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Leseprobe: Die Macht des Vampirgens

Die Macht des Vampirgens

Ich hielt in der einen Hand meine silbernen Stilettos und ließ sie hin und her schwingen und in der anderen hielt ich die Hand meiner Mutter (oder besser gesagt: Sie umklammerte meine Hand wie eine Ertrinkende einen Strohhalm). Der weiche und weiße Sand rieselte durch meine Zehen und ich genoss es. Links neben mir lief Rakesh, er ließ den Blick kaum von mir, links neben ihm ging Judy, die den Blick kaum von ihm wenden konnte. Diese Szene musste von Weitem einfach zu köstlich aussehen. Ich unterdrückte ein Schmunzeln und kurz darauf einen Aufschrei und beließ es beim Verziehen meines Gesichts, denn meine Mutter hatte gerade, da der entschiedene Teil des Strandes nun in Sicht kam, ihre Fingernägel in meine Haut gebohrt. Klar war ich ein Vampir, doch ich war erst wenige Monate alt und außerdem hieß das nicht, dass meine Haut jetzt hart wie Stein war, trotzdem musste meine Mutter echt fest zugedrückt haben, dass es mir so sehr weh tat, dass mir fast die Tränen in die Augen traten. Ich lockerte ein wenig ihren Griff und atmete tief ein, doch kurz darauf schloss sich ihre Hand wieder wie ein Schraubstock um meine, wenigstens diesmal ohne den Einsatz ihrer Fingernägel, ich seufzte tief. Doch als ich sah, wie wunderschön der Strand innerhalb weniger Stunden dekoriert worden war, musste ich lächeln. Genau das hatte ich meiner Mutter schon ewig gewünscht, nur dieses Mal war es auch der richtige Mann, mit dem sie hoffentlich (ich war überzeugt davon) bis zu ihrem Lebensende glücklich sein würde. Und bei diesem Gedanken überkam mich ein sicheres Gefühl, ich hatte plötzlich nicht mehr ein ganz so schlechtes Gewissen, weil ich für eine unbestimmte Zeit gehen würde; denn unsere Familie, die einst in Stücke gerissen worden war, schien sich nun neu zu ordnen. Bei dem Gedanken, dass meine Mutter nun wieder einen Mann hatte, den sie liebte (und er liebte sie definitiv genauso sehr, ich würde sogar sagen, er vergötterte sie fast) und bei dem sie sich ausheulen konnte, wenn wieder mal etwas nicht so lief wie sie es sich vorgestellt hatte. Und auch bei dem Gedanken an Maddie machte ich mir nun nicht mehr so große Sorgen, ich hatte sie unendlich lieb und sie war sehr wichtig in meinem Leben und auch sie brauchte mich. Doch jetzt hatte sie Robert, der bei ihr die Vaterrolle übernahm, jemand, den sie brauchte. Sie hatte ihn unheimlich gern, genauso wie er sie. Also würden sie mich weniger brauchen. Meine Mom drückte nun wieder ganz fest meine Hand und brachte mich wieder in die Realität zurück. Auch Rakesh sah mich mit seinem schiefen Lächeln von der Seite an. Ich wusste, dass er wusste, dass ich gerade in Gedanken geschwelgt hatte, alleine schon an meinem dämlichen Grinsen, welches ich immer auf den Lippen hatte, wenn ich über etwas Positives nachdachte. Ich lächelte zurück, er kannte mich mittlerweile halt einfach zu gut, und genau das gefiel mir. Er kannte mich nur zu gut, und war immer noch hier, also war das doch Beweis genug, dass er mich sehr gern haben musste, oder?
