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Leseprobe: Auf die lesbische Liebe

Auf die lesbische Liebe

Da ich nach der Trennung von Nadine von Liebe erst einmal nichts mehr wissen und dennoch nicht darauf verzichten wollte, meinen Köper gelegentlich intensiv zu spüren, war ich Mietglied im Neptunbad geworden, einem Fitness Wellness Spa. An die Maschinen wagte ich mich nicht, aber ich hetzte mich durch Zumba, atmete mich durch Vinyasas oder quälte mich durch Body Workouts. Nach den freiwilligen physischen Strapazen gönnte ich mir ein, zwei Saunadurchgänge. Sport und Wellness hatten für mich mit Erotik bisher nicht das Geringste zu tun gehabt, aber gelegentlich ertappte ich mich dabei, dass ich die verschiedenen Frauenkörper während der Kurse, im Umkleideraum oder beim Duschen interessiert betrachtete, auch wenn mir im Grunde keine der Ladys wirklich gefiel. Auch meine eigene Nacktheit unter völlig Fremden erregte mich und ich fragte mich, ob ich wirklich Blicke auf meinem Körper spüren oder mir derartiges nur einbilden würde.
Als ich an diesem Abend nach einer Stunde Hatha Yoga in den Wellnessbereich ging, fühlte ich mich sofort von einer Frau beobachtet, die auf einem Liegestuhl saß. Ich verschwand in den Schwitz-Kasten und sie kam kurz darauf ebenfalls hinein und ließ sich gegenüber von mir nieder. Zwei weitere Frauen führten eine in meinen Ohren völlig absurde Unterhaltung über einen Gutschein für eine Tätowierung als geplantes Geburtsgeschenk für den Freund einer der beiden. „Dir würde ein Röschen auf dem Oberarm bestimmt auch gut stehen“, sagte die eine zur anderen und ich musste mich beherrschen, nicht loszulachen. „Nein, ich bin kein Typ für Tatoos; ich kann mir nicht vorstellen, dass mir etwas so gut gefällt, dass ich es ein Leben lang behalten will.“
Darüber musste ich ebenfalls schmunzeln und auch die fremde Frau mir gegenüber lächelte in sich hinein. Genauso wie ich amüsierte sie sich über die Unterhaltung oder auch darüber, dass ich ebenfalls still vor mich hin lachte. Sie sah mich an und ich sie. Plötzlich brachen wir beide gleichzeitig in schallendes Gelächter aus, worüber sich die beiden Mädchen wunderten.
„Es tut mir leid, aber weghören ist hier drinnen unmöglich“, sagte ich zu ihnen und die fremde Frau fügte hinzu, dass sie ja nun alles Wichtige wisse über Torstens Geburtstagsgeschenk und dass dessen Mutter Jacqueline heiße und nicht „Mama“ genannt werden wolle.
Die Mädchen verließen kommentarlos die Sauna. Ich blieb mit der fremden Frau allein. Sie schien mich eingehend zu mustern und ich war mir sicher, dass sie mich schon beobachtet hatte, bevor ich ein einziges Wort mit ihr gewechselt hatte. Obwohl ich nichts von ihr wusste, war ich mir sicher, dass wir eine gemeinsame Wellenlange hatten, und das allein abgeleitet aus ihrer Art, mich anzuschauen, und aus unserer ähnlichen Reaktion auf das aberwitzige und gleichzeitig banale Gespräch zweier junger Frauen. Ich schloss meine Augen und dachte an Stephanie und dass ich sie fragen wollte, ob sie mal mit mir in die Sauna gehen möchte.
„Wie heißt du?“, fragte ich die unbekannte Frau in das stille Halbdunkel hinein und hoffte, dass sie nicht ausgerechnet Nadine oder Stephanie heißen würde.
„Carla. Ich habe auch gerade darüber nachgedacht, wie du wohl heißt“, antwortete sie und lächelte mich an.
„Ich heiße Katharina“, sagte ich zu ihr und es freute mich, dass sie sich Gedanken über meinen Namen gemacht hatte.
„Ich habe dich hier noch nie gesehen. Gehst du öfters in Neptunbad?“
„Ich bin seit gut vier Monaten Member und circa zwei Mal in der Woche hier – zum Sport und zum Relaxen. Habe übrigens überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich ausgerechnet hier auf einen interessanten Menschen treffen würde.“
