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Leseprobe: Die Asylentscheiderin

Dann folgte eine Unterrichtseinheit, die uns persönlich als Entscheider betraf. Wir bekamen Hilfestellungen mit auf den Weg, um uns nicht zu sehr in Einzelschicksale zu vertiefen.
„Sie dürfen das nicht persönlich nehmen, wenn Sie jemanden abweisen müssen und deshalb beschimpft werden. Oder noch schlimmer, wenn diese Menschen Ihnen verzweifelt erscheinen, wenn sie in Tränen ausbrechen. Nicht Sie entscheiden, sondern das Gesetz. Sie wenden lediglich das Gesetz an, Sie verantworten es nicht.“
Ich schluckte. Erinnerungen an früher kamen hoch, als ich hinter dem Postschalter alles getan hatte, um die Probleme, mit denen die Leute zu mir kamen, zu lösen. Und ich erinnerte mich, wie schlecht es mir immer gegangen war, wenn ich nicht helfen konnte, wenn einfach nicht mehr zu helfen war. Und im Vergleich zu dem was mir jetzt bevorstand, waren das wohl eher harmlose Konflikte gewesen.
„Nehmen Sie nichts mit nach Hause“, hörte ich, als ich aus meinen Gedanken auftauchte.
„Wenn Sie abends die Tür des Büros hinter sich schließen, spätestens wenn Sie das Gebäude verlassen, betreten Sie Ihr eigenes Leben und das hat nichts, rein gar nichts mit dem Leben der Flüchtlinge zu tun. Lassen Sie keine Verbindung zu. Stellen Sie sich notfalls vor, dass Sie im Kino gewesen sind und einen Film gesehen haben.“
Bevor ich wieder in meine Gedanken abtauchen konnte, folgte noch ein Satz, der mir im Lauf meiner Tätigkeit als Entscheiderin sehr wichtig werden sollte, jedenfalls so lange, bis ich feststellen musste, dass zumindest der erste Teil der Aussage nicht immer stimmte:
„Seien Sie sich bewusst, dass Sie nicht über Tod und Leben entscheiden. Ihre Klienten haben immer noch die Möglichkeit vor Gericht gegen Ihre Entscheidung zu klagen.“

 

Eine kurze Leseprobe aus dem Buch von Maria Braig über eine „Asylentscheiderin“. Interessiert Dich, wie sie ihr Wissen anwendet? Dann geht es hier zu der Seite, auf der Du das Buch kaufen kannst: Die Asylentscheiderin, von Maria Braig

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