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Leseprobe: Gefährliche Rochade

Essen, 10.03.1989


Seit dem Ende des Studiums bemühte sich Ingo gemeinsam mit Bruno Führing, einem Kumpel aus der Schulzeit, um den Aufbau einer kleinen Personalberatungsgesellschaft:
,Virgam Progressum, Personalmanagement Ingo Fellbach & Bruno Führing‘; die Firmenbezeichnung hatten sie schnell gefunden.
Und sie waren sich einig, dass ,Virgam Progressum‘ als Firmierung ein Knaller war.
Damit war es aber auch schon fast zu Ende mit der Einigkeit. Bruno, studierter Pädagoge, war ein ausgeflippter Typ, für den eine hedonistische Lebensweise nicht nur auf einer Einstellung beruhte, sondern eine Lebensphilosophie darstellte. Die Firma wollte er im Wesentlichen dazu nutzen, mit haarsträubenden Honoraren schnellstmöglich und mit wenig Arbeit viel Geld zu scheffeln. Als die beiden sich zusammensetzten, um ihre Geschäftsstrategie abzustimmen, war es für Bruno sofort sonnenklar, dass Gewinnmaximierung das oberste Ziel zu sein hatte.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte Ingo, das hatte er im Nachhinein oft gedacht, eigentlich Abstand nehmen sollen. Er selbst war viel idealistischer unterwegs. Sein Traum bestand darin, anderen mit kreativen Ideen und Vorgehensweisen zu helfen und dabei selbst genug zu verdienen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Keinesfalls wollte er in einer, wie er es nannte, Knochenmühle seinen Job fristen, wo Dutzende von Emporkömmlingen ihm sagen würden, was er zu tun und zu lassen hat.
Jetzt saß er in seiner Wohnung vor einem Haufen unbezahlter Rechnungen. Langsam wurde es eng. Auch das Geld, das er von den Alphas hatte, war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was insbesondere fehlte war eine echte Perspektive, der Durchbruch, um sich am Markt einen Namen machen und mittelfristig etwas Solides aufbauen zu können.
Wie so oft bei solchen Gelegenheiten versuchte er, sich durch Musik abzulenken. Seine selbst zusammengestellte Mischung mit Bowie-Titeln wie ,Changes‘, ,Station to Station‘, ,Life on Mars‘ und ,Ashes to Ashes‘ lief, während er in der aktuellen Ausgabe des Spiegel blätterte.
Kurz blieb er an dem Artikel ‚Spion am Bildschirm‘ hängen, in dem es um Hackerspionage für den KGB ging. Eigentlich ein Thema, das ihn interessierte. Aber jetzt konnte er sich nicht konzentrieren, weder auf die Musik, noch auf den Artikel.
Seine Sorgen wegen der Firma waren einfach zu groß und er konnte sich nicht von ihnen lösen. Also wählte er die Nummer von Pia. Nach dem dritten Klingeln hörte er ihre vertraute Stimme: „Hallo, wer stört mich?“
„Hallo mein Schatz, ich hoffe doch sehr, dass ich dich nicht störe, sondern du mich vermisst.“
„Wie könnte ich anders. Ich schmachte förmlich“, gluckste sie.
„Ich hab eine Hammeridee. Was hältst du davon, wenn ich dich heute Abend zum Fischessen einlade?“
„Ach, warst du angeln?“
„Quatsch, in den Walsumer Hof. In Duisburg. Warst du da schon mal?“
„Nein.“
„Super, der Inhaber, Matthes, ist ein toller Kerl. Schwer in Ordnung. Der Fisch ist perfekt. Die Atmosphäre spitze. Ist Pauls und mein Lieblingsrestaurant. Paul nehmen wir auch mit, aber nur bis nach dem Essen.“
„Wenn es sein muss“, lachte sie. „Klar nehmen wir den auch mit. Will dich ihm ja nicht wegnehmen.“
„Super. Ich fahre sofort los und sammle Paul ein.“
Vorbei an der Dinslakener Trabrennbahn fuhren sie in Richtung Walsum. Nach einer Weile sahen sie auf der rechten Seite die Rheinfähre Orsoy, dann ging es noch einmal kurz links herum und Ingo parkte seinen Wagen gegenüber vom Walsumer Hof.
„Das muss man aber kennen“, meinte Pia. „Zufällig fährt man hier doch nicht entlang.“
„Stimmt“, antwortete Paul, „trotzdem ist die Bude immer voll. Gleich wirst du wissen warum.“
Das ließ sich schon erahnen, als sie auf den Eingang zugingen. Matthes, der Inhaber, kam auf sie zu. Fröhlich lächelnd, Fischerhemd und Jeans, über einer Schulter ein Geschirrtuch hängend, rief er ihnen freundlich „Moin“ entgegen.
