwischen den Bäumen rumtobt. Ich spüre die Nähe von James. An meinem Whisky nippend starre ich zwischen die Bäume und habe das Gefühl, Schatten hin und her huschen zu sehen. Vielleicht sollte ich meinen Alkoholkonsum drosseln.
Ich erschaudere.
„Ist dir kalt?“, erkundigt sich James.
Kopfschüttelnd drehe ich mich zu ihm um. „Ich sehe wohl Gespenster. Musste grad an Norman denken.“
„Ja, ich habe manchmal auch das Gefühl, er spukt hier als Geist rum.“
Ich sehe ihn überrascht an.
„Das war metaphorisch!“, sagt er.
„Vielleicht gibt es ja Geister. Wenn es Gottes Statthalter gibt, könnte es ja auch Geister geben, oder?“
„Ja, vielleicht.“ James zieht mich an sich, und ich schmiege mich bereitwillig an ihn.
Der Abend wird dann doch noch ganz lustig. Mein Vater und James erzählen abwechselnd Anekdoten aus ihren eigentlich ganz unterschiedlichen Leben. Als wir schließlich nach Hause gehen, ist es schon dunkel und deutlich kühler. Wieder habe ich das Gefühl, Schatten zwischen den Bäumen hin und her huschen zu sehen.
Ich schließe die Augen.
Mein Gott, geht das Meeting denn nie zu Ende? Ich habe Mühe, den Ausführungen von George zu folgen, dabei ist es wichtig. Es war schließlich meine Idee, die er versucht, buchhalterisch zu erfassen. Ich atme unhörbar ein und konzentriere mich auf die Leinwand und die Grafik darauf, die der Projektor dorthin wirft.
Muss ein CEO wirklich was von Buchhaltung verstehen? Ich beschließe, dass ja, wenn er nicht verarscht werden will. Wenigstens die Grundbegriffe und die Grundlagen.
Ich bin sehr froh, als das Meeting endlich vorbei ist. Ich beobachte die anderen Teilnehmer dabei, wie sie den Konferenzraum verlassen und halte dabei meine leere Kaffeetasse vor mir. So findet mich meine Sekretärin vor.
„Möchtest du Kaffee, Fiona?“, fragt Monica lächelnd.
„Wie? Ach so … nein, danke. Ich mache für heute Feierabend. Und du auch, okay?“
Monica nickt und mustert mich nachdenklich. „Alles in Ordnung?“
„Ja, alles ist gut“, sage ich lächelnd. „Mir gehen nur ein paar Dinge durch den Kopf.“
Sie nickt erneut und geht. Ich folge ihr langsam, lese im Büro die neu reingekommenen Nachrichten, von denen keine dringend zu beantworten ist, und schalte dann den Rechner aus. Morgen ist auch noch ein Tag. Ich muss ja nicht immer die Letzte sein.
Draußen ist noch sonnendurchfluteter Frühabend. Der Verkehr ist dicht, so habe ich viel Zeit und Gelegenheit, am Steuer meinen Gedanken nachzuhängen. Themen habe ich genug. Zwischendurch beobachte ich die Menschen um mich herum. Fußgänger, Autofahrer, Busfahrer, Leute hinter Fenstern, Leute, die vor Cafés sitzen, Leute, die sich ein Eis holen, Leute, die Pizza essen, Kinder, Erwachsene, junge und alte Menschen, allein und in Gruppen. Die ganze Stadt ist voll mit Menschen. Wieso habe ich sie bislang kaum wahrgenommen?
An einer der größten Kreuzungen der Stadt mit 5 Spuren in jeder Fahrtrichtung stehe ich auf der Linksabbiegespur und warte ungeduldig auf Grün. Die hohen Häuser auf beiden Seiten wirken plötzlich bedrückend auf mich. Die auf Westen zulaufende Sonne wirft von links die Schatten auf die Straße, während die oberen Fensterreihen rechts blendend leuchten. Ab und an blitzt ein Schatten auf. Vögel, vielleicht. Ich atme tief durch. Mein herumirrender Blick, auf der Suche nach der Ursache der blitzenden Schatten, fängt eine Szene ein, die mich sofort in helle Aufregung versetzt.
Ein Mädchen wird rechts von mir in ein Eckhaus gezerrt. Als würden die Augen des Mannes, der das Mädchen festhält, mich kurz anblitzen, dann sind beide im Haus verschwunden. Ich überlege nicht lange, gebe Gas, reiße das Steuer rum und rase vor den wartenden Autos auf das Haus zu. Wütendes Hupkonzert begleitet mich, doch im Moment interessiert mich das nicht. Ich fahre auf den abgeschrägten Gehweg hoch, stelle den Wagen dicht neben der Hauswand ab, sodass die Fußgänger problemlos an ihm vorbeigehen können und laufe in das Haus hinein. Den Wagen schließe ich mit der Fernbedienung ab. Das leise Piepsgeräusch, als die Alarmanlage aktiviert wird, hat etwas Vertrautes.
Im Treppenhaus ist es kühl. Es riecht nach Abendessen. Die Geräusche der Hochrennenden lassen mich nach oben sehen. Die beiden haben mehrere Etagen Vorsprung. Ich verfluche meine Businesskleidung und die nur bedingt zum Spurt geeigneten Sandalen, die ich anhabe, während ich hinterhereile.
Meine Hoffnung, dass ich nicht bis in das oberste Stockwerk hochrennen muss, erfüllt sich nicht. Schweratmend komme ich oben an und nehme mir vor, wieder intensiver zu trainieren. Vor mir liegt ein Korridor mit mehreren Wohnungstüren links und rechts, doch ich hatte keine Tür gehört und laufe auf die Abbiegung zu, hinter der es zu den hinteren Wohnungen gehen dürfte.
Mein Leichtsinn wird natürlich bestraft. Ich schaffe es gerade eben, der Metallstange auszuweichen, die auf meinen Kopf zielt. Welcher 1000. Sinn mich dabei leitet, weiß ich nicht. Ich verliere jedenfalls das Gleichgewicht, rolle mich ab und gegen die Wand. Das tut weh.
Während ich mich noch selbst bemitleide und gegen die plötzliche Müdigkeit ankämpfe, werde ich gepackt und hochgerissen. Ich blicke in ein verschwommenes, mir unbekanntes Gesicht.
„Du hast bewundernswerte Reflexe“, sagt eine tiefe, männliche Stimme. „Wieso folgst du uns eigentlich?“
„Was hast du mit dem Mädchen vor?“, stelle ich die Gegenfrage. „Sie ist wohl nicht freiwillig mitgegangen!“
„Was interessiert dich das denn?“ Der Kerl grinst. „Mischst du dich immer in fremde Angelegenheiten ein?“
„Eine Entführung ist keine fremde Angelegenheit“, erwidere ich. „Und jetzt lass mich los!“
„Was passiert denn sonst?“, fragt er spöttisch.
Ich führe es ihm vor. Meine Handflächen klatschen gegen seine Ohren, meine Stirn gegen seine Nase. Aufschreiend taumelt er zurück und bietet mir dadurch den Raum, Schwung zu nehmen und ihn mit meinem Körper gegen die Wand gegenüber zu pressen. Er stöhnt auf, zugleich drücke ich seinen Hals mit meinem linken Unterarm gegen die Wand.
„So“, sage ich keuchend, „das gefällt mir schon besser.“
„Mir nicht“, erwidert er gepresst. Doch das ist eigentlich nur Ablenkung, wie mir klar wird, als zeitgleich sein Knie in meinem Unterleib landet. Er stößt mich zurück und verpasst mir dann einen Tritt ins Gesicht. Während ich falle, werden mir mehrere Dinge gleichzeitig klar. Erstens, dass ich diesen Kampf verloren habe. Zweitens, dass er kein gewöhnlicher Mensch ist. Drittens, dass ich verweichlicht bin. Vor allem drittens tut weh.
Ich stehe auf allen vieren und beobachte, wie mein Blut auf den Boden fließt. Auch zwei rote Klumpen liegen unter mir. Zähne. Und meine Nase ist garantiert gebrochen. Der Wunsch, mich einfach hinzulegen, wird übermächtig.
„War das etwa schon alles?“, höre ich ihn höhnisch fragen.
Ich mobilisiere alles an Willenskraft, was in meinem verweichlichten Körper noch verblieben ist und richte mich langsam auf.
„Das hättest du wohl gerne …“
Er grinst. „Nicht schlecht. Du hast Mut. Und du bist viel stärker als ein gewöhnlicher Mensch. Normalerweise bricht so ein Tritt einem kräftigen Mann das Genick. Ich bin fast geneigt, dich für eine Kriegerin zu halten. Aber dafür bist du dann doch zu schwach.“
„Ich bin eine Kriegerin“, erwidere ich.
„Verflucht, müssen die schon so schlechtes Material nehmen?“ Der Kerl lacht. „Mir kann es nur recht sein.“ Er geht zu der Metallstange und hebt sie hoch. Ich bleibe stehen, denn zum Gehen reicht meine Kraft nicht aus. „Deine Kriegerkarriere ist jetzt jedenfalls beendet“, sagt er beim Ausholen.
Ich versuche, den Schlag mit dem Arm zu blocken. Dass der Arm das nicht aushalten kann, ist mir dabei klar, aber der Schmerz noch schlimmer als erwartet. Zum Schreien fehlt mir dennoch die Zeit, denn im Rückschwung trifft die Stange meinen Kopf. Ich höre die Knochen bersten und merke kaum, wie ich hinfalle.
„Du kannst ja gut einstecken.“ Es klingt, als wäre er ganz weit entfernt.
Dann werde ich hochgerissen und gegen die Wand geschleudert, einen Halbabsatz hinunter. Mein Kopf trifft ungebremst auf die Wand, die Wucht wirft mich zurück, auf die Stufen.
Das Letzte, was ich bewusst sehe, ist mein Körper, seltsam verrenkt auf den Stufen, der Kopf zertrümmert, eine blutige Masse daneben.
Mein Gehirn, denke ich, während dieser Gedanke sich wie ein Lufthauch auflöst.
James starrt mich entsetzt an. Selbst Danny weicht winselnd vor mir zurück. Dank des Rückspiegels weiß ich, dass ich einen heftigen Anblick biete.
„Was ist denn geschehen?“, fragt James. Er ist ungewohnt bleich.
„Ich brauche ein Vollbad“, krächze ich.
Ohne weitere Fragen begleitet mich James ins Badezimmer, lässt Wasser ein und hilft mir beim Ausziehen. Stöhnend lasse ich mich ins Wasser gleiten.
„Brauchst du noch etwas?“
„Irgendwas Starkes“, antworte ich und schließe die Augen. „Und danach erzähle ich dir, was passiert ist.“
James nickt und geht raus. Schon kurze Zeit später, in der ich versuche, mich zu entspannen, kehrt er zurück, mit zwei Gläsern. Ordinärer Whisky, wie ich schnell erkenne.
James setzt sich neben der Wanne auf einen Hocker und hält mir ein Glas hin. Ich nehme es und trinke die Hälfte des Inhalts auf einen Zug.
