Veröffentlicht am

Fiona – Beginn 2.0 (4)

Mein Vater sitzt im Wohnzimmer und liest Zeitung. Was er um diese Zeit sonst nie macht. Nicholas kann ich auch hören, er scheint in der Küche zu sein. Wollen die den Anschein von Normalität erwecken oder ist das nur, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen? Ich spüre den Schmerz ja auch, aber ich habe nicht vor, mich von ihm überwältigen zu lassen.
Da ich keine Lust auf ein Gespräch habe, gehe ich möglichst leise auf die Treppe zu.
Aber es ist zu spät.
„Fiona!“, ruft mein Vater.
Ich bleibe stehen und denke kurz nach. Schließlich gehe ich ins Wohnzimmer und zur Bar. Nach einem fragenden Blick schenke ich in zwei Gläser Whisky ein, reiche eins meinem Vater und setze mich ihm gegenüber in einen der cremefarbenen Sessel.
„Also gut, bringen wir es hinter uns“, sage ich dann betont ruhig. In mir sieht es anders aus, aber das braucht er nicht zu wissen.
„Was?“
„Was immer du mir sagen willst.“
Er starrt mich an. Schließlich nimmt er einen Schluck von seinem Drink und bemerkt: „Was deine Mutter im Auto gesagt hat …“
„Du meinst den Auftrag?“
„Es gibt keinen Auftrag! Sie stand unter Schock und wird sich wahrscheinlich nicht einmal daran erinnern, wenn sie aufwacht.“
„Das weiß ich auch. Sie war vollgepumpt mit irgendwelchen Mitteln. Trotzdem werde ich den Auftrag ausführen.“
„Das wirst du nicht tun! Es ist Wahnsinn! Selbst wenn du überhaupt in der Lage dazu wärst, würde ich es nicht zulassen!“
„Ach ja? Was willst du tun? Mich in mein Zimmer sperren? Deine erwachsene Tochter?“
„Wie eine Erwachsene benimmst du dich eher nicht.“
Dazu sage ich lieber nichts. Stattdessen trinke ich mein Glas leer und fülle nach.
„Du trinkst zu viel“, sagt mein Vater.
Ich fahre herum. „Na und? Meine Sache. Sonst ist es dir ja auch egal, was ich mache. Was kümmert dich also, wie viel ich trinke?“
„Ich bin dein Vater. Egal, wie alt du bist. Glaubst du ernsthaft, ich bekomme nicht mit, was du treibst?“
„Was treibe ich denn?“
„Soll ich dir das wirklich erzählen? Dass du kaum ohne Zigarette anzutreffen bist? Wie oft du betrunken nach Hause kommst? Dass du ständig mit anderen Männern unterwegs bist? Auch mit deinen Kollegen? Glaubst du, ich weiß das nicht?“
Ich zucke die Achseln. „Wenn schon …“
„Genau, wenn schon. Deine Standardantwort. Dir ist anscheinend alles egal. Deine Zukunft, vor allem.“
„Es ist ja auch meine Zukunft, ich kann damit machen, was ich will. Als wenn sie dich interessieren würde!“
„Natürlich interessiert sie mich. Du bist ja meine Tochter.“
„Ach ja, da war was. Ich habe ja eine Tochter. Ups. Wie hieß sie nochmal?“
„Fiona!“
Ich atme tief durch. „Tut mir leid. Hör zu. Ich bin erwachsen. Und auch wenn du es nicht glaubst, ich habe Norman geliebt. Irgendein Schwein hat ihn umgebracht, wie es aussieht, sogar absichtlich. Also werde ich dieses Schwein finden.“
„Und dann? Was willst du dann tun? Zur Mörderin werden und für lange Zeit ins Gefängnis gehen?“
„Lass das mal meine Sorge sein“, erwidere ich, trinke mein Glas leer und gehe. Entgegen meiner ursprünglichen Absicht nicht nach oben in mein Zimmer, sondern nach draußen, steige in meinen Wagen ein und fahre los.
Irgendwohin.