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Leseprobe: Fiona – Beginn 2.0 (Band 1)

Fiona - Beginn 2.0

Wein. Rot wie Blut. Nein, nicht wie Blut, Blut ist dicker. Meins jedenfalls, wenn ich mal wieder eins auf die Nase kriege. Immer seltener. Im Dojo sowieso nicht mehr.
Mann. Wieso denke ich eigentlich über Blut nach? Kann ich nicht einfach mal in Ruhe ein Glas Wein trinken? Bloß weil mein Vater einen blöden Spruch losgelassen hat, als ich die Flasche und ein Glas geholt habe?
Ich atme tief durch und sehe mich um. Andere sind in dem Alter schon längst ausgezogen, ich hocke mit 23 noch in meinem Kinderzimmer. Und lasse mich von meinem Vater anmachen.
Echt klasse.
Ich trinke das Glas leer und denke wieder an das Blut. Wie das wohl aussieht, wenn man sich die Pulsadern aufschneidet? Spritzt das Blut dann richtig, bis zur Decke? Oder ist das nur in blöden Filmen so? Sollte ich mal ausprobieren, vielleicht würde das sogar meinen Vater erschüttern.
Oder auch nicht. Ist sowieso ein bescheuerter Gedanke. Selbstmord, nur damit mein Vater mal merkt, dass er eine Tochter hat?
Haha.
Ich mache das zweite Glas voll, stelle die Flasche neben dem Bett ab und zünde mir eine Zigarette an. Dann lasse ich „Supergirl“ laufen. Draußen knallt die Sonne, doch durch die heruntergelassenen Jalousien kommt sie nicht. Das Glas balanciere ich auf meinen Unterschenkeln, dort, wo sie sich kreuzen. Dabei entdecke ich einen Fleck auf den Jeans, in Kniehöhe. Hm. Blut? Sperma? Gewöhnlicher Straßendreck?
Okay, wie war das nochmal mit dem Blut, wenn ich mir die Pulsadern aufschneide? Überhaupt, wie muss ich schneiden? Nicht quer, wie oft gezeigt, damit mache ich mir höchstens die Arme kaputt. So blöd muss man erst einmal sein. Schön längs.
Ich mustere mein rechtes Handgelenk, dabei fällt Asche auf die Bettdecke. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Jedenfalls kann ich die Ader erkennen. Preisfrage: Vene oder Arterie? Und was muss ich überhaupt aufschneiden?
Vene wäre unlogisch, aber sicher auch möglich. Dauert dann vielleicht nur länger, bis man tot ist. Ein Mensch hat etwa fünf Liter Blut, wie viel muss er verlieren, bis das Bewusstsein sich verabschiedet?
Ich schicke Supergirl in die Wiederholung. Keine Ahnung, warum ich das Lied so liebe. Es war schon schwer genug, die CD zu bekommen. In Deutschland war das Lied ein Hit, irgendwann mal, in Newope aber unbekannt. Auf irgendeiner Party spielten sie es, der Junge, der die Party schmiss, war ein paar Monate in Deutschland gewesen und brachte Supergirl von dort mit.
„Supergirls just fly.“
Genau. Zum Beispiel als Engel.
Ich hebe das Weinglas und versuche, darin mein Spiegelbild zu erkennen. Das ist gar nicht so einfach, denn durch die Jalousie kommen nur wenige Sonnenstrahlen. Schließlich gelingt es mir, ihre grauen Augen einzufangen. Dass sie grau sind, sehe ich nicht, aber das weiß ich natürlich, obwohl ich es meistens vermeide, sie im Spiegel anzusehen. Zumindest in letzter Zeit.
„Hör zu“, erkläre ich dem Mädchen im Weinglas, „nur Versager denken über Selbstmord nach. Gewinner machen es einfach.“
„Oder sie lassen es, das ist noch besser“, erwidert das Mädchen.
„Klugscheißer.“
Aber natürlich hat sie recht. Und da ich nicht schon längst aufgesprungen bin und ein Messer geholt habe, will ich es nicht wirklich. Es ist einfach nur meine beschissene Stimmung, wie immer, wenn ich eine dieser dämlichen Diskussionen mit meinem Vater hatte. Wegen nichts. Ist doch meine Sache, wie viel ich trinke? Wenn er wüsste, wie oft ich besoffen von Partys nach Hause komme, wenn ich überhaupt nach Hause komme, würde er wahrscheinlich ganz ausflippen.
Geht ihn sowieso nichts an. Bin erwachsen. Allerdings würde er, nicht ganz zu unrecht, darauf hinweisen, dass ich ja ausziehen kann, wenn ich nicht will, dass er mir seine Meinung zu meinem Verhalten mitteilt.
Ich halte die Kleine im Weinglas wieder hoch, um sie zu fragen, ob sie denn wüsste, wieso ich nicht schon längst ausgezogen bin, woraufhin sie mir vermutlich mitteilen würde, dass es nur wegen Norman ist, als ich höre, wie jemand die Treppe hochgerannt kommt, dann reißt mein Vater die Tür auf und stürmt herein.
„Norman … Norman ist tot!“
Ich starre ihn an. Dann schießt mir der idiotische Gedanke durch den Kopf, dass ich ja nun ausziehen kann.
Aber hat er echt gesagt, Norman wäre tot?
„Norman? Mein Bruder? Tot?“ Ich mache wohl keinen sehr intelligenten Eindruck, allerdings bezweifle ich, dass mein Vater das überhaupt registriert.
„Unten sind zwei Polizisten und eine Psychologin! Er … er wurde überfahren!“
Mir wird bewusst, dass ich immer noch im Schneidersitz auf meinem Bett throne und ihn anstarre. Ich stelle das Glas ab und werfe die Reste der Zigarette in den Aschenbecher, dann springe ich auf und stürme an ihm vorbei nach draußen. Er folgt mir wohl, aber ich nehme die Treppe mit zwei Sprüngen. Als er endlich auch ankommt, stehe ich bereits neben meiner Mutter, die auf der cremefarbenen Couch sitzt und ins Nichts starrt.
„Was ist passiert?“, frage ich.
Niemand bestimmten von drei anderen Personen, die da sind. Nein, vier, ich sehe auch Nicholas, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht.
Die beiden Männer haben keine Uniform an. Einer ist älter, der andere weniger alt. Fast schon jung. Sie erinnern mich an die beiden … Wie hießen sie nochmal? Ach ja, Stone und Heller. Ulkig, dass ich jetzt gerade an diese uralte Serie denken muss.
„Sie sind?“, erkundigt sich Stone. Gut, die Nase ist nicht ganz so prägnant.
„Fiona Carter. Norman ist mein Bruder.“
„Ich bin Lieutenant Jack Siever. Ihr Bruder wurde bei einem Autounfall getötet. Mein Beileid. Es tut mir leid.“ Er mustert mich forschend. Vielleicht befürchtet er, dass ich ohnmächtig zusammenbreche. Oder dass ich ausflippe. Keine Ahnung, wie mein Gesichtsausdruck gerade ist. Ich spüre mein Gesicht nicht.
„Autounfall?“, wiederhole ich.
„Er wurde überfahren. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Der einzige Zeuge ist sein Freund, aber der hat einen Schock und ist im Krankenhaus.“
„Savage?“
Stone … Siever nickt.
„Ist er auch verletzt?“
„Körperlich fehlt ihm nichts. Miss Carter, das hier ist Carola Schmid. Sie ist Psychologin.“
„Ist sonst nicht immer ein Priester mit dabei?“, frage ich abwesend.
„Das kommt darauf an, wer gerade verfügbar ist“, antwortet die Psychologin. Sie sieht irgendwie sehr jung aus für eine Psychologin. Oder meine Wahrnehmung ist völlig gestört, was denkbar wäre.
Norman ist tot?
Mir fällt was ein. „In den Filmen sind es immer uniformierte Polizisten, die so eine Nachricht überbringen. Sie sind doch bestimmt nicht von der Verkehrspolizei?“
Siever schüttelt den Kopf. „Mordkommission. Wir können nicht ganz ausschließen, dass es mit Absicht war. Daher übernehmen wir den Fall. Das bedeutet nicht, dass Norman ermordet wurde. Aber die Möglichkeit besteht.“
„Ermordet? Von wem?“ Fiona, du warst auch schon mal intelligenter.
„Von dem Fahrer oder der Fahrerin des Wagens. Den ersten Auswertungen nach war es ein Geländewagen.“
„Ich will ihn sehen“, sagt meine Mutter plötzlich. „Ich will ihn sehen!“
„Das ist keine gute Idee“, erwidert die Psychologin. „Mrs Carter, Norman wurde mit hoher Geschwindigkeit von einem Geländewagen angefahren. Er … er sieht nicht so aus, wie Sie ihn kennen. Sie sollten ihn so in Erinnerung behalten, wie er …“ Sie unterbricht sich selbst, aber es ist eh klar, was sie meint. Mir jedenfalls.
Meiner Mutter nicht. Oder es ist ihr egal. „Ich will ihn sehen.“
Carola und die Polizisten sehen meinen Vater um Hilfe bittend an, doch der sagt: „Sie haben es gehört. Sie will ihn sehen.“
„Ich fahre euch. Ihr seid nicht in der Verfassung.“
„Bist du es?“, fragt mich mein Vater. „Warum?“
„Willst du echt auch jetzt noch mit mir streiten? Ich habe Norman geliebt, das weißt du auch, verdammt nochmal! Ich ziehe meine Schuhe an und dann fahre ich euch!“
Ich sehe flüchtig die entgeisterten Gesichtsausdrücke von den Polizisten, als ich nach oben renne, um meine Schuhe zu holen. In diesem Moment denke ich ganz sicher nicht an Selbstmord, an Mord schon eher.
Dieses verdammte Arschloch!

Leslie nimmt mich stumm in die Arme, dann zieht sie mich ins Haus.
„Mein Vater arbeitet noch“, sagt sie. „Wir sind also ungestört.“
Ich nicke. Bin froh, dass James nicht da ist, im Moment wäre sein Anblick vielleicht zu viel. Wir gehen in die Küche und sie macht uns Kaffee. Dann setzt sie sich mir gegenüber und sieht mich fragend an.
Ich halte den heißen Becher mit beiden Händen fest.
„Wie geht es deinen Eltern?“
„Beschissen natürlich.“ Ich atme tief durch. „Meine Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch und Carola hat sie mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt. Jetzt schläft sie, mein Vater ist bei ihr. War eine blöde Idee, ins Krankenhaus zu fahren. Hast du eine Ahnung, wie ein Dreizehnjähriger aussieht, nachdem ein Jeep über ihn hergefahren ist? Wohl mehrmals, sagen die von der Spurensicherung.“
„Also Mord?“ Leslie schüttelt den Kopf. „Nein, ich habe keine Ahnung und bin ganz froh darüber.“
„Das kannst du auch sein. Oh Mann. Man denkt, der menschliche Körper ist was Besonderes, aber …“
„Fiona“, sagt Leslie sanft. „Fiona, sollen wir gemeinsam die Küche vollkotzen?“
Ich starre sie an, dann schüttele ich den Kopf. „Nein. Sorry.“
„Schon okay, Schätzchen. Was willst du tun?“
„Ich fahre nachher ins Krankenhaus, zu Savage.“
„Der arme Kerl“, murmelt Leslie.
Ich mustere sie. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und kurze Hosen. Mit ihren schulterlangen, dunkelbraunen Haaren und den braunen Augen wirkt sie irgendwie exotisch. Sie kommt wohl eher nach ihrer Mutter als nach James. Zumindest den Bildern nach zu urteilen, ich habe sie ja nicht kennengelernt.
„Soll ich mitkommen?“
„Nein, lieber nicht. Dich kennt er ja nur flüchtig.“
„Was willst du bei ihm? Ihn trösten?“
„Keine Ahnung. Vielleicht freut er sich.“
„Kann sein.“ Leslie glaubt mir nicht. Zumindest nicht, dass ich nur deswegen zu Savage will. Sie hat ja recht, aber wenn ich das zugebe, versucht sie, es mir auszureden. Und das wiederum könnte sie nicht, also wozu unnötigen Stress erzeugen? Ich weiß ja selbst, dass ich bescheuert bin, weil ich daran denke.
„Vielleicht sollten wir heute Abend irgendwohin ausgehen“, schlägt sie vor und beobachtet mich aufmerksam.
Verdammt. Sie kennt mich viel zu gut, was für eine beste Freundin ja nicht weiter erstaunlich ist.
„Mal sehen, wie ich mich fühle, wenn ich bei Sava war“, erwidere ich. „Das ist irgendwie ganz unwirklich. Ich meine, wer rechnet schon damit, dass der dreizehnjährige Bruder stirbt? Er war doch noch ein Kind.“
„Es ist grausam. Wer es auch immer getan hat, verdient seine Strafe.Ich bin sicher, die Polizei wird ihn finden und er kommt für sehr lange Zeit ins Gefängnis.“
„Meinst du? Die Polizisten wirkten nicht so auf mich, als hätten sie viel Hoffnung.“
„Die haben heute viele Möglichkeiten, das Auto zu finden. Frag mal meinen Vater. Auch wenn er schon lange weg ist, wird er es dir erklären können.“
„Er war beim Geheimdienst, nicht bei der Polizei.“
„Das bedeutet nur, dass er die technischen Möglichkeiten kannte, über die die Polizei heute verfügt“, sagt sie und grinst leicht.
„Mag schon sein. Angenommen, sie finden ihn. Und dann? Dass es Mord war, wie sollen sie das beweisen? Er kommt dann wegen fahrlässiger Tötung oder so was für zwei Jahre in den Knast. Das wars.“
„Erstens ist das gar nicht sicher. Und selbst wenn, was willst du tun? Ihn selbst richten?“
Scheiße. Sie weiß wirklich, worüber ich nachdenke. Aber ich kann ihr schlecht erzählen, dass meine Mutter mich beauftragt hat, als wir auf dem Heimweg waren und kurz bevor sie ganz weggetreten war, ihn zu finden und zu töten.
„Wer tut so was?“, hat sie gefragt. Weder mein Vater noch ich konnten etwas dazu sagen. Wie denn auch? „Finde ihn, Fiona. Finde ihn und töte ihn.“
Ich sah meinen Vater an, doch der blieb stumm. Keine Ahnung, was er gedacht hat. Und ich weiß nicht, ob meine Mutter sich überhaupt daran erinnern wird, wenn sie aufwacht. Sie stand unter Drogen, als sie es gesagt hat.
Aber ich habe gespürt, welche Wut, welcher Hass da aus ihr gesprochen hat. Und dieselbe Wut, denselben Hass spüre ich in mir auch.
Das macht mir Angst, denn das sorgt dafür, dass ihr Auftrag zu meinem Auftrag wird. Da ist eine Stimme in mir, die es ständig wiederholt: „Finde ihn. Töte ihn.“ Immer und immer wieder.
Und es ist meine Stimme.
Scheiße.
„Du bist verrückt, Fiona“, sagt Leslie. „Versprich mir, dass du dich aus der Polizeiarbeit heraushältst! Ein paar Straßenjungs zu verprügeln ist was ganz anderes als so was!“
„Leslie? Ich habe nichts gesagt.“
„Genau das macht mir Sorgen. Du würdest heftig protestieren, wenn ich unrecht hätte.“
„Lass mich bitte diesen Scheißtag irgendwie überstehen, okay?“
„Möchtest du hier schlafen?“
„Ich möchte gar nicht schlafen. Das heißt, ich möchte schon, aber ich kann nicht. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich wahrscheinlich Norman vor mir. Und das ist kein schöner Anblick, das kannst du mir glauben!“
„Das glaube ich dir ja. Du könntest trotzdem hier bleiben und wir bleiben zusammen wach. Was hältst du davon?“
Ich muss unwillkürlich lächeln. Sie ist schon ein klasse Mädchen, die beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Jemanden wie mich so lange zu ertragen, ist nicht leicht. Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Freundschaft die Schulzeit überdauert. Klar, wir sehen uns seltener, sie studiert Wirtschaftswissenschaft, ich arbeite als Trainee bei meinem Vater.
Seit vier Jahren schon, wie mir gerade bewusst wird. Langsam sollte ich über eine Berufswahl nachdenken. Wie wäre es mit Geheimdienst?
„Leslie, ich bin dir echt dankbar und weiß, dass du es ernst meinst. Aber ich muss raus. Ich werde zu Sava fahren und dann wohl in den Dojo. Wenn sonst nichts geht, schlage ich solange auf einen Sandsack ein, bis entweder der oder meine Fäuste kaputt sind.“
„Deine Fäuste? Niemals.“
„Jetzt hör auf, ich bin auch nur ein Mensch. Ein schwaches, kleines Mädchen.“
„Ein Mensch, okay, kann ich gelten lassen. Aber schwache, kleine Mädchen tragen keinen schwarzen Gurt und zerschlagen keine dicken Bretter mit dem kleinen Finger.“
„Hey, das kann ich auch nicht.“
„Aber fast. Ich war dabei, du erinnerst dich vielleicht, als du vor sechs Jahren die drei Jungs krankenhausreif geschlagen hast, als sie Jeremy angegangen haben.“
„Krankenhausreif ist etwas übertrieben.“
„Einen von ihnen auf jeden Fall.“
„Okay, er hatte einen gebrochenen Arm. Und ja, ich mache seit zwölf Jahren Kampfsport.“
„Entschuldige mal, du machst nicht seit zwölf Jahren Kampfsport, du lebst seit zwölf Jahren Kampfsport. Wie viele Stunden in der Woche?“
„Zwanzig bis dreißig, je nachdem, wie ich Zeit und Lust habe.“
„Du könntest Weltmeisterin sein, wenn du endlich an Wettkämpfen teilnehmen würdest.“
Vielleicht. Der Meister ist auch überzeugt davon. Es mag sein. Aber ich hasse es. Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen. Dank meines Vaters lebe ich lieber im Verborgenen. Schon schlimm genug, dass ich früher immer mal mit zu irgendwelchen Veranstaltungen musste. Norman, Mama und ich. Die perfekte Familie zum Vorzeigen. Der hübsche Norman und die blonde, sportliche Tochter. Nach ein paar bösen Eskalationen, nicht ganz ungewollt von mir verursacht, durfte ich dann zu Hause bleiben. Der Alkohol und ich, gemeinsam sind wir unschlagbar.
„Will ich aber nicht“, erwidere ich.
„Warum nicht?“ Als wenn sie es nicht wüsste. Als wenn sie nicht von dem Krieg wüsste, der zwischen meinem Vater und mir tobt. Verstehen kann sie es nicht, sie hat den tollsten Vater der Welt. Er ist immer für sie da und macht alles für sie. Trotzdem ist sie nicht verwöhnt. Keine Ahnung, wie er das hinkriegt.
Der tolle James. Wenn du wüsstest, Leslie.
„Darf ich bei dir duschen? Danach fahre ich ins Krankenhaus.“
Leslie nickt. „Klar. Willst du frische Sachen von mir haben?“
„Nur Unterwäsche. Eigentlich reicht auch ein Höschen.“
„Mit oder ohne Stoff?“
„Haha. Ich fahre ins Krankenhaus, nicht in die Disco.“
Grinsend begleitet sie mich nach oben in ihr Zimmer und gibt mir einen halbwegs normalen Schlüpfer. Sie ist größer als ich und weiblicher gebaut, aber an der Hüfte sind wir uns ähnlich.
Wir umarmen uns, dann verziehe ich mich ins Bad. Zum Duschen und zum Heulen.

Ich starre auf die Leute, ohne sie zu sehen. Es ist heiß und ich bin viel zu dick angezogen. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich muss immerzu an Savas ausdrucksloses Gesicht denken, wie er da liegt in seinem Bett und ins Nichts starrt.
Ich lasse den Blick sinken und betrachte die Tasse mit Cappuccino. Durch die Sonnenbrille sieht der Schaum grünlich aus, aber natürlich ist der Cappuccino gut wie immer. Ich überlege, ob ich die Sonnenbrille absetzen sollte. Aber dann sehen die Leute meine verweinten Augen, und das will ich nicht.
Norman ist tot. Auch wenn das, was da in der Pathologie lag, kaum noch als Norman zu erkennen gewesen ist. Alles, was von einem Menschen übrig bleibt, ein Klumpen Fleisch und Knochen. Zumindest wenn ein Geländewagen über ihn mehr als einmal hergefahren ist. Mir fallen die totgefahrenen Katzen ein, die man manchmal auf der Straße sieht.
Die sehen genauso aus. Logisch. Ich weiß es ja. Muskeln, Knochen, Sehnen. Blut. Bei ausreichendem Druck platzt die Haut auf und alles schießt nach draußen. Zum Beispiel das Gehirn, wenn dir ein Zweitonner über den Kopf fährt.
Verdammte Scheiße, warum habe ich nicht verhindert, dass meine Mutter ins Krankenhaus fährt?
Ich nehme den Zucker, reiße das Papier an der vorgesehen Stelle auf und schütte alles in den Cappuccino. Dann beobachte ich, wie der Zucker langsam im Schaum versinkt. Schließlich nehme ich den Löffel und beginne zu rühren.
„Haben Sie keine Angst, dass die Tasse irgendwann durchgescheuert ist?“
„Was?“
Ich starre den Mann an, der mich vom Nebentisch aus angesprochen hat. Anfangsvierziger, mit dunkelblonden Haaren und braunen Augen. T-Shirt, Jeans, Sportschuhe. Freundliches Gesicht. Hat alles nichts zu bedeuten, ich habe Dreißigjährige mit Babyface erlebt, die auf Fesselspiele standen.
Was will er von mir?
Er deutet auf die Tasse. „Sie rühren den Cappuccino seit etwa zehn Minuten. Der Zucker dürfte schon längst aufgespalten sein in seine atomaren Bestandteile.“
„Die da wären?“
„Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff“, erwidert er schmunzelnd. „Im Wesentlichen.“
„Kommt mir bekannt vor.“ Ich nehme den Löffel heraus und lecke ihn ab. „Tut mir leid, ich war in Gedanken.“
„Offensichtlich. Müssen traurige Gedanken gewesen sein.“
„Wieso?“
„Ein paar Tränen haben sich unter der Sonnenbrille hervorgewagt.“
Ich fasse an mein Gesicht. Meine Fingerspitzen werden feucht.
Scheiße. Hatte ich einen Aussetzer? Zum ersten Mal in meinem Leben?
Na ja, der Anlass wäre ja gegeben.
„Sorry.“
„Kein Problem. Von mir aus dürfen Sie weinen. Oder Sie erzählen mir, was Sie so traurig macht.“
Ich denke nach. Irgendwie erinnert er mich an Phil, und das kotzt mich an. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist eine Affäre. Mit wem auch immer. Schon mal keine wie damals mit Phil.
Scheiße. Mein neues Lieblingswort.
„Mein Bruder ist heute gestorben“, sage ich achselzuckend.
Er starrt mich entgeistert an.
„Ich sollte wohl am Boden zerstört sein?“
„Jeder Mensch trauert anders. Bei Ihnen habe ich das Gefühl, Sie haben es noch gar nicht richtig begriffen. Hat man Sie angerufen?“
Ich verneine kopfschüttelnd und nippe an meinem Cappuccino.
„Ich war vorhin mit meinen Eltern in der Pathologie, weil meine Mutter ihn unbedingt sehen wollte. Er wurde von einem Geländewagen überfahren. Und vorhin habe ich seinen Freund besucht, der Zeuge gewesen ist. Und wenn ich eine Maschinenpistole hätte, würde ich alle auf der Straße erschießen.“ Ich sehe ihn an. „Habe ich Sie geschockt?“
„Ein wenig. Aber ich komme damit klar. Allerdings weiß ich nicht, was ich mit Ihnen machen soll.“
„Keine Sorge, ich habe keine Maschinenpistole.“
Er schmunzelt. „Das ist auch nicht das, was mir Sorgen macht.“
„Ich werde mich auch nicht umbringen. Ich muss nur irgendwie diesen beschissenen Tag überstehen.“
„Ich fürchte, ein Tag wird da nicht ausreichen.“
„Wahrscheinlich nicht.“ Ich trinke den Rest von meinem Cappuccino und beginne, den Schaum auszulöffeln. „Hören Sie, es tut mir leid. Wäre nicht das mit meinem Bruder, würde ich mich sogar zu Ihnen setzen und wir könnten was unternehmen. Aber mir ist nicht danach.“
Er zieht beide Augenbrauen hoch. „Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich Sie angesprochen, um …“
„Ist mir schon klar. Weinende Blondinen mit Sonnenbrille, die sich mit Cappuccino totrühren, üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf jeden normalen Mann aus.“
„Aha. Das wusste ich noch gar nicht. Aber wo wir schon dabei sind: Sie kommen mir bekannt vor.“
„Sie mir nicht.“
„Autsch.“
Ich atme tief durch, dann nehme ich die Sonnenbrille ab.
„Sorry. Ehrlich. Ich werde so oft angemacht, dass ich manchmal reflexartig reagiere.“
„Das kann ich mir vorstellen. Verraten Sie mir, woher ich Sie kenne?“
„Aus der Klatschpresse? Ich habe früher gelegentlich halbnackt auf Tischen getanzt, bei Empfängen.“
„Ach ja. Fiona Carter?“
Ich nicke.
„Es tut mir leid mit Ihrem Bruder. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir versprechen, dass Sie wirklich keine Maschinenpistole haben und auch nicht vorhaben, sich selbst etwas anzutun. Ich bin Polizist und müsste sonst etwas unternehmen.“
Ich schließe kurz die Augen. Scheiße. Noch eine Ähnlichkeit mit Phil.
„Ich verspreche es.“
Er starrt mich an, dann nickt er.
„In Ordnung. Meine Frau und die Kinder warten in irgendeinem Spielzeugladen in der Nähe auf mich. Fast würde ich lieber hierbleiben. Aber das käme wohl nicht so gut.“
Ich muss unwillkürlich lachen. Er winkt mir zu, nachdem er Geld auf den Tisch gelegt hat, und schlendert davon.
Ich bleibe noch ein paar Minuten sitzen, dann bezahle ich auch und fahre nach Hause.

Mein Vater sitzt im Wohnzimmer und liest Zeitung. Was er um diese Zeit sonst nie macht. Nicholas kann ich auch hören, er scheint in der Küche zu sein. Wollen die den Anschein von Normalität erwecken oder ist das nur, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen? Ich spüre den Schmerz ja auch, aber ich habe nicht vor, mich von ihm überwältigen zu lassen.
Da ich keine Lust auf ein Gespräch habe, gehe ich möglichst leise auf die Treppe zu.
Aber es ist zu spät.
„Fiona!“, ruft mein Vater.
Ich bleibe stehen und denke kurz nach. Schließlich gehe ich ins Wohnzimmer und zur Bar. Nach einem fragenden Blick schenke ich in zwei Gläser Whisky ein, reiche eins meinem Vater und setze mich ihm gegenüber in einen der cremefarbenen Sessel.
„Also gut, bringen wir es hinter uns“, sage ich dann betont ruhig. In mir sieht es anders aus, aber das braucht er nicht zu wissen.
„Was?“
„Was immer du mir sagen willst.“
Er starrt mich an. Schließlich nimmt er einen Schluck von seinem Drink und bemerkt: „Was deine Mutter im Auto gesagt hat …“
„Du meinst den Auftrag?“
„Es gibt keinen Auftrag! Sie stand unter Schock und wird sich wahrscheinlich nicht einmal daran erinnern, wenn sie aufwacht.“
„Das weiß ich auch. Sie war vollgepumpt mit irgendwelchen Mitteln. Trotzdem werde ich den Auftrag ausführen.“
„Das wirst du nicht tun! Es ist Wahnsinn! Selbst wenn du überhaupt in der Lage dazu wärst, würde ich es nicht zulassen!“
„Ach ja? Was willst du tun? Mich in mein Zimmer sperren? Deine erwachsene Tochter?“
„Wie eine Erwachsene benimmst du dich eher nicht.“
Dazu sage ich lieber nichts. Stattdessen trinke ich mein Glas leer und fülle nach.
„Du trinkst zu viel“, sagt mein Vater.
Ich fahre herum. „Na und? Meine Sache. Sonst ist es dir ja auch egal, was ich mache. Was kümmert dich also, wie viel ich trinke?“
„Ich bin dein Vater. Egal, wie alt du bist. Glaubst du ernsthaft, ich bekomme nicht mit, was du treibst?“
„Was treibe ich denn?“
„Soll ich dir das wirklich erzählen? Dass du kaum ohne Zigarette anzutreffen bist? Wie oft du betrunken nach Hause kommst? Dass du ständig mit anderen Männern unterwegs bist? Auch mit deinen Kollegen? Glaubst du, ich weiß das nicht?“
Ich zucke die Achseln. „Wenn schon …“
„Genau, wenn schon. Deine Standardantwort. Dir ist anscheinend alles egal. Deine Zukunft, vor allem.“
„Es ist ja auch meine Zukunft, ich kann damit machen, was ich will. Als wenn sie dich interessieren würde!“
„Natürlich interessiert sie mich. Du bist ja meine Tochter.“
„Ach ja, da war was. Ich habe ja eine Tochter. Ups. Wie hieß sie nochmal?“
„Fiona!“
Ich atme tief durch. „Tut mir leid. Hör zu. Ich bin erwachsen. Und auch wenn du es nicht glaubst, ich habe Norman geliebt. Irgendein Schwein hat ihn umgebracht, wie es aussieht, sogar absichtlich. Also werde ich dieses Schwein finden.“
„Und dann? Was willst du dann tun? Zur Mörderin werden und für lange Zeit ins Gefängnis gehen?“
„Lass das mal meine Sorge sein“, erwidere ich, trinke mein Glas leer und gehe. Entgegen meiner ursprünglichen Absicht nicht nach oben in mein Zimmer, sondern nach draußen, steige in meinen Wagen ein und fahre los.
Irgendwohin.


Dunkelheit hat sich auf die Stadt gesenkt, als ich vor dem Dojo halte. Da drin ist noch Licht, aber kaum was los. Paar Leute an der Bar. Und natürlich Mary, die mich erstaunt aus ihren katzengrünen Augen ansieht, als ich hereinkomme.
„Was machst du denn hier? Willst ja wohl nicht um diese Zeit trainieren, oder?“
Ich setze mich an die Bar und schüttele den Kopf. „Habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten.“
„Wieder Streit mit dem Papa?“, fragt sie, während sie Gläser wegräumt. Sie weiß, dass mein Verhältnis mit meinem Erzeuger nicht so schön ist, wie es sein könnte und dürfte.
„Das auch. Mein Bruder ist heute bei einem Unfall gestorben.“
Sie starrt mich entgeistert an. Dann sagt sie „Oh, verdammt!“ und kommt hinter der Theke hervor, um mich in die Arme zu nehmen. „Das tut mir leid. Ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“
Ich bemerke, dass die anderen Gäste aufmerksam geworden sind, aber eigentlich möchte ich das alles nicht. Ich hasse es. Mary darf mich umarmen, wir haben uns im Laufe der Jahre oft und über alle möglichen Themen unterhalten. Aber selbst ihre Umarmung ist mir fast zu viel.
„Schon gut, Mary. Danke. Mach mir bitte einen Drink. Egal was. Hauptsache, mit Whisky drin.“
Sie mustert mich kurz, dann nickt sie. Während sie mir nachher das Glas hinstellt, bemerkt sie: „Das hilft aber nicht auf Dauer, weißt du ja, oder?“
„Klar.“ Ich nehme einen Schluck. „Andererseits ein guter Freund.“
„Ein guter?“ Sie zuckt die Achseln. „Ich habe in einer Stunde Feierabend. Willst du auf mich warten?“
Ich schaue mich um. Trainieren kann ich eh nicht, habe meine Sachen zu Hause vergessen. Außerdem ist es schon spät. Im Dojo sind nur noch zwei Leute. Den Meister sehe ich nicht. Ich frage mich, wieso ich eigentlich hierher gefahren bin.
„Ja, klar“, antworte ich schließlich. Ich setze mich an einen Ecktisch und starre mein Glas an, bis Mary mir einige Magazine hinlegt. Ich blättere in ihnen herum, ohne auch nur im Geringsten zu wissen, was ich da sehe. Bin froh, als die Stunde endlich herum ist. Ich helfe Mary beim Einräumen. Abschließen wird der Meister, der als Letzter noch da ist. Er sieht mich nur kurz an, doch dieser Blick ist mehr wert als alles andere bisher heute. Fast. Oder doch, eigentlich schon.
Ach, Scheiße.
Wir nehmen mein Auto.
„Wollen wir uns was Ruhiges suchen?“, fragt Mary.
Ich sehe sie an. „Ganz sicher nicht. Wenn ich was Ruhiges bräuchte, könnte ich nach Hause und mich einschließen.“
„Auch gut. ‚Skyline‘?“
„’Skyline‘ ist gut“, antworte ich.
Die Bar hat mehrere Vorteile. Erstens ist sie in der Nähe. Zweitens gibt es dort laute Musik, wer will, kann auch tanzen. Drittens gibt es dort Kleinigkeiten zum Essen. Und viertens kann man dort Kerle aufreißen. Wenn frau will. Und ich habe das Gefühl, dass ich heute alles will, was mich ablenkt: Sex, Alkohol, laute Musik.
Wir setzen uns an die Bar. Ich bestelle ein Sandwich und Gin Tonic, Mary kein Bloody Mary, obwohl ich es ihr vorschlage. Sie lächelt nur müde. Wahrscheinlich hat sie das schon tausendmal gehört. Sie nimmt einen Caipi.
Ich sehe mich um. Die Tanzfläche rechts ist mäßig besucht, aber es sind auch nicht alle Tische besetzt. Und das an einem Freitag, kurz vor Mitternacht.
„Was machen die alle?“, frage ich laut.
„Wer?“
„Na ja, halt alle. Wieso ist hier um diese Zeit so wenig los?“
Mary zuckt die Achseln. „Für einen Freitag ist es okay. Samstags kriegt man keinen Platz.“
„Na gut. Was genau machen wir hier eigentlich?“
„Wir trinken. Essen. Tanzen?“
„Ich eher nicht. Mir ist nicht danach.“
„Wonach ist dir denn?“
„Laute Musik, Alkohol und Sex. In dieser Reihenfolge.“
„Oh, okay. Laute Musik haben wir, Alkohol auch. Mit Sex kann ich allerdings nicht dienen.“
„Kein Problem. Ich finde hier auf jeden Fall jemanden.“
Mary trinkt von ihrem Caipi, dabei wirft sie einen Blick in die Runde. „Mich würde interessieren, wer überhaupt infrage käme für dich.“
„Jeder mit einem funktionierenden Schwanz.“
„Na, das wirst du ja wohl nicht fragen, oder?“, erkundigt sie sich grinsend.
„Warum nicht?“ Ich schaue mich um und deute auf einen Kerl an der Bar. Er sitzt allein da, seitdem wir gekommen sind. „Der sieht ganz interessant aus. Hast du noch nie jemanden abgeschleppt?“
„Nicht oft. Und du?“
„Ziemlich oft.“
„Und was sagst du dann?“
„Die Wahrheit. Dass ich jemanden für eine Nacht suche und sie die Chance auf den Sex ihres Lebens haben.“
Mary lacht auf. „Und das funktioniert?“
„Erstaunlich oft.“ Ich nehme einen großen Schluck von meinem Gin Tonic, dann beobachte ich die Kellnerin, die mein Sandwich bringt. Käse, Zwiebeln, Salami. In einem Ofen warmgemacht. Nichts Besonderes.
Erinnert mich an mein Leben.
Scheiße.
„Und wenn du es heute mal anders machen würdest?“, fragt Mary, nachdem ich in mein Sandwich gebissen habe.
„Hast du einen besseren Spruch auf Lager?“, erkundige ich mich, nachdem ich heruntergeschluckt habe.
„Ich meinte eigentlich, niemanden aufzureißen.“
„Selbstbefriedigung ist langweilig.“
Mary wird rot und beugt sich kopfschüttelnd über ihren Caipi.
„Manchmal nicht zu vermeiden, aber was Echtes ist mir lieber“, fahre ich fort. Das ist meine Rache für ihren Vorschlag.
„Schon gut, ich habe verstanden.“
„Hör zu, tut mir leid. Ich glaube, heute sollte niemand meine Worte auf die Goldschale legen.“
„Okay. Ist ja allzu verständlich. Möchtest du darüber reden?“
Ich starre sie an. Möchte ich das? Besser wäre es, glaube ich. Aber will ich es auch?
„Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten, Fiona.“
„Das ist es nicht. Mary, ich bin dir echt dankbar, dass du mit mir hergekommen bist. Und ich bin mir sehr sicher, dass ich darüber reden sollte. Aber ich kann nicht.“
Sie nickt langsam. „Verstehe ich. Du möchtest lieber Sex haben. Da muss ich passen.“
Jetzt hat sie es geschafft, ich habe ein Lächeln auf meinem Gesicht.
„Ich stehe nicht so auf Mädchen, aber danke für das Angebot. Weißt du was? Wenn ich das Zeug hier aufgegessen habe, tanzen wir. Und danach sehen wir weiter. Einverstanden?“
Sie nickt. Und ich habe Zeit gewonnen. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich den Typen an der Bar ficken werde. Unsere Blicke begegnen sich.
Er lächelt fragend.


Ich glaube, er heißt Joe. Schwach erinnere ich mich daran, dass er das gesagt hat. Irgendwann zwischen dem letzten Schluck Sekt und dem zweiten Sex. Joe Irgendwas. Und dass er frisch geschieden ist. Komisch, dass ich mich daran erinnere.
Draußen ist es hell. Wie spät mag es wohl sein?
Ich stehe auf und wanke ins Bad. Scheißalkohol. Den Sekt hätte ich weglassen sollen. Oder den Sex. Nein, dann lieber den Sekt. Oh Mann.
Entgegen meiner sonstigen Angewohnheit schaue ich mir die Blondine im Spiegel an. Sie sieht furchtbar aus. Ringe um die Augen, die Haare total wirr, mehr noch als sonst. Sie könnten eine Wäsche vertragen. Die Lippen rissig.
Im Mund habe ich immer noch den Geschmack von Joes Sperma. Ätzend. Beim Sex macht es mich an, aber ich hasse es, wenn es so lange nachschmeckt. Gibt es hier nichts zu trinken?
Ich finde eine Minibar und hole nach kurzem Nachdenken eine Flasche Bier heraus. Bier auf Sperma, nicht die ideale Kombination, aber besser als Cola. Das süße Zeug mag ich eh nicht. Seltsamerweise mochte ich es nie, schon als Kind hatte ich eine Abneigung dagegen, im Gegensatz zu Norman.
Norman.
Scheiße.
„Was ist los?“
Ich blicke zum Bett. Joe stützt sich auf seinen Händen ab, den Oberkörper halb aufgerichtet. Er sieht schon geil aus. Sein 37-jähriger Körper ist gut in Form. Ich werde mich garantiert nicht in ihn verlieben, schon allein, weil ich mich niemals wieder verlieben werde. Aber Sex ist okay.
Allerdings nicht jetzt, nachdem ich an Norman denken musste.
„Ich muss gehen.“
„So früh? Warum bleibst du nicht noch?“
Ich setze mich auf den Bettrand und starre ihn an. „Hör zu, Joe, es hat nichts mit dir zu tun.“
„Aha. Weißt du, dieser Spruch ist echt zum Kotzen. Mit wem denn dann?“
Am liebsten würde ich ihm Zähne ausschlagen. Aber er kann ja nicht wissen, warum ich so reagiere. Er kann auch nicht wissen, dass ich so gut wie nie zum Frühstück bleibe, selbst wenn nicht der plötzlich auftauchende Gedanke an den Tod meines Bruders meine Muschi trockenlegt.
„Vergiss es“, erwidere ich und suche meine Sachen zusammen. „Vergiss es einfach.“
Er beobachtet mich. Ich stelle mich insgeheim darauf ein, dass er etwas versucht, was mich zwingen würde, ihm Schmerzen zuzufügen. Aber zu unserem Glück lässt er es sein. Irgendwie erleichtert mich das. Auch wenn ich mich niemals in ihn verlieben werde, wir hatten dreimal Sex miteinander und ich bin jedes Mal gekommen. Solche Männer sind echt selten.
Trotzdem werfe ich keinen Blick zurück, als ich durch die Zimmertür gehe. Für irgendwelche Beziehungsdramen fehlt mir der Nerv. Er tut mir ja ein bisschen leid, aber er hat seinen Spaß gehabt. Wie ich auch.
Scheiße. Verdammte Scheiße!
Als ich mich ins Auto setze, fällt mir seltsamerweise sein voller Name ein: Joe Montena. Freelancer, geschieden und wohnt wegen eines Jobs im Hotel.
Armes Schwein. Wir haben uns anscheinend gefunden, ohne uns zu suchen.
Ich lasse im CD-Player „Supergirl“ laufen.
„Supergirls just fly.“
Ja, ist klar. Ihr habt ja alle keine Ahnung.
Bevor ich losfahre, zünde ich mir noch eine Zigarette an. In den Hosentaschen sind zwar keine mehr, aber ich finde noch eine ungeöffnete Packung im Handschuhfach. Meine eiserne Reserve. Muss die nachher wieder auffüllen.


Es ist kurz nach halb neun, als ich auf dem Parkplatz des Krankenhauses halte, in dem Savage liegt. Wenig erstaunt nehme ich am Empfang zur Kenntnis, dass ich zu früh bin, die Besuchszeit beginne erst um neun. Auf meine Frage hin erklärt mir die freundliche Dame aber den Weg zur Cafeteria und dass ich dort auch frühstücken kann.
Dass das Frühstück aus gekühlten Automatensandwiches besteht, vergaß sie zu erwähnen. Ist mir eigentlich egal. Hauptsache, etwas zu essen. Einen Kaffee nehme ich auch dazu, obwohl ich es wahrscheinlich bereuen werde. Aber vielleicht hilft er trotzdem. Oder ich werde gerade wegen des Geschmacks wach. Kann auch passieren.
Ich setze mich in eine Ecke, packe mein Sandwich aus und beginne zu essen. Geschmack und Qualität gehen, für ein eingepacktes Sandwich ist es sogar erstaunlich gut. Mit dem Kaffee habe ich nur insofern Glück, dass ich von dem beschissenen Geschmack tatsächlich wach werde. Mir wird sogar fast schlecht. Ob es wirklich am Kaffee liegt oder an den Nachwirkungen der Nacht, ist eine andere Frage.
Auf dem Weg nach oben zu Savage begegne ich im Aufzug dem Lieutenant. Er mustert mich nachdenklich.
„Sie sehen aus, als könnten Sie Schlaf gebrauchen“, bemerkt er dann.
„Ich habe geschlafen“, erwidere ich mürrisch. „Wollen Sie auch zu Savage?“
Er schüttelt den Kopf. „Bin privat hier.“
„Na dann.“ Ich muss vor ihm aussteigen, spüre aber seinen Blick im Rücken. Irgendwie ist er mir nicht geheuer, weiß aber nicht, was mich stört. Vielleicht sein durchdringender Blick.
Savage ist nicht allein. Carola, die Psychologin, ist auch da. Sie begrüßt mich lächelnd.
„Sie sind früh auf, Fiona.“
„Sie auch, Carola.“
„Haben Sie überhaupt geschlafen?“
Ich nicke. Die Details lasse ich lieber weg, außerdem stimmt es. Zwischendurch und zum Schluss. War nicht viel, okay, aber ich habe geschlafen.
Savage hat die Augen geschlossen, aber ich habe das Gefühl, er hört uns zu. Ich setze mich auf einen Stuhl in der Ecke, zwischen Wand und Fenster. Savage hat ein Einzelzimmer, dafür hat mein Vater gesorgt. Seine Mutter könnte das nicht bezahlen, Daddy ist schon vor Jahren unbekannt verzogen.
Carola steht am Kopfendes seines Bettes und schreibt etwas in ein Büchlein.
„Ich habe mal gehört, Psychologen dürfen gar keine Spritze setzen“, bemerke ich.
Sie blickt hoch und mustert mich. „Das ist unterschiedlich geregelt in den verschiedenen Ländern. In Newope dürfen das auch Psychologen, zumindest mit entsprechenden Zusatzkursen. Davon abgesehen bin ich Psychologin und Psychiaterin, und Ärzte dürfen das überall.“
„Aha. Wieder was gelernt.“
„Wie geht es Ihrer Mutter?“
„Gut, glaube ich. Ich meine, den Umständen entsprechend. Ich war letzte Nacht nicht zu Hause. Aber ich glaube schon. Mein Vater wird auf jeden Fall dafür sorgen.“
„Da ist viel Spannung zwischen Ihnen und Ihrem Vater.“
„Ja.“
Sie nickt und vertieft sich wieder in ihrem Büchlein.
Mir fällt etwas ein und ich gehe, sage ihr aber beim Rausgehen, dass ich gleich wiederkomme. Eigentlich ist das für Savage, denn ich hoffe, dass sie bis dahin fort ist. Sie hat auch so einen seltsam durchdringenden Blick wie der Lieutenant. Ich hasse das, wenn die Leute versuchen, meine Gedanken zu erraten.
Ich gehe in die Bücherei und stöbere herum. So genau weiß ich nicht, was ich suche. Irgendetwas, womit ich Savage erreichen könnte. Aber womit erreicht man einen Dreizehnjährigen, der gestern mitansehen musste, wie sein bester Freund von einem Geländewagen plattgewalzt wurde?
Ich verharre kurz bei den Märchenbüchern. Als Kind habe ich sie gerne gelesen, bis ich vier war. Als ich in die Schule kam, fand ich die Bücher für Erwachsene spannender. Als meine Mutter allerdings Nabokov bei mir fand, gab es Ärger. Damals habe ich nicht verstanden, wieso eigentlich. Ich fand es sehr interessant, wie der Erzähler seine Beziehung zu der Zwölfjährigen beschreibt. Und was ein Orgasmus ist, wusste ich als Sechsjährige nicht. Jedenfalls durfte ich danach nur noch gefiltert lesen: Jedes Buch, das ich aus dem heimischen Buchregal holte, musste ich meiner Mutter vorlegen. Hemingway war teilweise erlaubt, Nabokov aus erwähnten Gründen nicht, Raymond Chandler wieder doch. Okay, Nabokov und Chandler haben nicht viel miteinander gemeinsam. Ich fand beide sehr düster, was mich nicht unbedingt abgeschreckt hat.
Jetzt, mit 23, werde ich einen Teufel tun und Savage „Lolita“ bringen. Der depressive Privatdetektiv wäre schon eher was für ihn, aber nicht jetzt, nicht in dieser Situation.
Schließlich entscheide ich mich für ein Buch mit Bildern von Engeln. Keine Ahnung, ob das nicht zu zynisch ist. Ich glaube schon, aber im Vorwort heißt es, dass dieses Buch Trost spenden soll, wenn man einen Verlust erlitten hat. Und irgendwie mag ich Engel. Sie können fliegen, genau wie Supergirl.
Carola ist tatsächlich fort, als ich wieder ins Krankenzimmer komme. Savage sieht mich regungslos an. Immerhin, er scheint wach zu sein.
Ich halte das Buch hoch. „Habe dir was besorgt.“
„Was ist das?“
„Ein Buch. Über Engel.“
„Bist du auch ein Engel?“
„Ich? Ganz bestimmt nicht. Du weißt doch, wer ich bin?“
Er nickt.
Ich lege das Buch auf sein Nachtschränkchen und setze mich neben dem Bett auf einen Stuhl.
„Wie geht es dir, Sava?“
Sein Blick wandert durch den Raum, ohne dass der Kopf sich bewegt. Schließlich kommt er in meinem Gesicht zur Ruhe.
„Baby, join me in death“, sagt er dann.
„Wie, was?“
„Das ist aus einem Lied. Kannst du es mir besorgen?“
Ich denke fieberhaft nach. Es kommt mir bekannt vor, und als es mir endlich einfällt, dass das fast der Titel ist, bin ich mir gar nicht sicher, ob dieses Lied gerade jetzt das Richtige für ihn sein könnte.
„Es ist … ein ziemlich trauriges Lied.“
„Ich weiß. Besorgst du es mir?“
Ich atme tief durch. Am liebsten würde ich Nein sagen, aber ich will etwas von ihm. Und dazu muss ich mir sein Vertrauen erarbeiten.
„In Ordnung“, antworte ich schließlich.
„Wann?“
„Gleich. Wenn wir fertig sind, gehe ich und besorge es.“
„Wir sind fertig“, sagt er und schließt die Augen.
Ich starre ihn entgeistert an. Was war das denn? Schließlich atme ich erneut tief durch. Ich werde nicht mit einem traumatisierten Kind diskutieren.
Und was bist du?
Ich ignoriere die innere Stimme diesmal, verlasse das Krankenhaus, steige in mein Auto und fahre in die Stadt, um die scheißverdammte CD und einen CD-Player zu besorgen.

