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Leseprobe: Eine Reise ins Licht

Eine Reise ins Licht
Eine Reise ins Licht

Indigor sah sich und seinen Freund Pavlet im Alter von neun Jahren. Sie saßen auf einem Kirschbaum, welcher voll mit roten Kirschen hing.
Sie saßen da, mit der einen Hand hielten sie sich fest, mit der anderen aßen sie von den saftigen Kirschen. Sie waren so vertieft, dass sie nicht bemerkten, wie sich der Bauer, welchem der Baum gehörte, ihnen näherte. Erst als er den Baum schon fast erreicht hatte, sahen sie ihn. Indigor sprang vom Baum und rannte los, sein Freund Pavlet aber hing mit der Hose fest. Er konnte nicht vom Baum hinunter. Doch obwohl Indigor es bemerkte, rannte er weiter, aus Angst vor dem Bauern. Nun spürte er wieder die Angst und hörte ihre Stimme: „Nun sieh, ich habe dich gerettet. Glaubst du mir nun, dass ich dich weit bringen kann?“
Doch Indigor blieb ganz plötzlich stehen. Er sah sich um, sah seinen Freund, wie er im Begriff war, sich kopfüber vom Baum zu stürzen.
Und plötzlich hatte er das Gefühl, als hinge er selbst auf diesem Baum fest. Er war nicht mehr er selbst sondern Pavlet und er spürte dessen unsägliche Angst. Er sah wie er selbst, Indigor, davonlief und er hatte das Gefühl, von allen allein gelassen zu sein. Er fühlte eine große Enttäuschung und wollte nur weg. Er sah den Bauern, der grollend auf ihn zukam. Er wollte springen, aber er konnte nicht loskommen. In seiner Verzweiflung stürzte er sich kopfüber vom Baum.
Indigor spürte plötzlich eine große Wärme für seinen Freund in sich aufsteigen. Er wollte nicht, dass sein Freund stürzte. Doch noch hielt ihn etwas zurück.
Er war nicht er selbst, sondern der Bauer. Er sah, wie zwei Jungen auf seinem Baum saßen. Auf dem Baum, welchen er von klein auf gehegt und gepflegt hatte, bis er schließlich so groß war, dass er diese Kirschenpracht hervorbrachte.
Und plötzlich war er ein kleiner Junge. Etwa in dem Alter, als Indigor mit seinem Freund auf dem Kirschbaum gesessen hatte. Er hielt einen Kirschkern in seiner Hand und betrachtete ihn. Er hatte immer noch den süßen Geschmack der kostbaren Kirsche im Mund. Seine Mutter hatte gesagt, dass sie kein Geld für Kirschen hätten. Aber die Marktfrau hatte sich seiner erbarmt und ihm eine geschenkt.
Nun hatte er eine wundervolle Idee, er wollte den Kern vergraben, so dass er und seine Familie von nun an eigene Kirschen haben würden.
Er ging hinter das Haus und über das angrenzende Feld, das einem griesgrämigen alten Bauern gehörte. Dahinter befand sich ein Stück Wiese, in deren Mitte er seinen Kern vergrub. Nun ging er jeden Tag zu der Wiese um zu sehen, ob man schon etwas sehen könne. Als endlich ein kleines Pflänzchen zu sehen war, hegte und pflegte er es. Endlich war auch ein Baum daraus geworden, aber immer noch waren keine Kirschen daran. Seine Geduld wurde mächtig auf die Probe gestellt, doch endlich konnte er seine ersten Kirschen ernten. Er erinnerte sich daran, was es für ein Gefühl gewesen war, als er das erste Mal mit seinen Kirschen auf dem Markt gestanden und sie verkauft hatte. Und wie stolz er seiner Mutter sein erstes, selbst verdientes Geld mit nach Hause brachte. Als er älter war, hatte er dem griesgrämigen Bauern sein Land abgekauft und war selbst Bauer geworden. Sein Kirschbaum war sein ganzer Stolz. Jedes Jahr trug er die schönsten, größten und rötesten Kirschen in der ganzen Umgebung.
Und nun saßen da zwei freche Jungen auf seinem Baum und aßen seine Kirschen, ohne ihn zu fragen. Dabei hätte er ihnen gerne eine Handvoll geschenkt. Er wusste ja wie es war, kein Geld zu haben, um sich selber welche zu kaufen. Er war so verärgert, dass er nicht mehr denken konnte, und so rannte er auf den Baum zu. Er wollte nur noch, dass diese beiden von seinem Baum und seinem Grund und Boden verschwinden sollten.