„Ihr auch mal wieder in meiner bescheidenen Hütte? Und heute in so hübscher Begleitung.“
An Pia gewandt ergänzte er: „Du musst wissen, das sind zwei Banausen. Meine kulinarischen Köstlichkeiten sind bei den beiden Perlen vor die Säue geworfen. Ich hoffe, du magst Fisch. Hab da so einiges auf der Karte, was unbedingt weg muss. Aber jetzt kommt erst mal rein.“
Er führte sie in das voll besetzte Lokal. Dunkles Holz, eine einfache Einrichtung, Fischernetze an den Decken und andere Utensilien von der Seefahrt empfingen sie.
„Ist mal wieder voll heute. Gott sei Dank. Ihr seid ja nicht scheu, wie ich mich erinnere. Kommt, ich setze euch irgendwo mit ran.“
Er ging an einen großen Tisch, an dem noch Stühle frei waren. „Darf ich die mit bei euch ransetzen? Die Jungs sind zwar unhöflich und pöbeln ständig, aber wenn es, wie sonst immer, Schwierigkeiten gibt, braucht ihr mir nur Bescheid zu sagen.“
Matthes‘ Art schien bekannt zu sein und natürlich hatte niemand etwas dagegen, dass sie sich dazusetzten. „So, hier habt ihr erst einmal etwas zu lesen.“ Er reichte ihnen eine große Speisekarte.
„Ehrlich gesagt würde ich davon nichts nehmen. Hab heute was Besonderes im Angebot. Wels, halb gegrillt und halb geräuchert. Dazu en Pänneken Scheiben und mein Salätchen. Echt ein Traum.“
„Laber nicht. Das nehmen wir“, sagte Ingo. „Schatz, wenn du nicht nimmst, was er empfiehlt, ist er den ganzen Abend brummig. Aber meistens sind seine Empfehlungen auch echt gut.“
Nach Getränken wurde erst gar nicht gefragt. Wenn man nicht ausdrücklich etwas anderes bestellte, gab es Köpi, das Pils der Duisburger Brauerei. Und natürlich im 0,5-l-Glas. Alles andere hätte nur als Reagenzgläschen gegolten und wäre irgendwie unangemessen gewesen.
Pia gefiel es hier sehr. Sie beobachtete, dass diese Begrüßung auch keine Ausnahme für Ingo und Paul darstellte. Matthes begrüßte und verabschiedete jeden persönlich an der Tür, immer mit launigen Sprüchen versehen. Ein echtes Original, fand sie.
Nach wenigen Minuten brachte eine Kellnerin Brot und einen großen Topf mit Shrimps. „Der ist vom Haus. Unser Chef meint, ihr seht hungrig aus und ihr solltet vorab schon etwas zum Naschen bekommen.“
Das Essen genossen sie in lustiger Unterhaltung mit den Tischnachbarn. Die Stimmung war vergnügt und ausgelassen.
Nach und nach leerte sich das Lokal. Da Matthes ihnen angeboten hatte, sich ruhig Zeit zu lassen, saßen die drei noch bei Getränken zusammen und plauderten.

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Leseprobe: Als der Sensenmann ins Stolpern geriet

Die Wahrheit.
Seit zweitausend Jahren ist sie auf dem Weg und sie ist nicht aufzuhalten. Also öffne dich doch einmal für Neues und fühle hinein. Beschäftige dich mit diesen Lehren und gib ihnen eine Chance. „Okay, ich gebe ihnen eine Chance“, antwortest du jetzt vielleicht, „aber diese Welt soll nur ein Traum sein? Sie fühlt sich so real an. Dies hier ist doch wirklich, oder?“
Mmmh, natürlich kommt es dir so vor, als erlebtest du diese Welt hier tatsächlich. Doch wenn du in deinem Bett liegst und schläfst, dann träumst du doch auch oft etwas. Du träumst und hältst es in dem Moment für real, oder nicht?
Wenn ich dir nun im Traum auf die Schultern tippen würde und dir sagte, es sei nicht wirklich, sondern nur ein Traum, würdest du mir dann glauben?
Nein. Und warum nicht? Weil du den Traum für die Wirklichkeit hieltest. Du würdest mich als Außenstehenden, quasi deinen persönlichen Wecker, nicht erkennen und mich in deinen Traum hineinbasteln. Genauso, wie du während des Träumens den Traum für real hältst, genauso hältst du dein Leben hier auf Erden für real. Und genauso, wie du morgens nach dem Erwachen über den Traum lachst, wirst du einfach nur froh sein, wenn die Illusion dieser Welt endet und du zur Wirklichkeit erwachst.