„Das hat gut getan“, flüstere ich.
„Freut mich, das zu hören. Ist das dein Blut in deinen Haaren?“
Ich nicke, dann tauche ich mit offenen Augen unter und beobachte, wie sich das Wasser rot färbt. Nach einer Weile komme ich wieder hoch.
„Nun?“
Ich hole tief Luft. „Ich war tot, James.“
„Du warst tot? Wann?“
„Vor einer Stunde oder so.“
„Tot? Ist das metaphorisch gemeint?“
Ich sehe ihn an. „James, ich konnte mich da liegen sehen, und mein Gehirn lag neben mir. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich wach wurde und beschissene Kopfschmerzen hatte. Ich lag so da, wie ich mich vorher gesehen hatte. Nur schien die Sonne, als ich mich von meinem Bewusstsein verabschiedete, als ich aufwachte, war es dunkel. Und dann fand ich wesentliche Teile meines Gehirns neben meinem Kopf, in einer riesigen Blutlache. Nur war da kein Loch mehr in meinem Kopf. Und auch der Rest meines Körpers war heil, wenn man von den irrsinnigen Schmerzen absieht, die ich in den gebrochenen Teilen meines Körpers verspürte.“
„Was war denn alles gebrochen?“
„Mein Arm, meine Nase.“
„Warum?“
Meistens liebe ich James´ pragmatische Art, aber jetzt würde ich am liebsten schreien. Mit viel Willenskraft beherrsche ich mich.
„Ich war auf der Heimfahrt vom Büro. Aus dem Auto sah ich, wie ein Mädchen in einen Hauseingang gezerrt wurde. Habe den Wagen geparkt und bin hinterher. In der obersten Etage wurde ich von dem Kerl mit einer Metallstange empfangen. Er war schnell und stark. Letztlich stärker als ich. Er brach mir die Nase mit einem Fußtritt, den Arm mit der Metallstange und schleuderte mich schließlich mit solcher Wucht gegen die Wand, dass mein Kopf regelrecht zerplatzte.“
„Autsch.“ James verzog das Gesicht. „Normalerweise würdest du also jetzt beim Pathologen liegen. Wie stehst du unter diesen Umständen zu dem, was Drol Wayne dir erzählt hat?“
Ich lehne den Kopf zurück, verschätze mich und stoße hart gegen die Wannenwand. Fluchend reibe ich die Stelle, die vorhin noch offen war. James kann nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken.
„Verhält sich so ein liebender Ehemann?“, erkundige ich mich vorwurfsvoll.
„Die wenigsten liebenden Ehemänner unterhalten sich mit ihren Frauen, nachdem diese umgebracht wurden“, erwidert James, jetzt wieder ernst.
„Auch wieder wahr“, murmele ich. „Der Kerl, wer oder was er auch war, quasselte was von, ob ich eine Kriegerin sein könnte.“
„Oho!“
„Ja, genau, oho. James, kommt dir nicht merkwürdig vor, dass ich die Begegnung mit Drol Wayne habe, nicht weiß, was ich davon halten soll und dann das hier passiert?“
„Nein“, erwidert James.
„Aha.“ Ich schweige irritiert eine ganze Weile. Da auch James nichts sagt, frage ich schließlich nach: „Und warum nicht?“
„Weil die Begegnung mit Wayne dir eine Tür geöffnet hat und du nun sehen kannst, was sich dahinter befindet. Deswegen hast du Begegnungen, die du vorher nicht hattest.“
„Klingt logisch.“ Ich bin sicher, mein Gesichtsausdruck sagt das Gegenteil aus.
„Schatz, du kennst doch selbst das Phänomen, dass man plötzlich die Automarke sieht, und zwar ständig, die man selber neu fährt, oder?“
„Ja, schon.“
„Warum sollte das hier anders sein? Wenn wir uns mit etwas beschäftigen, verlagert sich das Zentrum unseres Bewusstseins. Das ist doch völlig normal. In deinem Fall kommt wahrscheinlich noch hinzu, dass nicht nur der Fokus deines Bewusstseins sich verschoben hat, sondern tatsächlich dein Wahrnehmungsbereich größer wurde.“
„James, ich liebe dich.“
„Ich weiß.“
„Außerdem bist du ein arrogantes Arschloch!“
„Auch das ist mir bekannt“, sagt er grinsend. „Ich war schließlich Geheimagent. Der beste James, wie du sagen würdest.“
Jetzt muss ich doch lachen. „Ich liebe dich wirklich. Ich weiß nicht, ob ich mit einem anderen Mann so über diese Dinge reden könnte. Die meisten würden mich für verrückt erklären.“
„Tja, ich weiß halt, dass du verrückt bist. Aber mich stört das nicht, im Gegenteil.“
Ich betrachte ihn ernst. „James, jetzt mal ehrlich. All das, was ich dir die letzten Tage erzählt habe, das klingt doch so was von unglaubwürdig und fantastisch. Wieso glaubst du mir?“
James schürzt nachdenklich die Lippen, bevor er antwortet: „Ich schätze, dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens liebe ich dich. Lach nicht, das ist wirklich ein Grund.“
„Okay“, sage ich und werde schnell ernst.
„Zweitens habe ich durchaus schon mal erlebt, dass du etwas Fantastisches behauptet hast, und es entpuppte sich als Wahrheit.“
„Und drittens?“
„Woher weißt du, dass es ein Drittens gibt? Na gut, du hast ja recht. Und drittens glaube ich schon lange daran, dass dieses komische westliche Weltbild, degeneriert und deterministisch, viele Dinge aus unseren Wahrnehmungen rausfiltert. Ich hatte da ein paar Erlebnisse, als ich noch Geheimagent war.“
„Was für welche?“, erkundige ich mich neugierig.
„Das erzähle ich dir vielleicht bei der passenden Gelegenheit“, antwortet er. „Jetzt geht es um dich.“
„Willst du mir etwas verheimlichen?“
„Schatz!“ James atmet tief durch. „Nein, ich möchte bloß nicht darüber reden. Aber mit dir hat das nichts zu tun, sondern mit den Erlebnissen. Okay?“
„Ja.“Ich lehne mich zurück und tauche bis auf die Nasenspitze unter. Über mir taucht James´ grinsendes Gesicht auf, und als ich ein kleines Stück hochkomme, küsst er mich auf den Mund. Unsere Zungen begegnen sich. Seine Hand streichelt unter Wasser meine Brüste, was mir ein leises Stöhnen entlockt. Dann nehme ich die Hand und geleite sie in andere Regionen, über den Bauch, an den Innenseiten meiner Schenkel entlang, bis ich sie letztlich auf meine Vulva lege. Die Finger machen sich selbstständig, bahnen sich mühelos den Weg zwischen die Lippen und finden die Stelle, von der aus sich erst kleine, dann immer größer werdende, heiße Wellen der Lust ausbreiten. Ich stöhne in seinen Mund, während mein Körper sich spannt und aufbäumt. Ich halte mich an seinem Nacken fest, die Augen fest verschlossen und schreie.
Als die Erregung langsam abebbt, öffne ich die Augen und blicke in seine.
„Danke“, flüstere ich. „Ich liebe dich.“
Am nächsten Morgen werde ich mit Gesichtswaschen geweckt. Zumindest ist das meine erste Assoziation, bis mir klar wird, dass ich bäuchlings quer auf dem Bett liege und Danny mit seiner Riesenzunge mein Gesicht säubert. Vollsabbert. Mit alles zersetzendem Sabber.
Ich rolle mich vom Bettrand weg und setze mich langsam auf. Es wird hell. James lässt nämlich grad die Jalousien aufgehen, damit ich die Kaffeetasse an meinen Mund führen kann. Die Kaffeetasse, die er mir grinsend reicht.
„Es ist Sommer, es ist warm, die Sonne scheint, und wir waren schon unterwegs“, teilt er mir mit.
Ich nehme die Kaffeetasse und werfe ihm von unten einen düsteren Blick zu. „Wie kann man nur mitten in der Nacht so gut gelaunt sein? Das ist krank!“
„Mitten in der Nacht? Schatz, es ist gleich 10.“
„Was?“ Ich stehe kerzengerade im Bett, was auch mich überrascht.
„Hast du einen Termin?“, erkundigt sich James süffisant.
„Seit einer halben Stunde“, antworte ich. Dabei betrachte ich zuerst den Kaffeefleck auf der Bettdecke, dann die Kaffeetasse, die halb leer ist, obwohl ich noch keinen einzigen Schluck getrunken habe.
„Trink schnell, bevor du den Rest auch noch verschüttest“, sagt James.
Ich setze mich langsam wieder hin, und mit unterschlagenen Beinen führe ich das lebensrettende Koffein meinem Körper zu.
„Mach dir aber keine Vorwürfe, Schatz, du wirst ja nicht jeden Tag umgebracht. Da darfst du schon mal ein bisschen neben der Spur sein.“
„Vielen Dank für dein Mitgefühl.“
„Gern geschehen. Möchtest du zum Wachwerden noch einen ganzen Kaffee?“ Er nimmt meine Tasse, als ich nicke. Danny trottet ihm hinterher. Nach kurzem Nachdenken beginne ich, hektisch nach meinem Telefon zu suchen. Schließlich finde ich es unter meinem Bademantel, der auf dem Boden liegt.
Nach ewig langem Klingeln die vertraute Stimme: „Drol Wayne.“
„Was haben Sie mit mir angestellt?“, schreie ich ihn an.
„Hallo Fiona, wie geht es dir?“
„Mir geht es beschissen! Und Sie sind schuld, verdammter Mistkerl!“
„Ich? Jetzt komm erst einmal wieder runter auf den Teppich und erzähl, was dich so aufregt.“ Er klingt, als würde er sich amüsieren. Ich spüre, wie das bei mir den Adrenalinspiegel noch höher treibt. Ich zähle langsam bis 10, dabei mehrmals tief durchatmend. „So ist es fein“, sagt Wayne.
„Du bist ein Meister im Provozieren“, stelle ich fest. „Aber mich kriegst du damit nicht mehr.“
„Das will ich auch gar nicht. Aber es ist nicht schlecht, wenn eine Kriegerin sich beherrschen kann.“
„Ich fürchte, das allein reicht noch nicht, Wayne. Du weißt echt nicht, was ich will? Ich denke, du lebst außer Zeit und Raum.“
„Das gilt nicht für meine Manifestierung, mit der du gerade redest. Außerdem kannst du mir doch einfach erzählen, dass du gestern getötet wurdest.“
„Arschloch!“
„Zum Glück weiß ich auch, dass dieser Ausdruck zu deinem Lieblingsvokabular gehört und du es gar nicht so meinst“, sagt Wayne lakonisch.
„Ja ja … Danke, mein Schatz!“ Das gilt James, der mir einen Kaffee reicht.
„Wie bitte?“, fragt Wayne.
