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Fiona – Beginn 2.0 (1)

Wein. Rot wie Blut. Nein, nicht wie Blut, Blut ist dicker. Meins jedenfalls, wenn ich mal wieder eins auf die Nase kriege. Immer seltener. Im Dojo sowieso nicht mehr.
Mann. Wieso denke ich eigentlich über Blut nach? Kann ich nicht einfach mal in Ruhe ein Glas Wein trinken? Bloß weil mein Vater einen blöden Spruch losgelassen hat, als ich die Flasche und ein Glas geholt habe?
Ich atme tief durch und sehe mich um. Andere sind in dem Alter schon längst ausgezogen, ich hocke mit 23 noch in meinem Kinderzimmer. Und lasse mich von meinem Vater anmachen.
Echt klasse.
Ich trinke das Glas leer und denke wieder an das Blut. Wie das wohl aussieht, wenn man sich die Pulsadern aufschneidet? Spritzt das Blut dann richtig, bis zur Decke? Oder ist das nur in blöden Filmen so? Sollte ich mal ausprobieren, vielleicht würde das sogar meinen Vater erschüttern.
Oder auch nicht. Ist sowieso ein bescheuerter Gedanke. Selbstmord, nur damit mein Vater mal merkt, dass er eine Tochter hat?
Haha.
Ich mache das zweite Glas voll, stelle die Flasche neben dem Bett ab und zünde mir eine Zigarette an. Dann lasse ich „Supergirl“ laufen. Draußen knallt die Sonne, doch durch die heruntergelassenen Jalousien kommt sie nicht. Das Glas balanciere ich auf meinen Unterschenkeln, dort, wo sie sich kreuzen. Dabei entdecke ich einen Fleck auf den Jeans, in Kniehöhe. Hm. Blut? Sperma? Gewöhnlicher Straßendreck?
Okay, wie war das nochmal mit dem Blut, wenn ich mir die Pulsadern aufschneide? Überhaupt, wie muss ich schneiden? Nicht quer, wie oft gezeigt, damit mache ich mir höchstens die Arme kaputt. So blöd muss man erst einmal sein. Schön längs.
Ich mustere mein rechtes Handgelenk, dabei fällt Asche auf die Bettdecke. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Jedenfalls kann ich die Ader erkennen. Preisfrage: Vene oder Arterie? Und was muss ich überhaupt aufschneiden?
Vene wäre unlogisch, aber sicher auch möglich. Dauert dann vielleicht nur länger, bis man tot ist. Ein Mensch hat etwa fünf Liter Blut, wie viel muss er verlieren, bis das Bewusstsein sich verabschiedet?
Ich schicke Supergirl in die Wiederholung. Keine Ahnung, warum ich das Lied so liebe. Es war schon schwer genug, die CD zu bekommen. In Deutschland war das Lied ein Hit, irgendwann mal, in Newope aber unbekannt. Auf irgendeiner Party spielten sie es, der Junge, der die Party schmiss, war ein paar Monate in Deutschland gewesen und brachte Supergirl von dort mit.
„Supergirls just fly.“
Genau. Zum Beispiel als Engel.
Ich hebe das Weinglas und versuche, darin mein Spiegelbild zu erkennen. Das ist gar nicht so einfach, denn durch die Jalousie kommen nur wenige Sonnenstrahlen. Schließlich gelingt es mir, ihre grauen Augen einzufangen. Dass sie grau sind, sehe ich nicht, aber das weiß ich natürlich, obwohl ich es meistens vermeide, sie im Spiegel anzusehen. Zumindest in letzter Zeit.
„Hör zu“, erkläre ich dem Mädchen im Weinglas, „nur Versager denken über Selbstmord nach. Gewinner machen es einfach.“
„Oder sie lassen es, das ist noch besser“, erwidert das Mädchen.
„Klugscheißer.“
Aber natürlich hat sie recht. Und da ich nicht schon längst aufgesprungen bin und ein Messer geholt habe, will ich es nicht wirklich. Es ist einfach nur meine beschissene Stimmung, wie immer, wenn ich eine dieser dämlichen Diskussionen mit meinem Vater hatte. Wegen nichts. Ist doch meine Sache, wie viel ich trinke? Wenn er wüsste, wie oft ich besoffen von Partys nach Hause komme, wenn ich überhaupt nach Hause komme, würde er wahrscheinlich ganz ausflippen.
Geht ihn sowieso nichts an. Bin erwachsen. Allerdings würde er, nicht ganz zu unrecht, darauf hinweisen, dass ich ja ausziehen kann, wenn ich nicht will, dass er mir seine Meinung zu meinem Verhalten mitteilt.
Ich halte die Kleine im Weinglas wieder hoch, um sie zu fragen, ob sie denn wüsste, wieso ich nicht schon längst ausgezogen bin, woraufhin sie mir vermutlich mitteilen würde, dass es nur wegen Norman ist, als ich höre, wie jemand die Treppe hochgerannt kommt, dann reißt mein Vater die Tür auf und stürmt herein.