So, und nun schließt sich der Kreis.
Den Tod gibt es nicht. Wie kann er auch real sein, wenn diese Welt nicht real ist? Wenn dies alles ein Traum ist, dann ist der Tod ein Teil des Traumes. Genau so verhält es sich auch mit der Geburt. Auch sie ist nur ein Teil des Traumes. Sie ist der Anfang eines neuen Traums, wie der Tod das Ende dieses einen Traums darstellt. Bevor der Mensch zur Wirklichkeit erwacht, scheint er viele Träume zu haben. Immer wieder, solange, wie es eben dauert, bis er aufwacht.
Als ich das erste Mal diese Zusammenhänge begriff, kam große Freude in mir auf. ‚Denn wenn alles nur ein Traum ist‘, dachte ich, ‚muss ich nicht mehr alles so ernst nehmen und mich verrückt machen. Meine Probleme sind dann nicht wirklich Probleme, sondern dienen einzig dem Zweck, mich weiterzuentwickeln, innerlich zu wachsen und mich zu befreien.‘
Wer das bei sich selbst erkennt, der sieht es auch bei seinen Mitmenschen. Angewohnheiten wie Mitleid zu haben, das eigene Helfersyndrom auszubauen und die Welt zu retten, werden endlich aufgegeben.
Was bleibt, ist warme, zärtliche Nächstenliebe.
Natürlich kann ich für meine Brüder da sein und ihnen helfen, der Dunkelheit zu entrinnen. Meine Freundin, die voller Verzweiflung und Furcht ist, kann ich liebevoll im Arm halten und ihr von dem wundervollen Licht erzählen, das in ihr wohnt. In der Gegenwart meiner Eltern rede ich so selbstverständlich vom ewigen Leben und der strahlenden Wirklichkeit, die uns erwartet, dass sie ihre Gedanken an den Tod immer mehr fallen lassen. Meine Kollegin, die bisher allem ablehnend gegenüberstand, was mit positivem Denken zu tun hatte, erzählt mir ihre Probleme und ich höre einfach nur zu. Während sie spricht und ich in meinen inneren Frieden hineinfühle, sie gedanklich in meinen Armen halte, wird sie immer ruhiger und kann eine klare Entscheidung treffen.
Und so ist es mit vielen Menschen, denen ich begegne.
Sie lassen sich mehr und mehr auf den Frieden ein, den ich ausstrahle. Die Menschen spiegeln mir ihre Dankbarkeit und Freude zurück. Ein gegenseitiger Austausch von beglückender Energie, genannt Liebe, beginnt. Und das erst zeigt mir, wer wir sind. Das lässt mich unsere Einheit erkennen.
Ich denke manchmal an die Fackelläufer bei der Olympiade. So ähnlich und doch anders ist es mit unserem inneren Licht, unserer göttlichen Erkenntnis. Einige erkennen den Ursprung ihres Seins und entzünden ihr Licht an der ewigen Flamme der Liebe Gottes. Nun wird das Licht weitergetragen und jeder, der in Berührung mit diesen heiligen Fackeln kommt, entzündet sein eigenes Licht daran. Ihn erfasst eine große Freude und das Verlangen, die Erkenntnis der ewigen Liebe weiterzugeben.
Und genau so dehnt sich die Wahrheit aus. Genau so erfasst dieses heilige Licht die Welt und lässt alle Dunkelheit vergehen. Wenn dieses Licht auch das letzte Fragment unserer Einheit erreicht hat, erwachen wir aus diesem Traum.
So so, denkst du nun. Alles ist nur ein Traum. Alles, was in den Nachrichten berichtet wird, ist nur ein Traum. Das Zugunglück, der Vulkanausbruch, der Krieg, die Überschwemmung, der Mord und die Massenkarambolage.
Ja. Es ist ein Traum. Von der universellen Ebene aus betrachtet ist es ein Traum. Das Problem hierbei ist nur, dass sich die wenigsten Menschen der wirklichen Ebene bewusst sind und sich sehr wohl an diesen äußeren Umständen beteiligt fühlen. Und wenn sie nicht nur Zuschauer, sondern persönlich betroffen sind, ist es noch schwieriger, das Ganze als Traum zu erfassen.
