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Leseprobe: Kein menschlicher Makel

„Sie fragen, ob ich ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter hatte?“

Ruth blickt nachdenklich vor sich hin. Ein Sonnenstrahl, der zum Fenster hereinfällt, lässt ihr blondes Haar aufleuchten. Sie überlegt, was sie eigentlich von ihrer Mutter weiß: Sie hat mit siebzehn Jahren ihre eigene Mutter verloren, ihr erster Verlobter fiel im ersten Weltkrieg. Trotzdem ist sie ein fröhlicher, lebenslustiger Mensch geblieben. Ruth besitzt alte Fotos von ihr aus den Jahren, ehe sie selbst geboren wurde. Sie zeigen eine hübsche, junge Frau, im Stil der Goldenen Zwanziger gekleidet. Sie trägt einen Bubikopf. ‚Sicher hat sie auch Charleston getanzt’, denkt Ruth. Ob sie die Männer mit den braunen Hemden und den roten Armbinden beachtet hat, die jetzt immer öfter im Straßenbild auftauchen? Den Tritt ihrer schweren Stiefel auf dem Pflaster?
„Das Verhältnis zu meiner Mutter … es lässt sich nicht leicht beschreiben. Die Beziehung wurde später kompliziert, aber als ich ein Kind war, habe ich sie sehr geliebt. Ich habe an ihr gehangen, sie war meine einzige Bezugsperson. Ich habe ihr alles erzählt, was mich beschäftigt, gefreut oder bedrückt hat.“
Ein warmes Gefühl von Liebe und Geborgenheit durchströmt Ruth bei der Erinnerung an Kindertage mit ihrer Mutter. Sie sieht sich als kleines Mädchen an ihrer Hand in Wangerooge den Strand entlanglaufen, mit den Füßchen durch das Wasser patschen, Muscheln suchen. Jede Muschel war eine neue Entdeckung!
„Wir hatten eine Ferienwohnung. Lisbeth, unser Hausmädchen, war auch dabei. Sie hat uns die Krebse gekocht, die wir gefangen hatten. Es war schön am Meer, am Strand, wo man so tolle Burgen bauen konnte und auch in den Dünen, wo die Ziegen weideten. Ein wilder Ziegenbock hat Mutti einmal so stark mit den Hörnern gegen das Schienbein gestoßen, dass sie noch tagelang einen Bluterguss davon hatte. Aber das war das einzige Unglück, das passiert ist.“
Ruth blättert in alten Photographien. Mutti photographierte selbst. ‚Sie hat wirklich gute Photos gemacht’, denkt sie beim Ansehen der Bilder. Was hatte sie noch für eine Kamera? Ruth weiß es nicht mehr genau. Mutti hat auch die Platten selbst entwickelt und die Vergrößerungen hergestellt. Verträumt betrachtet sie die Bilder ihrer Kindheit: Da ist sie, auf dem Arm ihrer Säuglingsschwester als kleines Baby, später mit ihrem jüngeren Bruder auf dem Schoß ihrer Mutter, dann an der Hand ihrer Kindergärtnerin, die die Säuglingsschwester ablöste, als die Kinder älter wurden, mit Blumenkränzchen im Haar und einem Sträußchen in der Hand. Es war Muttertag. Auf einem Bild sieht sie ihre Mutter am Steuer eines Autos sitzen, gekleidet nach der Mode der Zwanzigerjahre. ‚Es stand ihr gut’, denkt Ruth.
„Das Auto war ein großer Brennabor. Ein Oldtimer-Sammler würde heute ein Vermögen dafür bezahlen! Wir fuhren mit diesem Wagen ab und zu hinaus ins Grüne: Mutti, wir Kinder, unsere Kindergärtnerin. Manchmal war auch Vati dabei.“ ‚Es muss eine sorglose, schöne Zeit gewesen sein’, denkt sie wehmütig. Ein großer Kummer aus jener Zeit blieb in ihrem Gedächtnis haften: „Ich spielte mit meinem geliebten Holzkreisel auf dem baumbestandenen Mittelstreifen der Straße vor unserem Haus, der die Fahrbahn teilt. Plötzlich rollte der Kreisel davon, sprang auf die Fahrbahn und fiel in eine Straßenbahnschiene. Ich wollte ihm nach und ihn holen, aber Elfriede, unsere Kindergärtnerin, hielt mich fest. Die Straßenbahn kam – und zurück blieb ein kleines Häufchen Holzspäne. Ich habe um meinen schönen Kreisel lange geweint.“
Gedankenvoll legt sie die Photoalben in die Schublade. Andere Bilder aus Kindertagen sieht Ruth in Gedanken vor sich: Wanderungen in den Harzbergen, Autofahrten zu kleinen Städten in der Umgebung, Skiwanderungen im Winter durch den Wald …
„Da war mein Vater noch dabei“, erinnert sie sich plötzlich lebhaft, „er hat mir ja das Skilaufen beigebracht. Mutti war in den frühen Jahren meiner Kindheit, an die ich mich bewusst erinnern kann, eigentlich immer fröhlich und unternehmungslustig. Im Laufe von Jahren veränderte sich ihr Wesen, so dass sie schließlich ein ernster, stiller, verschlossener Mensch wurde. Es kam auch manchmal zu Situationen, in denen ich meine Mutter nicht verstand und mich auch von ihr nicht verstanden fühlte.“ Nachdenklich blickt sie aus dem Fenster. „Ich war zehn Jahre alt. Die Grundschule lag hinter mir, nach den Ferien würde ich zur Mittelschule gehen. Ich wäre gern zum Gymnasium gegangen, um das Abitur zu machen und mit meinen Schulleistungen hätte ich das auch gekonnt. Aber Mutti meinte: ‚Geh´ zur Mittelschule, da sind die Lehrer netter zu dir, das ist heutzutage wichtig. Als Mädchen brauchst du kein Abitur. Du heiratest mal einen netten Mann und bekommst Kinder.’ Sie fügte noch hinzu: ‚Aber erzähle es nicht unseren Verwandten in Braunschweig, dass du nur zur Mittelschule gehst. Das ist nicht ganz standesgemäß.’ Ich war enttäuscht, aber ich nahm die Entscheidung meiner Mutter hin. Später habe ich ihr Vorwürfe gemacht. Aber wenn ich mich in die damalige Zeit zurückversetze … Sie hat sicher aus ihrer Sicht das Beste für mich gewollt.
