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Leseprobe: Alles für ein bisschen Liebe?

Alles für ein bisschen Liebe?

Du denkst vielleicht: „Wenn ich es schaffe, mich irgendwie von meinem Partner zu lösen, dann geht es mir besser.“ Es kommt zur Trennung, und das „Bäumchen-Wechsel-dich-Spiel“ geht weiter. Simsalabim: Ein neuer Herzensanwärter wird herbeigezaubert. Diesmal scheint der Richtige angebissen zu haben!
Doch – oh Schreck! Der neue Romeo sieht dem alten (ent-)täuschend ähnlich. Er hat nicht nur körperliche, sondern auch persönliche Eigenschaften, die dem bisherigen Kreis der Auserwählten mehr als entsprechen. Und nicht nur das! Früher oder später spiegeln sich sowohl der eigene Zustand als auch die eigenen inneren Muster beim neuen Partner wider, wenn auch in der irrigen Annahme, mit dem anderen stimme etwas nicht. Die Schokoladenseiten bröckeln auf beiden Seiten und die weniger schönen Seiten unter dem Zuckerguss von Verliebtheit zeigen sich. Und bald wird dir wieder unmissverständlich vor Augen geführt: Wenn du dich nicht änderst (oder besser gesagt, deine Liebesfähigkeit nicht erweiterst), dann kannst du auch keine glückliche Beziehung führen.
Frustrierende Wiederholungen und der innere Drang, unseren Partner ändern zu wollen, sind oft Motive warum wir es in unserer Beziehung nicht mehr aushalten. Sie zeigen uns jedoch letztlich nur, was wir in uns selbst noch nicht verändert haben!
Lisa fühlt sich von ihrem Partner zutiefst vernachlässigt und teilt ihm dies mit, gefolgt von einem Forderungskatalog, wie er sich zukünftig verhalten solle: „Ich durchlöcherte ihn mit Fragen nach seinem Verhalten mir gegenüber, und er schien von meinem Rate-Quiz nicht gerade begeistert, fühlte sich in die Ecke gedrängt und ließ kaum was raus. Ich kann es einfach nicht lassen, ihm Druck zu machen. Ich will unbedingt, dass er sich ändert – auch wenn ich längst weiß, dass das nichts bringt und nichts mit Liebe zu tun hat.“

Sind wir an dem Punkt, an dem wir nicht mehr für ein paar romantische Nächte über seine ausbleibenden Liebesbeweise hinwegsehen können, beginnen wir damit, unseren Liebling zu manipulieren. Wir wissen jetzt ganz genau, was er zu ändern hätte, damit er so ist, wie wir es uns vorstellen. Wir basteln uns also einen Mann und geben offene oder versteckte Kommandos durch:
„Es wäre schön, wenn … Warum bist du nicht …? Warum machst du nicht …? Warum hast du nicht^…?
Wann kapierst du eigentlich …? Wie lange muss ich denn noch warten, bis du …?“
Wir fühlen uns im Recht, weil wir unter seiner Vernachlässigung leiden und erklären ihm, wie er sich wunschgemäß zu verhalten habe, wir analysieren ob er es tut, und wenn nicht, warum nicht. Verfolgen Strategien, um ihn zu einem bestimmten Verhalten zu manipulieren. Vergebens. Ein Prinz lässt sich nun mal nicht backen! Da hilft es auch nicht, notfalls entnervt das Nudelholz herauszuholen und damit verbal auf ihn einzuschlagen! Denk bitte daran: Wenn du mit dem Finger auf eine andere Person zeigst, zeigen vier Finger auf dich! Es nutzt nichts, einen Spiegel zu beschimpfen, wenn das eigene Gesicht schmutzig ist …
Stell dir dein Leben einmal als ein Glas mit klarem Wasser vor, auf dessen Boden sich Schmutz angesammelt hat. Jetzt kommt ein Mann vorbei, nimmt einen Löffel und rührt in deinem Wasserglas herum. Übertragen heißt das: Sein Erscheinen und sein Verhalten wirbeln dein Leben auf, und die Bodenablagerungen werden sichtbar. Ist es sein Verschulden, dass das Wasser in deinem Glas jetzt nicht mehr klar, sondern schmutzig ist? Solltest du ihn dafür verantwortlich machen und beschimpfen, dass er dir die Illusion genommen hat, es befände sich nichts als reines Wasser in deinem Glas? Hat er nicht vielmehr die Funktion, nicht nur deine Schokoladenseiten, sondern auch die Abgründe deines Lebens ans Licht zu bringen?
Wieso bemühen wir uns weiterhin so hartnäckig, die „falsche Person“ zu ändern, zu verbessern oder zu kritisieren? Sicherlich ist es einfacher, die Fehler und Schwächen des anderen aufzudecken, gern gefolgt von Forderungen, wie er diese beheben solle. Leider ist die Liebesmüh‘ hinter solch einer blinden Einstellung nicht nur vergeblich, sondern auch die große Illusion, die Umgebung solle das tun, was eigentlich unsere eigene Aufgabe wäre. Zu denken, nur die anderen hätten noch so viel zu lernen, während wir bereits über den Dingen stünden, ist ein Anspruch nicht ganz ohne Arroganz.
Im Buddhismus werden Ärger, Dummheit und Arroganz als die „drei Gifte“ bezeichnet. Wenn wir eine Veränderung beim anderen fordern, aktivieren wir eine Art „giftige Liebe“, solange wir uns unseren süchtigen Tendenzen nicht bewusst stellen. Auf diese Weise zu “lieben“ ist vor allem Gift für uns, denn es macht uns blind, abhängig und unglücklich. Wir sind also aufgefordert, ein Gegengift zu entwickeln, durch das wir uns gegen künftige giftige und schädliche Liebe impfen können.

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