Der Backenzahn schmerzt einfach höllisch, die Fünf in Mathe steht rot angestrichen unter der Klassenarbeit und ist nicht zu übersehen. Das Auto hat eine Panne und wir stehen hier am Straßenrand und warten auf den Abschleppdienst. Die Stromrechnung lag heute im Briefkasten und enthält die Aufforderung, eine satte Nachzahlung zu leisten. Der Ehemann hat gebeichtet, er sei fremdgegangen und der Orthopäde hat gesagt, die Hüfte müsse erneuert werden, weil sie in einem desolaten Zustand sei.
Alles ein Traum?
Wenn ich nachts schlafe, träume ich auch die Gefühle, die den Traum begleiten. Ich habe dann Angst. Ich fühle dann Schmerz. Ob Traurigkeit, Verzweiflung oder körperliche Einschränkungen. Es ist alles so, als sei es real und ich merke erst, dass ich geträumt habe, wenn ich aufgewacht bin.
Das gerade jetzt erinnert mich an den Besuch meines Großvaters vor langer Zeit.
Opa war gekommen.
Mein kleines Mädchenherz hüpfte vor Freude. Er beugte sich zu mir herunter und nahm mich auf seine starken Arme. Wie groß er war, wie beschützend. An seine breite Brust geschmiegt kaute ich schon an der mitgebrachten Schokolade. Opa roch so gut. Ein herrlicher Duft war es, nach Rasierwasser und Zigarre. Vor allem der Zigarrengeruch war typisch. Das war mein Opa, niemand anders roch so gut wie er. Er streichelte meinen Kopf und fragte: „Na, meine kleine Prinzessin, wie geht es dir?“ Dabei schaute er mich liebevoll an und hörte meinem Geplapper aufmerksam zu. Zwischendurch lachte er. Die Fältchen um seine Augen tanzten hin und her und die Augen blitzten vergnügt.
Alle gingen ins Wohnzimmer, um miteinander Kaffee zu trinken. Opa setzte sich und nahm mich auf seinen Schoß. Und wir spielten das Spiel: Hoppe, hoppe, Reiter …
Mama sagte: „Vater, lass doch diesen Unsinn hier bei Tisch!“
Aber wir spielten. Und ich hüpfte hoch und höher, sah das fröhliche Lachen Opas und lachte mit. Mein Opa, wie sehr ich ihn liebte. Das waren meine Gedanken. Wilder und wilder ging es, und als der Reiter „plumps“ machte, durchzuckte es mich im ganzen Körper und ich wachte auf.
Ich lag in meinem Bett, schaute mich um und registrierte jetzt erst, dass alles ein Traum gewesen war. Ich sah den Wecker, der gleich klingeln würde. Ich würde gleich meine Kinder wecken, ihnen Frühstück machen und dann selbst zur Arbeit fahren. Und Opa? Opa war schon seit über dreißig Jahren nicht mehr unter uns.
Oder doch? Ich schnupperte.
Da war es. Ein unverwechselbarer Geruch lag in der Luft. Zigarre, ganz eindeutig Zigarrenduft.
Ich lächelte.
Es ist ganz wichtig zu erkennen, dass die äußeren Dinge einfach ein Produkt unserer geistigen Aktivität sind. Die Ursache liegt immer in den Gedanken und die Wirkung ist dann außen zu sehen. Wir Menschen verhalten uns, als sei es genau umgekehrt. Wir reagieren auf die Dinge da draußen und versuchen sie dort, wo wir sie sehen, zu verändern. Das kann doch gar nicht klappen.
Stell dir mal vor, du sitzt im Kino. Deine Gedanken sind die Filmspule im Projektionsraum. Die Welt, die du siehst, ist das Geschehen auf der Leinwand. Bevor du das Kino betreten hast, hast du beschlossen zu vergessen, dass es nur ein Film ist. Damit du mehr Genuss hast und stärkere Gefühle spüren kannst, hast du dich darauf eingelassen, diesen Film als real anzusehen und dich selbst als einen Teil davon.
Nun siehst du vielleicht einen „Film“, in dem „action“ in blutrünstigsten Farben gezeigt wird. Er handelt von Elend, Mord, Verfolgung und fürchterlicher Angst. Im tiefsten Inneren weißt du, dass der Film vermutlich ein Happy End hat und du dich nicht wirklich sorgen musst. Du weißt, dass der Film auch mit grausigem Ende nichts bewirken kann, weil es ja nur ein Film ist.
