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Leseprobe: Erbengel

Ein Blinzeln von Jessica reichte, und Samuel war aus dem Auto gesprungen und zu ihrer Tür gekommen. Ein weiteres Blinzeln – und er hatte die Tür aufgerissen und sie heraus gezogen. Unsanft stellte Samuel Jessica mitten auf der Lichtung ab.
»Greif mich an!« befahl er von seiner Position, etwa fünf Meter von ihr entfernt. Jessica reagierte nicht. Sie hätte auch gar nicht gekonnt, selbst wenn sie gewollt hätte. Es verlangte ihr immer noch alle Kräfte ab, einfach nur auf den Beinen stehen zu bleiben. Samuel stand ihr gegenüber. Breitbeinig, leicht nach vorn gebeugt, wiegte er sich von einem Fuß auf den anderen. »Mach schon. Greif mich an!«
Diesmal war der Befehl leiser, doch umso nachdrücklicher. Als Jessica immer noch keine Anstalten machte, sich zu bewegen, kam er langsam auf sie zu. Seine geduckte Haltung gab er dabei nicht auf. Zu spät erkannte Jessica, dass es nicht etwa eine Verteidigungs-, sondern eine Angriffshaltung war. Angst ergriff sie, als sie das Glitzern in Samuels Augen sah, kurz bevor er absprang.
Der Aufprall war härter als sie erwartet hatte und riss sie von den Füßen. Auf dem Rücken rutschte sie mehrere Meter, bis an den Rand der Lichtung.
»Was zum Teufel tust du da!«, nur beiläufig registrierte sie, wie panisch ihre Stimme selbst in ihren eigenen Ohren klang.
»Wenn du mich nicht angreifen willst, dann wehre dich wenigstens!« Samuels Stimme war nicht viel mehr als ein Knurren, in dem die Worte wie nebensächlich mitschwangen. Fieberhaft versuchte Jessica zu überlegen, was sie tun sollte, doch alles, woran sie denken konnte, waren die spitzen Zähne, die Samuel nur Zentimeter von ihrem Gesicht entblößt hatte, und das schreckliche Glitzern wie im gierigen Blick eines Raubtieres, das alles Menschliche aus seinen Augen vertrieben hatte. Seine Nasenflügel blähten sich, und ein kehliges Knurren war zu hören. Ein letztes Mal versuchte Jessica, irgendetwas Bekanntes in Samuels Gesicht zu finden, dann gab sie auf und schloss langsam die Augen. Sie zwang sich zur Ruhe, hörte nur noch auf ihren eigenen Atem. Sie verdrängte das Knurren und die harten, kalten Hände, die sich um ihre Oberarme geschlossen hatten.
»Du lässt mich jetzt los.« Es war kein Befehl. Es war auch keine Bitte. Es war mehr eine Anweisung; eine zukünftige Tatsache. Genau so langsam, wie sie sie eben geschlossen hatte, öffnete Jessica nun ihre Augen und sah Samuel unverwandt an. »Es ist alles in Ordnung. Du kannst mich jetzt loslassen.«
Eine Mischung aus Verwirrung und Erleichterung machte sich auf seinem Gesicht breit und drängte Stück für Stück das Raubtier zurück unter die Oberfläche. Noch ein letztes Blinzeln, und es waren wieder Samuels vertraute Augen, die sie erschrocken ansahen.
»Was habe ich getan?« keuchte Samuel fast unhörbar. Schockiert starrte er auf seine Hände, die noch immer Jessicas Oberarme am Waldboden fixierten. Panisch, fast angewidert, riss er sie weg und lehnte sich zurück, so dass Jessica sich aufrichten konnte.
»Du hast versucht, das Richtige zu tun.« Langsam und vorsichtig nahm Jessica Samuels Gesicht zwischen die Hände und versuchte, ihn zu sich zu drehen, um ihm in die Augen schauen zu können. »Du hast nur versucht, mir zu helfen.«
Und dann faste Jessica sich ein Herz und zog Samuel zu sich in ihren Arm. Ein leichtes Beben durchlief den riesigen Körper, der nun zusammengerollt an ihrer Schulter ruhte. In monotonen Runden ließ sie ihre Hand über seinen Rücken kreisen. Immer wieder flüsterte sie beruhigende Worte in sein Ohr. Nach einer Weile ließ das Zittern nach und Samuel hob den Kopf. Schuldbewusst und zutiefst erschüttert sah er sie an. Doch Jessica lächelte nur milde.
»Lass uns nach Hause fahren. Es wird schon bald hell.«
Sie waren schon fast wieder an Samuels Hof angekommen, als Jessica das Schweigen brach. »Ich frage mich, ob das nun musische Beeinflussung oder vampirischer Zwang war … oder ob ich da was Eigenes gemischt habe.«
»Bitte. Jetzt noch nicht.«
»Wir müssen aber darüber reden. Und so wie ich das sehe, stellen sich da zwei grundlegende Fragen. Erstens, wie ich es geschafft habe, dich aufzuhalten, und zweitens, was da überhaupt mit dir los war. Und irgendetwas an dir«, Jessica deutete auf Samuels Hände, die das Lenkrad umklammerten, »sagt mir, dass du noch nicht bereit bist, über Letzteres zu reden.«
Samuel atmete hörbar aus, bevor er antwortete. »Aber das ist es ja gerade. Ich denke, es hängt beides unmittelbar zusammen.«
Der Wagen wurde langsamer und bog in die schmale Zufahrt ein. Hinter dem Hof färbte sich der Himmel bereits hellrosa.
»Lass uns erst einmal rein gehen.«