Meine Gedanken waren in jenen Osterferien auch gar nicht so sehr bei dem bevorstehenden Schulwechsel. Ich war in dem Alter, wo alle Jungen und Mädchen in die Hitlerjugend aufgenommen wurden. Zunächst in das Jungvolk und den Jungmädelbund. Meine Kluft hatte ich schon. Mutti war einige Wochen vorher mit mir gegangen und hatte sie mir gekauft: den schwarzen Rock, die weiße Bluse, die braune Jacke und das schwarze Halstuch mit dem Lederknoten. Ich war mächtig stolz! Es kam der Tag für die Aufnahme der Neuen.“ Ruth sieht alles wieder so lebendig vor sich, als sei es gestern gewesen.
„Aufgeregt mache ich mich auf den Weg in meiner neuen Kluft. Ich habe lange Zeit zu laufen, denn die Aufnahme findet auf dem Schulhof des Gymnasiums statt, ganz unten in der Stadt. Ich freue mich! Ich gehöre jetzt nicht mehr zu den kleinen Kindern, sondern zu den Großen! Ich darf ihre Spiele mitspielen, ihre Lieder singen, ihre Ausflüge mitmachen, ihre Kluft anziehen. Ich gehöre dazu! Atemlos vom schnellen Laufen und von der freudigen Erwartung, komme ich auf dem Schulhof an. Da sind schon Sigrid, Beate und Christa, meine Freundinnen. Sie sind genau so aufgeregt wie ich. Wir müssen noch fünf Minuten warten, dann kommt die BDM-Führerin, die die Neuen aufnimmt. Es ist Lucie, ich kenne sie flüchtig, man kennt sich eben in einer kleinen Stadt. Ich sehe ihr erwartungsvoll entgegen. Lucie sieht mich auch. Sie bleibt einen Augenblick stehen. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich. Es ist, als ob sich ein Schatten über ihr offenes, freundliches Gesicht legt. Dann kommt sie auf mich zu, sieht mich ernst an und nimmt mich bei der Hand. ‚Komm mit mir’, sagt sie leise und führt mich von den anderen Kindern weg in eine Ecke des Schulhofes. Dort nimmt sie mich in den Arm und streicht mir sanft über das Haar. Ihre Stimme klingt bewegt, als sie sagt: ‚Ich kann dich nicht aufnehmen, Ruth. Du kannst heute bei uns bleiben, wo du schon einmal hier bist und den Dienst mitmachen. Aber ich muss dich bitten, dann nicht mehr zu kommen.’ Ich sehe Lucie verständnislos an. Ein Kloß sitzt mir im Hals. ‚Ja, aber … aber warum denn nicht’, ich stottere plötzlich, ‚ich … ich bin … ich bin doch zehn Jahre alt!’ Lucie drückt mich fester an sich und sagt mit ihrer leisen, freundlichen Stimme: ‚Ich kann dir das nicht erklären, Ruth! Frage deine Mutter, wenn du nachher zu Hause bist.’ Völlig verwirrt gehe ich mit Lucie zu den anderen. Der Dienst macht mir keinen Spaß. Wir sitzen in einem Klassenraum. Eine BDM-Führerin spricht zu den Neuen. Ich höre ihre Worte nicht, sie gehen an mir vorbei. Dann lernen wir ein Lied. Ich kann mich nicht konzentrieren, ich muss immer an Lucies Worte denken. Was meint sie nur, was soll meine Mutter mir erklären? Zu Hause empfängt mich Mutti still und nachdenklich. Ich platze gleich los: ‚Mutti, die wollen mich nicht aufnehmen. Warum denn nicht? Lucie sagt, du sollst es mir erklären!’ Ernst sieht meine Mutter mich an und sagt nur einen Satz: ‚Dein Vater ist doch Jude.’ Ich verstehe gar nichts mehr. ‚Was ist denn das, Jude?’ ‚Nun, eine andere Rasse’, antwortet meine Mutter. ‚Vati, Jude, eine andere Rasse? Was ist das denn? Vati ist doch nicht anders als wir, er ist doch genau so wie alle Menschen!’ ‚Eines Tages wirst du es verstehen!’ Meine Mutter dreht sich um und geht. Fassungslos bleibe ich zurück. Ich gehe langsam in mein Zimmer, ziehe meine Kluft aus und hänge sie für immer in den Schrank. Ich ziehe ein Hauskleid an und gehe in den Garten. Dort setze ich mich unter meine geliebte Tanne. Ich kann nichts denken und fühlen. Geistesabwesend starre ich vor mich hin. Mir ist, als hätte ich einen furchtbaren Schlag bekommen.“ Ruth schweigt. Nachdenklich blickt sie ins Leere. „Warum hat meine Mutter sich so verhalten? Warum hat sie mit mir die Kluft gekauft, wo sie doch wusste, dass ich sie nie tragen würde? Warum hat sie mir auf meine drängenden Fragen keine Antwort gegeben? Warum hat sie mir nicht erklärt, was es bedeutet, ein Jude zu sein? Sie war wohl so sehr gefangen in ihren eigenen Problemen – die Sorgen um die Zukunft unserer Familie, speziell um die ihrer Kinder, das politische Klima, das unheildrohend die Tage vergiftete und Böses ahnen ließ für die nächsten Jahre – dass ihr meine Probleme gar nicht bewusst wurden. Meine Mutter … sie hat viel aushalten müssen. Sie war klein und zierlich und immer ein bisschen kränklich. Diese Schicksalsjahre waren zu viel für sie.
