Fiona - Beginn 2.0

Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1)

Wein. Rot wie Blut. Nein, nicht wie Blut, Blut ist dicker. Meins jedenfalls, wenn ich mal wieder eins auf die Nase kriege. Immer seltener. Im Dojo sowieso nicht mehr.
Mann. Wieso denke ich eigentlich über Blut nach? Kann ich nicht einfach mal in Ruhe ein Glas Wein trinken? Bloß weil mein Vater einen blöden Spruch losgelassen hat, als ich die Flasche und ein Glas geholt habe?
Ich atme tief durch und sehe mich um. Andere sind in dem Alter schon längst ausgezogen, ich hocke mit 23 noch in meinem Kinderzimmer. Und lasse mich von meinem Vater anmachen.
Echt klasse.
Ich trinke das Glas leer und denke wieder an das Blut. Wie das wohl aussieht, wenn man sich die Pulsadern aufschneidet? Spritzt das Blut dann richtig, bis zur Decke? Oder ist das nur in blöden Filmen so? Sollte ich mal ausprobieren, vielleicht würde das sogar meinen Vater erschüttern.
Oder auch nicht. Ist sowieso ein bescheuerter Gedanke. Selbstmord, nur damit mein Vater mal merkt, dass er eine Tochter hat?
Haha.
Ich mache das zweite Glas voll, stelle die Flasche neben dem Bett ab und zünde mir eine Zigarette an. Dann lasse ich „Supergirl“ laufen. Draußen knallt die Sonne, doch durch die heruntergelassenen Jalousien kommt sie nicht. Das Glas balanciere ich auf meinen Unterschenkeln, dort, wo sie sich kreuzen. Dabei entdecke ich einen Fleck auf den Jeans, in Kniehöhe. Hm. Blut? Sperma? Gewöhnlicher Straßendreck?
Okay, wie war das nochmal mit dem Blut, wenn ich mir die Pulsadern aufschneide? Überhaupt, wie muss ich schneiden? Nicht quer, wie oft gezeigt, damit mache ich mir höchstens die Arme kaputt. So blöd muss man erst einmal sein. Schön längs.
Ich mustere mein rechtes Handgelenk, dabei fällt Asche auf die Bettdecke. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Jedenfalls kann ich die Ader erkennen. Preisfrage: Vene oder Arterie? Und was muss ich überhaupt aufschneiden?
Vene wäre unlogisch, aber sicher auch möglich. Dauert dann vielleicht nur länger, bis man tot ist. Ein Mensch hat etwa fünf Liter Blut, wie viel muss er verlieren, bis das Bewusstsein sich verabschiedet?
Ich schicke Supergirl in die Wiederholung. Keine Ahnung, warum ich das Lied so liebe. Es war schon schwer genug, die CD zu bekommen. In Deutschland war das Lied ein Hit, irgendwann mal, in Newope aber unbekannt. Auf irgendeiner Party spielten sie es, der Junge, der die Party schmiss, war ein paar Monate in Deutschland gewesen und brachte Supergirl von dort mit.
„Supergirls just fly.“
Genau. Zum Beispiel als Engel.
Ich hebe das Weinglas und versuche, darin mein Spiegelbild zu erkennen. Das ist gar nicht so einfach, denn durch die Jalousie kommen nur wenige Sonnenstrahlen. Schließlich gelingt es mir, ihre grauen Augen einzufangen. Dass sie grau sind, sehe ich nicht, aber das weiß ich natürlich, obwohl ich es meistens vermeide, sie im Spiegel anzusehen. Zumindest in letzter Zeit.
„Hör zu“, erkläre ich dem Mädchen im Weinglas, „nur Versager denken über Selbstmord nach. Gewinner machen es einfach.“
„Oder sie lassen es, das ist noch besser“, erwidert das Mädchen.
„Klugscheißer.“
Aber natürlich hat sie recht. Und da ich nicht schon längst aufgesprungen bin und ein Messer geholt habe, will ich es nicht wirklich. Es ist einfach nur meine beschissene Stimmung, wie immer, wenn ich eine dieser dämlichen Diskussionen mit meinem Vater hatte. Wegen nichts. Ist doch meine Sache, wie viel ich trinke? Wenn er wüsste, wie oft ich besoffen von Partys nach Hause komme, wenn ich überhaupt nach Hause komme, würde er wahrscheinlich ganz ausflippen.
