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Leseprobe aus Seelenband von Stephanie Urbat-Jarren

Das erste Mal

 

Ich war bestimmt eine halbe Stunde zu früh am Hauptbahnhof und wahnsinnig aufgeregt. Ja, ich hatte richtig Angst davor, ihn in Natur zu sehen. Davor, dass er vielleicht doch ganz anders sein könnte, als ich hoffte.
Ich kaute nervös auf meiner Unterlippe und hibbelte von einem Bein zum anderen, als sein Zug einfuhr.
Als er dann die Treppen hochkam, war das ein sehr merkwürdiges Gefühl – so vertraut und doch so fremd. Ich beobachtete ihn und nahm jede Bewegung ganz genau wahr. Sein Gang war das, was mir am stärksten auffiel. Seine Schultern hingen nach vorn und er ging leicht schlurfend. Wenn ich jemals so gegangen wäre, hätten meine Eltern mahnend gesagt: “Mädchen, mach dich mal gerade!“ Er machte sich nicht gerade, er ging wie jemand, der sich nicht gerade machen kann. Wie jemand ohne Rückgrat. Aber es störte mich nicht. Er war mir mittlerweile so vertraut, dass er auch einen Buckel hätte haben können.
Daniel war genauso aufgeregt wie ich. Wir begrüßten uns mit einem Kuss auf die Wange und er sagte: „Wie gut, dass du nicht auch noch pink riechst.“ Ich lachte, nahm wie selbstverständlich seine Hand und führte ihn zum Auto.
Er setzte sich auf den Beifahrersitz und atmete ein paar mal tief durch. „Ich habe es tatsächlich gemacht“, sagte er und sah mich stolz an. Auf meinen irritierten Blick hin fuhr er fort: „Ich bin noch nie im Leben alleine so lange mit der Bahn gefahren. Einfach so in eine andere Stadt. Das ist für mich eine Riesensache!“ Ich lachte, ich habe nicht ernst genommen, was er da sagte. Heute weiß ich, es war sein bitterer Ernst. Es war für ihn eine Riesensache.
Wir gingen etwas essen und die Aufregung legte sich. Wir lachten genauso viel wie am Telefon, und ich merkte, wie er mich ansah. Ich war mir meiner Wirkung auf ihn vollkommen bewusst, und das gab mir das Gefühl, überlegen zu sein.
Daniel war nicht doof, ganz im Gegenteil, aber er wirkte noch immer so unbeholfen. Er wusste eine Menge über meine Stadt, so als hätte er vorher alles auswendig gelernt, was es zu wissen gab, und er brachte mich mit seinem trockenen Humor ständig zum Lachen.
Später fuhr ich mit ihm zum Beachclub ans Wasser. Im Auto drehte ich die Musik voll auf und sang lauthals mit. Ich konnte nicht anders, sowie ich Musik höre singe ich mit. Laut und falsch. Er sah mich an wie eine Außerirdische. „Machst du das immer so?“, fragte er. „Klar! Immer!“, antwortete ich grinsend, und er sagte: “Das ist ja furchtbar! Hör bitte nicht auf!“
Im Club legten wir uns auf große Kissen, tranken unsere Latte Macchiato, und irgendwann wechselte ich die Position und legte meinen Kopf auf seinen Bauch. Es fühlte sich so normal an. So, als ob mein Kopf genau da hin gehörte. Er nahm meine Hand und streichelte sie. Ich weiß nicht mehr wie lange wir so dalagen und unsere Hände sich festhielten. Wir redeten auch nicht. Es war nicht nötig. Es war alles gesagt.
Als ich ihn abends zurück zum Bahnhof brachte, standen wir uns lange schweigend gegenüber. Irgendwann sagte ich: „Los! Geh jetzt! Sonst muss ich dich leider küssen und das wäre nicht gut!“ Er nickte. Ich lächelte ihn an, drehte mich um und ging zu meinem Auto. Ich wusste ganz genau, dass er wieder kommen würde.
Später bekam ich eine SMS: „Gut, dass du mich nicht geküsst hast! Verdammt! Hättest du mich doch geküsst!“

 

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