Samstagvormittag und das Einkaufszentrum ist voll. War eine bescheuerte Idee, hierher zu kommen. Auf der Infotafel suche ich mir das nächstbeste Geschäft aus, das CDs verkauft. Und die Geräte zum Anhören. Aber ich habe Pech. HIM ist einfach zu exotisch hierzulande. Ich denke kurz darüber nach, wieso ich nur so exotische Sachen höre. Andererseits stimmt das auch wieder nicht, vieles von dem, was es in dem Laden gibt, kenne ich durchaus.
Ich frage nach, ob sie denn wüssten, wo ich speziellere Musik bekommen kann. Sicherheitshalber nehme ich von hier einen CD-Player mit.
Sie empfehlen mir einen Laden eine Etage tiefer. Jene ist etwas düster, was damit zu tun hat, dass man sich hier auf Gothic spezialisiert hat. Das ist schon mal vielversprechend, so was wie HIM sollten sie ja dann haben.
Haben sie auch. Aber nur das Album, keine Single. „Razorblade Romance“. Echt toll. Als ich die CD in der Hand halte, denke ich noch einmal darüber nach, ob ich das wirklich tun soll. Kann dies das Richtige für einen Jungen wie Sava sein? Jetzt?
Schließlich nehme ich sie, beschließe aber, sie mir zuerst anzuhören. Nach meiner Flucht aus dem Einkaufszentrum fahre ich nach Hause und gelange unbemerkt in mein Zimmer. Für alle Fälle drehe ich den Schlüssel um, bevor ich die CD einlege und mich mit untergeschlagenen Beinen auf das Bett setze, um die CD mit Kopfhörern anzuhören.
Sie macht mich aggressiv, allerdings gehört dazu in der momentanen Situation nicht viel. Mich umbringen? Nicht wegen dieser Musik. Generell finde ich den Gedanken schon faszinierend, allerdings schreckt mich die Endgültigkeit ab. Ich würde schon gerne wissen, wie sich das Sterben anfühlt. Und was danach kommt. Wenn überhaupt. Zu blöd, dass man es nicht mal unverbindlich ausprobieren kann. Okay, so wie in „Flatliners“, aber eine sichere Methode ist das ja auch nicht gerade.
Wie auch immer, ich glaube eher nicht, dass die Lieder die Gefahr eines Suizids bei Sava erhöhen. Ich persönlich würde eher weglaufen wollen, bei einigen zumindest.
„Join me“ finde ich aber gar nicht so übel. Nicht wegen des Todeswunsches. Aber mich kotzt auch alles an. Fast alles. Vieles jedenfalls. Diese Stimmung wird gut eingefangen.
Ich ziehe mich aus und dusche. Dabei lasse ich meinen Mund mit Wasser volllaufen und hoffe, endlich diesen beschissenen Spermageschmack loszuwerden. Unglaublich, wie hartnäckig er ist. Das ist doch nicht normal.
Ich ziehe kurze Jeans an, Stiefeletten und ein bauchfreies Top mit Spaghettiträgern. Weniger für Savage, aber ich habe nicht vor, den Abend zu Hause zu verbringen und nochmal nach Hause kommen will ich auch nicht.
Beim Gehen habe ich weniger Glück als vorhin. Mein Vater kommt gerade aus der Küche und hat zwei Tassen bei sich.
„Deine Mutter ist wach“, sagt er mit einem missbilligenden Blick auf meine Kleidung.
Ich bleibe unschlüssig stehen. Die CD halte ich so, dass er den Titel nicht erkennen kann.
„Willst du sie nicht wenigstens begrüßen?“
Seufzend gehe ich an ihm vorbei in das Wohnzimmer. Meine Mutter sitzt auf der cremefarbenen Couch mit hochgelegten Beinen und zugedeckt. Sie sieht aus, als hätte sie sehr viel geweint, aber ihr Blick ist klar.
Ich beuge mich über sie, um sie zu umarmen.
„Willst du weg?“, fragt sie dann.
„Ja.“
„Bleib doch lieber hier.“
„Mama, ich kann nicht.“
„Und warum nicht?“, mischt sich mein Vater ein. „Überhaupt, wie läufst du herum? Gestern ist dein Bruder gestorben und du siehst aus wie eine …“
„Jason!“ Meine Mutter starrt ihn entsetzt an, das lässt ihn verstummen.
Und mir reicht es schon wieder.
„Bis irgendwann mal“, sage ich und laufe nach draußen.
Zum Kotzen!


Im Krankenzimmer von Sava hat sich nichts verändert. Außer dass keine Sonne mehr reinknallt, aber es ist ja auch mittags. Dafür ist es draußen verdammt heiß. Hier drin nicht. Hier läuft ja auch die Klimaanlage. Es ist fast so kalt wie in der Leichenhalle, in der wir Norman gesehen haben.
Ich atme tief durch.
Savage öffnet die Augen und beobachtet mich. Ich gehe um das Bett herum und setze mich zwischen ihm und dem Fenster auf einen Stuhl. Der Blick des Jungen irritiert mich etwas. Aber vielleicht sind nur meine Nerven zu angespannt, was kein Wunder wäre.
„Hast du es?“, fragt Sava.
Ich nicke und halte die Stofftasche hoch, in die ich alles gepackt habe. Dann hole ich den CD-Player und die CD heraus, lege die CD ein und reiche das Gerät Sava. Er nimmt es, legt es sich auf die Brust und den Kopfhörer auf den Kopf. Er stellt die Musik so laut, dass auch ich sie gut hören kann.
Ich betrachte ihn eine Weile, bevor ich aufstehe und zum Fenster spaziere. Von hier aus kann ich den Park einsehen, dahinter den Parkplatz. An einigen Stellen scheint die Luft zu vibrieren, so heiß ist es.
„SEV-09-6.“
Ich erstarre. Mir ist sofort klar, was das bedeutet. Da er mit niemandem außer mir geredet hat, bin ich außer Savage die Einzige, die jetzt das Kennzeichen kennt. Und mir ist auch klar, dass er will, dass es so bleibt.
Warum?
Ich drehe mich langsam um und sehe ihn an. Seine Augen sind geschlossen, die Hände liegen auf dem Bauch. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet? Doch dann öffnet er die Augen und erwidert kurz meinen Blick.
Wie in Trance verlasse ich ihn und gehe nach unten, steige in mein Auto ein und fahre los. Keine Ahnung, wohin ich fahren soll. Nur weg. Irgendwohin.
Irgendwann bin ich an der Küste, hinter dem Hafen. Links geht es hoch zu Old Town, zu King Valley, nach Hause. Rechts das Meer. Die Strände sind voll.
Ich parke und bleibe kurz im heißen Auto sitzen. Warum zum Teufel bin ich hergefahren? Ich betrachte im Rückspiegel das Haus, in dem ich vor Jahren schon mal war. Ich könnte aussteigen und klingeln, und wenn er aufmacht, würde er mich sicher einladen. Doch will ich das? Nach Phils Tod hatte ich mir geschworen, mich niemals wieder zu verlieben. Und das weiß er, ich habe mit offenen Karten gespielt. Es war eine Nacht, mehr nicht.
Schließlich steige ich aus, weil es im Auto unerträglich wird, aber ich gehe nicht zum Haus. Ich spaziere weiter in die Richtung, in die ich gefahren bin, bis ich an unserem Lieblingscafé bin. Am Zaun zögere ich kurz. Hier waren wir oft mit Norman, als Familie, oder nur er und ich. Sie werden mich sofort erkennen.
Nein, das kann ich jetzt nicht.
Ich gehe zurück zum Auto, steige ein und fahre nach Hause.


James ist im Garten. Er trägt auch kurze Jeans, dem Wetter angepasst. Und der Tatsache, dass er Gartenpflege betreibt. Als er sich aufrichtet, starre ich unwillkürlich seinen muskulösen Bauch an, bis er sich sein T-Shirt überstreift.
„Leslie ist nicht da“, sagt er dabei und wirkt amüsiert.
„Egal, ich will zu dir.“
„Zu mir?“, erwidert er und zieht eine Augenbraue hoch. Na ja, für mich sieht es so aus, als hätte sie sich bewegt. Ein bisschen zumindest.
„Du hast doch noch Kontakte zum Geheimdienst, oder?“
„Habe ich das?“
„Hast du nicht?“
„Vielleicht. Warum?“
Ich atme tief durch. Was zum Teufel mache ich hier eigentlich? Doch dann fällt mir wieder ein, wie das, was von Norman übrig geblieben ist, ausgesehen hat.
„Ich brauche den Halter dieses Wagens.“ Dabei gebe ich ihm den Zettel, auf den ich das Kennzeichen geschrieben habe, das mir Savage genannt hat.
Er nimmt ihn und mustert mich. Schließlich dreht er sich wortlos um. Ich beobachte ihn, als er ins Haus geht. So gern würde ich glauben, dass er kein Arschloch ist. So wie ich keine Lolita. Ihm sieht man sein Alter nicht an, aber ich kenne es natürlich. Obwohl es sieben Jahre her ist, dass wir ein einziges Mal Sex miteinander hatten, erinnere ich mich verdammt gut an jedes Detail von ihm. Wer von uns war nachher wohl mehr erschrocken? Er oder ich? Danach habe ich ihn heimlich beobachtet, wollte wissen, ob er uns alle verarscht und in Wirklichkeit auf junge Mädchen steht. Aber entweder ist er der beste Schauspieler der Welt oder er will normalerweise wirklich nichts von Sechzehnjährigen.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, ging es ja von mir aus. Allerdings weiß ich bis heute nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat. Die Tatsache allein, dass er gut aussieht, kann es nicht gewesen sein. Ich hatte sicher keinen sexuellen Notstand und ich hätte so gut wie jeden Mann haben können.
Scheiße.
Als er zurückkommt, reicht er mir den zusammengefalteten Zettel.
„Du gehst damit zur Polizei?“
Ich nicke.
Er sieht nicht so aus, als würde er mir glauben. Für einen Moment befürchte ich, er will mir den Zettel wieder abnehmen. Das könnte lustig werden. Er sieht immer noch fit aus und als Geheimagent dürfte er Nahkampf gelernt haben. Kann sein, dass er mir den Zettel wegnehmen könnte.
Vielleicht.
„Also gut, ich vertraue dir. Enttäusche mich nicht, okay?“
„Okay“, erwidere ich.
„Und noch was.“
„Ja?“ Will er mich küssen? Sex? Ich weiß nicht, ob ich widerstehen könnte.
„Das war das letzte Mal. Und das meine ich ernst.“
„Okay“, wiederhole ich. „Und danke.“
„Ah, dieses Wort kennst du? Du erstaunst mich.“
Arschloch. Ich hätte dich fast gemocht. Aber natürlich sage ich das nicht. Erstens stimmt es nicht und zweitens könnte er doch noch auf die Idee kommen, mir den Zettel wieder abnehmen zu wollen. Und ich will wirklich nicht austesten, ob der Vater meiner besten Freundin besser Nahkampf kann als ich.
„Ich mich manchmal auch“, erwidere ich, dann drehe ich mich um und gehe schnell, bevor etwas passiert, was ich bereuen würde.
Ich spüre seinen Blick auf mir. Es wäre vielleicht besser gewesen, mich umzuziehen. Die Jeans sind verdammt kurz, ich weiß. Gut, um einen Kerl in der Disco aufzureißen, aber schlecht, wenn James mich so anstarrt.
Vor dem Haus bleibe ich stehen und atme tief durch. Warum macht es mir so viel aus, dass er mich so ansieht? Er ist mir egal. Nein, egal nicht, schließlich ist er Leslies Vater. Er ist okay. Zu blöd, dass mir klar ist, wieso er mich so ansieht. Nur mich.
Scheiße. Ich wünschte, es wäre mir wirklich egal.

Ich starre den Zettel an. Charles Brodwich heißt der Besitzer des Geländewagens, mit dem Norman getötet wurde. Der Name sagt mir gar nichts, aber das ist kein Wunder. Skyline ist eine Millionenmetropole, ich kann nicht alle Einwohner kennen. Klar, zufällig hätte ich ihn kennen können.
Ich hebe den Blick und schaue auf das Meer hinaus. Die Bäume an der Mauer entlang, die den Parkplatz vom Ufer abgrenzt, spenden etwas Schatten. Die grantige Kante schneidet in meine Oberschenkel, wie mir plötzlich bewusst wird, also stelle ich die Füße auf die Mauer und stütze das Kinn auf die Knie. Meine Beine sind nass vor Schweiß und jetzt auch mein Top.
Und nun, du Schlaukopf? Fährst du zu dem Kerl hin und fragst ihn, ob er deinen Bruder totgefahren hat? Und wenn er Ja sagt? Schlägst ihn dann tot?
Das könnte ich, erwidere ich mir mürrisch.
Vielleicht. Du hast ja keine Ahnung, wer oder was er ist. Möglicherweise kann er auch Karate. Oder ist bewaffnet. Oder …
Halt die Klappe!
Ich blicke mich um. Nachdem ich von James den Namen bekommen habe, bin ich wieder zurück an die Küste gefahren und habe mir einen schattigen Parkplatz gesucht. Was gar nicht so einfach war, halb Skyline ist hier. Kein Wunder. Samstag, Nachmittag und heiß. Die Eisdielen sind überfüllt, die Strände auch. Auf dem mit Gras bewachsenen Küstenstreifen zu meinen Füßen liegt niemand. Zu steil und außerdem für Badende gesperrt.
Oh Mann. Gestern klang das noch so einfach. Finde ihn. Töte ihn.
Gefunden habe ich ihn ja. Fast. Er steht im Telefonbuch, also kenne ich auch seine Adresse. Er wohnt in South Village. Nicht gerade der beste Bezirk. Das ist auch so eine Sache. Will ich wirklich dorthin? Egal, wie gut ich kämpfen kann, die Jungs dort sind eine eigene Liga. Nicht selten mit Schusswaffen im Hosenbund.
Aber er hat Norman getötet. Mit Absicht. Dessen bin ich mir inzwischen ganz sicher. Er ist mehrmals über ihn hergefahren. Das war kein Unfall. Und auch das Verhalten von Savage ist zumindest eigenartig. Dass er unter Schock steht, ist das Eine. Dass er mir das Kennzeichen gibt, das Andere. Ich habe seinem Blick angesehen: Töte ihn. Da war der Befehl wieder.
Scheiße.
Okay, denk nach. Was hast du zu verlieren?
Die Freiheit? Oder das Leben?
Mal ehrlich, findest du dieses Leben wirklich so toll?
Es gibt auch schöne Momente!
Und ich unterhalte mich in Gedanken schon wieder mit mir, als wären da zwei Fionas in mir. Eine vernünftige und eine wilde. Wobei ich mir gerade nicht sicher bin, wer welche ist.
Ich lege mich mit dem Rücken in Längsrichtung auf die Mauer und zünde mir eine Zigarette an. Zwischen den Blättern hindurch erkenne ich den gleißend blauen Himmel. Und den weißen Kondensstreifen eines Flugzeugs. Er fliegt hoch, ist weder jetzt gestartet noch im Landeanflug. Aber es gibt ja auch in anderen Städten Flughäfen, nicht nur in Skyline.
Okay, jetzt mal zurück zu meinem Problem. Ich habe ein Kennzeichen, einen Namen und eine Adresse. Der Mann, dem das alles gehört, hat möglicherweise meinen Bruder getötet, und wenn, dann vermutlich mit Absicht. Ich weiß nicht, ob er das war. Er könnte sein Auto ja auch verliehen haben.
Nehmen wir einmal an, ich finde irgendwie heraus, dass er es tatsächlich war.
Was zum Teufel mache ich dann? Bin ich tatsächlich in der Lage, ihn zu töten? Gesetzt den Fall, ich kann es, so rein technisch gesehen. Er könnte schließlich ein Gangster sein. Bei seiner Wohngegend nicht ausgeschlossen. Oder irgend so ein Schlägertyp. Okay, dann werde ich mit ihm fertig. Im Nahkampf nehme ich es mit den meisten Männern auf, das weiß ich aus Erfahrung. Ich bin schnell und treffe sehr genau.
Und ich weiß, wie man einen Menschen mit den bloßen Händen töten kann. Aber ich bin keine Mörderin. Ich habe noch nie einen Menschen getötet. Verletzt, okay, aber nur, um jemanden oder mich zu beschützen.
Er hat Norman getötet.
Ist zweimal über ihn drüber gefahren.
Er. Hat. Meinen. Bruder. Getötet.
„Was machen Sie da?“
Ich zucke zusammen, dann starre ich den Polizisten an, der neben der Mauer steht und mich beobachtet.
„Ich … ich rauche.“
„Was?“
„Eine Zigarette?“
„Geben Sie mal her!“
Ich reiche ihm den Rest meiner Kippe. Er riecht daran, dann gibt er sie mir zurück.
„Okay. Ich möchte Sie bitten, von der Mauer runterzukommen.“
Ich denke kurz darüber nach, ihn zu fragen, was er dagegen hat, dass ich die Mauer bewache, aber schließlich entscheide ich mich dagegen. Im Moment möchte ich bei der Polizei lieber nicht unangenehm auffallen.
Also nicke ich, setze mich auf und springe auf den Boden.
„Was haben Sie da überhaupt gemacht?“ Er klingt freundlicher als gerade eben noch.
„Keine Ahnung. Habe es zu Hause nicht ausgehalten.“
„Streit mit dem Freund?“
Ich verneine kopfschüttelnd. „Mit meinem Vater. Außerdem wurde mein Bruder gestern getötet.“
„Das tut mir leid“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Dieser Junge, der vom Geländewagen …?“
Ich nicke langsam.
„Eine traurige Sache. Mein herzliches Beileid.“
„Danke.“
„Sie sollten nicht hier alleine sein. Es gibt doch bestimmt jemanden, zu dem Sie gehen können.“
„Keine Ahnung. Vielleicht. Aber jetzt bin ich lieber allein. Oder ist das verboten?“
Er schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht. Ich dachte nur, dass es vielleicht besser wäre. Aber es ist Ihre Sache, natürlich.“
„Danke. Ich fahre dann mal.“
Zum Glück fragt er nicht, wohin. Besser so, sonst müsste ich ihn anlügen. Er würde mich wohl kaum gehen lassen, wenn ich ihm sage, dass ich jemanden töten will. Unabhängig davon, dass ich mir dessen gerade gar nicht so sicher bin. Aber auch das möchte ich ihm nicht sagen. Niemandem eigentlich. Nicht einmal mir.
Ach, verdammte Scheiße.
Ich steige in mein Auto ein, drücke im Aschenbecher die kümmerlichen Reste der Zigarette aus, zünde eine neue an und fahre los, alles streng überwacht vom Polizisten. Warum eigentlich? Denkt er ernsthaft, ich wollte mich von den Klippen stürzen? Zwei Meter? Oder wie? Oder ins Wasser gehen? Oder mit einem Kopfsprung von der Mauer ins Meer springen? Ich meine, die zwei Meter schafft ja sogar ein Kleinkind problemlos.
Nur, wohin jetzt?
Erst einmal fahre ich Richtung South Village und halte auf dem Parkplatz vor einer Bar. Eigentlich ist die Bar auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und der Asphalt ist heiß. Die Luft darüber flimmert.
In der Bar läuft die Klimaanlage, es ist fast kalt. Aber nur fast.
Ich setze mich auf einen Barhocker und mustere den Barkeeper, einen jungen, rotblonden Kerl, der interessiert zurückmustert. Mir wird bewusst, dass ich suboptimal angezogen bin für diese Gegend. Hier bin ich keine Rebellin, sondern eine Nutte in diesem Aufzug.
Scheiß drauf, ist jetzt auch egal.
„Zu heiß zum Arbeiten?“, fragt der Rotblonde grinsend.
„Sind wir irgendwie verwandt?“
„Nein, ich glaube nicht. Wieso?“ Er wirkt erstaunt.
„Warum quatscht du mich dann blöd an? Gib mir einen Scotch und lass mich in Ruhe, okay?“
Für einen Augenblick sieht er aus, als würde er gleich etwas ganz Anderes tun. Die wenigen Gäste der Bar amüsieren sich anscheinend bestens. Schließlich grinst der Rotblonde wieder, diesmal etwas gezwungen.
Und er gibt mir meinen Drink, ohne ein weiteres Wort.
Ich trinke das Glas in einem Zug leer und schiebe es ihm hin. Wortlos füllt er es nach und schiebt es vor mich. Diesmal warte ich mit dem Trinken.
Von hier aus würde ich keine fünf Minuten zu Brodwich brauchen. Und ich hasse es, wenn ich so unentschlossen bin. Obwohl, unentschlossen bin ich gar nicht. Ich habe nur Angst. Vor was eigentlich?
Davor, selber getötet zu werden? Klar, wenn er meinen Bruder ermordet hat, dürfte er kein Problem damit haben, mich auch zu beseitigen. Dass er niemand ist, der viel nachdenkt, ist offensichtlich. Würde Savage nicht so hartnäckig schweigen, hätte die Polizei ihn schon längst geholt. Natürlich nur, wenn er auf sie wartete. Was nicht sicher ist. Kann sein, dass er schon abgehauen ist. Dann mache ich mir völlig überflüssigerweise Gedanken.
Oder er ist wirklich ein Vollidiot ohne Skrupel. In dem Fall sollte ich wirklich Angst haben. Solche Leute sind gefährlich. Sie denken nicht darüber nach, welche Folgen ihr Handeln hat, weil es ihnen vollkommen egal ist. Ich muss das wissen, solche Anwandlungen habe ich auch.
Wenn er auf mich losginge, könnte ich mich dagegen wehren? Frei von jeder Skrupel? Nicht die Schläge abbremsen wie beim Training, sondern alles voll durchziehen?
Ich trinke mein Glas leer und schiebe es wieder in Richtung des Rotblonden.
„Bist du sicher?“, fragt er.
„Ich glaube das einfach nicht. Wenn wir nicht miteinander verwandt sind, kannst du nicht mein Vater sein. Oder habe ich gerade Halluzinationen?“
Einige in der Nähe grinsen, aber er findet es nicht witzig.
„Hör zu, geh lieber, bevor ich meine Geduld verliere. Hast du überhaupt Geld?“
Ich krame in meiner Hosentasche und lege einen Haufen zerknüllter Geldscheine auf die Theke.
„Reicht das?“ Es sind, grob geschätzt, dreihundert Newoper Dollar.
Er nimmt einen Zehner, legt stattdessen das Wechselgeld hin und sagt: „Jetzt hau ab.“
Die Gäste beobachten mich neugierig. Ich sollte ihm die Zähne ausschlagen, und kurz denke ich sogar ernsthaft darüber nach. Doch dann siegt die vernünftige Fiona.
Erstens hast du noch nie jemanden verprügelt, der dich nicht angegriffen hat. Bloß weil er blöd ist, kannst du ihn nicht schlagen. Dann müsstest du ja fast jeden Menschen durchprügeln.
Zweitens könntest ja mal an jemanden geraten, der besser ist als du.
Na ja, das ist aber nicht sehr wahrscheinlich, und das weißt du auch.
Ja ja, du eingebildete Idiotin. Okay, und drittens ruft jemand die Polizei und das war es mit deinem Rachefeldzug.
Okay, das ist ein Argument.
Ich nehme mein Geld und stopfe es wieder in meine Hosentasche. Nach einem Ich-könnte-dich-töten-aber-du-hast-nochmal-Glück-gehabt-Blick auf den Jungen verlasse ich die Bar und bleibe draußen stehen.
Und jetzt?
Ich spüre, dass ich jetzt wütend bin. Irgendjemand muss leiden. Wer ist dafür besser geeignet als Brodwich? Niemand.
Ich lasse mein Auto stehen und gehe zu Fuß. Nach Möglichkeit im Schatten.
Die Adresse, die ich gefunden habe, ist ein mehrstöckiges Wohnhaus mit einem Blumengeschäft im Erdgeschoss. Passt ja echt gut, hier werde ich Blumen für seinen Grab bestellen.
Die Tür ist nicht ganz zu, ich betrete den muffigen Hausflur. Einen Aufzug gibt es, aber ich nehme lieber die Treppe. Außerdem muss ich eh nur eine Etage höher.
Hier gibt es vier Wohnungen, an einer steht Brodwich. Kein Vorname. Irgendwie hingekritzelt, das spricht für meine Nicht-sehr-intelligent-Theorie.
Ich atme tief durch, dann drücke ich die Klingel und trete sicherheitshalber auch noch ein paarmal gegen die Tür.
Danach passiert – erst einmal gar nichts.
Verdammt!
Ich wiederhole die Prozedur. Nach ein paar Sekunden wird die Tür nebenan aufgerissen und eine Frau, grob geschätzt Ende 50, starrt mich aufgebracht an.
„Was soll das?!“
„Ist er da?“
Sie mustert mich von Kopf bis Fuß. „Was willst du denn von ihm? Sonst bestellt er doch seine Nutten auch nicht tagsüber her.“
Schon wieder werde ich für eine Hure gehalten. Das sollte mir zu denken geben. Es kann doch unmöglich nur an der Kleidung liegen, zumal ich mir nicht vorstellen kann, dass Nutten in solche Stiefeletten herumlaufen. Okay, die ziemlich kurzen Jeans und das Top passen vielleicht. Trotzdem, aus der Zeit mit Greg weiß ich, dass ich keine typische Arbeitskleidung einer Prostituierten trage.
„Ich will nur mit ihm sprechen“, erwidere ich. „Bin keine Hure.“
„Ja, klar. Dann versuchs mal im ‚Derek‘, um die Zeit ist er oft da.“ Und knallt die Tür zu.
Na toll. Und jetzt?
Ich gehe nach draußen und setze mich auf die Bordsteinkante. Dann wird mir bewusst, wie das aussieht, und ich stehe wieder auf. Nach kurzem Zögern gehe ich einfach los. Da ich von links gekommen bin, gehe ich nach rechts.
Wenn ich „Derek“, vermutlich eine Kneipe, innerhalb der nächsten Viertelstunde finde, dann gehe ich hinein. Was ich dann mache, weiß ich zwar noch nicht, aber das sehe ich ja dann.
Und wenn ich es nicht finde, gehe ich zurück zum Auto, fahre nach Hause, schnappe mir meinen besten Freund Johnny und betrinke mich, egal, was mein Vater davon hält.
Und gebe der Polizei das Kennzeichen.
Vielleicht auch andersherum. Obwohl, vielleicht komme ich ins Gefängnis, für das Vorenthalten von Informationen. Ich sollte mich zuerst besaufen und dann …
„Derek“.
Ist tatsächlich eine Kneipe.
Aus den gekippten Fenstern dringt der typische Lärm. Voll scheint es nicht zu sein, aber es sind schon einige Leute drin.
Ich blicke mich um. In der Hitze niemand auf der Straße, von einer dämlichen Blondine mal abgesehen.
Es sieht nicht sehr einladend aus. Ob ich gleich da liegen werde, verprügelt oder gar totgeschlagen? Oder nackt und vergewaltigt?
Puh.
Ich atme tief durch, dann betrete ich die Höhle des Löwen.
Drinnen ist es angenehm kühl. Sieht sauber aus, aber es stinkt nach Alkohol und Tabak. Hauptsächlich nach Zigaretten, aber auch Zigarrengestank ist dabei.
Ich zähle schnell die Leute. Neun, einschließlich des vierschrötigen Barkeepers. Alle sehen irgendwie gefährlich aus. Nicht wie diese jugendlichen Gangmitglieder, mit denen ich herumhing, als ich mit Greg zusammen war. Schon die wären unangenehm. Aber diese Kerle hier sind es gewohnt, dass es auch mal Tote gibt.
Ich bin wahnsinnig, aber so richtig.
Alle Augen richten sich auf mich, während ich zur Bar gehe. Vermutlich passe ich hier hinein wie ein Eisbär in eine Bar auf Hawaii. Oder so ähnlich. Wie komme ich grad auf einen so bescheuerten Vergleich?
Ich rutsche auf einen Hocker, neben einem rotblonden Kerl, der mich aus braunen Augen amüsiert ansieht. Seine muskulösen Unterarme sind tätowiert.
„Hast du dich verirrt?“, erkundigt er sich.
„Wenn ich mir dich so ansehe, dann ja“, erwidert jemand, den ich nicht kenne, mit meiner Stimme. Hey, hallo? Bist du wahnsinnig? Lebensmüde?
Der Rotblonde lacht nur. „Verpiss dich besser, Baby. Noch habe ich gute Laune.“
„Erst will ich Charles Brodwich sprechen. Ist er hier?“
Jetzt wird er schlagartig ernst. Nicht nur er, alle anderen auch.
„Was willst du von ihm?“
Ein anderer ruft einem riesigen Glatzkopf zu: „Hey, hast du echt eine Nutte hierher bestellt?“
Ich starre den Kerl an, der Brodwich zu sein scheint. Heute hat sich wohl alles gegen mich verschworen. Er ist groß, durchtrainiert, glatzköpfig, gepierct, trägt ein Body-Shirt und eine Armeehose. Wenn ich gegen seine Bauchmuskeln schlage, breche ich mir die Finger. Dabei kann ich dicke Bretter und Steine zertrümmern, aber das kann er wahrscheinlich auch. Mit der Stirn.
Verdammte Scheiße.
Er steht auf und kommt zu mir, bleibt neben mir stehen, fast auf Tuchfühlung. Riecht gut, nach irgendeinem sportlichen Duschzeug. Unter anderen Umständen, auf einer Party, würde er vielleicht sogar mir gehören, nach dem fünften Glas Whisky.
Nochmal Scheiße. Er hat vielleicht meinen Bruder umgebracht.
„Hast du meinen Bruder getötet?“
Seine Augenbrauen laufen nach oben. „Wen?“
„Meinen Bruder. Norman Carter.“
„Du spinnst wohl. Verpiss dich hier!“ Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, packt er mich an den Oberarmen und hievt mich vom Hocker, dann stellt er mich auf die Füße und gibt mir einen Stoß Richtung Tür.
Ich fange mich und fahre herum. Spüre förmlich, wie irgendwo eine Sicherung durchbrennt, tief in mir. Die vernünftige Fiona will etwas sagen, aber sie wird von derjenigen, die jetzt das Sagen hat und die mir völlig fremd ist, gnadenlos in eine dunkle Ecke verbannt.
„Du bist ja immer noch da“, sagt Brodwich grinsend.
Dann vergeht ihm das Grinsen. Ich springe aus dem Stand hoch, drehe mich um die eigene Achse und treffe mit dem Absatz seine Nase. Die Wucht schleudert ihn gegen die Theke, er rudert wild mit den Armen und fällt dann um, mehrere Hocker mit sich reißend.
Meine Absicht, mich auf ihn zu stürzen, um die Wahrheit aus ihm herauszuprügeln, wird vom Rotblonden durchkreuzt. Er packt mich am rechten Oberarm und zieht mich zurück. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, als meine linke Faust seine Nase trifft. Und um sicherzugehen, jage ich ihm noch das Knie in die Weichteile. Aufjaulend krümmt er sich nach vorne, aus seiner Nase spritzt Blut.
Damit habe ich wohl jeden in der Kneipe gegen mich aufgebracht, jedenfalls erheben sich die anderen sechs ziemlich hastig und der Wirt hält plötzlich einen Stock in der Hand. Vielleicht einen Baseballschläger, keine Ahnung, mir fehlt die Zeit, das Ding genauer anzuschauen, denn ich sehe mich sechs entschlossen dreinblickenden Jungs gegenüber, die ihre eh kaum vorhandene Hemmung, eine Frau zu schlagen, gerade ganz abgelegt haben.
Der Rotblonde ist außer Gefecht, Brodwich noch nicht wieder einsatzfähig und auch kaum in der Lage, wegzurennen.
Na dann.
Von rechts kommen zwei, von links vier Jungs. Zum Glück für mich nicht besonders koordiniert, sonst hätte ich vermutlich nicht einmal die klitzekleine Chance, die ich mir hastig ausrechne.
Ich wende mich schnell nach rechts, weil sie damit nicht rechnen. Ein etwas kleinerer Typ in Jeans und T-Shirt, extrem muskulös. Er darf mich nicht in die Finger kriegen, und mein Tritt in seine Eier verhindert es, mit voller Kraft, ungebremst, was bei meiner Technik nach über zehn Jahren Kampfsport jeden Kerl für Stunden außer Gefecht setzen würde.
Ihn auch. Er schafft es nicht einmal, einen Laut von sich zu geben. Er verfärbt sich unglaublich schnell, wird erst weiß, dann blau, bevor er stumm auf die Knie und dann nach vorne fällt.
Noch sechs, mit dem Wirt. Nicht einmal die Hälfte geschafft. Das wird hart.
Der andere von rechts ist drahtig, wie Dick und Doof. Und er ist doof. Aber nicht doof genug. Jedenfalls scheint er zu kapieren, dass ich nicht einfach nur Glück habe, sondern gelernt habe, zu kämpfen.
Er packt den nächstbesten Stuhl und wirft ihn nach mir. Zwar kann ich ihm ausweichen, aber das lenkt mich ab, dadurch schafft es einer von der anderen Seite, mir einen Stoß zu verpassen, der mich geradewegs in die Arme von Doof treibt.
Er dreht mich um und legt seinen Arm um meinen Hals. Sein Unterarm drückt gegen meine Kehle und schnürt mir die Luft ab.
„Das reicht jetzt aber“, keucht er.
Ich starre den Kerl an, der mich in seine Arme gestoßen hat. Er ist jung, höchstens in meinem Alter. Narben in seinem Gesicht zeugen davon, dass er schon Straßenkämpfe ausgefochten hat. Und ich vermute, seine Gegner sind nicht mehr alle am Leben, wenn er so aussieht. Das waren Kämpfe, bei denen es um mehr als nur ein Mädchen ging.
Mit einem Springmesser in der rechten Hand kommt er auf mich zu. Ich halte den Unterarm von Doof fest, ohne ihn wegziehen zu können. Der Kerl ist überraschend kräftig.
Und er ist überrascht. Als ich nämlich meinen rechten Fuß hochschnellen lasse, an meinem Kopf vorbei gegen seine Lippen. Er stöhnt auf, lässt mich los und torkelt zurück.
Der mit dem Messer ist auch überrascht. Wenigstens kurz. Sehr kurz, eigentlich. Doch mir reicht es. Ich habe gelernt, gegen Bewaffnete vorzugehen. Mit der linken Handkante blocke ich seinen Unterarm, der danach gebrochen zu sein scheint, das Knie jage ich zwischen seine Beine und mit der Stirn nehme ich seine Nase in Empfang.
Gelernt ist gelernt.
Fünf. Oder vier, je nachdem, in welchem Zustand sich Doof befindet. Um den kann ich mich jetzt aber nicht kümmern, denn nun kommt sogar der Wirt hinter der Theke hervor, mit seinem Baseballschläger oder was auch immer. Und da sind noch drei andere von vorne, die sich bisher zurückgehalten haben, um dem mit dem Messer nicht in die Quere zu kommen.
Jetzt lassen sie dem Wirt den Vortritt, der seine Keule in meine Richtung schwingt. Ich weiche mehrmals aus, bis ich gegen einen Tisch stoße. Jetzt erwischt mich die Keule. Zum Glück streift sie mich am Kinn nur, sonst hätte ich danach keine Zähne mehr. Aber selbst so tut es höllisch weh und treibt mir die Tränen in die Augen.
Mehr instinktiv als gewollt wehre ich den nächsten Schlag ab, indem ich mich nach vorne, dem Kerl entgegen, werfe. Damit rechnet er anscheinend nicht.
Mit der linken Hand halte ich seinen Schlagarm fest. Das sind nur Sekunden, er ist eigentlich viel zu kräftig für mich, aber mir reichen die Sekunden. Die rechte Hand lege ich auf seinen Nacken, dann wieder, wie bereits bewährt, mein Knie zwischen seine Beine. Als er sich vorbeugt, reiße ich das Knie erneut hoch, während ich seinen Kopf mit aller Kraft nach unten drücke. Knie, Nase, Zähne haben eine unheilvolle Begegnung.
Mein Knie tut danach zwar weh, aber im Vergleich zum Wirt geht es mir richtig gut. Er sieht beschissen aus, soweit ich es erkennen kann. Wenn ich es richtig gehört habe, sind mehrere Zähne gebrochen. Die Nase vielleicht auch.
Drei. Aber die sind jetzt richtig wütend. Auch Doof ist wieder einsatzbereit, wie ich mit einem Blick nach hinten feststelle. Sieht zwar aus wie ein Zombie, weil sein Mund und Kinn blutverschmiert sind, aber er dürfte von Adrenalin geflutet sein.
Wie ich auch.
Jetzt kann ich nur auf meine Schnelligkeit und die exakten Treffer hoffen. Mehr als einen Versuch habe ich bei keinem.
Zuerst nehme ich mir Doof vor, damit ich den Rücken frei habe. Wieder die Drehung um die eigene Achse, diesmal ohne Sprung. Absatz gegen Lippen, das tut so richtig schön weh. Sein Kopf fliegt in den Nacken, gefolgt vom Rest des Körpers, der mehrere Stühle und einen Tisch unter sich begräbt.
Allerdings warte ich es nicht ab, bis es so weit ist.
Drei. Von vorne.
Sie sind unsicher geworden, ich sehe es an ihren Augen. Ich habe etwas geschafft, womit sie nicht gerechnet haben. Ich ja auch nicht. Sechs von ihnen sind mehr oder weniger kampfunfähig.
Zwei jüngere Männer, etwa in meinem Alter. Einer stämmig, aber nicht dick, Anfang 40, schätze ich. Er ist in der Mitte.
„Okay, überlasst sie mir“, sagt er und leckt sich die Lippen. Mit der Hand greift er nach hinten. Möglich, dass er eine Pistole hat, und ich sollte nicht abwarten, bis er sie nach vorne geholt hat. Und wenn es nur ein Messer ist, sollte ich trotzdem nicht warten.
Ich setze mich in Bewegung, bevor er zu Ende gesprochen hat. Während ich auf ihn zuspringe, packe ich etwas, was ich erwischen kann. Einen Stuhl, den ich nach ihm werfe. Er rudert mit einem Arm, dadurch sehen die beiden Jungs sich gezwungen, in Deckung zu gehen. Und der Ältere kann sich nicht auf seine andere Hand konzentrieren, was er auch immer darin hat.
Ich nutze den Schwung vom Stuhlwerfen, um hochzuspringen und mich zu drehen. Ich muss genau treffen, wenn ich ihn nicht beim ersten Mal ausschalte, könnte es verdammt eng werden.
Mit der linken Ferse treffe ich seine Schläfe. Da ich mich nach links gedreht habe, steckt dahinter die Wucht einer fast vollständigen Drehung. Er hebt regelrecht ab und landet auf einem Tisch, der dieser unerwarteten Belastung nicht standhält und zusammenkracht.
Er hat tatsächlich eine Pistole.
Die beiden Jungs sehen sie auch, doch sie haben schlechtere Reflexe als ich. Ich springe gegen denjenigen, der näher dran ist, das linke Knie angezogen. Mit den Fingern kralle ich mich in seine Haare, das Knie trifft seine Nase. Wir fallen beide um, ich auf ihn.
Mein Knie tut höllisch weh.
Noch einer.
Ich erhebe mich und starre ihn an. Er starrt mich an, dann die Pistole. Um an sie zu kommen, müsste er an mir vorbei. Und davor scheint er Angst zu haben.
Ich warte nicht ab, bis er sich entscheidet. Da ich nicht weiß, ob er nicht eine Nahkampfausbildung hat, gehe ich kein Risiko ein. Ich täusche einen Seitwärtskick an, als er seinen linken Arm hebt, um zu blocken, drehe ich mich nach links und treffe mit den Handknöcheln seine ungeschützte rechte Gesichtshälfte. Ich kann das Krachen hören, dann sehe ich Blut aus seinem Mund spritzen. Wahrscheinlich hat er sich die Zunge abgebissen.
Null.
Ich wende mich Brodwich zu. Er ist gerade dabei, sich an der Theke hochzuziehen. Seine Nase sieht gebrochen aus, sein Gesicht ist voll mit Blut.
Ich nehme Anlauf. Er sieht mich kommen, ist aber in seinem Zustand zu langsam. Mit dem Ellbogen voran springe ich gegen seine Brust. Erstaunlicherweise scheinen die Rippen zu halten, obwohl er die Theke im Rücken hat. Allerdings berührt er diese schon, bevor ich ihn treffe, das verhindert wohl die Rippenbrüche.
Aber auch so setzt der Treffer ihn außer Gefecht, denn atmen kann er auf keinen Fall mehr. Er rutscht auf den Boden und schnappt verzweifelt nach Luft.
Ich hocke mich auf ihn und hole mit der rechten Faust aus. Eigentlich will ich ihm das Nasenbein zertrümmern. Und dann den Kehlkopf. Das sollte ihn töten.
Aber ich kann nicht.
Ich starre keuchend in seine aufgerissenen Augen.
Ich bin keine Mörderin.
Ich kann keinen wehrlosen Menschen töten.
Vor Wut schreiend packe ich mit beiden Händen sein linkes Handgelenk und reiße den Arm hoch, während mein rechtes Knie seinen Ellbogen unten hält. Das Krachen der Knochen geht in seinem Gebrüll unter.
Mit dem anderen Arm mache ich dasselbe, dann erhebe ich mich schwerfällig.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich aus der Nase blute. Irgendwann im Kampf muss ich mir einen Treffer eingehandelt haben, ohne es zu merken. Meine Knie und das Kinn, wo mich der Baseballschläger erwischt hat, tun höllisch weh.
Die Ersten rühren sich bereits wieder.
Ich fahre herum und renne nach draußen. Ohne nachzudenken, wende ich mich nach links und laufe durch, bis ich an meinem Auto ankomme. Immer noch ohne Zutun des Verstandes werfe ich mich hinters Steuer, starte den Motor und fahre mit quietschenden Reifen los.
Das Nächste, was ich bewusst wahrnehme, sind die Vögel, die über dem Meer kreisen.
Wo bin ich?
Ich blicke mich um. Ich stehe auf einem einsamen, kleinen Parkplatz an der Küste. Da es hier keinen Strand in der Nähe gibt, auch keinen Weg am Wasser entlang, verirren sich nur selten Leute hierher. Zumal es kaum Hinweisschilder gibt. Hier existierte mal ein kleines Café, aber das ist schon lange her.
Ich starre meine Hände an, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel sind wund.
Was habe ich getan?
Und vor allem, wie habe ich das geschafft? Neun Männer, die es gewohnt sind, echte Kämpfe auszutragen. Ich hätte zwei, drei von ihnen dank meiner Kampfsporterfahrung schaffen können, aber neun? Wie ist das möglich?
Ich lasse das Lenkrad los und suche etwas, um mich zu säubern. Im Handschuhfach finde ich Papiertücher. Als ich sie raushole, merke ich, wie meine Hände zittern.
Nachdem ich ein paarmal tief durchgeatmet habe, steige ich aus dem Auto und gehe ans Wasser. Die zerklüfteten Steine sind glitschig, mehrmals falle ich fast auf die Schnauze. Doch schließlich erreiche ich mein Ziel und wasche meine Hände und das Gesicht, so gut es geht. Am Auto trockne ich mich mit den Tüchern ab.
Dann starre ich auf das Meer hinaus und versuche zu kapieren, was eigentlich geschehen ist.
Ich weiß, dass ich sehr gut im Kampfsport bin. Ich trainiere ja auch seit zwölf Jahren intensiv. Einmal, wirklich nur einmal, habe ich selbst den Meister geschlagen.
Aber neun Männer? Neun solche Männer, die nicht übermäßig skrupelbehaftet sind und kein Problem damit haben, eine Frau zu schlagen, wenn sie nicht spurt? Die mit Sicherheit schon etliche Kämpfe ausgetragen haben, auf der Straße, nicht im Ring?
Wie kann das sein?
Oh Mann.
Ich versuche, mich an den Ablauf des Kampfes zu erinnern. Die Männer haben mich zu keinem Zeitpunkt gleichzeitig angegriffen, aber das wäre auch nicht gegangen. Einerseits hätten sie sich gegenseitig behindert, andererseits stand einiges an Mobiliar im Weg herum. Und ich hatte verdammtes Glück, dass der Baseballschläger mich nicht richtig erwischt hat. Ich hätte sonst einige Zähne weniger.
Das alles ändert nichts daran, dass ich bescheuert bin. Und anscheinend einfach nur unglaubliches Glück hatte.
Ja, es war Glück, mehr nicht.
Ich steige wieder in mein Auto und fahre zum Abtanzen.