„Norman … Norman ist tot!“
Ich starre ihn an. Dann schießt mir der idiotische Gedanke durch den Kopf, dass ich ja nun ausziehen kann.
Aber hat er echt gesagt, Norman wäre tot?
„Norman? Mein Bruder? Tot?“ Ich mache wohl keinen sehr intelligenten Eindruck, allerdings bezweifle ich, dass mein Vater das überhaupt registriert.
„Unten sind zwei Polizisten und eine Psychologin! Er … er wurde überfahren!“
Mir wird bewusst, dass ich immer noch im Schneidersitz auf meinem Bett throne und ihn anstarre. Ich stelle das Glas ab und werfe die Reste der Zigarette in den Aschenbecher, dann springe ich auf und stürme an ihm vorbei nach draußen. Er folgt mir wohl, aber ich nehme die Treppe mit zwei Sprüngen. Als er endlich auch ankommt, stehe ich bereits neben meiner Mutter, die auf der cremefarbenen Couch sitzt und ins Nichts starrt.
„Was ist passiert?“, frage ich.
Niemand bestimmten von drei anderen Personen, die da sind. Nein, vier, ich sehe auch Nicholas, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht.
Die beiden Männer haben keine Uniform an. Einer ist älter, der andere weniger alt. Fast schon jung. Sie erinnern mich an die beiden … Wie hießen sie nochmal? Ach ja, Stone und Heller. Ulkig, dass ich jetzt gerade an diese uralte Serie denken muss.
„Sie sind?“, erkundigt sich Stone. Gut, die Nase ist nicht ganz so prägnant.
„Fiona Carter. Norman ist mein Bruder.“
„Ich bin Lieutenant Jack Siever. Ihr Bruder wurde bei einem Autounfall getötet. Mein Beileid. Es tut mir leid.“ Er mustert mich forschend. Vielleicht befürchtet er, dass ich ohnmächtig zusammenbreche. Oder dass ich ausflippe. Keine Ahnung, wie mein Gesichtsausdruck gerade ist. Ich spüre mein Gesicht nicht.
„Autounfall?“, wiederhole ich.
„Er wurde überfahren. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Der einzige Zeuge ist sein Freund, aber der hat einen Schock und ist im Krankenhaus.“
„Savage?“
Stone … Siever nickt.
„Ist er auch verletzt?“
„Körperlich fehlt ihm nichts. Miss Carter, das hier ist Carola Schmid. Sie ist Psychologin.“
„Ist sonst nicht immer ein Priester mit dabei?“, frage ich abwesend.
„Das kommt darauf an, wer gerade verfügbar ist“, antwortet die Psychologin. Sie sieht irgendwie sehr jung aus für eine Psychologin. Oder meine Wahrnehmung ist völlig gestört, was denkbar wäre.
Norman ist tot?
Mir fällt was ein. „In den Filmen sind es immer uniformierte Polizisten, die so eine Nachricht überbringen. Sie sind doch bestimmt nicht von der Verkehrspolizei?“
Siever schüttelt den Kopf. „Mordkommission. Wir können nicht ganz ausschließen, dass es mit Absicht war. Daher übernehmen wir den Fall. Das bedeutet nicht, dass Norman ermordet wurde. Aber die Möglichkeit besteht.“
„Ermordet? Von wem?“ Fiona, du warst auch schon mal intelligenter.
„Von dem Fahrer oder der Fahrerin des Wagens. Den ersten Auswertungen nach war es ein Geländewagen.“
„Ich will ihn sehen“, sagt meine Mutter plötzlich. „Ich will ihn sehen!“
„Das ist keine gute Idee“, erwidert die Psychologin. „Mrs Carter, Norman wurde mit hoher Geschwindigkeit von einem Geländewagen angefahren. Er … er sieht nicht so aus, wie Sie ihn kennen. Sie sollten ihn so in Erinnerung behalten, wie er …“ Sie unterbricht sich selbst, aber es ist eh klar, was sie meint. Mir jedenfalls.
Meiner Mutter nicht. Oder es ist ihr egal. „Ich will ihn sehen.“
Carola und die Polizisten sehen meinen Vater um Hilfe bittend an, doch der sagt: „Sie haben es gehört. Sie will ihn sehen.“
„Ich fahre euch. Ihr seid nicht in der Verfassung.“
„Bist du es?“, fragt mich mein Vater. „Warum?“
„Willst du echt auch jetzt noch mit mir streiten? Ich habe Norman geliebt, das weißt du auch, verdammt nochmal! Ich ziehe meine Schuhe an und dann fahre ich euch!“
Ich sehe flüchtig die entgeisterten Gesichtsausdrücke von den Polizisten, als ich nach oben renne, um meine Schuhe zu holen. In diesem Moment denke ich ganz sicher nicht an Selbstmord, an Mord schon eher.
Dieses verdammte Arschloch!