Geht ihn sowieso nichts an. Bin erwachsen. Allerdings würde er, nicht ganz zu unrecht, darauf hinweisen, dass ich ja ausziehen kann, wenn ich nicht will, dass er mir seine Meinung zu meinem Verhalten mitteilt.
Ich halte die Kleine im Weinglas wieder hoch, um sie zu fragen, ob sie denn wüsste, wieso ich nicht schon längst ausgezogen bin, woraufhin sie mir vermutlich mitteilen würde, dass es nur wegen Norman ist, als ich höre, wie jemand die Treppe hochgerannt kommt, dann reißt mein Vater die Tür auf und stürmt herein.
„Norman … Norman ist tot!“
Ich starre ihn an. Dann schießt mir der idiotische Gedanke durch den Kopf, dass ich ja nun ausziehen kann.
Aber hat er echt gesagt, Norman wäre tot?
„Norman? Mein Bruder? Tot?“ Ich mache wohl keinen sehr intelligenten Eindruck, allerdings bezweifle ich, dass mein Vater das überhaupt registriert.
„Unten sind zwei Polizisten und eine Psychologin! Er … er wurde überfahren!“
Mir wird bewusst, dass ich immer noch im Schneidersitz auf meinem Bett throne und ihn anstarre. Ich stelle das Glas ab und werfe die Reste der Zigarette in den Aschenbecher, dann springe ich auf und stürme an ihm vorbei nach draußen. Er folgt mir wohl, aber ich nehme die Treppe mit zwei Sprüngen. Als er endlich auch ankommt, stehe ich bereits neben meiner Mutter, die auf der cremefarbenen Couch sitzt und ins Nichts starrt.
„Was ist passiert?“, frage ich.
Niemand bestimmten von drei anderen Personen, die da sind. Nein, vier, ich sehe auch Nicholas, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht.
Die beiden Männer haben keine Uniform an. Einer ist älter, der andere weniger alt. Fast schon jung. Sie erinnern mich an die beiden … Wie hießen sie nochmal? Ach ja, Stone und Heller. Ulkig, dass ich jetzt gerade an diese uralte Serie denken muss.
„Sie sind?“, erkundigt sich Stone. Gut, die Nase ist nicht ganz so prägnant.
„Fiona Carter. Norman ist mein Bruder.“
„Ich bin Lieutenant Jack Siever. Ihr Bruder wurde bei einem Autounfall getötet. Mein Beileid. Es tut mir leid.“ Er mustert mich forschend. Vielleicht befürchtet er, dass ich ohnmächtig zusammenbreche. Oder dass ich ausflippe. Keine Ahnung, wie mein Gesichtsausdruck gerade ist. Ich spüre mein Gesicht nicht.
„Autounfall?“, wiederhole ich.
„Er wurde überfahren. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Der einzige Zeuge ist sein Freund, aber der hat einen Schock und ist im Krankenhaus.“
„Savage?“
Stone … Siever nickt.
„Ist er auch verletzt?“
„Körperlich fehlt ihm nichts. Miss Carter, das hier ist Carola Schmid. Sie ist Psychologin.“
„Ist sonst nicht immer ein Priester mit dabei?“, frage ich abwesend.
„Das kommt darauf an, wer gerade verfügbar ist“, antwortet die Psychologin. Sie sieht irgendwie sehr jung aus für eine Psychologin. Oder meine Wahrnehmung ist völlig gestört, was denkbar wäre.
Norman ist tot?
Mir fällt was ein. „In den Filmen sind es immer uniformierte Polizisten, die so eine Nachricht überbringen. Sie sind doch bestimmt nicht von der Verkehrspolizei?“
Siever schüttelt den Kopf. „Mordkommission. Wir können nicht ganz ausschließen, dass es mit Absicht war. Daher übernehmen wir den Fall. Das bedeutet nicht, dass Norman ermordet wurde. Aber die Möglichkeit besteht.“
„Ermordet? Von wem?“ Fiona, du warst auch schon mal intelligenter.
„Von dem Fahrer oder der Fahrerin des Wagens. Den ersten Auswertungen nach war es ein Geländewagen.“
„Ich will ihn sehen“, sagt meine Mutter plötzlich. „Ich will ihn sehen!“
„Das ist keine gute Idee“, erwidert die Psychologin. „Mrs Carter, Norman wurde mit hoher Geschwindigkeit von einem Geländewagen angefahren. Er … er sieht nicht so aus, wie Sie ihn kennen. Sie sollten ihn so in Erinnerung behalten, wie er …“ Sie unterbricht sich selbst, aber es ist eh klar, was sie meint. Mir jedenfalls.