Ich fahre herum und meine Hand schlägt gegen etwas. Dann setzt die Erinnerung ein und ich verharre mitten in der Bewegung.
Keine Panik, Fiona. Du liegst zu Hause im Bett, nachdem du ziemlich besoffen, verschwitzt und müde mitten in der Nacht nach Hause gekommen bist.
Habe ich mich wenigstens ausgezogen?
Ich betaste meinen Körper. Er ist nackt. Auch die Füße, nicht einmal die Stiefel habe ich vergessen. Sehr gut. Du bist doch noch zu etwas zu gebrauchen.
Ich setze mich vorsichtig auf und öffne blinzelnd die Augen. Draußen scheint es gleißend hell zu sein, so viel kann ich erkennen.
Ich krabbele zum Fussende und dort aus dem Bett. Die Versuchung, auf allen vieren ins Bad zu kriechen, ist verflucht groß. Aber es sieht lächerlich aus. Und es ist egal, ob mich dabei jemand sieht, ich weiß es. Das genügt. Also erhebe ich mich und wanke zur Toilette.
Wenn ich Glück habe, ist heute Sonntag, wenn nicht, dann habe ich den Sonntag durchgepennt und es ist bereits Montag. Aber eigentlich ist es so scheißegal.
Mein Kopf ist irgendwie ziemlich schwer, ich lege die Stirn in die Hände.
Ich habe ihm die Arme gebrochen. Und ich hatte ernsthaft vor, ihn zu töten. Verdammt, was ist bloß mit mir los? Ich bin doch keine Mörderin!
Ich hebe den Kopf und betrachte meine Hände, mit denen ich ihn totschlagen wollte, zumindest laut Plan.
Komisch. Sie sehen irgendwie komisch aus, diese Hände. Glatte Haut, feingliedrig, einigermaßen sauber, die Nägel mal nicht abgekaut. Eigentlich ganz okay.
Und das genau ist das Problem.
Gestern Abend waren nach der Schlägerei die Knöchel völlig zerschunden, blutig, wund. Davon ist nichts mehr zu sehen. Nichts. Nada.
Hä?
Ich taste in meinem Gesicht nach den Wunden. Mindestens am Kinn müsste eine Platzwunde sein.
Nada.
Ich springe auf und starre mein Spiegelbild an. Über das Gesicht kann man geteilter Meinung sein, viele halten es für hübsch, aber im Moment interessiert mich nur eines: Es sieht mehr oder weniger genauso aus wie gestern Morgen. Vor der Schlägerei.
Das kann doch nicht sein! Eine solche Wunde verheilt doch nicht einfach über Nacht! Ich weiß ja, dass ich gutes Heilfleisch habe, aber hallo?
Ich gehe ins Zimmer und setze mich auf die Bettkante. Was ist hier eigentlich los? In 48 Stunden hat sich mein Leben völlig verändert. Mein Bruder ist tot, ich hatte vor, einen Menschen zu töten, habe eine unglaubliche Prügelei und meine daraus resultierenden Verletzungen heilen über Nacht.
Äh?
Okay, vielleicht habe ich auch nur alles geträumt und wenn ich zum Frühstücken nach unten gehe, sitzt Norman bereits da.
Ja, das sollte ich tun.
Ich ziehe ein hellgraues T-Shirt und weiße Shorts an und rase nach unten.
Der Lieutenant und der eine Polizist sind da. Ben oder so.
Norman ist nicht zu sehen. Klar, er liegt ja im Leichenschauhaus. Oder das, was von ihm übrig ist.
Die beiden Polizisten mustern mich neugierig. Sie sitzen auf der Couch und haben sich wohl mit meinen Eltern unterhalten. Auch diese mustern mich. Meine Mutter unsicher, mein Vater wütend.
„Hätte nicht gedacht, dass du so früh aufstehst“, bemerkt er.
„Wie spät ist es denn? Und welcher Tag?“
Er schnaubt. „Wieso überrascht mich diese Frage nicht?“
„Sonntag, elf Uhr“, sagt der Lieutenant. „War wohl eine harte Nacht.“
„Ich habe zu viel getrunken und noch mehr getanzt“, erwidere ich und lasse mich stöhnend auf die Couch sinken, ohne meinen Vater anzusehen. „Was ist überhaupt los? Wieso kreuzt die Polizei an einem Sonntag vormittags hier auf?“
„Wegen dir“, knurrt mein Vater.
„Wegen mir?“ Ich suche mit dem Blick Nicholas. Er versteht mich ohne Worte: „Ich bringe Ihnen einen Kaffee, Fiona.“
„Es gab gestern Abend eine Schlägerei in einer Kneipe“, sagt der Lieutenant. „Unter anderem war darin eine junge, blonde Frau verwickelt, die ihnen auffallend ähnlich sah. Zeugen zufolge hat sie einen Mann beschuldigt, ihren Bruder getötet zu haben. Anschließend brach sie ihm beide Arme. Es heißt, sie hätte unglaublich gut gekämpft. Sie machen doch seit zehn Jahren sehr intensiv Kampfsport, oder?“
„Seit zwölf“, korrigiere ich ihn. „Und?“
„Waren Sie in eine Schlägerei verwickelt gestern?“
„Sehe ich so aus?“
Er schüttelt den Kopf. „Ich hätte bis vorhin darauf gewettet, dass Sie es waren. Sowohl die Beschreibung als auch das mit dem Bruder passt. Allerdings wurde die Frau bei der Schlägerei verletzt, unter anderem am Kinn.“
„Aha. Nun, ich habe keine Verletzung am Kinn.“ Weil es verheilt ist und ich habe keine Ahnung, wie das möglich ist. Scheiße!
„So sieht es tatsächlich aus. Schminken Sie sich?“
„Ab und zu, wenn es das Protokoll verlangt.“
„Das Protokoll?“ Er zieht beide Augenbrauen hoch.
„Ich habe mich zu den Abschlussbällen geschminkt und ich schminke mich, wenn ich an den Messeständen von CSE stehe. Ich bin Trainee bei meinem Vater und war ein Jahr in der Marketingabteilung.“
„Ich verstehe.“ Er beobachtet Nicholas, der mir jetzt meinen Kaffee bringt und sich dann dezent zurückzieht. „Nun, ich muss mich für die Störung entschuldigen.“
„Ist schon gut“, sagt mein Vater und steht ebenfalls auf. Meine Mutter auch. Ich bleibe demonstrativ sitzen und trinke meinen Kaffee.
Vor der Treppe nach oben bleibt der Lieutenant stehen und dreht sich zu mir um. „Was ich vergessen habe, auch wenn es Sie ja eigentlich nicht interessieren dürfte: Für den Mord an ihrem Bruder hat Brodwich ein Alibi. Einen schönen Sonntag noch, Miss Carter.“
Ich nicke nur.
Nachdem die beiden weg sind, kommt meine Mutter wieder und setzt sich neben mich.
Ich sehe sie an. „Was?“
„Warst du das?“
„Hast du nicht zugehört? Das Supergirl wurde verprügelt und hatte eine blutige Visage. Sehe ich aus, als hätte ich eine Prügelei gehabt?“
Sie schüttelt stumm den Kopf, dann erhebt sie sich seufzend. „Kind, es ist für uns alle schwer. Ich möchte nicht noch ein Kind verlieren.“
Ich starre ihr hinterher, während sie nach draußen auf die Terrasse geht. Es fühlt sich beschissen an, dass ich sie angelogen habe. Aber ich kann ihr die Wahrheit auf keinen Fall sagen.

Ausnahmsweise sitze ich mal mit am Mittagstisch, aber niemand hat wirklich Hunger. Am begehrtesten ist noch der Rotwein, irgendein Südamerikaner. Schmeckt gar nicht schlecht, alles andere wäre im Hause meines Vaters sehr seltsam.
Bis zum Nachtisch schaffen wir es, ohne dass es Ärger gibt.
Als ich mir allerdings zum dritten Mal das Glas fülle, meint mein Vater, einschreiten zu müssen: „Meinst du nicht, du hast genug?“
Ich starre ihn an. „Meinst du nicht, ich würde es lassen, wenn ich das meinen würde?“
„Du hast doch bestimmt gestern auch ohne Sinn und Verstand getrunken.“
„Bestimmt“, erwidere ich und nehme einen Schluck. „Du hast doch gehört, ich bin nicht das Supergirl.“
„Ja, aber es hätte zu dir gepasst.“
„Echt? So gut kennst du mich? Woher eigentlich? Du merkst doch sonst überhaupt nicht, dass es mich gibt. Wieso glaubst du dann, du wüsstest irgendetwas über mich?“
Für einen Moment scheint alles einzufrieren. Dann lässt mein Vater den Kaffeelöffel wieder sinken, mit dem er seinen Kaffee vermutlich umrühren wollte. Will er mich etwa schlagen? Er weiß doch, dass ich mich wehren würde und das auch kann. Die Zeiten, in denen ich mich von ihm schlagen ließ, sind lange vorbei.
Er mustert eine Weile den Kaffee, bis er schließlich den Blick hebt und mich ansieht. „Du bist meine Tochter. Ich kenne dich, besser, als du es gerne hättest. Und ich weiß, wie sehr auch dich der Tod von Norman mitnimmt, daher tue ich mal so, als hättest du nichts gesagt.“
„Wie gütig von dir. Und mir reicht es.“ Ich werfe meine Kuchengabel hin und erhebe mich geräuschvoll.
„Kind …“, sagt meine Mutter.
„Ja, was?“
„Wo willst du hin?“
„Keine Ahnung. Nach draußen.“
Erst einmal gehe ich jedoch nach oben und tausche die Shorts gegen 3/4-Jeans und Sportschuhe. Und kurz darauf stehe ich auf dem Nachbargrundstück vor der Haustür und läute Sturm. Bis Leslie die Tür aufreißt.
„Was soll das denn?“
„Kommst du mit?“
„Wohin?“
„Spazieren. Zur Promenade. Eis essen.“
Sie starrt mich kurz an, dann nickt sie. „Ich ziehe mir nur eben Schuhe an.“
Sie streift sich flache Sandalen über, steckt ihren Schlüsselbund und etwas Geld ein, dann zieht sie die Tür hinter sich zu. Sie trägt wadenlange Jeans und ein Hemd, das sie anscheinend von James geklaut hat, es reicht ihr bis zu den Oberschenkeln.
Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her. Erst als wir auf den Waldweg einbiegen, der nach unten zur Küste führt, bricht sie unser Schweigen.
„Was ist los? Wieder Krach mit deinem Vater?“
„Das auch.“
„Das auch? Ist das denn noch steigerungsfähig?“
„Anscheinend ja.“ Ich atme tief durch. „Vorhin waren die beiden Polizisten da, der Lieutenant und der junge Kerl.“
„Aha. Was wollten sie denn?“
„Sie dachten, ich hätte mich gestern in einer Kneipe mit neun Männern geprügelt. Und einem von ihnen beide Arme gebrochen.“
„Mit neun Männern? Ist das nicht etwas übertrieben? Ich meine, ich weiß ja, was du drauf hast, habe es ja selbst erlebt. Aber neun Männer? Okay, und das glauben sie nicht mehr?“
„Supergirl hat ein paar Schrammen abgekriegt, unter anderem hier.“ Ich tippe auf die Stelle am Kinn.
„Und weil du nichts … Woher weißt du, an welcher Stelle?“
„Weil ich es war.“
Leslie bleibt stehen und starrt mich fassungslos an. „Du? Aber warum?“
„Der Mann mit den gebrochenen Armen … Ihm gehört das Auto, mit dem Norman getötet wurde.“
„Was?! Warte mal, wieso glaubten die, dass da eine Verletzung …?“
„Der Barmann hat mich dort mit einem Baseballschläger erwischt.“
„Jetzt mal langsam. Aber da ist nichts!“
„Eben, Leslie, eben! Als ich heute aufgewacht bin, waren alle Schrammen spurlos weg! Wie geht so was?!“
„Willst du mich verarschen?“
„Nein! Verdammte Scheiße!“ Ich packe meine Haare, dann sehe ich sie wieder an. „Ich habe schon gedacht, ich habe alles geträumt, dann komme ich runter und da sitzen die beiden. Ich … ich weiß einfach nicht, was ich denken soll.“
Leslie überlegt kurz, dann nimmt sie meinen Arm. „Wir gehen erst einmal weiter und essen ein Eis, okay?“
Ich nicke schweigend.
An der Küste ist es natürlich jetzt schon voll. Nach einer halben Stunde finden wir trotzdem einen freien Tisch in einer kleinen Eisdiele etwas weiter hinten. Leslie bestellt sich einen Milchkaffee und einen Erdbeerbecher, ich nehme Cappuccino und Spaghettieis.
Erst als wir unser Eis haben, redet Leslie wieder. „Also gut, du hast neun Männer verprügelt? Wie geht das? Waren das irgendwelche Schwächlinge, Buchhalter, oder wie?“
„Straßenjungs, kampferprobt“, erwidere ich düster. „Brodwich ist ein Riese mit Glatze und Tattoos, wie aus einem Film. Ein bisschen wie Vin Diesel, nur größer.“
„Du weißt aber schon, wie sich das anhört?“
„Klar weiß ich das. Ich … ich weiß auch nicht, was da passiert ist. Ich war schon nahe dran, wieder nach Hause zu fahren, als ich zufällig die Kneipe gefunden habe. Die haben mich für eine Nutte gehalten, weil ich so knappe Jeans anhatte.“
„Wo dein halber Arsch raushängt?“
„Genau, du Arsch.“
Sie grinst. „Vielleicht bist du ja Supergirl, weißt es nur nicht.“
„Das würde erklären, warum ich mich oft so fühle, als käme ich von einem anderen Planeten.“
„Siehst du, es gibt für alles eine Erklärung.“
Ich erwidere nichts, sondern beobachte an ihr vorbei das Meer. Da sind Segelboote unterwegs, weiter weg ein Kreuzfahrtschiff und vorne auf dem Strand Menschen wie Sardinen in der Büchse.
„Hallo, Schätzchen!“ Leslie fuchtelt mit den Händen vor meinem Gesicht herum. „Ich will von dir wissen, ob du eine vernünftige, rationale Erklärung hast!“
„Hab ich nicht“, erwidere ich kopfschüttelnd und esse wieder von meinem Eis. „Wie denn? Hör zu, natürlich habe ich gelernt, gleichzeitig mit mehreren Gegnern zu kämpfen. Das gehört zur Prüfung. Ich weiß, was ich kann, und ich habe definitiv nicht damit gerechnet, dass ich auch nur die geringste Chance gegen die habe.“
„Warum bist du dann nicht weggerannt, verdammt nochmal? Du hättest sterben können!“
„Keine Ahnung.“ Ich zucke die Schultern. „Vielleicht deswegen.“
„Soll das ein Witz sein? Oder muss ich die Polizei rufen, zu deinem Schutz?“
„Nein, nicht nötig. Du siehst ja, nicht einmal das kriege ich hin.“
„Idiot!“
„Ja, danke. – Hör zu, das mit den neun Kerlen kann man ja noch irgendwie mit Adrenalin, Lebensgefahr und so erklären. Irgendwie. Aber das mit den Verletzungen?“
„Wie schlimm waren sie denn? Vielleicht sahen sie nur wild aus.“
„Meine Knie waren blutig, mein Ellbogen auch, eine Platzwunde am Kinn. Und jetzt sind alle, wirklich alle Wunden spurlos weg.“
„Hm. Eigenartig. Ich würde an deiner Stelle mal Ahnenforschung betreiben.“
„Ahnenforschung? Hä?“
„Ich denke, du hast eine Hexe unter deinen Vorfahren. Eine andere Erklärung gibt es eben nicht.“
„Du bist echt bescheuert.“ Ich starre in ihr grinsendes Gesicht, dann schüttele ich den Kopf. „Das ist ernst.“
„Weiß ich ja. Aber ich habe echt absolut keine Erklärung. Ich kann ja mal vorsichtig an der Uni rumhören, kenne ein paar Medizinstudis.“
„Das wäre gut. Danke.“
Sie nickt. „Ich sehe ja, dass du völlig durch den Wind bist. Und das kann ich nachvollziehen. Keine Ahnung, was für Panik ich schieben würde, wenn mir so was passieren würde. Ich meine, vielleicht ist es eine Art Gendefekt.“
„Gendefekt? Hast du sie noch alle?“
„Denk mal nach, Schätzchen. Du hast doch auch Biologie gehabt.“
„Klar, wir waren ja in derselben Klasse.“
„Eben.“
„Worauf willst du hinaus?“
„Was passiert denn bei der Wundheilung? Das ist doch reinste Genetik, irgendwie.“
„Na ja …“
„Hat das nichts mit der Reparatur defekter Genabschnitte zu tun?“
„Ich glaube, du wirfst da etwas durcheinander, meine Liebe. Unabhängig davon könnte es trotzdem gentechnisch bedingt sein, da gebe ich dir recht, wenn ich so darüber nachdenke. Die Mechanismen bei Wundheilung habe ich nicht mehr parat, aber Veranlagung spielt mit rein. Und Wunden haben bei mir immer schnell geheilt. Aber nicht soo schnell.“
„Vielleicht haben die Schläge was ausgelöst bei dir. So wie man manchmal den Fernseher schlägt, wenn das Bild verwackelt ist.“
„Du bist heute echt unmöglich“, erwidere ich, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden habe. „Klar, ein Schlag mit dem Baseballschläger wirbelt meine Gene so durcheinander, dass … Hey, vielleicht hätte ich mich richtig treffen lassen sollen, dann wäre in meinem Kopf bestimmt alles zurechtgerückt worden!“
„Ja, genau. Wenn du Hilfe brauchst dabei …“
„Ich sehe schon, dir darf ich auch nie wieder den Rücken zudrehen.“
Sie lacht auf und ich muss mitlachen. Das ist einfach zu bescheuert, da kann kein Mensch ernst bleiben. Mir ist schon klar, dass sie genau das erreichen wollte. Aber verdammt, niemand ist zynischer als ich. Dachte ich jedenfalls.
Wir essen schweigend unser Eis zu Ende, dabei denke ich darüber nach, ob es wirklich etwas mit meiner Genetik zu tun haben könnte. Jedenfalls wäre das eine wahrscheinlichere Erklärung als das mit der Hexe. Hexen und Magie, all diesen Quatsch gibt es nicht, seltsame Gendefekte schon. Ich meine, ich bin ja eh ziemlich seltsam, warum sollten dann meine Gene normal sein? Wenn schon, denn schon.
Ich beschließe, dass meine Gene genauso bescheuert sind wie ich und seltsame Sachen machen.
Fall gelöst.

Ich muss unbedingt mit Savage reden. Selbst wenn er mir das richtige Kennzeichen genannt hat, Brodwich saß anscheinend nicht am Steuer. Und ich glaube irgendwie nicht, dass Savage das nicht gewusst hat. Es mag ja sein, dass ich keinem Unschuldslamm die Arme gebrochen habe, doch das macht es nicht besser.
Ich springe aus dem Bett und laufe Richtung Bad. Dabei fällt mein Blick unwillkürlich auf die Zimmertür und ich muss daran denken, wie Norman früher immer völlig unerwartet hereingestürmt ist.
Ich bleibe stehen und schließe die Augen.
Verdammte Scheiße.
Es war ihm völlig egal, ob ich vielleicht gerade nackt aus dem Bad kam oder möglicherweise Besuch hatte. Okay, wenn ich Besuch hatte, schloss ich die Tür ab.
Meistens jedenfalls.
Als er acht wurde, erklärte ich ihm, dass er bitte anklopfen möge. Er hat genickt und weitergemacht wie vorher. Ich hatte ein halbes Jahr gebraucht, um ihn umzugewöhnen! Vor allem, dass es nicht reicht, anzuklopfen, er müsste auch darauf warten, dass ich „Herein!“ rufe.
Und plötzlich wurde er älter, kam in die Pubertät. Von da an achtete ich wirklich peinlich genau darauf, die Tür abzuschließen, wenn ich Besuch hatte. Trotzdem überraschte er mich an einem Sonntag beim Masturbieren. Keine Ahnung, für wen das peinlicher war. Ich zog blitzschnell die Decke über mich, aber sein Gesichtsausdruck verriet, dass seine Fantasie mit ihm durchging.
Mit mir nicht, dafür rastete ich aus.
Ich spüre, wie mir schlecht wird, und schaffe es gerade eben zum Waschbecken.
Danach dusche ich und ziehe mich an. Ich will zu Savage, also in ein Krankenhaus. Was ziehe ich an? Nach den Erfahrungen am Samstag habe ich genug davon, wie ein Flittchen auszusehen. Ich entscheide mich für eine kurzärmelige Bluse, einen knielangen, hellblauen Jeansrock und Stiefeletten.
Sieht okay aus. Hübsch, aber nicht aufreizend.
Bist ja auch ein hübsches Mädchen, sagt die Andere in mir.
Halt den Mund. Das ist ja wohl nicht mein Verdienst.
Trotzdem kein Grund, dich zu schämen.
Ich lasse das mal so stehen und gehe nach unten. Mein Vater ist schon weg, zur Arbeit, wie ich von Nicholas erfahre. Ich starre ihn an. Die Frage, wieso er arbeitet, wenn am Freitag erst sein Sohn getötet wurde, kann ich gerade noch zurückhalten. Ich muss es wirklich nicht an Nicholas auslassen, er kann nichts dafür.
Meine Mutter sitzt auf der Terrasse bei einer Tasse Tee. Nach kurzem Zögern lege ich von hinten die Arme um sie. Sie greift nach meinen Unterarmen.
„Wohin gehst du?“
„Zu Savage.“
Ihr Blick, als sie mich ansieht, verrät mir, dass sie nicht begeistert ist, doch sie sagt nichts dazu. Ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange, dann beeile ich mich, wegzukommen. Ich fürchte, sonst ersticken zu müssen. Oder wieder zu kotzen. Oder beides.
Scheiße.
Im Krankenhaus droht mir dann ein Herzstillstand, als ich das Zimmer von Savage leer vorfinde. Das heißt, sein Bett ist abgezogen, seine Sachen weg. Er ist also auch weg.
Ich renne zur Stationsschwester, die mich erschrocken anstarrt.
„Was ist mit Savage?“, frage ich panisch.
„Er ist nach Hause“, erwidert sie und kümmert sich wieder um irgendwelche Papiere, mit denen sie bereits vorher beschäftigt war, bevor ich sie auch in Panik versetzt habe.
„Wie, nach Hause? Wieso denn?“
Jetzt blickt sie wieder hoch und mich streng an.
„Er wurde von seiner Mutter abgeholt. Ist das ein Problem?“
„Natürlich ist das ein Problem! Sein Freund wurde vor seinen Augen getötet!“
„Ja, schon klar. Aber er ist nicht krank. Also haben wir ihn entlassen.“
„Er ist nicht krank?“
„Jedenfalls nicht physisch. Und um das Andere muss sich die Therapeutin kümmern.“
„Aha.“
„Miss Carter, wo ist das Problem? Das hier ist ein Krankenhaus, hier werden Menschen mit körperlichen Leiden behandelt. Und wir brauchen das Bett.“
„Vielleicht hat er ja irgendwelche Spätfolgen und …“
„Miss Carter! Körperlich fehlt ihm nichts!“
Ich atme tief durch, dann nicke ich. „Ja, in Ordnung. Sorry.“
Ihre Gesichtszüge werden weicher. „Ich weiß ja, was Sie durchmachen. So ein Verlust ist sehr tragisch. Aber wir machen nur unsere Arbeit.“
„Klar. Wie gesagt, sorry. Ich hatte mich erschrocken.“
„Ist schon okay.“
Wie in Trance gehe ich zu meinem Auto und steige ein. Was jetzt? Wo er wohnt, weiß ich ja. Aber ich kann nicht mit ihm reden, während seine Mutter dabei ist. Normalerweise würde sie wohl um diese Zeit arbeiten, doch sie wird sich für ihn freigenommen haben. Kann ich ja nachvollziehen. Trotzdem ist das nicht gut für mich.
Schließlich beschließe ich, dass ich trotzdem hinfahre. Irgendwas wird sich schon ergeben. Hoffe ich jedenfalls.
Die beiden wohnen in einem Mietshaus mit sechs Wohnungen. Nicht die beste Gegend, aber auch nicht die schlechteste. Mittelstand, aber nicht der gehobene. Die meisten Autos, die hier parken, haben Technik verbaut, die der BMW meines Vaters vor zehn Jahren schon hatte. Aber sie sind sauber und gepflegt, genau wie die Häuser und Gärten.
Hier möchte ich niemals leben. Nicht wegen des fehlenden Luxus, den würde ich wahrscheinlich nicht einmal vermissen. Aber der hier vorherrschende Mief ließe mich früher oder später Amok laufen. Zu Hause habe ich den Vorteil, dass ich allem aus dem Weg gehen kann. Hier könnte ich das nicht. Dann lieber im Ghetto. Wäre bestimmt nicht angenehm, aber ich kenne es aus meiner Zeit mit Greg. Vieles war scheiße, aber ich konnte wenigstens sagen, was ich dachte.
Ist das eine Art Naturromantik?, erkundigt sich die Andere in mir.
Höchstens Sozialromantik. Klar, ich bin ja das verwöhnte Mädchen aus reichem Hause und so was von naiv. Niemand würde mir glauben, dass ich das kenne und es so meine.
Stimmt.
Ach, halt doch die Fresse. Fick dich.
Fängt eigentlich Schizophrenie so an? Dass ich zu mir selbst sage, ich soll mich ficken?
Vielleicht sollte ich mir einen Dildo besorgen. Nur für den Fall, dass es schlimmer wird.
Seufzend steige ich aus und gehe zur Haustür. Mrs Norton öffnet mir die Wohnungstür und nimmt mich in die Arme, als sie mich sieht. Ich lasse es über mich ergehen, ich weiß ja, dass sie es ehrlich meint. Wir haben uns nicht oft gesehen, aber ich habe Norman einige Male gebracht oder abgeholt.
„Das tut mir so leid!“, sagt sie danach schniefend.
„Mir auch“, erwidere ich. „Ich … ich wollte eigentlich zu Savage.“
„Er ist nicht da.“
„Nicht da?“ Ich spüre, wie der nächste Herzstillstand droht.
„Er wollte auf den Spielplatz, wohin er auch mit Norman immer gegangen ist. Gefiel mir nicht, aber er fing an zu weinen, also ließ ich ihn gehen. Es ist nur paar Minuten von hier entfernt. Sag mal, willst du nicht reinkommen? Auf einen Tee?“
„Das ist wirklich sehr lieb, Mrs Norton. Danke. Ich werde Savage suchen.“
„In Ordnung. Einfach nach rechts gehen, du kannst es nicht verfehlen.“
Vor dem Haus zünde ich mir erst einmal eine Zigarette an, bevor ich zum Spielplatz spaziere. Ich kann Savage auf einer Bank sitzen sehen und beobachte ihn während des Rauchens.
Er sitzt nur da und hört Musik. Mit dem CD-Player, den ich ihm geschenkt habe.
Er blickt nicht einmal hoch, als ich mich neben ihn setze. Ich lehne mich zurück und rauche mit geschlossenen Augen zu Ende. Dann erhebe ich mich wieder, gehe zum Mülleimer mit integriertem Aschenbecher, sicheres Zeichen für Mittelschicht, am Rand des Spielplatzes, entsorge die Kippe und kehre zurück Savage.
Diesmal beobachtet er mich.
„Hi“, begrüße ich ihn.
„Hi“, erwidert er. „Hast du ihn gefunden?“
„Ja. Aber er saß nicht am Steuer, oder?“
Savage schüttelt den Kopf.
„Wer saß am Steuer, Savage?“
„Ist das wichtig? Komm, ich will dir was zeigen.“
Er springt auf und geht mit einer Geschwindigkeit los, als wollte er heute noch bis … keine Ahnung, wohin. Bis ans Ende der Welt. Ich habe trotz meiner langen Beine Mühe, ihm zu folgen.
„Hey, langsam! Wo willst du hin?“
„Zum Baumhaus.“
„Baumhaus?“ Ich bleibe stehen, daraufhin er auch. „Was für einem Baumhaus?“
„Unserem Versteck. Du wirst es sehen. Kommst du?“
„Ja, aber renn nicht so.“ Er geht tatsächlich langsamer weiter, so dass ich mir eine weitere Zigarette anzünden kann. Ob ich weniger rauchen sollte? Ist ja auch eine Art des Selbstmords, nur eben auf Raten. Und möglicherweise sehr unangenehm.
Wir gehen an einem Park entlang bis etwas über die Mitte hinaus, dann schlägt sich Savage plötzlich zwischen die Bäume. Wenn es einen regulären Weg zum Baumhaus gibt, dann will er ihn mir nicht zeigen, und ich verfluche meine Idee, einen Rock anzuziehen. Die verdammten Dornen haben es auf meine Schienenbeine abgesehen, das merke ich sehr schnell. Mit etwas Konzentration gelingt es mir aber dann, ihnen aus dem Weg zu gehen. Doch bis dahin habe ich mir einige blutige Schrammen eingehandelt.
Ob die bis morgen spurlos verschwunden sein werden?
Endlich bleibt Savage vor einem Baum stehen und zeigt stumm nach oben. Ich muss zweimal hinsehen, bis ich das Baumhaus erkenne, so gut ist es versteckt. Farblich perfekt an die Äste und den Laub angepasst, sieht man ihn nur, wenn man weiß, dass es da ist.
„Wie kommen wir da hinauf?“, erkundige ich mich.
„Kannst du nicht auf einen Baum klettern?“
„Doch“, erwidere ich stinkig. Savage weiß, dass ich Kampfsport mache. Irgendwas hat er und das lässt er im Moment an mir aus. Ich habe viel Verständnis für ihn wegen dem, was er erlebt hat, trotzdem bin ich sauer.
Ich greife nach einem Ast, um mich hochzuziehen, als mir bewusst wird, dass ich einen Rock trage. Ich lasse die Hand wieder sinken und sehe Savage an: „Du gehst vor!“
„Schade“, sagt er grinsend, dann klettert er schnell und geschickt nach oben.
Ich folge ihm schweigend. Meine Kleidung ist nicht ganz die Richtige, um Jane zu spielen, aber ich gelange ins Baumhaus, ohne mich zu blamieren.
Es ist, nicht unüblich für so ein Baumhaus, klein und spartanisch eingerichtet. Eine alte Matratze, ein Regal, mehr gibt es nicht. Überall liegen Hefte herum. Superman-Comics – und Pornos.
Wenn ich erwartet habe, dass Savage Letztere hektisch einsammelt, werde ich enttäuscht. Er fegt zwar alles beiseite, aber nicht so, dass ich nicht sehe, was es ist. Im Gegenteil, er sortiert alles auf einem Stapel und ganz oben liegt ein Porno. Eine junge Dame mit beängstigend aufgeblasen wirkenden Titten schiebt sich einen noch beängstigender wirkenden Dildo rein und grinst dabei, als würde sie mit einer Pistole gezwungen, Spaß zu simulieren.
Was zur Hölle soll daran erregend sein? Ich bin ja nun echt nicht prüde und bestimmt kein Fan von klassischem Sex in Missionarsstellung und im Dunkeln, aber das wirkt auf mich einfach nur abstoßend. Unabhängig davon, dass ich nicht so auf Sex mit Frauen stehe. Ich wäre aber auch nicht erregt, wenn da ein Mann mit Riesenschwanz sich einen Riesendildo in den Arsch schieben würde, von daher …
„Gefällt es dir?“, fragt Savage.
Ich reiße mich von dem Anblick der Monstertitten los und starre ihn entgeistert an.
„Das da? Nein, ganz sicher nicht!“
„Ich finde das gar nicht so schlecht, aber Norman stand auf diesen Riesentitten.“
„Aha.“ Das ist ein Thema, das ich gar nicht vertiefen möchte. „Sava, warum hast du mich hierher geführt?“
„Hier sind wir ungestört.“
Er sitzt im Schneidersitz mir gegenüber. Ich sitze eigentlich auch gerne so, aber nicht einem Dreizehnjährigen gegenüber, wenn ich einen Rock trage. Einem Dreizehnjährigen, dessen Blicke mich ziemlich irritieren. Hallo? Er ist traumatisiert!
Also sitze ich auf meinen Fersen, den Rock so weit nach vorne gezogen, wie es nur geht. Und ich bereue es, keinen BH angezogen zu haben. Die Scheißbluse lässt sich nicht bis oben zuknöpfen, außerdem schwitze ich in dieser Hitze, dadurch klebt der Stoff an meinen Brüsten.
Ich beschließe, das Ganze abzukürzen: „Sava, ich will von dir nur wissen, was …“
„Lass uns ficken“, unterbricht er mich.
„Wie bitte?!“
„Lass uns Spaß haben.“ Dabei streckt er die rechte Hand nach mir aus. Ich greife blitzschnell nach seinem Handgelenk.
„Was soll das denn? Savage, ich weiß ja, dass du Schlimmes erlebt hast und ich bin gerne bereit, dir zu helfen, das zu überwinden, aber ganz bestimmt nicht so, okay?“
„Die anderen haben sich auch nicht so geziert“, sagt er mit einem lauernden Blick.
Hä?
„Was für andere?“, erkundige ich mich, während ich spüre, wie mir kalter Schweiß am Rücken hinunterläuft. Irgendwas ist hier nicht in Ordnung. So verhält sich kein traumatisierter Junge, das weiß ich auch, ohne Psychologie studiert zu haben.
„Die anderen Mädchen.“
„Hier waren andere Mädchen?“
„Nicht hier. Wir durften sie nicht mitnehmen.“
„Nicht mitnehmen …“ Ich unterbreche mich selbst. Der verarscht mich doch. Aber warum? „Sava, das ist ein verdammt schlechter Scherz.“
„Kein Scherz“, erwidert er kopfschüttelnd. „Niemand darf davon wissen. Versprichst du mir das? Es ist unser Geheimnis. Normans, meins und jetzt auch deins. Okay?“
„Ich nehme an, du redest nicht von dem Baumhaus?“
„Nein, ich rede von Sex.“
„Von Sex? Aha. Ihr habt es hier miteinander getrieben? Ich meine … Entschuldige den Ausdruck, okay? Ihr seid bisschen jung, aber klar, ich will ja auch nicht spießig sein und …“
„Nicht miteinander und nicht hier.“
„Mit wem denn sonst?“
„Mit Mädchen. Fiona, ich liebe dich.“
Hä? Was ist jetzt los?
„Savage, bitte. Ich weiß ja, dass Jungs in deinem Alter …“
„Norman hat gesagt, du schläfst mit jedem Jungen, der das will.“
Ich starre ihn entsetzt an. „Das glaube ich nicht!“
„Dass er das gesagt hat? Doch. Stimmt das etwa nicht?“
„Natürlich nicht!“
„Was muss ich dann tun, damit du es mit mir machst?“
„Ich werde auf keinen Fall Sex mit dir haben, okay? Erstens bist du viel zu jung. Zweitens bist du der beste Freund von meinem gerade eben verstorbenen Bruder. Und drittens …“ Ich unterbreche mich. Diese beiden Gründe reichen völlig aus.
Dachte ich.
„Die Mädchen waren noch viel jünger.“
„Jünger als ich?“
„Jünger als wir.“
Die Gedanken rasen durch meinen Kopf. Ich bin fest davon überzeugt, dass er mich verarscht, dass das ein schlechter, ein sehr, sehr schlechter Scherz ist, aber warum? Wie kommt er dazu, mit so was Scherze zu machen? Wie kommt ein Dreizehnjähriger überhaupt auf solche Gedanken? Das kann doch alles nicht wahr sein!
„Sava, kann es sein, dass dir gar nicht klar ist, was das bedeutet? Wenn die Mädchen viel jünger gewesen wären, wären sie Kinder gewesen. Ich meine, eine Dreizehnjährige, okay, in meiner Klasse waren ein oder zwei Mädchen, höchstens, die mit dreizehn ihr erstes Mal hatten, aber die sahen auch älter aus. Das kommt immer mal vor. Und ich bin bestimmt keine, die das verurteilt, ich bin ja echt keine Nonne und so, aber noch jüngere? Ich selbst hatte ja sogar mit dreizehn noch kein Bedürfnis, Sex mit einem Jungen zu haben, davor schon mal gar nicht.“
„Aber du hast dich selbst befriedigt.“
„Das geht dich absolut nichts an“, erwidere ich kühl.
„Also ja“, sagt er lächelnd.
„Das ist kein Thema für ein Gespräch zwischen uns, okay? Also, du hast doch nur einen Scherz gemacht, oder?“
Statt einer Antwort greift er hinter sich, zieht schließlich ein Pornoheft aus dem Stapel, schüttelt es, bis ein Bild herausfällt, und hält es mir hin.
Okay, bisher war ich nur nahe dran an einem Herzstillstand, gleich zweimal heute, aber jetzt habe ich wirklich das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden.
Das Bild zeigt Norman. Und ein Mädchen, das tatsächlich viel jünger ist als er.
Ich werfe das Bild weg, als würde es glühen und meine Finger verbrennen.
„Wer hat das Bild gemacht?“, flüstere ich. „Du?“
Er schüttelt den Kopf. „Es gibt viele Bilder. Und Videos. Norman und ich haben Geld dafür bekommen.“ Er hält den CD-Player hoch. „Den habe ich mal gekauft. Aber der andere, den du mir mitgebracht hast, der ist auch gut. Wenn dieser hier mal kaputtgeht …“
„Savage!“
Er verstummt und sieht mich fragend an.
Das kann doch nicht wahr sein! Er versteht wirklich nicht, warum ich entsetzt bin? Was das bedeutet? Bis vorhin hielt ich alles für einen sehr dummen, sehr schlechten Scherz, aber das Bild ist eindeutig. Und es sieht echt aus. Selbst wenn es nicht echt wäre, wäre schon allein die Idee widerwärtig.
Ich zwinge mich, nicht zu weinen. Nicht. Nein. Jedenfalls nicht jetzt, nicht vor Savage. Dafür versuche ich, rasend schnell darüber nachzudenken, wie ich mich verhalten soll. Wie verhalte ich mich meinen Eltern gegenüber, jetzt, mit diesem Wissen? Wie kann ich jetzt noch so tun, als wäre ich am Boden zerstört vor Trauer über Normans Tod? Ja, am Boden zerstört bin ich ja, jetzt noch mehr als vorher, aber ich spüre gerade Wut, nicht Trauer. Wenn Norman wirklich das getan hat, dann … dann … dann war er ein Monster.
Ein. Monster.
Aber es kann nicht wahr sein. Das kann einfach nicht wahr sein. Norman war kein Monster.
Mein Bruder war kein Monster. Ich habe ihn geliebt. Er war witzig, charmant, konnte jeden um die Finger wickeln.
Dann fällt mir sein Blick ein, als er mich beim Masturbieren erwischt hat. Damals hat er mich irritiert, doch jetzt … verstehe ich ihn. Norman war nicht erschrocken.
Er kannte den Anblick.
Ich schließe die Augen und kann doch nicht verhindern, dass die Tränen kommen.
„Du brauchst nicht zu weinen“, sagt Savage zärtlich und legt eine Hand auf meine Wange.
Aufschreiend stoße ich sie weg. „Fass mich nicht an!“
„Was hast du denn?“, fragt er verwirrt.
Ich glaube das einfach nicht. Der versteht es wirklich nicht. Was muss mit ihm passiert sein, dass ihm überhaupt nicht klar ist, was er getan hat? Was sie getan haben, er und mein Bruder?
„Ihr … ihr habt es mit Kindern getan …“
„Ja, das stimmt. Manchmal war es nicht so schön, aber …“
„Nein!“, schreie ich ihn an. „Ich will das nicht hören!“
„Okay“, sagt er achselzuckend.
Dann nimmt er das Bild und betrachtet es. Ich nehme es ihm wütend weg und will es zerreißen, da fällt mir etwas ein.
„Du hast gesagt, es gibt auch Videos?“
„Ja.“
„Die kann man kaufen?“
Er nickt und mustert das Bild, das ich zwischen den Händen halte. Nach kurzem Zögern mache ich Schnipsel daraus und werfe diese auf die Matratze.
„Wo?“
Savage beginnt, die Schnipsel einzusammeln.
„Wo?!“
Er zuckt zusammen und schaut hoch. „Ich weiß nur von so einer Videothek. Da ist einer, der heißt Stanley. Stanley Mime. Wenn man nach Schwimmanzügen fragt und dem Jungen mit dem Zauberstab, dann … dann kann man die Videos kaufen.“
Ich atme tief durch. Ich muss unbedingt herausfinden, ob Savage nicht doch alles zusammenfantasiert. Dieses Bild ist schrecklich, aber es könnte trotzdem eine Fälschung sein. Schon das wäre furchtbar, aber damit könnte ich noch irgendwie umgehen.
Ich muss die Wahrheit herausfinden!
„Wie heißt die Videothek?“
„StarV.“
„Okay. Savage, ich werde da jetzt hinfahren. Und ich verspreche dir, wenn du mich angelogen hast, dann wirst du es bereuen.“ Ich hasse es, einem Kind so zu drohen, allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich einem Kind gegenüber sitze.
Sein Blick gehört jedenfalls nicht einem Kind.
„Es ist alles wahr“, sagt er schließlich. „Wenn du herausgefunden hast, dass alles wahr ist, schläfst du dann mit mir?“
Darauf kann ich nicht antworten. Wenn ich jetzt den Mund aufmache, kotze ich. Mit zusammengepressten Lippen klettere ich nach unten und laufe bis zum Auto.
Und dann ist es mir egal, ob mich jemand sieht und was er denkt. Ich kann nicht mehr. Heftig keuchend und würgend entleere ich das Bisschen, was sich noch in meinem Magen befindet, neben dem linken Vorderreifen, steige dann, mehr oder weniger blind, in mein Auto und suche tastend nach den Papiertüchern, um meinen Mund abzuwischen. Und meine Bluse. Und den Rock. Einfach alles.
Dann drücke ich meine Stirn gegen das Lenkrad und heule einfach los.

Ich hätte mich vielleicht umziehen sollen. Auch wenn meine Kleidung sauber aussieht, ich weiß, dass ich darauf gekotzt habe. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob eine Dreiundzwanzigjährige in knielangem Jeansrock und Bluse glaubwürdig wirkt als Interessentin für Kinderpornos.
Andererseits, weiß ich denn, wie Leute aussehen, die sich für so einen Scheiß interessieren? Ich meine, Norman und Savage haben sich anscheinend dafür interessiert. Obwohl sie selbst noch Kinder waren. Was zum Teufel muss schiefgelaufen sein, damit ein Junge wie Norman so was macht? Er hat doch alles gehabt … Nein, nicht alles.
Ich atme tief durch, dann zünde ich mir eine Zigarette an. Der Videoladen befindet sich schräg gegenüber. Montags um ein Uhr ist wohl nicht viel los da drin. Die Tür steht sperrangelweit offen, bei der Hitze kein Wunder.
Will ich das? Will ich es wirklich wissen? Vor allem, will ich das sehen?
Ich will nicht, aber ich muss! Ein Foto ist eine Sache, aber das reicht mir als Beweis nicht. Ich will Norman sehen, vor allem will ich sein Gesicht sehen.
Ich will, ich muss wissen, ob er Opfer oder Täter war.
Wahrscheinlich beides. Wie soll ein Kind in seinem Alter einsehen können, was er da anderen Kindern antut?
Konnte ich das vor zehn Jahren?
Ich versuche mich zu erinnern, wie ich damals getickt habe. Eigentlich konnte ich es. Ich wusste ja auch genau, was ich tat, als ich mit elf auf meinen Klassenkameraden losging, der ständig an meinen Haaren gezogen hatte und der schuld daran war, dass ich sie mir abgeschnitten habe. Ich verprügelte ihn und durfte dann vor dem Büro des Direktors auf meine Mutter warten.
Aber ich wusste genau, was ich tat. Und ich bereute es keine Sekunde. Ich hatte das Arschloch ja vorgewarnt, mehrmals. Bloß weil ich ein Mädchen bin, muss ich nicht alles mit mir machen lassen. Das habe ich noch nie eingesehen.
Das Mädchen auf dem Foto mit Norman hatte keine Wahl. Und hat vielleicht keine Chance mehr auf ein normales Leben.
So eine verdammte Scheiße.
Ich drücke die Zigarette aus und prüfe mein Gesicht im Spiegel, schließlich kann ich nicht verheult da rein und nach dem Jungen mit dem Zauberstab fragen. Die lachen mich aus.
Ich sehe aber verheult aus, also setze ich eine Sonnenbrille auf. Damit geht es.
Auf der Straße, in gleißendem Sonnenlicht, ist die Brille eine Wohltat, aber drinnen sehe ich damit kaum was. Muss trotzdem sein. Nach einiger Zeit habe ich mich jedoch daran gewöhnt und kann alles erkennen, was wichtig ist.
Es sind zwei Kunden drin, ein junger Mann mit aschblonden Haaren und ein älterer, beleibt und in durchgeschwitztem Hemd. Außerdem ein Angestellter, jung, mit dunkelbraunen Haaren, sportlich schlank. Ich schätze ihn auf etwa 30. Er trägt ein Hemd, hellblaue Jeans, von ähnlicher Farbe wie mein Rock, und Turnschuhe. Seine Augen sind grau, soweit ich es erkennen kann, als ich zu ihm gehe. Auf seinem Namensschild steht: Stanley. Habe ich einfach nur Glück oder gibt es hier sonst keinen?
„Hi“, sagt er.
„Hi. Habt ihr Schwimmanzüge?“
Er starrt mich erstaunt an. Also sehe ich eher nicht wie typische Kundschaft für dieses spezielle Produkt aus. Doch dann nickt er.
„Eine besondere Vorliebe?“
Na, er kommt ja schnell zum Wesentlichen.
„Der Junge mit dem Zauberstab“, würge ich hervor. Ich muss aufpassen, nicht schon wieder zu kotzen. Das wäre nicht gut hier. Irgendwie gar nicht gut. Eher ganz schlecht.
Während Stanley hinter einer Tür verschwindet, übe ich mich in Tiefenatmung, um den Krampf aus meinen Halsmuskeln zu kriegen. Es gelingt mir leidlich, sodass ich nur noch latenten Brechreiz habe, als er zurückkommt.
In der Hand hält er eine undurchsichtige Einkaufstüte aus Plastik, die er mir reicht.
„200“, sagt er leise.
„Wie viel?“
„Qualität kostet halt“, erwidert er achselzuckend.
Ich taste meine Rocktaschen ab. Verflucht. Normalerweise habe ich in jeder Hosentasche diverse Geldscheine, eine dämliche, aber auch nützliche Macke von mir. Doch diesen Rock trage ich einfach zu selten.
Aber ich habe Glück, ich finde ein Knäuel Scheine und lege es vor ihm auf die Theke. Er zählt 200 ND ab, den Rest gibt er mir zurück. Ich stopfe ihn achtlos in die Gesäßtasche und gehe, ohne mich zu verabschieden.
Bloß raus hier!
Nachdem Einsteigen lege ich die Tasche vorsichtig auf den Beifahrersitz, als könnte der Inhalt explodieren. Wenn ich jetzt angehalten und damit erwischt werde … Nun, dann könnte ich es erklären und der komische Lieutenant würde mir glauben. Hoffe ich.
Aber ich werde nicht erwischt.
Zu Hause gelange ich unbemerkt auf mein Zimmer und schließe sorgfältig ab. Dann schiebe ich die Kassette in den Rekorder, setze mich ans Fußende von meinem Bett und starte den Film mit der Fernbedienung.
Und ganz, ganz langsam, mit jeder Sekunde immer mehr, bricht meine Welt zusammen.

