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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1) (6)

Fiona - Beginn 2.0

Ich glaube, er heißt Joe. Schwach erinnere ich mich daran, dass er das gesagt hat. Irgendwann zwischen dem letzten Schluck Sekt und dem zweiten Sex. Joe Irgendwas. Und dass er frisch geschieden ist. Komisch, dass ich mich daran erinnere.
Draußen ist es hell. Wie spät mag es wohl sein?
Ich stehe auf und wanke ins Bad. Scheißalkohol. Den Sekt hätte ich weglassen sollen. Oder den Sex. Nein, dann lieber den Sekt. Oh Mann.
Entgegen meiner sonstigen Angewohnheit schaue ich mir die Blondine im Spiegel an. Sie sieht furchtbar aus. Ringe um die Augen, die Haare total wirr, mehr noch als sonst. Sie könnten eine Wäsche vertragen. Die Lippen rissig.
Im Mund habe ich immer noch den Geschmack von Joes Sperma. Ätzend. Beim Sex macht es mich an, aber ich hasse es, wenn es so lange nachschmeckt. Gibt es hier nichts zu trinken?
Ich finde eine Minibar und hole nach kurzem Nachdenken eine Flasche Bier heraus. Bier auf Sperma, nicht die ideale Kombination, aber besser als Cola. Das süße Zeug mag ich eh nicht. Seltsamerweise mochte ich es nie, schon als Kind hatte ich eine Abneigung dagegen, im Gegensatz zu Norman.
Norman.
Scheiße.
„Was ist los?“
Ich blicke zum Bett. Joe stützt sich auf seinen Händen ab, den Oberkörper halb aufgerichtet. Er sieht schon geil aus. Sein 37-jähriger Körper ist gut in Form. Ich werde mich garantiert nicht in ihn verlieben, schon allein, weil ich mich niemals wieder verlieben werde. Aber Sex ist okay.
Allerdings nicht jetzt, nachdem ich an Norman denken musste.
„Ich muss gehen.“
„So früh? Warum bleibst du nicht noch?“
Ich setze mich auf den Bettrand und starre ihn an. „Hör zu, Joe, es hat nichts mit dir zu tun.“
„Aha. Weißt du, dieser Spruch ist echt zum Kotzen. Mit wem denn dann?“
Am liebsten würde ich ihm Zähne ausschlagen. Aber er kann ja nicht wissen, warum ich so reagiere. Er kann auch nicht wissen, dass ich so gut wie nie zum Frühstück bleibe, selbst wenn nicht der plötzlich auftauchende Gedanke an den Tod meines Bruders meine Muschi trockenlegt.
„Vergiss es“, erwidere ich und suche meine Sachen zusammen. „Vergiss es einfach.“
Er beobachtet mich. Ich stelle mich insgeheim darauf ein, dass er etwas versucht, was mich zwingen würde, ihm Schmerzen zuzufügen. Aber zu unserem Glück lässt er es sein. Irgendwie erleichtert mich das. Auch wenn ich mich niemals in ihn verlieben werde, wir hatten dreimal Sex miteinander und ich bin jedes Mal gekommen. Solche Männer sind echt selten.
Trotzdem werfe ich keinen Blick zurück, als ich durch die Zimmertür gehe. Für irgendwelche Beziehungsdramen fehlt mir der Nerv. Er tut mir ja ein bisschen leid, aber er hat seinen Spaß gehabt. Wie ich auch.
Scheiße. Verdammte Scheiße!
Als ich mich ins Auto setze, fällt mir seltsamerweise sein voller Name ein: Joe Montena. Freelancer, geschieden und wohnt wegen eines Jobs im Hotel.
Armes Schwein. Wir haben uns anscheinend gefunden, ohne uns zu suchen.
Ich lasse im CD-Player „Supergirl“ laufen.
„Supergirls just fly.“
Ja, ist klar. Ihr habt ja alle keine Ahnung.
Bevor ich losfahre, zünde ich mir noch eine Zigarette an. In den Hosentaschen sind zwar keine mehr, aber ich finde noch eine ungeöffnete Packung im Handschuhfach. Meine eiserne Reserve. Muss die nachher wieder auffüllen.