Meiner Mutter nicht. Oder es ist ihr egal. „Ich will ihn sehen.“
Carola und die Polizisten sehen meinen Vater um Hilfe bittend an, doch der sagt: „Sie haben es gehört. Sie will ihn sehen.“
„Ich fahre euch. Ihr seid nicht in der Verfassung.“
„Bist du es?“, fragt mich mein Vater. „Warum?“
„Willst du echt auch jetzt noch mit mir streiten? Ich habe Norman geliebt, das weißt du auch, verdammt nochmal! Ich ziehe meine Schuhe an und dann fahre ich euch!“
Ich sehe flüchtig die entgeisterten Gesichtsausdrücke von den Polizisten, als ich nach oben renne, um meine Schuhe zu holen. In diesem Moment denke ich ganz sicher nicht an Selbstmord, an Mord schon eher.
Dieses verdammte Arschloch!

Leslie nimmt mich stumm in die Arme, dann zieht sie mich ins Haus.
„Mein Vater arbeitet noch“, sagt sie. „Wir sind also ungestört.“
Ich nicke. Bin froh, dass James nicht da ist, im Moment wäre sein Anblick vielleicht zu viel. Wir gehen in die Küche und sie macht uns Kaffee. Dann setzt sie sich mir gegenüber und sieht mich fragend an.
Ich halte den heißen Becher mit beiden Händen fest.
„Wie geht es deinen Eltern?“
„Beschissen natürlich.“ Ich atme tief durch. „Meine Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch und Carola hat sie mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt. Jetzt schläft sie, mein Vater ist bei ihr. War eine blöde Idee, ins Krankenhaus zu fahren. Hast du eine Ahnung, wie ein Dreizehnjähriger aussieht, nachdem ein Jeep über ihn hergefahren ist? Wohl mehrmals, sagen die von der Spurensicherung.“
„Also Mord?“ Leslie schüttelt den Kopf. „Nein, ich habe keine Ahnung und bin ganz froh darüber.“
„Das kannst du auch sein. Oh Mann. Man denkt, der menschliche Körper ist was Besonderes, aber …“
„Fiona“, sagt Leslie sanft. „Fiona, sollen wir gemeinsam die Küche vollkotzen?“
Ich starre sie an, dann schüttele ich den Kopf. „Nein. Sorry.“
„Schon okay, Schätzchen. Was willst du tun?“
„Ich fahre nachher ins Krankenhaus, zu Savage.“
„Der arme Kerl“, murmelt Leslie.
Ich mustere sie. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Mit ihren schulterlangen, dunkelbraunen Haaren und den braunen Augen wirkt sie irgendwie exotisch. Sie kommt wohl eher nach ihrer Mutter als nach James. Zumindest den Bildern nach zu urteilen, ich habe sie ja nicht kennengelernt.
„Soll ich mitkommen?“
„Nein, lieber nicht. Dich kennt er ja nur flüchtig.“
„Was willst du bei ihm? Ihn trösten?“
„Keine Ahnung. Vielleicht freut er sich.“
„Kann sein.“ Leslie glaubt mir nicht. Zumindest nicht, dass ich nur deswegen zu Savage will. Sie hat ja recht, aber wenn ich das zugebe, versucht sie, es mir auszureden. Und das wiederum könnte sie nicht, also wozu unnötigen Stress erzeugen? Ich weiß ja selbst, dass ich bescheuert bin, weil ich daran denke.
„Vielleicht sollten wir heute Abend irgendwohin ausgehen“, schlägt sie vor und beobachtet mich aufmerksam.
Verdammt. Sie kennt mich viel zu gut, was für eine beste Freundin ja nicht weiter erstaunlich ist.
„Mal sehen, wie ich mich fühle, wenn ich bei Sava war“, erwidere ich. „Das ist irgendwie ganz unwirklich. Ich meine, wer rechnet schon damit, dass der dreizehnjährige Bruder stirbt? Er war doch noch ein Kind.“
„Es ist grausam. Wer es auch immer getan hat, verdient seine Strafe.Ich bin sicher, die Polizei wird ihn finden und er kommt für sehr lange Zeit ins Gefängnis.“
„Meinst du? Die Polizisten wirkten nicht so auf mich, als hätten sie viel Hoffnung.“
„Die haben heute viele Möglichkeiten, das Auto zu finden. Frag mal meinen Vater. Auch wenn er schon lange weg ist, wird er es dir erklären können.“
„Er war beim Geheimdienst, nicht bei der Polizei.“
„Das bedeutet nur, dass er die technischen Möglichkeiten kannte, über die die Polizei heute verfügt“, sagt sie und grinst leicht.
