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Geschichten einer Kriegerin – Magie der Angst (3)

Der Captain lässt den Blick über mich gleiten. Dann nickt er anerkennend.
„Was denken Sie?“, erkundige ich mich irritiert.
„Sie haben sich umgezogen?“
„Ich habe geduscht und mich umgezogen. Ich hoffe, das … das ist in Ordnung so.“
„Klar.“ Er geht vor. Immerhin hält er mir die Wagentür auf. Nach kurzem Nachdenken setze ich mich so ins Auto, dass der Rock nicht hoch rutscht. Will ihn ja nicht in Versuchung bringen. Normalerweise würde ich darüber keinen Gedanken verschwenden. Statt des Rollis trage ich jetzt einen V-Pulli über der Bluse, außerdem einen wadenlangen Rock, genauso braun wie die Stiefel. Mehr als meine Knie würde er niemals zu sehen bekommen, aber im Moment erscheint mir selbst das zu gewagt. Gerne würde ich glauben, zu Lois passt keine Freizügigkeit, aber dann muss ich an ihre Nächte im Puff denken, oder dass sie im Babydoll mit dem Taxi nach Hause fuhr.
Aber das alles wissen sie hier ja nicht und werden es auch nie erfahren.
„Wo… wohin fahren wir?“
„Es gibt ein kleines, aber feines Restaurant, das von einem Bekannten betrieben wird. Das Essen dort ist nicht extravagant, nichts Französisches und so, aber bodenständig und gut.“
Wieso erwähnt er das mit dem französischen Essen eigentlich? Ich wirke ja wohl nicht wie die Dame von Welt, das kann nämlich Fiona deutlich besser.
Na ja.
„Ich würde gerne die blinde Hexe sprechen“, bemerke ich plötzlich. „Wann ginge das?“
„Ich werde sie fragen.“
„Sie fragen?“
„Sie fragen.“ Der Captain wirft mir einen Blick von der Seite zu. „Da können wir nicht einfach hinfahren.“
„Wie… wieso nicht?“ Dieses bescheuerte Stottern!
„Weil wir sie sprechen wollen.“
„Aha.“ Klingt rätselhaft und ich warte auf die Auflösung.
Aber da kommt keine.
„Und?“, erkundige ich mich nach einigen Minuten irritiert.
„Und?“ Der Sheriff sieht mich fragend an, dann parkt er den Wagen.
„Na ja, wieso können wir nicht einfach hinfahren, wenn wir sie sprechen wollen?“
„Zu der Hexe?“
„Ja, genau.“
„Das geht nicht.“
„So viel habe ich ja …“ Ich unterbreche mich, weil er jetzt die Tür öffnet und aussteigt. Dann geht er auf ein Gebäude zu, an dem „The Edge“ steht. Meine Erwartung, dass er mir die Wagentür öffnet, ist wohl übertrieben. Das hat er vorhin schon gemacht, mehr als einmal macht er es pro Abend anscheinend nicht. Na gut.
Ich steige hastig aus und renne ihm hinterher.
„Wollen Sie nicht den Wagen abschließen?“, erkundige ich mich dann.
„Wozu?“
„Er könnte gestohlen werden.“
„Von wem? Die wissen alle, dass es meiner ist.“
„Aha.“ Ja, ist ein Argument, verstehe ich. „Was ist mit Touristen? Wissen sie das auch?“
„Touristen?“ Der Captain bleibt vor der Tür zu „The Edge“ stehen und starrt mich an. „Touristen?“
„Es gibt hier keine“, stelle ich fest. „Ich verstehe. Es tut mir leid, dass ich so unüberlegt gefragt habe.“
„Kein Problem“, erwidert der Chef der örtlichen Polizei und hält mir die Tür auf. „Sie konnten es ja nicht wissen.“
Meinen Impuls zu schreien unterdrücke ich lieber und trete ein. Ein Gasthof wie aus einem anderen Jahrhundert. In jeder Hinsicht. Seit ungefähr hundert Jahren, mindestens, wurde nichts Wesentliches an der Bausubstanz im weitesten Sinne geändert. Selbst der Kleiderständer, auf den ich zugehe, dürfte schon dort gestanden haben, als die Gäste noch aus dem Sattel steigend direkt durch die Tür getreten sind. Zumindest wenn sie John Wayne hießen.
