Posted on Schreib einen Kommentar

Leseprobe: Die Alchimar – Lernen zu leben

Lernen zu leben

Auch am darauf folgenden Tag kreisten Majas Gedanken ausschließlich um die veränderte Situation der Welten. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was Alame zugestoßen sein konnte und spürte eine Angst, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Immer wieder versuchte sie, die Älteste auf telepathischem Wege zu erreichen, doch ihre Rufe liefen ins Leere und auf eine Antwort wartete sie vergebens. Sie überlegte, wie sie weiter vorgehen sollte und was die nächsten Schritte waren. Die Aussicht, vielleicht schon bald aus der Unteren Welt abgezogen zu werden, machte ihr das Herz schwer und wann immer sie einen ihrer Freunde in ihrer Nähe hatte, war ihr zum Schreien zu Mute. Gerne hätte sie über das, was in ihr vorging, mit jemandem geredet, aber sie wusste, diese Information war keinem ihrer Lieben zumutbar.
Dennoch entschloss sich Maja, eine kurzfristige Versammlung des Bundes einzuberufen, um die wichtigsten Details ihres Besuches in der Oberen Welt mitzuteilen. Die Anweisungen des Rates betrafen schließlich im weitesten Sinne auch die Aktivitäten des Bundes. So stand Maja ein paar Stunden später in der großen Scheune und beobachtete, wie nach und nach die Mitglieder ihres Bundes eintrafen. Überrascht zuckte sie zusammen, als sich das Tor ein weiteres Mal öffnete und ihr kleiner Bruder, gefolgt von seinen Freunden, sich ebenfalls zu ihnen gesellte. Maja schluckte schwer. Moritz und seine Gefährten hätte sie lieber aus der ganzen Angelegenheit herausgehalten. Doch ein Blick in seine trotzigen Augen ließen sie schweigend akzeptieren, dass er blieb.
Als alle Mitglieder ihre Plätze eingenommen hatten, unter ihnen befanden sich auch Miriam und Bastian, hob sie kurz die Hand, um zu signalisieren, dass sie etwas sagen wollte. Als sie in die vielen erwartungsvollen Augen blickte, spürte sie einen dicken Kloß im Hals und befürchtete, keinen Ton herausbekommen zu können. Sie räusperte sich leise und versuchte, sich auf einen Punkt auf dem Boden zu konzentrieren. Den Menschen, die sie liebte, jetzt in die Augen schauen zu müssen, war in Anbetracht der schlechten Nachrichten, die sie zu verkünden hatte, zu viel für sie.
„Ich danke euch, dass ihr so kurzfristig kommen konntet. Ich habe dieses Treffen einberufen, weil es sehr wichtige und leider auch traurige Neuigkeiten gibt, die ich euch keinesfalls vorenthalten wollte.“ Maja spürte, wie ihre Stimme zu versagen drohte und hielt einen kurzen Moment inne. „Wir Alchimar wurden gestern in die Obere Welt geholt, weil man uns mitteilen musste, das Alame seit einigen Tagen verschwunden ist.“ Sie blickte auf und suchte den Blick ihrer Mutter, in der Hoffnung in deren Augen die Kraft zu finden, die sie jetzt so dringend benötigte. In der Scheune war es auffallend still und Maja fuhr fort. „Solange nicht geklärt ist, wo Alame sich befindet und ob ihr vielleicht etwas geschehen ist, wurde uns untersagt, unsere Aufgaben weiter zu verfolgen. Der Rat befürchtet, dass die Splitter hinter dem Verschwinden der Ältesten stecken und möchte so verhindern, dass wir enttarnt und zur Zielscheibe werden.“
Ein schockiertes Raunen ging durch die Scheune und Majas Herz krampfte sich zusammen, als sie die ungläubigen Blicke ihrer Freunde auffing. „Es ist uns außerdem verboten, allein zwischen den Welten zu switchen oder andere Dinge zu tun, die uns ins Gefahr bringen könnten. Das heißt auch für euch alle, dass ihr euch im Hintergrund halten und für einige Zeit von möglichen Splittern fernhalten müsst.“ Sally hob die Hand und Majas gab ihr nickend zu verstehen, dass sie sprechen konnte. „Was ist mit diesem Typen von der Party? Bist du sicher, dass er dich nicht schon längst enttarnt hat?“ Bekümmert schaute Maja ihre Freundin an. „Nein, ich bin nicht sicher, aber solange er mir nicht aktiv auf die Pelle rückt, halten wir uns auch zurück.“ Sally nickte. „Sobald ich Neuigkeiten erhalte, werdet ihr die Ersten sein, die es erfahren. Solange bitte ich euch darum, euch möglichst unauffällig zu verhalten.“