Ich starre die Kassette an. Da liegt sie nun. Irgendwann konnte ich nicht mehr und bin ins Bad gerannt, um den Kopf in die Kloschüssel zu stecken. Ich hätte nicht gedacht, dass man so viel und so lange kotzen kann, wenn man gar nichts im Magen hat.
Dann zog ich alles aus, schmiss die Sachen in die Schmutzwäsche und nahm frische Kleidung. Diesmal dachte ich praktischer: T-Shirt, Jeans, Sportschuhe. Wer weiß, was heute noch alles geschieht. Mich würde definitiv nichts mehr wundern.
Was mache ich mit der Kassette? Meinen Eltern zeigen? Hallo? Das bringt meine Mutter um und mein Vater mich. Eigentlich gibt es nur eine vernünftige Entscheidung: Ich fahre damit zur Polizei, beichte ihnen alles und halte mich zukünftig aus Sachen raus, von denen ich keine Ahnung habe.
Den Teil mit „Ich fahre damit zur Polizei“ sollte ich auf jeden Fall machen. Was danach passiert, sehen wir dann noch. Allerdings habe ich das dumpfe Gefühl, dass ich mit diesem Thema nicht gut umgehen kann, schon gar nicht, wenn Norman da mitmacht.
Und er macht mit. Das steht fest. Nein, er machte mit. Jetzt nicht mehr. Jetzt macht er gar nichts. Jetzt muss kein Mädchen mehr wegen ihm leiden.
Mein Gott, wenn ich daran denke, dass einige von denen noch nicht einmal in die Schule …! Ich halte die Hände vor den Mund und zwinge mich, nicht daran zu denken. Keine Ahnung, ob ich noch mehr kotzen könnte, aber ich will es nicht ausprobieren. Es reicht schon, dass die Tränen wieder aus den Augen schießen. Meine Augen brennen, schon lange.
Polizei. Ich muss zur Polizei.
Ich nehme die Kassette, packe sie wieder in die Plastiktasche und gehe zur Tür. Dort lausche ich erst, denn jetzt möchte ich niemandem begegnen. Ich habe Glück und gelange unbemerkt zu meinem Wagen.
Während ich darauf warte, dass hinter mir das Tor sich wieder schließt, schaue ich nach rechts. King Valley ist leer, eigentlich wie immer. Weiter hinten ist die Kurve zu sehen, hinter welcher der Wald beginnt und wo es nach unten zur Küstenpromenade geht, wenn man mit dem Auto fahren will.
Und zwei Motorradfahrer, die am Straßenrand stehen und sich unterhalten.
Sonst nur die Zäune und Einfahrten zu den Villen der Oberen Zehntausend von Skyline. Direkt neben unserem Haus zur rechten Hand das deutlich kleinere, in dem Leslie mit ihrem Vater lebt. Wie ein ehemaliger Geheimagent sich hier ein Grundstück leisten kann, ist mir ein Rätsel. Aber es hat den Vorteil, auf diese Weise an Leslie als beste Freundin gekommen zu sein. Dass sie auch noch in dieselbe Klasse ging wie ich, war ein nettes Extra.
Ich seufze und fahre los.
Die Motorradfahrer auch.
Hm.
Ich beobachte sie im Innenspiegel und werde nervös. Doch dann biegen sie anscheinend ab, jedenfalls sehe ich sie nicht mehr. Ich muss unwillkürlich lachen. Anscheinend werde ich allmählich hysterisch. Solche Sachen tun mir nicht gut. Das ist aber auch kein Wunder.
Ich nehme die Highway nach Westen. Das Polizeipräsidium, in dem auch der Lieutenant sein Büro hat, liegt in Center Village, an der Grenze zu Downhill. Also ziemlich mitten in der Stadt, im Gegensatz zu Old Town, dessen Herzstück King Valley bildet, dem Viertel der Reichen.
Du wohnst ja auch da, meldet sich mal wieder die Andere.
Bin ja auch nicht gefragt worden.
Du könntest ausziehen, angeblich bist du doch erwachsen.
Während ich noch über eine erwachsene Antwort nachdenke, erblicke ich wieder die Motorradfahrer. Sie sind ziemlich nahe hinter mir, es befinden sich gerade mal zwei Autos zwischen uns.
Verfluchte Scheiße, was soll das? Das ist doch kein Zufall!
Ich fahre auf dem mittleren Fahrstreifen und überhole gerade einen LKW. Rechts vorne ist die Ausfahrt ins Zentrum zu sehen, eine Ausfahrt zu früh. Vielleicht sollte ich sie trotzdem nehmen?
Während ich noch darüber nachdenke und dabei den LKW hinter mir lasse, sehe ich im Innenspiegel die Motorräder aufholen. Die in schwarze Lederanzüge gekleideten Fahrer halten Pistolen in den Händen.
Was zur Hölle …?!
Dann reagiere ich nur noch. Vermutlich der Teil in mir, der durch den Kampfsport daran gewöhnt ist, blitzschnelle Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, reißt das Steuer nach rechts. Der BMW schießt über den rechten Fahrstreifen auf die Abbiegespur vor den LKW, den ich gerade erst überholt habe.
Die Motorradfahrer folgen mir, doch nur einer schafft es wirklich. Der andere erwischt die Abtrennung zwischen Abbiegespur und rechtem Fahrstreifen und verliert die Kontrolle über sein Gefährt. Entsetzt beobachte ich, wie er gegen die Absperrung auf der rechten Seite kracht, einen Abflug macht und nach einer längeren Rutsch- und Rollphase schließlich zum Liegen kommt.
Bis der LKW mit quietschenden Reifen über ihn …
Ich wende meinen Blick ab. Meine Fantasie reicht völlig aus, mir vorzustellen, was die blockierten Reifen mit ihm anstellen, ich muss das nicht auch noch sehen.
Zumal ich immer noch einen Motorradfahrer im Nacken habe. Fast wörtlich. Vielleicht hat er nicht einmal gemerkt, was mit seinem Kollegen passiert ist. Jedenfalls ist er dicht hinter meinem Wagen, die Waffe auf mich gerichtet.
Ich reiße erneut das Steuer herum, gleichzeitig höre ich Scheiben zerbersten. Hinten und links. Anscheinend hat er genau in diesem Augenblick abgedrückt und die Kugel verfehlt mich haarscharf.
Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, ich bin nur noch im Überlebensmodus. Vor mir eine belebte, breite Straße, die zu der Einkaufsmeile führt. Ausgeschlossen, dass er die Jagd fortsetzt, hier gibt es viel zu viele Zeugen!
Und ich irre mich, wie ich schon bald erkenne.
Er ist mit dem Motorrad viel schneller als ich, bevor er also nah genug ist, um wieder schießen zu können, biege ich nach rechts ab.
Und schreie entsetzt auf, denn direkt vor mir befindet sich eine Baustelle. Ich trete mit aller Kraft auf die Bremse, doch trotzdem fliege ich geradezu auf eine Planierraupe zu. Lenkrad nach rechts, denn links ist ein riesiger LKW. Das ABS arbeitet brav und schüttelt den Wagen und mich kräftig durch. Fast reicht es auch.
Aber nur fast.
Mit der linken Seite treffe ich die Planierraupe, die sich davon relativ unbeeindruckt zeigt, im Gegensatz zum BMW. Aber danach steht das Auto endlich.
Ich brauche einige Sekunden, um mich zu sammeln. Dann blicke ich mich um. Der Motorradfahrer fährt auch nicht mehr, und mit diesem Motorrad garantiert nie wieder. Anscheinend hat er es geschafft, rechtzeitig abzusteigen und rappelt sich gerade auf.
Scheiße, haben die einen Terminator geschickt? Ich komme mir gerade wie Sarah Connor vor.
In panischer Angst klettere ich über die Mittelkonsole und stoße die Beifahrertür auf. Sie klemmt ein wenig, doch sie lässt sich wenigstens öffnen. Auf allen vieren krieche ich aus dem Auto, dann erhebe ich mich und laufe los. Anfangs etwas wackelig, nach einigen Schritten wird es besser.
Ich biege nach links in eine Passage ein, komme an einer Buchhandlung und einer Pizzeria vorbei. Kurz denke ich darüber nach, in einen der beiden Läden zu rennen, doch dann sehe ich den Killer hinter mir und laufe weiter.
Auf der anderen Seite das sonnendurchflutete Zentrum. Voll mit Menschen. Und hinter mir der Killer, mit dem Motorradhelm auf dem Kopf und der Pistole in den Händen.
„Mama, die drehen einen Film!“, schreit ein kleiner Junge begeistert.
Wie er auf diese Idee kommt, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich ist das eine glaubwürdigere Erklärung für ihn als dass die Szene echt ist. Für mich bedeutet es, dass ich um mein Leben kämpfen muss. Also ständig in Bewegung bleiben. Der da hinter mir darf gar nicht auf die Idee kommen, zu schießen. Entweder trifft er mich oder Unschuldige oder beides.
Links das Korners Megastore, ein riesiges Kaufhaus mit mehreren Etagen. Ich renne durch die geöffnete Tür und dann geduckt weiter. Am Geschrei hinter mir erkenne ich, dass der Killer nicht daran denkt, aufzugeben.
Ich komme an Haushaltswaren vorbei und lasse ein großes Küchenmesser mitgehen. Eine lächerliche Waffe gegen eine Pistole, aber besser als nichts. Und die Schusswaffen sind zu weit entfernt, außerdem gesichert.
Ich denke kurz an Korner, dem ich schon mal auf einem Empfang begegnet bin. Seine Vorfahren waren Einwanderer aus Deutschland, vor vielen Generationen. Die meisten wollten in die USA, aber nicht alle. Einer von denen, die nicht in die USA wollten, war ein Urgroßvater von Korner. Oder so ähnlich.
Seltsam, dass ich jetzt daran denken muss, während ich durch das Kaufhaus hetze, immer schön geduckt. Dann zur Treppe. Nach unten oder nach oben?
Ich entscheide mich für nach oben, denn da sind die Toiletten. Vielleicht schaffe ich es, schnell genug aus dem Fenster zu klettern und den Killer so abzuhängen, der durch seinen Helm und seinen Lederanzug gehandicapt ist.
Aber Pech gehabt.
Die Toilettenfenster sind vergittert, selbst in der ersten Etage.
Als die Tür aufgestoßen wird, fahre ich herum. Und starre ihn an. Mit der linken Hand halte ich den Messergriff, der mir fast entgleitet, weil ich schwitze wie in der Sauna. Mein T-Shirt klebt an meinem Oberkörper und zwischen den Brüsten. Über meinem Kopf das vergitterte Fenster, in meinem Rücken die geflieste Wand, links die Waschbecken und rechts die Kabinen.
Und vor mir der Mann, der mich aus diesem Leben befördern wird.
Die Pistole ist auf meine Stirn gerichtet, im herunter geklappten, schwarzen Visier kann ich mich sehen. Mein angstverzerrtes Gesicht, die Brüste unter dem nassen T-Shirt …
Warum schießt er nicht?
Dann wird mir klar, dass er meine Brüste anstarrt, die genauso gut zu sehen sind, als wäre ich nackt.
Als Zweites wird mir klar, dass ich vielleicht überleben werde. Vielleicht. Die Chance ist äußerst klein, aber größer als mit einem Loch in der Stirn. Mit viel, viel Glück verliere ich nur ein Auge.
Der schlanke, hochgewachsene Kerl steht so nah vor mir, dass die Pistolenmündung fast meine Stirn berührt. Jedenfalls kommt es mir so vor. Sein Brustkorb hebt und senkt sich schnell. Er stinkt nach Schweiß und Leder.
Ich stoße mit dem Messer von unten ansatzlos zu, gleichzeitig bewege ich mich nach rechts. Ein unmögliches Unterfangen, niemand ist schneller als eine Kugel. Aber besser, als untätig zu sterben, ist es auf jeden Fall.
Ich spüre, wie die Klinge in den Körper vor mir gleitet. Und ich höre den Schuss, unerträglich laut. Dann wird mein linker Arm nach hinten gerissen, der Rest meines Körpers mit. Mein Kopf prall gegen die harte Wand, dadurch wird es schwarz vor meinen Augen.
Doch ich bleibe bei Bewusstsein. Spüre, wie ich nach unten rutsche. Höre, wie etwas hart auf den Boden knallt. Mein Messer? Oder die Pistole?
Dann kann ich wieder sehen.
Der Killer steht vor mir, aber nicht mehr so nah, wie gerade noch. Ich sitze mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden und habe keine Ahnung, wie es um mich steht.
Um ihn jedoch steht es schlecht, das ist sicher. Der Griff des Haushaltsmessers mit der 30 cm-Klinge ragt aus seinem Solarplexus, er hält ihn fest und versucht, das Messer herauszuziehen. Dazu fehlt ihm eindeutig die Kraft, und während ich mich erstaunt frage, wie ich es überhaupt geschafft habe, die Klinge so tief in ihn hineinzujagen, fällt er langsam erst auf die Knie, dann nach vorne auf die Seite.
Er atmet röchelnd, aus seinem geöffneten Mund kommen blutige Blasen. Die Augen sind geöffnet, aber ich bezweifle, dass er mich sieht, obwohl er in meine Richtung starrt. Es wirkt eher so, als würde er seinen Schöpfer sehen. Oder den Todesengel. Oder was man halt so sieht, während man stirbt.
Schließlich hört er einfach auf zu atmen.
Ich wende den Blick langsam von ihm ab und sehe an mir hinunter. Mein T-Shirt ist immer noch nass und an der linken Seite blutig. Aber da ist kein Loch. Also lasse ich den Blick weiter schweifen, bis ich die Schusswunde in meinem linken Oberarm erkenne.
So unglaublich es eigentlich auch ist, ich war schnell genug, dass er nur meinen Arm getroffen hat, selbst aber zur Hölle gefahren ist.
Ich sollte Angst vor mir haben. Neun Männer verprügeln. Okay, eigentlich unmöglich, aber irgendwie erklärbar. Wunden über Nacht verheilt. Unmöglich und nicht wirklich erklärbar. Zwei Killer ausgeschaltet und selbst nur eine Schusswunde im Arm.
Absolut ausgeschlossen.
Dann werde ich wohl endlich ohnmächtig.

Ich kann es immer noch nicht glauben. Aber der Schmerz holt mich in die Realität zurück.
„Aua!“
„Nicht zappeln“, sagt der Arzt. „Ich sagte ja, es wäre besser, ins Krankenhaus zu fahren.“
Ich denke daran, was er sagen würde, wenn meine Verletzung morgen oder vielleicht auch erst übermorgen verschwunden wäre und erwidere: „Nein! Will ich nicht!“
Er zuckt die Achseln und macht mit der Behandlung weiter. Ob er stinkig ist und deswegen absichtlich so arbeitet, dass es wehtut? Als Arzt?
Ich schließe die Augen und versuche, ihn und den Schmerz zu ignorieren. Das funktioniert erstaunlich gut, aber dafür kommt die Erinnerung wieder.
Ich war wohl nicht sehr lang weggetreten. Der Killer lag noch genauso da wie vorher. Allerdings gab es eine weitere Mitspielerin. Sie stand in der Tür einer Kabine und starrte mich an.
Ich setzte mich langsam auf und hielt die rechte Hand auf die Wunde.
„Könnten … könnten Sie jemandem Bescheid geben?“ Meine Stimme klang ziemlich schwach, wie von weit weg. Sie nickte und rannte nach draußen, dabei schrie sie laut. Warum eigentlich?
Kurz darauf kamen zwei Polizisten hereingestürmt. Wahrscheinlich waren sie bereits vorher alarmiert wurden, wegen des Unfalls und der Verfolgungsjagd danach. Später bestätigten sie das auch, aber jetzt sichern sie erst einmal die Toilette. Bis zum Beweis des Gegenteils gelte ich auch als Verdächtige, aber den Beweis kriegen sie schnell durch den Bericht einiger Zeugen, die sich in der Tür drängen.
Als ich dann meinen Namen nenne, kriegen die Polizisten große Augen.
„Die Schwester von dem Jungen?“, fragt einer von ihnen.
Ich nicke und öffne die Augen, als eine mir bekannte Stimme meinen Namen nennt.
Der Lieutenant steht draußen und beobachtet, wie ich verarztet werde.
„Sie sollte ins Krankenhaus“, teilt ihm der Notarzt mit.
„Und?“
„Sie weigert sich.“
„Warum?“, fragt der Lieutenant mich.
„Ich hasse Krankenhäuser“, erwidere ich mürrisch.
„Aha. Sie haben es ja gehört, Doc. Wie schlimm ist die Verletzung überhaupt?“
„Sie hat Glück gehabt, in jeder Hinsicht.“
„Dann ist es ja gut.“ Er sieht mich an. „Übrigens, das stimmt wirklich. Sie haben den Polizisten erzählt, der Killer hätte gezögert. Wollen Sie wissen, warum?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher“, erwidere ich.
„Ob Sie es wissen wollen?“
„Ja.“
„Okay.“
Als er sich abwendet, rufe ich hinterher: „Hey! Jetzt erzählen Sie doch!“
Grinsend dreht er sich wieder um. „Das war ein Berufskiller, der sich Sergio Valencia nannte. Niemand weiß, ob das sein richtiger Name ist. Er gehörte der mittleren Liga an.“
„Immerhin“, bemerke ich. Es lenkt mich von der Metzgerarbeit des Arztes ab.
„Ja, immerhin, dafür waren Sie jemandem wichtig genug. Nun, Valencia hatte eine Schwäche: Frauen. Er war berüchtigt dafür, seine Opfer zu quälen, wenn sie weiblich waren.“
„Er hat meine Brüste angestarrt …“
„Wundert mich nicht“, nickt der Lieutenant und der Arzt grinst.
Was zum …? Ich blicke an mir hinunter. Natürlich trocknet so schnell kein T-Shirt. Ich spüre, dass ich rot werde.
„Keine Sorge, wir haben schon ganz andere Sachen gesehen“, sagt der Arzt.
„Ganz andere Sachen als nackte Titten?“
„Ja, auch. Oder solche, die beim Obduzieren an den Seiten hängen, nach dem Schnitt …“
„Wollen Sie, dass ich Sie vollkotze? Lieutenant, darf er das überhaupt? Ich wurde gerade durch die Gegend gehetzt und fast von einem Berufskiller erschossen!“
„Das ist wohl wahr“, sagt der Lieutenant und nickt wieder. „Allerdings haben Sie denselben Killer mit einem haushaltsüblichen Tranchiermesser erstochen und sich nicht wie ein typisches Opfer verhalten.“
„Ich hatte nichts zu verlieren. Und ich mag nicht einfach darauf warten, geschlachtet zu werden. Ich wehre mich, wenn mir jemand was will.“
„Davon habe ich gehört.“
„Von wem?“
„Unwichtig. Bleiben wir doch lieber bei Ihnen. Mich würde es interessieren, warum die überhaupt hinter Ihnen her waren. Hat es was mit dieser Schlägerei zu tun?“
„Woher soll ich das denn wissen?“
Er starrt mich durchdringend an. „Miss Carter, ich bescheinige Ihnen, dass Sie wirklich eine sehr ungewöhnliche und auch mutige junge Frau sind. In gewisser Hinsicht bewundere ich Ihre Nerven. Aber ich möchte Sie ungern verhaften müssen. Mein Gefühl sagt mir, dass Sie uns etwas verschweigen, was auf Dauer ungesund für Sie enden könnte.“
Ich starre zurück. War ich nicht sowieso auf dem Weg zu ihm, als mir das mit den beiden Killern dazwischen kam? Ich wollte doch der Polizei alles beichten, glaube ich. Oder jedenfalls alles, was wichtig ist.
Also atme ich tief durch und nicke.
„Also schön. Sobald dieser Metzger hier fertig ist, zeige ich Ihnen etwas.“
„Und das hat mit dieser Geschichte zu tun?“
„Es erklärt alles“, erwidere ich leise.
„Dann ist ja gut. Doc, sie kann wirklich nicht ins Krankenhaus.“
„Bin ja gleich fertig“, erwidert dieser wütend.
Das stimmt. Er legt gerade den Verband an. Als er dann endlich von mir ablässt, lüfte ich mein T-Shirt, damit es nicht mehr so an den Brüsten klebt, und bewege versuchsweise den linken Arm. Geht ganz gut.
„Noch wirkt das Schmerzmittel“, bemerkt der Arzt.
„Kriege ich noch was davon?“
„Im Krankenhaus.“
Arschloch! Aber ich spreche es lieber nicht aus. Stumm klettere ich aus dem Rettungswagen und will losgehen, zu meinem Auto, als ich die Menschenmenge hinter der Absperrung erblicke. Vor allem Journalisten und Fernsehreporter.
Ach du Scheiße.
„Was wollen die alle?“, frage ich entgeistert.
„Miss Carter, Sie wurden von zwei Berufskillern auf Motorrädern verfolgt. Einer von denen wurde von einem LKW geplättet, einen anderen haben Sie mit einem haushaltsüblichen Tranchiermesser gekillt. Sie sind die Tochter des bekannten Jason Carter. Ihr Bruder wurde von einigen Tagen getötet. Und jetzt fragen Sie mich ernsthaft, was die alle hier wollen?“
„Schon gut“, erwidere ich mürrisch. „Können Sie mich zu meinem Wagen fahren?“
„Warum? Er ist eh nur noch Schrott.“
„Darin befindet sich der Grund, warum die hinter mir her waren.“
„Na schön“, sagt er seufzend.
Er muss sich selbst mit dem Auto den Weg freikämpfen. Erst mit Hilfe einiger Uniformierten gelingt es. An der Unfallstelle sieht es besser aus. Hier gibt es nur wenige Fotografen. Ein Polizist hebt den Absperrband an, sodass wir bis zum Auto fahren können. Ich springe raus und suche die Kassette. Sie ist mitsamt Plastiktüte unter den Beifahrersitz gerutscht.
Nachdem ich wieder eingestiegen bin, mustert der Lieutenant die Tasche.
„Was ist da drin?“
„Eine Videokassette. Haben Sie ein Abspielgerät?“
„Im Büro“, erwidert er mit hochgezogenen Augenbrauen. „Und was ist auf der Kassette?“
„Das würde ich Ihnen lieber zeigen. Dann glauben Sie mir sofort.“
„Na schön. Hier gibt es für mich eh nichts zu tun.“
Ich nicke nur. Während der Fahrt, die ich auf dem Beifahrersitze verbringe, halte ich mit einer Hand die auf meinem Schoß liegende Tüte fest und kaue auf den Nägeln der anderen herum. Bis ich mich dabei ertappe. Das ist doch gar nicht meine Art?! Die ganze Geschichte zehrt wohl gewaltig an meinen Nerven, verdammt.
„Schmecken sie?“, erkundigt sich die Lieutenant.
„Nein. Und sonst mache ich das auch nicht.“
„Klar. Die Ereignisse bringen wohl neue Verhaltensweisen hervor.“
Ich starre ihn an, er grinst. Irgendwie gefällt er mir, trotz seiner knurrigen Art. Nach einem Moment grinse ich zurück.
Er parkt direkt vor dem großen, imposanten Gebäude. Eine breite Treppe führt hinein, mehrere Aufzüge nach oben zu den Abteilungen. Unterwegs grüßt der Lieutenant einige Uniformierte. Ich werde begutachtet. Trotz allem werden die wenigsten mein Gesicht kennen und im Moment sehe ich wohl ziemlich wild aus.
Aber ich trage keine Handschellen, das wird einige irritieren.
Das Morddezernat hat ein eigenes Großraumbüro, und es ist verdammt laut. Schlimmer als in den Filmen. Aber vielleicht kommt es mir auch nur so vor, denn meine Nerven sind ziemlich angespannt.
Der Lieutenant winkt Heller, der Ben heißt, zu, und einer Frau. Gemeinsam gehen wir in das Büro des Lieutenants mit einer Glasfront zum Großraumbüro hin.
Als Erstes macht er die Front blickdicht, zur Verwirrung der beiden anderen.
„Detective Ben Norris kennen Sie ja bereits. Und das ist Sergeant Laura Holler. Die beiden werden sich ab sofort um Sie kümmern.“
„Was ist passiert?“, erkundigt sich Ben Norris. Seine grau-blauen Augen mustern mich neugierig.
„Zwei Berufskiller, einer davon Sergio Valencia, haben versucht, sie zu töten.“
„Oh“, sagt die Frau. Mit ihren schulterlangen, rot-braunen Haaren würde sie attraktiv sein, wenn sich nicht die Erfahrung der Jahre in ihr Gesicht eingegraben hätte. Ich schätze sie auf Anfang 40, obwohl sie älter aussieht. „Sie sind entkommen?“
„Nope!“ Jack Siever setzt sich hinter seinen Schreibtisch. „Einer wurde von einem 40-Tonner platt gebügelt, den anderen hat Fiona mit einem haushaltsüblichen Tranchiermesser getötet.“
„Wie bitte?!“ Die beiden Detectives starren mich an.
„Yep!“ Der Lieutenant hat es anscheinend heute mit Slang. Auch gut. „Während er seine Pistole auf ihre Stirn gerichtet hielt. Er hat zwar noch geschossen, aber nur ihren Arm erwischt.“
„Okay. Ich denke, wir sollten das mit den neun Jungs bei ‚Derek‘ neu überdenken“, sagt Ben.
Der Lieutenant winkt ab. „Ist erst einmal egal. Eh nicht schade um die.“
„So dürfen wir aber nicht einmal denken“, sagt Laura Holler.
„Wie?“
„Na, wie du gerade …“
„Ich habe keine Ahnung, was du meinst.“
Laura schüttelt den Kopf und setzt sich dann grinsend.
„Okay, Fiona behauptet, die Videokassette da erklärt alles, was bisher geschehen ist.“
„Tut sie auch“, erwidere ich. Inzwischen habe ich das Abspielgerät entdeckt und schiebe die Kassette in den Schlitz.
Nach wenigen Sekunden beginnt der Film.
Nach grob geschätzt zehn Sekunden wird den drei Polizisten klar, was sie sehen und hören.
Nach etwa einer Minute ergreift Ben die Fernbedienung und hält die Wiedergabe an.
Dann starren sie mich an.
„Ihr Bruder?“, fragt schließlich Siever entsetzt.
Ich nicke und kann nur mit Mühe meine Magensäfte dort halten, wo sie hingehören. „Savage behauptet, er und Norman hätten Geld dafür bekommen. Die anderen Kinder … nicht.“
„Das tut mir leid“, murmelt Ben. „Ganz aufrichtig.“
„Danke. Ich … ich weiß einfach nicht, was ich tun soll! Ich kann das doch nicht meinen Eltern erzählen!“
Die drei sehen mich hilflos an, dann sagt wieder Ben: „Ich denke, sie werden es erfahren. Möglichst nicht aus den Zeitungen. Wenn … wenn Sie möchten, übernehme ich das.“
Ich sinke auf den letzten freien Stuhl und begrabe das Gesicht in den Händen. „Ich muss das selbst machen.“ Meine eigene Stimme klingt dumpf. „Ich muss nur vorher das irgendwie begreifen. Das sind Kinder …“
„Ihr Bruder auch“, sagt der Lieutenant leise.
„Er war alt genug, um das freiwillig und für Geld zu machen!“
„Wieso hat Savage Ihnen das eigentlich erzählt?“, erkundigt sich Laura.
„Als Beweis, dass er alt genug ist, mich zu ficken.“
„Oh“, sagt sie nur.
„Wenn es der Wagen von Brodwich war, hängt er irgendwie mit drin“, bemerkt Ben nach einer Weile. „Und dann ist er mit zwei gebrochenen Armen bisher ziemlich billig davongekommen. Ja, Laura, ich weiß, ist mir aber egal.“
Sie winkt ab. „Mir auch, inzwischen. Fiona, woher haben Sie das Video?“
„Savage hat mir erzählt, wie man drankommt. Das ist doch eine Spur, oder? Wir sollten hinfahren und dann …“
„Wir?“, wiederholt Laura.
„Ich weiß, wo es ist und …“
„Es gibt doch bestimmt eine Adresse?“
„Ja, sicher. Aber …“
„Fiona, Sie sind keine Polizistin.“ Es macht ihr wohl Spaß, mich ständig zu unterbrechen.
„Hören Sie, Laura, ohne mich wüssten Sie nicht einmal, um was es hier geht!“, erwidere ich wütend.
„Wir hätten es herausgefunden. Ohne die Mitarbeit von Savage auch, nur später. Fiona, ich verstehe ja, dass Sie sich so engagieren, aber Sie haben ja selbst gespürt, wie gefährlich es ist.“
„Ja, vor allem für Berufskiller!“
Siever und Ben grinsen, Laura schaut ihren Chef hilfeheischend an. Aber dieser ist nicht auf ihrer Seite.
„Fiona wird jetzt im Visier der Bande sein, also müssen wir sie eh beschützen.“
„Genau“, sage ich.
„Jetzt mal langsam, junge Dame. Sie werden Beraterin des PDs. Ihr Alter und die Umstände sind zwar etwas ungewöhnlich, aber das scheint mir die beste Lösung zu sein.“
„Bekomme ich eine Waffe?“
„Nein!“, antworten alle wie aus einem Mund.
„Ist ja schon gut“, murmele ich. Was haben die denn?
„Also gut, Sie begleiten die beiden und zeigen ihnen als Erstes, wo Sie das Video bekommen haben“, sagt Siever, nachdem sie sich beruhigt haben.
„Hm“, erwidere ich.
„Nicht einverstanden?“
„Ich überlege nur. Als ich aus dem Haus kam, warteten die beiden auf mich. Woher wussten die, dass ich das Video habe?“
„Hm“, sagt jetzt Siever. „Eine berechtigte Frage. Hätte von uns kommen müssen.“
„Ich bin die Beraterin, oder?“
„Nicht abheben, junge Dame.“ Ist das jetzt sein neuer Lieblingsausdruck für mich? Furchtbar. „Nehmen wir einmal an, Sie wären das bei ‚Derek‘ gewesen und die bösen Menschen hätten Sie erkannt. Dann könnte es sein, dass Sie beobachtet wurden.“
„Scheiße!“, erwidere ich.
„Was ist?“
„Dann wissen sie auch, dass ich die Info von Savage habe!“
„Das ist nicht gut“, bemerkt Ben. „Wissen Sie, wo er ist?“
„Ich weiß, wo ich ihn zuletzt gesehen habe.“
„Fahrt hin!“, befiehlt Siever. „Ich gebe eine Suchmeldung für Savage raus.“
Während wir mit dem Aufzug nach unten fahre, bemerke ich: „Ich saß noch nie am Steuer eines Polizeiwagen, erst recht nicht mit Blaulicht.“
„Daran wird sich auch nichts ändern“, erwidert Ben amüsiert.
„Aber ich weiß, wohin wir müssen!“
„Ich kann auch nach Anweisung fahren.“
Ich schweige mürrisch, bis wir im Auto sitzen. Das ist doch bescheuert. Ich habe doch bewiesen, dass ich kein kleines Kind bin, und dass ich auch in gefährlichen Situation nicht die Nerven verliere. Ob die schon mal einen Berufskiller erledigt haben, während der ihnen seine Pistole auf die Stirn gedrückt hat?
Du hast nur Glück gehabt und benimmst dich außerdem jetzt gerade durchaus kindisch, stellt die Andere fest.
Trotzdem gebe ich dem Polizisten schlecht gelaunt die Richtungsanweisungen. Meine schlechte Laune verschwindet erst, als wir Savage sehen.
Stattdessen kriege ich den nächsten Heulkrampf.

Es könnte so ein schöner Tag sein. Zwar ist es immer noch heiß, aber ein leichter Wind geht durch die Bäume. Außerdem ist es Montag, der Strand wird also nicht so voll sein wie am Wochenende. Gut, eigentlich müsste ich ja auch arbeiten.
Stattdessen hocke ich im Wagen von Ben Norris und versuche das Bild loszuwerden. Das Bild von Savage, wie er hin und her baumelt. Er sieht aus, als hätte er keinen schnellen Tod gehabt. Seine Zunge quillt aus dem geöffneten Mund, die Augen sind offen und seltsam verdreht. Seine Hände hängen neben dem Körper herunter und sind blutig, als hätte er versucht, die Schlinge zu lockern.
Sie haben ihn einfach hochgezogen und zugesehen, wie er erstickt ist. Ich habe keine Ahnung, wie lange das dauert, aber ich möchte nicht so sterben. Dann lieber eine Kugel in die Stirn.
Um mich herum wimmelt es inzwischen von Menschen. Polizisten, Rettungsärzte, CSI und andere. Ich weiß es nicht. Und es ist mir so egal.
Einige schauen kurz nach mir, aber sie lassen mich in Ruhe. Inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, wer ich bin und was heute passiert ist. Die Killer. Savage. Und was auch immer.
Scheiße. Verdammte Scheiße.
Im Auto kommen die Geräusche nur gedämpft an. Oder es liegt an mir, könnte auch sein.
Ich begrabe das Gesicht in den Händen und weine mal wieder. Bringt bloß überhaupt nichts.
Vor drei Tagen dachte ich noch über Selbstmord nach, nicht einmal wirklich ernsthaft, aber ein bisschen schon, jetzt sterben um mich herum die Menschen. Das ist unglaublich. Bis auf Phil habe ich davor keine tote Menschen gesehen, glaube ich, jetzt innerhalb weniger Tage gleich vier. Normans Reste, die beiden Killer, jetzt Savage.
Was mache ich nur?
Ich reiße den Kopf hoch und starre durch einen Tränenschleier Ben an, als er die Tür öffnet.
„Wie geht es dir?“, fragt er.
„Erwartest du ernsthaft eine Antwort darauf?“
„Nein. Wir fahren dich gleich nach Hause.“
„Auf keinen Fall! Wir müssen diese Schweine schnappen!“
„Fiona, willst du auch … Sorry. Es ist gefährlich.“
„Meinst du, zu Hause bin ich sicherer als bei euch?“
„Du bekommst einen Streifenwagen vor die Tür gestellt.“
„Nein! Wir haben besprochen, dass ich als Beraterin dabei sein darf!“
„Das war, bevor wir Savage fanden.“
„Und was ändert das? Wir wussten auch vorher schon, dass sie gefährlich sind und vor nichts zurückschrecken. Hör zu, Ben, ich muss jetzt etwas tun, sonst drehe ich durch! Wenn ich zu Hause rumhocke, tue ich garantiert etwas Unüberlegtes!“
„Wenn du mit Suizid drohst …“
„Tue ich nicht!“, unterbreche ich ihn, denn mir wird klar, dass ich ungeschickt war. „Ich nehme denen doch nicht die Arbeit ab!“
Er grinst leicht. „Okay, du hast selbst jetzt noch deinen Humor, das werte ich als gutes Zeichen.“
„Sind wir uns dann einig? Ich bin weiterhin dabei?“
Er nickt. „Aber ich will, dass du mir versprichst, das zu tun, was wir dir sagen. Keine voreiligen Aktionen. Und du sagst uns Bescheid, wenn du lieber nach Hause gehen möchtest.“
„Okay. Ich verspreche es.“
„Na schön. Wir sind hier gleich fertig, dann fahren wir zu diesem Videoladen. Lauf nicht weg.“
„Haha.“ Ich blicke ihm hinterher, als er wieder im Wald verschwindet. Ein bisschen, wirklich nur ein bisschen, geht es mir besser. Und ich überlege, wann wir eigentlich zu der vertraulichen Anrede gewechselt sind. Ich glaube, das war in dem Moment, als ich beim Anblick des hängenden Jungen zusammengebrochen bin.
Durch die nach wie vor geöffnete Tür schaut jemand rein.
„Alles okay? Ich bin Arzt und man hat mich gebeten, nach Ihnen zu schauen.“
„Mir geht es gut“, erwidere ich und weiß genau, wie unglaubwürdig das klingen muss. Ich sitze im Fond des Wagens, die Hände gefaltet auf meinen Oberschenkeln, den Rücken krumm, das Gesicht tränenverschmiert … Ich würde mir jedenfalls kein Wort glauben.
„Der Detective meinte, dass Sie das sagen würden, und ich Ihnen nichts aufzwingen soll. Aber falls Sie Schmerzen haben …“
Ich betaste meinen linken Arm. Ein wenig tut es schon weh. Heilungsschmerz? Was würde er wohl als Arzt zu dem Phänomen sagen? Ich beschließe, dass ich es lieber für mich behalte.
„Ein bisschen …“
„Okay, ich gebe Ihnen ein paar Tabletten. Bitte ausreichend dazu trinken. Das Zeug ist stark, nicht wie das aus der Apotheke, also nicht zu viel nehmen. Höchstens eine alle vier Stunden.“
Er reicht mir ein Tütchen. Ich nehme es entgegen, schiebe es in die Hosentasche und bedanke mich artig. Er lächelt mich aufmunternd an und entfernt sich dann.
Ich lehne den Kopf zurück.
Ach du Scheiße …

Es ist vielleicht vier Stunden her, dass ich fast an derselben Stelle geparkt und den Videoladen beobachtet habe.
Ich glaube das einfach nicht. Kann das sein? Wirklich nur vier Stunden? Ich rechne nach, aber es stimmt.
Das ist ja unglaublich. Vielleicht sind es ja auch fünf Stunden, aber selbst dann …
„Wie sieht er aus?“, erkundigt sich Laura.
„Etwa einen halben Kopf größer als ich, dunkelbraune Haare, sehr kurz, graue Augen. Schlank, sportlich. Etwa 30. Er trägt ein graues Hemd, hellblaue Jeans und Turnschuhe.“
Die beiden starren mich an.
„Was?“
„Du wärst eine Traumzeugin“, sagt Ben.
„Ich habe ein gutes Gedächtnis und pflege meine Umgebung zu beobachten.“
„Es ist sehr ungewöhnlich, eine so präzise Beschreibung zu bekommen. Umso besser für uns. Du wartest hier, wie besprochen und versprochen.“
Ich schenke Ben ein kurzes und etwas gezwungenes Lächeln, während sie aussteigen. Dann sehe ich zu, wie sie die Straße überqueren und „StarV“ durch die offene Tür betreten. Das wird anscheinend eine ziemlich langweilige Beratertätigkeit, wenn ich immer nur alles aus dem Auto heraus beobachte.
Da ansonsten nichts passiert, betrachte ich meine Umgebung. Viel gibt es ja nicht zu sehen. Was soll auch schon an einem Montag spätnachmittags bitteschön los sein? Es fahren Autos durch die Gegend, Menschen gehen irgendwohin, die Fenster in den Häusern sind überwiegend zu, die Rollos unten. Die Luft flimmert. Ist doch heißer, als ich dachte. Jedenfalls hier, wo alles asphaltiert ist.
Dann kommt Stanley Mime durch die Tür. Allein und ziemlich hektisch. Er blickt sich kurz um, dann rennt er auf mich zu. Gut, nicht wirklich auf mich, er kann ja nicht sehen, dass in dem Wagen jemand sitzt, weil die hinteren Scheiben getönt sind.
Kurz darauf erscheint auch Ben in der Tür. Er wirkt gehetzt. Von Laura keine Spur.
Ich beschließe, dass mein Versprechen nicht für außergewöhnliche Situationen gilt und stoße die Tür auf. Das bringt Stanley, der eigentlich hinter dem Wagen herlaufen wollte, aus dem Takt. Seine Augen weiten sich, als ich aus dem Auto springe und er mich erkennt.
„Willst du nicht lieber warten?“, erkundige ich mich.
„Hau ab, Kleine!“, erwidert er und rennt weiter.
Das heißt, er würde ja gerne. Aber er nannte mich soeben Kleine. Das kann ich so was von nicht ausstehen. Ganz abgesehen davon, dass ich ihn sowieso nicht entkommen lassen will.
Aber er hat mich Kleine genannt, das Arschloch!
Ich springe ihn von der Seite an, mit der rechten Schulter voran. Dieser Teil von mir ist gerade schmerzfrei. Seine rechte Brust daraufhin nicht mehr. Er dreht sich um die eigene Achse, dann prallt er stolpernd gegen den Wagen, der hinter unserem parkt.
Bevor er sich aufrappeln kann, ist Ben da und legt ihm Handschellen an, ihn wenig zimperlich behandelnd.
„Du solltest doch im Auto bleiben!“, fährt er mich wütend an.
„Ach ja? Wolltest du ihm in der Hitze hinterher laufen? Übrigens, habe ich gerne gemacht.“
„Danke. – Stanley Mime, ich nehme Sie fest wegen des Handels mit Kinderpornografie. Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden.“
„Fickt euch!“, erwidert der Videothekar hasserfüllt.
„Wir beide? Uns?“, hake ich neugierig nach und ernte von beiden böse Blicke. „Wo ist eigentlich Laura?“
„Er hat sie mit einem dicken Aktenordner niedergeschlagen“, antwortet Ben. „Kannst du mal nach ihr schauen?“
„Aber sicher doch!“ Ich laufe über die Straße und fühle mich bereits viel besser. Das könnte ja doch noch ganz interessant werden. Wenn er sich beruhigt hat, wird auch Ben einsehen, dass ich alles richtig gemacht habe. Einer wie Stanley ist nun echt keine Herausforderung für die laut ihres Meisters zweitbeste Kampfsportlerin des Landes.
Laura steht bereits, als ich ankomme, aber etwas wackelig. Sie sieht mich erstaunt an.
„Wo ist Mime?“
„Wir haben ihn“, teile ich ihr mit.
„Ihr?“
„Ich habe nur dafür gesorgt, dass Ben ihm die Handschellen anlegen konnte. Soll ich einen Arzt rufen?“
Sie schüttelt den Kopf, dann verzieht sie das Gesicht. Auf ihrer Schläfe ist eine dünne Blutspur zu sehen.
„Wäre vielleicht besser. Wenn du eine Gehirnerschütterung hast …“
„Fiona, willst ausgerechnet du mir was von Ärzten erzählen?“
„Ist ein Argument“, erwidere ich grinsend. „Darf ich dir wenigstens meinen Arm leihen?“
Ich sehe ihr an, dass sie erst auch das ablehnen will, sich dann aber eines Besseren besinnt. Gemeinsam gehen wir zurück zum Auto. Mime sitzt inzwischen auf dem Rücksitz, Ben steht dagegen gelehnt und hat seine Sonnenbrille aufgesetzt.
„Wo bleibt ihr denn?“, fragt er.
„Fick dich doch“, erwidert Laura.
„Komisch, alle wollen das“, bemerke ich. „Dafür muss es doch einen Grund geben.“
„Dir scheint es wieder besser zu gehen“, meint Ben und mustert mich. Wegen der Sonnenbrille kann ich nicht eindeutig erkennen, wie ernst er es meint. Er holt eine Zigarettenschachtel hervor und bietet mir was an. Ich nehme dankbar an, Laura lehnt ab und setzt sich ins Auto. Nach hinten. Der arme Stanley.
Wir rauchen eine Weile schweigend, bis Ben schließlich sagt: „Ich weiß durchaus zu schätzen, dass du uns helfen willst. Und ich habe eine Ahnung, dass du ein Karatewunderkind zu sein scheinst. Aber wenn dir was passiert, bringt Jack mich um. Und dich auch.“
„Ja, voll logisch.“
Er grinst leicht. „Du bist durchgeknallt, weißt du das?“
„Ich höre es nicht zum ersten Mal.“
„Dachte ich mir.“
„Hör zu, Ben, damit kann ich umgehen. Alles, was irgendwie mit Nahkampf zu tun hat, kann ich gut. Wir waren mal auf Klassenfahrt, etwa vor sechs Jahren, da haben drei Idioten einen Mitschüler von mir bedroht. Er hätte keine Chance gegen die gehabt, also bin ich dazwischen gegangen.“
„Was ist passiert?“, erkundigt er sich neugierig.
„Sie haben überlebt, mussten aber unterschiedlich lange im Krankenhaus bleiben.“
„Das klingt verdächtig nach Rambo.“
„Nö“, erwidere ich. „Es klingt verdächtig danach, dass ich es nicht leiden kann, wenn Schwächere oder vermeintlich Schwächere angegangen werden. Ich habe auch meinen Bruder beschützt, wenn es sein musste. Zumindest früher, als er noch mit mir unterwegs war. Als Kind habe ich mal ursprünglich Ballett gemacht, fünf Jahre lang. Mit Karate habe ich angefangen, als ich gemerkt habe, wie mit kleinen, zierlichen Mädchen umgegangen wird. Ich wollte das nicht, also habe ich gelernt, wie ich mich dagegen wehren kann. Und ich habe gelernt, dass ich nicht zu lange warten darf, bis ich reagiere. Meine Stärke ist meine Schnelligkeit. Und ich ziehe voll durch. Viele Kampfsportler haben damit ein Problem, im Ernstfall nicht abzubremsen. Ich nicht.“
„Das glaube ich dir sofort.“
„Dann hast du ja Glück“, sage ich grinsend.
„Aber neun Männer?“
„Das war ich nicht.“
Er mustert mich kurz, dann zuckt er die Achseln. Wir wissen beide, dass ich lüge, aber wir wissen beide nicht, wie ich das geschafft habe. Immerhin, eine Gemeinsamkeit.
Er wirft seine Kippe weg und deutet stumm auf das Auto. Wir steigen beide ein, ich diesmal vorne. Ich werfe einen Blick auf Stanley, aber er scheint noch zu leben. Wenn Laura was mit ihm getan hat, dann hat sie es unauffällig erledigt.
Ich lehne den Kopf gegen die Kopfstütze und schließe die Augen. Meine Wunde tut weh und ich denke darüber nach, eine Tablette zu nehmen. Aber vielleicht ist es ja Heilschmerz.
Mal sehen, wie es morgen ist.