Ich erinnere mich an ein anderes Ereignis. Es geschieht einige Jahre später, ich bin schon zwölf oder dreizehn Jahre alt. Ich sitze bei den Hausaufgaben. Meine Mutter kommt ins Zimmer. Sie ist aufgeregt und sehr nervös. In der Hand hält sie ein kleines Päckchen. ‚Schnell, Ruth’, in ihrer Stimme ist ein Zittern, ‚lauf zur Oma, bring ihr dieses Päckchen. Ich habe gerade einen Anruf bekommen, die Gestapo ist zu uns unterwegs zur Hausdurchsuchung. Lauf schnell! Aber geh’ über die Chaussee, damit du ihnen nicht begegnest.’ Ich nehme das Päckchen und renne los. Gestapo – Hausdurchsuchung – ich bekomme Angst. Was ist in dem Päckchen? Ich weiß es nicht, kann es mir nicht denken. Und wenn sie mich damit erwischen? Es läuft mir heiß und kalt über den Rücken. Ich renne keuchend durch die Dunkelheit. Es ist November, später Nachmittag. Leichter Sprühregen durchweht die Luft. Den Berg hinunter, jetzt durch die Lindenstraße – ich habe die Chaussee erreicht, die außerhalb des Ortes den Stadtkern umgeht. Hier ist es noch dunkler. Es gibt keine Straßenbeleuchtung. Mir wird unheimlich zumute, die Angst treibt mich vorwärts. Da kommt hinter mir ein Auto mit aufgeblendeten Scheinwerfern. Der Fahrer drosselt die Geschwindigkeit; mit aufgeblendeten Scheinwerfern fährt der Wagen im Schritttempo hinter mir her. Meine Angst steigert sich. Sie sitzt mir im Nacken wie eine eiserne Faust, die mich gepackt hat. Ich weiß nicht, wie lange das Auto hinter mir hergefahren ist, eine Minute, fünf, zehn oder länger? Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor. Eine Ewigkeit in einer Hölle von Angst. Schließlich schert der Wagen nach links aus und fährt vorbei. Ich bin erleichtert, aber der Schrecken des Erlebten sitzt mir noch lange in den Gliedern. Ich komme unbehelligt bei meiner Großmutter an und gebe ihr das Päckchen.
Vielleicht war der Vorfall ganz harmlos, und nur meine eigene Angst hat eine schreckliche Gefahr daraus gemacht? Aber in der damaligen Situation war ich fest davon überzeugt, dass die Gestapo in dem Wagen saß.
In dieser Zeit, es war um das Jahr 1938, zogen sich auch meine Schulfreundinnen mehr und mehr von mir zurück. Einige kamen noch manchmal. Es konnte viele Gründe haben: Wir wohnten außerhalb der Stadt, und der Weg zu uns war für manche weit. Meine Freundinnen und ich gingen nun schon in die siebte Klasse, und wir hatten entsprechend viele Hausaufgaben auf. Da blieb oft kaum Zeit übrig. Dann war da der Jungmädeldienst mittwochs und samstags nachmittags, von dem ich ja ausgeschlossen war, den meine Schulkameradinnen aber natürlich mitmachten. Es kam immer wieder vor, dass in der großen Pause eine Gruppe von Mädchen, mit denen ich gerade ging, mich wegschickte mit diesen oder ähnlichen Worten: ‚Geh´ mal weg, davon verstehst du doch nichts. Das sind Sachen aus dem Dienst.’ So stand ich in manchen Pausen allein und isoliert auf dem Schulhof. Aber es gab auch noch freundschaftliche Beziehungen zu einigen Klassenkameradinnen. Nur einmal sagte mir ein Mädchen klar und deutlich: ‚Ich darf nicht mehr zu dir kommen, und ich darf dich auch nicht mehr einladen. Hat meine Mutter gesagt.’ ”
Die Kinder konnten meine Situation nicht verstehen, denkt Ruth, wie sollten sie auch! Ich habe sie ja zunächst selbst nicht verstanden. Ruth erinnert sich weiter an viele kränkende Begebenheiten. „Zum Beispiel die beiden frechen Jungen, ungefähr in meinem Alter. Sie lebten in einem großen Haus, umgeben von einem parkartigen Garten. Die Straße, die ich täglich gehen musste, lief zirka fünfzig Meter an dem Garten entlang, getrennt durch einen hohen Zaun. Es gab auf diesem Grundstück einen bissigen Schäferhund. Oft lauerten mir die Jungen auf. Wenn sie mich sahen, riefen sie den Hund und kamen mit ihm an den Zaun. Dann schrien sie: ‚Judas, Judas, Itzig, Itzig – Sultan, fass, fass!’ Und der Hund sprang mit wütendem Gebell am Zaun hoch und lief neben mir her, bis er nicht mehr weiterkonnte. Ich musste täglich all meinen Mut zusammennehmen, um an diesem Garten vorbeizugehen. Ich wusste nie, waren sie heute da oder nicht, und würde der Hund nicht doch eines Tages über den Zaun springen?
Meiner Mutter habe ich nichts von diesen Dingen erzählt. Sie war oft so müde, abwesend und erschöpft. Seit Hitler 1935 die Nürnberger Gesetze zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre erlassen hatte, durften meine Eltern kein Mädchen mehr beschäftigen. Ich weiß noch, wie wütend Anna, unser letztes Hausmädchen, war, als sie gehen musste. Sie war gern bei uns, und wir Kinder haben sie sehr geliebt. Einmal, als mein Bruder und ich mit Masern im Bett lagen, hat sie uns einen ganzen Nachmittag lang die Zeit mit ihren Zauberkunststücken vertrieben und uns Geschichten erzählt. Sie sah nicht ein, dass sie ihre Stelle verlieren sollte, bloß wegen ein paar unverständlicher Gesetze. Zwischendurch kam noch einmal eine ältere Frau, um meiner Mutter zu helfen. Sie blieb aber nur ein paar Wochen. Für eine kurze Zeit kam später ein halbjüdisches Mädchen zu uns, das war erlaubt. Aber die Last des Haushalts lag doch auf den Schultern meiner Mutter. In der Zeit gab es noch nicht so praktische Haushaltsgeräte wie heute, und der Weg in die Stadt zum Einkaufen dauerte eine halbe Stunde. Auf dem Rückweg mussten die schweren Taschen den Berg hinaufgetragen werden. Am Anfang fuhr Mutti noch mit dem Auto, aber später durfte es nicht mehr benutzt werden. Es wurde aufgebockt. Ich weiß nicht mehr, wann das war. Aber ich weiß genau, wie es nun war, wenn ich aus der Schule kam: Die Pellkartoffeln, ein Messer und eine Gabel standen schon bereit. ‚Schnell, Ruth, die Kartoffeln pellen und den Tisch decken, Hans kommt auch gleich.’ Mein Bruder hatte einen längeren Schulweg als ich. Mutti stand am Herd und machte das Essen fertig. Nach dem Essen war es dann meine Aufgabe, das Geschirr zu spülen, den Herd zu putzen und in der Küche den Fußboden aufzuwischen. Besonders der Herd machte viel Arbeit. Es war ein altmodischer Herd. Die linke Seite konnte mit Kohlen beheizt werden, auf der rechten Seite gab es zwei oder drei Gasflammen. Die Kohlenseite war bedeckt mit einer Platte aus silbrigem Metall, vielleicht war es Stahl. Jeden Tag habe ich diese Platte mit einem Putzmittel, einem Tuch und mit kräftigem Druck der Arme und Hände blank geputzt. Wenn dann jemand sagte: ‚So gut wie du kann das niemand, Ruth’, war ich ganz stolz. Wenn wir Hausaufsätze aufhatten, habe ich mir bei der Küchenarbeit immer die Geschichten ausgedacht. Später brauchte ich sie dann nur noch aufzuschreiben.
