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Leseprobe: Erbengel

Erbengel

Die Rühreier auf den Tellern dampften noch ein wenig, als er sie auf den Tisch stellte. In die Mitte kam ein Korb mit Brot und eine Schüssel mit geröstetem Speck. Erst jetzt merkte Jessica, wie hungrig sie war.
»Greif zu. In der Pfanne ist noch mehr.«
Und mit diesen Worten fing Samuel selbst an zu essen. Jessica sah ihm fasziniert zu. Nach einer Weile hob er den Kopf und sah sie fragend an.
»Kann ich dir irgendwie helfen?«
»Oh, sorry. Ich wollte dich nicht anstarren. Ich bin nur ein wenig überrascht. Das ist alles.«
»Tja, ich hab ja gestern Abend versucht, dir noch Einiges zu erklären, aber du bist nach fünf Minuten eingeschlafen.« Überrascht stellte Jessica fest, wie vertraut ihr sein flüchtiges Lächeln bereits war.
»Also das Gröbste in Kürze. Ich möchte nämlich gern weiter essen, und das nach Möglichkeit, ohne angestarrt zu werden. Ich bin nicht tot. Mein Herz schlägt, ich atme, ich habe eine normale Körpertemperatur, Weihwasser, Silber, Knoblauch – alles harmlos. Die einzige Geschichte, die du aus deinen Büchern glauben kannst, ist die mit dem Sonnenlicht. Meine Haut reagiert etwa tausend Mal schneller auf den schädlichen Anteil im Sonnenlicht als die von Menschen. Schwere Verbrennungen sind die Folge, können sogar tödlich sein.«
Er machte eine Pause, in der er sich eine Gabel voll Rührei in den Mund steckte.
»Was das Essen und Trinken angeht, das ist etwas schwierig. Ich erkläre es mir immer so: Mein Körper und alle seine menschlichen Funktionen werden von normaler Nahrung betrieben. Hypnose, Geschwindigkeit, Heilen und so weiter benötigt, naja, zusätzlichen Treibstoff.«
»Du warst gestern ziemlich lange ziemlich schnell.«
»Jupp.«
»Und du musstest auch einige Blessuren heilen.«
»Ich denke, ich verstehe, worauf du hinaus willst, aber wie ich schon gesagt habe: Du hast noch nichts zu befürchten.«
»Na das finde ich ja noch beruhigend.«
Eine Weile saßen die beiden einfach nur schweigend da und aßen. Normalerweise war Jessica ein Mensch, der die Stille in Gesellschaft nicht mochte, doch mit Samuel genoss sie sie regelrecht. Doch irgendwann überwogen Angst und Neugier, und sie brach das Schweigen.
»Wer ist dieser von Rothenburg?«
Samuel musterte sie, und sie fragte sich, ob er wohl gerade abwog, wie viel er ihr erzählen konnte.
»Egbert von Rothenburg ist einer der ältesten meiner Art. Er ist schätzungsweise tausend Jahre alt. Damit ist er nochmal gut dreihundert Jahre älter als mein Schöpfer.«
»Dein Schöpfer?«
»Schöpfer, Macher, Erwecker. Wie auch immer du ihn nennen möchtest.«
»Und was willst du von von Rothenburg? Du hast gesagt, du suchst ihn.«
»Mein ältester Freund ist verschwunden, und ich habe Hinweise, dass von Rothenburg etwas damit zu tun hat.«
»Warum hast du dann gestern Abend die beiden nicht einfach ihren Job machen lassen und bist ihnen gefolgt?«
»Ehrliche oder freundliche Antwort?«
Jessica legte den Kopf schräg und zog die Augenbrauen hoch.
»Hätte ich gewusst, wer sie geschickt hat, hätte ich mich wahrscheinlich nicht eingemischt.«
Jessica atmete hörbar ein und wieder aus.
»Gut. Auf deinen gesunden Menschenverstand ist also Verlass. Das ist gut zu wissen.«

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