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Leseprobe: Fiona – Entscheidungen

Fiona – Entscheidungen

Ich verbringe die Wartezeit mit einem Spaziergang und versuche dabei, jeglichen Gedanken aus meinem Kopf zu verscheuchen. Mein langjähriges Kampfsporttraining kommt mir dabei zugute. Als ich dann zum Parkplatz gehe, bin ich so entspannt, wie das unter den gegebenen Umständen nur möglich ist.
Das ändert sich wieder, als ich Katharina sehe. Ich weiß ja nicht, wie sie sich so eine Dämonenjagd vorstellt, obwohl sie damit eigentlich Erfahrung haben müsste. Jedenfalls hätte ich mich ganz sicher nicht so angezogen wie sie. Obwohl, sagt eine Stimme in mir, warst du immer passend angezogen, wenn du auf Verbrecherjagd warst, damals?
Katharina trägt hautenge, weiße Hosen, schwarze Overknees, wenigstens nicht aus Latex, dafür mit schwindelerregenden Absätzen, eine ebenfalls eng anliegende, weiße Bluse mit langen Ärmeln und die Haare offen.
„Wow“, sage ich nur, während sie mich umarmt. „Hast du vor, irgendwelche Dämonen mit den Absätzen aufzuspießen?“
Sie lacht. „Warum eigentlich nicht? Jedenfalls würde mich niemand für einen 400-jährigen Dämon halten, oder?“
„Ganz bestimmt nicht.“
„Tarnung ist alles.“
„Sollte ich mich auch umziehen?“, erkundige ich mich. „Ist das angebracht dort, wo wir hingehen?“
Katharina mustert meine ¾-Jeans und die lose darüberhängende Bluse, dann schüttelt sie den Kopf. „Ist schon in Ordnung so. Wir werden sehen, ob du in diesen Schuhen genug Trittkraft hast.“
„Wo du Herzen aufspießt, breche ich Rippen“, erwidere ich und bringe sie damit erneut zum Lachen.
„Gehen wir“, sagt sie.
„Wohin?“
„In die Bibliothek.“
„Oh, in Filmen gehen sie auch immer in die Bibliothek, wenn sie wissen wollen, mit was für einem übernatürlichen Ding sie es zu tun haben.“
„Ja, aber nicht in so eine“, sagt sie geheimnisvoll. „Wir fahren mal mit meinem Wagen, in Ordnung?“
Ich nicke. Dann falte ich mich in den Ferrari. Und stelle fest, dass ich eigentlich doch eine ganz zahme Fahrweise habe. Wäre ich nervös veranlagt, würde ich Blut und Wasser schwitzen auf dieser kurzen Fahrt. Das heißt, kurz ist sie nur, weil Katharina fährt wie sie fährt. Schließlich hält sie vor einem großen, aber ansonsten unscheinbaren Haus in South Village.
Wir steigen aus.
„Hier ist eine Bibliothek?“, erkundige ich mich skeptisch, während ich die graue Fassade betrachte.
„Beurteilst du die Dinge etwa nach Äußerlichkeiten?“
„Nein“, erwidere ich missmutig.
„Dann ist ja gut!“ Katharina hält auf eine schmale, ebenfalls graue Tür zu und schlägt mit der Faust dagegen. Mehrmals, so lange, bis von drinnen eine wütende Stimme ertönt: „Ist ja gut, verdammte Scheiße! Ich komme ja schon!“
Ich sehe mich amüsiert um, aber es scheint niemanden zu interessieren, wenn hier die Tür fast eingeschlagen wird. Dahinter erklingen jetzt Schritte, dann wird sie förmlich aufgerissen. Ein kleiner, schmächtiger Mann funkelt Katharina wütend an.
„Was soll das?“
„Och, jetzt reg dich doch nicht so auf. Ich wollte nur sicher sein, dass du es auch hörst.“ Katharina krault ihm den nicht vorhandenen Bart, dann tritt sie an ihm vorbei ein und winkt mir zu.
Ich folge ihr und reiche dem Gastgeber die Hand: „Ich bin Fiona Flame.“
„Ich weiß, wer du bist“, erwidert er mürrisch. „Mein Name ist Nasnat.“
„Woher weißt du, wer ich bin?“, frage ich.
„Ich weiß es eben“, sagt er und schlägt die Tür zu. „Was wollt ihr hier?“
„Wir brauchen deine unendliche Weisheit, Nasnat“, antwortet Katharina.