Doch du bist so gefangen in diesem Film, du hast dich den Illusionen so hingegeben, dass du in diesem Moment wirklich Angst hast. Du gruselst dich und erzitterst vor der Grausamkeit dieser Welt und nimmst nicht mehr wahr, dass du nur in einem Kino sitzt und auf eine Leinwand schaust. Den anderen Kinobesuchern ergeht es genauso. Sie zittern vor Angst, klagen und lassen ihrer Ablehnung freien Lauf. Du bleibst wie erstarrt sitzen und erträgst all das Leid. Vielleicht schaust du weg oder hältst dir die Ohren zu. Die ganz Mutigen rennen zur Leinwand und versuchen mit aller Kraft die Personen, die Dinge und Situationen anders zu arrangieren, zu bekämpfen oder sie zu überreden, anders zu handeln. Genauso verhalten sich die Menschen in dieser Welt. Entweder versuchen sie durchzuhalten oder sie schauen weg.
Die Mutigen werden zu Menschen, die die Leinwand bekämpfen. Sie klagen die Zustände an und organisieren sich gegen andere Organisationen. Sie kämpfen gegen Krebs, gegen Aids, gegen den Hunger, gegen Korruption und Terror. Sie bemängeln Politiker, Wirtschaftsbosse, den Fortschritt oder die Medizin. Sie sind zu einem Instrument des Urteilens geworden.
Das ist ein bisschen wie bei Don Quichote, der gegen die Windmühlen kämpft, findest du nicht?
Dieses Verhalten ist nicht nur sinnlos, es fördert sogar die negativen und unliebsamen Erscheinungen. So entsteht durch Ablehnung, Widerstand und Aufmerksamkeit mehr und mehr scheinbares Leid auf der Leinwand, ein Teufelskreis, aus dem die Welt und die Kinobesucher kaum noch herausfinden.
Wie wäre es denn, mal etwas völlig anderes zu tun? Wenn dir der Film nicht gefällt, den du in deinem persönlichen Kino siehst, dann steh einfach auf, geh in den Projektionsraum und lege einen neuen Film ein. Das kannst du jederzeit. Von jetzt auf gleich.
Nimm einen schönen, liebevollen Film, der bunt und fröhlich ist. Einen Film, der alle verbindet und niemanden ausschließt. Das ist wirklich Mut, denn am Anfang wirst du belächelt werden. Manche Leute werden über dich den Kopf schütteln und deine Denkweise und dein Handeln kritisieren. Doch du wirst wissen, dass es der richtige Weg ist und das allein reicht aus, die Zweifelnden und Zauderer ins Licht zu holen. Sie werden alle kommen. Das ist sicher.
Und so hüpfe ich als Joy mit einer beglückenden Filmspule durch dieses Leben und nehme das bewusst wahr, was sie auf die Leinwand projiziert. Ich liebe mich und alle Menschen, bin offen und empfangsbereit für alles Gute in der Welt. Meine Mitmenschen umgeben mich mit Wärme und Vertrauen, sodass ich die Einheit spüren kann. Ich sehe nur die Liebe und sonst nichts.
Das Leben ist herrlich und diesen Traum empfinde ich inzwischen als glücklichen Traum. Wir sind nur einen Schritt von dem Erwachen in die Wirklichkeit entfernt und können jetzt ruhig und gelassen warten, bis alle so weit sind. Niemand muss sich anstrengen und niemand muss überzeugt werden. Es geht von ganz allein, weil wir eins sind und die liebevollen, heilsamen Gedanken sich in jedem ausdehnen werden. Wir gehen gemeinsam.
Ich bin voller Freude über uns.
Nun ja, wie du weißt, gab es bei mir auch andere Zeiten. Für die einen Menschen führt das Erleben von tiefem Leid in den vermeintlichen Tod, für andere führt der gleiche Umstand auf den Weg ins Licht, den sie vorher nicht kannten. Der Unterschied zwischen beiden Wegen liegt in der inneren Haltung des Einzelnen gegenüber seinem Zustand.
Ja, ich gebe zu, dass ich um Haaresbreite in die falsche Richtung gelaufen bin. Doch dazu später.
Die innere Haltung kann zum Beispiel bei zwei Menschen, die genau die gleiche Krankheit haben, zwei völlig unterschiedliche Wirkungen haben.
Während einer Reha-Maßnahme vor einigen Jahren lernte ich zwei Frauen kennen, mit denen ich mich anfreundete. Im Dreierpack unternahmen wir gemeinsam Ausflüge, gingen schwimmen oder machten einen Stadtbummel. Margarete und Birgit hatten die gleiche Erkrankung, Brustkrebs.