Als er nun näher kam, sah er, wie einer der beiden davonrannte, während der andere noch im Baum hing. Er dachte bei sich, gut, dann muss dieser eben für beide herhalten. Als er bei dem Baum ankam, stürzte der Junge kopfüber hinab.
Indigor, als der Bauer, der er nun war, kniete nieder und ihn überkam ein niegekanntes Gefühl. Es war ein Gefühl von Angst, Neid und Hass. Und über all dem empfand er das größte Gefühl von allen, eine Liebe, die diese ganzen Gefühle einschloss in ein einziges, befreiendes Gefühl der unendlichen Liebe, die in dem Moment vergibt, in welchem die anderen Gefühle im Begriff sind zu verletzen. Dieses Gefühl gab ihm die Möglichkeit, alles zu verzeihen, was um ihn herum geschah und noch geschehen würde.
Indigor selbst nahm all seinen Mut zusammen und rannte zurück. Er lief dem Bauern entgegen und rief: „Wir wissen, dass wir Unrecht getan haben. Es tut uns leid! Können wir das irgendwie wiedergutmachen?“
Der Bauer sprach: „Da du so viel Mut und Einsicht besitzt, werde ich es euch wiedergutmachen lassen. Ihr helft mir bei der Ernte, und ich werde die Sache vergessen.“ Indigor und sein Freund Pavlet waren erleichtert. Und nachdem sie dem Bauern beim Pflücken geholfen hatten, schenkte dieser ihnen sogar noch einen Korb voller Kirschen. Er sprach: „Wer arbeitet, verdient auch seinen Lohn.“
Indigor spürte in sich ein Gefühl von Zufriedenheit und Wärme. Er merkte, wenn er sich der Angst stellte, geschah etwas Wundervolles. Sie entpuppte sich als eine Chance innerlich zu wachsen; auch bekam er etwas wieder, ohne es erwartet zu haben. Nicht nur von dem Bauern, sondern vor allem von seinem Freund Pavlet, der ihm nun sein volles Vertrauen entgegenbrachte, was wiederum sein eigenes Vertrauen stärkte.
Indigor erwachte. Er lag wieder auf der Matratze. Es war Nacht. Es regnete nicht mehr, und eine wohltuende Ruhe erfüllte den Raum und die Welt um ihn herum. Er lag lange da und genoss diese Ruhe. Er lauschte in die Stille und hörte ihr zu. Sie machte seinen Kopf frei – frei von dem eben Erlebten und frei von dem Gedankenkarussell, das ihn die letzten Tage nicht hatte zur Ruhe kommen lassen.
Nach einer langen Zeit stand er auf, trank etwas und gab auch der Pflanze etwas Wasser. Sie würde sich wohl nicht mehr erholen, wie es ihm schien, aber das war nicht sein Entscheid, und so konnte er ihr genauso gut auch weiterhin etwas Wasser gönnen.
Er ging ans Fenster und sah in die Nacht hinaus. Der Mond stand voll und silbrig am Himmel. Eine große Sternenpracht umgab ihn und Indigor dachte, wie schade es doch sei, dass man irgendwann der Magie der Sterne beraubt wurde, indem man gesagt bekam, diese seien doch bloß alte Planeten. Wie schön war es doch in frühen Kindertagen, als man noch glauben konnte, dass Sterne Häuser der Engel seien und verstorbene Seelen beherbergten. Als seine Mutter starb, war er noch klein gewesen und er konnte sich vorstellen, sie säße in so einem Sternenhaus und sähe auf ihn herab. Indigor wandte sich vom Fenster ab und ließ sich nach einigem Zögern wieder auf der Matratze nieder. Er griff nach Block und Stift und schrieb seine Erlebnisse und Gedanken dazu auf. Als er damit fertig war, ging er abermals zum Wasserhahn, nahm erneut einen Schluck, kehrte zur Matratze zurück, nahm die dritte Mandel und aß sie auf. Er legte sich hin, konnte aber lange nicht in den Schlaf finden. Wieder tauchte seine alte Gefährtin, die Angst, auf. Wieder versuchte sie ihn zu überreden. Aber sie wurde schnell schwächer und verschwand schließlich. Ihn fröstelte ein wenig, aber er konnte sich schnell davon befreien. Müde und wie erlöst schlief er ein.

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