Als ich wieder einen Schritt nach vorne trat, weil wir nun fast unser Ziel erreicht hatten, wurde ich abrupt wieder zurückgerissen, ich stolperte rückwärts und Rakesh fing mich lachend auf. Ich blickte fragend meine Mutter an, was der Grund gewesen war für meinen Beinahesturz. Sie stand da wie versteinert, ihre Hand immer noch wie ein Schraubstock um meine. Es schien, als ob eine unsichtbare Mauer sie nicht durchlassen würde. Ich holte tief Luft und versuchte es auf dieselbe Weise wie ich meine Mutter fast immer dazu brachte, wieder normal zu reagieren und ihre Nerven herunterzufahren: Ich machte ihr etwas schmackhaft. Ich grinste bei dem Gedanken und gab einen Bewunderungslaut von mir: „Wow, wie wunderschön alles aussieht, die absolute Traumhochzeit, ich beneide dich so, Mom, an deiner Stelle würde ich so schnell wie möglich …“ Doch bevor ich zu Ende reden konnte, begann meine Mutter schon wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen und riss mich nun nach vorne (Musste alles immer so ruckartig sein? Noch kann ich nicht hellsehen …) und stürzte fast schon wieder, doch diesmal hielt ich mich ohne Rakeshs Hilfe auf den Beinen. Ich drehte mich zu ihm um und bemerkte gerade noch, wie er mich anerkennend ansah. Ich schaffte es gerade noch, ihm zuzuzwinkern, dann wurde ich schon weiter nach vorne gezogen: „Nun komm endlich, Alexis, sonst komme ich noch zu meiner eigenen Hochzeit zu spät“, sagte sie voller Schwung und drängte mich. Da hatte ich ja mal wieder gute Arbeit geleistet, sagte ich zu mir und klopfte mir innerlich auf die Schulter.
Vor uns tauchten Reihen von Stühlen auf mit rosanen und blauen Schleifen. Am Ende der Reihe stand ein mit Blüten verzierter, aus weißen Ästen bestehender Pavillon. Der Pfarrer stand schon darunter und winkte uns zu. Langsam füllten sich die Stuhlreihen mit Gästen. Wir machten einen weiten Bogen drum herum, damit niemand uns sah. Mom stellte sich unter eine Palmengruppe, unter der sie nachher hervortreten würde. Mein Grandpa kam uns mit Maddie entgegen, die ein orange-rotes Kleid trug. Er küsste Mom und mich auf beide Wangen und klopfte Rakesh auf die Schulter: „Passen Sie gut auf meine Enkelin auf. Und seien Sie ja gut zu ihr.“ Dabei zwinkerte er ihm zu. Rakesh lächelte, sagte aber völlig ernst: „Selbstverständlich, Sir, das verspreche ich Ihnen.“ Mein Grandpa klopfte ihm nochmals auf die Schulter: „So ist´s recht, Junge, so ist´s recht.“ Dann wandte er sich an Mom und nahm sie in den Arm: „Ach, meine Kleine, ich bin so froh, dass du endlich den Richtigen gefunden hast und glücklich bist.“ Meine Mom nahm ihn in den Arm und drückte ihn ganz fest: „Danke, Dad“, erwiderte sie glücklich. Es versetzte mir einen kleinen Stich, als ich sah, wie Grandpa sie zum Altar führte, und ich hoffte, dass Robert das einst bei mir auch machen würde, das wäre wenigstens ein kleiner Trost. Ich wischte es weg und setzte mich mit Rakesh in die erste Reihe. Die Brautjungfern, unter anderem Moms Schwestern Judy und Sally – ich mochte Sally nicht, sie nervte und ihre Tochter Bevenie war die reinste Hölle von einem Mädchen – und zwei Freundinnen von Mom, Annabelle und Valerie, standen schon neben dem Pavillon auf einer kleinen Anhöhe. Sie hatten alle ein aprikotfarbenes Kleid an und waren in Begleitung eines Mannes, Judy von ihrem und Moms Bruder Anthony, mein Onkel sah wirklich gut aus, meine Tante Sally in Begleitung ihres Mannes Norbert, Valerie mit einem Freund von Norbert und Annabelle mit Roberts Bruder, die beiden schienen wirklich perfekt zueinanderzupassen. Robert stand schon am Altar und wartete nervös. Dann kam Mom – sie sah wunderschön aus – den Gang entlang mit meinem Grandpa am Arm, alle Köpfe fuhren zu ihr herum und Robert lächelte verliebt. Meine Mom kam am Altar an und lächelte bis über beide Ohren, ich hatte sie lange nicht mehr so glücklich gesehen. Der Pfarrer fing eine Rede an, doch ich hörte kaum zu, ich schaute die beiden nur an und fragte mich, ob Rakesh und ich auch eines Tages da oben stehen würden.