„Du sollst nicht alles auf dich beziehen“, erwidere ich lachend. Du bist ganz bestimmt nicht mein Schatz! Ich habe nur Kaffee gebracht bekommen. Aber kommen wir zurück zum Grund meines Anrufs.“
„Willst du dir nicht vorher was anziehen?“
„Wayne!“ Ich flüchte unter die Decke. „Lass das!“
James sieht mich fragend an. Ich schüttle den Kopf.
„Du wolltest es doch so haben, Fiona. Im Übrigen, du brauchst dich nicht zu verstecken. Was glaubst du, was ich alles schon gesehen habe?“
„Darüber möchte ich jetzt gar nicht nachdenken“, erwidere ich. „Eigentlich will ich von dir nur wissen, was das war gestern. Ich meine, ich war tot. Oder?“
„Das ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Rein biologisch betrachtet war dein Körper vorübergehend deaktiviert, ja. Medizinisch betrachtet war er sogar endgültig stillgelegt, weil das Gehirn zerstört war. Ich bevorzuge es allerdings, einen Menschen dann tot zu nennen, wenn er den Körper endgültig abgelegt hat. Und nach dieser Definition warst du nicht tot. Und bevor du mir jetzt sagst, das wäre nur Haarspalterei, möchte ich darauf hinweisen, dass du eben kein gewöhnlicher Mensch bist und darum in der Lage, auch einen zerstörten Körper erneut zu besetzen und zu nutzen. Technisch betrachtet kann das zwar jeder Mensch, aber es ist nicht vorgesehen. Dir steht aufgrund deiner besonderen Aufgaben diese Möglichkeit offen.“
„Willst du damit behaupten, ich wäre unsterblich?“, frage ich entgeistert.
„Unsterblich bist du sowieso, wie jeder Mensch. Zumindest in dem Sinne, was Menschen so unsterblich nennen. Außerhalb von Raum und Zeit macht dieser Begriff eigentlich keinen Sinn. Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Du bist Fiona Carter oder meinetwegen Fiona Flame und somit ein Mensch. Ein Teil des Raumzeitprozesses. Das, was da zu Fiona wurde, wird sozusagen aus dem Körper und der Raumzeit geschleudert, wenn der Körper deaktiviert wird. Also beim Sterben. Als Fiona ist das unter Umständen sogar sehr schmerzhaft. Solange das, was du wirklich bist, ich nenne das mal Seele, also, solange deine Seele ihre Aufgabe wahrnimmt, wird sie den Körper immer wieder neu aufbauen. So wie du eine Sandburg auch immer wieder neu aufbauen kannst. Na ja, so ähnlich. Sandburgen gelingen nie völlig identisch. Obwohl, der Körper auch nicht, wenn auch die Unterschiede sehr subtil sind. Vor allem, wenn das Material … ähm … noch fast vollständig erhalten ist, wie gestern zum Beispiel. Spannender wird es, wenn dein Körper beispielsweise mal vollständig verbrennt.“
„Ach du Scheiße! Ich glaube, diese Erfahrung möchte ich gar nicht machen!“
„Manchmal kann man sich das halt nicht aussuchen, so als Mensch.“
„Okay, okay. Ich habe das jetzt verstanden. Glaube ich. Aber, verdammt noch mal, warum nannte er mich schwach?“
„Weil er normalerweise gegen einen Krieger keine Chance hat.“
„Trotzdem konnte er mich töten. Was ist denn da schiefgelaufen, Wayne?“
„Du“, antwortet Wayne leise. „Du bist schiefgelaufen.“
„Wie meinst du das?“
„Fiona, als ich dich vor zwei Jahren im Krankenhaus besucht habe, sahst du nicht halb so beschissen aus wie neulich im Bistro. Du hast förmlich geglüht vor Feuer. Dieses Feuer ist fast erloschen. Da ist nur noch ein kleiner Funken, irgendwo tief in dir versteckt.“
„Das glaube ich jetzt nicht. Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, mir wurde gestern der Kopf zerschlagen, weil in mir kein Feuer mehr brennt?“
„Doch, genau das sage ich. Und dir müsste das eigentlich auch klar sein. Kampftechnisch war der dir wohl kaum überlegen, da hast du doch ganz andere Sachen gebracht. Du hast dich deinem Schicksal ergeben, gar nicht gewinnen wollen. Voller Zweifel du warst.“
Ich schließe die Augen. Wayne hat recht. Ich war gestern voller Zweifel, und ich bin es immer noch.
„Über eines musst du dir im Klaren sein: Das Ganze ist kein Spiel, auch wenn es sicherlich lustige Momente hat. Es ist sogar eine gewisse spielerische Leichtigkeit dabei, das gehört zum Feuer dazu. Aber ohne Leidenschaft geht es nicht. Und die ist bei dir erloschen. Es liegt an dir, das Feuer wieder anzufachen. Oder halt sehr viele schmerzhafte Erfahrungen zu machen. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen.“
Ja, mehr kann er dazu nicht sagen.
„Wayne“, sage ich. „Was war das für ein Typ gestern? Was hat er mit dem Mädchen gewollt?“
„Wenn du das wissen willst, dann finde es heraus.“
„Du bist wirklich ein Arschloch.“
„Mag sein. Aber dein Babysitter bin ich nicht. Ist noch was?“
„Nein“, erwidere ich flüsternd. „Für heute reicht mir das.“
Ich werfe das Handy auf den Boden und schaue dann James an. „Siehst du das auch so?“
„Ich habe zwar nicht alles mitgekriegt, aber da war die Rede von dem Feuer in dir?“
Ich nicke.
„Wann hast du zuletzt trainiert?“
Ich zucke die Achseln.
„Schatz, ich …“
„Schon gut“, unterbreche ich ihn. „Die Antwort ist deutlich.“
Ich will aufstehen und ins Bad gehen, doch James hält mich fest und zwingt mich, ihm in die Augen zu sehen.
„Fiona … du weißt, warum dein Feuer erloschen ist?“
Ich nicke und merke, wie meine Augen sich mit Tränen füllen. Oh ja, ich weiß es. Aber es spielt eigentlich überhaupt keine Rolle.
„Möchtest du mal Urlaub machen? Irgendwohin wegfahren, an nichts mehr denken müssen?“
Ich lehne die Stirn gegen seine Brust. „James, glaubst du wirklich, ich kann vor mir selber davonlaufen?“
„Nein. Aber zu dir finden.“
„Ja, sicher. Damals, in der Therapie, haben wir es eigentlich rausgefunden. Und ich bin nicht der Typ, der sich gelähmt in die Ecke zurückzieht. Warum bin ich nur noch ein Schatten von mir?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht solltest du deine Aktivitäten für die Stiftung eine Zeit lang mal zurückfahren. Die Kinder bekommen dort eine hervorragende Unterstützung. Dein Engagement in Ehren, du verlierst dich dort. Und das ist offensichtlich auch nicht deine Aufgabe.“
„Ja, sieht so aus.“ Ich löse mich von ihm und gehe ins Bad. Als ich fertig bin, finde ich ihn unten in der Küche am Tisch. Wir frühstücken schweigend, danach fahre ich ins Büro.
Als ich mir den Kaffee hole, fällt mir ein, wie mir vor ein paar Tagen um eine ähnliche Zeit nach dem Kaffeeholen Wayne eingefallen ist.
Diesmal halte ich mich von Online-Zeitungen fern. Ich habe mit dem Bericht der Business Analysten genug zu tun. Wieder einmal verfluche ich den Tag, an dem ich mich von meinem Vater überreden ließ, die Firma zu übernehmen. Und dann auch noch auf größenwahnsinnige Ideen zu verfallen. Obwohl, die Business Analysten scheinen sie gut zu finden. Vielleicht bin ich doch gar nicht so schlecht als Geschäftsfrau.
Ein Schatten aus dem Augenwinkel reißt mich aus meiner Konzentration. Niemand zu sehen. Im ganzen Gebäude dürften nicht mehr viele Leute sein um diese Uhrzeit. Ich nippe nachdenklich an meinem Kaffee. Neuerdings sehe ich auffallend oft irgendwelche Schatten. Ob das auch zur Erweiterung meiner Wahrnehmungen gehört?
Vor allem wüsste ich gerne, ob ich etwas sehe, was wirklich da ist. Dann sollte ich mir möglicherweise Sorgen machen. Zumindest bis mein Feuer wieder angezündet ist. Der Gedanke daran verdirbt meine Laune. Ich nehme meine Zigaretten, das Feuerzeug und gehe raus auf den Korridor. Etwas frische Luft täte gut, also beschließe ich, ganz nach oben zu gehen, auf das Dach. Am Geländer stehend zünde ich mir eine Zigarette an und betrachte dabei das hell erleuchtete Skyline.
Diesmal spüre ich den Schatten.
Und fahre herum.
Er ist wie ein Luftzug, sehen kann ich ihn nur aus den Augenwinkeln, und auch das nur undeutlich. Ich halte den Kopf so, dass ich ihn beobachten kann. Mein Gefühl sagt mir, dass von ihm keine Gefahr ausgeht, also rauche ich in aller Ruhe weiter. Der Schatten springt auf das Geländer und balanciert auf diesem entlang.
„Fall nicht runter“, bemerke ich.
„Keine Sorge, tue ich schon nicht.“
„Können Schatten eigentlich platt werden?“
„Eigentlich nicht. Sie sind es ja schon!“
„Wie schön.“ Ich beuge mich vor und sehe nach unten. „Was bist du eigentlich, und warum schleichst du die ganze Zeit um mich herum?“
„Ein Schatten ich bin.“
„Du meine Güte, lauter Yodas heute. Also gut, du Schatten, und meine zweite Frage?“
„Du kannst nirgendwo ohne deinen Schatten hin.“
„Die Antwort habe ich jetzt gebraucht. Klasse.“ Missmutig klopfe ich Asche ab. „Schatten ist nur, wo auch Licht ist.“
„Falsch!“ Der Schatten setzt sich neben mir auf das Geländer, mit nach draußen baumelnden Beinen. Aus den Augenwinkeln erkenne ich jetzt die zerfließenden Konturen, spüre zugleich deren Unruhe. „Schatten sind immer dort, wo Masken sind.“
„Also überall?“
„Also überall. Aber das hast du gesagt!“
„Klugscheißer.“
„Hey, ich glaube, du hast ziemlich schlechte Laune.“ Der Schatten springt auf und tänzelt um mich herum. „Wegen mir?“
„Nein, nicht wegen dir“, erwidere ich. „Ist eine lange Geschichte.“
„Und, hast du keine Zeit? Ich habe Zeit.“
Ich sehe ihn an, dadurch wird er für mich unsichtbar. Also wende ich den Blick wieder von ihm ab. Er steht direkt neben mir, sein Gesicht nahe an meinem. Ich kriege fast einen Herzinfarkt.
„Verdammte Scheiße, schleich dich gefälligst nicht so an!“, schreie ich ihn an.
„Ist ja schon gut, wollte dir nur genau zuhören“, sagt er beleidigt und tritt zurück.
