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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8)

Fiona – Spinnen

„Verzeiht die Art und Weise, wie wir euch hergeholt haben. Einer Einladung wärt ihr aber vermutlich nicht gefolgt.“
Ich starre die riesige Spinne an. Das glaube ich einfach nicht! Dann werfe ich einen Blick auf Katharina. Immerhin kann ich den Kopf schon bewegen und ich spüre meinen Körper wieder. Wir sind nicht tot, wir werden nicht verwertet und wir reden mit einer Spinne. Vielmehr redet diese mit uns.
„Mein Name ist Sor. Ich bin ein Neag. Mir ist bewusst, dass euch die Umstände eures momentanen Seins seltsam anmuten dürften.“
Die Art, wie diese Spinne redet, mutet mich auch seltsam an.
„Was ist ein Neag?“, erkundige ich mich, da mir gerade nichts Besseres einfällt.
„Nun, ihr Menschen kennt unterschiedliche Hierarchiestufen, zum Beispiel des Sicherheitsdienstes. Neag ist einer der höchsten Ränge. Ich unterstehe einer der Königinnen.“
Hm. Also ein General. Logischer wäre vielleicht ein Minister, aber er hat von Hierarchie gesprochen, dazu passt das Ministeramt nicht wirklich. Ich betrachte ihn jetzt einfach als General. Immerhin, wir werden wichtig genug eingeschätzt, um zu einem General gebracht zu werden. Ganz zu schweigen von der Art der Einladung.
„Glaubst du dem auch noch?“, fragt Katharina aufgebracht. „Eine Spinne!“
„Aber eine, die mit uns spricht“, erwidere ich. „Wir wurden nicht getötet, nur bisschen gelähmt, sonst hätten wir uns wohl ein bisschen gewehrt.“
„Das ist absolut korrekt“, bestätigt Sor.
Er steht einige Meter von uns entfernt und beobachtet uns. Seine Fühler sind ausgestreckt, bewegen sich aber nicht. Wahrscheinlich könnte er sie wie eine Lanze in uns bohren, groß genug sind sie ja. Sor dürfte etwa die Größe der Spinne haben, die den Schmetterling erledigt hat.
Um uns herum ist es schwarz. Nicht wegen der Dunkelheit, sondern weil das Material, das uns umgibt, schwarz ist. Ich spüre das Material auch unter uns, es fühlt sich irgendwie weich an, ein bisschen wie Kaugummi. Gefaltet. So ungefähr muss es für eine Ameise aussehen, die sich in einen großen, zusammengeknüllten Haufen schwarzer Gaze verirrt.
Katharina mustert die Spinne, danach mich. Sie reibt sich die Handgelenke, dann setzt sie sich auf. Ich folge ihrem Beispiel. Etwas wackelig, aber es geht. Die Wirkung des Gifts lässt rasch nach. Es tut gut, den eigenen Körper wieder zu spüren.
„Wo sind wir hier?“, frage ich.
„Das ist die Tarx, ein Teil der Welt, in der die Spinnen leben. Im Übrigen ist es erstaunlich, dass es möglich war, euch ungeschützt herzubringen. Normalerweise müssen selbst die Leichen verpackt werden, um sie durch das Spinnenloch zu transportieren, sie würden sonst zersetzt. Euch ist nichts geschehen. Ihr seid beide keine gewöhnlichen Menschen.“
„Das stimmt. Aber was ist das Spinnenloch?“
„Das Spinnenloch ist überall. Es umgibt die Welt wie eine Hülle, es ist unsichtbar. Eigentlich befindet ihr euch auch jetzt darin, denn unsere Welt, unser Nest, ist überall, es ist so groß wie die Welt, doch das Spinnenloch trennt es von der Menschenwelt. Nur Spinnen und einige besondere Menschen sind in der Lage, darin ungeschützt zu überleben. Die Prex bewegen sich auch durch das Spinnenloch.“
„Die Züge unter den Bahnhöfen?“
„Genau. Ich bin überrascht, wie wenig überrascht du bist.“
Ich sehe Katharina an. „Da ist ja meine Verborgene Welt.“ Dann wende ich mich wieder an Sor. „Dort, wo ich herkomme, gibt es etwas Ähnliches. Auch dort können die Menschen es normalerweise nicht sehen.“
„Aber ihr schon?“
Ich nicke.
