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Leseprobe: Das Vampirgen

Man macht Fehler, bei denen man erst zu spät erkennt, dass es welche waren.

Das Vampirgen

Froh darüber, dass uns weder Maddie noch meine Mutter auf dem Weg in mein Zimmer begegneten, öffnete ich meine Tür und ging hinein. Erst dort drehte ich mich zu ihm um. Er lächelte mich an und trat ein.
„Schönes Zimmer, wirklich“, sagte er und sah sich um.
„Danke“, murmelte ich. „Setz dich doch“, dabei deutete ich auf meine weiße Couch. Er schlenderte hin und setzte sich. Ich ging auf mein Bett zu und war froh, dass die Tagesdecke ordentlich über meinem Bett lag. Dann setzte ich mich ihm gegenüber und versuchte, ihm nicht in die Augen zu schauen, meine Blicke schweiften immer wieder ab. Nervös spielte ich mit meinen Händen, und immer, wenn er ein Gespräch anfing, antwortete ich nur kurz und knapp.
Nach einer längeren Schweigepause stand er auf. Ich dachte schon, er würde gehen, doch stattdessen setzte er sich neben mich und nahm meine zitternden Hände. Widerwillig sah ich auf und in seine Augen, unsere Blicke trafen sich und ich sah zum ersten Mal in seinen tiefbraunen Augen dunkelgrüne Sprenkel. Und ich bin mir sicher, hätten wir uns nicht in die Augen geschaut, wäre es nie so weit gekommen. Doch in diesem Moment war ich einfach zu verletzt und einsam gewesen, als dass ich mich wehren konnte. Er kam also langsam näher, bedacht darauf, dass ich auch noch zurückziehen konnte. Stattdessen kam auch ich näher. Seine warmen Lippen legten sich auf meine, und ich kann nicht sagen, dass ich was dabei empfand. Nein, mich durchfuhren nicht solche wunderbaren Gefühle wie bei Rakesh, doch für diesen einen Moment fühlte ich mich geborgen, sicher und nicht mehr einsam. Schon nach wenigen Sekunden, vielleicht zwei oder drei, die mir endlos erschienen, löste ich mich sanft und sah zur Seite.
„Ich glaub, es ist besser, wenn du jetzt gehst. Wir sehen uns morgen in der Schule. Ich glaub, morgen komm ich wieder.“ Ohne mich zu fragen, aus welchem Grund er so plötzlich gehen sollte, stand er auf und wandte sich zum Gehen. Als er an der Tür ankam, drehte er sich noch mal um, es hörte sich so an, als würde er in seiner Tasche kramen, dann sagte er.
„Hier, das sind die Hausaufgaben … und Alexis …“ Als ich aufschaute, sah ich, wie er einige Blätter auf meinen Schreibtisch legte.
„Gute Besserung und …“ Ich sah ihn an.
„Ja?“
„Ich bin froh, dass ich dich gefragt habe wegen des Balls.“

 

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