Herr Mut begegnet Toll Schreiber

Ein Bett in einer Bibliothek ist definitiv ungewöhnlich. Zumindest wenn dieses Bett inmitten der Bibliothek steht. Also, inmitten der Bibliothek bedeutet, dass dieses erwähnte Bett genau in der Bibliothek steht, genau in dem Bereich, in dem Bücher gelesen und ausgeliehen werden.
Ich finde schon, dass das ein wenig ungewöhnlich ist.
Doch das ist nicht alles, war mir an Ungewöhnlichem auffällt. Abgesehen von der geradezu unheimlich wirkenden Stille, die so still ist, dass sie schon unerträglich laut wirkt, also abgesehen von dieser unerträglich lauten Stille ist da noch etwas Anderes. Jemand. Es ist jemand da. Außer mir.
Es handelt sich um einen Mann, wie ich feststelle. Nein, ich unterziehe ihn keiner eingehenden Prüfung, um seine geschlechtliche Identität eindeutig festzustellen. Daher besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich in meiner ersten, recht spontanen Einschätzung seiner geschlechtlichen Identität irre. Aber auf einen ersten, nicht ganz flüchtigen Blick hin wirkt er auf mich eindeutig wie ein Mann.
Nichtsdestotrotz könnte es sich auch um eine eher männlich wirkende Frau handeln. Rein theoretisch jedenfalls. Aber ich glaube, nein, ich bin mir sehr sicher, einen Mann vor mir zu haben.
„Guten Tag!“, sage ich zu ihm.
Er wendet mir den Blick zu. Dabei frage ich mich, wohin er den Blick bis zu diesem Zeitpunkt gewendet haben mag. Denn wie er jetzt den Blick mir zuwendet, entsteht in mir der Eindruck, als hätte er bis zu diesem Augenblick in etwas außerhalb dieser Welt gestarrt. Was natürlich nicht möglich ist, aber dennoch wirkt er auf mich, als kehrte er gerade erst in diese Welt zurück. Psychisch jedenfalls.
„Guten Tag“, erwidert er. „Wollen Sie mich auch küssen?“
„Wie bitte? Wie? Küssen? Ich Sie? Wie kommen Sie denn auf diese Idee?“
„Ach … wissen Sie, heute ist so eine Nacht, in der ich anscheinend geküsst werden will. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will nicht geküsst werden, aber anscheinend werde ich geküsst werden wollen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.“
„Nicht wirklich“, gebe ich ehrlich zu.
„Ich glaube, es ist nicht so leicht zu verstehen. Jedenfalls nicht, wenn Sie sie nicht gesehen haben.“
„Wen?“
„Das junge Mädchen. Es hat auch den Namen genannt, aber an den erinnere ich mich nicht mehr. Es hat gesagt … ach, nicht so wichtig. Wer sind Sie überhaupt?“
„Ich bin Herr Mut!“
„Herr Mut? Ein interessanter Name. Ist Herr der Vorname?“
„Nein“, antworte ich verwirrt. „Und wer sind Sie bitte?“
„Ich bin Toll Schreiber.“
„Ihr Name ist Toll Schreiber?“
„Allerdings.“
„Und dann wundern Sie sich über meinen Namen?“
„Ich wundere mich nicht über Ihren Namen, Herr Mut. Ich finde ihn interessant. Das ist ein wesentlicher Unterschied.“
„Ach.“
„Herr Mut, was machen Sie eigentlich nachts in der Bibliothek?“
„Und Sie?“
„Ich habe zuerst gefragt!“
„Und ich zuletzt! Muss es denn immer von vorne nach hinten gehen? Warum nicht mal umgekehrt? Warum kann nicht mal die letzte Frage zuerst beantwortet werden? Können Sie mir das sagen?“
„Nicht wirklich“, gibt er zu. „Also gut, des lieben Friedens willen werde ich zuerst antworten. Ich lebe hier.“
„Was, in der Bibliothek?“
„Genau.“
„Aber wieso?“
„Ja, also, ich denke, das ist nicht so leicht … Nun, ich möchte das so ausdrücken: Bei einer Bibliothek handelt es sich um meine natürliche Lebensumgebung.“
„Ach. Bibliothek ist ein Gebäude. Von Menschenhand errichtet. Eine Bibliothek kann daher keine natürliche Lebensumgebung sein.“
„Kann sie wohl, Herr Mut!“
„Kann sie nicht, Herr Schreiber!“
„Herr Mut, darüber diskutiere ich mit Ihnen nicht! Ich weiß, was ich weiß!“
„Ist das so? Oder glauben Sie das nur?“
„Auch darüber wünsche ich keine Diskussion zu führen, Herr Mut!“
Er sieht in der Tat entschlossen aus. Außerdem beschleicht mich das Gefühl, dass es eine Diskussion der Diskussion willen werden könnte, bar jeglicher Substanz. Daher beschließe ich, mich wieder den wichtigen Dingen des Lebens zuzuwenden.