„Das überrascht mich nicht. Nun, ihr habt sicherlich sehr viele Fragen, die ich, eigentlich wir, euch gerne beantworten werden. Doch zuvor möchte ich euch bitten, mich an einen Ort zu begleiten, der den menschlichen Bedürfnissen angepasster ist. Dort könnt ihr euch frischmachen und von den Auswirkungen des Giftes erholen. Ich werde euch dann abholen und zu jemandem bringen, der alle eure Fragen beantworten wird.“
Ich erhebe mich, doch Katharina hält mein Handgelenk fest.
„Glaubst du ihm das ernsthaft?“, fragt sie, immer noch aufgebracht.
„Klar. Wie ich schon sagte, wir wurden nicht getötet, nur gelähmt, damit wir der etwas ungewöhnlichen Einladung folgen. Ganz ehrlich, eine sprechende Spinne, die offensichtlich weiß, was hier läuft, im Gegensatz zu allen Menschen, denen ich bisher begegnet bin, finde ich ausgesprochen spannend. Im Moment habe ich nicht das Gefühl, wir befänden uns in Gefahr. Komm jetzt.“ Ich ziehe sie auf die Füße, was sie widerstandslos geschehen lässt.
Sor dreht sich um, indem er Decke und Boden miteinander vertauscht. Cool. Da wir aber solche Kunststücke nicht beherrschen, folgen wir ihm auf dem bisherigen Boden, der vermutlich auch der echte Boden sein dürfte. Falls es so was hier gibt. Weiß ja schließlich immer noch nicht, wo die Gravitation eigentlich herkommt.
Katharina hält meine Hand fest. Wogegen ich absolut nichts habe. Trotzdem fühlt es sich irgendwie ungewohnt hat. Katharina ist nicht gerade ängstlich, doch die momentane Situation beeindruckt sie. Das mag auch mit ihren fehlenden Erinnerungen zu tun haben, schließlich hat sie früher sogar Drachen gesehen.
Nachdem wir eine Weile hinter der Spinne hertrotten, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wo wir sind und ohne eine Chance, den Weg zurück zu finden, erreichen wir eine Tür.
Eine. Tür.
Was zum Teufel …?
Sor drückt mit einem der Beine oder was auch immer einen Knopf, woraufhin die Tür sich öffnet und den Blick auf einen Korridor offenbart. Sieht aus wie in einem Hotel der Preisklasse, die ich als CEO zu nutzen pflegte.
Hm.
„Da drin findet ihr Appartements. Derzeit sind alle unbesetzt, ihr habt also die freie Auswahl. In etwa einer Rul lasse ich euch holen, bis dahin wünsche ich euch einen angenehmen Aufenthalt. Es sollte alles vorhanden sein, was ihr benötigt. Sollte wider Erwarten etwas fehlen, seid bitte so frei und benachrichtigt uns über das Telefon, wir sorgen dann umgehend für Abhilfe.“
Damit entfernt er sich und lässt zwei Blondinen zurück, die ihm mit offenen Mündern hinterher starren.
„Wow!“, sage ich. „Einfach nur krass!“
„Einfach nur was?“ Katharina sieht mich völlig verwirrt an. „Überhaupt, verstehst du das?“
„Nein, nicht im Geringsten. Komm, wir sehen uns das Appartement mit Telefon an. Mit Telefon!“
„Was ist das?“
Statt einer Antwort betrete ich den Korridor und öffne die nächstbeste Tür. Katharina folgt mir hastig. Hinter ihr schließt sich die Tür. Ich gehe zurück und suche einen ähnlichen Knopf wie draußen. Den gibt es auch, und als ich ihn berühre, gleitet die Tür wieder auf. Ich strecke den Kopf hinaus, doch da ist nur der leere … äh, ja, was? Korridor? Gang? Keine Ahnung. Jedenfalls das, durch das wir gekommen sind. Offenbar sind wir keine Gefangene.