Immer wieder hat Mutti uns ermahnt: ‚Ihr müsst in der Schule besonders gut sein, müsst gute Leistungen bringen, sonst werfen sie euch womöglich von der Schule.’
Es gab Wochen, in denen gar nichts Besonderes passierte, wo der Unterricht seinen Gang ging. Aber es gab immer wieder Nadelstiche. Da war die Biologiestunde, in der über Vererbung und die mendelschen Gesetze gesprochen wurde. Am Schluss mussten wir den Spruch auswendig lernen: ‚Gott schuf den Weißen, Gott schuf den Schwarzen, aber der Teufel schuf das Halbblut.’ Einmal, auf dem Nachhauseweg, ist eine Gruppe Jungen vor mir. Sie bleiben plötzlich stehen und gucken in meine Richtung. Ich höre einen sagen: ‚Die da, die ist doch auch ein Halbblut.’ ‚Wieso?’ fragt ein anderer. ‚Na, weil ihr Vater Jude ist.’ Zu mir gewendet, sagt er: ‚Dein Vater ist doch Jude, stimmt´s?’ Ich bekomme einen roten Kopf und sage nichts. Er tritt einen Schritt auf mich zu: ‚Dein Vater ist Jude, das weiß ich doch genau!’ ‚Nein, nein,’ antworte ich, mir selbst kaum bewusst, ‚es stimmt nicht, es ist nicht wahr!’ ‚Und lügen tut die auch noch!’ Damit gehen die Jungen weiter. Ich fühle mich den ganzen Nachmittag beschämt und elend. Warum habe ich nur gelogen? Warum habe ich nicht zu meinem Vater gestanden? Was gehen mich diese Jungen an? Warum habe ich ihnen nicht die Wahrheit gesagt? In dem Augenblick, als sie mich beschimpften, hatte ich nicht den Mut dazu.“
An eine Begebenheit in der Schule erinnert sich Ruth auch. Sie meint, dass der Vorfall Konsequenzen für ihr späteres Leben gehabt hat. Der brennende Wunsch, Schauspielerin zu werden: Ist er vielleicht durch dieses Erlebnis ausgelöst worden? Zum Schulfest soll ein Theaterstück einstudiert werden – Dornröschen. Bei der Rollenverteilung fällt Ruth die Hauptrolle zu. Wie glücklich sie ist! Eifrig fängt sie an zu lernen und freut sich schon auf die erste Probe. Sie kann ihren Text gut! Alle Kinder sind in der Klasse versammelt. Der Lehrer, der die Aufführung leitet, kommt herein. Jetzt geht´s los! denkt sie. Da hört sie Herrn Gerlach sagen: ‚Annie, du übernimmst die Hauptrolle!’, und zu Ruth gewendet: ‚Dich kann ich leider nicht nehmen, Ruth. Die Lehrerkonferenz hat es so beschlossen.’ Wieder einmal eine Niederlage! Sie ist ins Abseits gestellt! Langsam gewöhnt sie sich an den Schmerz. Aber es tut immer wieder weh!
Ihr Zufluchtsort in jenen Jahren ist der schöne Bechstein-Konzertflügel, den ihre Mutter besitzt. Sie war als junges Mädchen eine gute Pianistin, die auch mehrmals öffentlich bei den Hochschulfesten musiziert hat. Als Ruth klein war, hat sie oft gespielt, später immer seltener. Als die Zeiten für die Familie so schwer wurden, hat sie ganz aufgehört. Ruth hat sich als kleines Mädchen manchmal ganz still in eine Ecke des Musiksalons gesetzt. Sie konnte ihrer Mutter lange zuhören. Mit neun Jahren bekommt sie Klavierunterricht. Zunächst kommt ihr Lehrer, Herr Bialojan, ins Haus. Er macht immer seinen Spaß mit ihrer Mutter, indem er ihr versichert, er käme einmal bei Nacht und Nebel, um den schönen Bechstein-Flügel zu holen. Die Tonleitern und Fingerübungen machen Ruth gar keinen Spaß. Sie findet sie langweilig. Manchmal will sie nicht üben. Dann droht die Mutter, Herrn Bialojan abzubestellen. Das möchte sie aber auch nicht. Sie nimmt sich zusammen und macht rasch Fortschritte. Als sie es besser kann, macht ihr das Klavierspielen auch Spaß.
Nach einigen Jahren, Ruth weiß es nicht mehr genau – es mag um 1938 gewesen sein, kommt Herr Bialojan nicht mehr. Ihre Mutter gibt keine Erklärung ab für sein Wegbleiben. Ruth erklärt es sich selbst, sie ist immerhin schon dreizehn Jahre alt und hat einiges erlebt. Sie bekommt nun in Goslar Klavierunterricht. Solange ihre Mutter noch Auto fahren kann, bringt sie Ruth jede Woche hin und wartet, um sie wieder mit nach Hause zu nehmen. Später fährt Ruth mit dem Zug oder mit dem Bus. Hat sie bei Herrn Bialojan die Klavierschule, einige leichte Stücke aus den Kinderszenen von Robert Schumann und 2 Sonatinenbände absolviert, spielt sie nun bei Herrn Zierbeck nach einer Anfangsphase zunächst Mozart-Sonaten, später Beethoven, die Pathétique und die Mondscheinsonate. Das Klavierspielen hat sie in jenen Jahren über viele schwere Stunden hinweggebracht. Sie kann stundenlang spielen. Sie kann ganz in der Musik versinken, ihren Kummer, alle Anfeindungen und Niederlagen vergessen. In einer der letzten Stunden, die sie bei Herrn Zierbeck hat, fragt er sie: ‚Willst du nicht zum Konservatorium gehen, Ruth? Du hättest das Talent dazu.’ Wie oft hat sie später an diese Worte denken müssen bei all ihren Versuchen, im reiferen Lebensalter nachzuholen, was sie zwangsläufig in ihrer Jugend versäumen musste. ‚Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich frei hätte entscheiden können?’ Sie fragt es sich mit Bitterkeit.