„Du kannst mir zuhören und nahe sein, aber nicht anschleichen“, erwidere ich, nun freundlicher. „Du hast mich erschreckt.“
„Entschuldige, das wollte ich nicht.“
Ich winke ab. „Vergiss es. Ich erzähle es dir ein anderes Mal. Bin müde und will nach Hause.“
„Du kannst es mir auch unterwegs erzählen!“, ruft er freudig.
„Nerv mich nicht! Sind alle Schatten so aufdringlich?“
„Ja.“
„Super, klasse. Das sind ja reizende Aussichten.“
Ich drücke die Zigarette aus und gehe nach unten. Der Schatten bleibt oben, aber ich weiß, dass ich nicht allzu lange Ruhe vor ihm haben werde. Seufzend packe ich meine Sachen zusammen und fahre in die Tiefgarage. Irgendwie ist es schon fast beruhigend, dass er auf der Motorhaube meines Wagens sitzt.
„Muss ich dir die Tür aufhalten?“ erkundige ich mich.
„Nein, musst du nicht.“
„Wenigstens etwas“, murmele ich beim Einsteigen. Er sitzt schon drin. Ich werde bei Gelegenheit jemanden fragen, wie man es schafft, seinen Schatten zu ignorieren. Vielleicht einen Psychoanalytiker?
„Also, ich höre zu!“
„Du könntest wenigstens dabei die Klappe halten“, erwidere ich, während der Wagen aus der Tiefgarage rollt. „Oder warte, eine Frage kannst du mir noch beantworten.“
„Gerne, wenn ich kann!“
„Schnauze!“ Ich hole tief Luft. „Also, du erwähntest vorhin die Masken. Was genau ist der Unterschied zwischen einer Maske und einem Schatten?“
„Darf ich reden?“
„Natürlich, hab dich ja was gefragt.“
„Frauen“, murmelt er. „Na gut, Masken. Masken sind immer ganz anders als Schatten. Es gibt keine Gemeinsamkeit. Alles ist anders.“
„Alles?“
„Alles, ja. Das Gegenteil von nichts.“
„Du nervst schon wieder.“
„Hey, jetzt mach mal langsam. Was ist los mit dir? Ich habe dir nichts getan, also lass deine schlechte Laune mal nicht an mir aus, okay?“
„Sorry“, erwidere ich. „Mir wird das grad zu viel.“
„Dir ist aber schon klar, dass ich immer da war?“
„Jetzt weiß ich wenigstens, was die Leute an mir gelitten haben. Tolle Erkenntnis. Mein Tag ist gerettet. Hurra!“ Ich lasse die Scheibe runtergleiten und schreie durchs Fenster zu einer Gruppe von Touristen: „Mein Tag ist gerettet!“
„Es ist doch schon Abend“, bemerkt der Schatten belustigt.
„Du bist immer noch ein Klugscheißer. Und jetzt halt dich geschlossen, ich will nachdenken. Kapiert?“
Er macht eine Bewegung vor seinem Mund, als würde er einen Reißverschluß zuziehen und schafft es tatsächlich, auf dem Rest der Fahrt nichts mehr zu sagen. Meine Laune steigt ein wenig.
Anscheinend überlebe ich den Tag heute mal, ohne zu sterben. Hat was.
Ich betrachte mich im Spiegel. Es ist kurz nach 6 Uhr abends, kaum noch Leute im Gebäude. Ich stehe in der Toilette vor dem Spiegel und betrachte mein Gesicht. Dezent geschminkt, die Lippen leicht verzogen zu einem spöttischen Lächeln, die grauen Augen weit geöffnet, die Haare in die Stirn hängend. Man könnte sagen, ein hübsches Ding. Ich, Fiona, von den Toten auferstanden, mit einem Schatten gesegnet. Toll.
Als die Tür aufgeht, sehe ich im Spiegel eine der Buchhalterinnen. Nachdem sie mit dem Pinkeln fertig ist, stellt sie sich zum Händewaschen neben mich.
„Alles in Ordnung?“, fragt sie schüchtern.
Ich nicke. „Ja, alles bestens. Was machen Sie noch hier?“
„Ich habe Überstunden gemacht. Heute gab es viel zu tun.“
Ich verfluche mich still, weil ich solche Gespräche führe. „Viel zu tun? Kommt das häufig vor?“
„Nein“, sagt sie schnell. „Nur in der letzten Zeit. So viel Neues.“
Ich betrachte ihr Spiegelbild. „Was ist mit den neuen Leuten, die eingestellt werden sollten?“
„Es ist nicht so einfach, gute Leute zu finden.“
„Ja, das könnte sein.“ Ich mache mir eine unsichtbare Notiz, dass ich morgen mit Georg sprechen will.
„Ich gehe dann nach Hause“, sagt sie leise.
„Klar. Einen schönen Abend noch.“
„Danke. Ihnen auch.“ Boah, warum haben die alle so eine Angst vor mir? Okay, nicht alle. Ich denke kurz an meine Zeit als Trainee zurück. Nein, wirklich nicht alle. Ich atme tief durch und beschließe, dass es Zeit wird, wieder trainieren zu gehen. Nicht nur heute. Überhaupt wieder regelmäßig zu trainieren. Ich fahre zu Hause vorbei, um meine Trainingssachen zu holen. James sitzt bei der Arbeit und lächelt, als er mich mit Sporttasche ins Arbeitszimmer kommen sieht. Aber er ist schlau, er sagt nichts, außer mir viel Spaß zu wünschen. Und gibt mir einen Kuss.
Die im Sportcenter sind auch schlau. Selbst Mike beherrscht sich und behält seine Kommentare für sich. Ich mache mich warm, schaue dabei einer Gruppe von Jugendlichen zu, die Grundbegriffe von Selbstverteidigung beigebracht bekommen. Ab und an werden mir neugierige Blicke zugeworfen. Ob ich erkannt werde oder einfach, weil ich abseits still für mich trainiere und den Sandsack wütend bearbeite, weiß ich nicht. Und es ist mir auch egal.
Später werde ich aufmerksam, als eine andere Gruppe den Dojo für sich einnimmt. Einige aus der Gruppe tragen bereits braune Gürtel, es sind also keine absoluten Anfänger mehr. Unterrichtet werden sie von einem Mann, den ich hier noch nie gesehen habe. Ein sehniger, gut durchtrainierter Kerl mit bewundernswert fließenden Bewegungen. Sein Gurt ist schwarz.
Nachdem ich ihn eine Weile beobachtet habe, gehe ich an die Bar und hole mir ein Glas Wasser. Dabei erkundige ich mich bei Charlene, wer der neue Lehrer sei.
„Das ist Nilsson. Nilsson Lang, er vertritt Dan, der diese Woche Urlaub hat. Sieht unerlaubt gut aus.“
„Ja, das tut er. Vor allem unerlaubt.“ Ich registriere Charlenes erstaunten Blick, als ich die Bar verlasse. Der Sandsack muss meine Wut aushalten. Zwischendurch spüre ich den Blick von Nilsson auf meinem Rücken und brauche meine ganze Willenskraft, um nicht in seine Richtung zu sehen.
Erst später, während ich Pause mache und meine glühend roten Hände kühle, blicke ich wieder zu Nilsson und seinen Schülern hinüber. Er führt gerade ein paar Katas vor, mit denen man sich gegen mehrere Angreifer gleichzeitig wehren kann. Seine Bewegungen sind tänzerisch locker, sehr elegant. Und kraftvoll. Der Kerl ist verdammt gut.
Dann begegnen sich unsere Blicke, und mir stockt der Atem, als ich seine Kraft spüre. Er lächelt andeutungsweise, dann wendet er sich wieder seinen Schülern zu. Lautlos fluchend widme ich meine Aufmerksamkeit dem Sandsack und lasse erst von ihm ab, als meine Füße und Hände kurz davor sind zu platzen. Keuchend nähere ich mich der Gruppe von Übenden.
Nilsson fertigt gerade zwei übermütige Jungs ab, und als diese mit gesenkten Köpfen auf ihre Plätze schleichen, sieht er mich herausfordernd an.
„Was ist mit dir? Willst du diesen Großprotzen nicht mal zeigen, wie man anständig kämpft?“
„Wie kommst du darauf, dass ich das besser kann?“, erkundige ich mich provozierend.
„Hey, komm schon, ich weiß, dass du Fiona Flame bist. Deine Kampfkunst ist legendär. Oder hast du Angst vor mir?“
Ich schnaube. „Angst? Ich?“
„Worauf wartest du dann noch?“
Ich werfe einen Blick in die Runde, dann betrete ich den Kreis und bleibe in einem Meter Entfernung vor Nilsson stehen. Er mustert mich abschätzend.
„Kann es sein, dass du mal besser in Form warst?“, fragt er dann.
„Für dich reicht es noch“, erwidere ich wütend. Warum bin ich eigentlich wütend? Warum lasse ich mich von einem Kampfkunstlehrer provozieren?
„Warten wir es ab“, meint er lächelnd. „Bist du bereit?“
„Immer!“
Wir nehmen Stellung ein. Dann taxieren wir uns gegenseitig. Ein paar angedeutete Angriffe. Ich merke, wie schnell er ist. Ihm entgeht nichts. Das macht mich unsicher. Ich habe noch nie einen Gegner erlebt, der so exakt meine Bewegungen im Voraus erraten kann. Was ist er?
Wir testen uns gegenseitig aus. Das gibt mir die Gelegenheit, Nilssons Schwachstellen zu entdecken. Glücklicherweise ist selbst einer wie er nicht perfekt.
Dann greife ich wieder an, diesmal ernsthaft. Jage ihn fast aus dem Kreis hinaus. Aber nur fast. Seine Fußsohle stoppt mich, schickt mich zu Boden. Nur knapp entgehe ich einem zweiten Tritt, wehre verzweifelt und wütend seinen Angriff ab. Mit einem leichten Lächeln weicht er zurück.
„Du bist wirklich gut“, sagt er. „Aber nicht gut genug.“
„Wir werden es sehen“, erwidere ich leise.
Ich greife ihn immer wieder an, bringe ihn ein paarmal in arge Bedrängnis. Aber er schafft es jedes Mal, ohne Treffer rauszukommen. Und dann passiert es. Ich laufe in meine eigene Falle, seine Faust erwischt meine Nase und schickt mich zu Boden. Mein Blut ist eher da. Déjà vu. Der Schock macht mich zu langsam, ehe ich mich versehe, befinde ich mich in einem Schwitzkasten. Sein Mund ist ganz nah an meinem Ohr.
„Verdammt noch mal, Fiona, willst du so mit echten Gegnern fertig werden?“, flüstert er. „Wie oft willst du noch sterben?“
Scheiße! „Schickt dich Drol Wayne, damit du mich motivierst?“, frage ich gepresst.