Das Appartement ist die nächste Überraschung. Nicht nur der Korridor entspricht der Preisklasse eines Adlons, sondern auch das Appartement. Besser gesagt, die Suite. Und zwar nicht die Junior Suite.
„Okaaay …“ Ich deute auf eine gediegene Kommode. „Da steht übrigens das Telefon.“
„Wozu ist das gut?“
Wir gehen dorthin und sehen uns das klassische Modell an. Mit Wählscheibe und Leitung. Hallo? Wo sind wir denn hier gelandet? Am Ende waren die letzten fünf Jahre nur ein bescheuerter Traum? Oder ein Drogentrip? Welche Droge verursacht denn so was?
„Damit kann man mit jemandem sprechen, der ganz woanders ist.“ Ich nehme den Hörer und reiche ihn der Staunenden. „Das hier ist die Sprechmuschel, die hältst du vor den Mund. Und das andere Ende ans Ohr.“
Katharina tut es, dann reicht sie ihn mir hastig. „Da spricht jemand!“
Ich nehme den Hörer.
„Hier ist der Zimmerservice. Was kann ich für Sie tun?“
„Oh, ich wollte nur wissen, ob das Telefon funktioniert. Entschuldigung.“
„Keine Ursache, dafür sind wir ja da.“
Ich starre das Telefon an. „Okay, das ist selbst für meine Verhältnisse ungewöhnlich.“
Katharina zuckt die Achseln und schlendert zu einer Tür. Dann schreit sie auf: „Eine Dusche!“
Tatsächlich ist es ein Badezimmer, und darin gibt es auch eine Dusche. Die der Dusche im Zug sehr ähnlich sieht. Als ob derselbe Architekt sich auch hier ausgetobt hätte. Eigentlich nicht erstaunlich, denn die Worte des Spinnengenerals ließen es ja bereits vermuten, dass die Spinnen auch mit den Expresszügen zu tun haben. Prex, oder wie sie heißen.
Prex da, Tarx hier. Lustige Namen.
Katharina zieht sich aus und geht in die Dusche. Kann ich gut verstehen, die letzten Stunden waren schweißtreibend. Und der Gestank der Leichen ist auch noch zu spüren.
„Ich nehme an, du verprügelst mich, wenn ich versuche, mit dir zusammen zu duschen.“
Katharina sieht mich nachdenklich an. Schließlich nickt sie.
Hm. Da musste sie aber lange überlegen. Eigentlich ein gutes Zeichen.
Als ich mich umdrehe und rausgehen will, fragt sie plötzlich: „Zeigst du es mir?“
„Was?“
„Wie man sich da unten rasiert?“
Ich fahre herum. „Wieso willst du dich rasieren?“
„Das ist meine Sache.“
Was soll ich davon denn halten? Und überhaupt, wie soll ich ihr das denn zeigen?
„Am besten wäre ein Nassrasierer, aber ich sehe hier keinen. Nur den.“ Ich halte ein Rasiergerät hoch. Von der Form her könnte das hinkommen. Ob es in der Dusche auch funktioniert, weiß ich nicht. Versuchsweise halte ich es eingeschaltet im Waschbecken unter den Wasserstrahl. Schlimmstenfalls sterbe ich mal eben, das wäre hilfreich, damit ich nicht mehr auslaufe.
Leider ist mir nicht einmal das vergönnt.
Ich bringe Katharina das Rasiergerät. Sie nimmt es durch die geöffnete Tür an
„Einfach die Haare damit abmachen. Bisschen Geduld ist nötig, aber nicht aufgeben. Du schaffst das schon.“
Dann verlasse ich fluchtartig das Badezimmer. Die Berührung von Katharinas Hand beim Überreichen, ihre Nähe, der Duft ihrer Haut, das ist mir definitiv zu viel. Sie muss eine Sadistin sein.
Ich schau mir die Suite an und finde eine kleine Küche mit Mikrowelle. Der Kühlschrank ist voll, auf einem Tisch steht ein Korb mit Obst.
Mit Obst???
Okay, keine Bananen und so, aber Früchte. Hiesige Früchte. Trotzdem.