Obwohl ich damit gerechnet habe, bin ich fassungslos. Ich sitze im Bett und starre meine Beine an. Ich finde sie ein bisschen zu dünn, obwohl sie vermutlich den Männern gefallen. Doch im Moment versetzt mich in eine kurze Schockstarre, dass sie so glatt sind.
Die Schrammen von den Dornen sind weg! Spurlos weg!
Ich betaste meinen linken Oberarm und erspüre die Wunde durch den Verband. Sie scheint nicht vollständig verheilt zu sein, aber zumindest verursacht die Berührung nicht den geringsten Schmerz.
Ich springe auf und laufe ins Bad. Dort mache ich den Verband vorsichtig ab, lege ihn aufs Klo und wasche die Wunde.
Ich bin keine Ärztin, aber ich glaube, eine Schusswunde darf frühestens nach zwei, drei Wochen so aussehen. Nicht nach nicht mal einem Tag.
Was zum Teufel ist hier nur los?
Ich ziehe das T-Shirt aus, das ich als Nachthemd nutze, und dusche. Danach geht es mir zwar nicht besser, aber ich stinke wenigstens nicht mehr. Nach dem Abtrocknen lege ich den Verband wieder an. Das bleibt besser mein Geheimnis, dass ich noch unnormaler bin, als sowieso schon alle denken. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Bilder, wie gefangengenommene Aliens untersucht und aufgeschnitten werden.
Dann atme ich tief durch. Wenn nicht bereits das Militär, dann würde aber ganz bestimmt die Pharmaindustrie vor nichts zurückschrecken, um herauszufinden, wieso Verletzungen bei mir grob geschätzt zehnmal schneller verheilen als bei anderen Menschen.
Ich ziehe kurze, hellblaue Jeans an, aber keine Pomanschette. Schon züchtig bis zu den Oberschenkeln reichend. Und keine Stiefeletten, sondern Söckchen und Sportschuhe. Dazu ein weißes Cross Over Tanktop. Es lenkt die Blicke auf mich, aber eigentlich kann niemand behaupten, es wäre aufreizend. Nicht bei diesem Wetter. Alle Mädchen und junge Frauen in meinem Alter laufen so herum, für mehr Kleidung ist es einfach zu heiß.
Diesmal habe ich kein Glück. Mein Vater ist noch da. Zusammen mit meiner Mutter sitzt er am Esstisch.
„Fiona!“, ruft er, als ich mich hinausschleichen will. „Komm mal bitte!“
Ich schließe kurz die Augen, dann gehorche ich. Aber ich setze mich nicht, sondern bleibe ihm gegenüber stehen, die Hände auf eine Stuhllehne gelegt.
„Ja?“
Er mustert mich, dann hebt er den Blick. „Die Beerdigung ist am Donnerstag, um drei Uhr nachmittags.“
„In der größten Hitze?“
„Ging nicht anders. Wir hätten sonst eine Woche warten müssen.“
„Na gut. War es das?“
„Wo willst du hin? Arbeiten wohl kaum, oder?“
Ich betrachte meine Mutter, die neben ihm sitzt und eine Orange schält. Schon die ganze Zeit. Sehr akkurat. Ich glaube, sie weiß gar nicht, dass sie das tut.
„Nein“, antworte ich schließlich. „Ich arbeite mit der Polizei zusammen, um Normans Mörder zu fassen.“
„Aha. Und was ist mit deinem Arm passiert?“
„Das ist eine Schusswunde“, möchte ich am liebsten sagen. Und eigentlich sollte ich das auch, er wird es sonst aus der Zeitung erfahren. Aber nicht, während ich dabei bin. Ich bin noch nicht so weit, ihnen zu erzählen, was ich über Norman herausgefunden habe.
Dass er ein Monster war.
Ich begreife es ja selbst noch nicht.
Mein Bruder? Der süße Norman?
Ja, der süße Norman. Auf dem Video wurde mir deutlich, wie gut er tatsächlich aussah. Bereits mit 13 dürften ihm die Mädchen nachgelaufen sein. Warum hat er sich nicht mit denen vergnügt, die es freiwillig getan hätten? Selbst das wäre besser gewesen!
„Habe mich verletzt“, antworte ich schließlich. „Nichts Schlimmes.“
„Ja, genauso sieht es aus.“
Ich beende das dämliche Gespräch, indem ich einfach gehe. Eigentlich würde ich mich von meiner Mutter gerne verabschieden, aber dann müsste ich in die Nähe meines Vaters. Was nicht infrage kommt.
Da ich kein Auto habe, werde ich abgeholt. Von Laura und Ben zusammen.
„Was ist los?“, erkundigt sich Ben, nachdem ich mich nach hinten gesetzt habe.
„Nichts. Wieso?“
„Weil du aussiehst, als würdest du gleich heulen.“
„Es ist nichts“, erwidere ich und starre aus dem Seitenfenster. „Hat Stanley schon was gesagt?“
„Wir haben ihn noch gar nicht befragt. Soll ruhig ein wenig schmoren.“
„Okay. Darf ich bei der Befragung dabei sein? Als Beraterin?“
„Wen willst du denn beraten? Ihn oder uns?“ Die beiden grinsen sich an.
Haha.
„Ihn, damit er das Richtige sagt. Darf ich ihm dabei ein paar Zähne ausschlagen? Beratend natürlich, nur beratend.“
„Oha, ganz schön aggressiv heute, unser Schätzlein“, bemerkt Laura.
„Ich hatte vorhin ein Gespräch mit meinem Vater“, entfährt es mir. Scheiße. Ich sollte den Mund halten. Aber nun ist es zu spät.
„Euer Verhältnis ist nicht besonders gut“, bemerkt Ben nach einem Blick in den Innenspiegel. „Das ist mir schon beim ersten Mal aufgefallen.“
Eigentlich ist es ja egal, ob sie es wissen oder nicht. Ist eh kein Geheimnis, von meiner Seite aus. Mein Vater hätte lieber die heile Familie, weil sich das besser macht, aber dann soll er halt was dafür tun.
„Nein, ist es nicht. Ich bin als Erstgeborene kein Junge, damit kommt er nicht klar.“
„Dabei benimmst du dich wie einer“, sagt Laura.
„Danke!“
„Stimmt das etwa nicht? Du bist ein hübsches Mädchen, aber du hast auch viel Jungenhaftes. Vor allem bewegst du dich wie ein Junge.“
„Das stimmt nicht. Meine Art, mich zu bewegen, hängt mit dem Sport zusammen. Jungs, die so trainieren, bewegen sich anders. Und ich weiß, dass ich immer noch das Tänzelnde drin habe, vom Ballett. Aber ich bewege mich nicht wie andere Mädchen in meinem Alter, die von der Diät dünn sind, aber keine Muskeln haben. Das ist ein Riesenunterschied, okay?“
„Oh, sind wir an der Stelle empfindlich?“
„Ja, sind wir. Ich habe Ben gestern schon gesagt, warum ich mit dem Kampfsport angefangen habe. Mal abgesehen von dem konkreten Anlass, aber das hat nur den Denkprozess in mir ausgelöst. Ich will keine Emanze sein, aber ich hasse es echt, wenn ich nicht für voll genommen werde. Und als blondes, zierliches Mädchen passiert mir das ständig. Ich könnte dann jedes Mal ausrasten.“
„Sieht man dir gar nicht an“, bemerkt Ben.
„Nein, ich kann mich nach außen ganz gut beherrschen. Meistens. Auf der Schule bin ich ein paarmal ausgerastet, danach wussten sie Bescheid und haben es akzeptiert. Ich meine, ich helfe gerne. Und ich bin lieber nett als böse, aber ich kann auch sehr, sehr böse sein.“
„Habe ich gemerkt, als du Stanley gestoppt hast.“
„Das war sehr zurückhaltend.“
„Trotzdem, dein Gesichtsausdruck war eindeutig. Egal. Was war denn der konkrete Anlass?“
„Wie bitte?“
„Du hast vorhin was von einem konkreten Anlass gesagt.“
„Ach, das. Ich hatte damals lange Haare und der Idiot hinter mir hat ständig daran gezupft. Tagelang. Ich habe ihn mehrfach gewarnt, dass ich ihn zusammenschlage, aber er hat nur gelacht. Irgendwann, mitten in der Geschichtsstunde, bin ich dann aufgesprungen, habe mich auf ihn geworfen und ihm die Nase gebrochen.“
„Oh, oh.“
„Ja, das gab ein Riesentheater. Meine Mutter durfte auch kommen. Ich sollte mich dann auch noch entschuldigen, aber da habe ich mich geweigert. Hat ja auch keinen interessiert, warum ich das getan habe. Mädchen dürfen sich nun einmal nicht so verhalten. Schon mal gar nicht so hübsche Mädchen mit so schönen langen Haaren. Hat ernsthaft eine Lehrerin gesagt.“
„Die lebt noch?“
„Ja, leider. Okay, das war jetzt doof. Sorry. Aber ich habe dann am nächsten Morgen mit einer Nagelschere meine Haare abgeschnitten. Meine Mutter ist fast ohnmächtig geworden, als sie mich danach sah. Seitdem habe ich diese Frisur. Und ich habe ihr gesagt, als ich beim Friseur saß, dass sie mich beim Ballett abmelden soll, ich will Karate lernen. Nach einigen Diskussionen hat sie zugestimmt, zumal ich ihr gesagt habe, dass ich da lernen würde, mich zu beherrschen.“
„Das ist ja auch wirklich so beim Kampfsport“, sagt Ben.
„Ich weiß. Klappt einigermaßen. Ich habe euch das auch nur erzählt, weil Laura vorhin meinte, ich würde mich wie ein Junge benehmen. Als Junge bräuchte ich mich gar nicht so zu verhalten.“
„Klingt nach Vorurteilen.“
„Klingt nach Erfahrung. Ich weiß nicht. Hast du andere Erfahrungen gemacht?“
„Ich bin ja nicht zierlich und blond.“
„Haha. Ernsthaft jetzt.“
„Ja und nein. Ich glaube, Rothaarige werden anders eingeschätzt.“
„Und das ist jetzt kein Vorurteil, oder wie?“
Sie dreht sich grinsend zu mir um. „Touché. Okay, an Vorurteilen ist ja meist auch was dran. Und sei doch ehrlich: Wir sind ganz unterschiedliche Typen, unterschiedliche Beuteschemata.“
„Ich bin gar keine Beute“, murmele ich. „Aber ich weiß, was du meinst. Schon klar.“
„Um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, ich habe auch meine Erfahrungen gemacht, und die waren keineswegs nur schön. Gerade bei der Polizei spielt es eine Rolle, dass ich kein Mann bin. Ich will mich aber gar nicht beschweren.“
Und ich bin echt froh, dass wir jetzt ankommen. Solche Gespräche machen mich aggressiv, und meine Grundstimmung war eh schon schlecht. Es ist ja nicht so, dass ich es nicht gelernt hätte, aus meinem Aussehen auch mal Profit zu ziehen. Gezwungenermaßen. Deswegen finde ich es trotzdem nicht gut, dass Jungs es besser haben. Wie sehr das stimmt, das durfte ich ja ständig an Norman sehen.
Trotzdem ist er tot, nicht ich.
Ben veranlasst von seinem Schreibtisch aus, dass Mime in einen der Verhörräume gebracht wird. Laura erklärt mir in der Zwischenzeit einige grundsätzliche Dinge, zum Beispiel, dass ich möglichst nur zuhören sollte. Eigentlich nur zuhören sollte.
„Am besten bleibst du erst einmal nebenan und beobachtest nur“, meint Ben.
„Was soll ich beobachten?“
„Wie wir das machen.“
Ich zucke die Achseln. „Okay. Hauptsache, wir kriegen raus, wie wir an die Hintermänner drankommen.“
„Kriegen wir. Früher oder später.“
Ich verzichte lieber darauf, zu erzählen, was ich von später halte. Sie werden es sich eh denken können. Und wenn nicht, ist es auch egal.
Stanley Mime wirkt etwas nervös, als er hereingeführt wird. Sein Blick flattert zwischen den beiden Polizisten hin und her, die vor ihm sitzen. Hauptsächlich stellt Ben die Fragen und notiert sich die nichtssagenden Antworten von dem Kerl. Zumindest tut er so.
Natürlich streitet Stanley alles ab. Ich würde lügen, als Ben bemerkt, dass es eine Zeugin gibt. Überhaupt, wer ich denn sei? Außerdem wäre es eine Falle gewesen, jemand hätte ihm was untergejubelt.
Nach einer Stunde sagt Laura, dass sie einen Kaffee braucht und kommt dann zu mir.
„Lange hält er nicht mehr durch“, sagt sie dabei.
„Echt jetzt? Warst du bei einem anderen Verhör als ich?“
„Nein, aber ich habe so was schon öfter gemacht“, erwidert sie lächelnd. „Er ist nervös. Klar, er hat wohl auch Angst vor denen, die hinter der Sache stecken und ihn töten würden, wenn er redet.“
„Warum lassen wir ihn nicht laufen und beschatten ihn?“
„Vielleicht machen wir das“, sagt sie achselzuckend. „Aber das wäre mit Aufwand verbunden, außerdem mit dem Risiko, dass er entkommt. Ich glaube, ihn kriegen wir auch so zum Reden.“
„Aha. Darf ich mit ihm reden?“
„Meinetwegen darfst du mich ablösen, aber ob du Fragen stellen darfst, entscheidet Ben. Nimm Kaffee mit.“
„Guter Bulle, schlechter Bulle?“
„Du guckst zu viele Krimis. Nein, für Ben.“
Ich finde den Kaffeeautomaten um die Ecke und ziehe drei Kaffees, die ich in den Verhörraum balanciere. Die drei Pappbecher stelle ich erst auf dem Tisch ab, dann setze ich mich und verteile die Becher.
Ben beobachtet mich fragend.
„Wolltest du keinen Kaffee?“, erkundige ich mich.
„Doch. Aber ich dachte, Laura bringt ihn.“
„Falsch gedacht.“ Ich mustere Stanley, der mich wütend anstarrt. „Hi. Ich wusste nicht, wie viel Zucker du in deinen Kaffee tust, deswegen habe ich drei Portionen reingetan.“
„Ich mag es süß.“
„Wie die süßen kleinen Mädchen?“
„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Was macht sie überhaupt hier? Und wo bleibt mein Anwalt?“
„Er steckt im Stau fest. Aber du brauchst ihn gar nicht, um uns zu erzählen, wer dir die Videos geliefert hat.“
„Es gibt einen Lieferdienst, wie ihn alle Videoclubs haben.“
„Dass ich nicht die Filme meine, die ihr offiziell vermietet, weißt du ja.“
„Nein, weiß ich nicht. Aber das habe ich schon gefühlt hundertmal gesagt.“
„Du tust mir jetzt schon leid“, bemerke ich, bevor Ben die Schleife von vorne beginnen kann.
„Wieso?“
„Ich denke, du wirst nicht sitzen können. Wenn du Glück hast. Vielleicht hängen sie dich ja auch auf.“
„Fiona, was soll das?“
Ich wende mich an Ben. „Ist das nicht so? Was geschieht denn im Gefängnis mit Kinderschändern?“
„Ich bin kein Kinderschänder!“, schreit Stanley.
„Aber du vertreibst die Videos, in denen Kinder vergewaltigt werden! Glaubst du, das interessiert die im Knast, ob du mitmachst?“
„Ihr müsst mich beschützen, das ist eure Pflicht! Und überhaupt, wer ist die eigentlich?“
„Sie ist Beraterin. Wir arbeiten mit ihr zusammen.“
„Mit der?“ Stanley wirft mir einen verächtlichen Blick zu. „Müsste sie nicht in der Schule sein?“
Er hat Glück, er benutzt nicht das Wort. Er sagt nicht „Kleine“ oder etwas Ähnliches, sonst fiele es mir deutlich schwerer, mich zu beherrschen. Aber im Prinzip sagt er es doch.
Ich atme tief durch. „Ben, darf ich alleine mit ihm reden?“
„Nein!“
„Schade. Glück für dich, Stanley Mime. Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du weißt ganz genau, dass dich niemand beschützen kann, wenn deine Mithäftlinge herausfinden, dass du ein beschissener Pädo bist. Das glaube ich. Dann hast du ausgeschissen, aber so was von.“
Ben starrt mich entgeistert an, dann erhebt er sich. „Kommst du bitte mit, Fiona?“
Ich gehorche. Draußen fährt er mich an: „Was soll das? Und wo hast du diesen Scheiß her?“
„Stimmt das etwa nicht?“
„Das mag in Brasilien oder Mexiko so sein, aber nicht bei uns.“
„Und meinst du, das Arschloch weiß das?“
„Wahrscheinlich nicht. Du wusstest es ja auch nicht.“
„Haha. Wollen wir nun einen Namen von ihm hören oder nicht?“
„Doch. Aber nicht mit solchen Methoden.“
„Warum nicht?“
„Weil Polizisten in diesem Land nicht so arbeiten.“
„Kein Problem. Ich bin ja keine Polizistin. Ich berate euch, dass ihr das so machen sollt und stelle mich freiwillig zur Verfügung.“
Laura, die uns aus der Tür zum Nebenraum zuhört, sagt plötzlich: „Ich finde die Idee gar nicht so schlecht. Und auch wenn bei uns vielleicht Pädos nicht aufgehängt oder in Stücke geschnitten werden, kann ihnen das Leben zur Hölle gemacht werden, wenn die anderen rauskriegen, warum sie im Knast sind.“
„So arbeiten wir aber nicht, Laura.“
„Ja, du hast recht, normalerweise nicht. Aber Fiona ist keine Polizistin.“
„Darum dürfte sie gar nicht da drin sein. Aber meinetwegen, macht doch, was ihr wollt.“
Ich starre ihn erstaunt an, dann werfe ich einen fragenden Blick auf Laura. Diese zuckt grinsend die Achseln, und mir wird klar, dass Ben in Wirklichkeit auch weiß, dass die nicht hundertprozentig legale Methode schneller und damit besser ist. Und weil es ihm nicht in erster Linie darum geht, Stanley ins Gefängnis zu bringen, sondern an die Verantwortlichen heranzukommen, tut er nur so, als wäre er der Gute.
Also doch böser Bulle.
Kann mir nur recht sein.
„Warum hast du mich eigentlich herausgerufen?“, erkundige ich mich.
„Um ihn zu verunsichern. Er hofft darauf, dass ich dich zurechtstutze. Wenn wir wieder reingehen und du machst weiter, ist er bald weichgekocht.“
„Ich muss wohl meine Meinung über dich revidieren, Ben“, stelle ich fest.
„Tue das ruhig. Aber später. Komm.“ Er hält mir die Tür auf, wir gehen hinein, zu Stanley, der mich grinsend ansieht.
„Na, weißt du jetzt Bescheid?“
„Oh ja, weiß ich. Weißt du, mein Onkel ist bei der Polizei, der hat mir Sachen erzählt, dagegen war ich ja noch zurückhaltend. Ich bin ein nettes Mädchen, deswegen drücke ich mich nicht so aus wie mein Onkel.“
Stanley schnaubt. „Du? Nettes Mädchen?“
„Irgendwie schon. Ich habe dir zum Beispiel nichts gebrochen, als ich dich aufgehalten habe. Hätte kein Problem damit gehabt. Ben hier kann das bestätigen.“
„Oh ja“, sagt Ben.
Stanley wird unsicher, das sehe ich an seinem Blick. Es überrascht ihn, dass Ben mich plötzlich unterstützt. Damit hat er nicht gerechnet, schätze ich.
„Was wird das hier eigentlich?“, fragt er schließlich.
„Es hat sich nichts geändert“, erwidere ich. „Wir wollen von dir wissen, wie du an die Videos kommst. Und sag nichts vom Lieferdienst, wir wissen alle, dass du weißt, was wir meinen. Okay?“
„Selbst wenn es so wäre, warum sollte ich überhaupt mit euch zusammenarbeiten?“
Ich werfe einen hastigen Blick auf Ben, doch der ignoriert das und mustert Stanley mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck. Dann nippt er an seinem Kaffee.
„Dafür gibt es mehrere Gründe“, sage ich schließlich, da anscheinend ich das Gespräch weiter führen darf. Oder sogar soll. „Der wichtigste ist, dass wir dann dafür sorgen werden, dass du den Knast überlebst. In einem Stück. Hilfst du uns, helfen wir dir. Ist das ein guter Grund oder nicht?“
Ich nehme aus dem Augenwinkel wahr, wie Ben mich ansieht, aber nun ignoriere ich ihn.
„Und wie wollt ihr das schaffen? Komme ich in das Kronzeugenprogramm?“
„Jetzt mal nicht übertreiben“, erwidert Ben. „Ich glaube nicht, dass du genug für einen Kronzeugen weißt.“
„Wenn ich euch den Namen von jemandem liefere, der weiß, wie die Drahtzieher sind, was ist dann?“
„Vielleicht wird es dann was mit uns“, sagt Ben. „Wir überprüfen das, wenn du die Wahrheit sagst, dann stehen deine Chancen gut.“
„Es kann aber auch sein, dass ich trotzdem in den Knast komme?“
„Sieh das mal so“, bemerke ich und beuge mich vor, wie die es in Filmen auch immer machen, wenn sie etwas Bedeutendes sagen wollen. „Kooperierst du nicht, kommst du auf jeden Fall in den Knast. Ohne Vaseline wird es hart. Wenn du mit uns kooperierst, hast du eine Chance, dein Arschloch nicht in Zukunft mit einem Stopfen zumachen zu müssen, damit die Scheiße nicht direkt herausfällt.“
„Fiona!“ Ben starrt mich entgeistert an, und ich glaube, diesmal ist es echt.
„Was denn? Gibt es das auch nur in Brasilien?“
Er schüttelt den Kopf, dann mustert er Stanley. „Fiona hat, trotz des etwas plakativen Vergleichs, tatsächlich recht. Leute wie du stehen in der Hierarchie ganz, ganz weit unten. Weißt du was? Du kommst jetzt zurück in deine Zelle und darfst dir bis morgen überlegen, ob du mit uns zusammenarbeitest oder nicht. Haben wir morgen um zehn Uhr noch keinen Namen von dir bekommen, ist der Zug abgefahren. Komm, Fiona, wir gehen.“
Er packt seine Tasse, erhebt sich und steuert auf die Tür zu. Ich werfe einen Blick auf Stanley, der mich wie versteinert anstarrt, dann zucke ich die Achseln und folge Ben.
„Wartet!“
Bens Hand liegt bereits auf der Klinke. Er dreht sich mit einem fragenden Gesichtsausdruck um.
„Okay, ich bin dabei!“ Stanley leckt sich die Lippen. „Scheiße, ich glaube, ihr seid wirklich so verrückt, und ich weiß, was die mit mir machen würden.“
„Eine weise Entscheidung“, nickt Ben und kehrt zurück an den Tisch. „Na, dann erzähl mal. Und denk daran, du hast nur diese eine Chance.“
„Schon gut.“ Stanley beobachtet mich, als ich ebenfalls zu meinem Platz zurückgehe. „Er heißt Malcolm. Gerry Malcolm. Er bringt die Videos, aber er ist nicht bloß ein Kurier. Aus dem, was er gesagt hat, denke ich, dass er weiß, wer weiter oben ist.“
„Das denkst du?“
Er nickt und leckt sich erneut die Lippen. Lügt er jetzt, oder was? Ich krame in meinem Gedächtnis, was ich über Verhaltenspsychologie gelernt habe. Viel war es ja nicht, aber ich habe ja auch nicht studiert. Wenn ich nicht völlig daneben liege, dann ist das eine Beschwichtigungsgeste.
Der Kerl hat Schiss ohne Ende.
Okay, das ist nachvollziehbar.
„Also gut, wir überprüfen ihn. Gerry Malcolm? Wenn er etwas weiß, was uns weiterbringt, lege ich ein gutes Wort beim Captain für dich ein. Wenn du allerdings uns anlügst, dann wird es düster. Sehr düster.“
„Ich sage die Wahrheit“, erwidert Stanley.
„Okay. Wir werden sehen. Komm, Fiona, wir gehen jetzt tatsächlich.“
Draußen wendet er sich mir zu. „Laura und ich fahren zu diesem Kerl, du …“
„Und ich fahre mit!“
„Du fährst nicht mit!“
„Doch! Wieso willst du es mir verbieten?“
„Weil es gefährlich werden könnte?“
„Und wenn er euch wegläuft? Wer soll ihn dann stoppen?“
„Fiona, das ist kein Spiel. Stanley aufzuhalten war … Na ja, er ist ungefährlich, eigentlich. Dieser Malcolm scheint aber ein anderes Kaliber zu sein.“
„Oh, ich bin auch ein anderes Kaliber. Hör zu, ich fahre mit und bleibe im Auto. Was soll da schon passieren?“
„Du bleibst wirklich im Auto? Egal, was passiert?“
„Natürlich steige ich aus, wenn ein LKW euren Wagen rammen will!“
„Aber nur dann?“
„Nur dann!“
„Also gut, dann komm meinetwegen mit“, sagt er und wendet sich kopfschüttelnd ab.
Laura ist nicht begeistert, aber anscheinend hat sie verstanden, dass es keinen Sinn hat, mich von etwas abbringen zu wollen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Stimmt ja auch. Eine der wenigen Eigenschaften, die ich von meinem Vater geerbt habe und für die ich ausnahmsweise sogar dankbar bin, obwohl es etwas von meinem Vater ist. Kann ja nicht alles nur schlecht sein.
Also sitze ich hinter Laura und beobachte die Gegend, durch die wir fahren. Sie weckt Erinnerungen, an Greg, dem ich verdanke, dass ich meine größte – meine große – Liebe Phil kennengelernt habe. Weil er so ein Arschloch war. Toller Sex, zumindest für ein paar Wochen. Hoffentlich hat er immer noch Schmerzen beim Pissen.
Ich beschließe, lieber nicht länger daran denken zu wollen. Es würde keinen guten Eindruck machen, wenn ich anfinge zu heulen, und beim Gedanken an Phil könnte das passieren. Selbst jetzt noch, nach fast vier Jahren.
Verdammte Scheiße.
„Alles okay?“, erkundigt sich Ben, und mir fällt auf, dass er mich anscheinend schon eine Weile im Rückspiegel beobachtet.
„Schau auf die Straße!“
„Ich habe zwei Augen. Und du Tränen in deinen.“
Ich fahre mit den Händen über meine Augen. Er hat recht. Echt klasse. Ich markiere hier die harte Göre und heule. Ja, so macht man das. Glaubwürdig ohne Ende.
„Habe mich nur an etwas erinnert“, erwidere ich schließlich. „Ist privat. Sehr privat.“
„Okay, kein Problem. Wir sind gleich da.“
Ben parkt den Wagen am Straßenrand, fast vor dem Haus. Ich kann am Haus vorbei in eine Gasse hineinsehen, allerdings ist ein Gittertor davor, etwas höher als ich.
„Du parkst nicht vorschriftsmäßig“, teile ich Ben mit, da sich das Haus links von uns befindet.
„Möchtest du wieder nach Hause?“, erkundigt er sich, während er aussteigt und dabei seine Waffe kurz prüft.
„Meinetwegen kannst du ja parken, wie du willst. Aber was sage ich dem Polizisten, der das nicht gut findet?“
„Zeige ihm das Blaulicht. Im Handschuhfach.“
„Gut zu wissen.“
„Nur für den Notfall, klar?“
„Ja, ja.“
Ich beobachte die beiden, wie sie das Haus betreten, dann lehne ich mich zurück. Es ist schon wieder so heiß. Ich liebe den Sommer ja, ich liebe die Sonne, ich liebe es auch, wenn es warm ist, aber das ist selbst mir schon fast zu viel des Guten.
Dann fällt mein Blick auf die nackten Schienenbeine. Wie frisch gewachsen. Ich begreife das einfach nicht. Ich habe ja keine Medizin studiert, aber Biologie fand ich immer interessant und auch in Genetik gut zugehört. Wie kann das sein? Ich könnte mir natürlich schon vorstellen, dass es eine Krankheit gibt, bei der die Zellteilung viel, viel schneller abläuft als normal. Aber müsste ich dann nicht schon aussehen, als wäre ich 100? Mindestens?
Ich werde aus meinen düsteren Gedanken gerissen, als ich Bewegung sehe. Auf der Feuertreppe an der Seite vom Haus, in das Laura und Ben gegangen sind. Dort, wo das Gittertor ist. Ein Kerl in Jeans und Muskelshirt klettert aus dem Fenster und dann verdammt schnell nach unten. Er scheint ziemlich muskulös zu sein, hat rote, kurzgeschorene Haare. Und eine Pistole im Hosenbund.
Fiona, bleib einfach sitzen und überlass das den beiden. Er ist bewaffnet und sieht aus wie van Damme.
Wen interessiert van Damme?
Ich springe aus dem Auto und über das Gittertor. Der Kerl, der Gerry Malcolm sein müsste, und ich kommen gleichzeitig auf dem Boden an. Er starrt mich kurz an, dann wendet er sich ab und rennt von mir weg. Vor mir? Oder nur vor den beiden anderen? Eigentlich spielt das eine große Rolle, dennoch beschließe ich, dass es mich in diesem Moment nicht interessiert.
Und folge ihm. Von oben höre ich Ben schreien, kann ihn aber nur schlecht verstehen. Irgendetwas mit „Verdammt“ und „Fiona“ und „Verflucht“. Er soll deutlicher reden, wenn er was von mir will.
Am Ende der Gasse klettert van Damme alias Gerry Malcolm auf eine Mauer und springt auf der anderen Seite hinunter. Ich folge ihm kurzentschlossen und finde mich in einem Garten wieder. Was es hier so alles gibt. Der Garten ist klein und an der Terrassentür, die zum Glück geschlossen ist, klebt ein wütender Hund. Schäferhund.
Ich sehe zu, dass ich weiterkomme, zumal auch Malcolm nicht auf mich wartet. Oder doch, aber dann sehe ich es nicht. Wäre nicht optimal, geht mir kurz durch den Kopf. Andererseits, ich habe neuerdings Glück, außerdem, wer weiß, vielleicht heilen auch sonst tödliche Wunden bei mir inzwischen?
Hör auf zu träumen, Fiona.
Wir überqueren noch einige Gärten, nicht alle sind unbenutzt, doch niemand kommt dazu, etwas zu tun, so schnell sind wir wieder fort. Ich höre hinter mir ein Kleinkind weinen, das tut mir echt leid, aber im Moment kann ich darauf keine Rücksicht nehmen.
Dann kommt der Augenblick, dass ich nicht in einem Garten lande, nachdem ich über ein Mäuerchen springe, sondern auf dem Hof vor einer langen Garagenreihe.
Und mich Malcolm gegenüber sehe.
Ups.
Seine Pistole ist auf mich gerichtet.
Ich reagiere instinktiv, das ist vermutlich auch gut so. Wenn auch nur einer von uns die Gelegenheit zum Nachdenken hätte, wäre das fatal.
Für mich, vor allem.
Aber er rechnet ganz sicher nicht mit dem, was ich tue. Ich ja auch nicht.
Mit einer Hand schlage ich die Pistole zur Seite, so heftig, dass sie davon fliegt, mit dem Ellbogen voran springe ich dann gegen den riesigen Kerl. Ich treffe ihn so wuchtvoll am unteren Ende des Brustbeins, dass er auf den Rücken fliegt und ich fast auf ihn. Kann mich gerade noch so abfangen und nutze den eigenen Schwung, um in einem Halbkreis zur Pistole zu stolpern, sie hochzureißen, herumzufahren und auf Malcolm zu richten.
Er liegt immer noch auf dem Boden und starrt mich an. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Das allerdings wundert mich nicht, ich weiß aus eigener Erfahrung allzu gut, wie schmerzhaft so ein Treffer gegen das Brustbein sein kann.
„So“, sage ich. Keine Ahnung, wieso. Ich glaube, das wirkt einschüchternd. Vielleicht. Hoffentlich. Eine junge Blondine mit einer Pistole in der Hand wirkt vielleicht ohne „So“ nicht einschüchternd genug. So genau weiß ich es aber nicht.
Malcolm beginnt, sich aufzurichten.
„Hey, hey! Bleib mal schön auf dem Boden!“
Er hält inne, dann grinst er. „Die Pistole ist ja nicht einmal entsichert.“
„Echt nicht?“ Für einen Moment werde ich unsicher, aber dann fällt mir ein, dass er die Pistole schon auf mich gerichtet hatte. Gesichert? Wohl kaum.
Ich ziele neben ihn und drücke ab.
Der Knall ist fast unerträglich laut hier, zwischen den Mauern. Ich höre kaum den Querschläger, der dann irgendetwas trifft. Irgendetwas aus Glas.
Scheiße.
Niemand schreit, das ist schon mal gut.
Malcolm wird aber sehr bleich.
„Hör zu“, sage ich. „Du hast recht, ich kenne mich mit Pistolen nicht so gut aus. Aber ich kann abdrücken, wie du gesehen hast. Und ich bin heute irgendwie nervös. Meine Finger zucken seit dem Aufwachen. Also, wenn du aufstehst, schieße ich auf dich. Wo dich das trifft, weiß ich nicht, aber zielen würde ich auf deine Eier. Klar?“
Er nickt und schwitzt. Also brauche ich die Pistole nicht nachzuladen. Das ist auch gut so. Eine Halbautomatik oder Automatik oder wie das auch immer heißt. Verdammt, ich brauche unbedingt Schießunterricht, wenn mein Leben so weitergeht.
„Okay. Für wen arbeitest du?“
„Was?“
„Für wen du arbeitest! Und denk an meinen nervösen Finger, verdammt!“ Ich schwitze auch, außerdem weiß ich, dass Ben und Laura bald hier sein werden. Dann nehmen sie mir die Pistole weg. Was vielleicht auch besser ist, aber ich will trotzdem einen Namen von diesem Arschloch. Also richte ich die Waffe jetzt zwischen seine Beine. „Noch einmal frage ich nicht!“
„Du bist wahnsinnig! Keine Polizistin darf …“
„Ich bin keine Polizistin.“ Und drücke erneut ab, sicherheitshalber aber nicht zwischen seine Beine zielend, weil ein Querschläger ihn treffen könnte. Ganz abwesend ist mein Verstand also doch nicht. Aber richtig da auch nicht. Ist wohl im Auto geblieben.
Er schreit auf. „Bist du wahnsinnig?!“
„Du wiederholst dich. Name?“
„Rollo! Jay King Rollo!“
Im nächsten Augenblick werden wir erlöst, weil Ben über die Mauer ankommt und fast gleichzeitig Laura mit dem Auto. Die nicht über die Mauer.
Ich atme tief durch und lasse die Pistole sinken. Ben nimmt sie mir vorsichtig ab.
„Bist du bescheuert?“, fragt er dann.
„Danke, mir geht es gut.“
„Das bezweifle ich. Welchen Teil von ‚Bleib im Auto!‘ hast du eigentlich nicht verstanden?“
„Jay King Rollo.“
„Was?“
„So heißt sein Boss. Kennst du den?“
Ben wechselt einen Blick mit Laura, die gerade den mit Handschellen gefesselten Rothaarigen ins Auto bugsiert.
„Also ja.“
„Ja, der Name ist bekannt“, knurrt Ben. „Ob der Kerl dir die Wahrheit gesagt hat, wissen wir …“
„Hat er.“
„Was?“
„Er hat mir die Wahrheit gesagt!“, wiederhole ich. „Er hatte eine Scheißangst, weil er gemerkt hat, dass ich mit der Pistole nicht umgehen kann. Freundlicherweise hatte er sie aber vorher entsichert, weil ich habe keine Ahnung, wie das geht. Zeigst du es mir?“
„Nein!“
„Und wieso nicht?“
„Weil du keine Waffe in die Hände nehmen sollst!“
„Ben! Ich finde es sowieso heraus, wenn ich will.“
„Ich denke darüber nach“, sagt er mürrisch. „Jetzt steig ins Auto, wir bringen den Kerl zur Staatspension.“
Grinsend steige ich vorne ein, da es wieder Lauras Aufgabe ist, sich um den Gefangenen zu kümmern. Dieser sieht ziemlich wütend aus, was ich ja irgendwie auch verstehen kann. Ich wäre bestimmt auch ziemlich wütend, so als gefährlicher Gangster, wenn mich so eine Kleine nicht nur überwältigt, sondern mir auch noch eine wichtige Information entlockt hätte.
Vielleicht sollte ich mal darüber nachdenken, mir wirklich eine Pistole zuzulegen. Aus meiner Zeit mit Greg weiß ich, dass Gangs und überhaupt diesen harten Jungs sehr nachtragend sein können.
Und das, was ich mit Brodwich und seinen Freunden gemacht habe, werden sie nicht ungesühnt lassen wollen. Zu welchen Mitteln meine neuen Feinde zu greifen bereit sind, haben sie ja bereits demonstriert. Mein einziger echter Vorteil dürfte meine neue Unverletzlichkeit sein. Auf sie verlassen sollte ich mich allerdings nicht.
Scheiße, Scheiße. In was habe ich mich da bloß hineingeritten?

Nachdem wir Gerry Malcolm abgeliefert haben, steigen wir wieder ins Auto. Diesmal muss ich hinten sitzen. Eigentlich finde ich das nicht einmal schlimm, denn so kann ich in Ruhe nachdenken. So langsam scheint mir, dass es eine gute Idee ist, das gelegentlich zu praktizieren.
„Wir machen einen Ausflug in die Natur“, bemerkt Ben beim Anfahren.
„In die Natur? Wo wohnt denn dieser komische Kerl, von dem Malcolm gesprochen hat? In der Wildnis?“
„Auf einem Campingplatz.“
„Auf einem Campingplatz? Hä?“
„Rollo ist ein Unikat“, erklärt Ben grinsend. „Er ist bekannt, ein Paradiesvogel, und mit Sicherheit im Drogengeschäft. Aber ehrlich gesagt, kann ich es mir nicht vorstellen, dass er was mit Kinderpornos macht, dazu ist er viel zu sehr auf zwar junge, aber vollbusige Frauen fixiert. Wirst du gleich sehen.“
„Na, wenigstens falle ich nicht in sein Beuteschema“, bemerke ich und provoziere damit einen Lacher von beiden.
„Oh, du bist jung und gutaussehend, sei dir da nicht so sicher“, sagt dann Laura.
„Na toll. Was denn nun?“
„Wir sind ja bei dir“, erwidert Ben, immer noch grinsend. „Wir passen auf dich auf.“
„Das ist sehr lieb von euch. Habt ihr den Eindruck, dass ich Aufpasser benötige?“
Sie gehen beide darauf nicht ein. Ist vielleicht auch besser so. Ich lehne mich zurück und betrachte mich. Die Jeans sind kurz, aber nicht von der Art, von der Leslie meinte, dass mein Arsch raushängt. Sie sind bei diesem Wetter wirklich normal, ich sehe aus dem Auto heraus Dutzende von Mädchen in solchen Jeans herumlaufen. Auch die Schuhe sind nicht ungewöhnlich. Habe ja nicht ohne Grund auf meine geliebten Stiefeletten verzichtet. Das Top dürfte auch unkritisch sein, es ist so geschnitten, dass niemand in meinen Ausschnitt sehen kann, nicht einmal, wenn ich mich vorbeuge. Okay, man sieht, dass ich Brüste habe. Soll ich sie mir abquetschen wegen irgendwelcher Idioten?
Definitiv nicht.
„Du bist ja so still geworden“, bemerkt Ben, dem wahrscheinlich nicht entgangen ist, wie ich mich selbst begutachtet habe.
„Ich muss ja Angst haben, alles wird gegen mich verwendet, was ich sage.“
„Nur wenn du böse Sachen machst.“
„Willst du, dass ich einen Lachflash bekomme?“
„Wieso?“
„Willst du ernsthaft behaupten, die SLPD verhaftet nur Leute, die böse Sachen tun? Und vor allem, dass die verhaftet werden? So naiv bin ich dann doch nicht, okay?“
„Oder du siehst zu viele Krimis, die unseren Ruf in den Dreck ziehen“, erwidert Laura, und sie klingt wütend.
„Okay. Du behauptest also, die Polizei ist nicht korrupt und beschützt die Guten und sperrt die Bösen ein. Ja oder nein?“
Laura wirft einen Blick auf mich, sagt aber nichts.
„Danke, das genügt.“
Erneut senkt sich Schweigen über uns. Echt, das ist ein schlechter Witz. Auch wenn ich mich nicht mit Politik und dem ganzen Scheiß beschäftige, weiß ich trotzdem einiges. Wozu habe ich Verwandte bei der Polizei? Und über meinen Vater höre ich auch entsprechende Geschichten. Mit Geld kann man alles kaufen, sogar Moral.
Wir verlassen die Zivilisation. Zumindest ein bisschen. Links sehe ich sogar die Wälder der Small Hills. Und die Villen der Neureichen aus Newvill. Was bin ich froh, nicht hier zu wohnen. Schon Old Town ist schlimm, aber da leben wenigstens jene, die schon lange viel Geld haben und es nicht für nötig halten, nach außen hin zu protzen. Wie mein Vater.
Der Campingplatz liegt am Fuß der Wälder, etwas außerhalb und mehr oder weniger an der Grenze zwischen South Village und Small Hills. Das dürfte auch Absicht sein und die Hauptkundschaft aus Wandervereinen bestehen.
Ben parkt den Wagen brav dort, wo alle ihren Wagen abstellen, wenn sie keinen Wohnwagen und Ähnliches haben, nämlich auf dem Parkplatz vor der Haupteinfahrt. Die Schranke steht offen, ein Schild informiert darüber, dass sie um zehn Uhr abends geschlossen und um sechs Uhr morgens wieder geöffnet wird. Es gibt eine Kameraüberwachung und einen gelangweilten Pförtner, der gar nicht von seinem Magazin hochblickt, als wir sein Häuschen passieren.
„Ist es normal, dass wir einfach so herein können?“, erkundige ich mich.
„Zu Fuß? Natürlich. Ist ja kein Gefängnis. Und das Restaurant hier ist berühmt, da kommen Leute aus der ganzen Stadt her.“ Ben schüttelt den Kopf, vermutlich über meine Unwissenheit.
„Aha. Und dieser … Wie heißt er nochmal?“
„Jay King Rollo.“
„Wer denkt sich eigentlich so einen bescheuerten Namen aus?“
„Jay King Rollo.“
„Ich habe verstanden, dass er so heißt! Mann!“
„Du hast gefragt, wer sich so einen bescheuerten Namen ausdenkt“, erwidert Ben grinsend.
„Er hat sich selbst diesen Namen gegeben?“
„Yep!“
„Und wie heißt er wirklich?“
„Das weiß keiner.“
„Wie, das weiß keiner?“
„Es gibt Gerüchte, aber keins davon hat sich als wahr erwiesen. Warum ist dir das so wichtig?“ Laura mustert mich fragend.
„Eigentlich ist es mir egal“, antworte ich. Ich sollte lieber den Mund halten. Eigentlich weiß ich das schon lange, mein vorlautes Mundwerk hat mich oft in unangenehme oder peinliche Situationen gebracht. Dieses Wissen bringt bloß nichts, wenn es mal wieder so weit ist, vergesse ich es wieder. Ich müsste mir den Mund schon zunähen, damit sich was ändert.
Wir erreichen das Restaurant mit dem bescheidenen Namen „Best Choice“. Ich schließe den Mund wieder, bevor ich etwas sage, was überflüssig ist. Und beschließe, dass ich trotz aller Vorbehalte irgendwann mal hier essen werde. Vielleicht ist es ja wirklich gut, wenn es so berühmt ist.
Jay King Rollo residiert neben dem Restaurant in einem riesigen Wohnmobil. Eigentlich ist es ein Wohnbus. Teurer als manch eine Luxuswohnung. Jedenfalls wird er nicht oft bewegt, so wie er zugebaut ist mit Vorzelten. Auf diese Weise dürfte die nutzbare Fläche an die 200 qm sein. Auf einem Campingplatz ist das nicht schlecht.
„Okaaay …“, bemerke ich. „Als ihr Campingplatz sagtet, dachte ich natürlich nicht an so ein Schloss.“
„Immer diese Vorurteile“, erwidert Ben.
Kopfschüttelnd geht Laura vor und betritt das Vorzelt. Wir folgen ihr. Und endlich bekomme ich Jay King Rollo zu sehen.
Er sieht aus wie Marlon Brando. Nur doppelt. Relativ groß, aber kein Riese, doch durch die schiere Masse wirkt er trotzdem groß. Seltsamerweise sieht das gar nicht mal schlecht aus. Seine Leberwerte werden nicht die besten sein, sein Kardiologe wird sich auch nicht freuen, und trotzdem hat er etwas Einladendes. Wie ein riesiger Teddybär. Seine braunen Haare sind kurz, und er hat graue Augen, wie ich.
Seine Kleidung passt auch zu Brando. Und der Jahreszeit: Bermuda-Shorts, Hawaii-Hemd und Flip-Flops.
Er sitzt in einer Sonnenliege, raucht einen Zigarillo und lässt sich von einer braunhaarigen Schönheit die Kopfhaut massieren. Sie ist vollbusig, was dank ihres Tops mit Spaghettiträgern sehr gut zu erkennen ist. Die gelben Shorts dazu lassen mich beinahe aufschreien vor Entsetzen.
Eine zweite Frau, mit hellbraunen Haaren, noch kleiner als die in gelben Shorts, die schon kleiner ist als ich, hockt vor Rollos Füßen und bearbeitet seine Nägel. Er hat schöne, gepflegte Füße, bei einem Mann wie ihm sicher keine Selbstverständlichkeit. Auch sie hat große Brüste, aber ihre sind eindeutig nicht von Natur aus so groß. Sie trägt nur einen Bikini-Oberteil zu ihren Shorts, die wenigstens keine augenverletzende Farbe haben, denn sie sind einfach nur weiß. Dafür dient der Oberteil nur als Alibi, er verdeckt kaum mehr als die Brustwarzen.
Ich sehe Laura und Ben an, dass auch sie erschüttert sind.
Jay King Rollo mustert kurz Ben, dann Laura und schließlich mich. Genauer gesagt, mich scannt er. Warum Laura nicht? Okay, sie ist nicht mehr jung, aber hässlich ist sie ja nun nicht.
„Sie hat schon fast die richtige Kleidung“, bemerkt Jay King und deutet auf mich. „Die Schuhe und die Hose kannst du ausziehen, Liane zeigt dir, wo du dich etwas schminken kannst.“
Liane ist die mit den gelben Shorts, denn sie richtet sich auf und geht auf den Wohnwagen zu.
„Gratuliere“, bemerke ich. „So schnell hat es noch niemand geschafft, bei mir auf der Liste der Männer zu landen, die ich garantiert niemals vom sinkenden Titanic retten würde. Das ist schon fast bewundernswert.“
Er lacht auf, während meine neuen Freunde mich etwas fassungslos ansehen.
„Schade. Und ich habe mich schon darauf gefreut, dich auf meinen Schoß einzuladen.“
„Eher würde ich mich auf einen Besenstiel setzen.“
Während er wieder auflacht und seine Gefährtinnen pflichtschuldig so tun, als hätten sie meine Antwort verstanden, hat Ben seine Fassung wiedergefunden.
„Das reicht jetzt“, sagt er. „Wir sind von der SLPD.“
„Ihr könnt das sicherlich beweisen?“
Ben hält seine Marke hoch. Jay King sieht fragend Laura an, woraufhin diese ihre Marke auch zeigt.
„Ich habe keine“, bemerke ich. „Und meinen Besenstiel habe ich auch zu Hause vergessen. Darf ich trotzdem bleiben?“
„Du gefällst mir, du darfst bleiben.“ Er zeigt mit seinem Zigarillo auf mich. „Rauchst du?“
„Ja, aber nicht so ein Zeug, nur Zigaretten.“
„Habe ich bis vorgestern auch, inzwischen nur noch Zigarillos. Probier mal, Zigaretten sind für Kinder.“
„Ich bin ja auch noch jung genug dafür“, erwidere ich, ohne nachzudenken.
„Jedenfalls hast du auf alles eine Antwort, scheint mir.“ Er lacht immer noch oder schon wieder, so genau kann ich das nicht erkennen. „Ich sag dir, du würdest eine Zigarette nie wieder auch nur anschauen, wenn du mal das hier probieren würdest.“ Er hält mir seinen Zigarillo hin.
Ich verziehe das Gesicht. „Lass mal. Ich will weder deinen Zigarillo noch deinen Schwanz. War das endlich deutlich genug?“
„Fiona!“ Laura und Ben starren mich entgeistert an.
„Was denn?“
„Geh lieber nach draußen und reg dich ab“, sagt Ben. „Los, geh jetzt!“
Nach kurzem Nachdenken gehorche ich und höre Jay Kings Lachen im Rücken. Am liebsten würde ich zu ihm laufen und ihm seinen dämlichen Zigarillo sonstwohin stopfen. Aber genau das will er ja: mich provozieren.
Verdammte Scheiße!
Ich bleibe vor dem Zelt stehen und zünde mir eine Zigarette an. Meine Hände zittern leicht. Das ist ja unglaublich, wie mich so ein Arschloch aufregen kann. Warum eigentlich? Warum hat so ein Mistkerl so eine Macht über mich?
Ich könnte kotzen.
Nach einigen Minuten kommen Laura und Ben heraus und gehen zurück zum Auto. Ich folge ihnen in einem kleinen Abstand.
„Warum nehmen wir ihn nicht mit?“, erkundige ich mich, als wir einsteigen.
„Weil du es vermasselt hast“, antwortet Laura wütend.
„Ich?“
„Warum kannst du nicht einfach den Mund halten?“
„Hallo? Er hat angefangen!“
„Und du hast reagiert, wie ein kleines Kind.“
„Bin ich jetzt auch noch schuld, oder was? Er hat mich provoziert und ich war dämlich genug, darauf einzugehen. Ja, okay. Aber das ist ganz sicher kein Grund, ihn nicht zu verhaften!“
„Ist es auch nicht“, sagt Ben. „Laura, lass sie in Ruhe. Was Jay King angeht, wir haben nichts gegen ihn in der Hand.“
„Wie bitte?!“
„Was glaubst du, was jeder halbwegs begabte Anwalt mit uns macht, wenn wir ihm erzählen, dass Malcolm den Namen genannt hast, nachdem du, die nicht einmal eine Waffe anfassen darf, eine Pistole auf ihn gerichtet und sogar geschossen hast? Wir können froh sein, wenn wir keine Anzeige kriegen.“
„Ihr könnt ja nichts dafür.“
„Doch, wir hätten besser auf dich aufpassen müssen.“
„Wie denn? Mich mit Handschellen ans Lenkrad fesseln?“
„Oh, da bringst du uns auf eine gute Idee“, erwidert Laura lachend.
„Fickt euch“, sage ich wütend.
„Hey, so was will ich nicht nochmal hören, klar?“ Ben sieht wütend aus. „So kannst du mit deinen Kumpeln reden, aber nicht mit uns.“
„Sorry.“ Ich schweige eine Weile, aber schließlich halte ich es nicht mehr aus. „Wie geht es denn überhaupt weiter?“
„Wir reden mit Jack. Danach sehen wir weiter.“
Ich nicke seufzend. Viel lieber würde ich herumschreien und etwas kaputt machen, aber im Moment sollte ich mich wohl besser zurückhalten, glaube ich. Mir wird gerade bewusst, auf welchem schmalen Grat ich herumwandere. Ich habe mehr als einen Grund geliefert, mich festzunehmen. Schon allein die Prügelei in der Kneipe würde für eine Verurteilung reichen, fürchte ich. Ich sollte den Bogen vielleicht nicht überspannen.