Ruth macht eine lange Pause. Sie sinnt ihren Erinnerungen nach. Eine Zeitlang bleibt es still im Zimmer. Das Wechselspiel von Licht und Schatten malt Muster auf den Fußboden und an die weißgetünchten Wände. Aus ihren Gedanken heraus, wie aus weiter Ferne, beginnt Ruth wieder: „Als ich mit der Schule fertig war, machte ich zunächst das Pflichtjahr. In diesem Jahr mussten die schulentlassenen Mädchen bei der Hausarbeit helfen – in kinderreichen Familien, auf Bauernhöfen, in Krankenhäusern oder Heimen. Damit es keine Probleme mit meiner nichtarischen Abstammung gab, wurde ich zu einer befreundeten Familie nach Berlin geschickt. Der Hausherr war Leibarzt des letzten deutschen Kaisers gewesen. Deswegen respektierten ihn die neuen Machthaber. Er würde keine Schwierigkeiten bekommen.“

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Leseprobe: Neukölln ist nirgendwo

Neukölln ist nirgendwo

Um ihr Pensum zu schaffen, drei Wohnungen an diesem Vormittag, muss sie sich beeilen. Für längere Pausen bleibt keine Zeit. Der nächste Einsatzort liegt nur eine Straßenecke entfernt. Ein modernes Appartementhaus, Domizil einer Altenpflegerin Mitte 30.
„Hoffentlich erwische ich nicht wieder irgendeinen ihrer Liebhaber im Schlafzimmer. Die Dame führt einen lasterhaften Lebensstil“, gibt Anka preis, während sie den Fahrstuhl betritt, um in die fünfte Etage zu gelangen.
„Einmal ‒ ich hatte gerade die Tür geöffnet ‒ trat ein junger Mann auf den Flur, splitterfasernackt, lächelte mich an und fragte, ob ich auch einen Kaffee möchte. Daraufhin habe ich sie dann gebeten, mich vorher zu informieren, wenn ich nackte Männer in ihrer Wohnung antreffen würde. Die Dame ist sehr liebenswürdig, ich mag sie gerne. Sie lebt von ihrem Mann getrennt, einem Libanesen, der auch ihre Kinder aufzieht. Ein Mädchen und ein Junge, 9 und 13 Jahre alt. Deshalb leidet sie an Schuldgefühlen und betäubt diese mit Alkohol und Männerbekanntschaften. Für meinen Geschmack etwas zu viele, aber das geht mich ja nichts an. Obwohl sie mich äußerlich an meine Tochter erinnert. Wir haben uns angefreundet. Einmal ging es ihr sehr schlecht. Ich traf sie verweint in ihrer Wohnung an und machte uns beiden gleich einen Tee. Sie vermisste mal wieder ihre Kinder. Ich nahm sie dann in den Arm, wir redeten eine Stunde lang, danach hat sie selbst geputzt, mich aber trotzdem bezahlt.“ Während Anka die Tür öffnet, verschafft sie sich einen raschen Überblick über den Zustand der Wohnung. „Heute ist hier nicht viel zu tun!“, stellt sie zufrieden fest. „Nur etwas Staub wischen. Es ist halt eine ordentliche Kundin!“ Von den Bücherregalen und CD-Ständern abgesehen ist die Wohnung angenehm leer. Die Wände sind mit den Fotos ihrer Kinder geschmückt. Auf dem Schreibtisch steht ein aufgeklappter Laptop, daneben liegt ein Reisepass, ein Schreiben vom Arbeitsamt, sowie ein geöffneter Lonely Planet Reiseführer für Kroatien. „Nein, nein, ein Elendsviertel ist etwas ganz anderes“, äußert Anka und nimmt damit die in der ersten Wohnung begonnene Konversation wieder auf.
R.S.: „Anka, hast du davon gehört, dass der Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, ein Buch geschrieben hat? Es heißt „Neukölln ist überall“. Anka (erstaunt und interessiert zugleich): „Nein. Ich kenne mich zwar mit Politik nicht gut aus, aber sollte ein Bürgermeister sich nicht mit anderen Dingen beschäftigen? Wer liest denn so etwas?“
R.S.: „Es war monatelang in den Bestsellerlisten, der Bürgermeister wurde dadurch Millionär. Es geht um die Probleme mit Integration, Einwanderung etc.“
Anka: „Wenn er jetzt Millionär ist, dann kann er das Geld ja für soziale Zwecke einsetzen, hier in Neukölln, zumindest einen Teil davon. Einwanderung? Ist das immer noch ein Thema hier? Das begann doch schon vor Jahrzehnten bei Euch in Deutschland, oder? Hat man sich noch nicht daran gewöhnt? Es gibt ja überall solche und solche. Aber, wenn ich mich hier so umschaue, in Neukölln, oder auch in anderen Bezirken Berlins, die Einwanderer sind doch überall. Und, wenn du mich fragst, die halten die Stadt am Leben. Wer betreibt denn hier die ganzen Geschäfte?! Vorhin, zum Beispiel, als wir an der Bäckerei vorbeigingen, da saßen nur Deutsche, tranken Kaffee. Was wäre denn Neukölln ohne Einwanderer? Nichts, meiner Meinung nach. Wenn es den Menschen zu gut geht, dann werden sie zu bequem, erwarten alles vom Staat. Genau das ist in Deutschland passiert. Dann kommen die Einwanderer, füllen die Lücken, verändern das Umfeld. Das wird in Polen auch so passieren, es fängt gerade an. Alle schimpfen auf die Vietnamesen, die Russen, die Ukrainer, die Zigeuner vor allem, dabei sind Millionen Polen selbst ausgewandert, bis vor Kurzem.“
Anka wischt schnell über den Fußboden, staubt die Bücherregale ab, gießt die Zimmerpflanzen. Ihr Geld liegt diesmal auf der Kommode im Flur, unter einem Schuhanzieher. „Fertig!“ ruft sie aus, während eine Pirogge von ihrer Hand in den Mund wandert, wobei sie genießerisch die Augen schließt.