Ein kleiner Junge, einer von Moritz Freunden, hob schüchtern die Hand. Als Maja ihn ansah erkannte sie, dass es Aaron war, den sie beim ersten Treffen der zweiten Generation kennengelernt hatte. „Ja Aaron, was gibt es?“ Freundlich lächelte sie dem Kleinen zu. Sie musste sich etwas nach vorne beugen, um seine zitternde Stimme verstehen zu können. „Dürfen wir in der Zeit auch nichts Gutes mehr tun? Wir wollten nächste Woche im Park Müll einsammeln gehen.“ Mit roten Wangen saß der Junge da und blickte auf seine Finger. Maja wäre am liebsten zu ihm gegangen und hätte ihn in den Arm genommen. Es hatte ihn offensichtlich sehr viel Mut gekostet, hier vor allen Anwesenden, die größtenteils mehr als doppelt so alt waren wie er, seine Frage zu stellen. „Doch Aaron, solche tollen Dinge dürft ihr selbstverständlich weiterhin tun. Die Bitte war eher an die Mitglieder des ersten Bundes gerichtet. Ich weiß, dass die zweite Generation viele gute Aktionen geplant hat und die werden auch stattfinden.“
Ein Blick in das zufriedene Gesicht ihres Bruders ließ Maja liebevoll lächeln. Der Kleine machte seine Sache wirklich gut, schoss es ihr durch den Kopf. Während der ältere Bund sich auf die Jagd nach Splittern machte, hatten die Jüngeren sich darauf verlegt, ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen, die dem Allgemeinwohl dienten. Maja war diese Aufteilung sehr gelegen gekommen, so musste sie sich wenigstens keine Sorgen um Moritz oder eines der anderen Kinder machen.
„Wenn soweit keine Fragen mehr sind, können wir jetzt zum gemütlichen Teil des Treffens übergehen und uns auf den Kuchen stürzen, den meine Mutter freundlicherweise gestiftet hat. Als wäre ein Schalter umgelegt worden, lockerte sich schlagartig die Stimmung im Raum und schon wenige Augenblicke später diskutierten die Kinder und Jugendlichen über die Neuigkeiten, während sie sich freudig am Kuchenbuffet bedienten. Als Maja am frühen Morgen bei ihrer Mutter angerufen hatte, um sie über die bevorstehende Versammlung zu unterrichten, hatte sie nicht damit gerechnet, dass Miriam bis zum Nachmittag in der Küche stehen und backen würde. Doch als sie in der Scheune eintraf, standen fünf große Kuchenbleche auf dem Tisch und Miriam hatte ihr lächelnd versichert, dass die Verpflegung nun einmal schon immer ihr Beitrag zu den Treffen gewesen sei und dass sich daran auch nichts ändern würde.
Eine Weile beobachtete Maja das Treiben, dann schlich sie sich zum Tor der Scheune hinaus und schlenderte in der frischen Luft zu der Bank im Garten. Sie ließ sich auf der alten Holzbank nieder, genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Ihre Gedanken rasten noch immer, doch zumindest ihr Körper kam hier in der Natur ein bisschen zur Ruhe. Ein leises Knacken ließ sie aufhorchen und gleich darauf schob sich etwas zwischen sie und die Sonne. Widerwillig öffnete Maja die Augen und blickte an der Person hoch, die sich vor ihr aufgebaut hatte. „Was verschweigst du uns?“ Sally blickte ihr forschend in die Augen und Maja begann, sich unwohl zu fühlen.
„Was meinst du?“ Sally seufzte und setzte sich neben Maja auf die Bank. Sie streckte die langen Beine aus und betrachtete eine Weile ihre Füße, die in schwarzen Turnschuhen steckten. „Maja, ich kenne dich jetzt schon lange genug, um zu spüren, dass da mehr ist als das, was du uns gesagt hast. Warum sonst hättest du dich heimlich aus der Scheune verdrückt, um hier mit Trauerkloßmiene allein im Garten rumzuhocken?“ Verdammt, Sally traf immer den Nagel auf den Kopf, dachte Maja. Sie seufzte schwer und spürte wie Tränen ihre Augen feucht werden ließen. Wortlos griff sie nach Sallys Hand und drückte diese. Innerlich rang sie schwer mit sich selbst. Der Wunsch, sich jemandem anzuvertrauen und ihre Ängste teilen zu können war beinahe übermächtig, doch sie wollte keinem ihrer Lieben diese Last aufbürden.
Als hätte Sally ihre Gedanken gelesen, stand sie auf und zog Maja mit sich. „Komm, lass uns gemeinsam ein Stück gehen, bevor die anderen merken, dass wir weg sind und dann erzählst du mir, was der Rat noch gesagt hat.“ Sie gingen den kleinen ausgetretenen Pfad entlang durch den Garten und kamen zwischen zwei alten Apfelbäumen hindurch auf die Wiese. Schweigend bahnten sie sich einen Weg durch das hohe Gras, noch immer hielten sie sich an den Händen. Da Sally sich normalerweise mit körperlicher Nähe sehr zurückhielt, wunderte sich Maja zwar, sagte jedoch nichts. Nachdem sie eine ganze Weile gelaufen waren, hielt Maja das Schweigen nicht mehr aus. Sie betrachtete Sally unbemerkt von der Seite und überlegte, wie viel Information sie ihr wirklich zumuten konnte.

Schreibe einen Kommentar