Jack sieht unbegeistert aus, als wir in sein Büro kommen.
„Was ist denn los?“, erkundigt sich Ben, während wir uns hinsetzen.
„Fiona ist raus.“
„Wie, ich bin raus? Wo?“
„Aus den Ermittlungen. Anweisung von ganz oben. Als der Polizeichef erfahren hat, dass und wie du dabei bist, hat er gesagt, wir sollen dich nach Hause schicken, das wäre nichts für kleine Mädchen.“
„Dieser Chauviarsch!“, entfährt es mir.
Die drei starren mich an.
„Ist doch wahr! Ich bin kein kleines Mädchen! Ich rede mal mit ihm und bin gleich zurück!“
Ich stürme nach draußen und höre noch, wie mir Jack nachruft, wo zum Teufel ich hinwolle, aber das interessiert mich gerade nicht. Dazu bin ich viel zu geladen.
Kleines Mädchen?! Ich?!
Auch wenn ich eine Ahnung habe, warum der Polizeipräsident mich aus dem Spiel nehmen will, bin ich nicht damit einverstanden. Und das wird er auch einsehen.
Ich fahre mit dem Aufzug nach oben und betrete dann das Allerheiligste der Skyliner Polizei. Dunkle, holzgetäfelte Wände mit Bildern der Männer, die die Stadtgeschicke bestimmt haben in den letzten Jahrhunderten. Nationalflagge.
Und eine erstaunt wirkende Sekretärin.
„Ist er da?“ Ich deute auf die schwere Tür, hinter sich das Büro von Steve Connor verbirgt.
„Ja, aber …“
Als ich auf die Tür zustürme, springt sie auf und versucht, mich aufzuhalten, natürlich völlig erfolglos. Um eine wütende Fiona aufzuhalten, müsste sie ihr perfektes Styling riskieren.
Steve sitzt hinter seinem dunkelbraunen Schreibtisch aus Mahagoni und blickt stirnrunzelnd hoch, als die Tür mit Karacho aufgeht.
Ich bleibe erst vor dem Tisch stehen, mit einer empörten Sekretärin neben mir.
„Es tut mir leid, Mr Connor, aber …“
Der Polizeichef winkt ab. „Schon gut, Sandra. Ich glaube, das ist ihre Art, wenn sie wütend ist. Bringen Sie uns bitte Kaffee.“
Sandra starrt ihn ungläubig an. Dann mich. Sie hat braune Augen. Wie ein Reh, so groß. Ob sie ihm schon mal einen geblasen hat? Ihr Mund ist ja hübsch, aber das ist ja nicht alles.
Pfui, Fiona.
„Kaffee?“, fragt sie endlich.
Steve Connor nickt. „Oder, Fiona?“
Ich atme tief durch. „Ja. Schwarz. Ohne Zucker.“
„Für mich wie immer. Und, Sandra, bevor Sie sich zu sehr wundern: Das ist Fiona Carter, meine Nichte. Genauer gesagt, ihre Mutter ist eine Cousine von mir.“
„Oh“, sagt Sandra. „Warum haben Sie es nicht gesagt?“
„Ich glaube, sie ist etwas wütend im Augenblick.“
„Etwas?!“
Sandra zieht die Augenbrauen hoch.
„Ihr Bruder wurde letzte Woche getötet, und inzwischen ist ein Mordfall daraus geworden. Ich will nicht, dass sie unnötig in Gefahr gerät.“
„Von dem Fall habe ich gehört“, erwidert Sandra. „Haben nicht zwei Profikiller versucht, Sie zu … töten?“
„Doch. Aber sie sind tot, ich nicht. Hast du auch davon gehört, so rein zufällig?“ Ich sehe meinen Onkel provozierend an.
Er lächelt ansatzweise. „Bringen Sie uns den Kaffee, Sandra.“ Und als diese kopfschüttelnd hinausgeht, wendet er sich an mich: „Setz dich.“
„Warum? Was ich zu sagen habe …“
„Setz dich.“
Hm. Vielleicht sollte ich ihn nicht unnötig ärgern, schließlich will ich was von ihm. Also setze ich mich und schlage die Beine übereinander.
„So ist es besser. Fiona, ich weiß, dass du ein willensstarkes Mädchen …“
„Nichts für kleine Mädchen?“, unterbreche ich ihn.
„Nun, im Vergleich zu erfahrenen Detectives bist du das, oder?“ Er lächelt süffisant.
„Hallo? Kann es sein, dass ich ziemlich viel zu den bisherigen Ergebnissen beigetragen habe, so rein zufällig?“
„Du hattest sehr viel Glück.“ Er blickt zur Tür, als Sandra mit dem Kaffee kommt. „Auch bei der Verfolgungsjagd durch die Killer. Das hätte auch ganz anders ausgehen können.“
„Hat es aber nicht. Und das war kein Zufall. Ich bin nämlich kein kleines Mädchen, das alles mit sich machen lässt.“
„Du bist auf jeden Fall eins, das sehr freizügig herumläuft.“
„Es ist heiß.“
„Trotzdem. Keine einzige Polizistin läuft so herum. Das wirft ein schlechtes Licht auf die Polizei, wenn man dich so in Begleitung der Detectives sieht.“
„Okay, ich kann mich ja anders anziehen.“
„Du hast keine Ausbildung …“
„Ich bin ja auch nur eine Beraterin, habe nicht einmal eine Waffe. Und Fakt ist ja wohl, dass ich der Polizei wichtige Erkenntnisse liefern konnte. Ganz abgesehen davon, dass ich sonst Polizeischutz bekommen müsste. Hast du so viele Leute übrig?“
Er mustert mich, dann lächelt er. „Du bist wie dein Vater.“
„Wie bitte?!“
„Ich weiß, dass ihr euch nicht so gut versteht. Trotzdem, dein Vater würde genauso argumentieren. Das Reden hast du von ihm, glaube mir.“
„Mag sein. Habe ich deswegen etwa unrecht?“
„Nein, hast du nicht. Kannst du denn wenigstens meine Argumente verstehen?“
Ich atme tief durch und nippe am Kaffee. Er ist gut.
„Ja, kann ich.“
„Gut. Du ziehst dir andere Sachen an? Lange Hose, vernünftiges Schuhwerk, Bluse? Und einen BH?“
„Und Schlüpfer auch.“
Er zieht die Augenbrauen hoch.
„War ein Scherz!“
„Unangebracht. Also gut, wir probieren es. Aber ich werde Jack Siever sagen, wie meine Bedingungen lauten. Wenn du dich nicht daran hältst, bist du raus. Und zwar endgültig. Ist das angekommen?“
Ich nicke langsam.
„Also schön. Ich muss jetzt arbeiten.“
Wir stehen beide auf, er begleitet mich zur Tür. Dabei kann ich endlich seinen hellgrauen Anzug von Boss bewundern. Und seine makellos glänzenden Schuhe. Er ist nur unwesentlich größer als mein Vater, aber neben ihm komme ich mir noch viel kleiner vor.
Als er die Hand auf die Klinke legt, sage ich leise: „Onkel Steve …“
„Ja?“
„Hast du schon meine Mutter angerufen?“
Jetzt atmet er tief durch. „Nein, bisher noch nicht. Ich hole das jetzt gleich nach.“
„Danke …“
Unten starren mich Laura, Jack und Ben fassungslos an.
„Ich bin doch noch dabei!“, verkünde ich, obwohl ich weiß, dass sie es wissen.
„Der Polizeichef hat persönlich angerufen und mir das mitgeteilt“, erklärt Jack, nach wie vor fassungslos. „Was hast du getan?“
„Mit ihm geredet.“
„Geredet?“
„Geredet. Ich weiß ja nicht, was ihr denkt, aber er ist mein Onkel, okay?“
„Dein Onkel?“
„Meine Mutter ist seine Cousine.“
Ich sehe, wie alle drei aufatmen. Was haben die eigentlich gedacht, was ich tue? Ihn verprügeln? Ihm einen blasen? Haben Polizisten grundsätzlich so eine schmutzige Fantasie? Oder tue ich ihnen unrecht und sie haben gar nichts konkret gedacht, sondern einfach nur befürchtet, dass ich etwas tun könnte, was ich später bereue? Und sie auch?
Egal.
„Hör zu, Fiona“, sagt Jack. „Du sollst dich ja eh umziehen. Aber es gibt im Moment nichts zu tun. Wir werden versuchen, etwas aus Malcolm herauszubekommen, was wir auch verwerten dürfen, aber es ist besser, wenn du nicht dabei bist. Ich glaube, den Grund brauche ich dir nicht zu erklären.“
„Nein“, erwidere ich missmutig.
„Wir lassen dich nach Hause fahren und eine Streife bleibt die ganze Zeit vor eurem Haus. Sobald wir etwas wissen, sagen wir dir Bescheid.“
„Versprochen?“
„Versprochen. Und umgekehrt?“
„Wie meinst du das?“
„Das weißt du ganz genau.“
„Ja, versprochen. Ich werde brav sein.“
„Gut.“
Ich warte noch auf die Polizisten, die mich nach Hause fahren sollen, dann verabschiede ich mich. Irgendwie ist das ein seltsames Gefühl. Vielleicht sollte ich mich bei der Polizei bewerben. Mein Vater würde zwar einen Anfall kriegen, aber das ist mir so egal.
Na ja, wahrscheinlich ist Polizeiarbeit nur selten so aufregend. Obwohl, wenn ich dabei bin …
Im Polizeiwagen sitze ich hinten und lehne den Kopf zurück, schließe die Augen.
Wenn mir das vor einer Woche jemand gesagt hätte …


Ich hasse Beerdigungen. Es gibt nur einen Vorteil: Ich kann etwas Langärmeliges anziehen, ohne dass es auffällt. Also brauche ich keinen Verband zu tragen. Die Schusswunde ist ja schon längst verheilt, aber das muss niemand wissen.
Bis auf meine Bluse ist alles schwarz, die Bluse dunkelgrau. Bundfaltenhose, Lackschuhe. Ich erkenne mich kaum wieder, und das, obwohl ich in den letzten vier Jahren durchaus auch mal elegant angezogen war. Vor allem während der Zeit in der Marketingabteilung. Auf Messen, auf wichtigen Meetings … Dort eher, um die Männerblicke auf mich zu lenken. Sex sells, selbst bei Software. Und bei Meetings mit Kunden sowieso. Okay, dass es gelegentlich danach noch zu echtem Sex kam, gehörte nicht zu der Geschäftstätigkeit, und die anderen brachten so viel persönlichen Einsatz, glaube ich, auch nicht. Aber ich als Tochter des Chefs musste ja mehr tun. Nun gut, eigentlich war mir das Geschäft scheißegal. Es ist nur erstaunlich, wie oft Chefeinkäufer irgendwelcher Banken und anderer wichtiger Kunden tatsächlich so gut aussahen wie in Filmen. Obwohl, eigentlich ist das nicht erstaunlich. Es gibt ja Statistiken darüber, dass gutaussehende, hochgewachsene Männer die besten Karrierechancen haben. Keine Statistiken gibt es darüber, dass sie meinem Beuteschema entsprachen. Zumindest in der Zeit nach Phil.
Was die Statistiken ebenfalls nicht erfassen, ist die Tatsache, dass sie beim Sex auch nicht besser sind als andere. Es gibt den Hochleistungssportler, womit ich keine Probleme habe, den Schmuser, den Unterwürfigen, den Idioten – und den Traummann. Letzterem bin ich irgendwie bloß noch nie begegnet.
Ich betrachte mich im Spiegel und unternehme einen letzten Versuch, meine Haare davon abzuhalten, mir vor die Augen zu fallen. Hoffnungslos. Okay, abschneiden wäre noch möglich, aber das will ich nicht.
Dann eben so. Es reicht, wenn ich vom Hals abwärts elegant aussehe.
Meine Eltern warten schon unten auf mich. Sie sind dem Anlass entsprechend gekleidet, also schwarz. Wie ich ja auch. Außerdem weint meine Mutter jetzt schon. Demzufolge ist mein Vater hauptsächlich damit beschäftigt, sie zu halten, daher biete ich an, dass ich fahre. Nicholas sitzt auf dem Beifahrersitz.
Bis zum Friedhof ist es eine relativ lange Fahrt, die wir schweigend hinter uns bringen. Nur das leise Schluchzen meiner Mutter ist zu hören. Ab und zu blicke ich in den Rückspiegel und beobachte die Zivilstreife. Der Streifenwagen wurde schon am Mittwochmorgen gegen den unauffälligeren zivilen Wagen ersetzt, weil Anwohner sich beschwert hatten. Da der Anschlag auf mich dank der Medien bekannt war, fiel es mir nicht schwer, die Anwesenheit der Polizisten zu erklären. Und als mein Vater mich fragte, warum überhaupt ich ermordet werden sollte, zuckte ich nur mit den Achseln und sagte, dass die Polizei noch ermittelt. Er könnte ja Steve fragen.
Ich würde auch gerne heulen. Aber aus anderen Gründen als meine Mutter. Wie bringe ich ihnen bei, dass Norman nicht der nette Junge war, für den sie ihn halten? Für den auch ich ihn gehalten habe. Wie man das halt so macht mit zehn Jahre jüngeren Brüdern. Hätte ich ihn nicht in dem Video gesehen, würde ich garantiert niemandem ein Wort glauben, der mir erzählen würde, dass er Kinder vergewaltigt hat.
Dennoch hat er es getan. Und ich kann das weder meinen Eltern noch Nicholas erzählen.
Verdammte Scheiße!
„Vorsicht!“, ruft Nicholas.
Ich weiche einem parkenden Auto aus und werfe einen Blick durch den Innenspiegel auf meinen Vater, der den Blick kopfschüttelnd erwidert.
Aber er sagt nichts.
Danach erreichen wir ohne weitere Zwischenfälle den Friedhof.
Hier sind schon viele Leute da. Verwandte. Klassenkameraden. Leslie und James. Steve Connor und seine Leute, meine neuen Freunde: Jack, Laura und Ben. Jack nickt mir nur kurz zu, er und die beiden Detectives halten sich zurück, auch als Steve zu uns tritt und stumm meine Mutter umarmt.
Ich weiß gar nicht, ob er angerufen hat. Aber im Grunde genommen ist es völlig egal.
Während der Trauerfeier sitze ich neben meiner Mutter ganz außen. Daneben mein Vater, dann die Geschwister meiner Eltern. Und die Großeltern, soweit noch unter den Lebenden verweilend. Vielleicht sitzen auch die anderen da, aber dann sehe ich sie nicht.
Ist natürlich ein seltsames Gefühl. Ich sitze in einer Kirche wegen eines Toten, dessen hübsch gemachten Überreste in einem offenen Sarg liegen. Hier waren schon sehr viele Tote, überhaupt, auf einem Friedhof sind meist einige Tote vorhanden.
Als mein Vater ein paar Worte über Norman sagt, kann ich mich nicht mehr beherrschen und weine auch. Vor allem, weil ich weiß, dass kaum etwas von dem stimmt, was mein Vater über Norman behauptet. Aber das wissen die natürlich nicht. Nur Steve und die Polizisten könnten ahnen, warum ich tatsächlich weine.
Ich hasse dich, Norman. Ich hasse dich, weil du mich zwingst, eine Entscheidung zu treffen. Ich hasse dich, weil ich irgendwann diejenige sein werde, die meinen Eltern erzählen muss, wie du wirklich warst.
Ich zwinge mich, mit dem Weinen aufzuhören. Leslie reicht mir von hinten ein Taschentuch, mit dem ich mein Gesicht abtrockne.
Der Pfarrer tritt vor mich und fragt mich leise, ob ich auch etwas sagen möchte. Für einen kurzen Moment überrasche ich mich dabei, dass ich am liebsten Ja antworten, aufspringen und allen erzählen möchte, dass Norman kleine Kinder vergewaltigt und dafür Geld bekommen hat, dass er getötet wurde, weil er zu gierig wurde und dass wegen ihm nun auch Savage tot ist, der übrigens auch nicht besser war.
Doch dann schüttele ich nur den Kopf.
Irgendwann ist auch diese Scheiße vorbei. Dann geht es zur Grabstelle, gibt es noch eine Runde Heulerei, ein paar warme Worte, bis endlich der Sarg unter der Erde verschwindet.
Jetzt noch die unendlich lange Reihe an Menschen, die meinen, mir ins Ohr heulen zu müssen, überleben.
Und das alles bei einer Hitze, die anscheinend direkt aus den Tropen zu uns gekommen ist. In der Kirche war es ja noch angenehm, aber hier draußen ist es selbst im Schatten der Bäume kaum zu ertragen.
Mein Vater hält meine Mutter fest, die offensichtlich Schwierigkeiten hat, sich auf den Beinen zu halten. In diesem Moment bewundere ich ihn. Ich weiß, dass er selber unglaubliche Schmerzen hat, dass es ihn sehr, sehr viel Kraft kostet, nicht zusammenzubrechen. Ohne die Routine als CEO würde er das nicht durchstehen.
Obwohl, ist das wirklich bewundernswert?
Dann denke ich daran, was ich gerade mache. Eigentlich dasselbe, nur aus anderen Gründen.
Ja, irgendwie ist es bewundernswert und zugleich idiotisch. Warum? Warum reißen wir uns so zusammen, warum schreien wir nicht einfach alles hinaus?
Warum? Warum? Warum?
Als ich mich weinend abwende, nimmt mein Vater mich am Arm und zieht mich an seine freie Seite. Nach kurzem Zögern drücke ich mich an ihn, presse das Gesicht gegen seine Schulter und lasse meinen Tränen freien Lauf.
Ich bin vor meinem Vater zu Hause und ziehe mich um. Stretch-Jeans, die knapp über den Knöcheln enden, ein dunkelgraues T-Shirt und Sandalen. Danach gehe ich nach unten in die Küche, wo ich Nicholas und meine Mutter vorfinde. Nicholas trägt seinen gewohnten grauen Anzug, meine Mutter ein schwarzes, aber luftiges Kleid. Sie sitzt an der Theke in der Mitte und trinkt einen Kaffee. Ich setze mich ihr gegenüber auf einer der Hocker und lasse mir von Nicholas einen Cappuccino machen.
„Wie war dein Arbeitstag?“, fragt meine Mutter nach einer Weile.
„Beschissen.“
„Warum bist du nicht zu Hause geblieben? Den einen Tag hättest du dir auch sparen können.“
„Ja, wäre besser gewesen.“ Ich zucke die Achseln. „Eigentlich ist es ja egal, wo ich mich beschissen fühle.“
Meine Mutter sieht mich an. Ihre grünen Augen wirken verschleiert.
„Vielleicht solltest du eine Psychotherapie machen?“
„Ich? Psychotherapie? Ich glaube, ich würde jeden Psychoterroristen wahnsinnig machen. Nein, danke.“
Sie sieht aus, als wollte sie etwas sagen, wahrscheinlich zum Psychoterroristen, aber dann überlegt sie es sich anders und schweigt.
Ist mir recht.
Es ist Freitagnachmittag, halb sechs, und ich hocke hier zu Hause mit meiner Mutter. Eigentlich unglaublich. Und es ist genau eine Woche her, dass mein Vater in mein Zimmer gestürmt kam. Eine Woche und etwa zwei Stunden. Wieso war ich eigentlich letzte Woche schon so früh zu Hause? Ach ja, eigentlich hatte ich was vorgehabt.
Heute habe ich nichts vor, dabei müsste ich hier dringend raus. Aber wohin nur? In die Disco? Auf eine Party? Sicher nicht. Vielleicht könnte ich mal wieder trainieren gehen. Da war ich schon ziemlich lange nicht mehr, vor allem wenn man bedenkt, dass ich sonst jeden Tag da bin. Außer sonntags, aber selbst das hängt davon ab, ob ich Streit mit meinem Vater habe und mich abreagieren muss.
Irgendwie fehlt mir im Moment die Kraft und die Motivation, auch nur aufzustehen.
„Stört es dich, wenn ich rauche?“ erkundige ich mich.
Meine Mutter schüttelt den Kopf. Beim Rauchen betrachte ich sie. Dieses Jahr wird sie 45. Immer noch eine schöne Frau, aber die Traurigkeit lässt sie zehn Jahre älter aussehen. Ihre schulterlangen, dunkelblonden Haare sind von grauen Strähnen durchsetzt, und ich bin mir sehr sicher, dass es vor einer Woche viel weniger waren.
Ein Wunder ist es aber nicht. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was es für eine Mutter bedeuten muss, wenn ihr Kind vor ihr stirbt. Und ich möchte das auch nie erfahren. Dann lieber keine Kinder bekommen.
Ich kann hören, wie mein Vater ankommt, den Wagen vor dem Hauseingang abstellt und dann hereinkommt. Er hat seine übliche Arbeitskleidung an, nur das Jackett hat er sich bereits ausgezogen.
„Darf ich dein Auto haben?“, frage ich nach der Begrüßung.
„Wann holst du dir ein neues?“
Ich zucke die Achseln. „Noch keine Zeit gehabt. Ja oder nein?“
„Wir wollen nachher noch weg. Nimm ein Taxi.“
„Okay.“ War ja klar. Vielleicht wollen sie wirklich weg, aber das ist nicht sicher. Er will nur nicht, dass ich mit dem 7-er durch die Gegend fahre. Nachdem ich meinen Wagen geschrottet habe, schon mal gar nicht.
Mein Vater holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und bemerkt dabei: „Ich habe mit Steve gesprochen. Er hat erzählt, dass du dich an den Ermittlungsarbeiten beteiligst, als Beraterin.“
„An welchen Ermittlungsarbeiten?“, fragt meine Mutter.
„Das wüsste ich auch gern“, fügt mein Vater hinzu.
Scheiße.
„Wir suchen den … den Fahrer des Wagens, mit dem Norman getötet wurde.“
„Du?“
„Ja, ich! Was erstaunt dich daran so?“
„Du hast dich bisher nicht durch besonders hohes soziales Engagement ausgezeichnet.“
„Wie bitte?“ Ich starre meinen Vater an, selbst meine Mutter wirkt irritiert. „Was weißt du schon, wofür ich mich engagiere?“
„Wenn du dich überhaupt für irgendetwas außer Fiona interessierst, hast du das bisher gut verheimlicht.“
Ich glaube das einfach nicht! Er weiß nichts von mir, hat sich nie dafür interessiert, was ich tue, was ich denke, was ich fühle, war nie dabei, wenn in der Schule was anstand, nicht einmal bei der Aufführung vor sechs Jahren, als ich für Jenny einsprang, weil sie sich zwei Wochen vor ihrem Auftritt das Bein gebrochen hat, und jetzt haut er so was heraus. Gestern habe ich ja für einen Augenblick gedacht, zwischen uns hätte sich etwas geändert, als er mich im Arm hielt, während ich so heulen musste, aber da habe ich mich wohl geirrt. Da war er vermutlich einfach nur in einem emotionalen Ausnahmezustand, aber inzwischen hat er sich wieder gefangen.
„Nun, da du so gut über mich Bescheid weißt, brauche ich ja nichts weiter zu sagen“, bemerke ich und erhebe mich. Meine Stimme zittert. Jetzt bloß nicht weinen!
„Wo willst du hin?“
„Keine Ahnung. Ich muss mich mal um Fiona kümmern.“ Bevor er noch etwas sagen kann, renne ich nach draußen. Nach kurzem Nachdenken nicht nach oben, sondern aus dem Haus, vom Grundstück, nach nebenan, und läute Sturm, wie vor wenigen Tagen schon mal.
Leslie scheint nicht da zu sein, denn in der Tür steht James. Sein Gesichtsausdruck verheißt nichts Gutes. Ihn finster zu nennen, wäre noch sehr untertrieben.
Ich sollte weglaufen. Das kann ich gerade so gut.
„Was willst du?“, fragt er, scheinbar ruhig. Doch da ist ein Unterton, der sollte mir eigentlich Angst machen.
„Ist Leslie … da?“
„Als wenn du es nicht besser wüsstest.“
Wieso durchschaut er mich so leicht?
„Okay, du hast recht, ich wollte zu dir.“
„Dein Gedächtnis war auch schon mal besser.“
„Ich … ich wollte dich nicht um einen Gefallen bitten.“
„Nicht?“ Er zieht eine Augenbraue hoch. Kaum sichtbar, aber ich bemerke es trotzdem. „Und was willst du dann?“
Ich kaue auf meiner Unterlippe herum und starre ihn unsicher an. Vor allem, weil ich es selbst nicht so genau weiß, warum ich hier bin. Wieso tue ich mir das an? Was könnte er mir schon geben, das ich jetzt brauche?
„Hast du die Sprache verloren? Kommt bei dir nicht oft vor.“
„Äh … Ja, das stimmt. Ich … Es war eine blöde Idee, entschuldige. Tut mir leid. Ich wollte dich nicht stören.“
Ich habe mich bereits umgedreht, als er sagt: „Warte.“
Ich verharre.
„Was ist los?“
Ich wende mich wieder ihm zu und spüre die ersten Tränen auf meinen Wangen.
„Jemand wollte mich umbringen.“
„Warum?“
„Weil … weil ich herausgefunden habe, warum mein Bruder getötet wurde.“
„Du bist nicht zu der Polizei gegangen mit dem Kennzeichen.“
Ich schüttele den Kopf. Die Tränen werden immer mehr.
„Es tut mir leid. Ich hätte es tun sollen. Jetzt ist auch Savage tot. Und … Verdammt, mein Bruder hat Kinderpornos gedreht! Freiwillig! Er hat Kinder vergewaltigt!“
James´ Augen weiten sich, dann nimmt er meinen Arm und zieht mich ins Haus. Wir gehen in die Küche, er drückt mich sanft auf einen Stuhl, dann bringt er mir ein Glas Wasser.
„Weiß die Polizei davon?“
Ich nicke. „Sie wissen alles, was ich weiß. James, es tut mir wirklich leid, dass ich nicht auf dich gehört habe. Er … er stand vor mir, mit der Pistole, ich dachte nur, das war es, ein verdammt kurzes Leben …“ Ich sehe ihn keuchend an.
James erwidert meinen Blick. Für einen Moment sieht es so aus, als wollte er was sagen, doch dann erhebt er sich, kommt zu mir und hockt sich neben mir hin. Damit sind wir ungefähr auf Augenhöhe. Er nimmt mein Gesicht zwischen die Hände und küsst mich sanft. Auf den Mund.
Ich habe Angst, wenn ich mich bewege, löst sich dieser Moment auf wie eine Seifenblase und James geht wieder weg.
„Fiona, warum bist du zu mir gekommen?“, fragt er, ohne mein Gesicht loszulassen.
„Ich … ich weiß einfach nicht, zu wem ich gehen könnte. Und weil ich dachte … dachte, dass du vielleicht mich … nicht hasst.“
„Warum sollte ich dich hassen?“
„Die meisten tun das“, erwidere ich leise. „Niemand würde es sagen, viele wissen es nicht einmal.“
„Weißt du es?“
Ich starre ihn an.
„Okay, vergiss diese Frage. Du hast meine Frage, warum du zu mir gekommen bist, nicht wirklich beantwortet, oder?“
„Das … das war nicht gelogen.“
„Nein, aber nicht die eigentliche Antwort.“
Das ist wahr. Wieso durchschaut er mich wie sonst niemand?
Ich beuge mich vor und küsse ihn. Nicht so sanft wie er mich. Genau genommen nicht einmal ansatzweise so sanft. Nach einem Augenblick erwidert er den Kuss.
„Ich brauche dich“, sage ich schließlich, ohne ihn loszulassen.
„Jetzt? Und in sieben Jahren wieder?“
Am liebsten würde ich aufspringen und weglaufen. Noch weiter weg. Aber er hat recht. Bin ich nur deswegen hier? Oder gibt es noch einen anderen Grund?
Gibt es.
„Nein. Ich … Damals war ich fast noch ein Kind. Ich meine, nicht wirklich, natürlich nicht. Ich habe so was sonst nicht gemacht.“
„Du hattest sonst keinen Sex? Fällt mir schwer, das zu glauben.“
„Natürlich hatte ich Sex!“ Ich muss lachen. „Aber meistens hat es mir nichts bedeutet. Es wäre mir auch egal gewesen, wenn jemand Nein gesagt hätte. Ich meine, auch das ist natürlich vorgekommen. Aber bei dir wäre es mir nicht egal.“
„Warum nicht?“
„Was willst du denn jetzt hören?“
„Die Wahrheit.“
Das ist doch pervers. Da sitze ich bei James in der Küche auf einem Stuhl, total verheult, hatte gerade wieder einen Streit mit meinem Vater, vielleicht kommt Leslie gleich rein, er hockt neben mir, sein Gesicht so nah vor meinem, dass ich nur seine Augen sehe, meine Arme liegen auf seinen Schultern, seine rechte Hand auf meinem Oberschenkel, die linke auf meinem Nacken. Und er will, dass ich die Wahrheit sage. Ist die denn nicht offensichtlich?
„Ich liebe dich“, sage ich schließlich leise.
Ich glaube das einfach nicht. Wollte ich das wirklich sagen? Habe ich das überhaupt schon mal jemandem gesagt? Kann mich gerade nicht erinnern. Vielleicht zu David, als ich noch daran geglaubt habe.
Er wirkt überrascht, als hätte er nicht damit gerechnet, dass ich das wirklich sage. Kein Wunder, auch ich bin ja überrascht. Wieso habe ich das gesagt? Ist es die Verzweiflung wegen meinem Vater oder ist es wahr? Wie könnte ich ihn überhaupt lieben? Er ist so alt wie mein Vater, seine Tochter meine beste Freundin, mit der ich zusammen in die Schule gegangen bin, und wir hatten vor sieben Jahren Sex miteinander, genau einmal.
Weil ich es wollte.
Aber liebe ich ihn?
Gesagt habe ich es zumindest.
Er starrt in meine Augen, als würde er herausfinden wollen, ob ich das ernst meine. Schließlich nickt er und zieht mein Gesicht heran, um mich zu küssen.

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Leseprobe: Im Zwielicht der Zeit

Erster Teil

Gertrud war siebzehn, als ihre Mutter starb. Die Todesursache war Diabetes. Zehn Jahre später sollte es Insulin geben, das so vielen Menschen, die an dieser Krankheit litten, ein halbwegs normales Leben ermöglichte. Aber damals – man schrieb das Jahr 1912 – waren sie Todeskandidaten. Gertrud stand wie in Trance am Bett ihrer Mutter und blickte starr auf deren bleiches, wächsernes Gesicht. Sie war schön, von einer unschuldigen, fast kindlichen Schönheit. Das braune Haar, das sie sonst der Mode entsprechend hochgesteckt trug, lag in losen Strähnen auf dem Kissen und umrahmte ihr stilles Antlitz.
Plötzlich meinte Gertrud, sie leise atmen zu hören, zu sehen, wie sich ihre Brust ganz sacht hob und senkte. „Sie ist nicht tot, sie lebt!!! Die Ärzte haben sich geirrt!“, wollte sie aufschreien. Ihr war, als verschwände der Boden unter ihren Füßen und die Wände des Zimmers zögen sich zurück, als schwebe sie im leeren Raum, nur sie allein mit ihrer Mutter auf dem Totenbett, allein in einer öden, tiefschwarzen Finsternis. Sie drohte in einen Abgrund zu stürzen, aber ehe dies geschah, empfand sie einen ungeheuren Hunger nach Leben. Er durchzog ihre Adern, zerrte an jeder Faser ihres Körpers mit übermächtigem Sehnen. Gleichzeitig spürte sie einen verzehrenden Schmerz, der sie auszulöschen schien. „Ich will leben, leben! Ich will leben!“, schluchzte sie auf und sank am Bett ihrer Mutter nieder. Sie weinte bis zur Erschöpfung. All die aufgestauten Gefühle des Tages – die verzweifelte Hoffnung, an die sie sich zunächst geklammert hatte, das langsame Begreifen der Endgültigkeit des Abschieds, der Lebenshunger und der unendliche brennende Schmerz – wurden mit der Tränenflut hinweggeschwemmt.
Später setzte sie sich in den Sessel neben dem Bett der Toten und sank in einen unruhigen Schlaf, der von wirren Träumen begleitet war. Sie sah ihre Mutter, wie sie sie als Kind oft gesehen hatte, im Sessel sitzend, mit einer Handarbeit beschäftigt, still, freundlich zu jedermann, liebevoll zu ihren Kindern. Aber ihre Liebkosungen waren nur flüchtig, sie strich ihren Kindern leicht über das Haar, tätschelte zart ihre Wangen oder hauchte einen kaum spürbaren Kuss darauf, so als wolle sie sie nicht zu stark an sich binden, als ahne sie, dass sie früh von ihnen gehen würde. Sie vertiefte sich in ihre Stickerei. Unter ihren Händen entstanden kunstvolle Tischdecken, die man überall im Haus auf Tischen, Truhen und Kommoden bewundern konnte. Und noch viele Jahre später, als längst Kunststoffe und maschinell bedruckte Tücher benutzt wurden, sollte sich ihre Enkelin Anna daran freuen, wenn sie diese Kunstwerke bei festlichen Gelegenheiten aus dem Schrank holte. Sie war immer ein wenig müde, still und geduldig, jeder hatte sie gern. Die Krankheit, die ihr ständiger Begleiter war, ließ sie dem Leben mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit begegnen. Sie liebte ihre Kinder, sie liebte ihren Mann, aber es war ihr stärker als anderen Menschen bewusst, dass sie ihr nur für eine kurze Zeitspanne ihres Lebens gegeben waren.
In ihrem Traum war Gertrud wieder das kleine Mädchen, das zu den Füßen der Mutter saß und sich in ihren Rock kuschelte. Doch plötzlich entfernte sich ihre Mutter auf rätselhafte Weise, sie wurde durchsichtig, immer kleiner und schien ganz zu verschwinden. „Mama!“, schrie Gertrud auf, das Wort ihrer Kindertage benutzend, und erwachte vom Klang ihrer eigenen Stimme. Sie rieb sich die Augen. Es dämmerte. Sie fühlte sich verlassen und allein. So sollte es ihr Leben lang bleiben. In Stunden tiefer Verzweiflung und Niedergeschlagenheit war sie immer allein.
Gertrud hatte einen Sinn für das Praktische, und sie hatte die Fähigkeit zu Beherrschung und Disziplin, was ihr Wesen und ihre Gefühle betraf. Damit konnte sie später manche Krise in ihrem Leben bewältigen. In der gegenwärtigen Situation halfen ihr diese Eigenschaften, die Trauer und die Ängste der Nacht in ihrem Herzen einzuschließen und sich den Dingen zuzuwenden, die nun erledigt werden mussten. Sie ging in die Küche, wo sie Fine, die Hausangestellte, schon am Herd hantieren hörte.
„Ach, Fräulein Gertrud, mein Beileid“, sagte die Frau mit unsicherer Stimme und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Augen. Sie war schon lange in der Familie. Gertruds Mutter hatte sie mitgebracht, als sie vom Rhein nach Braunschweig heiratete. Fine hatte die Kinder aufwachsen sehen. Aus Treue zu ihrer kranken Herrin hatte sie nie geheiratet. Inzwischen war sie ein ältliches Mädchen geworden, mit scharfen Zügen und abgearbeiteten Händen, aber ihre Augen waren voller Güte und Verstehen. Ohne die Hoffnung auf einen Mann und eigene Kinder hatte sie ihre Herrschaft zu ihrer Familie gemacht.
„Der Herr Geheimrat hat die ganze Nacht Licht in seinem Zimmer gehabt. Er hat sicher gar nicht geschlafen“, redete Fine weiter, als sie Gertrud eine Tasse Kaffee hinstellte. „Der wird Ihnen gut tun, Fräulein Gertrud. Ach, wie schrecklich, dass die gnädige Frau so früh sterben musste, mit neununddreißig Jahren.“
„Ja, Fine, es ist für uns alle ein großes Unglück“, antwortete Gertrud mit einer fast steifen Förmlichkeit. Man ließ sich vor den Dienstboten nicht gehen, auch wenn sie schon so lange im Haus waren wie Fine. Das gehörte sich nicht. „Deck den Frühstückstisch, ich werde nach meinem Vater und meinem Bruder sehen.“
Der Geheime Hofrat Professor Dr. Friedrich Oertel hatte sich in seine Studierstube zurückgezogen. Wie betäubt saß er an seinem Schreibtisch. Es gelang ihm nicht, seine Gedanken zu ordnen. „Ich werde eine Haushälterin einstellen müssen … Gertrud ist noch zu jung … der Haushalt … ich in meiner Stellung habe Verpflichtungen … ich muss repräsentieren …“ Dann überwältigte ihn der Schmerz. Wie ein reißender Fluss, der über die Ufer tritt und alle Dämme zerstört, überflutete er sein Inneres und löschte jede andere Empfindung aus. Schwach und hilflos fühlte Oertel sich dem ausgeliefert, was geschehen war. Obwohl er über die Krankheit immer genau Bescheid gewusst hatte, konnte er in diesem Augenblick nicht begreifen, dass er seine Frau nun endgültig verloren haben sollte. Nie mehr würde sie ihn anlächeln, nie mehr ihre Hand leicht auf seine Schulter legen, niemals wieder mit ihrer sanften Stimme zu ihm sprechen. Es konnte nicht sein, es durfte nicht sein! Etwas in ihm wehrte sich mit aller Macht gegen diese grausame Wahrheit. Sein Kopf sank vornüber auf die Schreibtischplatte. Tränenloses, krampfhaftes Schluchzen erschütterte seinen Körper.
So verharrte er lange Zeit, ohne etwas denken zu können, ganz dem Ansturm seiner Gefühle preisgegeben. Schließlich stand er auf, ging langsam zum Fenster und öffnete es. Die Nacht war schwül, die Luft schwer, er meinte, er müsse ersticken. Der Himmel war wolkenverhangen, kein Stern sandte einen Lichtschimmer in die Finsternis. In der Ferne donnerte es leise. Ab und zu erhellte Wetterleuchten am Horizont die Nacht. Vor dem geöffneten Fenster ging ein leichter Sommerregen nieder. Manchmal sprühte er Tropfen in Oertels Gesicht, aber er konnte dessen heiße Stirn nicht kühlen.
Dieses Haus am Waldrand – er hatte es für sie gebaut. Es trug ihren Namen, „Lorenhöhe“. Sie sollte sich hier ausruhen, erholen, neue Kraft schöpfen. Nun war sie hier gestorben. Ihm war, als habe er, ohne es zu wissen, ein Mausoleum für sie erbaut. Lange stand er am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Schließlich setzte er sich benommen, leer und ausgebrannt wieder an seinen Schreibtisch. Er stützte den Kopf in beide Hände. Er wusste nicht, wie spät es war, es interessierte ihn nicht. Er spürte nichts, gar nichts mehr, auch nicht den wütenden Schmerz, der sein Innerstes aufgewühlt hatte. Es war, als sei alles Leben aus ihm gewichen, als sei er mit ihr gestorben. Eine lange Zeit saß er so da, bis ihn plötzlich ein Geräusch aufschreckte.
Mit Erstaunen nahm er wahr, dass Tageslicht ins Zimmer fiel. Die Tür war leise geöffnet worden. Gertrud stand im Türrahmen, gefasst, aber mit bleichem, übernächtigtem Gesicht. Sie ging auf den Vater zu. Eine Welle von Liebe und Mitgefühl stieg in ihr auf. Sie wusste, wie sehr er seine Frau geliebt, wie viel er mit ihr verloren hatte. Ihr eigener Schmerz um die tote Mutter ließ sie das Leid des Vaters mitfühlen. Sie schlang zärtlich die Arme um ihn, eine Geste, die es schon lange nicht mehr zwischen ihnen gegeben hatte. Er ließ es wie selbstverständlich geschehen. Gertrud konnte sich nicht erinnern, dass ihr Vater sie in den Arm genommen hatte, seit sie dem Kleinkindalter entwachsen war. Eine Respekt gebietende Autorität war immer von ihm ausgegangen, eine distanzierte Strenge. Die Kinder wussten sich von ihm geliebt, er gab ihnen Sicherheit und Geborgenheit. Aber gleichzeitig war die Übermacht seiner starken Persönlichkeit stets allgegenwärtig. Sein Wort war Gesetz. Jeder hatte sich nach ihm zu richten. Widerspruch oder kleine Ungehorsamkeiten wurden nicht geduldet. Er regierte sein Hauswesen und seine Familie wie ein guter Patriarch: mit Liebe, aber auch mit Strenge; mit Verantwortungsbewusstsein, aber Gehorsam fordernd; gerecht, aber unduldsam gegenüber Meinungen, die er nicht teilte; mit einer Autorität, die jeder in seiner Umgebung spürte und die in seinem Charakter begründet war. Es schnitt Gertrud ins Herz, ihren starken Vater so zu sehen, gramgebeugt, ein schwacher Mensch.
Friedrich Oertel entstammte einem alten niedersächsischen Bauerngeschlecht. Er war zwar nicht mehr auf einem Hof aufgewachsen, doch sein großer, kräftiger Körperbau, seine robuste Gesundheit, seine Liebe und Verbundenheit zur Natur waren das Erbteil seiner bäuerlichen Vorfahren. Auch die Kraft seiner Persönlichkeit, die Willenstärke und Disziplin hatten ihren Ursprung in seiner Bindung an die bäuerliche Heimat. Sein Vater war zwar Beamter gewesen, denn der Hof wurde immer an den ältesten Sohn vererbt, und er war der Zweitgeborene, aber der Kontakt der Familie zu ihren bäuerlichen Verwandten und damit zu ihrem Ursprung blieb stets bestehen.
Schon früh zeigten sich Oertels überdurchschnittliche Intelligenz und seine Begabung für die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer. Er erhielt ein Stipendium und studierte nach dem Besuch des Gymnasiums an verschiedenen Universitäten Mathematik, Physik, Philosophie und Pädagogik. Sein Vater sah darin die Erfüllung eigener Träume und Wünsche. Er hoffte, es noch zu erleben, dass der Sohn eines Tages ein bedeutender Mathematiker würde, was ihm, dem Bauernsohn, trotz eigener Neigung und Begabung nicht möglich gewesen war. Er blieb zeitlebens ein kleiner Katasterbeamter, der im Auftrag seiner Behörde Landvermessungen durchzuführen hatte.
Friedrich Oertel war ehrgeizig und hatte eine hohe Meinung von sich selbst. Aber er stellte auch ebenso hohe Ansprüche an sich und seine Leistungsbereitschaft. Als ihm im Staatsexamen nur die Durchschnittsnote zwei plus zuerkannt wurde und er in den mündlichen Kommentaren zu seinen Prüfungsleistungen einige Kritik und Einschränkungen seitens der Prüfungskommission hinnehmen musste, beschwerte er sich bitter darüber in einem Brief an seine Eltern. Aber gleichzeitig führte er aus, dass er nun andere Ziele habe. Er wolle sein Doktorexamen mit dem Grad „ad modum laudabilis“ machen, ein einfaches „cum laude„ wolle er anderen Leuten überlassen.
Sein Staatsexamen berechtigte ihn, die Fächer, die er studiert hatte, am Gymnasium zu unterrichten. Er wurde jedoch, kurz nachdem er in den Schuldienst übernommen worden war, freigestellt, um einige Jahre lang der Erzieher des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen zu sein. Danach habilitierte er sich als Privatdozent für Mathematik und folgte einem Ruf seines alten Lehrers an die Universität Göttingen. Zwei Jahre später wurde er Ordinarius an der Technischen Hochschule in Braunschweig, der er bis zu seinem Lebensende die Treue hielt. Zweimal wurde er im Laufe dieser Zeit zum Rektor berufen. Er schrieb einige mathematische Bücher, die viel Beachtung fanden.
Im Alter von dreiunddreißig Jahren heiratete er Leonore, ein zwanzigjähriges Mädchen, Fabrikantentochter aus dem Rheinland. Sie war fröhlich und aufgeschlossen, den schönen Seiten des Lebens zugewandt. Sie brachte Farbe und Wärme in sein Leben, das Leben eines Wissenschaftlers und Gelehrten, das sich im Wesentlichen in seiner Studierstube über Büchern abspielte. Sie war der lebendige Mittelpunkt der Familie und des Hauswesens, bis die Schatten der beginnenden Krankheit sie stiller und matter werden ließen. Sie schien mehr und mehr in eine unbestimmte Ferne entrückt zu sein, und eines Tages verlosch ihr Leben wie eine niedergebrannte Kerze. Gertrud hatte von ihrer Mutter die Freude am Leben geerbt. Aber es war auch etwas von der Strenge und Verschlossenheit des Vaters in ihr, das sich in späteren Lebensjahren, in den Konflikten ihres eigenen Schicksals, mehr und mehr zeigen sollte.


Am 28. August 1912,
spätabends
Gestern haben wir Mutter begraben. Ich bin noch immer wie betäubt! Bis jetzt war ich nicht in der Lage, ein Wort zu schreiben. Meine Hände zitterten so sehr, ich konnte die Schreibfeder nicht halten. Dass sie so früh von uns gehen musste – das kann ich nicht begreifen! Sie war krank, ja, wir wussten es schon lange, aber zuletzt ging alles so schnell! Die ganze Nacht habe ich an ihrem Bett gesessen, als der Arzt gegangen war und Vater den Totenschein gegeben hatte. ‚Totenschein‘ – was für ein grässliches Wort! Sie sah aus, als ob sie schliefe. Ich hatte das Gefühl, als müsse sie jeden Augenblick aufwachen, ihre Augen aufschlagen und ihre Arme nach mir ausstrecken. Aber sie lag nur still da. Und nun liegt sie in der dunklen Erde und kommt nicht mehr zurück.
Es war eine große Beerdigung, aber ich habe alles nur wie im Traum erlebt. Ich hatte so ein Gefühl, als säße ich unter einer Glasglocke und das, was da geschah, käme nicht wirklich an mich heran. Den Sarg, der unter der Fülle von Blumen und Kränzen kaum noch zu sehen war, den Gesang des Hochschulchores, den Klang der Orgel, die Worte des Pfarrers – das alles habe ich nur wie von ferne wahrgenommen. Ich weiß auch nicht mehr, wer mir später am offenen Grab die Hand gedrückt und was man zu mir gesagt hat. Es waren, glaube ich, immer dieselben Worte. Viele Menschen waren gekommen, denn Mutter war überall beliebt, und Vater ist ja eine bekannte Persönlichkeit. Wie er die ganze Zeremonie überstanden hat, so gefasst und würdevoll, das kann ich nur bewundern, denn ich weiß doch, wie er leidet. Paul hat viel geweint. Er ist ja auch erst fünfzehn und sehr sensibel. Ich glaube, dass die Mutter ihm ganz besonders fehlen wird, denn Vater ist oft sehr streng mit ihm.
Wie wird es jetzt weitergehen? Das Haus ist so leer ohne sie. Wenn ich ins Wohnzimmer komme, dann meine ich, sie müsse in ihrem Sessel sitzen und sticken, so wie sie es immer getan hat. Doch sie wird nie mehr in diesem Sessel sitzen. Ich werde mich mit der bitteren Wahrheit abfinden müssen. Wir haben alle nicht daran gedacht, dass wir sie verlieren könnten, jedenfalls jetzt noch nicht. Ich bin unendlich traurig!