Ich kaue gerade auf etwas herum, was mich am ehesten an einen Apfel erinnert, als Katharina nass aus dem Bad kommt.
„Ist das so … okay?“
Auf meinen fragenden Blick hin deutet sie zwischen ihre Beine.
Ich atme tief durch.
„Ja. Hör zu, Katharina. Mach das nicht. Entweder ich darf dich küssen, und zwar überall, oder zieh dich an!“
Sie sieht mich wieder so nachdenklich an, dann holt sie sich einen Bademantel. Der ist zwar recht kurz, aber dafür kann sie ja nichts. Und er ist immer noch länger als damals meiner, an jenem denkwürdigen Tag, als ich meine Mutter, und nicht nur die, gleich mehrfach schockiert hatte.
„Dann gehe ich jetzt duschen“, verkünde ich und setze es direkt in die Tat um.
Allerdings schließe ich die Tür ab. Wenn ich nicht etwas unternehme, werde ich wahnsinnig. Wie es aussieht, bleibt mir nur die gute, alte Handarbeit. Und dabei ist es mir scheißegal, ob Katharina was hört.

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Leseprobe: Für Elise – 15 Briefe

Für Elise

Heute erwachte ich mit Kopfschmerzen, heftigen, bohrenden Kopfschmerzen, deren Zentrum in der Mitte der Stirn lag. Ich hätte den Rotwein nicht so schnell trinken sollen, ich vertrage das nicht. Und geraucht habe ich auch, wie ich am mit Kippen halbgefüllten Aschenbecher erkenne. Ich schäme mich ein wenig für meine Schwäche, die, Sie werden es sich denken können, natürlich ihren Grund hat: Artur geht es sehr schlecht.
Dr. Mahmoudi nahm mich ernst zur Seite und sagte: »Er will nicht mehr, er ist leer. Das, was einmal an Lebenskraft in ihm gewesen ist, hat ihn verlassen. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, zu bestimmen, wie lange es noch gehen mag. Rechnen Sie jeden Tag damit.«
Mir geht es also nicht gut am heutigen Morgen. Obwohl ich ein paar Tabletten eingenommen habe und diese eindeutig lindernd wirkten, bleibt ein Druck in mir, den ich mit abscheulich verzogener Grimasse quittiere; ich weiß, was er bedeutet. Aber ich weiß auch, dass ich kein Mann der Kompromisse bin, ich werde umziehen! Ich werde dieses Land verlassen, und Artur, würde er davon erfahren, riefe lauthals: »Bravo! Wohl getan!«
Es ist Sonntag und durch meine wehleidige Untätigkeit bereits Mittag geworden. Jetzt sitzen meine ehemaligen Kollegen in den Redaktionsräumen und reden das Übliche: Herr Lamm macht dies, Dietrich jenes, Frau Wieck das. Würde ich gerne wissen, wer mein Nachfolger wird? Nein, ich glaube nicht.
Aber ich möchte, dass SIE mehr wissen, über mich und »meine« Musik, über mein Leben.
Hanna brachte mir also Schumanns Musik nahe; bei zwei anderen Komponisten, deren Nachnamen ebenfalls mit dem Buchstaben S beginnen, verhält es sich ähnlich.
Georg, mein alter Fußballfreund, schenkte mir eines Tages eine Langspielplatte mit der Bemerkung, dies sei eine chaotische Musik, und er verstehe sie nicht. Er habe es ja mehr mit der Rock-Musik, ich wisse schon: Led Zeppelin, Deep Purple, Black Sabbath, diese Kaliber. Sein Onkel habe ihm diese LP geschenkt, und er könne sie nicht umtauschen. So solle ich sie halt haben, ich wisse schon, ob diese Musik des Hörens wert wäre.
Ich besah mir das Cover der Langspielplatte: Ein wildes und abstraktes Gemälde in vielen Gelb- und Blautönen war da abgebildet. Oben stand ein Name: Igor Stravinsky, und darunter der Titel des Werkes: »Le Sacre Du Printemps«.