„Nein. Aber ich weiß trotzdem, was los ist. Reiß dich zusammen, verdammt. Du hast das Zeug, zu den Besten zu gehören. Aber im Moment gibst du ein ziemlich jämmerliches Bild ab.“
„Findest du?“ Wütend befreie ich mich und verpasse ihm einen Schlag gegen das Sonnengeflecht. Das bringt ihn kurz außer Atem, dann richtet er sich lächelnd auf. „Das war schon besser.“
Die nächsten Minuten vergehen damit, dass ich wild auf ihn eindringe, ohne ihn wirklich zu gefährden. Dann werde ich wieder getroffen. Diesmal setzt er blitzschnell nach, und ehe ich mich versehe, liege ich gekrümmt vor Schmerzen auf dem Boden. Aus meiner Nase strömt Blut. Wahrscheinlich ist sie schon wieder gebrochen.
Nilsson stellt sich neben mich. „Willst du weiter machen?“
„Fick dich“, würge ich leise hervor. „Vielen Dank für deine moralische Unterstützung!“
Er grinst ansatzweise. „Du tust mir echt leid.“ Dann wendet er sich kopfschüttelnd ab und macht weiter mit dem Unterricht.
Ich erhebe mich stöhnend, ignoriere die mitleidigen Blicke und gehe duschen. Umständlich wegen der Schmerzen befreie ich mich vom Anzug und stelle mich unter heißes Wasser, beobachte, wie das rotgefärbte Wasser im Abfluss verschwindet.
Dann lasse ich mich sinken und den Tränen freien Lauf.
„Bist du schon wieder gestorben?“ James´ Frage ist ungewohnt gefühllos, als er mich sieht.
„Sag mal, spinnst du?“ Ich starre ihn entgeistert an.
„Oha. Du hast vielleicht eine Laune. Ich weiß ja nicht, was dir passiert ist. Es sollte ein Witz sein.“
„Ein schlechter Witz!“ Ich pfeffere meine Sporttasche in die nächstbeste Ecke. „Nein, ich bin nicht gestorben. Ich wurde lediglich vor der versammelten Mannschaft des Sportcenters verprügelt. Von einem Krieger, der meinte, mich damit motivieren zu können. Zufrieden?“
„Das tut natürlich doppelt weh, körperlich und seelisch, kann ich verstehen.“
„Was ist denn mit dir los?“
„Mit mir? Ich bin nicht anders als sonst auch. Aber wie ist es mit dir? Gehst trainieren, um dich zu prügeln? Wieso eigentlich? Hat dich dieser Krieger gezwungen, dass du dich mit ihm schlägst?“
„Nicht zu fassen.“ Kopfschüttelnd gehe ich ins Wohnzimmer und mache ein Glas mit Whisky voll. „Jetzt bin ich auch noch schuld, oder was?“
„Wer sonst?“ James entscheidet sich für Martini pur. Banause. „Schatz, du bist nur noch ein Schatten deiner selbst. Möchtest du ernsthaft, dass ich dich hier bemitleide?“
„Nein.“ Ich wende mich ab, damit er meine Tränen nicht sieht. „Nur etwas Hilfe.“
„Die bekommst du, das weißt du doch.“ Ich spüre, dass er näherkommt, bis er mich von hinten berührt. Seine Lippen kitzeln mein rechtes Ohr. „Ich kannte mal ein Mädchen, das wollte Bungeejumping ohne Seil machen.“
„Muss eine Verrückte gewesen sein.“
„Oh ja, verrückt war sie. Ich liebte sie wegen ihrer Verrücktheit. Sie konnte ganz wunderbar einen Schmollmund machen und ihre Jeans waren so knapp geschnitten, dass sie eher als Pomanschette durchgingen.“
„Du bist so ein Arsch, weißt du das? Wieso bringst du mich hier zum Lachen, wenn ich eigentlich schmollen will?“
„Du wolltest schmollen? Oh, entschuldige bitte.“
Schreiend drehe ich mich um. „Arsch, Arsch, Arsch!“ Dann küsse ich ihn leidenschaftlich. „Fick mich! Hier und jetzt!“
„Langsam, langsam.“ James hält meine Hände fest, die ihm die Kleider vom Leib reißen wollten. „Ich möchte nicht als Ventil dienen. Warum willst du, dass ich dich ficke?“
„Weil … weil …“ Ich kaue auf meiner Unterlippe rum. „Weil ich dich liebe!“
„Okay, das kann ich als Grund gelten lassen. Aber ist das wirklich der Grund?“
„Zweifelst du daran, dass ich dich liebe? Soll ich auf Knien rutschend dich darum anflehen, dass du mich fickst?“
„Hm“, antwortet er nachdenklich.
„Arschloch!“
Er lacht. „Wenn uns jemand hören würde, müsste er glauben, wir sind kurz davor, uns umzubringen.“
Ich grinse. „Zum Glück hört uns niemand.“
„Hoffentlich.“
Ich gehe langsam auf die Knie, lege das Whiskyglas auf dem Boden ab und öffne dann seine Hose. Sein harter Schwanz beult die Unterhose aus. Ich betrachte ihn mit schiefgelegtem Kopf, dann blicke ich zu James´ Gesicht hoch. „Du bist ja schwerbewaffnet, mein Schatz.“
„Das muss ich bei dir ja auch sein.“
„Gute Antwort.“ Grinsend befreie ich seine Waffe aus der Hülle und beiße leicht in die Speerspitze. James stöhnt auf, und ich glaube, nicht nur vor Lust. Meine kleine Rache. Doch bevor er seine Waffe wieder einstecken kann, lasse ich sie in meinen Mund gleiten, bis seine Haare meine Nase kitzeln.
„Du Biest.“ Meine Antwort fällt etwas undeutlich aus. Vor allem, weil er regelrecht in meinem Mund explodiert. Ich verschlucke mich fast, doch ich lasse ihn nicht los. Erst als er fertig ist, nehme ich seine Waffe aus dem Mund und säubere sie ordentlich mit der Zunge, bevor ich sie wieder wegpacke.
„Das war ja wie ein Blitz“, sage ich dann, etwas enttäuscht. „Wie lange hatten wir schon keinen Sex?“
„Äh … ist nicht ganz so lange her, glaube ich.“ James nimmt meine Schultern und zieht mich hoch. „Aber irgendwie kann ich bei dir manchmal einfach nichts langsam machen.“
„Haha …“
Grinsend greift er mich an den Hüften und trägt mich ins Schlafzimmer. Dort packt er mich aus und versenkt seinen Kopf zwischen meinen Schenkeln. Mit geschlossenen Augen kralle ich mich in seinen Haaren fest, dann lasse ich mich einfach fallen.
Irgendwas fehlt. Der Schatten! Wo steckt er bloß? Seufzend vertiefe ich mich wieder in das Konzeptpapier, das ich schließlich selbst angefordert habe. Dabei frage ich mich unwillkürlich, ob das wirklich das Leben ist, das ich führen will. Irgendwie war es als die aufmüpfige Göre schon spannender. Andererseits, jetzt bin ich für über tausend Menschen verantwortlich, deren Arbeitsplatz von meinen Entscheidungen abhängt. Das ist nicht unwichtig.
Verantwortlich? Ich stutze. Wenn ich wirklich eine Kriegerin bin, dann trage ich die Verantwortung für weit mehr als tausend Menschen. Falls ich diesen Schwätzer von Wayne richtig verstanden habe. Und falls das alles mehr ist als nur wirre Fantasie. Obwohl, der Tod war sehr real. Viel zu real. Ganz abgesehen von der schon nach kurzer Zeit vollständig verheilten Nase, die Nilsson Lang mir gebrochen hatte.
Also sollte ich ernsthaft in Erwägung ziehen, dass ich tatsächlich eine Kriegerin bin. Zumindest theoretisch, denn in der Praxis klappt das nicht so richtig.
„Huhu!“
Ich falle vor Schreck fast vom Bürostuhl und empfinde große Lust, den dämlichen Schatten anzubrüllen. Doch dann fällt mir ein, wie empfindlich er ist, und ich begnüge mich damit, ihn wütend aus den Augenwinkeln anzuschauen. Was gar nicht so einfach ist.
„Erschreck mich nicht so“, sage ich freundlich.
„Ich wollte dich nicht erschrecken“, erwidert der Schatten bekümmert. „Ich wollte dir nur was zeigen!“
„Was denn?“
„Oben, auf dem Dach!“
Ich beschließe, dass es Zeit wird für eine Zigarette und gehe mit dem Nervtöter nach oben. Es ist warm, aber frisch, nicht zuletzt dank des leichten Windes, der hier oben immer geht. Der Himmel überwiegend klar, wenn auch schon fast dunkel. Nur an einer Stelle tobt ein Gewitter. Ich zünde mir eine Zigarette an und trete an den Dachrand.
„Also, was willst du mir zeigen, Schatten?“
Der Schatten tritt neben mich, und aus dem Augenwinkel sehe ich, dass er aufgeregt ungefähr in die Richtung zeigt, wo das Gewitter tobt.
„Ein Gewitter, ja. Hast du etwa Angst?“
„Das ist doch kein Gewitter!“, sagt der Schatten belustigt.
„Ach? Was ist es dann?“
„Spielende Seelenkinder.“
„Bitte, was?“ Ich sehe ihn überrascht an und verliere ihn dadurch aus dem Blickfeld. „Seelenkinder?“
„Ja. Pure Energie, die noch wächst. Manchmal sieht man sie, manchmal überschneiden sich gefrorene Welt und lebende Welt.“
„Die Seelenkinder leben in einer gefrorenen Welt?“
Der Schatten kichert. „Quatsch, dort lebst du!“
„Ich?“
„Ja, klar. Hier ist doch alles starr, unbeweglich, fest, langsam, mühselig. Gefroren halt.“
Ich betrachte nachdenklich das, was für mich immer noch wie ein Gewitter aussieht. Nun ja, die Tatsache der Existenz des Schattens zwingt mich, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, dass wahr ist, was er mir da erzählt.
„Also schön. Und was treiben diese Seelenkinder da?“
„Sie spielen. Sagte ich doch.“
Ich atme tief durch. „Okay. Das sind also spielende Seelenkinder und kein Gewitter. Sehen andere Menschen das auch?“
„Nein, die meisten nicht. Für sie ist das nur ein Gewitter.“
„Willst du damit sagen, dass alle Gewitter entstehen, weil Seelenkinder spielen?“
„Nein, nein!“ Der Schatten springt auf das Geländer und balanciert lachend von mir weg. „Es gibt auch andere Ursachen für Gewitter!“
„Wie zum Beispiel geladene Teilchen?“
„Das am wenigsten.“ Der Schatten lacht wieder. „Aber eine schöne Erklärung, oder? Stellt alle zufrieden, die Angst davor haben zu sehen, wie die Welt wirklich ist.“
„Schon wieder dieser esoterische Quatsch“, murmele ich. Dann fahre ich lauter fort: „Wie verbringt ein Schatten so seine Tage?“
„Schattig!“ Diesmal wälzt er sich lachend auf dem Boden.
„Ich knipse gleich das Licht aus, dann war es das mit Schatten“, erwidere ich säuerlich.