Die Familie kehrte nach den Trauerfeierlichkeiten nicht nach Harzburg zurück. Man blieb in dem Stadthaus in Braunschweig. Friedrich Oertel hätte es nicht ertragen, sich in den Räumen aufzuhalten, wo ihn alles an den Abschied von seiner Frau erinnerte, an ihre letzten Stunden, an ihre immer schwächer werdenden Atemzüge, die das Leben mit sich fortnahmen und gleichzeitig auch alle seine Hoffnungen. Manchmal fuhr er zwar an den Wochenenden nach Harzburg, ohne jedoch einen Fuß in sein Haus zu setzen. Er machte stundenlang einsame Wanderungen durch die Wälder und über die Harzberge, aber abends kam er stets wieder mit dem letzten Zug in Braunschweig an. Er brauchte die Einsamkeit in der Natur, um sich wiederzufinden und um seinen Schmerz zu verarbeiten. Über Gefühle zu reden, im Gespräch mit anderen Trost zu suchen war seinem Charakter fremd. Zeigte er sich in seiner beruflichen und gesellschaftlichen Stellung auch aufgeschlossen und wortgewandt, seine innersten Empfindungen verschloss er vor anderen Menschen tief in seinem Herzen. Das Bild, das er von sich selbst hatte, war das einer starken Persönlichkeit. Die verletzliche Seite seines Wesens gestand er sich nicht ein. Er lehnte es ab, vor anderen Schwäche zu zeigen. Nur Leonore hatte wissen dürfen, dass auch er verwundbar war.
In dem großen Haus herrschte eine düstere Stimmung. Es war nicht allein die gewittrige Schwüle der Augusthitze, die alles lähmte. Gertrud hatte das Gefühl, dass in allen Ecken die Trauer saß, wie eine lebensfeindliche, unerbittliche Göttin, und sie anstarrte. Sie vermisste ihre Mutter unendlich. Wenn Leonore Oertel auch in den letzten Jahren immer stiller geworden war, so hatte sie doch mit ihrem freundlichen, etwas müden Lächeln und mit ihrer leisen Stimme, die voller Anteilnahme war, Wärme und Zärtlichkeit verbreitet. Gertrud empfand deutlich mit jener hellsichtigen Klarheit, die durch starke Erschütterungen hervorgerufen werden kann, dass sie mit ihrer Mutter einen wesentlichen Teil ihres Lebens unwiderruflich verloren hatte. Sie bewunderte ihren Vater, sie hatte die größte Hochachtung vor ihm, aber liebte sie ihn? Wollte er überhaupt Liebe? Wollte er nicht vielleicht nur respektiert werden, geachtet werden, bewundert werden? Die Mutter hatte ihn geliebt. Und seine verzweifelte Trauer zeugte von der tiefen Liebe zu seiner Frau. Vielleicht hat er all seine Liebesfähigkeit in der Beziehung zu ihr erschöpft? Dieser Gedanke kam Gertrud plötzlich in den Sinn. Mit einer ruckartigen Bewegung strich sie eine Haarsträhne aus dem Gesicht, als wollte sie ihn verscheuchen, und wandte sich der Post zu, die vor ihr auf dem Tisch lag.
Ein Sonnenstrahl fiel durch das Erkerfenster des großen Wohnzimmers und ließ kleine Staubkörnchen aufblitzen. Gertrud hatte es übernommen, die Kondolenzbriefe zu beantworten, um dem Vater diese traurige Arbeit abzunehmen. An dem kleinen Schreibtisch im Erker ging sie die Briefe durch. Dabei wunderte sie sich, dass viele Bekannte offenbar gar nicht gewusst hatten, dass ihre Mutter krank gewesen war. Sie las immer wieder, dass man erstaunt sei über ihren frühen Tod. Oft wurde Gertrud auch damit getröstet, dass sie ja nun die schöne Aufgabe habe, für ihren Vater und ihren Bruder zu sorgen und die Hausfrau zu ersetzen. Sie würde sicher Erfüllung und Befriedigung darin finden, und das würde ihr über ihren eigenen Schmerz hinweghelfen. Die Selbstverständlichkeit dieser Erwartungen überraschte sie. Darüber hatte sie noch nicht nachgedacht. Im Augenblick versorgte sie mit Fine und einer Zugehfrau den kleinen Haushalt, aber so würde es wohl nicht bleiben. Vater wollte ja eine Haushälterin engagieren. Doch wie konnte Hausarbeit einen Menschen ersetzen? Mit dem Gefühl, dass man hier über sie verfügen wollte, dass man ihr Pflichten diktierte, die sie nur selbst aus freien Stücken übernehmen könnte, legte sie die Briefe beiseite.
Die Mahlzeiten wurden gemeinsam im Esszimmer eingenommen, das hinter dem Wohnzimmer lag. Es war ein großer Raum, halb hoch mit Eichenholz getäfelt, was ihm eine behagliche, aber etwas düstere Atmosphäre verlieh. Den Abschluss der Täfelung bildete ein Bord, auf dem Krüge und Teller aus Zinn oder Keramik standen. An der einen Seite befanden sich ein Büfett zur Unterbringung des Geschirrs und des Tafelsilbers und eine Anrichte, darauf stand ein schwerer silberner Kerzenleuchter. In der Mitte dominierte ein großer ausziehbarer Tisch mit vier Stühlen. Ein wuchtiger Kronleuchter hing darüber. Das Esszimmer war vom Wohnzimmer durch eine Flügeltür getrennt. Wenn sie geöffnet wurde, konnte man aus den beiden Zimmern einen großen repräsentativen Raum machen, in dem die Diners stattfanden, die Friedrich und Leonore Oertel ihrer gesellschaftlichen Stellung gemäß hatten geben müssen.
Das Wohnzimmer wurde auch der „Salon“ genannt. Ein kostbarer Teppich bedeckte den Fußboden. Die Seidentapete an den Wänden, das zierliche Sofa und die dazu gehörenden Sesselchen sowie der kleine Schreibtisch im Erker waren mit viel Geschmack ausgesucht worden. Diese Einrichtung trug Leonores Handschrift.
Im Erdgeschoss gab es dann noch das Musikzimmer, in dem der große Flügel stand. Hier fanden regelmäßig Hauskonzerte statt, denn Friedrich Oertel spielte sehr gut Cello, und Gertrud hatte sich zu einer tüchtigen Pianistin entwickelt. Auch Paul machte auf der Geige gute Fortschritte. Einige Kollegen des Hausherrn waren gleichfalls begeisterte Musiker, und so hatte man sich immer gern im Oertelschen Hause zum Musizieren getroffen.
Im Souterrain lag die Küche. Sie war ziemlich dunkel und ging auf einen kleinen gepflasterten Hof hinaus. In den oberen Stockwerken befanden sich das Studierzimmer des Professors sowie das Schlafzimmer und die Zimmer der Kinder.
Oertel saß mit seinen Kindern bei Tisch. Wohlgefällig betrachtete er seine Tochter. Fine hatte soeben die Suppe gebracht, und Gertrud füllte zunächst den Teller des Vaters, dann den des Bruders und zuletzt ihren eigenen. Sie bewegte sich anmutig und mit einer natürlichen Grazie. Plötzlich kam ihm zum Bewusstsein, dass seine Tochter kein Kind mehr war. Sie hatte sich zu einer hübschen jungen Frau entwickelt. Das leicht gewellte dunkle Haar umrahmte ihr ovales Gesicht und gab ihm einen weichen Ausdruck. Das Schönste in diesem Antlitz aber waren die großen braunen Augen mit ihrem träumerischen Glanz. Ich werde einen Mann für sie finden müssen, dachte Oertel. Es wird nicht schwer sein. Ich werde dafür sorgen, dass sie eine gute Partie macht, dass sie sich standesgemäß verheiratet. Ein warmes Gefühl der Zuneigung durchströmte ihn.
Dann wanderte sein Blick zu Paul, seinem Sohn. Er setzte große Hoffnungen in ihn. Er wünschte, dass Paul einmal ein tüchtiger Naturwissenschaftler werden würde, vielleicht Mathematiker, wie er selbst, vielleicht sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl, den er jetzt innehatte. Seine Neigungen zur Theologie … sie würden vergehen. Er war ja noch Gymnasiast. Seine Entwicklung war noch nicht abgeschlossen. Seine Zeugnisnoten waren durchweg gut, aber sie ließen keine herausragende Begabung erkennen. Man würde sehen, er war ja noch jung, sein Charakter noch im Werden.
Fine kam wieder herein. Sie stellte eine Platte mit Braten auf den Tisch und holte dann Schüsseln mit Blumenkohlgemüse, Kartoffeln und Sauce. Nachdem Oertel sich genommen hatte, reichte er die Speisen weiter an seine Kinder. Es wurde wenig gesprochen während des Essens. Die Geschwister waren von klein auf so erzogen worden, bei den Mahlzeiten nur dann etwas zu sagen, wenn sie gefragt wurden. Der Vater hatte sich früher bei Tisch mit der Mutter unterhalten, aber jetzt war er schweigsam geworden. Der leere Stuhl war für alle drei eine ständige schmerzliche Erinnerung daran, was sie unwiederbringlich verloren hatten.
„Hast du heute schon geübt?“, unterbrach Oertel die Stille und wandte sich an seinen Sohn.
„Ja, zwei Stunden. Es sind ja noch Ferien.“
„Brav“, lobte der Vater ihn. „So kann aus dir etwas werden.“
Gertrud nutzte die Gelegenheit und ergriff das Wort: „Vater, sollten wir nicht unsere Hauskonzerte wieder aufnehmen? Du hast doch immer so viel Freude daran gehabt. Das kann dich vielleicht auf andere Gedanken bringen. Du wirst noch ganz krank vor lauter Traurigkeit.“ Sie sah ihn an, voller Mitgefühl und Zärtlichkeit.
Er erwiderte ihren Blick. „Vielleicht hast du recht. Ich werde es mir überlegen.“
Fine brachte die Nachspeise. Es wurde kein weiteres Wort mehr gesprochen. Schließlich stand der Professor auf und begab sich in sein Studierzimmer. Das war das Zeichen für die Kinder, sich auch zurückzuziehen. Paul ging in sein Zimmer und las. Gertrud half Fine beim Aufräumen der Küche und beim Spülen des Geschirrs. Als die Arbeit erledigt war, ging auch sie auf ihr Zimmer.
15. Oktober,
nach dem Mittagessen
Es ist alles so trostlos, es herrscht so eine beklemmende Stimmung im Haus. Manchmal denke ich, ich kann es nicht mehr aushalten, und dann möchte ich am liebsten davonlaufen. Vater spricht nur das Nötigste. Mit Paul rede ich manchmal über Mutter, und dann weinen wir beide. Aber das Leben geht doch auch weiter. Wenn wir uns in unserem Kummer vergraben, das macht Mutter auch nicht wieder lebendig. Ich bin oft so verzweifelt, weil sie nicht mehr bei uns ist, aber dann denke ich auch wieder, ich bin doch noch jung. Soll mein Leben so weitergehen? Andererseits, was soll ich denn machen? Ich kann Vater und Paul jetzt nicht allein lassen. Sie brauchen mich, und ich habe sie doch auch lieb. Wir trauern alle um Mutter, und wir müssen uns gegenseitig beistehen, so gut es geht. Wie kann ich Vater nur helfen, wie kann ich ihn aus seiner Verschlossenheit herausholen? Er wird noch krank werden! Wenn wir die Hauskonzerte wieder aufnehmen könnten! Er hat früher so viel Freude daran gehabt. Ich werde ihm ein bisschen zureden. Vielleicht hilft ihm die Musik.
Aber es gibt da noch etwas anderes, was mir immer wieder durch den Kopf geht, wenn ich daran denke wegzulaufen. Wo soll ich denn hin, ein Mädchen, das nur die Höhere Töchterschule besucht hat und sonst nichts kann? Vater will ja nicht, dass ich einen Beruf erlerne. Er sagt, ich solle heiraten und bis dahin im Elternhaus bleiben. Ich hätte es nicht nötig, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Doch heutzutage haben schon so viele junge Frauen eine Ausbildung und sind berufstätig, zum Beispiel als Sekretärinnen, als Lehrerinnen oder Krankenschwestern. Manche haben sogar studiert und sind Ärztinnen oder Rechtsanwältinnen. Was ist dagegen einzuwenden? Ich verstehe Vater nicht. Jetzt ist mein Platz hier, das weiß ich, bis wir alle ein wenig über Mutters Tod hinweggekommen sind, wenn man überhaupt je darüber hinwegkommen kann. Aber später, in zwei oder drei Jahren vielleicht, werde ich versuchen, von Vater die Erlaubnis für eine Berufsausbildung zu bekommen. Warum soll eine Frau nicht auch ein bisschen Selbstständigkeit und Unabhängigkeit im Leben haben?
Ein Jahr nach Leonore Oertels Tod kam Emmy ins Haus. Sie sollte ein Glücksfall für die Familie werden. Emmy stammte aus einer westfälischen Industriellenfamilie. Sie war Mitte dreißig, als sie in das Oertelsche Haus kam, eine praktische, tüchtige Frau, die überall da mit anpackte, wo es notwendig war, und die keine Arbeit scheute. Gertrud ging ihr gern zur Hand.
Heute waren die beiden Frauen in der Küche beschäftigt. Oertel erwartete am nächsten Tag Gäste, und Emmy bereitete einen Kalbskopf in Aspik vor, der bei allen so beliebt war. „Sie dürfen die Stücke nicht zu groß schneiden, aber auch nicht zu klein, Fräulein Gertrud, etwa so.“ Sie zeigte Gertrud, die dabei war, das Fleisch und das Gemüse zu zerteilen, wie sie es meinte. „Eines Tages werden Sie auch eine Hausfrau sein, dann müssen Sie kochen können.“ Sie nickte ihr aufmunternd zu.
„Wo haben Sie das alles gelernt?“, wollte Gertrud wissen.
„In der Haushaltsschule von Hedwig Heyl in Berlin. Sie hat auch das große Kochbuch geschrieben, das dort steht.“ Ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, deutete sie mit einer Kopfbewegung in Richtung Regal. „Eine Hausfrau muss doch die feine Küche kennen, aber auch einfache Gerichte schmackhaft zubereiten können. Sie muss wissen, wie man die Wäsche richtig pflegt und das Silber. Und wie man Hühner und Gänse schlachtet, das stand auch auf unserem Programm.“
Gertrud starrte Emmy entgeistert an. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie sah Emmy vor sich, ein Beil in der einen Hand und mit der anderen das Tier festhaltend, dem sie gleich den Kopf abschlagen würde. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken.
„Das muss man können, wenn man in einem Landhaushalt arbeitet“, sagte Emmy mit Überzeugung.
Sie scheint gar nichts dabei zu finden, dachte Gertrud, noch immer schockiert. So eine Haushaltsschule, das wäre nichts für mich. Sie war mit ihrer Arbeit fertig, stand auf und wusch sich die Hände.
Emmy goss die Gelatinelösung über die Fleisch- und Gemüsestücke und stellte die Schüssel kalt. „Helfen Sie mir noch, die Wäsche wegzuräumen, Fräulein Gertrud?“
Sie gingen nach oben zu dem großen Wäscheschrank, vor dem bereits der Korb mit der gebügelten Wäsche stand. Gertrud beobachtete, wie Emmy die Laken und Bezüge ganz genau aufeinander legte und die Wäschestapel mit rosa Bändchen zusammenband. Alle Schleifen sahen genau gleich aus, exakt wie Soldaten, dachte Gertrud.
„Ordnung muss sein, und es soll doch auch hübsch aussehen.“ Emmy hatte Gertruds erstaunten Blick bemerkt. Über ihr Gesicht glitt ein Lächeln.
Gertrud fand die Bänder mit den Schleifen überflüssig. Das werde ich später bestimmt nicht so machen, dachte sie, als sie Emmy die Wäschestapel anreichte. Warum hat sie eigentlich nicht geheiratet, wo sie doch so eine perfekte Hausfrau ist? Sie betrachtete Emmy verstohlen von der Seite. Ihre große, etwas grobknochige Figur, ihr scharf geschnittenes Gesicht, ihre selbstbewusste Art … das ist sicher nichts für Männer. Die wollen ein anschmiegsames Weibchen. Aber als anschmiegsames Weibchen konnte Gertrud sich Emmy nicht vorstellen. Vielleicht wollte sie gar nicht heiraten und lieber unabhängig sein, das würde zu ihr passen.
Am Abend schickte Oertel Gertrud zu Emmy, um ihr etwas auszurichten. Gertrud fand sie in ihrem Zimmer im Sessel neben der Stehlampe sitzend, ein Buch in der Hand.
„Setzen Sie sich, Fräulein Gertrud.“ Emmy zeigte auf einen Stuhl und legte das Buch in den Schoß. Johann Wolfgang von Goethe, Sämtliche Werke, las Gertrud. Ihr Blick ging durch den Raum, umfasste das akkurat zugedeckte Bett, den Tisch mit der gestärkten Spitzendecke, die Waschkommode mit der geblümtem Waschschüssel und der dazu passenden Wasserkanne. An der Wand entdeckte sie ein Bücherregal, in dem weitere Bände von Goethe standen neben Schiller und Shakespeare und Büchern von Heine, Tolstoi und Fontane. Gertrud staunte. Das war eine ganz andere Emmy, so kannte sie sie gar nicht.
„Warum sind sie gekommen, Fräulein Gertrud?“, riss Emmys Stimme sie aus ihren Gedanken. „Sollen Sie mir etwas vom Herrn Geheimrat ausrichten, oder wollen Sie mich besuchen?“ Sie bemerkte Gertruds Verlegenheit und lächelte ihr freundlich zu.
Gertrud besann sich. „Vater lässt Ihnen sagen, dass er morgen früh das Frühstück eine halbe Stunde früher als sonst haben möchte. Er hat vor der Vorlesung noch etwas zu erledigen.“
Emmy nickte. „Das geht in Ordnung.“
Was für eine eigenartige Frau, dachte Gertrud beim Hinausgehen. Morgens arbeitet sie in der Küche, erzählt, dass sie Hühner und Gänse schlachten kann, und abends liest sie Klassiker.
Novembernebel hing zwischen den kahlen Zweigen der Bäume. Die Luft schien gesättigt zu sein mit Tausenden kleiner Wassertropfen. Sie verwischten die Konturen der Straßenlaternen und zerstreuten ihr Licht in einem milchigen Schimmer. Die Häuser, die Sträucher und Zäune der Vorgärten, die wenigen Menschen, die in diesem ungemütlichen Wetter unterwegs waren – alles wurde von ihnen in undeutliche Schemen verwandelt, die plötzlich auftauchten und wieder verschwanden. Auch das Licht der hohen, schmalen Erkerfenster des Hauses Kaiser-Wilhelm-Straße 17 wurde von der feuchten Dunkelheit verschluckt. Wer zufällig vorbeiging, hörte Musik, Klavier und Geigenklang, wie von ferne durch die geschlossenen Fenster dringen.
Es gab wieder Hausmusik bei der Familie Oertel. Gertrud hatte ihrem Vater von Zeit zu Zeit vorsichtig zugeredet, um ihn aus seiner Trauer herauszureißen. Schließlich hatte er nachgegeben. Im ganzen Haus war seit dem Morgen eine erwartungsvolle, freudige Spannung zu spüren. Paul, der zum ersten Mal im Quartett die zweite Geige spielen durfte, übte in seinem Zimmer eifrig seine Stimme. Auch Gertrud spielte noch einmal den Klavierpart des Haydn-Trios durch, das heute Abend unter anderem auf dem Programm stand. Die drei Stücke aus den Kinderszenen von Schumann und die beiden Préludes von Chopin, die sie außerdem spielen wollte, konnte sie gut. Sie beschloss, dass es nicht nötig sei, sie noch einmal anzusehen. Emmy war schon vom frühen Morgen an beschäftigt. Martha, ein junges Mädchen, das sie als Haushaltshilfe eingestellt hatte, weil Fine gegangen war, ging ihr dabei zur Hand. Sie fühle sich inzwischen zu alt, hatte Fine gesagt. Aber es war wohl eher so, dass sie sich an die Veränderungen im Hause Oertel nicht mehr gewöhnen konnte. Das Musikzimmer, in dem der große Flügel stand, musste hergerichtet werden. Die drei Klubsessel und der kleine Tisch wurden beiseitegerückt, damit das Streichquartett in der Mitte Platz hatte. Aus dem Esszimmer holten die beiden Frauen vier Stühle herein und stellten sie in einem Halbkreis vor dem Flügel auf. Zwei große Kerzenleuchter wurden so angeordnet, dass sie die Notenpulte zusätzlich beleuchten konnten, wenn das Licht des Kronleuchters an der Decke nicht ausreichen sollte.
Nach dem Mittagessen ging die Arbeit in der großen Küche im Souterrain weiter. Emmy hatte geplant, in der Pause als Erfrischung „dänische Brötchen“ und Punsch zu servieren.
„Schade, dass wir in dieser Jahreszeit keine frische Petersilie und keine Radieschen haben“, sagte Emmy zu Martha, „es würde noch hübscher aussehen.“
Die Platte mit den Brötchen wurde kühl gestellt. Der Teepunsch konnte erst im letzten Moment zubereitet werden, da er ja warm getrunken wurde. Aber Emmy stellte schon einmal den Rotwein, den Rum, Zucker und Tee bereit, damit nachher alles schnell ging. Zufrieden betrachteten die beiden Frauen ihr Werk.
Oertel merkte nichts von all der Geschäftigkeit. Er saß in seinem Studierzimmer über seinen Büchern. Seinen Part brauchte er nicht zu üben, denn er war ein versierter Cellist, und sowohl das Streichquartett von Boccherini als auch das Haydn-Trio stellten an ihn keine großen Anforderungen. Das Boccherini-Quartett hatte ihm sein Freund und Kollege, Professor Reisinger, gegeben, der heute Abend, wie an so vielen Hausmusikabenden im Hause Oertel, die Bratsche spielen sollte. Er hatte die Stimmen gleich weitergegeben, damit die übrigen Mitspieler sich vorbereiten konnten: die für die zweite Geige seinem Sohn Paul, und die für die erste Geige Wilhelm Zeidler, der auch die Geigenstimme für das Haydn-Trio bekommen hatte.
Wilhelm Zeidler war einer von Oertels Studenten. Er war dem Professor neulich bei einem Hochschulkonzert als vielversprechender junger Geiger aufgefallen. Weil sein anderer Kollege, der sonst im Quartett der „Erste“ war, heute nicht kommen konnte, hatte er Wilhelm gebeten, ihn zu vertreten. Der junge Mann empfand es als eine besondere Ehre, von seinem Professor zum privaten Musizieren eingeladen zu werden, und sagte natürlich hocherfreut zu.
Pünktlich um achtzehn Uhr, zur verabredeten Zeit, klingelte Wilhelm Zeidler an der Tür des Hauses Kaiser-Wilhelm-Straße 17.
„Herzlich willkommen in meinem Heim, lieber Wilhelm“, begrüßte Oertel seinen Studenten. Auf Professor Reisinger musste man noch warten. Wie immer kam er fünfzehn Minuten zu spät. Er war eben an das akademische Viertel gewöhnt. „Scheußliches Wetter“, murmelte er ein bisschen atemlos, als er seine Gummiüberschuhe auszog und an der Garderobe abstellte. Professor Reisinger war ein eher kleiner, etwas korpulenter Herr mit einem runden, freundlichen Gesicht. Die Fältchen an seinen Augenwinkeln vermittelten den Eindruck, dass er gern lachte.
„Kommen Sie herein, lieber Kollege.“ Der Hausherr führte ihn in den Salon. „Gertrud wird uns zunächst etwas auf dem Klavier spielen. Da haben Sie Zeit zu verschnaufen, und Ihr Instrument kann sich an die Zimmertemperatur gewöhnen.“ Oertel, Reisinger und Emmy nahmen in den Sesseln Platz, Paul und Wilhelm Zeidler setzten sich auf die Stühle, die für die Quartettspieler bestimmt waren.
Gertrud, die schon bei Hochschulkonzerten öffentlich gespielt hatte, ging ohne Scheu und völlig unbefangen zum Flügel und setzte sich auf den Hocker. Noten brauchte sie nicht, sie konnte die Stücke auswendig. Sie konzentrierte sich kurz und begann mit der „Träumerei“ aus den Kinderszenen von Schumann. Mit weichem Anschlag, sanft und voller Innigkeit ließ sie die ersten Takte erklingen. Etwas Schwebendes, ja, fast etwas Märchenhaftes lag über ihrem Spiel. Die Zuhörer fühlten sich wie verzaubert und in eine andere Welt entrückt. Mit tiefem Empfinden und musikalischer Sensibilität gestaltete sie die Melodiebögen, indem sie vor einer aufwärts strebenden Linie immer ein bisschen verzögerte, so als ob die Kräfte erst gesammelt werden müssten, die sich zum Höhepunkt aufschwingen. Leicht und ohne jede Anstrengung schienen ihre Finger die Tasten zu bewegen. Sie selbst war ganz versunken in ihr Spiel, und ihre Versunkenheit teilte sich auch den Zuhörern mit.
Die nächsten beiden Stücke kamen munter und lebhaft daher. Mit kraftvollen Akkorden der „Ritter vom Steckenpferd“, mit übermütigen, leichtfüßigen Passagen der „Haschemann“. Und so schwerelos Gertruds Finger eben noch auf den Tasten lagen, so kräftig konnten sie nun zupacken, so virtuos und geschickt bewältigten sie die schnellen Läufe.
Wilhelm Zeidler hatte während der ganzen Zeit den Blick nicht von Gertrud gewandt. Er war überrascht, hingerissen, sowohl von ihrem Spiel als auch von ihrer Erscheinung. Wie sie da am Flügel saß, mit anmutigen, leichten Bewegungen der Hände und Finger, im gelben Seidenkleid mit dem Spitzenkragen, das einen schönen Kontrast zu ihrem dunklen, zu Schnecken aufgesteckten Haar bildete.
Die Stimmung der „Träumerei“ wieder aufnehmend, begann sie nun mit dem „Regentropfen-Prélude“ von Chopin. Voller Bewunderung hörte er ihr zu. Wie sie die stereotypen Tonwiederholungen des Regentropfenmotivs spielte, ganz leicht hingetupft … wie sie darüber die friedvolle Melodie erklingen ließ, verhalten, doch mit beseeltem Ausdruck, das berührte ihn zutiefst. Um so mehr überraschte ihn die sich nun ständig steigernde Intensität ihres Spiels, mit der sie das Donnergrollen in den Bässen vorbereitete, das sich schließlich in einem Fortissimo-Ausbruch entlud. Wie viel Kraft und zugleich auch wie viel Innigkeit lebten in dieser jungen Frau! Er betrachtete ihr feines Profil, das vom Kerzenschein weich beleuchtet war, und meinte, ein Märchenwesen vor sich zu haben, eine Fee oder eine Elfe. Den Abschluss ihres Vortrags bildete das B-Dur Prélude. Das lebhafte, unbeschwerte Stück vermittelte eine heitere Stimmung, und als der letzte Akkord verklungen war, wurde spontan Beifall geklatscht. Auch Oertel nickte seiner Tochter anerkennend zu. Gertrud errötete, aber gleichzeitig war sie sehr stolz auf das Lob, das sie in den Augen ihres Vaters lesen konnte. Der Beifall und die Stimmen der übrigen Anwesenden rissen Wilhelm Zeidler aus seiner Verzauberung. Spontan applaudierte auch er. Wie gern wäre er aufgestanden, zu ihr hingegangen, um ihr zu sagen, wie sehr er sie bewunderte, aber das wagte er nicht. Er hätte ihr die Hand küssen mögen, um ihr seine Gefühle zu zeigen, aber das war ganz unmöglich.
Nun formierte sich das Quartett. Oertel begann souverän, mit vollem, warmem Ton. Gertrud horchte auf, und ihr Herz schlug höher. Wie gut, dachte sie, dass ich Vater überreden konnte, wieder Musik zu machen. Sie wird ihm helfen, seine Trauer zu überwinden. Professor Reisinger mit seiner Bratsche, das Zusammenspiel mit seinem Kollegen gewöhnt, folgte dem Cello mühelos. Paul war ängstlich und nervös und verpasste den ersten Einsatz, woraufhin der Vater abwinkte und ärgerlich „noch mal von vorn“ brummte. Der Junge bekam feuchte Hände und einen roten Kopf, aber er nahm sich zusammen und war dieses Mal rechtzeitig da. Als dann etwas später die erste Geige einsetzte, war es, als ob die Sonne aufging. Wilhelm eroberte sich mit seinem strahlenden Geigenklang, seinem ausdrucksvollen Spiel, das bei allem Gefühl, welches er hineinlegte, immer klar und durchsichtig und sauber intoniert blieb, sofort die Herzen der Zuhörer und der Mitspieler. Und jetzt ging es Gertrud so, wie es ihm vorhin gegangen war: Sie konnte den Blick nicht abwenden von dem schlanken, gut aussehenden jungen Mann, der wie verwachsen schien mit seiner Geige. Eine blonde Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht, aber er merkte es nicht. Gertrud meinte zu spüren, dass die Musik vollständig von ihm Besitz ergriffen hatte.
Paul konnte seine Nervosität nicht ganz ablegen. Wahrscheinlich war es auch die Gegenwart des Vaters, die ihn unsicher machte. Er hatte fleißig geübt und konnte seinen Part, aber unter den strengen Blicken des Professors fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut und machte Fehler. Im Mittelteil, wo die erste und die zweite Geige in Terzparallelen geführt werden, intonierte er unsauber und hielt das Tempo nicht durch, aber Oertel ließ nicht unterbrechen. Er warf seinem Sohn nur einen strafenden Blick zu. Später würde er ihm sagen, was er zu sagen hatte. So ging der erste Satz ohne eine größere Störung zu Ende.
Vor dem zweiten Satz gab Friedrich Oertel kurze Anweisungen: „Die erste Zählzeit im Menuett sollte etwas betont werden, aber nicht übertrieben. Im dritten Satz kann die erste Geige Virtuosität zeigen. Aber ich denke, wir nehmen ihn zunächst allegro moderato und nicht allegro con brio. Wir spielen schließlich das erste Mal zusammen. Die Hauptsache ist jetzt, dass wir uns gegenseitig hören und aufeinander eingehen. Nach dem Boccherini und vor dem Haydn werden wir dann eine Pause machen.“
Die Pause war eine willkommene Entspannung für die Musiker. Sie ließen sich gern in das geräumige Esszimmer führen und setzten sich an den großen Tisch in der Mitte, auf dem die Kanne mit dem dampfenden Punsch und die appetitlich anzusehende Platte mit den Brötchen standen. Ein Strauß aus Tannengrün und Stechpalmen mit roten Beeren zierte den Tisch und erinnerte daran, dass die Adventszeit nahe war. Kerzenschein tauchte den Raum in ein warmes, gemütliches Licht. Martha goss den Punsch ein, und Emmy nahm gern die Lobreden entgegen, mit denen ihre Brötchen bedacht wurden. Dann ergriff Friedrich Oertel das Wort: „Ich freue mich, Wilhelm, dass wir Sie gewinnen konnten, in unserem Quartett mitzuspielen“, wandte er sich an seinen Studenten. „Sie haben einen schönen, ausdrucksvollen, klaren Ton, und das Zusammenspielen macht Ihnen ja keine Schwierigkeiten, wie ich gemerkt habe. Haben Sie schon in einem Ensemble mitgewirkt?“
„Ich spiele manchmal mit ein paar Freunden zusammen“, antwortete der junge Mann bescheiden.
„Nun, ich würde mich freuen, wenn wir Sie öfter in unserer Mitte haben könnten. Es sollte nicht bei dem heutigen Abend bleiben. Sie spielen ein sehr gutes Legato“, fügte Oertel dann hinzu, „aber vielleicht könnten Sie die Phrasierungen noch etwas deutlicher herausarbeiten.“ Dann wandte er sich an die anderen: „Im Mittelteil des ersten Satzes bei Boccherini müssen wir der ersten Geige unbedingt die Führung überlassen. Die tieferen Stimmen sollten sich deshalb etwas zurückhalten. Auch bei Motivwiederholungen bitte auf die Dynamik achten, also mezzoforte oder piano spielen, je nachdem, was vorausgegangen ist.“
Missbilligend sah der Professor seinen Sohn an. Der Junge kannte diesen Ausdruck in den Augen des Vaters und wusste, dass er gleich einen Tadel bekommen würde. „Paul, achte darauf, dass du immer mitzählst“, sagte er, und der vorwurfsvolle Ton in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Du bist bei deinen Einsätzen ein paar Mal zu spät gewesen, und gewackelt hat es fast jedes Mal. Bemühe dich, das Tempo mitzuhalten. Auch deine Intonation ist nicht immer ganz sauber. Nimm dir ein Beispiel an Herrn Zeidler, der selbst seine Oktavsprünge lupenrein spielt und seinen Ton schön ausschwingen lässt. Du solltest überhaupt noch mehr üben, insbesondere die Triller.“
„Na, na, Oertel“, mischte sich Professor Reisinger begütigend ein, „seien Sie nicht so streng mit dem jungen Mann. Für das erste Mal hat er sich doch tapfer geschlagen. Und geübt hat er, das konnte man merken.“ Er klopfte Paul, der neben ihm saß, aufmunternd auf die Schulter: „Wenn man zum ersten Mal mit geübten Musikern zusammenspielt, dann ist man nervös und aufgeregt. Ist mir in deinem Alter genau so gegangen. Nur Mut, du wirst noch ein guter Geiger werden.“
Paul wurde über und über rot und wusste vor Verlegenheit nicht, wohin er gucken sollte. Er starrte krampfhaft auf das Brötchen auf seinem Teller, aber er hatte einen Kloß in der Kehle und konnte nichts herunterkriegen. Warum muss Vater nur immer an mir herummeckern? Nichts kann ich ihm recht machen. Immer hat er etwas auszusetzen. Er fühlte ich enttäuscht und entmutigt, denn er hatte sich so viel Mühe gegeben und fleißig geübt.
Es hatte sich so ergeben, dass Gertrud und Wilhelm einander gegenüber saßen. Dadurch begegneten sich ihre Blicke während des Essens immer wieder. Und obwohl sie die Augen schnell niederschlug, so fing sie doch seinen Blick auf, einen Blick, in dem sich Bewunderung und Zärtlichkeit mischten und der ihr Herzklopfen verursachte.
Nach der Pause gingen sie wieder in den Salon. Professor Reisinger und Paul waren jetzt die Zuhörer. Gertrud setzte sich ans Klavier, und Oertel und Wilhelm stimmten noch einmal ihre Instrumente. Schon gleich im ersten Satz, in dem Geige und Klavier miteinander gehen, dann sich loslassen und in einem Frage- und Antwortspiel wiederfinden, empfand Gertrud eine geheimnisvolle Übereinstimmung mit Wilhelm. Sie fühlte sich von der Geigenmelodie auf eine bisher nicht erlebte Art und Weise inspiriert, getragen, an die Hand genommen und in Bereiche geführt, die sie nicht kannte. Und als dann der Teil kam, in dem das Klavier die Führung übernimmt, war sie voller Begeisterung. Mit einem überströmenden Glücksgefühl variierte sie virtuos die Melodie der Geige. Der ruhige zweite Satz mit seinen Kantilenen voller Poesie glich einem Ausatmen, einer inneren Entspannung und Beruhigung. Er war gewissermaßen eine Zäsur, bevor der letzte Satz – ein Zigeunertanz – mit übersprudelnder Lebendigkeit Spieler und Zuhörer in seinen Bann schlug. Wilhelm und Gertrud beflügelten sich gegenseitig mit ihrer Spielfreude. Ihr war, als hätten sie schon immer zusammen musiziert, als sei dies nicht das erste Mal. Keine Fremdheit war zwischen ihnen. Es war ein selbstverständliches Miteinander, ein gemeinsames Schwingen im Geiste der Musik. Als der letzte Ton verklungen war und die Zuhörer Beifall klatschten, sahen sie sich glücklich und mit vor Begeisterung heißen Gesichtern an. Sie hätten noch lange so weiterspielen mögen, um diese gegenseitige Verzauberung nicht aufhören zu lassen.
Professor Reisinger verabschiedete sich bald. Wilhelm wusste, dass es sich für ihn gehörte, nun auch zu gehen, obwohl er so gerne noch geblieben wäre. Er bedankte sich höflich bei Professor Oertel für den schönen Abend und wurde eingeladen, doch bald wiederzukommen.
„Wir planen ein Hauskonzert mit dem heutigen Programm. Es würde mich freuen, wenn Sie dabei wären, Wilhelm. Ich werde meinen Kollegen, der heute verhindert war, fragen, ob er Ihnen für eine Weile seinen Platz überlässt. Die Art und Weise, wie Sie an die Stücke herangehen, hat mir sehr gut gefallen. Herr Scholz ist ein vielbeschäftigter Mann und hat sicher nichts dagegen. Ein paar Mal sollten wir noch vorher üben. Der heutige Abend war ja eigentlich mehr ein Kennenlernen. Ich dachte, dass wir zunächst einmal ausprobieren müssten, ob wir in dieser Besetzung zueinander passen. Außerdem sollten wir uns bekannt machen mit dem Gesamtklang der Stücke. Manche Einsätze müssten noch präziser herausgearbeitet werden, und auch über Tempi und Ritardandi müssten wir uns verständigen. Gertrud und ich werden außerdem eine Cellosonate spielen.“
Gertrud reichte Wilhelm ihre Hand zum Abschied, und er drückte einen zarten Kuss darauf, der auch als Höflichkeit verstanden werden konnte. Aber sie empfand bei der Berührung seiner Lippen eine seltsame, unbekannte Erregung. Noch in den nächsten Tagen spürte sie seinen Kuss auf ihrem Handrücken, und manchmal warf sie einen verstohlenen Blick auf die Stelle, als wolle sie prüfen, ob dort etwas zu sehen sei.


20. November 1913,
vormittags
Ich bin noch ganz durcheinander! Endlich gab es wieder Hausmusik bei uns! Vater hatte einen seiner Studenten eingeladen, die erste Geige zu spielen, weil Professor Scholz nicht konnte. Er spielte hinreißend! Ich muss immerzu an ihn denken. Wie er den Bogen führte … leicht und doch kraftvoll … sein seelenvoller Ton … mir ist, als habe er sich mit seiner Geige tief in mein Herz hineingespielt. Den Kuss auf meine Hand … ich spüre ihn noch immer … der Blick, mit dem er mich ansah … er ging mir durch und durch … ich muss ihn wiedersehen!

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Leseprobe: Fiona – Reloaded (Band 7)

Hunger.
Die Dunkelheit seit dem letzten Gongschlag ist mal wieder undurchdringlich. Brauche Kerze. Dringend. Kratzgeräusche, von irgendwoher. Sie machen mich nervös. Eigentlich ist nur Grauhaar da. Und Ratten. Die Ratten mag ich nicht, aber sie sind ungefährlich. Außerdem gut zu essen, wenn nichts anderes da ist.
Ich muss auf die Jagd gehen. Habe keine Vorräte mehr. Also nehme ich meinen Stock und verlasse mein Versteck. Trotz der völligen Dunkelheit gelange ich problemlos nach draußen. Ich kenne den Weg auch blind.
Vor dem verwahrlosten Gebäude bleibe ich stehen, um mich zu orientieren. In den Quons zwischen den beiden Gongschlägen, wenn es dunkel ist, muss ich mich auf meine Ohren und Nase verlassen. Wenn mich etwas bereits berührt, ist es zu spät. So viel habe ich schon herausgefunden. Verbunden mit Schmerzen. Aber Schmerzen sind nützlich, um etwas zu lernen. Auch das weiß ich inzwischen ziemlich gut.
Licht streift mein Auge. Das kann nur Grauhaar sein. Sie ist leichtsinnig, das Feuer ist von draußen zu sehen. Kann ungebetene Gäste anlocken. Und das endet oft schmerzhaft. Ich muss nachher mit Grauhaar reden. Dabei weiß sie das doch.
Ich sehe die Stadt, ihre Lichter, zwischen den Bäumen. Ich mag sie nicht, zu viele Menschen, die unberechenbar sind. Sie mögen mich nicht, ich mag sie nicht. Weder die Stadt noch die Menschen.
Mich mag ich auch nicht wirklich. Ich weiß ja nicht einmal, wer ich bin. Ich bin eine Frau, so viel habe ich inzwischen herausgefunden. Auch eine schmerzhafte Erfahrung gewesen. Allerdings nicht nur für mich. Frausein ist gefährlich. Eine wichtige Lektion. Seitdem passe ich besser auf.
Ich gehe durch den Wald in Richtung Stadt. Rechts sehe ich irgendwann das Haus vom Alten. Es ist kleiner als das Haus, in dem ich … lebe. Und die Grauhaar. Ich glaube, der Alte hat auch mal in dem großen Haus gelebt. Früher. Da war die Grauhaar noch nicht hier. Und ich auch nicht.
Wobei, was mich betrifft, weiß ich es ja nicht. Aber der Alte scheint mich nicht zu kennen, daher glaube ich nicht, dass ich damals in dem großen Haus gelebt habe. Wann das auch immer gewesen sein mag.
Ich bleibe stehen, um die blöden Gedanken abzuschütteln. Obwohl ich nicht ständig darüber nachdenken will, passiert es dennoch. Immer und immer wieder. Wer bin ich? Was bin ich? Wie komme ich hierher?
Ich habe keine Ahnung.
Grauhaar hat irgendwann erwähnt, ich wäre bestimmt hübsch, wenn ich mich endlich mal waschen würde. Sie hat wohl recht. Aber wenn ich hübsch aussehe, wollen die Männer wieder, dass ich eine Frau bin. Das wiederum tut weh. Also bin ich lieber hässlich und stinke.
Ich will wieder losgehen und die dämlichen Gedanken im Wald lassen, als mir etwas auffällt. Im Haus des Alten ist es zu hell. Und da sind Schatten. Obwohl keine sein dürften. Das ist sehr seltsam. Ich sollte nachsehen, ich mag den Alten ja. Aber vermutlich wird es schmerzhaft, ganz sicher sogar. Solche Sachen enden immer schmerzhaft.
Aber ich mag den Alten und er scheint in Gefahr zu sein.
Den Stock fest umklammernd, gehe ich möglichst leise auf das Haus zu. Im Dunkeln ist das nicht so einfach, zumal es unterwegs einige Stufen gibt. Der Garten des Hauses liegt niedriger als der Rest. Warum auch immer. Ich weiß ja nicht einmal, wozu es einen Garten gibt. Früher wusste ich das vermutlich, zumindest habe ich ein vertrautes Gefühl, wenn ich an einen Garten denke.
Doch jetzt sollte ich mich lieber auf die Gäste des Alten konzentrieren. Wobei, Gäste sind es nicht, denn sie haben ihn geschlagen. Der Alte liegt auf dem Boden in seinem Haus, neben einem Feuer. Drei Männer sind bei ihm. Sie sehen so aus, dass ich lieber weglaufen sollte. Möglichst lautlos.
Doch dann wird der Alte sterben. Er sieht jetzt schon so aus, als würde er nicht mehr lange leben. Die haben ihn anscheinend nicht nur geschlagen, sondern mit ihren Messern auch verletzt.
Sehr schmerzhaft.
Ich atme tief durch. Gegen diese drei komme ich sicher nicht an, es ist dumm, noch länger hier zu bleiben.
Neben mir kreischt ein Tier. Keine Ahnung, was für eines, ich sehe es nicht. Aber ich höre es, und nicht nur ich. Die drei Männer blicken zum Fenster, dann laufen zwei zur Tür.
Ich drehe mich um und laufe auch. Weg vom Haus. Vor mir ist es stockfinster, ich sollte nicht so schnell laufen. Dazu kenne ich den Garten nicht gut genug.
Wo ist überhaupt diese blöde Stufe?
Ich werde langsamer, ich will nicht stolpern. Doch dann höre ich jemanden hinter mir keuchen und beschleunige wieder.
Genau als die Stufe kommt. Stechender Schmerz zuckt durch meinen Fuß, mit dem ich hängenbleibe, dann falle ich und komme auf dem weichen Boden zum Liegen. Dabei verliere ich meinen Stock, der raschelnd ins Gebüsch fliegt.
Nicht gut.
Ich will aufstehen, doch ganz schaffe ich es nicht, als ich an den Haaren gepackt und nach hinten gerissen werde. Ich schreie auf und schlage blindlings um mich, treffe sogar etwas. Bis ich dann getroffen werde. In den Bauch. Der Schlag raubt mir den Atem. Ich kann mich nicht dagegen wehren, dass ich von einem der Männer an den Haaren ins Haus geschleift werde.
Er wirft mich neben das Feuer, das mir fast die Haare versengt. Hastig krabbele ich davon und zur Wand. Das Atmen fällt immer noch schwer, aber der Schmerz lässt endlich nach.
Der Alte liegt links von mir und sieht mich an. Er liegt in einer Blutlache. Er röchelt leise. Ich glaube nicht, dass er es noch lange macht. Schade. Ich mochte ihn wirklich. Kurz erwidere ich seinen Blick, dann setze ich mich auf und blicke mich um.
Drei Männer. Der, welcher mich erwischt hat, ist klein und kräftig gebaut. Braune Haare, Stiefel, Hose und Hemd. Einer von denen, die außerhalb der Stadt leben. Sie sind gefährlich und oft hungrig. Manchmal verdingen sie sich als Söldner. Gefürchtet sind sie, hat mir der Alte mal erzählt und dringend vor ihnen gewarnt.
Er scheint recht zu haben.
Die beiden anderen sind größer. Vor allem der eine, mit roten Haaren. Er sieht so aus, als wäre er den Anführer.
Nun kommt er zu mir und hockt sich vor mir hin. Seine braunen Augen mustern mich aufmerksam.
„Wen hast du denn da gefunden, Zama?“, fragt er spöttisch.
„Eine Wildkatze. Sie beißt und schlägt um sich. Pass bloß auf.“
Sie lachen. Was war denn daran witzig? Natürlich schlage, beiße und kratze ich, wenn mir jemand wehtun will. Das ist überhaupt nicht zum Lachen.
„Bisschen dreckig, aber eigentlich doch ein hübsches Ding“, sagt der Rothaarige und legt den Kopf schief.
„Er gehört dir, Raun“, sagt Zama, aber sein Gesichtsausdruck meint das nicht so. Er würde lieber selbst sein Ding reinstecken.
Im Moment möchte ich keine Frau sein.
Raum streckt eine Hand nach mir aus und schiebt mein Kleid hoch. Ich sitze mit angezogenen Beinen an der Wand und starre ihn an. Als das Kleid auf Kniehöhe ist, fällt es an den Oberschenkeln nach unten.
Raun versucht einen Blick zwischen meine Beine zu erhaschen.
„Mach sie auseinander“, sagt er heiser.
Ich schüttele stumm den Kopf. Mein Blick wandert zum dritten Mann. Er ist nicht ganz so groß wie Raun und viel dünner. Er beobachtet mich mit einem neugierigen Blick.
„Mach die Beine auseinander!“, wiederholt Raun deutlich lauter.
Er steht auf und schiebt seine Hose hinunter. Sein Ding kommt zum Vorschein. Groß und fest. Ich starre es in panischer Angst an. Es ist viel größer als das, was mir so wehgetan hat.
„Na, das ist doch mal etwas Ordentliches, oder?“, bemerkt Raun grinsend. „Du scheinst noch nicht sehr erfahren zu sein. Das werden wir nun ändern. Nimm es in den Mund! Los jetzt!“
Er kommt näher und greift nach meinem Kopf. Vermutlich will er mich zwingen, seinem Befehl zu gehorchen.
Irgendwas lässt mich mit beiden Händen sein Ding packen. Hart und irgendwie pulsierend. Und es stinkt. Ruckartig bewege ich meine Hände, als würde ich einen Stock entzwei brechen.
Rauns Schrei ist bestialisch und lässt die anderen erstarren. Ich warte nicht ab, was mit ihm geschieht, sondern springe an ihm vorbei zum Feuer, packe ein brennendes Holzscheit und drücke es gegen den Kopf des Kleinen. Seine Haare gehen sofort in Flammen auf.
„Fett brennt gut“, hatte mal Grauhaar gesagt, als sie in einem Gefäß Rattenfett heiß gemacht hat. Um zu kochen, wie sie sagte.
Zamas Haare müssen sehr fettig sein.
„Tande!“, schreit er. „Mach sie fertig!“
Während er nach draußen rennt, wahrscheinlich, um Wasser zu suchen, werde ich vom dritten Mann, der demnach Tande heißt, gepackt und in die Höhe gehoben. Da er hinter mir steht, kann ich nicht nach ihm treten.
Dann wirft er mich auf den Rücken. Ich bleibe benommen liegen. Er setzt sich rittlings auf mich, seine schlanken Finger legen sich um meinen Hals und drücken zu. Immer fester.
Ich packe seine Handgelenke, aber meine Kraft reicht eindeutig nicht aus. Ich kann ihn auch nicht abwerfen, obwohl ich mich wild hin und her winde. Er ist viel stärker als er aussieht.
Sein Mund verzieht sich zu einem Grinsen.
„Ich werde dich töten. Und dann werde ich dich nehmen. Dein Fleisch bleibt noch ein paar Stunden frisch. Werde viel Spaß mit dir haben.“
Wenn mir nicht etwas einfällt, wird genau das passieren. Das ist mir bewusst. In meiner Wut und Verzweiflung schlage ich nach seinem Kopf. Er lacht nur. Mir kommt eine Idee. Ich packe seine Haare und drücke die Daumen, bevor er etwas dagegen unternehmen kann, in seine Augen. Mit einem wilden Schrei lässt er meinen Hals los und presst die Hände auf seine Augen. Zwischen seinen Händen sickert etwas durch.
Heftig keuchend greife ich nach seinem Messer. Am liebsten würde ich einfach nur liegenbleiben, aber dann werde ich sterben.
Ich stoße Tande von mir und verpasse ihm einen Schlag mit dem Messergriff, sodass er umfällt. Jetzt setze ich mich auf ihn. Er wehrt sich, aber mit einem Hieb gegen eins seiner Augen oder was davon noch übrig ist, ersticke ich seine Gegenwehr.
Dann hole ich aus und ramme das Messer in seine Brust. Doch die Klinge trifft eine Rippe und rutscht ab. Ich falle fast auf Tande, kann mich gerade noch abfangen.
Er schreit wie am Spieß, denn die Klinge hat sich ein wenig zwischen zwei Rippen gebohrt. Ich drehe sie so, dass ich sie zwischen ihnen hindurch tiefer drücken kann. Der Schrei geht ins Röcheln über, aus dem Mund dringt plötzlich Blut.
Und dann erstarrt er. Sein Körper bäumt sich auf. Wahrscheinlich ist die Klinge jetzt in sein Herz eingedrungen.
Es ist still. Unheimlich still.
Und dann erschlafft sein Körper unter mir.
Schwer atmend erhebe ich mich und drehe mich um.
Vor mir steht Zama. Ohne Haare auf dem Kopf, die Haut verkohlt, das Gesicht schwarz. Aber er lebt und brennt darauf, mich zu töten. Mit einer Axt.
Ich springe zur Seite und lasse meine Klinge durch sein Gesicht fahren. Die Axt saust herab und spaltet den Brustkorb von Tande. Der scheinbar tote Körper bäumt sich erneut auf.
Hoffentlich zum letzten Mal.
Zama richtet sich schwerfällig auf. Das holt mich aus der Erstarrung und ich beginne, die Klinge in seine Seite zu rammen. Immer und immer wieder. Sein Blut spritzt, meine Hand ist schon ganz rot, auch etwas anderes hängt daran, vielleicht ein Teil seines Darms. Aber ich höre erst auf, als der unmenschliche Schrei des Kerls endlich verstummt und er langsam umfällt, auf Tande rauf, auf die Axt, die sich noch tiefer in den toten Körper frisst.
Ich sehe mich nach Raun um. Er liegt auf der Seite, beide Hände zwischen seine Beine gepresst. Gut zu wissen, dass die Männer am Ding so empfindlich sind. Das muss ich mir merken. So kann ich ihnen wehtun und nicht sie mir.
Richtig wehtun.
Raun atmet ganz flach, kaum hörbar. Seine Augen sind fast aus ihren Höhlen gequollen. Ob er mich überhaupt sieht?
Ich atme einige Male tief durch, bevor ich ihm die Kehle durchschneide, ganz so wie bei einem erbeuteten Tier.
Er röchelt nur leise, sein Körper spannt sich noch mehr an. Doch nur für kurze Zeit, sein Blut spritzt erschreckend schnell aus dem Hals. Mir wird bewusst, dass sein Herz wie verrückt rast.
Erst als er sich überhaupt nicht mehr bewegt, richte ich mich auf und trete zum Alten.
Seine Augen starren mich regungslos an.
Ich unterdrücke die Tränen. Bald werden andere kommen und seine Vorräte plündern. Wahrscheinlich sogar sehr bald schon.
Ich säubere mich, so gut es geht. Dann gehe ich in das Zimmer, in dem das Bett des Alten steht, und zerre es zur Seite. Darunter befindet sich die Falltür in einen Raum unter dem Haus, in dem er all das gesammelt hat, was er aus dem Haus seines Herrn hat mitnehmen können.
Ich nehme so viel an mich, wie ich tragen kann: Nahrung, Kerzen, zwei Messer. Ich muss mich beeilen. Die Schreie werden schon in kurzer Zeit andere anlocken und sie werden sich gegenseitig totschlagen.
Ich kann noch ein zweites Mal etwas mitnehmen, doch als ich das dritte Mal ins Haus gehen will, sind bereits andere da. Ich höre, wie sie sich streiten und ziehe mich hastig zurück.
In Zukunft werde ich besser einen großen Bogen um dieses Haus machen.
Ich kehre zurück in mein Versteck. Zünde eine Kerze an. Nach kurzem Überlegen nehme ich eine Flasche, in der sich Wein befindet. Grauhaar liebt Wein. Sie hat auch Wein und mir mal welchen angeboten. Danach ging es mir für eine Weile besser. Und dann schlechter.
Mit dem Wein gehe ich zu Grauhaar. Dabei nutze ich einen Weg, auf dem ich die Kerze brennen lassen kann, ohne dass mich das Licht verrät.
Grauhaar sieht auf, als ich ihr Versteck betrete. Hier brennt ein kleines Feuer, doch dieser Raum hat keine Fenster. Es ist ungefährlich.
„Weißt du, wer so geschrien hat?“
Ich gehe zu ihr und setze mich neben ihr ans Feuer. Dann halte ich die Flasche hoch.
„Ich habe Wein.“
„Von dem Alten?“
„Er ist tot. Sie haben ihn getötet.“
Grauhaar mustert mich nachdenklich.
„Das waren nicht seine Schreie.“
„Ich habe die Männer getötet, die ihn getötet haben.“
Sie sieht bestimmt die Blutflecken an meinem Kleid.
„Wie viele waren es?“
„Drei.“
„Und du hast sie getötet? Alle drei?“
„Ja.“
Grauhaars Gesichtsausdruck verändert sich, aber ich verstehe nicht, was er bedeutet.
„Ich würde zu gerne wissen, wer du wirklich bist“, murmelt sie.
„Ich auch“, erwidere ich. „Trinken wir jetzt den Wein?“
Grauhaar nickt. „Ja. Der Alte wird bestimmt nichts dagegen haben.“
„Er ist tot.“
„Ja.“ Sie nimmt die Flasche und trinkt aus ihr. „Er ist tot, du sagst es.“
Ich beobachte sie beim Trinken. Und frage mich, warum sie das sagt. Eigentlich war es gar nicht so schwer, die drei Männer zu töten. Ob Grauhaar das spürt und sich deswegen so seltsam verhält?
Ich beschließe, dass es mir egal ist. Jetzt ist nur wichtig, vom Wein zu trinken.
Dann geht es mir gut.
Zumindest für kurze Zeit.


