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Leseprobe: Das Vampirgen

Die Realität ist ab und zu
auch mal schöner als der Traum.

Das Vampirgen

Der Raum lag im hinteren Teil des Hauses. Er war im Erdgeschoss und man gelangte durchs Wohnzimmer und den Flur hin. Das Zimmer war zwar nicht sehr groß, doch es war eines der schönsten, fand ich. Außerdem konnte man von da aus in unseren Garten gelangen, weswegen sie sich dieses Zimmer in erster Linie ausgesucht hatte. Der Raum war quadratisch und schön hell durch die weißen Möbel, den weißen Schrank, das weiße Bett und die weiße Kommode aus feinstem Eschenholz. Die Wände waren blassblau gestrichen, mit hellblauen Vorhängen, Bettbezug plus Kissen und hellblauem Teppich. Aber am schönsten war der alte Sekretär unseres verstorbenen Großvaters. Er war einst dunkel gewesen, doch er ist neu – und weiß – lackiert worden. Er ist wunderschön, er hat verschnörkelte Schriften und Muster an seinen Rändern und ich könnte ihn Stunde um Stunde anstarren und mit den Fingern drüberstreichen. Doch meine Mutter ließ mich nicht, sondern holte zwei riesige, runde Kartons unter ihrem Bett hervor. Sie waren schneeweiß und mit einer hellen Schleife zusammengebunden.
„Wenn du das siehst“, sagte sie mit einem Leuchten in den Augen, „wirst du ausrasten, du wirst Judy so dankbar sein. Sie und ihre Helferinnen sind einfach so begabt“, sagte sie schwärmerisch.
„Ich würde dich so gerne als Erste in deinem Kleid sehen, aber das geht ja nicht“, murmelte sie mehr zu sich selbst.
„Wieso denn nicht?“, fragte ich etwas verwirrt, wer sollte mich denn sonst als Erste darin sehen.
„Ach Alexis, du musst doch jetzt sofort zu Elain aufbrechen, es ist schon dunkel, du musst dich beeilen. Ein Glück, dass sie nicht so weit weg wohnt. Übermorgen ist doch schon der Ball, hast du das etwa vergessen? Du darfst keine Zeit verlieren“, und mit diesen Worten drückte sie mir die beiden Schachteln in die Hand, die erstaunlich schwer waren, und schob mich aus dem Zimmer. Sie folgte mir in den Flur.
„Ich habe mit ihrer Mutter schon geredet, sie wird da sein und dir die Tür öffnen. Nun geh schon!“
Völlig überrumpelt ging ich durch die Haustür, die sie mir aufhielt:
„Viel Glück“, sagte sie noch, bevor sie die Tür hinter mir schloss. Was war denn bloß in sie gefahren? Verwirrt machte ich mich auf den Weg, auf die andere Straßenseite. Ich ging die dunkle Straße entlang, noch zwei Häuser, dann würde ich da sein, und was sollte ich bitte sagen.
„Hey Elain, weißt du meine Mutter und meine Tante, du weißt ja, sie ist Modedesignerin, die haben uns einfach Kleider für den Ball gemacht. Ach ja, und deine Mutter wusste auch davon, meine Mutter hat mich jetzt einfach, ich weiß, es ist so gut wie Nacht, zu dir geschickt. Falls du wissen willst, wie ich reinkam, das war deine Mom, ach ja, hier hast du dein Kleid. Jetzt ist alles wieder gut, hab ich recht?“
Mal ehrlich, wie stellten unsere Mütter sich das vor? Ich schenke ihr ein Kleid und alles ist wieder Friede, Freude, Eierkuchen, oder wie? Klar, sie haben bis hierhin geplant, den Rest soll ich wohl selbst erfinden. Na supi, gehen den halben Weg, und wenn es ernst wird, verdrücken sie sich. Meine Gedankenblase platzte, da ich jetzt direkt vor der Haustür der Dowsens stand, na toll, und jetzt? Weiter kam ich nicht, weil sich schon die Tür öffnete und ich in das Licht gezogen wurde und alles, woran ich gerade denken konnte, war, mit diesen zwei sperrigen Kartons das Gleichgewicht zu halten, sonst war’s das mit dem tollen Plan. Das freundliche und runde Gesicht von Elains Mutter blickte mich an. Ich kannte sie schon, seit ich ein kleines Mädchen war und hatte mich in ihrer Gegenwart immer wohlgefühlt. Loren Dowsen lächelte mich freundlich und aufgeregt an, ihr Blick erinnerte mich an Elain und ich bemerkte, wie sehr ich Elain vermisste.
„Da bist du ja endlich, Alexis! Elain ist auf ihrem Zimmer, sie weiß nicht, dass du da bist. Ich hoffe mal, dass sie dir wenigstens zuhören wird.“
Dann nickte sie die Treppe rauf und lächelte mir aufmunternd zu. Langsam und unsicher ging ich die Treppe hinauf, ich schwankte ab und zu unter dem Gewicht der Kartons. Als ich oben angekommen war, blieb ich einen Moment vor Elains Zimmertür stehen und atmete tief ein. Dann löste ich eine Hand von den Kartons und klopfte vorsichtig an ihre Tür. Ein gedämpftes, aber nettes „Herein“ war zu hören, ich zögerte einen Moment, öffnete dann die Tür, mein Hals war trocken und wie zugeschnürt. Als ich eintrat, flutete den Flur helles und warmes Licht. Ich blickte Elain an, sie saß auf ihrem Bett, ein Buch in der Hand, sie sah mich überrascht an. Und bevor ich den Mut wieder verlieren würde, schloss ich die Tür, stellte die Kartons beiseite und fing an zu reden.