„Hey, verarschen kann ich mich auch allein. Was wollt ihr denn wissen?“
„Willst du uns nicht einladen und einen deiner vorzüglichen Tees anbieten?“, erkundigt sich Katharina.
„Kommt mit.“ Nasnat schlurft vor in einen karg eingerichteten, großen Raum, den ich nach einigem Blinzeln als Küche erkenne. Nasnat setzt einen Wasserkessel auf den Gasherd, dann holt er vier Tassen aus dem einzigen Schrank und eine Dose aus einem Nachbarraum. Daraus füllt er irgendein Pulver in die Tassen. Bis er damit fertig ist, kocht das Wasser im Kessel, und er füllt die Tassen randvoll mit dem Wasser.
Dann stellt er die Tassen auf einen kleinen Tisch, der inmitten des Raumes steht.
„Du hast dich verzählt“, bemerke ich.
„Nein, habe ich nicht. Trink, der Tee schmeckt heiß am besten.“
Mit einem skeptischen Blick auf die vierte Tasse hebe ich meine an die Lippen und schlürfe vorsichtig an dem Getränk. Es schmeckt wirklich sehr gut.
„Woraus ist das?“, erkundige ich mich.
„Redet die immer so viel?“, fragt Nasnat.
Katharina schüttelt grinsend den Kopf. „Sie ist eben eine Kriegerin. Weiß das allerdings erst seit ein paar Tagen.“
Nasnat mustert mich gründlich. „Eine Kriegerin, so so. Bist du sicher, dass sie das kann?“
„Ja, bin ich. Sie ist stark. Sehr stark sogar.“
„Hm.“
„Komm schon, spürst du das gar nicht?“
„Doch“, erwidert Nasnat langsam. „Aber sie akzeptiert ihre Kraft nicht. Unterdrückt sie. So ist sie immer in Gefahr zu versagen.“
„Nasnat.“ Katharina beugt sich vor, sie wirkt sehr ernst. „Ich habe noch nie eine solche Macht in einer Kriegerin verspürt wie bei ihr. Sie ist eine der ältesten Seelen, denen ich begegnet bin.“
„Mag schon sein. Und was wollt ihr nun von mir?“
„Deine Bibliothek“, antwortet Katharina. „Wir suchen ein Wesen oder eine Art, die ihre Brut in menschliche Gebärmütter einpflanzt. Die Geburt tötet allerdings die Brüterin, ihre Gebärmutter zerplatzt.“
„So was gibt es auf der Erde nicht“, sagt Nasnat düster.
„Jetzt schon“, entgegne ich, nicht minder düster, wenn auch aus anderen Gründen.
Nasnat blickt mir in die Augen. „Nicht auf der Erde.“
„Ich bin ihm begegnet. Und ich habe vorhin eine junge Frau gesehen, die vor ein paar Tagen noch schlank und rank war. Gestern Abend war sie vor allem tot. Ihr Oberkörper aufgeschnitten, die Gebärmutter geplatzt, die anderen Organe zerstört, der Bauch aufgeschnitten. Etwas war in ihr, wuchs heran, wurde rausgeholt. Dabei starb sie. Und ich will wissen, wer oder was das war.“
„Du bist ihm begegnet?“, fragt Nasnat langsam.
„Ich bin jemandem begegnet, der merkte, dass ich eine Kriegerin bin.“
„Was hast du mit ihm gemacht?“
„Er hat mich getötet“, antworte ich leise.
„Das wird er auch wieder tun.“
„Nein. Ganz sicher nicht!“
Nasnat lächelt ansatzweise. „Wenn du das sagst.“
„Hey, Nasnat, erzähl uns mal, was das für ein Wesen ist, deiner Meinung nach“, sagt Katharina.
Nasnat nickt und deutet an, dass wir ihm folgen sollen. Das tun wir auch, in einen Raum, der mir den Atem raubt. Jetzt weiß ich, was Katharina mit Bibliothek meinte. Ich verstehe nicht, wie das sein kann, aber der Raum, der vollgestopft ist mit Büchern, die in Tausenden von Regalen stehen, ist mit Sicherheit sehr viel größer als das Haus von außen aussieht.
„Ach du Scheiße!“, sage ich. „Das ist unmöglich!“
Nasnat wirft mir einen Blick zu. „Darum versagst du!“
Ich erwidere den Blick. „Deine Ähnlichkeit mit Yoda ist tatsächlich nicht zu übersehen.“
„Das ist kein Wunder, ich stand ja auch Modell für ihn. Zumindest was den Intellekt angeht.“