Kyo.
Kyo klingt gut. Das ist mein neuer Name. Sicher nicht mein richtiger. Aber irgendein Name ist besser als gar kein Name.
Grauhaar hat ihn mir gegeben. Weil ich kämpfen kann wie ein Kyo, die wilde Raubkatze. Da hat sie wohl recht. Der Name fällt ihr ein, nachdem ich ihr endlich erzähle, was in der Hütte vom Alten passiert ist.
Ja, Kyo klingt gut. Gefällt mir.
Es ist noch nicht viel Zeit seit dem letzten Gongschlag, der die Helligkeit verkündet hat, vergangen. Ich beeile mich, denn ich habe viel vor und muss es schaffen, bevor es wieder dunkel wird. Die Zeit zwischen den Gongschlägen ist immer gleich lang, sagt die Alte. Ich bin mir da nicht so sicher, aber es kann schon sein, dass ich es nur unterschiedlich empfinde, je nachdem, was ich tue.
Als Erstes gehe ich zum Fluss. Ich will mich waschen. Bisher dachte ich, ich sollte lieber stinken und hässlich sein. Dann wollen die Männer mich nicht als Frau. Aber anscheinend ist es den Männern egal, wenn eine Frau stinkt und hässlich ist. Also kann ich mich ja auch waschen. Vielleicht hört dann das Jucken auf. Die Alte meinte, dass es aufhören wird.
Ich ziehe das Kleid aus und gehe ins Wasser. Das Kleid nehme ich mit, es stinkt auch. Ihm ist das zwar egal, aber mir nicht. Ich tauche unter, dann schwimme ich am Ufer entlang hin und her. Schließlich gehe ich wieder aus dem Wasser raus und ziehe das nasse Kleid an. Fühlt sich unangenehm an, wie sonst nach einem Regen. Zum Glück regnet es nur in jeder fünften Num, aber dann durchgehend, im Hellen und im Dunkeln. In so einer Num vermeide ich das Rausgehen.
Heute ist es jedenfalls schön warm und trocken.
Ich fülle die beiden Kannen mit Wasser, die ich mitgebracht habe. Eine ist für Grauhaar. Die stelle ich im Hauseingang ab, bringe meine Kanne in mein Versteck, dann hole ich die zweite Kanne und gehe zu Grauhaar.
Sie liegt neben dem Feuer auf dem Rücken. Mit offenen Augen. Ich stelle die Kanne hastig ab und laufe zu ihr.
„Grauhaar!“
Sie blickt mich an. „Da bist du ja. Kyo. Kyo ist ein schöner Name!“
„Er gefällt mir auch“, erwidere ich und setze mich, erleichtert, dass sie nicht tot ist.
„Wo warst du?“
„Am Fluss. Gebadet. Und Wasser geholt. Und das habe ich dir doch gesagt, dass ich das machen will.“
„Ach ja, stimmt. Habe es vergessen.“
Ich mustere sie. Sie hat viel mehr Wein getrunken als ich und anscheinend geht es ihr immer noch gut. Ich hatte vorhin Kopfschmerzen, aber die sind inzwischen weg.
„Ich glaube, ich bin betrunken“, sagt sie und grinst.
„Betrunken?“
„Vom Wein! Ich habe zu viel getrunken!“
„Das nennt man betrunken? Wenn man sich gut fühlt?“
Grauhaar lacht auf. „So nennst du es? Du hast recht, ich fühle mich auch gut! Richtig gut!“
Das glaube ich ihr gerade nicht. Ihre Augen sagen etwas Anderes. Vielleicht glaubt man nur, dass man sich gut fühlt, wenn man betrunken ist. In Wirklichkeit ist das eine Lüge. Ich sollte keinen Wein mehr trinken.
„Sie haben sie getötet“, sagt sie plötzlich. „Einfach so getötet!“ Sie stiert mich an.
„Wer hat wen getötet?“ Ich blicke mich verwirrt um, denn wir sind allein, und mir ist vorhin, als ich kam, nichts Verdächtiges aufgefallen. Ich hätte es gesehen, wenn Leichen herumgelegen hätten. Wovon redet sie also?
„Meine Familie. Sie haben meine Familie getötet. Meinen Mann. Meine Kinder. Alle haben sie getötet! Einfach abgeschlachtet haben sie sie!“
„Wer?“
„Die Soldaten. Ich glaube, es waren Soldaten. Nicht unsere. Die aus dem Nachbarland. Sie hätten gar nicht da sein dürfen. Waren sie aber.“ Grauhaar beugt sich vor und zeigt auf mich. „Grenzüberfall. Unsere Soldaten machen das, ihre Soldaten machen das. Dreckschweine!“
„Aha“, erwidere ich. Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll. Ich habe keine Ahnung, wovon sie redet. Außer, dass jemand irgendwann ihre Familie getötet hat. Deswegen versteckt sie sich ja hier. Aber wo ist die Grenze?
„Die Samenfrau hat gesagt, dass das passieren wird. Dass ich alleine überleben werde. Ich habe sie ausgelacht. Hach!“ Sie richtet sich auf. „Ich habe sie ausgelacht! Ich habe laut und schallend gelacht!“ Und sie macht es vor. Klingt nicht fröhlich. Dann beginnt sie plötzlich zu weinen.
Was mache ich jetzt?
Schließlich stehe ich auf, gehe um das Feuer herum und setze mich neben sie. Dann lege ich die Arme um sie. Sie drückt sich an mich und das nasse Gesicht in meine Halsbeuge. Sie stinkt, sie sollte auch mal im Fluss baden. Aber das werde ich ihr vielleicht später sagen, nicht jetzt.
Irgendwann wird sie ruhiger und atmet wieder gleichmäßig. Sie hebt den Kopf.
„Entschuldige.“
„Was?“
„Dass ich dich vollgejammert habe. Es ist schon lange her.“
„Warum weinst du dann?“
„Weil ich mich erinnere. Und es wehtut.“
Ich wende mich ab und starre ins Feuer.
„Es tut mir leid, ich habe nicht daran gedacht. Du würdest dich ja gerne erinnern.“
Ich nicke.
„Ist da gar nichts? Nicht einmal Schmerz?“
„Nein.“
„Das ist traurig. Dann hast du ja gar nichts. Wirklich gar nichts. Das ist sehr traurig.“
Und sie ist wirklich betrunken.
Ich erhebe mich und sehe auf sie hinunter. „Ich komme wieder, wenn du nicht mehr betrunken bist.“
Sie bleibt sitzen und stiert vor sich hin, während ich gehe. Ich verlasse das Haus. Mein Ziel ist die Stadt. Ich muss vorsichtig sein, die Menschen in der Stadt sind komisch. Sie tun so, als hätten sie Angst vor mir. Warum denn? Ich tue ihnen nichts, wenn sie mich in Ruhe lassen.
Die Stadt ist auf der anderen Seite des Flusses und es gibt eine Brücke. Sie ist aus Stein, ich muss aufpassen, um nicht auszurutschen. Vor allem wenn es regnet, sind die Steine sehr glitschig.
Ich brauche ein neues Kleid. Doch weit in die Stadt hinein will ich nicht gehen. Je mehr Menschen mich sehen, desto gefährlicher für mich. Vor allem, wenn sie merken, dass ich eine Frau bin.
Nach der Brücke kommen erst einige Häuser in größeren Abständen. Eigentlich sind es mehrere Häuser, die zusammen gehören. Höfe, hat mir mal Grauhaar erklärt. In einem Gebäude wohnen die Menschen, in den anderen die Tiere. So ganz habe ich das nicht verstanden, doch es interessiert mich auch nicht wirklich.
Der Weg führt in einiger Entfernung von den Höfen her. Bäume und Sträucher schützen mich davor, gesehen zu werden. Aber ich sehe die Höfe. Und ich sehe, dass auf einem Wäsche zum Trocknen hängt. Da sind auch Kleider dabei.
Ich schleiche mich heran. Hohes Gras und Gebüsch dienen mir als Deckung. Zum Schluss kommt ein Stück, auf dem ich mich nicht verstecken kann. Das ist der gefährlichste Teil.
Ich verharre hinter einem Strauch und lausche. Kindergeschrei ist zu hören, sonst nichts. Es ist ziemlich nah. Das gefällt mir nicht. Kinder haben meist bessere Augen und Ohren als die Erwachsenen.
Ich kaue nachdenklich auf meiner Unterlippe herum. Ich könnte weitersuchen, auf einem anderen Hof. Das hieße, dass ich noch länger auf dieser Seite des Flusses bleibe. Auch das ist gefährlich, vielleicht sogar gefährlicher als Kinder, die irgendwo in der Nähe spielen.
Ich mustere die Kleider, die aufgehängt sind. Der Wind spielt mit ihnen. Sie könnten mir passen. Und sie sind sauber und nicht zerrissen wie meins.
Ich sollte es wagen.
Die Kleider hängen an einem aufgespannten Seil. Ein Ende des Seils ist am Haus befestigt, das andere an einem Baum. In der Nähe des Baums flattert ein Kleid, das meinen Zwecken völlig genügen würde. Ich kann schnell hinrennen, es nehmen und wieder in mein Versteck zurückkehren.
Ich lausche kurz auf das Geschrei, um sicherzugehen, dass die Kinder mich nicht bemerken können, dann setze ich meinen Plan um. Ich brauche nur wenige Augenblicke dafür. Gleich darauf hocke ich keuchend hinter dem Strauch und halte das erbeutete Kleid in den Händen.
Nach kurzem Zögern ziehe ich das alte aus und das neue an. Das alte schiebe ich so unter das Gestrüpp, dass es kaum zu sehen ist, dann mache ich mich auf den Rückweg.
Als die Brücke in Sichtweite kommt, beginne ich leise zu summen. Ich habe doppelt Glück gehabt. Ich musste gar nicht wirklich in die Stadt gehen und ich wurde nicht gesehen.
Auch ich darf mal Glück haben. Das hat jedenfalls der Alte bei irgendeiner Gelegenheit gesagt. Als er noch gelebt hat. Der Gedanke an den Alten lässt mich verstummen und meine gute Laune ist fort.
Ich betrete die Brücke. Die Steine sind hart unter meinen nackten Sohlen, ich muss vorsichtig gehen, damit ich mich nicht schneide. Wie kann man nur so blöde Brücken bauen?
Als ich fast in der Mitte der Brücke bin, höre ich plötzlich ein Geräusch. Ich verharre. Lausche. Dann wird mir klar, dass es Pferde sind, die im Galopp ankommen. Kaum wird mir das klar, tauchen sie auch schon aus dem Wald auf und kommen auf mich zu.
Hastig versuche ich, auf eine Seite der Brücke zu gelangen, um aus dem Weg zu sein. Dabei stolpere ich, weil ich mich an einer blöden Steinkante doch noch schneide. Zwar hat die Brücke Seitenbegrenzungen, aber sie sind gerade mal kniehoch. Und aus Steinen. Beim Versuch, mich mit den Händen abzustützen, rutsche ich ab, vom eigenen Schwung getragen. Während mein Kopf gegen etwas Hartes kracht, setzt mein Körper ohne mein Zutun den Weg ins Wasser fort.
Dann wird alles dunkel.


Kalt. Dunkel. Gestank. Alles gleichzeitig.
Ich hebe den Kopf. Spüre Steine unter dem Bauch. Von rechts kommt kaum bemerkbares Licht. Das flackernde Licht einer weit entfernten Kerze wahrscheinlich. Die Steine sind kalt. Und ich bin nicht allein. Ich höre Menschen atmen. Viele Menschen. Einige flüstern.
Ich setze mich auf. Kälte, Gestank, fast völlige Dunkelheit. Das Letzte, was ich sah: Soldaten.
Ich bin im Kerker. Grauhaar hat davon erzählt. Böse Menschen kämen hierher. Aber ich bin nicht böse. Was habe ich denn getan? Ja, ich habe die drei Männer getötet, aber böse waren sie, nicht ich.
Was ist überhaupt passiert? Ich war auf der Brücke, bin ausgerutscht und mit dem Kopf gegen die Seitenmauer gestoßen. Ich taste nach der Stelle und spüre getrocknetes Blut. Ich bin wohl in den Fluss gefallen. Vermutlich haben mich die Soldaten herausgeholt.
Warum haben sie mich in den Kerker gebracht?
Ich atme tief durch, um die Angst zu beherrschen, die aus meinem Bauch kriecht und den ganzen Körper in ihren Besitz bringen will.
„Neben mir ist noch Platz.“
Es ist die Stimme eines alten Mannes. Er klingt nicht so, als wäre er gefährlich. Nach kurzem Nachdenke krabbele ich in seine Richtung, bis ich ein Bein berühre. Dann spüre ich seine Hand, die mir den Weg weist. Er sitzt mit dem Rücken an der Wand.
Links von mir sitzt oder liegt auch jemand und atmet ganz schwach. Grauhaar hatte wohl recht, als sie meinte, hier käme niemand lebend raus. Der links von mir kommt bald hier raus, das höre und spüre ich.
„Danke“, sage ich leise.
„Gerne getan. Die Wärter sagten, sie bringen eine Diebin. Was hast du gestohlen? Brot?“
„Ein Kleid. Mein altes war blutig und zerrissen.“
„Verstehe. Du hörst dich jung an.“
„Ja.“ Ich versuche, seine Umrisse in dem sehr schwachen Licht von draußen zu erkennen. „Du nicht.“
„Ich bin schon alt“, sagt er und lacht leise. „Wohl zu alt für dich.“
„Ich bin für alle zu alt“, erwidere ich hastig. Ich hätte mich nicht neben ihn setzen sollen.
„Oh, du brauchst von mir nichts zu befürchten. Ich bin nur ein alter Mann, der hier auf sein Ende wartet.“
„Ein blinder, alter Narr!“, ruft jemand aus der Dunkelheit. „Und jetzt seid still, wir wollen schlafen!“
Er ist blind? Ich halte den Atem an und schäme mich.
„Lass ihn reden“, sagt der Alte und lacht leise in sich hinein. „Er hat einen großen Mund, aber wenn es darauf ankommt, hört man nichts von ihm.“
„Sei bloß still!“, ruft die Stimme von vorhin.
„Es wäre besser, du würdest endlich dein Maul halten!“, erwidere ich laut.
Jemand lacht, aber der mit dem großen Mund scheint wirklich ein Feigling zu sein. Jedenfalls sagt er gar nichts mehr.
„Warum sperren sie einen alten, blinden Mann hier ein?“, erkundige ich mich.
„Weil ich gebettelt habe. Und das passt dem feinen Lord nicht, in seiner schönen Stadt Iokya hat niemand zu betteln. Dann sollte er halt seinen Leuten genug zu essen geben!“ Er lacht wieder, aber es klingt nicht fröhlich.
„Welchem Lord?“
„Na, unserem Lord.“
„Ich kenne unseren Lord nicht. Was ist ein Lord?“
„Du weißt nicht, was ein Lord ist? Wo kommst du her?“
Ich schweige. Woher soll ich das denn wissen? Und dass ich mich nicht erinnere, will ich hier nicht laut sagen. Also schweige ich lieber.
„Ein Lord ist jemand, dem eine Stadt gehört. Sie gehört ihm nicht wirklich, aber er verwaltet sie für den König. Lord Sakumo verwaltet Iokya für König Askan. Von König Askan hast du aber schon gehört?“
„Nein.“
Jetzt schweigt er. Er schweigt so lange, dass ich einschlafe. Nur kurz. Glaube ich. Ich sehe Menschen mit aufgeschnittenen Bäuchen oder abgeschnittenen Händen. Grauhaar hat erzählt, dass Diebe bestraft werden, indem sie ihnen die Hände abschneiden.
Dann schreit jemand und ich schrecke auf. Es ist draußen wieder hell, also habe ich länger geschlafen und geträumt. Doch das Schreien habe ich nicht geträumt, denn ich höre es immer noch.
Ich sehe mich um. Jetzt kann ich erkennen, dass ich in einem Verlies bin. So nannte Grauhaar die Orte im Kerker. Mit etwa 20 anderen Leuten, von denen die meisten auch an der Wand sitzen oder liegen.
Aber nicht alle. Eine Frau liegt halb auf dem Boden, sie blutet am Kopf. Sie ist diejenige, die schreit. Und sie schlägt auf einen dreckigen Mann ein, der ähnlich gekleidet ist wie die drei aus der Hütte des Alten. Er hockt halb auf einem Mädchen, das deutlich jünger ist als ich oder die blutende Frau. Dann verstehe ich endlich ihr Geschrei. Sie schreit, dass er ihre Tochter in Ruhe lassen soll. Und ich sehe, dass der Rock des Mädchens zerrissen ist und er gerade sein Ding rausholt.
„Tue das nicht“, sagt der blinde, alte Mann.
Woher weiß er, was ich vorhabe?
Ich springe auf, als Einzige. Die anderen blicken weg. Obwohl der dreckige Kerl das Mädchen gegen seinen Willen nehmen will. Wie mich damals ein anderer, dreckiger Kerl, dem ich die Nase abgebissen hatte. Und dann mit dem Messer sein Ding abgeschnitten. Der wird nie wieder ein Mädchen nehmen.
Und dieser hier auch nicht! Ich werfe mich auf ihn, wir fallen beide auf den Boden. Ich drehe mich hastig um, doch dieser Kerl scheint kampferfahren zu sein. Er ist bereits auf den Knien und schlägt mir die Faust ins Gesicht. Ich falle nach hinten.
„Du bist ja noch besser als die Kleine“, sagt er und lacht, während er mich zu sich zerrt und auf den Bauch dreht. Mit einer Hand umfasst er meine Handgelenke, mit der anderen schiebt er mein Kleid hoch. Dann legt er sich auf mich und drückt sein Ding in mich hinein.
Ich stöhne vor Schmerz auf und merke gleichzeitig, dass ich wieder zu mir komme. Meine Hände hält er mit einer Hand auf dem Rücken fest, mit der anderen Hand stützt er sich neben mir ab. Sein Unterleib geht auf und ab. Ich spüre etwas Nasses zwischen meinen Beinen. Wahrscheinlich Blut, wie beim letzten Mal auch. Mein Blut.
Mit einer wilden, ruckartigen Bewegung drehe ich mich zu seiner Hand hin, die neben mir aufliegt. Er schreit auf und rollt sich ab. Wie gut, dass ich von Raun gelernt habe, dass ich Männern wehtun kann. Ihr Ding ist ziemlich empfindlich. Gut für mich.
Ich drehe mich von dem schreienden Mann weg, bis ich gegen irgendwelche Füße stoße. Doch als ich mich aufrichten will, werde ich von dem Dreckigen wieder auf den Boden gedrückt, und er beginnt, auf mich einzuschlagen. Ich halte die Arme vor das Gesicht, ziehe beide Beine an und stoße ihn mit den Füßen weg.
Er hebt kurz ab, dann prallt er gegen eine Wand. Es macht ein seltsames Geräusch, als auch sein Kopf die Wand berührt, dann sackt der Körper in sich zusammen.
Ich krieche auf allen Vieren zu ihm. Er rührt sich nicht, aber er atmet noch. Ich setze mich auf seine Brust, packe mit beiden Händen seine Haare und beginne, den Kopf gegen den Boden zu schlagen. Zuerst macht es ein hartes Geräusch, aber dann wird es immer weicher. Genau wie sein Kopf. Blut und noch etwas verteilt sich auf dem Boden.
Ich höre erst auf, als sein Kopf in meinen Händen breiartig geworden ist. Ich starre in das, was mal sein Gesicht gewesen ist. Irgendwie sieht es verrutscht aus. Wie ein Lappen.
Dann geht die Tür auf und zwei Männer stürmen herein. Die anderen weichen alle zurück. Die beiden interessieren sich aber nur für mich. Ich vermute, sie sind Wärter.
„Was ist denn hier los?“, fragt einer entgeistert und betrachtet die Reste von dem Dreckigen.
„Er wollte mich nehmen. Ohne meine Erlaubnis“, erwidere ich. Die Sache ist eindeutig: Er war böse, ich habe mich gewehrt. Vielleicht holen sie mich sogar raus?
„Das glaube ich einfach nicht“, sagt der andere. „Los, wir nehmen sie mit. Und ihr alle, wenn ihr auch nur einen Laut von euch gibt, holen wir den Nächsten!“
Das hört sich nicht gut an. Ich will mich aufrichten, doch der Erste packt mich an den Haaren und zerrt mich nach draußen. Ich verliere das Gleichgewicht und schaffe es nicht, auf die Füße zu kommen, während er mich hinter sich herzieht.
Ich höre meine eigenen Schreie, während ich durch enge Korridore geschleift werde. Dann geht es eine Treppe hinauf. Mehrmals stoße ich mit Kopf oder Beinen gegen die harten Stufen, was mir Kraft und Atem raubt.
Als er mich endlich loslässt, bleibe ich keuchend liegen.
„Eigentlich schade um sie“, sagt derjenige, der mich hinter sich hergezogen hat.
Der andere lacht und schiebt mit dem Fuß meine Beine auseinander.
„Was hat sie eigentlich getan?“, fragt er dabei.
„Hat wohl ein Kleid gestohlen und ist dann von der Brücke ins Wasser gefallen. Als man sie in die Stadt bringen wollte und sie bewusstlos auf dem Pferd hing, haben einige Kinder sie als Diebin erkannt, also wurde sie hierher gebracht.“
„Dann ist es doch nicht schade um sie, oder?“
„Hast recht. Eigentlich nicht. Aber ein hübsches Ding, ohne den ganzen Dreck.“
„Ja.“
Sie mustern mich an der Stelle, wo das Kleid hochgerutscht ist. Mein blutiger, nackter Unterleib liegt vor ihnen. Ich spüre Wut in mir hochsteigen.
„Es wäre schade, die Gelegenheit nicht zu nutzen“, sagt der Erste. Der mich an den Haaren gezogen hat.
„Auf jeden Fall. Aber zuerst sollten wir sie töten. Sie ist ganz schön wild. Hast du gesehen, wie der Kopf von dem einen aussah?“
„Allerdings. Richtig übel.“
Ich setze mich auf und wische Blut aus meinen Augen. Die Wut wird immer stärker. Das ist gut, sie gibt mir Kraft.
„Sie ist ja richtig zäh“, bemerkt der zweite Kerl und lacht.
Als ich aufstehe, lacht er nicht mehr. Stattdessen zieht er sein Schwert, genau wie der andere.
„Das ist mehr als nur zäh“, sagt der Erste. „Wir töten sie besser jetzt sofort.“
Sie kommen auf mich zu, beide mit blanken Klingen. Ich beobachte sie und balle die Hände zu Fäusten. Eigentlich ballen sie sich von selbst zu Fäusten, ich will das gar nicht. Ich will weglaufen, doch mein Körper gehorcht mir einfach nicht. Ich will weglaufen, doch er geht sogar auf die beiden zu, mit tänzelnden Bewegungen.
Was geschieht hier?
Als würde ich mich selbst von außerhalb sehen, beobachte ich meinen Körper dabei, dass er den zuschlagenden Klingen geschmeidig ausweicht, sich wegduckt, dann den Ersten am Arm packt und den Ellbogen gegen ihr hochschnellendes Knie schlägt. Ich höre Knochen brechen und den schrillen Schrei des Wärters.
Mein Körper macht inzwischen eine Drehung, der Fuß schnellt hoch und trifft den Zweiten im Gesicht. Er fällt nach hinten um, sein Schwert fliegt im hohen Bogen davon.
Ich entreiße dem Ersten sein Schwert und aus einer Drehbewegung heraus lasse ich die Klinge durch seinen Hals fahren.
Er verstummt, starrt mich an. Dann, nach einigen Augenblicken, fällt sein Kopf nach vorne herunter und der Rest kippt nach hinten.
Der Zweite versucht, hastig aufzustehen, doch mein Körper ist schneller. Die bereits blutige Klinge bohrt sich in den Rücken und kommt vorne aus der Brust raus. Der Zweite erstarrt auch, fast so, wie vorhin der andere. Er dreht den Kopf, bis er mich sehen kann. Sein Mund öffnet sich, doch es kommt nur Blut heraus.
Ich sehe, wie er stirbt und sein Körper erschlafft. Gleichzeitig merke ich, dass ich nicht mehr von außerhalb zuschaue. Ich spüre den Schwertgriff in meinen Händen. Hastig ziehe ich die Klinge aus dem Toten und fahre herum, denn ich höre Lärm.
Natürlich, die Schreie haben andere Wärter angelockt.
Ich blicke mich um. Neben mir der Fluss, auf der anderen Seite das Gebäude mit dem Kerker. Aus dem mehrere Wärter gerannt kommen. Einige haben auch Pfeil und Bogen.
Ich überlege nicht länger, sondern springe ins Wasser. Das Schwert nehme ich mit, obwohl es mich beim Schwimmen behindert. Trotzdem komme ich am anderen Ufer an, bevor die ersten Wärter den Fluss erreichen.
Hastig klettere ich die Böschung hoch und renne in den Wald. Ich renne, bis ich niemanden mehr hinter mir höre.
Dann lege ich mich einfach unter einen Strauch, presse das Schwert an mich und beginne zu weinen.


Ich begrüße die Wärme und stehe mit erhobenen Armen nackt vor meinem Baum. Grauhaar hatte von der kalten Numoa erzählt, wenn mit dem Gongschlag des Dunkelhellwechsels plötzlich kalt wird, Schnee fällt und Wasser hart wird. Jetzt weiß ich auch, was Schnee ist. Weißes Wasser, das wieder flüssig wird, wenn man es in die Hand nimmt. Oder in den Mund. Es ist aber nicht so hart wie das Eis, hartes Wasser, das aber auch wieder weich wird, wenn man es in den Mund nimmt.
Und man braucht gute Kleidung in der kalten Numoa. Denn es ist wirklich kalt. Zum Glück bin ich ja vorbereitet gewesen und habe mir Kleidung von Soldaten besorgt. Sie haben nach mir gesucht, aber im Wald konnte ich mich gut verstecken. Und ich weiß jetzt, dass ich gegen sie kämpfen kann, auch wenn ich nicht verstehe, wieso. Ich denke, das habe ich mal gelernt und es vergessen, so wie ich alles vergessen habe. Die Soldaten wissen auch, dass ich gegen sie kämpfen kann, und sind vorsichtig, aber eben nicht vorsichtig genug. Das heißt, jetzt schon. Nachdem ich einige von ihnen überwältigt habe, weil ich Kleidung brauchte, sind sie viel vorsichtiger geworden und gehen nur noch in größeren Gruppen durch den Wald. Wenn überhaupt.
Mir egal.
Ich verbrachte die kalte Numoa in meiner Baumhöhle, die ich zufällig entdeckt habe. Sie gehörte einem Tier, aber es sah ein, dass ich stärker bin, und suchte sich ein neues Zuhause.
Nun bin ich froh, dass die kalte Numoa vorbei ist. Mit dem Dunkelhellgongschlag ist der Schnee verschwunden und ich brauche nicht mehr unbedingt Kleidung. Wobei sie sinnvoll ist. Im Wald ist es unangenehm ohne Kleidung, sie schützt vor Dornen und Krallen. Aber wenigstens reicht das Kleid wieder.
Ich war bei Grauhaar, nachdem ich die Wärter getötet hatte. Sie sagte, ich sollte mich verstecken, sie werden überall nach mir suchen. Ich durfte ihr nicht sagen, wo ich mich verstecken wollte.
Als Erstes gehe ich im Fluss baden. Das tut nach den vielen Numos gut. Zwischendurch werfe ich einen Blick auf mein Kleid und das Schwert, das auf dem Kleid liegt. In dieser Gegend sind sonst keine Menschen, aber sie werden jetzt, wo es wieder warm ist, sicher erneut nach mir suchen. Ich muss vorsichtig sein.
Und ich muss nachdenken. Was soll ich tun? Hierbleiben? Woanders wird es doch nicht besser sein. Oder doch? Ich klettere aus dem Wasser und setze mich nackt neben mein Kleid, um trocken zu werden. Die warme Luft streichelt meine Haut, und ich habe das Gefühl von Vertrautheit. Etwas ist aber anders. Ich weiß nur nicht, was. Und was überhaupt so vertraut ist.
Wenn ich mich nur erinnern könnte. An irgendetwas. Egal was.
Ich lege mich hin, mit dem Kopf auf dem Kleid. Mit einer Hand umklammere ich den Schwertgriff und weine leise.
Doch vom Weinen wird nichts besser, im Gegenteil. Ich wische die Tränen ab, streife das Kleid über und gehe zurück zu meinem Baum. Ich beschließe, Grauhaar zu besuchen.
Zuerst muss ich sichergehen, dass sie allein ist, also beobachte ich das Haus, das an einigen Stellen nicht mehr so aussieht wie vor der kalten Numoa. Es verfällt, hat Grauhaar mal gesagt. Jetzt kann ich gut sehen, was sie damit gemeint hat.
Ich glaube, ich verfalle auch. Nicht mein Körper, der verfällt gar nicht, aber etwas in mir verfällt. Ich weiß nur nicht, was das ist.
Da Grauhaar allein zu sein scheint und auch sonst niemand zu sehen ist, gehe ich ins Haus. Grauhaar finde ich in ihrem Zimmer, wo sie fast immer ist, wenn ich sie sehe. Als sie mich sieht, lächelt sie.
„Kyo! Kyo ist da!“
„Es ist warm“, erwidere ich und setze mich neben ihr. „Hast du Wein?“
„Ich denke, du trinkst keinen Wein mehr“, sagt sie, holt aber trotzdem eine Flasche hervor. Ohne aufzustehen. Sie hat fast alle ihre Sachen so um sich angeordnet, dass sie nur selten aufstehen muss.
„Heute ausnahmsweise. Wie geht es dir?“
Sie trinkt aus der Flasche, bevor sie mir diese reicht. Ich nehme auch einen Schluck.
„Meine Knochen tun weh. Von der Kälte. Doch jetzt wird es bald besser.“
„Geh doch nach draußen. Da ist es viel wärmer!“
„Zu gefährlich.“ Sie mustert mich. „Für dich auch. Die Leute reden über dich, weil du den Soldaten das Fürchten lehrst. Und es wird geredet, dass der König kommt.“
Ich zucke die Achseln. „Was interessiert mich der König?“
„Seine Soldaten sind gefürchtet. Sie sind nicht so ängstlich und schwach wie die Soldaten von Lord Sakumo.“
„Ja. Gut. Ich passe auf.“ Und sie nervt mich. Manchmal. Obwohl sie recht hat. Ich kann gut kämpfen, das weiß ich ja inzwischen. Aber auch andere können bestimmt gut kämpfen. Echte Soldaten auf jeden Fall. Ich beschließe, dass ich wirklich aufpassen werde.
„Wie ist der König?“, erkundige ich mich.
Grauhaar grinst. „Er interessiert dich also doch! Nun, ein großer Mann, von majestätischer Erscheinung. Wie ein König eben. Ein echter König. Ein weiser, gerechter König.“
„Dann wird er mich nicht jagen lassen! Dann wird er wissen, dass ich nichts Böses getan habe! Ich habe mich nur verteidigt!“
„Woher soll er das wissen? Lord Sakumo wird ihm das bestimmt nicht erzählen.“
„Dann tue ich das!“
Grauhaar lacht kurz auf. „Du kommst nicht einmal in seine Nähe! Halt dich einfach versteckt, solange er da ist. In den Wäldern werden dich auch seine Soldaten nicht finden.“
Ich starre sie wütend an.
„Du brauchst nicht so zu schauen, du Wildkatze. Es ist so, wie ich es dir sage. Oder habe ich dich mal angelogen?“
„Nein“, antworte ich missmutig.
„Dann hör auf mich.“
„Hast du den König schon gesehen?“
Grauhaar nickt. „Er war schon einige Male hier. Er reist oft durch sein Land. Ich glaube schon, dass er dir begnadigen würde, wenn er wüsste, was wirklich passiert ist. Aber er wird es nicht erfahren.“
„Ja. Dann gehe ich lieber jagen. Ich komme nachher nochmal.“
Grauhaar nickt erneut. Ich gebe ihr die Flasche zurück und gehe wieder in den Wald. Dabei denke ich darüber nach, was sie erzählt hat. Der König scheint ein guter Mann zu sein, wenn Grauhaar so über ihn spricht, aber ich glaube, er wird von seinen Leuten beschützt und nur solche wie der Lord können direkt mit ihm sprechen. Das macht er irgendwie falsch, der König. Er müsste eher auf Menschen hören, die wissen, was in seinem Land geschieht.
Zum Beispiel auf dich, Wildkatze?
Ja, zum Beispiel. Wieso rede ich eigentlich mit mir selbst?
Kopfschüttelnd verscheuche ich die Gedanken und konzentriere mich auf das Jagen. Und das ist auch gut so. Ich höre Tiere und schleiche mich an sie heran.
Bären. Eine ganze Bärenfamilie. Von ihnen könnte ich lange satt werden. Allerdings könnte es auch passieren, dass sie von mir satt werden. Nur nicht ganz so lange. Ich suche mir lieber leichtere Beute.
Ich muss nicht lange suchen. Den Elch kann ich riechen, bevor ich ihn sehe oder höre. Wenn ich ihn rieche, dann riecht er mich wahrscheinlich nicht. Ich schleiche mich möglichst lautlos heran. Einmal knackt ein Zweig, aber nicht unter meinem Fuß. Da kann ich den Elch schon sehen. Er reißt den Kopf mit dem gewaltigen Geweih in die Höhe und lauscht. Dann bemerkt er, wie ich auch, dass das Geräusch von einem Fuchs verursacht wurde, und grast weiter.
Ich atme leise aus.
Schließlich trennen nur noch ein paar Bäume den Elch und mich voneinander. Ich beobachte das große, starke Tier. Es widerstrebt mir, es zu töten, aber ich habe ziemlich großen Hunger. Und das frische Fleisch würde mir guttun.
Ich treffe eine Entscheidung und springe mit erhobenem Schwert vor. Der Kopf des Elchs geht nach oben, dadurch muss ich die Richtung der Klinge etwas ändern. Doch ich habe damit gerechnet. In der kalten Numoa habe ich Gelegenheit gehabt, das schnelle, schmerzlose Töten von Nahrung zu üben. Auch dieses Mal dauert es nicht lange. Erst fällt der Kopf des Tieres ins Gras, dann bricht der Körper nach ein paar Fluchtschritten zusammen.
Ich zerlege ihn hastig, denn ich weiß, dass auch Bären gerne Elchfleisch essen. Bis auf ein Hinterbein vergrabe ich alles neben einem Baum, dann pinkele ich auf die Stelle. Mit etwas Glück wird das andere Tiere davon abhalten, hier zu graben.
Mit dem Bein in der Hand gehe ich wieder zu Grauhaar, wie ich es ihr versprochen habe. Sie kann das frische Fleisch auch gut gebrauchen, die Spuren der Entbehrung aus der kalten Zeit sind ihr sehr deutlich anzusehen. Das macht mir etwas Sorgen.
Ich bleibe am Waldrand stehen und blicke mich um. Es sieht alles wie vorher aus. Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl. Ist Grauhaar vielleicht etwas passiert? Ich mustere kurz das Bein in meiner Hand und denke nach. Ich glaube nicht, dass die Männer des Lords hier sind. Das würden sie nicht wagen, dazu haben sie viel zu viel Angst vor mir. Wieso habe ich dann trotzdem das Gefühl, etwas stimmt nicht?
Ich finde es jedenfalls nicht heraus, wenn ich hier stehenbleibe. Also nähere ich mich dem Haus, in der linken Hand das Bein und in der rechten das Schwert. Dabei beobachte ich aufmerksam meine Umgebung, mit allen Sinnen.
Das rettet mich. Als sich Männer aus Schatten lösen und aus dem Haus kommen, weiß ich, was ich wahrgenommen habe. Darüber, wieso sie sich hierher getraut haben, denke ich lieber später nach.
Zwei Soldaten sind besonders nah. Einem von ihnen schlage ich das Bein auf den Kopf, was ihn zu Boden schickt, den anderen halte ich mit der Klinge auf Abstand. Er springt zurück, die Klinge streift dennoch seine Nase. Aufschreiend presst er die Hand auf die Wunde, während ich mich umdrehe und losrenne.
„Ich will sie lebend!“, ruft jemand mit dunkler, kräftiger Stimme.
Das freut mich, denn das erhöht meine Chance zu entkommen sehr.
Ich erreiche den Waldrand. Gleich bin ich in Sicherheit, denn zumindest mit Pfeilen können sie mich dann nicht mehr treffen. Außerdem weiß ich, dass ich im Wald wesentlich schneller bin als sie. Das konnte ich oft genug ausprobieren.
Dann reißt mir etwas den Boden unter den Füßen weg und mich in die Höhe. Es schnürt mir die Bewegungsfreiheit ab und umgibt mich aus allen Richtungen.
Ein Netz!
Ich schreie vor Wut auf, doch mehr kann ich nicht tun. Zwar habe ich das Schwert noch, aber meine Arme werden an den Körper gepresst, und ich kann sie nicht bewegen. Hilflos muss ich zulassen, dass jemand zu mir tritt und das Schwert aus meiner Hand zieht. Ich starre ihn an, doch er erwidert den Blick nur grinsend.
„Das war es für dich, Kleines“, sagt er. Er ist groß und muskulös. Seine grüne Augen wirken kalt.
Ich antworte nicht, sondern sehe mich um, soweit es in meiner Lage überhaupt möglich ist. Zumindest kann ich den Kopf drehen und so erkennen, dass mehrere Männer auf mich zukommen, unter anderem einer, der eindeutig das Sagen hier hat. Sowohl seine Kleidung als auch seine Körperhaltung verraten es.
Unterdessen sind weitere Männer neben den Grünäugigen getreten und mustern mich unverhohlen.
„Vor der haben Sakumos Leute so eine Angst?“, fragt einer ungläubig. „Ist ja ein Mädchen!“
Grünauge schüttelt den Kopf. „Hast du gesehen, wie sie sich mit Schwert und Schinken verteidigt hat? Sie ist zwar nur ein kleines Mädchen, aber trotzdem nicht ungefährlich. Eine Wildkatze.“
Ich versuche ihn anzuspucken, aber in meiner Lage ist es schwierig, das zu treffen, was ich treffen will. Zumal er lachend zurückspringt.
„Ob ihre Spucke giftig ist?“, meint ein weiterer lachend. „Vielleicht sollten wir ihr ihr Kleid in den Mund stopfen!“
„Das reicht jetzt!“, sagt der Befehlshaber. Dieselbe Stimme, die mich vorhin lebend haben wollte. „Holt sie runter und fesselt ihre Hände!“
Jemand schneidet das Seil durch, mit dem das Netz aufgehängt wurde. Ich falle auf den Boden, was mir den Atem raubt. Bis ich wieder klar denken kann, sind meine Hände auf dem Rücken gefesselt. Das lange Ende der Fessel hält jemand in der Hand. Als ich auf ihn losstürmen will, richten sich mehrere Schwertspitzen auf mich.
Ich erstarre.
„Du hast die Wahl“, sagt der Befehlshaber. „Du läufst freiwillig mit oder wir fesseln dir auch die Füße und schleifen dich hinterher. Wie ist es dir lieber?“
„Laufen.“
„Gut. Holt die Pferde!“
Die Soldaten steigen alle auf Pferde, ich nicht. Ich soll hinter einem herlaufen. Da meine Hände hinten gefesselt sind, muss ich darauf achten, dass das Seil sich nicht spannt, sonst werde ich von den Füßen gerissen. Einmal passiert es mir. Die Männer lassen ihre Pferde sofort anhalten und warten, bis ich aufgestanden bin.
„Lauf schneller!“, sagt der Befehlshaber. „Weiter.“
Ich muss schnell gehen, aber nicht rennen. Zwischendurch kann ich sogar die Männer beobachten. Der Grünäugige reitet zusammen mit sechs anderen etwas abseits. Der Befehlshaber hat kurze, schwarze Haare. Er ist nicht viel größer als ich, aber kräftig gebaut. Er ist es vermutlich nicht gewohnt, dass er Widerworte kriegt. Ich habe das Gefühl, dass er nicht gemein ist, im Gegensatz zu dem Grünäugigen, den seine Gefährten Moyto nennen.
Wir überqueren die Brücke, was etwas schmerzhaft ist, denn die Pferde werden nicht langsamer. Das führt zu blutenden Füßen. Der Befehlshaber bemerkt das etwas später, lässt alle anhalten und kommt zu mir.
„Was ist los?“
„Die Brücke“, erwidere ich und konzentriere mich darauf, die Tränen zu unterdrücken.
Er steigt ab und schaut sich meine Füße an. Dann steigt er wieder auf und bemerkt: „Nur kleine Kratzer. Davon stirbst du nicht. Weiter.“
Vielleicht ist er doch gemein. Aber er hat recht, denn bald blutet es nicht mehr und die Schmerzen lassen nach. Außerdem bin ich beschäftigt, denn wir erreichen die Häuser. Die Menschen bestaunen uns, insbesondere mich. Ich vermeide es, sie anzusehen.
Die Häuser werden immer größer und die Menschen mehr. Mir fällt es zunehmend schwer, die Leute zu ignorieren. Einige Kinder laufen mit und schmeißen Steine nach mir, bis der Befehlshaber dafür sorgt, dass sie damit aufhören.
Schließlich erreichen wir ein sehr großes Gebäude, das von einer Mauer umgeben ist. Durch ein Tor gelangen wir auf die andere Seite der Mauer.
Vor dem Eingang ins Gebäude stehen einige Männer herum und warten. Anscheinend auf uns, denn einer von ihnen kommt jetzt auf uns zu und baut sich vor mir auf. Er mustert mich mit unverhohlenem Ekel.
„Dieses Mädchen soll meine Soldaten so eingeschüchtert haben?“
Das ist also Lord Sakumo. Ich erwidere seinen Blick, dann trete ich nach ihm. Er weicht aus und mein Fuß streift ihn nur. Sofort danach werde ich von mehreren Männern gepackt und auf den Boden gedrückt. Ich versuche, mich zu wehren, doch es ist aussichtslos.
„Genug!“, ruft eine Stimme, die ich noch nicht kenne. Sie ist ähnlich durchdringend wie die des Befehlshabers, aber es ist einer der Männer, die auf uns gewartet haben. Er trägt schwarze Kleidung und wirkt sehr groß.
„Lasst sie aufstehen!“
Die Männer lassen von mir ab, bleiben aber bei mir. Einige haben ihre Schwerter gezogen. Ich richte mich auf und starre den Mann, der vielleicht sogar der König ist. Selbst Lord Sakumo wagt es nicht, ihm zu widersprechen.
„Wir sollten sie sofort hinrichten, öffentlich“, sagt der Lord jetzt leidenschaftlich. „Damit dieses Gesindel ein für alle Mal lernt, dass hier Recht und Ordnung herrschen!“
„Nein“, erwidert große Mann. „Sie blutet im Gesicht. Wischt ihr das Blut ab.“ Nachdem einer der Männer mein Gesicht gesäubert hat, betrachtet der Mann mich. „Ich bin König Askan. Wie ist dein Name?“
Kyo.“
Er lächelt jetzt. „Der Name scheint zu passen. Ist es wahr, dass Du Lord Sakumos Männer grundlos getötet hast?“
Ich schüttele den Kopf.
„Du hast sie nicht getötet?“
„Nicht grundlos.“
„Ich verstehe.“ Er wendet sich an den Mann mit der tiefen Stimme. „Gaskama, sorge dafür, dass sie in den Kerker kommt. Aber allein. Sie soll Wasser und was zu essen bekommen. Die Fesseln werden ihr abgenommen. Und, Lord Sakumo, wenn ihr was zustößt, verantwortet Ihr das persönlich. Habt Ihr das verstanden?“
„Ja, mein Herr“, erwidert der Lord und wirft mir einen hasserfüllten Blick zu.
Gaskama, der Mann mit der tiefen Stimme, gibt zwei Männern einen Wink, die mich daraufhin in den Kerker bringen. Er begleitet uns. In der Zelle schneidet er meine Fesseln durch, während die beiden Männer mir ihre Schwerter an den Hals halten. Dann gehen sie, aber schon nach kurzer Zeit kommt jemand mit Wasser und Brot. Er legt beides so hin, dass ich es mir holen kann, und geht wieder, ohne etwas zu sagen.
Es wird still. Sehr still.
Ich setze mich an die Wand gegenüber der Tür und starre die Schalen an. Die Tränen wollen wieder mit aller Macht nach draußen, doch ich will nicht weinen. Jetzt nicht und niemals wieder.
Leider gehorchen sie mir nicht. Es dauert eine Weile, bis sie versiegen. Ich erhebe mich schließlich und hole die Schalen mit Wasser und Brot, denn ich habe noch mehr Hunger als vorhin. Während ich die letzten Bissen mit Wasser herunterspüle, erklingen Schritte.
Es ist der König, und er ist allein. Er bleibt vor der Tür stehen und mustert mich nachdenklich.
Ich rühre mich nicht.
„Warum hast du die Männer des Lords getötet?“, fragt er nach einer Weile.
Ich denke darüber nach, ob ich ihm erzählen soll, was passiert ist. Aber ich bezweifle, dass er das verstehen wird. Er ist ein Mann und hat ein Ding. Er kann es nicht verstehen.
„Du redest also nicht mit mir“, sagt er seufzend. „Ich komme in der nächsten Num wieder. Bis dahin kannst du ja darüber nachdenken.“
Er geht wieder und die grauenvolle Stille senkt sich über mich. Ich atme tief durch.