Es ist kurz nach halb neun, als ich auf dem Parkplatz des Krankenhauses halte, in dem Savage liegt. Wenig erstaunt nehme ich am Empfang zur Kenntnis, dass ich zu früh bin, die Besuchszeit beginne erst um neun. Auf meine Frage hin erklärt mir die freundliche Dame aber den Weg zur Cafeteria und dass ich dort auch frühstücken kann.
Dass das Frühstück aus gekühlten Automatensandwiches besteht, vergaß sie zu erwähnen. Ist mir eigentlich egal. Hauptsache, etwas zu essen. Einen Kaffee nehme ich auch dazu, obwohl ich es wahrscheinlich bereuen werde. Aber vielleicht hilft er trotzdem. Oder ich werde gerade wegen des Geschmacks wach. Kann auch passieren.
Ich setze mich in eine Ecke, packe mein Sandwich aus und beginne zu essen. Geschmack und Qualität gehen, für ein eingepacktes Sandwich ist es sogar erstaunlich gut. Mit dem Kaffee habe ich nur insofern Glück, dass ich von dem beschissenen Geschmack tatsächlich wach werde. Mir wird sogar fast schlecht. Ob es wirklich am Kaffee liegt oder an den Nachwirkungen der Nacht, ist eine andere Frage.
Auf dem Weg nach oben zu Savage begegne ich im Aufzug dem Lieutenant. Er mustert mich nachdenklich.
„Sie sehen aus, als könnten Sie Schlaf gebrauchen“, bemerkt er dann.
„Ich habe geschlafen“, erwidere ich mürrisch. „Wollen Sie auch zu Savage?“
Er schüttelt den Kopf. „Bin privat hier.“
„Na dann.“ Ich muss vor ihm aussteigen, spüre aber seinen Blick im Rücken. Irgendwie ist er mir nicht geheuer, weiß aber nicht, was mich stört. Vielleicht sein durchdringender Blick.
Savage ist nicht allein. Carola, die Psychologin, ist auch da. Sie begrüßt mich lächelnd.
„Sie sind früh auf, Fiona.“
„Sie auch, Carola.“
„Haben Sie überhaupt geschlafen?“
Ich nicke. Die Details lasse ich lieber weg, außerdem stimmt es. Zwischendurch und zum Schluss. War nicht viel, okay, aber ich habe geschlafen.
Savage hat die Augen geschlossen, aber ich habe das Gefühl, er hört uns zu. Ich setze mich auf einen Stuhl in der Ecke, zwischen Wand und Fenster. Savage hat ein Einzelzimmer, dafür hat mein Vater gesorgt. Seine Mutter könnte das nicht bezahlen, Daddy ist schon vor Jahren unbekannt verzogen.
Carola steht am Kopfendes seines Bettes und schreibt etwas in ein Büchlein.
„Ich habe mal gehört, Psychologen dürfen gar keine Spritze setzen“, bemerke ich.
Sie blickt hoch und mustert mich. „Das ist unterschiedlich geregelt in den verschiedenen Ländern. In Newope dürfen das auch Psychologen, zumindest mit entsprechenden Zusatzkursen. Davon abgesehen bin ich Psychologin und Psychiaterin, und Ärzte dürfen das überall.“
„Aha. Wieder was gelernt.“
„Wie geht es Ihrer Mutter?“
„Gut, glaube ich. Ich meine, den Umständen entsprechend. Ich war letzte Nacht nicht zu Hause. Aber ich glaube schon. Mein Vater wird auf jeden Fall dafür sorgen.“
„Da ist viel Spannung zwischen Ihnen und Ihrem Vater.“
„Ja.“
Sie nickt und vertieft sich wieder in ihrem Büchlein.
Mir fällt etwas ein und ich gehe, sage ihr aber beim Rausgehen, dass ich gleich wiederkomme. Eigentlich ist das für Savage, denn ich hoffe, dass sie bis dahin fort ist. Sie hat auch so einen seltsam durchdringenden Blick wie der Lieutenant. Ich hasse das, wenn die Leute versuchen, meine Gedanken zu erraten.
