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Fiona – Beginn 2.0 (3)

Ich starre auf die Leute, ohne sie zu sehen. Es ist heiß und ich bin viel zu dick angezogen. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich muss immerzu an Savas ausdrucksloses Gesicht denken, wie er da liegt in seinem Bett und ins Nichts starrt.
Ich lasse den Blick sinken und betrachte die Tasse mit Cappuccino. Durch die Sonnenbrille sieht der Schaum grünlich aus, aber natürlich ist der Cappuccino gut wie immer. Ich überlege, ob ich die Sonnenbrille absetzen sollte. Aber dann sehen die Leute meine verweinten Augen, und das will ich nicht.
Norman ist tot. Auch wenn das, was da in der Pathologie lag, kaum noch als Norman zu erkennen gewesen ist. Alles, was von einem Menschen übrig bleibt, ein Klumpen Fleisch und Knochen. Zumindest wenn ein Geländewagen über ihn mehr als einmal hergefahren ist. Mir fallen die totgefahrenen Katzen ein, die man manchmal auf der Straße sieht.
Die sehen genauso aus. Logisch. Ich weiß es ja. Muskeln, Knochen, Sehnen. Blut. Bei ausreichendem Druck platzt die Haut auf und alles schießt nach draußen. Zum Beispiel das Gehirn, wenn dir ein Zweitonner über den Kopf fährt.
Verdammte Scheiße, warum habe ich nicht verhindert, dass meine Mutter ins Krankenhaus fährt?
Ich nehme den Zucker, reiße das Papier an der vorgesehen Stelle auf und schütte alles in den Cappuccino. Dann beobachte ich, wie der Zucker langsam im Schaum versinkt. Schließlich nehme ich den Löffel und beginne zu rühren.
„Haben Sie keine Angst, dass die Tasse irgendwann durchgescheuert ist?“
„Was?“
Ich starre den Mann an, der mich vom Nebentisch aus angesprochen hat. Anfangsvierziger, mit dunkelblonden Haaren und braunen Augen. T-Shirt, Jeans, Sportschuhe. Freundliches Gesicht. Hat alles nichts zu bedeuten, ich habe Dreißigjährige mit Babyface erlebt, die auf Fesselspiele standen.
Was will er von mir?
Er deutet auf die Tasse. „Sie rühren den Cappuccino seit etwa zehn Minuten. Der Zucker dürfte schon längst aufgespalten sein in seine atomaren Bestandteile.“
„Die da wären?“
„Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff“, erwidert er schmunzelnd. „Im Wesentlichen.“
„Kommt mir bekannt vor.“ Ich nehme den Löffel heraus und lecke ihn ab. „Tut mir leid, ich war in Gedanken.“
„Offensichtlich. Müssen traurige Gedanken gewesen sein.“
„Wieso?“
„Ein paar Tränen haben sich unter der Sonnenbrille hervorgewagt.“
Ich fasse an mein Gesicht. Meine Fingerspitzen werden feucht.
Scheiße. Hatte ich einen Aussetzer? Zum ersten Mal in meinem Leben?
Na ja, der Anlass wäre ja gegeben.
„Sorry.“
„Kein Problem. Von mir aus dürfen Sie weinen. Oder Sie erzählen mir, was Sie so traurig macht.“
Ich denke nach. Irgendwie erinnert er mich an Phil, und das kotzt mich an. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist eine Affäre. Mit wem auch immer. Schon mal keine wie damals mit Phil.
Scheiße. Mein neues Lieblingswort.
„Mein Bruder ist heute gestorben“, sage ich achselzuckend.
Er starrt mich entgeistert an.
„Ich sollte wohl am Boden zerstört sein?“
„Jeder Mensch trauert anders. Bei Ihnen habe ich das Gefühl, Sie haben es noch gar nicht richtig begriffen. Hat man Sie angerufen?“
Ich verneine kopfschüttelnd und nippe an meinem Cappuccino.
„Ich war vorhin mit meinen Eltern in der Pathologie, weil meine Mutter ihn unbedingt sehen wollte. Er wurde von einem Geländewagen überfahren. Und vorhin habe ich seinen Freund besucht, der Zeuge gewesen ist. Und wenn ich eine Maschinenpistole hätte, würde ich alle auf der Straße erschießen.“ Ich sehe ihn an. „Habe ich Sie geschockt?“
„Ein wenig. Aber ich komme damit klar. Allerdings weiß ich nicht, was ich mit Ihnen machen soll.“
„Keine Sorge, ich habe keine Maschinenpistole.“
Er schmunzelt. „Das ist auch nicht das, was mir Sorgen macht.“
„Ich werde mich auch nicht umbringen. Ich muss nur irgendwie diesen beschissenen Tag überstehen.“
„Ich fürchte, ein Tag wird da nicht ausreichen.“
„Wahrscheinlich nicht.“ Ich trinke den Rest von meinem Cappuccino und beginne, den Schaum auszulöffeln. „Hören Sie, es tut mir leid. Wäre nicht das mit meinem Bruder, würde ich mich sogar zu Ihnen setzen und wir könnten was unternehmen. Aber mir ist nicht danach.“
Er zieht beide Augenbrauen hoch. „Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich Sie angesprochen, um …“
„Ist mir schon klar. Weinende Blondinen mit Sonnenbrille, die sich mit Cappuccino totrühren, üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf jeden normalen Mann aus.“
„Aha. Das wusste ich noch gar nicht. Aber wo wir schon dabei sind: Sie kommen mir bekannt vor.“
„Sie mir nicht.“
„Autsch.“
Ich atme tief durch, dann nehme ich die Sonnenbrille ab.
„Sorry. Ehrlich. Ich werde so oft angemacht, dass ich manchmal reflexartig reagiere.“
„Das kann ich mir vorstellen. Verraten Sie mir, woher ich Sie kenne?“
„Aus der Klatschpresse? Ich habe früher gelegentlich halbnackt auf Tischen getanzt, bei Empfängen.“
„Ach ja. Fiona Carter?“
Ich nicke.
„Es tut mir leid mit Ihrem Bruder. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir versprechen, dass Sie wirklich keine Maschinenpistole haben und auch nicht vorhaben, sich selbst etwas anzutun. Ich bin Polizist und müsste sonst etwas unternehmen.“
Ich schließe kurz die Augen. Scheiße. Noch eine Ähnlichkeit mit Phil.
„Ich verspreche es.“
Er starrt mich an, dann nickt er.
„In Ordnung. Meine Frau und die Kinder warten in irgendeinem Spielzeugladen in der Nähe auf mich. Fast würde ich lieber hierbleiben. Aber das käme wohl nicht so gut.“
Ich muss unwillkürlich lachen. Er winkt mir zu, nachdem er Geld auf den Tisch gelegt hat, und schlendert davon.
Ich bleibe noch ein paar Minuten sitzen, dann bezahle ich auch und fahre nach Hause.