„Mag schon sein. Angenommen, sie finden ihn. Und dann? Dass es Mord war, wie sollen sie das beweisen? Er kommt dann wegen fahrlässiger Tötung oder so was für zwei Jahre in den Knast. Das wars.“
„Erstens ist das gar nicht sicher. Und selbst wenn, was willst du tun? Ihn selbst richten?“
Scheiße. Sie weiß wirklich, worüber ich nachdenke. Aber ich kann ihr schlecht erzählen, dass meine Mutter mich beauftragt hat, als wir auf dem Heimweg waren und kurz bevor sie ganz weggetreten war, ihn zu finden und zu töten.
„Wer tut so was?“, hat sie gefragt. Weder mein Vater noch ich konnten etwas dazu sagen. Wie denn auch? „Finde ihn, Fiona. Finde ihn und töte ihn.“
Ich sah meinen Vater an, doch der blieb stumm. Keine Ahnung, was er gedacht hat. Und ich weiß nicht, ob meine Mutter sich überhaupt daran erinnern wird, wenn sie aufwacht. Sie stand unter Drogen, als sie es gesagt hat.
Aber ich habe gespürt, welche Wut, welcher Hass da aus ihr gesprochen hat. Und dieselbe Wut, denselben Hass spüre ich in mir auch.
Das macht mir Angst, denn das sorgt dafür, dass ihr Auftrag zu meinem Auftrag wird. Da ist eine Stimme in mir, die es ständig wiederholt: „Finde ihn. Töte ihn.“ Immer und immer wieder.
Und es ist meine Stimme.
Scheiße.
„Du bist verrückt, Fiona“, sagt Leslie. „Versprich mir, dass du dich aus der Polizeiarbeit heraushältst! Ein paar Straßenjungs zu verprügeln ist was ganz anderes als so was!“
„Leslie? Ich habe nichts gesagt.“
„Genau das macht mir Sorgen. Du würdest heftig protestieren, wenn ich unrecht hätte.“
„Lass mich bitte diesen Scheißtag irgendwie überstehen, okay?“
„Möchtest du hier schlafen?“
„Ich möchte gar nicht schlafen. Das heißt, ich möchte schon, aber ich kann nicht. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich wahrscheinlich Norman vor mir. Und das ist kein schöner Anblick, das kannst du mir glauben!“
„Das glaube ich dir ja. Du könntest trotzdem hier bleiben und wir bleiben zusammen wach. Was hältst du davon?“
Ich muss unwillkürlich lächeln. Sie ist schon ein klasse Mädchen, die beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Jemanden wie mich so lange zu ertragen, ist nicht leicht. Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Freundschaft die Schulzeit überdauert. Klar, wir sehen uns seltener, sie studiert Wirtschaftswissenschaft, ich arbeite als Trainee bei meinem Vater.
Seit vier Jahren schon, wie mir gerade bewusst wird. Langsam sollte ich über eine Berufswahl nachdenken. Wie wäre es mit Geheimdienst?
„Leslie, ich bin dir echt dankbar und weiß, dass du es ernst meinst. Aber ich muss raus. Ich werde zu Sava fahren und dann wohl in den Dojo. Wenn sonst nichts geht, schlage ich solange auf einen Sandsack ein, bis entweder der oder meine Fäuste kaputt sind.“
„Deine Fäuste? Niemals.“
„Jetzt hör auf, ich bin auch nur ein Mensch. Ein schwaches, kleines Mädchen.“
„Ein Mensch, okay, kann ich gelten lassen. Aber schwache, kleine Mädchen tragen keinen schwarzen Gurt und zerschlagen keine dicken Bretter mit dem kleinen Finger.“
„Hey, das kann ich auch nicht.“
„Aber fast. Ich war dabei, du erinnerst dich vielleicht, als du vor sechs Jahren die drei Jungs krankenhausreif geschlagen hast, als sie Jeremy angegangen haben.“
„Krankenhausreif ist etwas übertrieben.“
„Einen von ihnen auf jeden Fall.“
„Okay, er hatte einen gebrochenen Arm. Und ja, ich mache seit zwölf Jahren Kampfsport.“
„Entschuldige mal, du machst nicht seit zwölf Jahren Kampfsport, du lebst seit zwölf Jahren Kampfsport. Wie viele Stunden in der Woche?“
„Zwanzig bis dreißig, je nachdem, wie ich Zeit und Lust habe.“
„Du könntest Weltmeisterin sein, wenn du endlich an Wettkämpfen teilnehmen würdest.“
Vielleicht. Der Meister ist auch überzeugt davon. Es mag sein. Aber ich hasse es. Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen. Dank meines Vaters lebe ich lieber im Verborgenen. Schon schlimm genug, dass ich früher immer mal mit zu irgendwelchen Veranstaltungen musste. Norman, Mama und ich. Die perfekte Familie zum Vorzeigen. Der hübsche Norman und die blonde, sportliche Tochter. Nach ein paar bösen Eskalationen, nicht ganz ungewollt von mir verursacht, durfte ich dann zu Hause bleiben. Der Alkohol und ich, gemeinsam sind wir unschlagbar.