Als meine Mutter dann sagte: „Ja, ich will“, war ich genauso happy wie sie, irgendwie gab mir dieser Akt ein bisschen Hoffnung auf Normalität. Ich lächelte und applaudierte genauso wie die anderen, als der Pfarrer verkündete, dass Robert die Braut nun küssen dürfe. Rob beugte sich vor und küsste meine Mutter lang und innig, was wir alle mit heftigem Klatschen begleiteten. Ich merkte, wie Rakesh mich aufmerksam anschaute, ich lächelte ihn an. Ich sah ein Funkeln in seinen Augen und glaubte, dass er auch daran dachte, dass dies vielleicht auch eines Tag uns passieren könnte und das machte mich gleich noch fröhlicher. Alle Gäste fingen an, sich zu erheben, und die Caterer kamen, um die Stühle wegzustellen. Die Band ging auf die Bühne und das Fest begann. Alle begaben sich nun zur Tafel, jeder konnte sich setzen, wohin er wollte. Mein einziges Ziel war nur, dass Rakesh neben mir saß und meine Tante Sally, ihr Mann Norbert und deren Tochter Bevenie so weit wie möglich von mir weg saßen. Als sich alle gesetzt hatten, begannen die Reden. Die Brautjungfern meiner Mutter trugen ein Gedicht vor, welches ich nicht wiederholen werde, da es sehr schmutzig, jedoch auch sehr witzig war, also um es genau zu sagen: Den Kindern aus der Familie mussten die Ohren zugehalten werden, doch die Restlichen lachten alle. Mein Opa trug nur wenige Worte bei, wie noch einige andere. Dann standen nur noch Roberts und meine Rede aus, ich ließ ihm den Vortritt: „Also gut … ähm ja. Rachel“, er sah sie liebevoll an und sprach nur zu ihr: „Als wir uns damals in diesem Café kennenlernten, war es sofort um mich geschehen, ich wusste, ich muss dich haben, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal wusste, ob du überhaupt noch frei warst. Auf jeden Fall habe ich mich sofort in dich verliebt.“ Ich sah zu Rakesh und wusste direkt, was Robert meinte: „Ich habe nie an Liebe auf den ersten Blick oder Seelenverwandtschaft geglaubt, aber seit ich dich kenne, halte ich nichts mehr für unmöglich. So, also … um nicht alle zu langweilen, wollte ich dir nur sagen, dass ich dich über alles liebe und niemals wieder verlassen werde. Deswegen danke ich deinen Eltern, dass es dich gibt. Und zu guter Letzt bist nicht nur du in mein Leben getreten, sondern auch Madlen und Alexis, und ich werde mir die größte Mühe geben, euch ein guter Vater zu sein. Danke.“ Er lächelte in die Runde und setzte sich nun, alle applaudierten. Dann erhob ich mich und räusperte mich, ich hatte nichts einstudiert, ich wollte alles aus meinem Herzen heraus sprechen lassen: „Mom, du weißt, ich bin glücklich, wenn du glücklich bist und im Moment geht es mir wirklich gut. Ich möchte nur sagen, dass ich unheimlich froh bin und es dir so gewünscht habe, dass du so jemanden wie Robert an deiner Seite hast, und wie man sieht, hat sich der Wunsch erfüllt. Nun ja, ich wünsche euch alles Gute und Glück in eurer Ehe und ich möchte Robert danken. Denn jeder hier weiß, wie es meiner Mom ergangen ist in den letzten Jahren und jetzt seht nur, wie sie strahlt und das haben wir nur einem einzigen Menschen hier zu verdanken. Und zwar dir, Robert, du hast ihr die Lebensfreude wiedergegeben, die sie verloren hatte. Du bist der Mensch, der ihr ein neues Leben geschenkt hat. Und wenn ich jetzt ausziehen würde, wüsste ich sie in guten Händen. Dafür und dafür, dass du so ein toller Mensch und ja auch Vater bist, möchte ich dir danken. Also: Cheers und ein Hoch auf Robert und meine Mom, dass sie eine lange Zeit zusammen haben! Und jetzt wird gegessen!“ Alle erhoben die Gläser und riefen: „Ein Hoch auf Rachel und Robert, cheers!“ Dann erklang ein lautes Klirren von Gläsern und ich setzte mich, Moms und Roberts Blicke begegneten mir und beide formten ihre Münder zu einem Danke, ich lächelte sie als Antwort einfach nur an. „Das hast du toll gesagt“, flüsterte Rakesh neben mir, zog mich zu sich heran und küsste mich: „Ich bin stolz auf dich.“ Dann ließ ich von ihm ab, weil ich einen Mordshunger hatte.

 

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