Katharina lacht mit heller Stimme. „Ihr zwei seid köstlich.“
„Köstlich“, murmelt Nasnat. Dann geht er an einer mehrstöckigen Bücherwand entlang und liest lautlos die Indexschilder. Schließlich bleibt er stehen und deutet auf ein Buch in der zweiten Etage. „Das Buch da brauche ich!“
Katharina nickt, packt das Männchen und wirft es hoch. Nasnat turnt geschickt über das Geländer, holt das gesuchte Buch aus dem Regal und springt runter. Katharina fängt ihn auf. Er geht mit dem Buch zu einem Tisch, legt das Buch drauf und sagt dann: „Dieses Buch wurde von einem Vorfahren von Marco Polo geschrieben, der die Planeten bewandert hat. Zumindest einige. In den offiziellen Geschichtsbüchern taucht er nirgends auf, denn das würde überhaupt nicht zu dem Dogma passen, dass es Menschen nur auf der Erde gibt. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass diese bornierten Wissenschaftsgläubigen mit ihrer Relativitätstheorie ja dann zugeben müssten, dass ihre kruden Ideen nichts, aber auch gar nichts mit der Realität zu tun haben.“
„Wie hieß denn dieser Vorfahr?“, erkundige ich mich.
„Marco Polo.“ Er lacht schallend, als er unsere Gesichter sieht. „Nur ein kleiner Scherz. Luke Skywalker? Nein, auch ein Scherz. Sein richtiger Name ist nicht bekannt. Er hat sozusagen unter Pseudonym geschrieben, und weil er offenbar einen Sinn für Humor hatte, benutzte er den Namen Euklid.“
„Ein echter Scherzkeks“, meint Katharina grinsend. „Ausgerechnet Euklid!“
„Sag ich ja. So, dann wollen wir mal schauen, was wir hier haben.“ Nasnat schlägt das Buch irgendwo auf. Es ist vollständig handgeschrieben, dennoch wirkt das Papier, als wäre das Buch erst vor wenigen Jahren gedruckt worden.
„Wie alt soll das sein?“, frage ich misstrauisch.
„Weil es so gut aussieht? Ich habe das Buch seit über 200 Jahren in meinem Besitz, und so sah es von Anfang an aus.“
„Ich komme mir vor wie ein Baby!“
Katharina streichelt meinen Kopf. „Du bist es ja auch, im Vergleich zu uns.“
„Vorsicht, ich könnte beißen!“
„Huch!“ Katharina zieht schnell ihre Hand weg.
„Wenn ihr damit fertig seid, können wir dann weitermachen?“, erkundigt sich Nasnat.
„Sofort, jetzt, direkt …“
Nasnat mustert Katharina, als wäre sie für alles Böse auf dieser Welt verantwortlich. Dann versenkt er den Blick im Buch und sagt: „Mir ist, als hätte ich in den Berichten von Euklid über eine Rasse gelesen, die ihre Nachkommen in fremde Rassen einpflanzt, austragen lässt und dass die Wirte dann sterben. Wo war das nur?“ Nasnat blättert minutenlang in dem dicken Buch rum, ehe er zufrieden auf eine Zeichnung zeigt.
Eine Frau mit offenem Oberkörper.
„Hm. Sieht der Frau von gestern ähnlich“, stelle ich fest.
„Also haben wir es mit Außerirdischen zu tun?“ Katharina schüttelt den Kopf. „Wie sind die denn auf die Erde gelangt?“
„Wie ist denn Euklid vor über 1000 Jahren zu ihnen gelangt?“, stellt Nasnat die Gegenfrage.
„Wahrscheinlich durch ein Wurmloch.“ Katharina zuckt die Achseln. „Also los, sags schon!“
„Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht mit einem Raumschiff und wohl auch nicht durch ein Wurmloch. Euklid hatte, wie viele seiner Zeitgenossen, das alte Wissen von Alchemisten. Es heißt, dass manche von ihnen rausgefunden haben, wie man durch Zeit und Raum reist. Aber dieses Wissen wurde nicht in die heutige Zeit mitgebracht.“
„Zumindest ist uns nichts davon bekannt“, sagt Katharina. „Wenn jemand es weiß, hält er es unter Verschluss.“