„Will ich aber nicht“, erwidere ich.
„Warum nicht?“ Als wenn sie es nicht wüsste. Als wenn sie nicht von dem Krieg wüsste, der zwischen meinem Vater und mir tobt. Verstehen kann sie es nicht, sie hat den tollsten Vater der Welt. Er ist immer für sie da und macht alles für sie. Trotzdem ist sie nicht verwöhnt. Keine Ahnung, wie er das hinkriegt.
Der tolle James. Wenn du wüsstest, Leslie.
„Darf ich bei dir duschen? Danach fahre ich ins Krankenhaus.“
Leslie nickt. „Klar. Willst du frische Sachen von mir haben?“
„Nur Unterwäsche. Eigentlich reicht auch ein Höschen.“
„Mit oder ohne Stoff?“
„Haha. Ich fahre ins Krankenhaus, nicht in die Disco.“
Grinsend begleitet sie mich nach oben in ihr Zimmer und gibt mir einen halbwegs normalen Schlüpfer. Sie ist größer als ich und weiblicher gebaut, aber an der Hüfte sind wir uns ähnlich.
Wir umarmen uns, dann verziehe ich mich ins Bad. Zum Duschen und zum Heulen.

Ich starre auf die Leute, ohne sie zu sehen. Es ist heiß und ich bin viel zu dick angezogen. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich muss immerzu an Savas ausdrucksloses Gesicht denken, wie er da liegt in seinem Bett und ins Nichts starrt.
Ich lasse den Blick sinken und betrachte die Tasse mit Cappuccino. Durch die Sonnenbrille sieht der Schaum grünlich aus, aber natürlich ist der Cappuccino gut wie immer. Ich überlege, ob ich die Sonnenbrille absetzen sollte. Aber dann sehen die Leute meine verweinten Augen, und das will ich nicht.
Norman ist tot. Auch wenn das, was da in der Pathologie lag, kaum noch als Norman zu erkennen gewesen ist. Alles, was von einem Menschen übrig bleibt, ein Klumpen Fleisch und Knochen. Zumindest wenn ein Geländewagen über ihn mehr als einmal hergefahren ist. Mir fallen die totgefahrenen Katzen ein, die man manchmal auf der Straße sieht.
Die sehen genauso aus. Logisch. Ich weiß es ja. Muskeln, Knochen, Sehnen. Blut. Bei ausreichendem Druck platzt die Haut auf und alles schießt nach draußen. Zum Beispiel das Gehirn, wenn dir ein Zweitonner über den Kopf fährt.
Verdammte Scheiße, warum habe ich nicht verhindert, dass meine Mutter ins Krankenhaus fährt?
Ich nehme den Zucker, reiße das Papier an der vorgesehen Stelle auf und schütte alles in den Cappuccino. Dann beobachte ich, wie der Zucker langsam im Schaum versinkt. Schließlich nehme ich den Löffel und beginne zu rühren.
„Haben Sie keine Angst, dass die Tasse irgendwann durchgescheuert ist?“
„Was?“
Ich starre den Mann an, der mich vom Nebentisch aus angesprochen hat. Anfangsvierziger, mit dunkelblonden Haaren und braunen Augen. T-Shirt, Jeans, Sportschuhe. Freundliches Gesicht. Hat alles nichts zu bedeuten, ich habe Dreißigjährige mit Babyface erlebt, die auf Fesselspiele standen.
Was will er von mir?
