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Leseprobe: Blassrosa oder die geheime Taktik des Monsieur F.

Blassrosa

Aufgeregt klopfte Monsieur Fondant an Tibous Tür. Dieser saß noch beim Frühstückskaffee und trug eine alte joggings [franz. Jogginghose]und ein ausgebeultes Army-Shirt. Das zauberte ein Lächeln auf Monsieur Fondants Gesicht. Perfekt passte es zu seinen Absichten. »Als ob du meine Gedanken gelesen hättest!«, rief er. Tibou verstand nicht recht, worauf sein Nachbar hinauswollte. Er sah ihn mit müden Augen an. »Der Vermieter hat mir da etwas über dich erzählt und deshalb möchte ich dich einladen!« Tibou schenkte ihm einen fragenden Blick. Er überlegte, was der Fuchs gesagt haben könnte. Er wusste doch so gut wie nichts über ihn. »Comment?«[franz. wie?] , fragte er. »Aaach, mach nicht auf unwissend! Deine Klamotten sagen doch bereits alles!« Tibou sah an sich herab und bemerkte, dass er die abgetragensten und schmutzigsten Klamotten, die es in seinem Schrank gab, trug. Er sollte sie so schnell wie möglich in die Waschmaschine stecken. Oder direkt in den Mülleimer. Nicht weit von ihnen gab es ein Zigeunerlager. Vor dem Haus hupte jemand. »Das ist Mehdi, komm, auf gehts!« – »Aber … wohin … Sie wollen doch nicht … ich kann doch nicht so, wie ich aussehe, mit Ihnen … wohin wollen Sie denn?« – »Wie, wohin? Spielt doch keine Rolle, wir haben drei Gewehre!« Er schob Tibou durch die Tür und drängte ihn die ersten Stufen nach unten. Tibou war zu müde und gleichzeitig zu überrumpelt, um Einspruch zu erheben. Diese seltsame Gewehr-Geschichte musste etwas mit einem schmutzigen Geschäft zu tun haben. Das passte doch gar nicht zum alten Fondant! Außerdem war das einzige, was der Fuchs über Tibou wusste, dass er Bier mochte und ihm einen gefälschten Lohnzettel untergejubelt hatte. Es konnte sich nur um irgendeinen Mick-Mack handeln. Die getönten Scheiben des Wagens bestätigten seinen Verdacht. Vielleicht schlief Tibou noch und träumte? Er nahm auf der Rückbank Platz. Schwarzes Leder. Er streichelte es. Es duftete. Duftete Leder auch im Traum? Er räusperte sich. »Falls es um einen Überfall geht, muss ich Sie leider enttäuschen. Das ist nicht mein Gebiet«, meinte er, scheinbar beiläufig. Er schaute vom Fahrer zum Beifahrer und versuchte ihre Blicke zu deuten. Beide begannen zu lachen. Der Goldzahn des Fahrers blitzte. Waren es die Mafiosi, die solche Goldzähne trugen? Oder doch die Zigeuner? Vielleicht beide. »Ein guter Junge«, meinte Monsieur Fondant. »Wir verstecken uns immer hinter den Büschen. Und nach einiger Zeit, ja … man könnte es als Überfall bezeichnen.« Er beugte sich nach hinten und umfasste Tibous Kopf, um ihm mit dem Daumen zwei schwarze Kreidestriche ins Gesicht zu malen. Normalerweise hätte Tibou sich das bestimmt nicht gefallen lassen, doch seitdem Jim weg war, war ihm so vieles um so viel gleichgültiger geworden. Mehdi gab Gas. »Wie, hinter Büschen?«, fragte Tibou. »Hinter der Bank neben dem See ist ein großer Busch«, fügte Mehdi hinzu. Es ging anscheinend um einen Banküberfall. »Am See ist eine Bank? Hab ich noch nie bemerkt …«, meinte Tibou nachdenklich. Andererseits kannte er die Stadt noch nicht sonderlich gut. »Na ja … du wohnst auch noch nicht lange hier, und … Wieso sollte man auch großartig über eine Bank sprechen?« Er zuckte mit den Schultern. »Sag, mein Kleiner«, fuhr Mehdi fort, »wann hast du zum letzten Mal so ein Teil hier benutzt?« Seine Augen funkelten, als er auf die Jagdflinte deutete. Niemals hätte Tibou so etwas von dem schweigsamen Monsieur Fondant erwartet. »Na ja, ist schon etwas länger her, und … eher in einem anderen Kontext.« Die beiden anderen warfen sich zwei erschrockene Blicke zu.