Beiden wurde gesagt, dass sie gute Chancen zur Heilung hätten. Für Margarete war die Diagnose Krebs ein Drama. Sie erzählte es in ihrem Freundes- und Familienkreis und machte es selbst überall zum Gesprächsthema Nummer eins. Wie wir erfuhren, beschäftigte sie sich intensiv im Internet mit den Heilungschancen dieser Erkrankung und ließ sich von den Niederlagen anderer ängstigen. Zu guter Letzt gründete sie eine Selbsthilfegruppe, in der die Krankheit Krebs besonders thematisiert wurde. Margarete ernährte sich absolut kontrolliert, begrenzt und eingeschränkt.
Sie gönnte sich null Spaß beim Essen und gestand sich auch sonst keinerlei Freuden mehr zu. Sie hatte sich völlig ihrem Leid hingegeben.
Birgit dagegen war ganz anders. Sie verdrehte oft genervt die Augen, wenn Margarete wieder ihre Leidensnummer zum Besten gab. Birgit hörte ich weder stöhnen noch mit ihrem Schicksal hadern.
Sie war offen, kommunikativ, lachte viel und flirtete mit den männlichen Kurgästen. Sie gönnte sich Wellnessmassagen, riesige Eisbecher mit Sahne und verwöhnte sich selbst mit allem, was ihr Freude bereitete. Während dieser Zeit trafen wir auf Rosi, die im Heilungszentrum eine Yogagruppe leitete. Rosi sah die Art und Weise, wie Margarete und Birgit mit ihren Erkrankungen umgingen und sprach uns an: „Meine lieben Mädels. Ich verrate euch mal ein Geheimnis und es ist eure Sache, was ihr daraus macht. Jede Krankheit ist nichts weiter als eine Wirkung von eigenen, falschen Überzeugungen und den daraus entstandenen, schlechten Gefühlen. Wer gesund werden will, muss seine innere Einstellung zum Leben und zu sich selbst ändern. Ganz einfach.“
Birgit hatte aufmerksam zugehört, genau wie ich. Nachdenklich lauschten wir dem Nachhall dieser Worte.
Margarete fing spöttisch an zu lachen: „Ja, wer´s glaubt, wird selig. Ganz einfach, sagst du? Ich finde es nicht gerade nett von dir, einem schwerkranken Menschen so etwas ins Gesicht zu sagen. Damit drückst du ja aus, dass jeder Kranke selbst an seiner Krankheit schuld ist.“
„Schuld hat niemand“, erklärte Rosi, „denn Schuld gibt es nicht. Aber, dass sich jeder seine Krankheit selbst erschafft, ja, das stimmt. Vor allem die Konzentration auf eine Sache erhält ihre Existenz und verstärkt sie. Wer eine Krankheit hat und dagegen ankämpft, sich dagegen wehrt oder sie ablehnt, der bekommt sie nur um so schlimmer.“
An Margarete gewandt sagte Rosi eindringlich: „Nimm den Krebs an, erkenne ihn als selbsterschaffen an, fühle gelassen hinein und lass ihn dann in Liebe frei. Dann kann er gehen.“
Margarete wurde nun richtig zornig und funkelte wütend mit ihren Augen: „Wie kannst du so etwas sagen? Du hast doch gar keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man die Diagnose Brustkrebs bekommt.“
Rosi blieb ruhig und sagte leise: „Doch, ich habe Ahnung. Ich hatte selbst im letzten Stadium Brustkrebs und alle Ärzte hatten mich aufgegeben. Meine Tochter schenkte mir ein Buch, das sich mit der Macht der Gedanken beschäftigte. Dieses Buch hat mich gerettet und mein komplettes Wissen auf links gedreht. Ich las es, nein, ich verschlang es geradezu und endlich verstand ich die Zusammenhänge. Ich wurde gesund. Heute gebe ich Kurse in Entspannungtechniken, in positivem Denken und leite Seminare, die die Macht der Gedanken erklären.“
Margarete nahm die Worte von Rosi nicht an und ging ihr fortan aus dem Weg. Birgit und ich trafen uns weiterhin noch einige Male mit Rosi und wir blieben auch nach der Kur noch in freundschaftlicher Verbindung. Monate später berichtete mir Birgit von ihrem Heilungserfolg. Sie ist heute gesund und lebt ein Leben voller Freude und Hingabe. So wie ich.
Was aus Margarete geworden ist, weiß ich nicht. Sie hat den Kontakt zu uns beiden schon lange abgebrochen.