Zunächst mochte ich diese anscheinend gefühlskalte Musik nicht. Jahre später erst entdeckte ich den genialen Ton in namentlich diesem Werk. Andere bedeutende Tonschöpfungen von Stravinsky sind »Der Feuervogel« und »Pulcinella«. Die Musik ist schwer zugänglich und einer ungewohnten Hörerin bestimmt zu schräg und misstönend, gerade das zuerst erwähnte Opus. Hören Sie Stravinsky bitte erst, wenn Sie Bruckner und Mahler bewältigt haben.
Den anderen Komponisten, den ich eigentlich als Langweiler abgestempelt und in die Ecke gelegt hatte, brachte Artur in nachdrückliche Erinnerung.
Wir zwei fuhren zu einem Konzert eines amerikanischen Pianisten (Keith Jarrett wird noch ausführlich erwähnt werden) nach Wien, und wir fuhren die ganze Nacht hindurch mit meinem alten Ford. Ich lag auf der Rückbank und döste, meine Augen waren müde, das lange Fahren hatte mich angestrengt, ab und zu sah ich halbe Traumfetzen. Durch ein Klicken erwachte ich; Artur hatte eine Kassette in den Recorder geschoben. Und dann zogen Streicherklänge durch die Limousine, dann Bläser dazu, ein Thema erschien, alles das laut, fast ein Dröhnen, und etwas mürrisch erhob ich meinen Oberkörper, um Artur um etwas Mäßigung zu bitten. Und er hielt im selben Moment das Auto an und schaltete den Motor ab. Wir standen auf einem Parkplatz am Rande des großen Flusses, durch das Firmament zogen die ersten Anzeichen des Morgenrots, und über den Fluss hinweg sahen wir auf Wien, auf das frühmorgendliche, noch verschlafene, beleuchtete Wien. Es war ein unglaublicher Anblick, und aus dem Kassettenrecorder strömte in immenser Lautstärke »An der schönen blauen Donau« von Johann Strauß.
Noch heute bekomme ich auf der Stelle eine Gänsehaut, sobald ich diesen Walzer höre.
Die folgende Erinnerung hat sich genau so ereignet, ich schwöre es bei meiner Mutter.
Kurz vor meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, im Juli 1974, rief mich Schwarz in sein Büro und sagte sinngemäß etwa dies: »Ihr Schreibstil gefällt mir, Herr Mendelsohn. Sie formulieren gut und recherchieren sorgfältig. Ich denke, es ist an der Zeit, Ihnen eine eigene Artikelseite zu geben. Sammeln Sie Ideen und legen Sie sie mir vor.«
»Ich brauche nicht zu sammeln«, sagte ich, »ich habe ein Dutzend Ideen.«
Die Augenbrauen meines Gegenübers ruckten in die Höhe. »Aha, lassen Sie hören.«
»Ich könnte zum Beispiel über herausragende vierhändig zu spielende Klavierstücke schreiben. Sie wissen schon: Schubert, Mozart, Beethoven; die großen Komponisten in nahezu unbekannten Werken.«
»Hm«, brummte Schwarz, »und noch?«
»Frühzeitig verstorbene Musiker«, schob ich nach, »und zwar solche der Klassik wie auch des Rock und Jazz.«
Er war nicht begeistert, fand all meine Vorschläge zwar nicht schlecht, aber auch nicht gut genug. Bis ich sagte: »Ich könnte eine kleine Serie von Artikeln schreiben, die von Komponisten erzählen, die es noch zu entdecken gilt.«
»Das hört sich interessant an«, meinte Schwarz, »wen haben Sie im Auge?«
Ich überlegte kurz. »Frederick Delius, Fanny Mendelssohn, Carl Nielsen, Clara Schumann, John Cage, Mili Balakirev, Franz Xaver Richter, Antonin Reicha, John …«
»Genug«, schmunzelte Schwarz, »das ist genug. Ich will mich noch mit Herrmanns kurzschließen, um über Ihren Vorschlag zu beraten, dann gebe ich Ihnen Bescheid.«
Am nächsten Tag bekam ich das Okay.