„Dein Sinn für Humor hat wohl Urlaub?“ Der Schatten steht auf, schüttelt sich und stellt sich neben mich. „Na ja, ich bin mal da, mal hier. Ich beobachte.“
„Aha. Und was beobachtest du denn?“
„Alles, aber vor allem natürlich die Menschen. Schau, da unten zum Beispiel, siehst du die beiden Verliebten da? Gleich küssen sie sich. Hach! Wusste ich doch!“
Jetzt muss ich doch schmunzeln. „Damit vertreibst du dir ständig die Zeit? Ist das nicht langweilig auf die Dauer?“
„Ach was. Ihr Menschen sorgt schon dafür, dass es spannend wird. Siehst du, da wird gerade jemand entführt.“
„Entführt?!“ Ich versuche, der Richtung seines Zeigefingers zu folgen. Das ist gar nicht so einfach bei den vielen Straßen, die zum Teil ziemlich grell ausgeleuchtet sind. Doch schließlich entdecke ich auch, was der Schatten sieht. Irgendein Kerl zerrt ein Mädchen mit sich und verschwindet in einem Hauseingang aus meinem Blickfeld.
„Verdammte Scheiße“, flüstere ich. „Ich glaube, das ist der Arsch, mit dem ich schon mal zu tun hatte. Das ist wohl sein Hobby, Mädchen zu entführen. Wie komme ich jetzt am schnellsten da hin?“
„Spring doch“, schlägt der Schatten vor.
„Idiot!“
„Wieso bin ich ein Idiot, wenn du dich nicht traust, da runterzuspringen?“
„Ich will nicht sterben! Selbst wenn ich mich wieder regeneriere, das dauert Stunden. Ganz abgesehen davon, dass es vermutlich höllisch wehtun würde.“
„Du glaubst, du kannst nicht fliegen?“ Der Schatten starrt mich entgeistert an.
„Das weiß ich ganz sicher“, erwidere ich und fasse dann den Entschluss, die Treppe zu nehmen. Es sind ja nur 30 Stockwerke. Ich habe nie ganz aufgehört zu trainieren, meine Kondition ist selbst jetzt weit überdurchschnittlich. Aber 30 Stockwerke nach unten zu rennen, das ist eine Sache für sich. Meine Beine haben eine leicht puddingartige Konsistenz, als ich endlich unten ankomme. Ich atme an der frischen Luft einige Male tief durch, bevor ich weiterlaufe. Es sind an die 600 Meter bis zu dem Haus, in das dieser irre Kerl sein Opfer gezerrt hatte. Als ich schließlich davor stehe, sehe ich ein ganz normales Mietshaus mit an die 100 Mietwohnungen vor mir. Ich könnte heulen. Stattdessen klingele ich in mehreren Wohnungen, bis der Summer ertönt und ich die Haustür aufdrücken kann.
Ich nehme die Treppe, auch wenn es wehtut, weil ich so auf jeder Etage nachsehen kann. Zwar habe ich keine Ahnung, wonach ich suche, aber mehr kann ich eh nicht tun, als mich auf meine Intuition zu verlassen. Jedes Mal liegt ein langer Korridor vor mir, von dem zu beiden Seiten Türen abgehen. Es riecht, wie es in solchen Häusern meistens riecht. Wie es immer riecht, wenn auf kleinem Raum zusammengepfercht viele Menschen leben.
In der fünften Etage stutze ich. Unter den üblichen Gestank mischt sich ein anderer Geruch. Er ist anders, fast schon süßlich. Und sehr intensiv, zumindest empfinde ich es so. Ich gehe langsam durch den Korridor, dabei habe ich das Gefühl, die Absätze meiner Knöchelschuhe machen einen unerträglichen Lärm. Sollte der Mistkerl sich wirklich irgendwo hier in der Nähe versteckt halten, weiß er jetzt definitiv Bescheid, dass ich ihn bald haben werde.
Oder auch nicht.
Ich erreiche unbehelligt das Ende des Korridors und kann aus dem Fenster in den Innenhof sehen. Die anderen Etagen kann ich mir sparen. Wütend lehne ich die Stirn gegen die Glasscheibe und schließe die Augen.
Was zum Teufel soll ich tun?
Das Gefühl eisiger Kälte kommt plötzlich. Ich fahre herum. Vor mir der menschenleere Korridor. Für einige Sekunden habe ich das Gefühl, dass sogar die Luft um mich herum gefriert. Dann ist der Spuk auch schon wieder vorbei, die Temperatur normal. Nämlich warm, und es ist stickig.
Frustriert gehe ich nach unten und zurück ins CSE-Gebäude.
„Hilfe!“
James kommt ins Schlafzimmer gestürzt und bleibt dann abrupt stehen. „Was ist denn los?“
„Ich weiß nicht, was ich anziehen soll“, antworte ich und starre in den riesigen Kleiderschrank.
„Und deswegen machst du mir fast einen Herzinfarkt??“
„Das ist eine extrem schwierige Situation.“
„Schaaatz!!! Wir sind auf eine Grillparty bei deinen Eltern eingeladen! Du kannst anziehen, was du willst! Meinetwegen kannst du auch nackt gehen.“
„Echt?“ Ich sehe ihn überrascht an. „Das würde dir wirklich nichts ausmachen?“
„Es war ein Scherz!“ James kommt zu mir, greift wahllos ein Kleid aus dem Schrank und legt es mir über den Kopf. „Zieh das an und gut ist.“
„Das?“ Ich betrachte das Kleid angewidert. „Wieso habe ich überhaupt so ein grässliches, grünes Kleid?“
„Weil du letztes Jahr so eine Anwandlung hattest“, erwidert James seufzend.
„Bist du sicher, dass ich das war?“
„Zumindest hast du ausgesehen wie du.“
„Ist ja blöd.“ Ich werfe das Kleid Richtung Tür, es kommt in den Müll. Dann mustere ich den Inhalt des Schranks. Er hängt voll mit Kleidern, Businessanzügen, Bundfalthosen, eleganten Röcken, Westen, hochpreisigen Jeans. Nichts davon entspricht dem, was ich jetzt anziehen wollen würde. Gestern noch hatte ich teure Jeans und eine erstklassig sitzende, weiße Bluse an. Wie eine Chefin auszusehen hat. Wer entscheidet das eigentlich? Die Chefin? Oder doch jemand anders? Aber dann wäre sie ja keine Chefin mehr. Verflixte Zwickmühle.
Mein Blick fällt auf einen riesigen Koffer, der unscheinbar unter einigen Abendkleidern versteckt ist. Ich zerre ihn hervor und öffne ihn mit angehaltenem Atem. Ich schreie leise auf, als ich meine ganzen Hotpants, Miniblusen und andere Requisiten aus meinem früheren Leben sehe.
„Aua“, sagt James. „Hast du die Sachen nicht selbst vor zwei Jahren da reingestopft mit den Worten, sie nie wieder anziehen zu wollen?“
„Dann hätte ich sie weggeworfen.“
„Ja. Stimmt. Das ist logisch. Frauenlogisch.“
Ich grinse James an. „Ich liebe deinen Humor, habe ich dir das schon mal gesagt?“
„Ab und zu. Manchmal nur einmal am Tag, dann hat mir immer was gefehlt.“
Ich springe auf und küsse ihn. „Ich liebe deinen Humor, ich liebe deinen Humor, ich liebe deinen Humor!“
„Mich auch, wenigstens ein bisschen?“
„Ja, gut, ein bisschen auch dich.“ Während ich ihn anstarre, beginne ich, mich auszuziehen.
„Schatz!“ James schluckt. „Wir sind jetzt schon spät dran!“
Ich ziehe eine Schnute. „Ich liebe dich, wenigstens ein bisschen, und du mich gar nicht?“
„Doch, doch.“ Er legt seine kräftigen Hände auf meine Brüste, und umgehend werden meine Knie weich. „Wenn du sagst, du willst das unbedingt, auch wenn wir dann mindestens zwei Stunden zu spät kommen, dann ist das in Ordnung.“
„Schuft!“
Ich ziehe einen Tanga an, passend knappe Jeans, ein bauchfreies Top und Stiefeletten. Soll der Mistkerl doch den ganzen Nachmittag nach mir lechzen. Strafe muss sein. Sein Grinsen ignoriere ich demonstrativ.
„Kommt Jungs, wir gehen!“
Die meisten Gäste sind schon da. Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins, hauptsächlich. Ich ernte irritierte Blicke, aber auch einige heimlich genaue. Gott, wie lange habe ich die Männerwelt nicht mehr so durcheinandergebracht! Ich begrüße meine Mutter mit einer Umarmung, übersehe Vaters missbilligende Blicke und sage artig allen Verwandten „Guten Tag.“ James wird von meinem Vater in Beschlag genommen, in Begleitung einer Flasche Bier. Ich gerate in den Strudel der beiden Schwestern meines Vaters. Wenigstens werde ich mit einem Martini dafür belohnt. Sie nehmen mich ins Kreuzverhör ob meines Jobs als CEO. Ob ich mich nicht viel zu jung dafür fühle, mit 25 Jahren schon so ein Unternehmen zu führen. Höre ich da etwa so was wie Neid heraus? Nein, niemals! Lächelnd erzähle ich ihnen ansatzweise von meinen Plänen, was ungläubige Gesichtsausdrücke in mein Blickfeld zaubert. Ob daran auch mein Outfit heute Schuld trägt? Wäre es anders, hätte ich mein Business-Abendkleid angezogen? Ich grüble darüber eine Weile nach und komme schließlich zu dem Entschluss, dass es mir scheißegal ist.
Später habe ich es mir in einer Liege gemütlich gemacht, mit dem dritten Martini und einer Lucky. Mein Vater stellt sich neben mich.
„So habe ich dich schon lange nicht mehr gesehen“, sagt er.
„Ich habe zufällig den Koffer gefunden, in den ich alles gestopft habe.“
„Zufällig?“
„Papa, du willst doch nicht darüber mit mir reden, oder?“
Seufzend geht er in die Hocke und schaut mich ernst an. „Ich will eigentlich nur, dass es dir gut geht.“
„Prima, dann sind wir schon zwei!“
Endlich lächelt er. „Dir kann man einfach nicht böse sein.“
„Wieso willst du mir böse sein?“, frage ich.
„Keine Ahnung. Will ich gar nicht. In mir wurden unangenehme Erinnerungen wach, als ich dich vorhin so ankommen sah.“
„Ich bin immerhin nicht nackt, obwohl James meinte, ich solle doch nackt gehen, wenn ich mich nicht entscheiden kann, was ich anziehen soll.“
„Na ja, viel mehr ist so eine Pomanschette doch auch nicht.“
Ich verschlucke mich am Martini und ersticke obendrein noch fast. „Papa!“ Mit tränenverschleiertem Blick starre ich ihn an.