Draußen regnet es jetzt stärker, der Wind hat zugenommen. Anka öffnet einen Regenschirm, läuft zur U-Bahnstation, fährt eine Station weiter zu der letzten Wohnung an diesem Vormittag, bevor sie sich in einem kleinen Café stärken wird. Die nächste Wohnung liegt in der Karl-Marx-Straße, wird von einem pensionierten Lehrer-Ehepaar bewohnt. Ein sorgfältig sanierter Altbau neben einer Eisdiele, gleich gegenüber vom Rathaus Neukölln.
„Am liebsten würde ich diese Putzstelle kündigen ‒ ich kann das Ehepaar nicht ausstehen. Das sind so richtige Alt ‒ wie heißt das bei Euch? Die früher immer demonstriert und Haschisch geraucht haben … ?!“
R.S.: „Du meinst vielleicht Alt-68er, Anka?“
Anka: „Genau, 68er ‒ links reden, rechts leben. Machen auf multikulti und sozial, beschweren sich aber über den Lärm der türkischen Kinder und zahlen mir auch nur einen Hungerlohn, obwohl die wirklich sehr wohlhabend sind und kinderlos. Dafür haben sie eine fette Katze, die mehr Geld verfrisst als fünf Kinder. Wenn du mich fragst, diese 68er gehören ins Altersheim.“
Anka schließt die Tür auf. In der Wohnung riecht es abgestanden. Fünf Zimmer, zwei Balkone. Die Einrichtung besteht überwiegend aus Antiquitäten. An den Wänden hängen Radierungen, die wertvoll zu sein scheinen. Eine dicke Perserkatze schlummert in ihrem Korb, ein Kanarienvogel trillert in seinem goldenen Käfig. Auf dem Wohnzimmertisch liegt die EMMA aufgeschlagen, neben einem Prospekt über Immobilien in der Toskana. Über dem Schreibtisch hängen Fotos an der Wand: Die Inhaber der Wohnung, ein ältliches Ehepaar, zusammen mit Joschka Fischer auf einer Veranstaltung. Alle drei grinsen wie die Honigkuchenpferde, sehen wohlgenährt aus. Sie hat hüftlange Haare, trägt ein wallendes Gewand, er einen Backenbart. Daneben, das Ehepaar vor dem Zuckerhut in Rio, der Basilius-Kathedrale in Moskau, beim Wandern in irgendeiner Mittelgebirgslandschaft. Anka schmeißt den Staubsauger an, wuselt durch alle Räume, ihr Rücken schmerzt. „Das sind ganz penible Kunden, ich sagte es ja schon!“ Mit missmutigem Gesicht reinigt sie das Katzenklo und füllt eine Dose „Whiskas“ in den Futternapf. Die Perserkatze miaut zufrieden.
„Weißt du, wie die Katze heißt? Rosa, so wie Rosa Luxemburg. Der Kanarienvogel drüben im Wohnzimmer wurde Karl getauft, so wie Karl Marx. Komisch, oder? Die werten Herrschaften hätten es keine drei Tage bei uns in Polen ausgehalten während des Kommunismus. Schau doch mal in den Kühlschrank!“ Gesagt, getan.
Der Kühlschrank des linken Lehrerehepaares entpuppt sich als Füllhorn dickmachender Köstlichkeiten: Pastete aus dem KDW neben einer Marzipantorte und anderen Leckereien. „Links reden, rechts leben“, wiederholt Anka und wirft der Katze einen bösen Blick zu. Anka sieht jetzt erschöpft aus, eine Haarsträhne fällt ihr ins Gesicht. Fünf Stunden sind seit ihrem Arbeitsbeginn vergangen, drei Wohnungen hat sie auf Vordermann gebracht. Sie öffnet den für sie auf dem Küchentisch liegenden Umschlag, nimmt das Geld heraus und liest den dazugehörigen Brief.


Liebe Anka,
wie wir feststellen mussten, haben Sie sich nicht daran gehalten, so wir es Ihnen nahegelegt hatten, vegane Putzmaterialien zu verwenden. Es mag in Ihrem Heimatland üblich sein, sich nicht um ökologische Belange zu scheren, aber hier bei uns verfolgt man einen ökologischen, nachhaltigen Ansatz, zum Schutz unserer Umwelt. Das gilt auch gerade für die Hauswirtschaft. Sie kennen vielleicht den Slogan ‚Think globally, act locally‘. Das ist Englisch und bedeutet so viel wie, „Denke global, aber handele regional.“ Ihr Hinweis, Sie könnten sich keine ökologisch abbaubaren Reinigungsmittel leisten, ohne den jetzigen Stundenlohn zu erhöhen, hatte Ihnen mein Ehemann ja neulich eindeutig widerlegt, in seiner Aufstellung. Hätten Sie bei Ihrer Tätigkeit, hier in Berlin, von Anfang an einen nachhaltigen Ansatz verfolgt, wären Ihnen keine Unkosten entstanden. Ferner hatten wir Ihnen ‒ in unserem letzten Schreiben ‒ eine Liste beigefügt, wo Sie günstig die von uns erwünschten Produkte hätten erwerben können. Wie wir leider feststellen mussten, benutzen Sie immer noch umweltschädliche Allzweckreiniger und Reinigungstücher. Das Selbe gilt für die von Ihnen verwendete Schmierseife, Scheuermilch, sowie für die Laminat- und Korkpflege, als auch für die Parkettpflege. Unsere Katze Rosa wirkt jedes Mal verstört, nachdem Sie in unserer Wohnung waren. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, das Arbeitsverhältnis mit dem heutigen Tage zu beenden. Hinterlegen Sie die Wohnungsschlüssel bitte auf dem Küchentisch.
Vielleicht sollten Sie auch in Erwägung ziehen, sich in Polen eine Stelle zu suchen, um unsere Umwelt zu schonen und diese nicht durch Ihr permanentes pendeln ‒ per PKW ‒ zu strapazieren.
MfG


Anka schmunzelt, nachdem sie den Brief gelesen hat. Dann steht sie auf, geht langsam auf den Kühlschrank zu, öffnet diesen, holt die Marzipan-Torte heraus und würzt diese kräftig mit dem Salzstreuer. Anschließend stellt sie alles wieder zurück an seinen Platz.
Es ist früher Nachmittag. Anka holt die letzte Pirogge aus ihrer Tüte. „Lass uns gehen!“ sagt sie. „Ich habe Mittagspause. Außerdem ersticke ich hier in dieser Wohnung“. Beim Hinausgehen wirft sie noch einen letzten Blick auf die Räumlichkeiten: Fünf Zimmer, zwei Balkone, Antiquitäten und wertvolle Radierungen an den Wänden, 8 Euro Stundenlohn als Putzfrau.