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Leseprobe: Die Alchimar – Start ins Leben

Start ins Leben

Als sie Maja an diesem Abend ins Bett brachte, ermahnte ihre Tochter sie, in dieser Nacht offen zu sein und Milos eine Chance zu geben. Miriam war dann mit einem mulmigen Gefühl in ihr Bett gekrochen und lag jetzt, Stunden später, immer noch hellwach in den Kissen. Sie hatte Angst davor, einzuschlafen und den Besuch zu verpassen. Im Grunde hoffte sie, es würde gar nichts passieren und sie könnte sich einreden, dass Maja nur eine blühende Fantasie besaß. Die Aussicht, alles, was sie an diesem Tag erfahren hatte, würde sich nur als eine Spinnerei ihrer Tochter entpuppen, beruhigte sie. Alles andere würde ihr ganzes Weltbild durcheinanderwerfen.
Die Hoffnung verschwand schlagartig, als Miriam kurze Zeit später eine Bewegung neben dem Bett wahrnahm. Verzweifelt kniff sie die Augen zu, wünschte sich, dass es sich nur um eine Halluzination handeln möge. Eine Reak-tion auf Majas wahnwitzige Geschichten. Doch der Mann am Fußende ihres Bettes war noch immer da, als sie die Augen widerwillig öffnete. Fast automatisch griff Miriam nach dem Lichtschalter und knipste das weiche Licht ihrer Nachttischlampe an, nicht wissend, dass ihre Tochter vor nicht allzu langer Zeit ebenso das Licht angeknipst hatte, als Salomir sie das erste Mal aufsuchte.
Der Mann, der laut Majas Aussage den Namen Milos trug, stand einfach nur da. Seine dunklen Augen musterten sie belustigt. Miriam fühlte sich plötzlich nackt, sie fröstelte und zog die Bettdecke bis zum Kinn hoch. Unverwandt starrte sie den Eindringling an und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Einige Minuten lang geschah gar nichts. Die beiden blickten sich an wie zwei Kämpfer, die den Gegner taxieren, um die nächste Bewegung vorauszusehen.
Miriam fühlte sich mehr und mehr unwohl in dieser Situation. Das ist doch lächerlich, dachte sie bei sich, das ist mein Schlafzimmer, ich bin erwachsen und Mutter einer siebenjährigen Tochter und ich sitze wie ein verschreckter Hase im Bett. Mit einem Ruck setzte sie sich auf. »Was willst du von mir, Milos?« Der Mann setzte sich in Bewegung und kam lächelnd näher. »Ah, du kennst meinen Namen. Deine Tochter konnte dich also überzeugen, das ist gut.« Schritt für Schritt kam er näher und ließ sich schließlich auf der Bettkante nieder. Erschrocken zuckte Miriam zurück und versuchte, sich zwischen ihren Kissen zu verkriechen. »Ich bin gekommen, um dich an deine Aufgaben zu erinnern. Du darfst dich von der Macht der Gesellschaft nicht abhalten lassen. Geld und Korruption bringen dich nicht weiter.« Abwartend, ob seine Worte zu der verängstigten Frau durchdringen würden, saß Milos da. Er hatte seine Hände im Schoß gefaltet und beobachtete jede ihrer Regungen genau. Miriam ließ seine Worte auf sich wirken. Irgendwo tief in ihrem Inneren schienen sie auf Zustimmung zu treffen. Ähnlich war es ihr heute ein paar Mal im Gespräch mit Maja gegangen. Obwohl ihr Verstand nicht glauben wollte, was ihre Tochter berichtete, in ihrem Inneren schien es einen Ort zu geben, der es besser wusste.
»Was soll ich tun? Wie kann ich wissen, was meine Aufgaben sind?« Verzweifelt hob Miriam die Hände. Hatte sie nicht bis jetzt schon versucht, ihren Aufgaben gerecht zu werden? Jeden Tag war sie zur Arbeit gegangen, um ihren Dienst zu tun. Um Maja ein angenehmes Zuhause bieten zu können. Sie hatte sich bemüht, ein ehrenhaftes Leben zu führen. Hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Was konnte sie also mehr tun? »Du weißt bereits, was zu tun ist. Dein Unterbewusstsein wird dich leiten, du musst es nur zulassen. Versuche auf deine innere Stimme zu hören. Als Kind hattest du damit nicht solche Probleme. Weißt du noch?«
Fetzen längst vergessener Erinnerungen schoben sich vor Miriams Augen. Ohne dass sie es verhindern konnte, zogen die Bilder von beschriebenen Papierbögen durch ihr Bewusstsein. Die vielen Hundert Geschichten, die sie geschrieben hatte. Sie hatte ganze Schuhkartons mit eng beschriebenen Blättern gefüllt. Die Worte waren nur so aus ihr herausgeflossen. Schon früh hatte Miriam erkannt, welch große Macht das geschriebene Wort hatte. Wenn man die Menschen erreichen, sie berühren wollte, ging das am Besten, wenn man ihnen ein Buch in die Hand drückte. Als Kind hatte sie das Gefühl, dass sie jede Menge Dinge besaß, an denen sie andere Menschen teilhaben lassen wollte. Miriam hatte nie etwas anderes tun wollen, als die Menschen mit ihren Geschichten zu unterhalten. Aber ihre Eltern hatten sie ausgelacht und den aufkeimenden Berufswunsch der jungen Schriftstellerin im Keim erstickt.