Irgendetwas, dessen Namen ich nicht wusste, drängte mich, mit Delius zu beginnen. Ich sammelte Material; er war in Bradford, Yorkshire geboren worden, hatte viel dem Dirigenten Thomas Beecham zu verdanken, schrieb sechs Opern, eine kleine Menge Kammermusik, er starb in Frankreich. Aber ich kam über diese Standardfakten nicht hinaus.

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Leseprobe: Paternoster – Vom Auf und Ab des Lebens

Gevatter

Paternoster

„Der Tod kann sich das Leben nicht aussuchen, das er been­den muss“, so sagt es der Philosoph Manfred Hinrich. Wenn Gevatter Tod das doch nur beherzigen würde. Leider ist er beratungs­resistent.
Sicherlich hat er in diesen krisengeschüttelten Zeiten viel um die Ohren, Überstunden eingerechnet. Er ist ständig im Einsatz, auf der ganzen Welt unterwegs und stets bemüht seiner Profession gerecht zu werden.
Freunde wird er sich damit nicht schaffen. Und Dank, Dank schuldet ihm niemand dafür. Gleichwohl ist seine Arbeit vonnöten. Das sehe auch ich ein, fordere aber von ihm ein gewisses Quäntchen an Verantwortung und Empathie. Und daran mangelt es dem Tod.
Ich hatte ihn schon länger in Verdacht gehabt, zu schludern. Seine Unachtsamkeiten und Fehler konnten durch nichts entschuldigt werden, denn sie waren existentieller Art.
Es gab Listen, die der Tod abzuarbeiten hatte. Dezidiert stand darauf festgeschrieben, wer wann diese Erde zu verlassen hat. Es war dies die einzige Vorgabe, an die er sich zu halten hatte. Er tat es nicht. Er arbeitete schlampig und das war mehr als ärgerlich, das war tödlich.
Ich hatte geglaubt, den Tod zu kennen, war überzeugt, dass er kein Dummkopf sein konnte, doch die Zweifel in mir überwogen. Ich hegte den Verdacht, dass der Tod nicht lesen konnte, zumindest aber eine deutliche Leseschwäche aufwies. So sagte ich es ihm ins leere Gesicht. Natürlich stritt er es ab. Überzeugend war das nicht, zu viele Indizien sprachen gegen ihn.
Da gab es zum einen Menschen, die sich monatelang auf dem Sterbebett quälten, sich bereits in einer besseren Welt sahen, zumindest aber einer anderen Welt, und dann plötzlich wieder aufstanden, um ihre Lebenszeit abzuarbeiten. Andere ließ er in langer, schwerer Krankheit dahinsiechen, bis er sich endlich ­bequemte, tätig zu werden. Dann wiederum raffte er ganze Sippschaften, sogar Völkerstämme dahin, ohne dass dies rational nachzuvollziehen war.
In diesem Tun war kein Sinn erkennbar. Es schien, als ob er wahllos vorginge und in dem einen oder anderen Fall versuchte, Fehler zu vertuschen. Ich vermochte diese Korrekturversuche keiner höheren Macht zuzuschreiben. Nein, auf seine Selbstständigkeit hatte der Tod ja immer gepocht. Da gab es niemanden, der ihn hätte zurückpfeifen können. Er ­handelte auf eigenes Risiko, war Freiberufler. Er alleine war es, der so oder so handelte. Er war einfach überfordert, der Aufgabe nicht gewachsen.
Konnte das sein? Den einen holte er ohne Gnade, den anderen ließ er zappeln, bangen und hoffen, um dann doch vor ihn zu treten, mit der unmissverständlichen Aufforderung, endlich mitzukommen.
Nein, den Weltenlauf nach seinem Gutdünken zu verändern, stand ihm nicht zu.
Er hatte sich an die Liste zu halten. Jedem stand das Recht zu, diese Erde dann zu verlassen, wenn seine Zeit gekommen war. Niemand durfte bevorteilt oder benachteiligt werden. Dabei war es egal, wer die Liste erstellt hatte. Sie existierte und hatte gewissenhaft abgearbeitet zu werden, und zwar in der vorgegebenen Reihenfolge.

Ein heller, freundlicher Morgen bescherte mir Gewissheit, belegte endgültig die Unzulänglichkeiten des Todes.