„Mach es gut Rosa, du bist eigentlich ganz in Ordnung, was man nicht von deinem Frauchen und Herrchen behaupten kann“, ruft Anka der Katze zum Abschied zu, bevor sie die Tür ‒ etwas zu laut ‒ ins Schloss fallen lässt.
Unten auf der Straße hat es aufgehört zu regnen. Die frische Luft wirkt wie ein Muntermacher nach dem Mief der Lehrer-Wohnung. Wir laufen die Karl-Marx-Straße hinunter, anschließend die Boddinstraße hinauf. Altbauten säumen die baumbestandene Straße, welche an dieser Stelle leicht hügelig aufwärts führt. Mit etwas Phantasie wähnt man sich in San Francisco, oder gar Valparaiso.

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Leseprobe: Fiona – Spinnen (Band 8 der Fantasy-Saga)

Fiona – Spinnen

Ich hasse das Sterben. Und das Aufwachen danach auch.
Was ist passiert? Im Moment weiß ich nur, dass ich gerade wieder zum Leben erwache. Das ist diesmal ungewöhnlich schmerzhaft, als hätte etwas meinen Körper zerfetzt. Ich spüre, dass ich auf einer harten Unterlage liege.
Neben mir befindet sich noch etwas. Weich, ansatzweise warm. Ein Körper, nackt wie meiner.
Langsam erinnere ich mich wieder. Ich drehe den Kopf und sehe Katharina. Ihre Augen sind offen, sie atmet. Auf ihrem Kopf Blut und noch etwas.
Mein rechter Arm ist eingeklemmt. Ich glaube, sie liegt auf ihm. Ich taste mich mit dem anderen Arm ab. Einige Stellen sind sauber und trocken, andere von verkrustetem Blut und was auch immer bedeckt.
Die Explosion. Sie hat uns zumindest teilweise zerfetzt, und Reste unseres alten Körpers bedecken uns.
Na toll.
Ich setze mich auf und sehe mich um. Eine Kammer. In einer ähnlichen war ich schon. Von diesem Raum aus werden die Leichen in den Shadartunnel gekippt. Wir liegen nebeneinander auf einer Bahre, nackt. Um uns herum weitere Reste von uns. Vermutlich sind sie beim Regenerieren abgestoßen worden, wie die alte Haut bei der Entpuppung. Besonders appetitlich sieht es nicht aus.
Scheiß drauf.
Katharina rührt sich auch. Und stöhnt. Ich betrachte ihren Körper, dann entferne ich einige Teile, die sie nicht mehr braucht. Ich glaube, ein Stück Darm ist auch dabei. Und obwohl ich ihren Körper wirklich sehr gut kenne und liebe, ist das ein Teil davon, den ich weder sehen noch berühren möchte.
Bäh!
„Was ist passiert?“, fragt sie und stöhnt erneut. „Ich war wohl tot …“
„Ich auch. Irgendwas ist explodiert.“
„Explodiert?“
„Zerplatzt. Bumm. Unsere Körper auch zum Teil.“ Ich halte einen weiteren ehemaligen Bestandteil ihres Körpers hoch. „Keine Ahnung, was das ist, aber ich glaube, es war mal in deinem Körper.“
Sie verzieht das Gesicht. „Das ist ja widerlich.“ Sie setzt sich auf. „Wo sind wir überhaupt?“
„Kurz vor dem Shadartunnel.“
„Oh. Ich dachte, Matrixbeauftragte sind unberührbar?“
„Das dachte ich auch. Mir scheint, unser Auftrag wird spannend.“
Sie mustert mich. Meine Augen. Meinen Mund. Meine Brüste. Meinen Bauch. Meine Beine. Und das dazwischen. Ich glaube das einfach nicht.
„Katharina?“
„Ist ja schon gut. Bist du nicht geil?“
„Ich bin gerade erst zu den Lebenden zurückgekehrt, mir tut alles weh. Tut mir leid, da denke nicht einmal ich an Sex.“
„Schade. Mir tut auch alles weh, übrigens. Aber Sex ist eine gute Ablenkung. Vertreibt den Schmerz.“
„Wir holen das nach. Okay?“ Ich gebe ihr einen schnellen Kuss, dann stelle ich die Füße auf dem kalten Boden ab. Dabei versuche ich, über unsere Situation nachzudenken. Inzwischen funktioniert mein Gehirn wieder und ich schaffe es, die Bilder von den letzten Sekunden abzurufen. Sana war aufgestanden und gegangen, um Getränke zu besorgen. Er wusste also, dass gleich etwas passieren wird. Das wiederum bedeutet, es war geplant.
Nicht gut. Überhaupt nicht gut.
Ich drehe den Kopf um, bis ich Katharina sehen kann. Sie sitzt noch mit angezogenen Beinen auf der Bahre und stützt ihren Kopf mit den Händen ab. Sie scheint ganz ordentliche Schmerzen zu haben. Na ja, sie sind gleich vorbei, wenn der Körper sich vollständig regeneriert hat.
„Kannst du dich erinnern?“, erkundige ich mich. „Sana ist kurz vor der Explosion gegangen.“
„Ja, er wollte Getränke holen.“
„Er hat gewusst, was passieren wird.“
Sie blickt hoch. „Sor hat wohl recht.“
„Wie stehst du jetzt dazu, Niasman zu töten? Uns hat er ja nun getötet. Dass das nichts bringt, konnte er ja nicht wissen.“
„Nein, Unsterblichkeit ist hier nicht so verbreitet, glaube ich. Wir sollten ihn uns vornehmen.“
„Sehe ich auch so.“
„Und zuerst brauchen wir Kleidung.“
Ich nicke, dann horche ich auf. Stimmen. Wenn mich nicht alles täuscht, nähern sich zwei Männer. Wir wechseln schnell einen Blick, dann stellen wir uns rechts und links von der Tür auf. Noch wenige Meter, bis sie an der Tür sind.
„Was haben die beiden Hübschen eigentlich verbrochen?“
„Sind beim eigenen Attentat umgekommen. Hübsch und blöd.“
Na warte.
