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Leseprobe: fabian – in memoriam. eine erzählung über selbstverletzendes verhalten

TRIGGERWARNUNG

Fabian in memoriam

Kurz tippte sich Fabian mit dem schwarzen Kuli an das Kinn, als er darüber nachdachte, wie er seine Gedanken in Worte fassen konnte. Und als er glaubte, die richtigen Worte gefunden zu haben, setzte er den schwarzen Kuli an und begann zu schreiben.
Viel zu häufig dachte er daran, dass das Leben zu eintönig war. Immer und immer wieder geschah das Gleiche. Es war ein wenig wie der Rhythmus von Tag und Nacht, der unveränderlich war. Und diese Gleichförmigkeit war es, die ihn nun wahnsinnig zu machen drohte: Er lernte jemanden kennen, verbrachte Zeit mit ihm, kroch irgendwann aus seinem Schneckenhaus, nur um wieder zur Schnecke gemacht zu werden. Warum nur verstand ihn niemand?
Marc sollte anders sein. Das hatte er gehofft. Na ja, ein wenig jedenfalls. Aber wenn er ehrlich war, hatte er von Anfang an gewusst, dass auch diese Freundschaft wieder in die Brüche gehen musste, dass es keinen Sinn hatte, dass er die Mühe nicht wert war. Wie jeder andere zuvor verstand auch Marc nichts von dem, was Fabian ihm sagte. Und Fabian fragte sich, ob es Marc überhaupt interessierte, was Fabian dachte oder tat. Er fühlte sich ungerecht behandelt, verstand nicht, warum das Leben ihn derart hasste, ihn derart verachtete, ihn auslachte und einen Scherz mit ihm machte. Vielleicht fehlte ihm aber auch nur der Sinn für das Komische …
Fabian war am Ende seiner Kräfte. Er hatte sich so oft aufgerappelt, es so oft wieder und immer wieder versucht. Und wofür? Lange würde er das nicht mehr aushalten. Es wurde Zeit, es zu beenden. Bald … bald würde es zu Ende sein … Bald würde alles zu Ende sein.
Fabian nahm den roten Kuli zur Hand, so dass sich die folgende Zeichnung von der schwarzen Schrift darüber deutlich abheben konnte. Was genau er malte, wusste er selbst nicht. Aber er musste nachdenken. Nachdenken über die Welt, über die Ungerechtigkeit, die Hoffnungslosigkeit. Immer wieder nachdenken. Das Schlimme am Nachdenken war nicht, dass er überlegen musste, sondern dass er überrannt wurde. Dutzende Gedanken gleichzeitig. Hunderte! Alle zu einem einzigen Augenblick. Nachdenken, Nachdenken, Nachdenken. Er konnte nichts anderes. Das Denken übermannte ihn, erschlug ihn, bis sein Leben nur noch ein Gedanke war. Ein einzelner, einsamer Gedanke.
Er ließ seine Hand über das Papier gleiten, als wäre sie ein eigenständiges Lebewesen, als bräuchte sie kein Gehirn, das ihr sagte, was sie tun solle. Er überließ sie ganz einem ungekannten Eigenleben, das er einfach willenlos zuließ. Und er schloss die Augen. Er wollte nicht sehen, was seine Hand produzierte, was sie schuf. Ob sie darüber nachdachte?
Er spürte den Kloß in seinem Hals, spürte, wie er immer stärker und größer wurde. Es schmerzte beim Schlucken. Es erschwerte das Atmen. Und es war ihm, als würde alles aus dem tiefsten Inneren seines Körpers aufsteigen, als würde es in die Höhe schießen wie das heiße Wasser eines Geysirs, als wäre alles, was er in sich hatte, nun am Aufsteigen, am Emporkriechen, unaufhaltsam, erbarmungslos, tödlich. Und er war dem hilflos ausgeliefert. Er konnte nicht fliehen. Konnte es nicht. Wohin denn auch fliehen? Wohin hätte er gehen sollen? Alles in ihm schrie nach einem Halm, einem Ast, einem kleinen Finger. Doch sein Griff ging stets ins Leere. Er fand keinen Halt, strauchelte, wedelte heftig mit den Armen, fiel in die Unendlichkeit, die sich ihm eiskalt öffnete und ihn einhüllte, ihn umfing. Sanft. Endgültig.
Der Kuli fiel aus Fabians Hand, ohne dass er es merkte. Er atmete tief durch, doch sein Puls wollte sich nicht beruhigen, der Kloß sich nicht lösen. Er war ein in die Ecke getriebenes, gejagtes Beutetier, das keinen Ausweg mehr hatte. Er war der hungernde, durstende, schlaflose Prometheus, festgekettet an einem Felsen über einem Abgrund, und der Adler Ethon näherte sich ihm, um erneut seine Leber zu verspeisen und sich an seiner ewigen Pein zu laben!
Immer stärker und stärker wurden die Gefühle, wurde der Drang, bis er schließlich keine Kontrolle mehr hatte. Hektisch, fast panisch zerrte er die Schublade seines Schreibtischs auf, die keine Beschriftung hatte, griff hinein und kramte wie wild darin herum. Der Kloß in seinem Hals wurde gewaltiger, schmerzhafter. Er keuchte, wusste nicht, was er tun sollte, schlug mit der Faust auf den Tisch, doch er spürte es kaum. Er fluchte, suchte panisch weiter und endlich zog er das aus der Schublade, was er gesucht hatte. Er legte es neben sich auf den Tisch, verschloss die Tür seines Zimmers und zerrte an seinem Ärmel, bis sein Unterarm unbedeckt war. Der Anblick, der sich ihm bot, beschämte ihn. Es war wie ein Mahnmal, von dem er tausende Geschichten erzählen konnte, eine Erinnerungsstätte an Zeiten voller Schmerz, voller Trauer und Hoffnungslosigkeit. Hier die Sache aus der fünften Klasse, da das am Kiosk, hier die Geschichte aus dem Physikkurs und dieses war während eines Nachhausewegs von der Schule gewesen. Dort, ein ehemaliger Freund, da seine Familie. Alles und jeder hatte seinen Platz gefunden. Dies war seine fleischgewordene Vita.
Wie im Traum griff er zu dem glänzenden Etwas neben sich, spürte seine Kälte, sah seinen tödlichen Glanz, und setzte es an seinem Unterarm an. Dort, wo noch eine Stelle frei war. Viel Platz war nicht mehr. Bald musste er auf sein Bein ausweichen.
Er zögerte, wie er es immer tat. Er wusste, dass sich dadurch nichts ändern würde. Er wusste, dass es weitergehen würde. Er wusste, dass es wieder und immer wieder passieren würde. Er war und blieb eine Marionette des Lebens.
Fabian atmete erneut durch. Nein, es ging nicht anders. Er musste es tun. Er musste einfach! Er wusste, was folgen würde. Er wusste es so gut! Er kannte es! Und genau deshalb konnte er es nicht verhindern. Ein innerer Drang, eine unbeschreibliche Sehnsucht, eine unerfüllte Liebe. Alles in ihm schrie danach, ein Schrei aus tausend Kehlen, gebündelt, potenziert und so gewaltig. Eine kleine Faser seines Körpers versuchte ihn aufzuhalten. Tu es nicht! Es wird niemals enden! Niemals? Niemals! Und genau deshalb hatte er keine Wahl. Niemals hatte er eine Wahl! Die Würfel waren gefallen.

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