Ich gehe in die Bücherei und stöbere herum. So genau weiß ich nicht, was ich suche. Irgendetwas, womit ich Savage erreichen könnte. Aber womit erreicht man einen Dreizehnjährigen, der gestern mitansehen musste, wie sein bester Freund von einem Geländewagen plattgewalzt wurde?
Ich verharre kurz bei den Märchenbüchern. Als Kind habe ich sie gerne gelesen, bis ich vier war. Als ich in die Schule kam, fand ich die Bücher für Erwachsene spannender. Als meine Mutter allerdings Nabokov bei mir fand, gab es Ärger. Damals habe ich nicht verstanden, wieso eigentlich. Ich fand es sehr interessant, wie der Erzähler seine Beziehung zu der Zwölfjährigen beschreibt. Und was ein Orgasmus ist, wusste ich als Sechsjährige nicht. Jedenfalls durfte ich danach nur noch gefiltert lesen: Jedes Buch, das ich aus dem heimischen Buchregal holte, musste ich meiner Mutter vorlegen. Hemingway war teilweise erlaubt, Nabokov aus erwähnten Gründen nicht, Raymond Chandler wieder doch. Okay, Nabokov und Chandler haben nicht viel miteinander gemeinsam. Ich fand beide sehr düster, was mich nicht unbedingt abgeschreckt hat.
Jetzt, mit 23, werde ich einen Teufel tun und Savage „Lolita“ bringen. Der depressive Privatdetektiv wäre schon eher was für ihn, aber nicht jetzt, nicht in dieser Situation.
Schließlich entscheide ich mich für ein Buch mit Bildern von Engeln. Keine Ahnung, ob das nicht zu zynisch ist. Ich glaube schon, aber im Vorwort heißt es, dass dieses Buch Trost spenden soll, wenn man einen Verlust erlitten hat. Und irgendwie mag ich Engel. Sie können fliegen, genau wie Supergirl.
Carola ist tatsächlich fort, als ich wieder ins Krankenzimmer komme. Savage sieht mich regungslos an. Immerhin, er scheint wach zu sein.
Ich halte das Buch hoch. „Habe dir was besorgt.“
„Was ist das?“
„Ein Buch. Über Engel.“
„Bist du auch ein Engel?“
„Ich? Ganz bestimmt nicht. Du weißt doch, wer ich bin?“
Er nickt.
Ich lege das Buch auf sein Nachtschränkchen und setze mich neben dem Bett auf einen Stuhl.
„Wie geht es dir, Sava?“
Sein Blick wandert durch den Raum, ohne dass der Kopf sich bewegt. Schließlich kommt er in meinem Gesicht zur Ruhe.
„Baby, join me in death“, sagt er dann.
„Wie, was?“
„Das ist aus einem Lied. Kannst du es mir besorgen?“
Ich denke fieberhaft nach. Es kommt mir bekannt vor, und als es mir endlich einfällt, dass das fast der Titel ist, bin ich mir gar nicht sicher, ob dieses Lied gerade jetzt das Richtige für ihn sein könnte.
„Es ist … ein ziemlich trauriges Lied.“
„Ich weiß. Besorgst du es mir?“
Ich atme tief durch. Am liebsten würde ich Nein sagen, aber ich will etwas von ihm. Und dazu muss ich mir sein Vertrauen erarbeiten.
„In Ordnung“, antworte ich schließlich.
„Wann?“
„Gleich. Wenn wir fertig sind, gehe ich und besorge es.“
„Wir sind fertig“, sagt er und schließt die Augen.
Ich starre ihn entgeistert an. Was war das denn? Schließlich atme ich erneut tief durch. Ich werde nicht mit einem traumatisierten Kind diskutieren.
Und was bist du?
Ich ignoriere die innere Stimme diesmal, verlasse das Krankenhaus, steige in mein Auto und fahre in die Stadt, um die scheißverdammte CD und einen CD-Player zu besorgen.