„Herr Schreiber, ich glaube, es ist auch besser, darüber keine Diskussion zu führen. Aber mich würde interessieren, von welchem Mädchen Sie eben sprachen, denn ich habe niemanden außer Ihnen hier gesehen oder gehört.“
„Es war ja auch schon weg, als Sie aufgetaucht sind, Herr Mut!“
„Das habe ich ja verstanden, Herr Schreiber. Können Sie mir das Mädchen denn beschreiben?“
Herr Schreiber seufzt, dann dreht er sich um und geht zum Bett. Ich habe das Gefühl, es handelt sich nicht um sein Bett. Es passt gar nicht zu ihm. Ein großes, französisches Bett mit pinkfarbenem Bettbezug. Zu einem Mädchen würde es sicherlich gut passen, aber es ist kein Mädchen da. Und ob es jemals da war, dessen bin ich mir keineswegs sicher, obwohl Herr Schreiber auf der erst kürzlich vergangenen Anwesenheit eben dieses Mädchen beharrt.
Jetzt setzt er sich auf das große, französische Bett, auf den pinkfarbenen Bezug, das heißt, der Korrektheit halber sei angemerkt, er setzt sich auf die pinkfarbene Bettdecke. In der Sache macht das natürlich keinen Unterschied.
Ob er schwul ist? Immerhin hat er gefragt, ob ich ihn küssen möchte. Verdächtig ist das ja schon.
„Das Mädchen war jung“, sagt er.
„Ach. Das haben Mädchen meistens so an sich.“
Er blickt mich an, und sein Blick hat etwas Strafendes an sich.
„Soll ich fortfahren oder nicht?“, fragt er leicht ungehalten.
„Ja, selbstverständlich, verzeihen Sie bitte.“
„Also, ein … junges Mädchen. Das heißt, wenn wir davon ausgehen, dass Mädchen generell jung sind, was natürlich eine berechtigte und, wie ich glaube, auch durchaus zutreffende Annahme ist, dann müsste dieses Mädchen eher als altes Mädchen bezeichnet werden, denn es war als Mensch natürlich jung, aber andererseits in einem Alter, dass man sagen könnte, es näherte sich dem Ende des Alters, in dem ein Mädchen noch als ein Mädchen bezeichnet zu werden pflegt und insofern ziehe ich meine Aussage, es wäre ein junges Mädchen gewesen, zurück und ergänze, besser gesagt, korrigiere dahingehend, dass es ein junger weiblicher Mensch war. Sind Sie nun zufrieden, Herr Mut?“
„Ich denke, Sie haben den Sachverhalt nun äußerst exakt beschrieben, Herr Schreiber.“
„Danke. Also, dieses Mädchen, das zwar als Mädchen …“
„Bitte, Herr Schreiber!“, unterbreche ich ihn leicht genervt.
Er blickt mich etwas konsterniert an, aber dann fährt er fort: „Dieses Mädchen, das … ähm … Ich habe bedauerlicherweise den Namen vergessen. Es war blond und fiel aus dem Himmel.“
„Und fiel aus dem Himmel?“, wiederhole ich etwas verwirrt.
„Ja, genau. Es fiel aus dem Himmel und landete dann im Bett. Nackt. Ich konnte es genau sehen, ich stand gerade bei den Kochrezepten aus dem Bergischen Land, da ich mal wieder das Verlangen nach Waffeln verspürte, als dieses blonde Mädchen einfach aus dem Himmel fiel und im Bett landete. Ich hatte dabei sogar den Eindruck, als wenn das Mädchen irrtümlich angenommen hätte, statt in einem Bett im Wasser zu landen, aber das ist natürlich nur der völligen Verwirrung meines Geistes vor Hunger und angesichts des ungewohnten Anblicks eines nackten blonden Mädchens in einem französischen Bett inmitten der Bibliothek zuzuschreiben. Das weiß ich auch.“
Das verwirrt mich durchaus. Ich habe gleich mehrere Fragen zu den Vorgängen, die meinem Gefühl nach zu sehr miteinander vermischt werden, sodass ich nicht genau weiß, wie ich diesen virtuellen gordischen Knoten am geschicktesten löse. Ein Schwert wäre vielleicht nicht so hilfreich, ganz abgesehen davon, dass ich gar keins habe.