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Leseprobe: Nietzsche nackt

Nietzsche nackt

Hennes und Tom begeistern mich als Wichsfantasie noch ne ganze Weile. Tom will ich wiedersehen, suche mehrmals seine Nähe, versuche ihm zu zeigen, dass ich gern mehr will. Aber er lässt mich jedes Mal abblitzen. Desinteresse pur. Absolut arrogant. Macht mich ja irgendwie noch spitzer, aber so’n Rest Stolz hab ich unter all der Geilheit ja auch noch verkramt. Ich zieh mich also zurück. Bleib ein paar Wochenenden zu Haus mit der Glotze und den Skripts und mache zur Entspannung noch mehr Sport. Die Kränkung sitzt tief. Benutztwerden ist halt doch nur geil, wenn ich das so will, und nicht, wenn es einfach so passiert.

Will mich bei Florian ausheulen, aber der hört nicht zu. Hat wieder Probleme mit seiner Kathrin oder Katja oder Katharina, wie auch immer, seine aufgetakelten Tussies fangen immer mit ‚Kat‘ an, sind klein, zierlich und dunkelhaarig und sehen sich ähnlich. Er ist viel unterwegs, um das immer gleiche Muster beständig wiederholen zu können. Erstaunlich, dass er sich noch immer sträubt, es wahrzunehmen. Wie seine Neigung, die Beziehung zu zerstören, sollte sich denn eine anbahnen. Jedes Mal wieder runderneuert Flo seine liebe Naivität, scheint erstaunt vor lauter Glück, verliebt bis zur letzten Faser seiner primären Geschlechtsorgane. Ob es überhaupt noch dieselbe ist, wage ich nicht zu fragen. Er wäre aufs Tiefste gekränkt, dass ich seine infantilen Vorstellungen vom Zusammensein nicht wirklich zur Kenntnis nehme. Also, nicht mehr. Hab ich anfangs schon. Ab und an genickt und so. Aber es machte ja keinen Sinn etwas dazu zu sagen, weil er eh nichts hören will. Jetzt wünschte ich, er würde denselben Anstand besitzen mich wenigstens reden zu lassen. Egoist. Es wird länger dauern, dass ich Lust bekomm, mich wieder bei ihm zu melden. Kapieren tut er das aber auch nicht.

Nach der Auszeit bin ich noch lange genervt von allem und jedem und gehe nur noch allein aus. Ich muss aber aus dem Tief raus und versuch es mit der üblichen Tour. Wer vom Gaul fällt, muss so schnell wie möglich wieder aufsitzen, da geht nichts dran vorbei. Also trink ich mich in Laune und zieh dann von Tresen zu Tresen. Da sitzen sie also, die reifen Trauben, bereit, mitgenommen zu werden, oder besser: mich mitzunehmen. Männer sind da empfindsam. Wenn ich mich ihnen zu offensiv nähere, ziehen sie den Schwanz ein. Ein Weibchen, das sich seinen Partner aktiv sucht, da träumen zwar einige von, aber kaum einer hält dem wirklich stand. Ich muss also indirekter vorgehen. Wie in der hohen Minne, so kunstvoll stricke ich ein Netz aus Blicken und gespielten Hilflosigkeiten, biete ich Gelegenheiten dar und ermuntere kaum merklich lächelnd dazu, sie zu nutzen.

Mancher Mann braucht trotzdem zu lang, bis er sich traut. Was hast du denn bloß zu verlieren, denke ich nach ner Weile genervt im Habermeyer. Ich fresse ja niemanden und komme mit der Frage nach einer Zigarette schon zu ihm, der innerlich zu zittern scheint wie die Finger meines Hausmeisters während der ersten Drinks am Morgen. Aber auch das ist dem Kerl heut nicht genug, um aus sich heraus zu kommen. Ich krieg schlechte Laune. Tun einen auf Mann, aber sind kleine, schwächliche Kriecher, allesamt. Beschließe, ich hätt mich genug nackig gemacht ohne aktive Reactio und verpiss mich lieber. Bei so nem Abbruch wegen Time-Out guck ich mich lieber woanders um. Am selben Ort in ne andere Richtung dieselbe Tour zu fahren ist zwar möglich und zeugt von Kunstfertigkeit, wenn man das Aufreißen als eine ästhetische Herausforderung sportlicher Natur sieht. Aber es fällt eben irgendwie auch unter ‚bad taste‘.

