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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1)

Fiona – Beginn

Erst einmal gehe ich jedoch nach oben und tausche die Shorts gegen 3/4-Jeans und Sportschuhe. Und kurz darauf stehe ich auf dem Nachbargrundstück vor der Haustür und läute Sturm. Bis Leslie die Tür aufreißt.
„Was soll das denn?“
„Kommst du mit?“
„Wohin?“
„Spazieren. Zur Promenade. Eis essen.“
Sie starrt mich kurz an, dann nickt sie. „Ich ziehe mir nur eben Schuhe an.“
Sie streift sich flache Sandalen über, steckt ihren Schlüsselbund und etwas Geld ein, dann zieht sie die Tür hinter sich zu. Sie trägt wadenlange Jeans und ein Hemd, das sie anscheinend von James geklaut hat, es reicht ihr bis zu den Oberschenkeln.
Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her. Erst als wir auf den Waldweg einbiegen, der nach unten zur Küste führt, bricht sie unser Schweigen.
„Was ist los? Wieder Krach mit deinem Vater?“
„Das auch.“
„Das auch? Ist das denn noch steigerungsfähig?“
„Anscheinend ja.“ Ich atme tief durch. „Vorhin waren die beiden Polizisten da, der Lieutenant und der junge Kerl.“
„Aha. Was wollten sie denn?“
„Sie dachten, ich hätte mich gestern in einer Kneipe mit neun Männern geprügelt. Und einem von ihnen beide Arme gebrochen.“
„Mit neun Männern? Ist das nicht etwas übertrieben? Ich meine, ich weiß ja, was du drauf hast, habe es ja selbst erlebt. Aber neun Männer? Okay, und das glauben sie nicht mehr?“
„Supergirl hat ein paar Schrammen abgekriegt, unter anderem hier.“ Ich tippe auf die Stelle am Kinn.
„Und weil du nichts … Woher weißt du, an welcher Stelle?“
„Weil ich es war.“
Leslie bleibt stehen und starrt mich fassungslos an. „Du? Aber warum?“
„Der Mann mit den gebrochenen Armen … Ihm gehört das Auto, mit dem Norman getötet wurde.“
„Was?! Warte mal, wieso glaubten die, dass da eine Verletzung …?“
„Der Barmann hat mich dort mit einem Baseballschläger erwischt.“
„Jetzt mal langsam. Aber da ist nichts!“
„Eben, Leslie, eben! Als ich heute aufgewacht bin, waren alle Schrammen spurlos weg! Wie geht so was?!“
„Willst du mich verarschen?“
„Nein! Verdammte Scheiße!“ Ich packe meine Haare, dann sehe ich sie wieder an. „Ich habe schon gedacht, ich habe alles geträumt, dann komme ich runter und da sitzen die beiden. Ich … ich weiß einfach nicht, was ich denken soll.“
Leslie überlegt kurz, dann nimmt sie meinen Arm. „Wir gehen erst einmal weiter und essen ein Eis, okay?“
Ich nicke schweigend.
An der Küste ist es natürlich jetzt schon voll. Nach einer halben Stunde finden wir trotzdem einen freien Tisch in einer kleinen Eisdiele etwas weiter hinten. Leslie bestellt sich einen Milchkaffee und einen Erdbeerbecher, ich nehme Cappuccino und Spaghettieis.
Erst als wir unser Eis haben, redet Leslie wieder. „Also gut, du hast neun Männer verprügelt? Wie geht das? Waren das irgendwelche Schwächlinge, Buchhalter, oder wie?“
„Straßenjungs, kampferprobt“, erwidere ich düster. „Brodwich ist ein Riese mit Glatze und Tattoos, wie aus einem Film. Ein bisschen wie Vin Diesel, nur größer.“
„Du weißt aber schon, wie sich das anhört?“
„Klar weiß ich das. Ich … ich weiß auch nicht, was da passiert ist. Ich war schon nahe dran, wieder nach Hause zu fahren, als ich zufällig die Kneipe gefunden habe. Die haben mich für eine Nutte gehalten, weil ich so knappe Jeans anhatte.“
„Wo dein halber Arsch raushängt?“
„Genau, du Arsch.“
Sie grinst. „Vielleicht bist du ja Supergirl, weißt es nur nicht.“
„Das würde erklären, warum ich mich oft so fühle, als käme ich von einem anderen Planeten.“
„Siehst du, es gibt für alles eine Erklärung.“
Ich erwidere nichts, sondern beobachte an ihr vorbei das Meer. Da sind Segelboote unterwegs, weiter weg ein Kreuzfahrtschiff und vorne auf dem Strand Menschen wie Sardinen in der Büchse.