„Hey Elain, bitte verzeih mir, es tut mir so leid … ich … ich hab gesehen, wie glücklich du mit Scott bist, und es tut mir schrecklich leid, wie ich zu dir war … Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Es war einfach so überraschend … Du fehlst mir so, bitte verzeih mir.“
Mir kamen die Tränen, als ich endete. Elain sagte erst mal nichts, sie sah mich nur an. Doch dann stand sie auf und umarmte mich ganz fest. Vor Überraschung musste ich auflachen. Sie sah mich an.
„Du hast mir doch auch schrecklich gefehlt“, sagte sie. In ihren Augenwinkeln glänzte es auch und sie wischte die Tränen fort.
„Nicht weinen“, sagte ich.
„Es tut mir so leid, ich war dir doch schon am gleichen Tag nicht mehr böse … ich bin so froh, dass du hier bist“, schluchzte sie. Und wir umarmten uns abermals. Dann löste sie sich von meinem Hals und zeigte auf die Kartons.
„Was ist das?“ Ich lächelte.
„Scott hat dich ja schon gefragt, ob du auf den Ball gehst, … oder?“ Sie nickte traurig.
„Ja, aber ich habe kein Kleid, und meine Mutter sagte energisch, sie würde mir keins kaufen und ich habe kein Geld mehr. Und ihm absagen konnte ich trotzdem noch nicht, wirst du hingehen?“ Ich lächelte sie an.
„Du weißt ganz genau, dass ich nur hingehe, wenn du mitkommst, also schließe die Augen.“ Sie sah mich verwirrt an, tat es aber trotzdem. Ich öffnete den oberen Karton, im Deckel stand mit einer schön geschwungenen Schrift Elain.
„Du kannst sie wieder öffnen“, sagte ich, „und jetzt öffne diesen Karton.“ Sie öffnete den Karton mit ihrem Namen. Als Erstes kamen nur weißes Papier und Tüll zum Vorschein, doch dann hob sie etwas Blaues heraus. Es war ein Traum in blauer Seide. Elain machte große Augen.
„F-Für mich?“, fragte sie ungläubig. Ich nickte, dann machte ich den zweiten Karton auf und staunte nicht schlecht und abermals zeigte sich, dass meine Tante die beste Modedesignerin überhaupt war.
Ich holte den wunderschönen, kräftigen Stoff hervor, der Stoff an sich war schon ein Traum, ich wusste nicht, wie er hieß, doch er war wunderbar weich, edel, schön und anmutig. Einfach atemberaubend. Mir entfuhr ein leiser Bewunderungslaut. Ich zog es heraus, es war schulterfrei und wunderschön lang, doch nicht zu lang, sodass man noch meine Füße sehen konnte. Nachdem ich das Kleid bestaunt hatte, erregte ein weiteres Stück Stoff in dem Karton meine Aufmerksamkeit. Als ich es herauszog, sah ich, dass es sogar zwei Teile waren, nämlich pechschwarze, halb durchsichtige, aus einem leichten Stoff genähte Ärmel, die am oberen Ende einen goldenen Rand hatten. Ungläubig schaute ich alles an und sah erst auf, als Elain begeistert rief:
„Alexis, schau mal!“ Während ich dabei war, meine neuen Sachen zu bestaunen, hatte Elain keine Sekunde gezögert und ihr Kleid schon angezogen. Ich starrte sie mit offenem Mund an, es passte wunderbar zu ihr. Auch ihr kräftiges, himmelblaues Kleid hatte keine Ärmel, es war perfekt angepasst rund um ihre Brust und hatte eine schmale, aber nicht zu enge Taille, was ihre Rundungen prima zur Geltung brachte; alles endete in einem weiten, nach außen ausgestellten Rock, das Einzige, womit ich es vergleichen könnte, wäre Cinderella. Ich klatschte begeistert in die Hände.
„Wow!“, rief ich, „genial.“ Sie strahlte mich an und zog mich auf die Füße.
„Na los, jetzt bist du dran.“ Ich nickte und griff nach dem Kleid. Ich zog mich bis auf die Unterwäsche aus und zog das Kleid an, meine hellen Schultern strahlten und sie hoben sich schön von dem roten Stoff ab. Das Kleid lag bis zur Taille eng an, jedoch nicht drückend, sondern wie eine zweite Haut, es fühlte sich himmlisch an. Das Kleid ging in einen etwas weiteren, luftigeren Rock über, auch der tüllartige Unterrock war schön weich. Das letzte Stück von meinen langen Beinen lugte hervor, ganz anders als bei Elain. Bei ihr ging das Kleid fast bis auf den Boden. Ich schob meine Arme in die Ärmel und zog sie nach oben bis kurz unter die Achsel, sie passten perfekt zu dem Kleid. Lachend drehte ich mich im Kreis, das Kleid schwebte um meine Beine und auch die Ärmel kitzelten leicht auf der Haut. Ich blickte in den Spiegel und lächelte mich an, es war traumhaft. Überschwänglich drehte ich mich um und sah in Elains Gesicht, auch sie lächelte. Dann umarmten wir uns fröhlich und kicherten. Und irgendwie fühlten wir uns gerade wie Prinzessinnen.

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