„Das kann ich verstehen“, meinte sie. „Ich gehe seit Jahren häufig ins Neptunbad. Du bist die Erste, mit der ich mehr als ein paar Worte rede.“
„Bist du jeden Dienstag Abend da?“ fragte ich sie.
„Ja, meistens, und manchmal auch sonntags ab circa 16 Uhr.“
„Oh, am kommenden Sonntag kann ich nicht. Da muss ich auf eine Finissage.“
„Was machst du beruflich? Hast du etwas mit Kunst zu tun?“, wollte sie wissen.
„Privat ja, beruflich nicht. Rate mal, was ich mache?“
Sie schlug „Hundefängerin“ vor, worüber ich laut lachte und woraufhin sie mir erzählte, dass sie gerne jogge und dabei Angst habe, von einem Hund angefallen zu werden.
„Wo joggst du denn?“, fragte ich sie und sie nannte mir einen Rheinabschnitt, an dem ich täglich spazieren gehe oder radle.
Gemeinsam verließen wir den Saunaraum und gingen zu den Duschen. Im Gegensatz zu mir traute sie sich unter eiskaltes Wasser. Sie gab dabei Laute in verschiedenen Tonhöhen von sich, die mich an Sex erinnerten. Danach stieg sie ins Schwimmbecken. Ich legte mich auf eine Liege, um sie zu beobachten. Ihr nackter Körper bahnte sich schnell einen Weg durch das Wasser, von mir weg, zu mir hin, und sie forderte mich auf, auch hereinzukommen.
„Nach dem nächsten Saunagang gehe ich direkt in den Pool“, rief ich ihr zu. „Jetzt wäre mir das Wasser zu kalt dafür.“
Als sie aus dem Becken kletterte, betrachtete ich ihren Körper ausführlicher. Er sah so aus, als ob er keine Kinder in sich getragen hätte. Er war sehr schlank, aber viel weiblicher als der meine, was ich erregend fand und was mich an die Körper von Nadine und von Graciela erinnerte.
Sie legte sich auf die Liege neben meiner und erzählte mir von ihrem Praktikum als Redakteurin bei der EMMA und dass sich eine Kollegin von ihr schrecklich darüber aufgeregt habe, dass eine Frau in einer Kontaktanzeige einen Mann gesucht habe.
„Das ist sehr intolerant“, sagte ich und Carla meinte: „Ja. Und es muss doch auch Frauen geben, die all die süßen Lesben gebären.“
Diese Bemerkung fand ich aufschlussreich und ich fragte mich, ob sie damit abklären wollte, an welchem Ufer ich stünde. Ich ging darauf nicht weiter ein und erzählte ihr, dass ich am kommenden Sonntag eine heterosexuelle Künstlerin in ihrem Atelier aufsuchen werde, die dort das Ende ihrer Ausstellung mit einem Imbiss und mit französischen Gedichten, die ich für sie ins Deutsche übersetzt hatte, feiern würde. Vielleicht empfand Carla das als eine deutliche Abgrenzung meinerseits. Jedenfalls war das Thema Lesben damit erst einmal erledigt und sie begann von ihrem neuen Bekannten zu reden, mit dem sie seit ein paar Wochen ausgehe und den sie sehr „süß“ finde. Das enttäuschte mich etwas, denn ich hatte schon gehofft, Carla könnte sich mehr als nur freundschaftlich für mich interessieren. Auch wenn ich dabei war, Stephanie kennenzulernen, fühlte ich mich nach wie vor frei, denn ich hatte mit Stephanie noch nicht einmal einen Zungenkuss ausgetauscht. Zudem ärgerte mich ihre letzte Message immer noch und ich überlegte, ob ich meinen Besuch bei ihr absagen sollte. Als Carla gehen musste, verabredeten wir uns vage für Dienstag in einer Woche, und die Art, wie sich mich anlächelte und „Ich freue mich auf unser Wiedersehen“ sagte, ging mir durch und durch.
Egal, ob ich ihr noch einmal begegnen würde, egal, ob sie hetero, bi oder lesbisch wäre, die Begegnung mit ihr hatte meine Stimmung extrem verbessert. Wenn Stephanie mich nicht wollte, würde ich auch eine andere finden, vielleicht sogar im Neptunbad. Eine Kontaktanzeige würde ich nicht mehr schalten, es lieber lernen, mit Frauen, die mir zufällig über den Weg laufen, offensiver zu flirten.

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