„Also gut, Herr Schreiber. Was geschah dann?“
„Wir haben uns unterhalten.“
„Sie haben sich unterhalten?“
„Ja, ganz genau.“
„Ach.“
„Hören Sie doch endlich auf mit Ihrem ‚Ach.‘, Herr Mut!“
„Mir gefällt mein ‚Ach‘ durchaus und werde damit nicht aufhören, Herr Schreiber. Kommen wir lieber zurück zum Mädchen.“
„Na gut.“
„Worüber haben Sie sich unterhalten?“
„Über den Traum.“
„Über welchen Traum bitte?“
„Über den Traum, in dem sich das Mädchen befand.“
„Das Mädchen dachte, es befände sich in einem Traum?“
„Nein, das Mädchen befand sich tatsächlich in einem Traum. Deswegen landete es nackt in einem französischen Bett, weil als es losgesprungen ist, war es noch auf dem Weg in einen See.“
„Ach.“
Die Mundwinkel von Herr Schreiber zucken kurz, dann fährt er fort: „Letzten Endes haben wir herausgefunden, wie es am besten aus dem Traum wieder herausgelangen kann.“
„Indem es die Hacken zusammenschlägt und sagt, dass es kein schöneres Zuhause gibt als …“
„Das habe ich der jungen Dame auch zuerst vorgeschlagen“, sagt Herr Schreiber betrübt.
„Und?“
„Sie war ziemlich unbegeistert.“
„Ach ja, die Jugend. Und, was war schlussendlich die richtige Lösung? Spannen Sie mich doch nicht so auf die Folter!“
„Sie musste so tun, als wäre sie gar nicht in einem Traum.“
„Ach. Eine gute Idee. Und was geschah dann?“
„Dann hat sie mich geküsst.“
„Oh!“
„Ja, genau. Oh!“ Er wirkt irgendwie gar nicht glücklich darüber, von einem alten Mädchen geküsst worden zu sein.
„Und das hat gewirkt?“
„Offensichtlich, denn plötzlich waren Sie da!“
„Herr Schreiber, wollen Sie mich beleidigen?“
„Herr Mut, es liegt doch nicht in meiner Verantwortung, dass Sie just in dem Augenblick auftauchen, in dem ein Mädchen, das mich küsst, wegtaucht!“
„Wer weiß! Nach dem, was Sie mir hier erzählt haben, traue ich Ihnen alles zu!“
„Ach!“
„Sehen Sie! Sie klauen mir sogar mein ‚Ach‘!“
„Das war nur ein Scherz. Und jetzt habe ich immer noch Hunger.“
„Dann gehen wir doch jetzt einfach mal essen. Ich lade Sie ein.“
„Sie laden mich ein?“, fragt er verwirrt. „Wieso denn?“
„Was meinen Sie? Sie bekommen Ihr Essen doch auch nicht umsonst!“
„Aber selbstverständlich!“ Er macht eine ausladende Geste, und das reichlich theatralisch. „Sehen Sie nur! Ich kann essen, so viel ich will!“
Ich lasse meinen Blick schweifen und sehe nur die Bibliothek. Keine Kellner, Kellnerinnen auch nicht, keine Tische, keine Stühle. Allerdings sehe ich ein großes, französisches Bett, auf dem sitzt Herr Schreiber ja immer noch.
„Sie werden ja wohl keine Bücher essen, Herr Schreiber! Andernfalls wäre ich ziemlich irritiert!“
„Nein, Herr Mut, aber ich esse Buchstaben. Ich ernähre mich von Buchstaben. Sie glauben gar nicht, wie nahrhaft Buchstaben sein können.“
„Buchstaben? Was für Buchstaben?“
„Das ist unterschiedlich. Jetzt hungert es mich zum Beispiel nach den Buchstaben alter Rezepte aus dem Bergischen Land. Am liebsten Rezepte für Waffeln. Waffeln mit heißen Kirschen und Sahne. Zur Weihnachtszeit esse ich am liebsten die Buchstaben aus Rezeptbücher für Weihnachtskekse. Die sind so … die schmecken nach Tannenzweigen, Kerzenduft, nach Zimt … Im Sommer schmecken die Rezepte für italienisches Eis natürlich ganz vorzüglich, darüber hinaus wirken sie ausgesprochen kühlend, was insbesondere in heißen Nächten, wenn die Klimaanlage mal wieder ausgefallen ist, sehr angenehm ist. Mein Lieblingsbuch ist allerdings ein Buch von ganz anderer Art. Ein sehr bekanntes Buch, aber es wird, so finde ich, nicht in der Art gewürdigt, wie das Buch es verdient hätte. Von manchen Menschen schon, aber es gibt viel zu viele Menschen, denen ist gar nicht mehr bewusst, wie wunderbar süß und leicht, wie unglaublich lebendig dieses Buch schmeckt.“
Ich gestehe mir selbst ein, dass ich nur im ersten Moment geschockt war. Dann verspürte ich Faszination. Und jetzt – Neugierde. Unbändige Neugierde auf diesen ganz und gar ungewöhnlichen Menschen. Kann es wirklich sein, dass ich endlich einen Menschen gefunden habe, der so ist wie ich? Auch wenn ich keine Buchstaben esse, so ist da ein Gefühl von großer Nähe, ja, sogar von Zärtlichkeit, das mich mit diesem Mann verbindet.
Ich trete näher, zu Toll Schreiber, zum Bett, dann lasse ich mich neben ihn sinken. Auf den pinkfarbenen Bettbezug.
„Wie heißt das Buch?“, frage ich dann leise.
„Der kleine Prinz“, antwortet er.