Ach du heilige Scheiße. Dass es so was in Newope gibt!
Vor dem Kleiderständer biege ich nach links ab und betrete den Gastraum durch eine weitere, teilverglaste Tür.
Sofort verstummt jedes Gespräch und alle Augenpaare richten sich auf mich. Männer, es sind nur Männer. Als sie den Sheriff, äh, den Captain hinter mir erblicken, wenden sie sich von mir ab und setzen ihre Unterhaltungen fort, als wäre nichts gewesen.
Äh? Hallo?
Ich rücke meine perfekt sitzende Brille zurecht und betrachte den Mann hinter der Theke. Das muss der Bekannte sein.
Ein etwas beleibter Mann in Holzfällerhemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Dunkelbraune Haare, gerötete Nase. Weintrinker, würde ich sagen.
Mein Begleiter geht auf ihn zu und schüttelt ihm die Hand.
„Wie geht es dir, Dan?“, sagt der Wirt.
„Gut, und dir?“, erwidert der Captain.
„Auch gut. Bier?“
Damit ist alles Wichtige gesagt. Hier würde James echt gut hineinpassen. Mich allerdings macht es aggressiv.
Dan, also, der Captain, deutet auf mich. „Das ist Lois. Wegen des Dreiarmigen. Sie ist Spezialistin. Lois, das ist Johnny Cook. Sein Bruder war mit meiner Schwester verheiratet, bevor er von einem umkippenden Traktor erschlagen wurde.“
Ich rücke erneut meine Brille zurecht. Dann reiche ich dem Bruder des unglücklich verstorbenen Mannes der Schwester des Captains, die zufällig die Pension betreibt, in der ich untergekommen bin, die Hand. Und ziehe sie leicht zurück, als er sie mit seiner Pranke umschließen und vermutlich zerquetschen will, sodass er nur meine Fingerspitzen zu fassen kriegt und ich mit dem Daumen kurz seinen Handrücken berühre.
Verflucht, wie ich diese Art, jemandem die Hand zu geben, hasse! Und jetzt mache ich es genauso! Okay, zu Lois passt es ja.
„Sehr erfreut“, hauche ich. Hört bei dem allgemeinen Lärm in der Kneipe eh niemand.
„Ich hoffe, Sie kriegen das Schwein!“, sagt Johnny, dann zeigt er auf einen freien Tisch. „Auch ein Bier, Lois?“
„Haben Sie Wein?“
„Ja. Rot?“
Ich nicke und folge dann dem um einige Ecken Schwager des Wirts zum freien Tisch und setze mich ihm gegenüber. Er setzt sich schon vor mir, also kann er mir nicht den Stuhl zurechtrücken. Interessiert hier aber keinen. Fiona wäre es auch scheißegal, aber Lois macht einen weiteren Strich auf ihrer unsichtbaren Liste.
Oh je.
Ich schlage die Beine übereinander, das rechte über das linke, und zupfe den Rock nach unten. Das grenzt schon an Paranoia, aber man weiß ja nie.
„Ich mag dieses Lokal“, sagt der Captain. „Es hat was Gemütliches.“
Was?!
Er scheint meinem Gesicht anzusehen, dass ich das etwas anders sehe, denn er fügt hinzu: „Na ja, wir hier auf dem Dorf haben wahrscheinlich etwas andere Ansprüche als ihr Städter.“
„Wahrscheinlich“, erwidere ich leise, fast flüsternd. Auch das sehe ich anders, halte aber eine Diskussion darüber mit ihm für völlig aussichtslos.
„Aber der Wein ist wirklich gut. Macht er selbst.“
„Er macht ihn selbst?“
„Na ja, er hat seinen eigenen Weingarten.“
Da bin ich ja mal gespannt. Was Wein angeht, bin ich ja dank meines Vaters etwas verwöhnt. Und auch dank James. Zwei Männer, die Ahnung von Wein haben und dafür gesorgt haben, dass mein Anspruch salonfähig ist. Bei meinem Vater ist der Anspruch auch mit einem entsprechenden Preis verbunden, bei James nicht unbedingt. Er kennt erstaunlich viele Winzer, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihn und seine ihm treu ergebene Frau zu verköstigen.