Auch an andere Dinge erinnerte sie sich plötzlich wieder. An die vielen Stunden, die sie damit zugebracht hatte, verletzte Tiere einzusammeln und wieder aufzupäppeln. Es gab viele Katzen in der Nachbarschaft in dem kleinen Ort, in dem sie aufgewachsen war. Immer wieder fingen sie Mäuse oder Vögel, spielten eine Weile mit ihnen und ließen sie dann halb tot auf der Wiese zurück. Wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, hatte Miriam zu den verletzten Tieren gefunden und sie eingesammelt. Liebevoll hatte sie die Wunden versorgt und die Tiere gestreichelt. Stundenlang hatte sie ihnen Geschichten erzählt und sie mit winzigen Brotkrumen gefüttert. Fast alle Tiere hatte sie heilen können, hatte mehr als einmal das Gefühl gehabt, die Tiere könnten jedes ihrer Worte verstehen.


 

Miriam war eine Einzelgängerin gewesen. Sie war sich selbst genug, hatte viel in ihrer Fantasie gelebt und in den Tag hinein geträumt. Für sie hatte es einfach keine Probleme gegeben, die man nicht durch eine gute Geschichte hätte beheben können. Ihre Eltern hatten leider wenig Verständnis für ihre Kinderwelt aufgebracht. Sie hatten alles dafür getan, ihre Tochter unsanft in die Realität zurückzuholen. Miriams Leben war von Anfang bis Ende durchgeplant gewesen. Da war kein Platz mehr für ihre eigenen Wünsche oder Träume. Je älter sie wurde, desto seltener dachte sie an ihre Geschichten. Der Wunsch sich mitzuteilen rückte in immer weitere Ferne und Miriam lernte, sich anzupassen. Schon bald waren die Schule und die folgende Ausbildung im Büro das Wichtigste in ihrem Leben.
Nur ein einziges Mal hatte sie sich gegen ihre Eltern aufgelehnt. Sie ließ sich mit einem Jungen aus der Nachbarschaft ein und wurde schwanger. Der Junge zog in eine andere Stadt und sie verloren sich aus den Augen, noch bevor sie ihm von dem Baby erzählen konnte. Für ihre Eltern war die Schwangerschaft völlig inakzeptabel, ihre Tochter eine einzige Enttäuschung für sie, und Miriam war von da an auf sich allein gestellt.
Als Miriam so in ihrem Bett saß und sich an ihre Kindheit zurückerinnerte, überkam sie eine tiefe Traurigkeit. Keiner ihrer Träume war wahr geworden und sie hatte es einfach so hingenommen. Mit jedem Tag ihres Lebens hatte sie sich weiter von sich selbst entfernt, immer nur darauf bedacht, ihren vorbestimmten Platz in der Gesellschaft einzunehmen und nicht aufzufallen.
Betrübt blickte sie Milos an, der saß nur da und lächelte sie liebevoll an. »Ich glaube, du weißt was ich meine. Es ist zwar wichtig, dass man in der Gesellschaft der Unteren Welt zurechtkommt, aber es ist noch wichtiger, sich selbst dabei nicht zu vergessen. Jeder von euch hat seine eigenen Aufgaben. Und ihr alle habt eure individuellen Fähigkeiten und Werkzeuge mitbekommen, um diese Aufgaben auch zu erfüllen.«
Behutsam griff er nach Miriams Hand. »Es gehört mehr dazu, ein erfülltes Leben zu führen, als nur genug Geld und Ansehen zu haben. Deine Wünsche und Träume haben ihren Ursprung aus deinem Unterbewusstsein. Sie sind wichtige Anhaltspunkte, um dir den richtigen Weg zu zeigen.« Miriam erwiderte sein Lächeln unsicher. Sie wusste noch immer nicht so richtig, was von ihr erwartet wurde, aber sie würde versuchen, zukünftig ein wenig mehr auf ihre innere Stimme zu hören.