„Hallo, Schätzchen!“ Leslie fuchtelt mit den Händen vor meinem Gesicht herum. „Ich will von dir wissen, ob du eine vernünftige, rationale Erklärung hast!“
„Hab ich nicht“, erwidere ich kopfschüttelnd und esse wieder von meinem Eis. „Wie denn? Hör zu, natürlich habe ich gelernt, gleichzeitig mit mehreren Gegnern zu kämpfen. Das gehört zur Prüfung. Ich weiß, was ich kann, und ich habe definitiv nicht damit gerechnet, dass ich auch nur die geringste Chance gegen die habe.“
„Warum bist du dann nicht weggerannt, verdammt nochmal? Du hättest sterben können!“
„Keine Ahnung.“ Ich zucke die Schultern. „Vielleicht deswegen.“
„Soll das ein Witz sein? Oder muss ich die Polizei rufen, zu deinem Schutz?“
„Nein, nicht nötig. Du siehst ja, nicht einmal das kriege ich hin.“
„Idiot!“
„Ja, danke. – Hör zu, das mit den neun Kerlen kann man ja noch irgendwie mit Adrenalin, Lebensgefahr und so erklären. Irgendwie. Aber das mit den Verletzungen?“
„Wie schlimm waren sie denn? Vielleicht sahen sie nur wild aus.“
„Meine Knie waren blutig, mein Ellbogen, eine Platzwunde am Kinn. Und jetzt sind alle, wirklich alle Wunden spurlos weg.“
„Hm. Eigenartig. Ich würde an deiner Stelle mal Ahnenforschung betreiben.“
„Ahnenforschung? Hä?“
„Ich denke, du hast eine Hexe unter deinen Vorfahren. Eine andere Erklärung gibt es eben nicht.“
„Du bist echt bescheuert.“ Ich starre in ihr grinsendes Gesicht, dann schüttele ich den Kopf. „Das ist ernst.“
„Weiß ich ja. Aber ich habe echt absolut keine Erklärung. Ich kann ja mal vorsichtig an der Uni rumhören, kenne ein paar Medizinstudis.“
„Das wäre gut. Danke.“
Sie nickt. „Ich sehe ja, dass du völlig durch den Wind bist. Und das kann ich nachvollziehen. Keine Ahnung, was für Panik ich schieben würde, wenn mir so was passieren würde. Ich meine, vielleicht ist es eine Art Gendefekt.“
„Gendefekt? Hast du sie noch alle?“
„Denk mal nach, Schätzchen. Du hast doch auch Biologie gehabt.“
„Klar, wir waren ja in derselben Klasse.“
„Eben.“
„Worauf willst du hinaus?“
„Was passiert denn bei der Wundheilung? Das ist doch reinste Genetik, irgendwie.“
„Na ja …“
„Hat das nichts mit der Reparatur defekter Genabschnitte zu tun?“
„Ich glaube, du wirfst da etwas durcheinander, meine Liebe. Unabhängig davon könnte es trotzdem gentechnisch bedingt sein, da gebe ich dir recht, wenn ich so darüber nachdenke. Die Mechanismen bei Wundheilung habe ich nicht mehr parat, aber Veranlagung spielt mit rein. Und Wunden haben bei mir immer schnell geheilt. Aber nicht sooo schnell.“
„Vielleicht haben die Schläge was ausgelöst bei dir. So wie man manchmal den Fernseher schlägt, wenn das Bild verwackelt ist.“
„Du bist heute echt unmöglich“, erwidere ich, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden habe. „Klar, ein Schlag mit dem Baseballschläger wirbelt meine Gene so durcheinander, dass … Hey, vielleicht hätte ich mich richtig treffen lassen sollen, dann wäre in meinem Kopf bestimmt alles zurechtgerückt worden!“
„Ja, genau. Wenn du Hilfe brauchst dabei …“
„Ich sehe schon, dir darf ich auch nie wieder den Rücken zudrehen.“
Sie lacht auf und ich muss mitlachen. Das ist einfach zu bescheuert, da kann kein Mensch ernst bleiben. Mir ist schon klar, dass sie genau das erreichen wollte. Aber verdammt, niemand ist zynischer als ich. Dachte ich jedenfalls.
Wir essen schweigend unser Eis zu Ende, dabei denke ich darüber nach, ob es wirklich etwas mit meiner Genetik zu tun haben könnte. Jedenfalls wäre das eine wahrscheinlichere Erklärung als das mit der Hexe. Hexen und Magie, all diesen Quatsch gibt es nicht, seltsame Gendefekte schon. Ich meine, ich bin ja eh ziemlich seltsam, warum sollten dann meine Gene normal sein? Wenn schon, denn schon.
Ich beschließe, dass meine Gene genauso bescheuert sind wie ich und seltsame Sachen machen.
Fall gelöst.

 

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