„Was denn? Wie bezeichnest du denn so was?“
„Jeans.“
„Aha. Früher nannte man das halt Pomanschette.“
„Pojeans.“ Ich lache laut auf. „Heute nennt man das ab sofort Pojeans!“ Ich bemerke, dass wir im Mittelpunkt des Interesses sind und werfe ein strahlendes Lächeln in die Runde. Dann wende ich mich wieder meinem Vater zu. „Manchmal ändern sich Dinge, Papa. Und mein Outfit ist ein sichtbares Zeichen dieser Veränderungen.“
„Was ist passiert?“
Ich seufze. „Das ist eine lange und komplizierte Geschichte. Ich erzähle es dir lieber ein anderes Mal.“
„Versprochen?“
„Ja, ich verspreche es dir.“
„Also gut. Ich werde mal sehen, was das Essen macht.“
Ich nicke und blicke ihm hinterher. Aus den Augenwinkeln sehe ich Schatten durch den Garten huschen. Vielleicht sind auch ein paar Geister dabei. Ich verliere langsam den Überblick.
„Das ist nicht dein Ernst!“
Diesmal spielt James nicht, er ist wirklich entgeistert.
„Doch.“
„Das kannst du nicht machen! Die Chefin eines bald börsennotierten Unternehmens kann nicht in Hotpants zur Arbeit kommen!“ James steht völlig fassungslos neben mir, während ich in aller Seelenruhe frühstücke.
„Wer verbietet das?“
„Schatz!“ James beugt sich vor und blickt mir in die Augen. „Schatz, niemand wird dich mehr ernst nehmen. Willst du das wirklich?“
„Schatz“, erwidere ich, „auch in Hotpants bin ich Fiona Flame, die CEO dieses verdammten Unternehmens. Und wenn es den Leuten dort wichtig ist, dass die CEO in einem Businessanzug rumläuft, haben die eben Pech gehabt. Sie werden sich daran gewöhnen!“
„Werden sich auch deine Geschäftspartner daran gewöhnen?“
„Ach, komm schon, Schatz. Du weißt doch genauso gut wie ich, was für Orgien auf den berüchtigten Parties der Vorstandsebene ablaufen, wenn die zur Besprechung in Thailand oder sonst wo sich treffen. Gegen die ist der Papst die Jungfrau Maria.“
James starrt mich ungläubig an, dann beginnt er zu grinsen. „Deine Vergleiche sind unmöglich.“
Ich gebe ihm einen kaffeenassen Kuss. „Pass mal auf, mein Schatz. Ich nehme heute mal wieder Danny mit, und du kommst nachher ins Büro. Dann gehen wir gemeinsam irgendwo essen. Okay?“
„Oho! Spricht da etwa die mächtige Chefin eines großen Unternehmens, die es sich leisten kann, ihren Mann auszuhalten?“
„So ein Unsinn. Dazu bist du viel zu stolz. Nein, nein, da spricht die verliebt blinkernde Ehefrau des großartigen Immobilien­maklers James Flame!“ Ich blinkere ihn heftig an. „Och Schatz, du bist der großartigste Mann dieser Erde. Keine Frau kann es sich leisten, dich auszuhalten. Keine!“
„Du spinnst.“ Kopfschüttelnd nimmt er meine Tasse und trinkt den restlichen Kaffee aus. „Okay, ich komme dann nach meinem letzten Termin, so gegen 6. Hast du einen bestimmten Wunsch, wohin wir gehen?“
„Nein, keine Idee. Mir fällt schon was ein.“
„Na schön. Ich bin ja gespannt auf die Reaktionen.“
„Ich auch.“ Ich schenke ihm ein Lächeln. „Küss mich aber, bevor du gehst.“
„Natürlich, Herrin.“ Er berührt meinen Mund mit seinen warmen Lippen, und ich spüre, wie es feucht wird zwischen meinen Schenkeln.
„Geh lieber, bevor ich über dich herfalle. Ich warne dich nur dieses eine Mal!“
Grinsend tritt er den Rückzug an, winkt mir aus der Tür noch einmal zu und verlässt dann das Haus. Ich höre seinen Jaguar aufbrüllen, als er Gas gibt, dann sind Danny und ich allein. Ich schaue den Hund an, der in der Mitte der Küche sitzt und mich beobachtet.
„Das wird ein lustiger Tag“, teile ich ihm mit. „Bist du bereit?“
Er bellt kurz. Das reicht mir als Antwort. Ich nehme den Wagenschlüssel, dann verlassen wir das Haus und fahren zum CSE-Tower. Mein Parkplatz befindet sich fast direkt neben dem Fahrstuhl, so ist also Monica die Erste, die mich sieht.
„Huch! Was ist denn mit dir los?“
„Es ist warm, wir haben Sommer, außerdem habe ich heute bestimmt Termine, bei denen ich Männer überzeugen muss, das zu tun, was ich will.“
„Jaaaa …“
„Na also. Und ich habe beschlossen, dass ich so rumlaufen will, wie es mir passt.“
„Okaaaay. Und was erzähle ich den Abteilungsleitern, die zu mir gerannt kommen, weil ihre Leute dieses Recht auch in Anspruch nehmen wollen?“
„Na, gewähren, was sonst?“ Ich nehme meine Tasse Kaffee aus ihrer Hand und marschiere in mein Büro. „Ach ja, und sag Georg Bescheid, dass ich ihn sprechen will. Wann ist mein erster Termin?“
„Um elf. Ich rufe Georg an.“ Monicas Erschütterung hält sich in Grenzen.
Ich kläre mit Georg, dass wir voraussichtlich drei weitere Buchhalter brauchen und die Stellen ausgeschrieben werden. Um elf Uhr gibt es Abteilungsleitermeeting, das fast drei Stunden geht. Ich grinse, als ich ihre entgeisterten Blicke sehe, setze mich und lege die Füße betont lässig auf den Tisch.
„Meine Damen, meine Herren, das Zeitalter neuer Lässigkeit ist angebrochen. In diesem Sinne gibt es keine Vorschrift, wie ihr euch zu kleiden habt. Aber es gibt die Möglichkeit, euch so zu kleiden, dass ihr euch wohlfühlt. Und nun zum ersten Tagesordnungspunkt.“
Nach dem Meeting hole ich mir ein Sandwich und gehe mit Danny im nahen Park spazieren. Dabei genieße ich die Gewissheit, nicht wie eine entführungsgefährdete Geschäftsfrau auszusehen. Obwohl, langsam gewöhne ich mich auch an die Gewissheit, dass mich gewöhnliche Verbrecher nicht so einfach entführen können. Allerdings habe ich dafür neue, andere Gegner, die eigentlich noch unangenehmer sind als gewöhnliche Kidnapper. Vom Regen in die Traufe? Ich beschließe, dass solche Gedanken nichts bringen und beobachte lieber Danny, wie er mit anderen Hunden durch den Park tobt.
Bis mein Handy klingelt. Die letzten Bissen vom Sandwich runterschluckend, gehe ich dran: „Fiona Flame.“
„Hallo Fiona, hier ist Katharina. Störe ich?“
„Nein, keineswegs. Ich bin nur mit Danny unterwegs und habe noch eine Kleinigkeit gegessen“, antworte ich etwas undeutlich. Auf der anderen Seite höre ich Katharinas glockenklares Lachen.
„Gut. Ich wollte dich nämlich einladen, dass du heute Abend bei uns isst. Wir machen Barbecue. Hast du Lust?“
„Nach 5 habe ich nichts mehr fest geplant.“
„Super. Bring ruhig Danny mit. Was ist mit James?“
„Er arbeitet, aber ich kann ihm Bescheid sagen, dass er danach zu dir kommen soll.“
„Ja, mach das, bitte. Wir müssen uns mal wieder unterhalten.“
„Ja, klar. Dann bis nachher!“ Ich starre das Telefon an. Mir ist nicht ganz klar, was ich davon halten soll. Katharina lädt mich zum Barbecue-Abend ein, mal eben so. Hm. Ich bin mir bei ihr nicht sicher, was sie eigentlich von mir will. Sie hat zwar ein Kind und ist verheiratet, aber ihre Blicke irritieren mich, wenn wir uns begegnen. Sie ist schön und sie ist sexy. Vermutlich sogar die schönste Frau, der ich jemals begegnet bin.
Ich beschließe, dass ich nicht weiter darüber nachgrübeln will. Heute Abend weiß ich mehr. Oder auch nicht. Auch das wäre egal. Ich drehe um, Danny folgt mir, auf meinen Pfiff hin, zurück ins Büro. Unterwegs rufe ich noch James an und erzähle ihm, dass wir eingeladen sind und ob er nach der Arbeit kommen mag. Er mag.
Es wird doch schon fast 6 Uhr, als ich mich dem Grundstück der Lewis‘ nähere. Der asphaltierte Weg führt zu einem Doppeltor, dessen Umgebung rundherum von Kameras beobachtet wird. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es gut versteckt auch fernsteuerbare Waffen gibt. Manche Leute gehen davon aus, dass Katharina zu den fünf reichsten Menschen der Erde gehört. Ob das nun wahr ist oder nicht, das riesige Grundstück ist gut bewacht.
Vor meinem Wagen öffnet sich das Tor fast geräuschlos, was bedeutet, dass sowohl das Kennzeichen als auch mein Gesicht gescannt wurden. Ich gebe auf der anderen Seite wieder etwas Gas, denn bis zum Hauptgebäude sind es noch gut fünf Kilometer.
Hinter einer Kurve aus einem kleinen Waldstück heraus weitet sich der Weg zu einem Rondell um einen Springbrunnen herum. Nach rechts geht es zu der unterirdischen Garage, dann kommt die breite Treppe zum Haupteingang der Villa mit über 100 Zimmern. Ich parke meinen Wagen neben einem Cayenne und lasse Danny raus.
Obwohl ich niemanden sehe, spüre ich genau, dass wir be­obachtet werden. Nachdem Danny den Brunnen als sein Eigentum markiert hat, gehen wir die Treppe nach oben. Erst jetzt wird die Tür geöffnet, und etwas erstaunt registriere ich, dass wir von der Hausherrin höchstpersönlich empfangen werden. Sie trägt einen leichten Hosenanzug und die langen, blonden Haare offen.
„Hallo Fiona“, sagt sie lächelnd. „Ich bin froh, dass du gekommen bist.“
„Hallo Katharina“, erwidere ich, etwas irritiert. Eigentlich bin ich bei unseren Begegnungen immer irritiert, aber diesmal noch mehr als sonst.
„Komm, wir gehen direkt durch nach hinten“, schlägt sie vor. Ich nicke und folge ihr. „Wo ist Helena?“ erkundige ich mich dabei.
„Sie ist mit ihrem Vater unterwegs, aber beide werden rechtzeitig zum Essen wieder da sein.“
Ich beobachte Katharina von hinten. Ihren fast schwebenden Gang, der für sehr durchtrainierte Muskeln und Sehnen spricht, ihre sich undeutlich abzeichnenden Pobacken unter dem Stoff und die nackten Füße. Auf der Terrasse tritt Katharina zur Getränkebar und fragt, was ich trinken möchte.
Ich entscheide mich für meinen Lieblingsmartini, geschüttelt diesmal. Als Katharina mir das Glas reicht, berühren sich kurz unsere Finger. Mit viel Selbstbeherrschung verhindere ich, dass meine Hand zuckt. Katharina lächelt.
„Cheers, Fiona!“
Ich setze das Glas an meinen Mund und beobachte dabei Katharina, die Whisky trinkt. Ihre vollen Lippen umschließen sanft den Glasrand, und ich frage mich unwillkürlich, ob sie bisexuell ist.