Der Wirt bringt den Wein in einer Flasche ohne Etikett und ein sauberes, einfaches Glas, in das er ein wenig vom sattroten Getränk schüttet. Die Farbe ist schon mal gut.
„Probieren Sie!“, sagt er.
Ich nehme das Glas und trinke einen Schluck, verzichte dabei auf irgendwelche Prozedere. Egal. Tiefer kann ich, kulturell gesehen, sowieso nicht sinken.
Der Wein ist jedenfalls wirklich sehr gut. Etwas ursprünglich im Geschmack und im Abgang erstaunlich fruchtig. Irgendwas mit Waldbeeren, schätze ich.
„Er ist gut“, sage ich. „Machen Sie bitte das Glas voll.“
Johnny Cook gehorcht mit einem breiten Grinsen, dann zieht er mit einem vielsagenden Blick von dannen.
John-Wayne-Sheriff-Captain bleibt bei seinem Bier. Der erstaunlich gute Weine macht es mir leicht, meine Entscheidung nicht zu bereuen.
„Ich empfehle Ihnen, nur die Tagesempfehlung zu nehmen. Zu essen, meine ich.“ Er lässt den Blick schweifen, dann sieht er mich an. „Alles andere ist … Na ja.“
„Ich verstehe“, erwidere ich. „Woher weiß ich denn, was das Tagesangebot ist?“
„Das wird er Ihnen gleich mitteilen. Wahrscheinlich etwas mit Wild, er jagt selbst.“
„Mit Schrot?“
„Blattschuss.“
„Oh. War aber nicht ernst gemeint, meine Frage. Es tut mir leid, ich wollte Ihrem Schwager nicht nahetreten. Sorry.“
„Kein Problem.“
Der Schwager kommt nun zu uns und erklärt, dass es heute Wild gibt. Mit Klößen. Und selbstgemachter Soße. Etwas scharf.
Nehme ich, mutig wie ich bin. Und weil der Sheriff es empfohlen hat. Auf das scharf bin ich aber ziemlich neugierig. Dank James und Nicholas bin ich da nicht leicht zu beeindrucken.
Aber Cook heißt nicht nur so, er kann anscheinend wirklich etwas. Das Essen, ausreichend für drei Fionas oder vier Loise, ist gar nicht schlecht. Sogar gut. Und die Soße ist scharf. Nicht so scharf, dass mir die Tränen kommen, aber kurz stockt mir der Atem.
„Der Hirsch ist gut“, bemerkt der Captain, der das gleiche hat wie ich.
„Das Wildschwein auch“, erwidere ich lächelnd. So leicht lasse ich mich nicht verarschen, auch nicht als Städterin.
Der Captain zieht den linken Mundwinkel hoch, als Zeichen, dass er es verstanden hat und es ihm gefällt. Zumindest interpretiere ich es so. Vielleicht war es nur eine zufällige Zuckung oder er hat auf einen Pfefferkorn gebissen in dem Moment. Dank James habe ich gelernt, minimalste Mimiken zu lesen, aber individuelle Ausprägungen bringen eine gewisse Unschärfe rein. Und den Captain kenne ich noch nicht lange genug, um feinste Nuancen eindeutig zu erkennen.
„Ich möchte zu der blinden Hexe“, bemerke ich nach einer längeren Schweigezeit.
„Heute?“
„Von mir aus auch heute.“ Ich werfe einen verstohlenen Blick auf die Wanduhr über der Eingangstür. Kurz nach acht. Oft meine normale Feierabendzeit.
„Zu spät. Ich bringe Sie morgen zu ihr.“
Ich mustere ihn nachdenklich. Letztlich brauche ich ihn nicht, um meine Arbeit zu erledigen. Eher wird er mir früher oder später sogar im Weg sein, spätestens, wenn ich es mit übernatürlichen Gegnern zu tun bekomme. Doch im Moment ist es noch besser, so zu tun, als hielte ich ihn für unverzichtbar. Das Gegenteil wird er schon noch früh genug merken.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, sehne ich mich nach einem Bett. Oder einer Badewanne. Und einem Orgasmus. Alternativ einem zehn Kilometer Lauf. Wobei ich den Orgasmus eindeutig bevorzuge.
Also nicke ich und konzentriere mich, nun unterbrechungsfrei, auf den Rest meines Abendessens.