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Leseprobe: Fiona – Entscheidungen

– ACHTUNG! SPOILER –

 

Fiona – Entscheidungen

Wenig überraschend endet der Korridor an einer weiteren Tür. Ich habe genau zwei Wahlmöglichkeiten. Entweder gehe ich den ganzen Weg zurück und balanciere weiter am Balken entlang, oder ich öffne diese verdammte Tür. Die erste Möglichkeit ist eher theoretisch, also stoße ich entschlossen die Tür auf.
Und erstarre.
„Komm rein.“
In dem rot ausgeleuchteten Raum mit schwarzen Wänden und schwarzem Boden liegt auf einer Matratze Norman. In der Hand hält er ein Glas, vermutlich mit Rotwein, und sieht mich amüsiert an.
„Scheiße“, sage ich. „Das ist doch ein Traum, und zwar der verrückteste, den ich je hatte.“
„Bist du dir da so sicher?“, fragt Norman. „Glaubst du etwa nicht an Geister? Warst du nicht auch tot?“
„Ich bin niemandem erschienen“, erwidere ich, während ich eintrete und die Tür hinter mir schließe.
„Kannst du dich daran erinnern, was du getan hast?“
„Nein“, antworte ich zerknirscht. „Trotzdem, ich glaube nicht, dass du wirklich mein Bruder bist. Aber wer bist du dann?“
„Ja, das ist die große Frage. Wer oder was bin ich? Ist das ein Traum? Ist das kein Traum? Und wenn es kein Traum ist, wer oder was bin ich dann? Vielleicht bin ich doch Norman?“
Ich schüttele den Kopf. „Wenn du Norman wärst, würdest du dich anders verhalten.“
„Ach ja? Wie kommst du auf die Idee? Was weißt du denn schon über mich?“
„Nicht viel“, gebe ich zu. „Ich hatte ja auch keine Ahnung, dass du mit unserem Onkel zusammen böse Sachen gemacht hast.“
„Böse Sachen?“ Norman lacht. „Das bezeichnest du als böse Sachen? Ehrlich, Schwesterherz, du bist eine romantische Seele.“
„Mag sein. Steve wird es anders gesehen haben, als er an meinen Füßen hing.“
„Oh ja, ganz sicher“, sagt Norman nickend. „Aber ich bin nicht Steve. Steve war ein Arschloch. Es hat ihm nichts ausgemacht, den Befehl zu geben, mich umzubringen.“
„Du warst nicht viel besser“, erwidere ich düster. „Warum? Warum hast du das getan?“
Norman zuckt die Achseln. „Es hat Spaß gemacht.“
„Spaß?“
Norman nickt, dann hält er mir sein gefülltes Glas entgegen. „Hier, Schwesterchen, trink.“
„Was ist das?“, erkundige ich mich.
„Wein. Blut der Erde.“
„Danke, ich will nicht. Irgendwas ist hier faul. Ich weiß noch nicht genau, was. Und warum ich hier bin …“
„Du bist schön.“
„Was?“
„Du bist schön.“ Norman mustert unverhohlen meinen nackten Körper. „Schlaf mit mir!“
„Du bist bescheuert. Schon dein Freund Savage hatte so seltsame Ideen.“
„Schlaf mit mir!“
Ich schüttele den Kopf. „Vergiss es. Was läuft hier für ein Spiel? Wer bist du? Ein Dämon?“
Norman erhebt sich von der Matratze und kommt auf mich zu. „Wenn dein Bruder ein Dämon ist, dann bin ich tatsächlich einer. Und jetzt will ich dich ficken!“
Ich schlage seine Hände, die er nach mir ausstreckt, zur Seite. „Es ist mir völlig egal, ob du der echte Norman bist oder nicht. Aber halt deine Griffel von mir fern, kapiert?“
Das Lächeln verschwindet von seinem Gesicht, stattdessen erscheint die Fratze eines wütenden Kindes. Im nächsten Moment schlägt er nach mir. Ich weiche der Faust aus und mache einen Schritt zurück.
„Lass das lieber“, sage ich warnend. „Kämpfen ist etwas, was ich gut kann.“
„Ja, genau, in dem Treppenhaus hast du das auch sehr gut gemacht.“
„Arschloch!“ Ich atme tief durch, um nichts Unüberlegtes zu tun. „Woher weißt du eigentlich, was da passiert ist?“
Norman zuckt mit den Achseln, nimmt einen Schluck vom Wein und sagt dann: „Hier gibt es nicht sehr viele Geheimnisse.“
„Aha. Bist du auch schon Steve begegnet?“
„Nein. Aber ich habe auch nicht nach ihm gesucht. Um ehrlich zu sein, auf eine Begegnung mit ihm bin ich nicht wirklich scharf. Das Sterben war ziemlich unangenehm. Und das habe ich ihm zu verdanken.“
„Unser Hass verbindet uns.“
„Ja, in der Tat.“ Norman lächelt. „Du bist doch meine Schwester. Liebst du mich denn gar nicht?“
„Ach Norman …“ Ich spüre, wie meine Augen sich mit Tränen füllen. „Verdammter Kerl, warum hast du das getan? Warum hast du dein Leben fortgeworfen?“
„Das habe ich nicht getan!“, protestiert er. „Ich tat, was ich wollte. Nach euren Maßstäben war ich vielleicht ein Monster, aber ich tat, was ich wollte. Ich habe mein Leben genossen. Ich war kein Gefangener!“
„Und jetzt? Du hast vielen Menschen Leid zugefügt.“
Er zuckt wieder die Achseln. „Das interessiert mich nicht. Sie wurden geboren, um zu leiden.“
„Ach ja? Und wie wirst du wiedergeboren werden?“
„Ich weiß es nicht, und im Moment ist es mir auch egal. Du solltest jetzt lieber gehen, Schwesterchen. Du langweilst mich mit deiner Moral. So ein blödes Gesülze. Entweder ficken wir oder du gehst.“
Norman wendet sich ab, wirft sich auf die Matratze und dreht mir demonstrativ den Rücken zu.
„Ich habe keine Ahnung, wie ich gehen kann“, sage ich.
„Du bist so blöd, das tut schon weh“, erwidert Normans Rücken. „Eine Kriegerin, die nicht einmal weiß, wie sie in ihren Körper zurückkommt. Blöde Zicke. Du musst es nur wollen. Ich verrate dir das aber nur, damit ich dich endlich los bin. Hau endlich ab!“
Ich merke, wie ich von Weinkrämpfen geschüttelt in mich zusammensacke. Dann, wie James sich über mich beugt und mich festhält. Wie ein Embryo, so liege ich im Bett und habe das Gefühl, niemals wieder mit dem Weinen aufhören zu können.

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