 

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Leseprobe: Gefährliche Rochade

Gefährliche Rochade

Da klingelte es auch schon. Pia schlug vor, die Jacken gar nicht erst auszuziehen, sondern gleich zu einem kurzen Spaziergang aufzubrechen, da sie sich nicht besonders wohlfühlte und meinte, etwas frische Luft gebrauchen zu können.
Das hat sie aber in letzter Zeit häufig, dachte Paul noch und sie marschierten los. Sie liefen an der Talschänke vorbei durch das Hexbachtal, um am Reiterhof Lugge im Stehen einen Kaffee aus Pappbechern zu trinken.
„Und, was macht die Arbeit?“, fragte Paul an Ingo gewandt.
„Ach, alles Mist. Das ist, wie in viel zu dicke Bretter mit viel zu kleinen Bohrern Löcher machen zu wollen. Am meisten nerven mich diese ständigen Bedenkenträger.“
„Dein Chef, oder wen meinst du?“
„Nicht nur den. Wir haben jetzt eine echte Chance, in ein Mexiko-Programm einzusteigen. Damit könnte man wirklich was bewegen. Aber wer da alles mitreden muss, bis man ein wenig Kohle locker macht, das ist frustrierend.“
„Was ist das, ein Mexiko-Programm?“, fragte Vera.
„Die Mexikaner haben in den letzten paar Jahren den wirtschaftlichen Turnaround super geschafft. Mit modernen, personalwirtschaftlichen Maßnahmen haben die das perfekt unterstützt.“ Man merkte, dass Ingo in seinem Element war. „Jetzt bieten die ein tolles Programm an. Unsere Leute könnten ein Jahr in Mexiko mitarbeiten, um zu lernen und sich Ideen zu holen. Im Gegenzug kämen Mexikaner für ein Jahr nach Deutschland. Im Grunde eine Win-Win-Situation.“
„Wieso? Was hätten die Mexikaner davon?“, fragte Paul.
„Na, es gibt schon noch viele Bereiche, in denen die auch von uns was lernen könnten. Aber wichtiger ist denen wohl der politische Deal, der zwischen Mexiko und der DDR geplant ist. Da könnten sie zur Vorbereitung in der BRD ihre Sprachkenntnisse verbessern. Außerdem würden sie dann auch gleich die deutsche Mentalität kennenlernen. Und dass die eine Wissenschaft für sich ist, da sind wir ja wohl einig.“ Paul lachte. „Da geb ich dir recht. Aber im Ernst. Klingt doch alles gut. Wo ist denn jetzt das Problem?“
„Eigentlich ist es lächerlich. Für die Reisekosten, Kost und Logis muss das jeweilige Ursprungsland selbst aufkommen. Wir müssten also erst einige tausend DM in die Hand nehmen. Der spätere Nutzen lässt sich natürlich heute noch nicht beziffern. Und das ist das Problem.“
„Wieso?“
„Die Landesregierung in Düsseldorf muss zustimmen. Und dafür will sie immer eine detaillierte Kosten-Nutzen-Analyse. Die kann keiner erstellen.“
„Ach, das kann doch nicht wahr sein. Dass das eine geile Nummer ist, leuchtet ja sogar mir ein. Ohne diese Analyse. Und jetzt stimmen da irgendwelche Sesselpupser nicht zu?“ Vera war ebenfalls konsterniert. „Gerade jetzt müssen wir doch nach jedem Strohhalm greifen. Und dann soll sowas an der Bürokratie scheitern. Da muss man doch was machen können.“
„Tja, da käme jetzt eigentlich mein Chef ins Spiel, Gerd Kuschke. Das ist der ehemalige Oberbürgermeister von Dortmund. Der hat absoluten Schiss vor den Oberen in Düsseldorf. Und da hält der sich lieber fast komplett raus. Also kann ICH jetzt in Düsseldorf den Bückling machen. Seit Tagen mache ich nichts anderes, als völlig dumm aufgesetzte, seitenlange Formulare auszufüllen.“
„Da hätte ich wohl auch die Schnauze voll.“ Paul war froh, dass er in seinem Job nichts mit solchen Formalitäten zu tun hatte.
„Aber das Projekt will ich durchkriegen. Unbedingt. Deshalb mache ich das.“
„Du kennst doch dieses Sprichwort: Es ist wohlfeil zu jammern, wenn man jemanden hat, dem man klagen kann. Du hast mich doch.“ Pia nahm Ingo mitfühlend in den Arm und lächelte ihn an. Das Lächeln wirkte allerdings etwas gequält.
Plötzlich schrie Vera auf: „Pia, aus deinem Ohr läuft ja Blut.“

 

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