„Möchtest du noch eine Runde schwimmen zur Abkühlung?“, fragt Katharina, auf den tennisplatzgroßen Pool zeigend.
„Möchte schon, aber ich habe keine Schwimmsachen dabei.“
Sie zuckt mit den Achseln. „Meine Sachen passen dir wahrscheinlich auch. Ich kann dir einen Bikini geben. Oder du schwimmst nackt.“
„Nackt?“
„Ja, warum nicht?“ Ihr Lächeln wird zu einem frivol frechen Grinsen. „Befürchtest du, dass ich dich vergewaltige?“
„So ganz sicher bin ich mir da nicht“, murmele ich.
Jetzt lacht sie. „Und, hast du Angst?“
„Nein“, erwidere ich kurz entschlossen, dann ziehe ich das Top aus, die Stiefeletten, schlüpfe aus den Hotpants und dem Höschen und hechte schließlich in das Wasser.
Als ich aus dem Wasser auftauche und zum Haus blicke, sehe ich, wie auch Katharina sich nackt auszieht, dann ansatzlos ein paar Schritte macht, sich am Poolrand abstößt und mit einem dreifachen Salto elegant ins Wasser springt. Etwas fassungslos beobachte ich sie beim Auftauchen. Sie streicht sich die nassen Haare aus dem Gesicht und schwimmt dann näher an mich heran. Ihre hellblauen Augen funkeln voller Energie.
„Hast du mal Leistungssport gemacht“, erkundige ich mich.
„Wegen des Saltos?“ Sie schüttelt den Kopf. „Das kannst du auch.“
„Vielleicht einen doppelten …“
„Komm schon, nicht einmal der dreifache bringt dich an deine Grenze. Krieger haben mit so was keine Probleme.“
„Was hast du gesagt?“ Ich merke, wie mein Körper sich versteift und alles in mir auf Alarmstufe Rot geht.
„Du bist eine Kriegerin, Fiona, ich kann das spüren. Ich weiß das sogar schon lange, aber weil mir klar war, dass du es noch nicht wusstest, sagte ich nichts. Aber etwas hat sich geändert, auch das kann ich spüren. Dir ist bewusst, wer du bist.“
„Und du? Bist du auch eine Kriegerin?“
„Nein. Eher im Gegenteil. Lange Zeit haben mich die Krieger bekämpft, oft genug versucht, mich zu töten.“
„Anscheinend ohne Erfolg“, erwidere ich.
„Ja. Fiona, ich bin deine Freundin, nicht deine Feindin. Du bist eine außergewöhnliche Frau, selbst unter Kriegern. Und ich habe viele von ihnen kennengelernt.“
„Und getötet?“
Sie schüttelt den Kopf. „Nur ganz wenige, die meinten, mich um jeden Preis vernichten zu müssen. Es war Notwehr. Mit etlichen anderen hat mich Freundschaft verbunden, mit einigen wenigen sogar Liebe.“
„Das klingt, als wärst du schon richtig alt.“
„Oh, ich bin erst 400 Jahre alt.“
Ich schlucke. „Dafür hast du dich aber gut gehalten.“
Katharina lacht schallend. „Ja, das bringt mein Wesen so mit sich.“
„Aha. Und was ist dein Wesen?“
Sie schwimmt ganz nahe heran, sodass unsere Körper sich teilweise berühren. Irritiert stelle ich fest, dass mich ihre Nähe erregt. Sie bringt meinen festen Glauben, ich sei hundertpro hetero, kräftig zum Wanken.
„Ich bin ein Dämon.“
„Ein Dämon?“
Sie nickt. „Ja, ein Dämon.“
„Was für ein Dämon?“ Irgendwie kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass sich hinter diesem wunderschönen Gesicht ein Dämon verbergen soll, dass diese offenen Augen einem todbringenden Monster gehören sollen.
„Das ist eine komplizierte Geschichte.“ Katharinas Gesicht ist nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt.
„Und was machen wir jetzt? Erzählst du mir diese Geschichte, oder verführst du mich grad?“
Katharina lächelt. „Wir sind beide verheiratet.“
„Ja, das ist wahr.“
„Das bedeutet aber nicht, dass ich dich nicht sehr sexy fände. Du machst mich regelrecht nass zwischen den Beinen.“
„Das ist das Wasser aus dem Pool.“
Katharina grinst, dann berührt sie ganz sanft meinen Mund mit ihren Lippen. „Wir werden nicht miteinander schlafen. Zumindest nicht jetzt. Wir lieben beide unseren Mann. Aber ich habe auch schon Frauen geliebt, tief und leidenschaftlich. Meistens ist die Liebe mit einer Frau intensiver, emotionaler als mit einem Mann. Aber auch nicht generell.“ Mit einigen Schwimmbewegungen bringt sie etwas Abstand zwischen uns.
Ich atme erleichtert auf.
„Du hast noch nie eine Frau geliebt, nicht wahr?“
„Nein, noch nie.“
„Du hast ja noch etwas Zeit.“
„Ich liebe James.“
„Das ist mir bewusst. Monogamie ist, bei aller Liebe, kein sicheres und auch kein sinnvolles Konzept.“ Sie zuckt die Achseln. „Manchmal halten sich die Emotionen allerdings nicht an solche Überlegungen.“
„Du bringst mich völlig durcheinander“, sage ich.
„Ich sehe es. Komm, lass uns ein paar Bahnen schwimmen.“
Ich nicke, dann schwimmen wir locker nebeneinander hin und her. Sie erzählt dabei.
„Ich sehe nicht immer so aus wie jetzt. Manchmal halte ich mehrjährige Schlafpausen. So ist mir auch Kay das erste Mal begegnet. Dann sehe ich zwar immer noch wie ein Mensch aus, aber weiß, kalt, wie tot. Ich habe Kay fast getötet damals, weil er mit anderen Männern in meinen Eispalast eingedrungen ist. Sie wussten auch nicht, dass Nomén, den sie suchten, die Gestalt eines Engels hat. Das hat er mal so gesagt.“
„Und … und wie bist du …“
„Entstanden?“
„Ja.“
„Ich wurde gezeugt, wie du auch. Meine Mutter war eine Frau ihrer Zeit, allerdings endete sie dann als Hexe und wurde verbrannt. Mein Vater ist der Teufel.“
Ich schlucke Wasser, und Katharina greift nach mir, damit ich nicht absaufe und noch mehr Wasser schlucke. Hustend und würgend versuche ich, wieder zu Atem zu kommen. Je mehr sich meine primären Körperfunktionen normalisieren, umso deutlicher spüre ich Katharinas Körper an meinem, während sie mich geduldig festhält.
Als ich schließlich wieder sprechen kann, bemerke ich: „Dann ist es aber kein Wunder, dass einige Krieger dich beseitigen wollten.“
„Ja und nein. Krieger haben den Auftrag, für das Gleichgewicht zu sorgen. Ich habe nie das Gleichgewicht gestört. Dazu war ich viel zu beschäftigt.“
„Womit?“
„Meinen Vater zu suchen.“
„Du wusstest nicht, dass er der Teufel ist?“
„O doch“, erwidert sie düster. „Ich habe ihn gehasst und wollte ihn töten, und wenn es das Letzte gewesen wäre, was ich tat.“
„Und jetzt?“
„Das ist der komplizierte Teil der Geschichte“, seufzt Katharina. „Jedenfalls will ich das nicht mehr, und wie du dir denken kannst, habe ich ihn auch nicht umgebracht. Sonst wäre ich wohl nicht hier. Ich erzähle dir die Geschichte irgendwann mal.“
„Okay. Wahrscheinlich ist es jetzt wirklich eine gute Idee, aus dem Pool rauszugehen und uns anzuziehen.“
„Ja, das glaube ich auch.“ Katharina lächelt. „So, jetzt weißt du viel mehr über mich und verstehst vielleicht auch mein Interesse von unserer ersten Begegnung an.“
„Teilweise“, erwidere ich, während wir aus dem Wasser klettern. „Ich bin ja nicht die erste Kriegerin, der du begegnest.“
„Aber die mächtigste.“
„Wie bitte?“
Katharina nickt und winkt mir zu, ihr zu folgen. Wir gehen ins Haus. „Du hast deine Kräfte noch nicht entdeckt, aber ich kann sie spüren. Ich bin noch keiner Kriegerin begegnet, in der ich eine solche Energie gespürt habe. Ich weiß nicht, was für eine Seele du bist, aber auf jeden Fall eine sehr alte und mächtige.“
Wir betreten einen großen, gefliesten Raum, in dem eine angenehme Temperatur und warme Farben herrschen. Aus einem Schrank holt Katharina mehrere Handtücher und reicht mir zwei davon.
„Wayne hat mir davon nichts erzählt“, bemerke ich, während ich meine Haare trocken reibe.
„Hättest du ihm denn geglaubt?“
„Wahrscheinlich nicht“, antworte ich grinsend.
„Eben.“
„Du kennst Drol Wayne?“
„Flüchtig. Das bleibt nicht aus, wenn man so alt ist und vom Teufel gezeugt wurde.“
„Ja, klar.“
Wir wickeln uns in Handtücher ein und gehen in den Garten, wo noch unsere Kleider rumliegen. Inzwischen sind Kay und Helena da und begrüßen erst Katharina, dann mich erfreut. Noch unterdessen trifft auch James ein. Nach der Begrüßung mustert er mich fragend.
„Wir haben uns im Pool abgekühlt“, erkläre ich.
„Aha.“
„Ist ja schließlich ein heißer Sommertag“, sagt Katharina.
„Das ist wahr.“
„Willst du dich nicht auch abkühlen, Schatz?“, erkundige ich mich.
„Ich habe keine Badesachen dabei, weil mir jemand was vom Essen erzählt hat.“
„Du kannst ja nackt schwimmen“, schlage ich vor.
James sieht mich eigenartig an.
„Es geht schon“, sagt er dann. „Hauptsache, ich kann mich von innen kühlen.“
„Ja, klar“, bemerkt Kay. „Möchtest du ein Bier?“
James nickt, während er mich dabei immer noch anschaut.
„Was ist?“, frage ich provozierend.
„Keine Ahnung. Irgendwas ist anders.“
„Ich erkläre es dir zu Hause. Alles in Ordnung, mein Schatz. Entspann dich.“
„Das wird dir dabei helfen.“ Kay reicht ihm eine Flasche Bier und stößt mit ihm an. Endlich wendet James den Blick von mir ab und beginnt ein Gespräch mit Kay.
Ich begebe mich mit meinen Sachen wieder ins Haus und ziehe mich an. Dabei denke ich über Katharina nach. Mein Bauch sagt mir, dass ich ihr vertrauen kann. Mein Verstand allerdings hat an ihren Worten zu nagen. Ganz besonders daran, dass der Teufel, den ich bis vor Kurzem im Reich des Aberglaubens und Kindererschreckens vermutet hätte, ihr Vater ist. Das ist einfach nur krass.