Er deutet auf die Tasse. „Sie rühren den Cappuccino seit etwa zehn Minuten. Der Zucker dürfte schon längst aufgespalten sein in seine atomaren Bestandteile.“
„Die da wären?“
„Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff“, erwidert er schmunzelnd. „Im Wesentlichen.“
„Kommt mir bekannt vor.“ Ich nehme den Löffel heraus und lecke ihn ab. „Tut mir leid, ich war in Gedanken.“
„Offensichtlich. Müssen traurige Gedanken gewesen sein.“
„Wieso?“
„Ein paar Tränen haben sich unter der Sonnenbrille hervorgewagt.“
Ich fasse an mein Gesicht. Meine Fingerspitzen werden feucht.
Scheiße. Hatte ich einen Aussetzer? Zum ersten Mal in meinem Leben?
Na ja, der Anlass wäre ja gegeben.
„Sorry.“
„Kein Problem. Von mir aus dürfen Sie weinen. Oder Sie erzählen mir, was Sie so traurig macht.“
Ich denke nach. Irgendwie erinnert er mich an Phil, und das kotzt mich an. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist eine Affäre. Mit wem auch immer. Schon mal keine wie damals mit Phil.
Scheiße. Mein neues Lieblingswort.
„Mein Bruder ist heute gestorben“, sage ich achselzuckend.
Er starrt mich entgeistert an.
„Ich sollte wohl am Boden zerstört sein?“
„Jeder Mensch trauert anders. Bei Ihnen habe ich das Gefühl, Sie haben es noch gar nicht richtig begriffen. Hat man Sie angerufen?“
Ich verneine kopfschüttelnd und nippe an meinem Cappuccino.
„Ich war vorhin mit meinen Eltern in der Pathologie, weil meine Mutter ihn unbedingt sehen wollte. Er wurde von einem Geländewagen überfahren. Und vorhin habe ich seinen Freund besucht, der Zeuge gewesen ist. Und wenn ich eine Maschinenpistole hätte, würde ich alle auf der Straße erschießen.“ Ich sehe ihn an. „Habe ich Sie geschockt?“
„Ein wenig. Aber ich komme damit klar. Allerdings weiß ich nicht, was ich mit Ihnen machen soll.“
„Keine Sorge, ich habe keine Maschinenpistole.“
Er schmunzelt. „Das ist auch nicht das, was mir Sorgen macht.“
„Ich werde mich auch nicht umbringen. Ich muss nur irgendwie diesen beschissenen Tag überstehen.“
„Ich fürchte, ein Tag wird da nicht ausreichen.“
„Wahrscheinlich nicht.“ Ich trinke den Rest von meinem Cappuccino und beginne, den Schaum auszulöffeln. „Hören Sie, es tut mir leid. Wäre nicht das mit meinem Bruder, würde ich mich sogar zu Ihnen setzen und wir könnten was unternehmen. Aber mir ist nicht danach.“
Er zieht beide Augenbrauen hoch. „Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich Sie angesprochen, um …“
„Ist mir schon klar. Weinende Blondinen mit Sonnenbrille, die sich mit Cappuccino totrühren, üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf jeden normalen Mann aus.“
„Aha. Das wusste ich noch gar nicht. Aber wo wir schon dabei sind: Sie kommen mir bekannt vor.“
„Sie mir nicht.“
„Autsch.“
Ich atme tief durch, dann nehme ich die Sonnenbrille ab.
„Sorry. Ehrlich. Ich werde so oft angemacht, dass ich manchmal reflexartig reagiere.“
„Das kann ich mir vorstellen. Verraten Sie mir, woher ich Sie kenne?“
„Aus der Klatschpresse? Ich habe früher gelegentlich halbnackt auf Tischen getanzt, bei Empfängen.“
„Ach ja. Fiona Carter?“
Ich nicke.
„Es tut mir leid mit Ihrem Bruder. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir versprechen, dass Sie wirklich keine Maschinenpistole haben und auch nicht vorhaben, sich selbst etwas anzutun. Ich bin Polizist und müsste sonst etwas unternehmen.“
Ich schließe kurz die Augen. Scheiße. Noch eine Ähnlichkeit mit Phil.
„Ich verspreche es.“
Er starrt mich an, dann nickt er.
„In Ordnung. Meine Frau und die Kinder warten in irgendeinem Spielzeugladen in der Nähe auf mich. Fast würde ich lieber hierbleiben. Aber das käme wohl nicht so gut.“
Ich muss unwillkürlich lachen. Er winkt mir zu, nachdem er Geld auf den Tisch gelegt hat, und schlendert davon.
Ich bleibe noch ein paar Minuten sitzen, dann bezahle ich auch und fahre nach Hause.