Als die Tür aufgeht, werden wir sofort aktiv. Ich packe den auf meiner Seiten an den kurzen, rotblonden Haaren und knalle seine Nasenwurzel gegen die Kante der Metallbahre. Das gibt ein ziemlich hässliches Geräusch, vermutlich das Letzte, was der hübsche Rotblonde in seinem Leben hört. Zu blöd auch.
Ich sehe nach Katharina. Sie ist auch fertig. Sie hat dem Anderen erst die Luftröhre mit der Handkante zerschmettert und ihm dann mit einer schnellen Bewegung das Genick gebrochen.
Sie sind etwas größer als wir, aber das stellt kein Problem dar. Die Hosen stopfen wir in die Stiefel und die Ärmel werden hochgekrempelt. ID-Karten haben wir nun auch wieder.
Wir legen die beiden auf die Bahre, dann betätige ich den Schalter. Die Tür geht auf, die Bahre fährt an einem Ende hoch und schon sind die beiden fort.
„Der Vorteil ist, dass sie uns nun für tot halten“, stelle ich fest.
„Wir sollten mit Sor sprechen und ihm sagen, was passiert ist“, erwidert Katharina.
„Im Prinzip eine gute Idee. Aber wie?“
„Hat er nicht gesagt, wir können jedes Telefon nutzen?“
„Ja, aber nur mit den ID-Karten, die wir nicht mehr haben, weil sie auch zerstört wurden, kommen wir direkt zu ihm durch.“
„Hm. Schade.“
„Ich schlage vor, wir nutzen die Gelegenheit, und regeln das auf unsere Weise.“
„Okay. Du bist die Chefin.“
„Wieso bin ich die Chefin? Hä?“
„Weil du dich erinnerst, dich hier auskennst und Dinge weißt, die ich vergessen habe. Dadurch kannst du viel bessere Entscheidungen treffen als ich.“
Das ist wahr. Erstaunlich, wie pragmatisch sie sein kann. Sie war schon immer die Bedachtere von uns beiden, von ihrer Eifersucht und gelegentlichen Ausraster mal abgesehen. Umso besser, dass sie jetzt so praktisch denkt.
„Siehst du es anders?“
„Nein, völlig richtig. Komm, wir besuchen Niasman. Diesmal ohne Vorankündigung.“
Nachdem sie nickt, gehen wir zur Bomo. Es sind einige Trauernde und Mitarbeiter im Shadar, aber in unseren Uniformen fallen wir nicht auf. Zwischendurch entfernt Katharina noch etwas aus meinen Haaren. Sie zeigt es mir zwar, aber ich beschließe, nicht so genau hinzuschauen. Wird wohl ein Teil von meinem Hirn sein. Habe ich eh schon viel zu oft gesehen.
Ich gebe Z7.77 als Ziel an. Die Bomo will daraufhin eine ID haben und gibt sich mit meiner zum Glück zufrieden. Die Tür gleitet zu und die Kabine surrt los. Die Fahrt wird eine Weile dauern.
Katharina lehnt sich gegen die Wand und beobachtet mich.
„Was?“
„Ich habe nur darüber nachgedacht, dass du dich benimmst, als würdest du so was ständig machen.“
„Na ja, mein Leben war nicht langweilig, seitdem ich weiß, dass ich eine Kriegerin bin. Außerdem habe ich eine Menge erlebt, nachdem ich diese Welt betreten habe. Meine ruhigste Zeit war die unten, als wir gewandert sind, und dann in der Prex. Sonst ständig so wie zuletzt.“
„Okay. Und was genau hält dich in diesem Moment davon ab, mich zu küssen?“
Lächelnd trete ich zu ihr und lege die Unterarme auf ihre Schultern. „Erinnerst du dich, wie lästig du es fandest, dass ich dich ständig küssen wollte?“
„Du findest mich lästig?“, fragt sie mit großen Augen.
„Nein. Ich glaube, das könnte niemals passieren. Ich finde es nur lustig, wie sich das geändert hat.“ Ich berühre beim Sprechen inzwischen ihren Mund. „Lustig, aber ausgesprochen hilfreich.“
Sie legt die Hände auf meinen Po und erwidert: „Bist du sicher, dass du hilfreich sagen wolltest?“
„Ja. Es hilft mir dabei, ausgeglichen und entspannt zu bleiben.“
„Ach ja. Dann sollten wir dich jetzt entspannen. Wie findest du das?“
„Sehr gut“, murmele ich und setze es direkt in die Tat um. Zum Glück dauert die Fahrt ja etwas.
Kurz bevor die Bomo die Ankunft verkündet, lösen wir uns voneinander. Katharina grinst wie ein Honigkuchenpferd. Allerdings nur solange, bis sich die Tür öffnet und wir uns Prok und Carch gegenüber sehen.
Ihre Augen weiten sich, die Hände greifen nach den Waffen. Aber wir sind viel schneller, packen die beiden am Hals, halten ihre Handgelenke fest und drücken sie gegen die Wand gegenüber.
Ungünstigerweise sind noch mehr Leute auf dem Korridor. Einige Frauen, die sofort losschreien, jedes dämliche Klischee bestätigend, und drei Bewaffnete.
„Kümmere dich um die beiden!“, rufe ich Katharina zu, dann nehme ich mir die drei vor.
Sie greifen nach ihren Waffen, doch da habe ich schon meine eigene Pistole in der rechten Hand, die von Prok in der anderen. Die ersten beiden sind tot, bevor sie ihre Waffen auch nur berühren, der Dritte schafft es gerade eben, die Waffe zu ziehen, bevor zwei Kugeln seine Stirn zerfetzen.
Was sind das denn für Kaliber, verfluchte Scheiße?
Ich sehe nach Katharina, die bis dahin ihre Aufgabe problemlos erledigt hat. Prok erstickt gerade an einer akuten Luftröhrenverengung, ausgelöst durch den Schlag Katharinas, wie sie ihn vorhin auch schon angewendet hat, Carchs Kopf wurde einmal um 180 Grad gedreht.
„So sieht er besser aus“, erklärt Katharina, als sie meinen Blick bemerkt.
Ich bin mir nicht sicher, ob Carch und potenzielle Verehrerinnen das auch so sehen würden, wenn es denn dazu kommen könnte, aber nun ist es wohl zu spät. Carchs Körper rutscht gerade an der Wand hinunter, was etwas seltsam aussieht, da er dabei sein Gesicht und den Rücken dagegen drückt.
Ich spüre, dass selbst mein Magen rebellieren möchte, und wende mich ab.
„Los, weg hier!“, rufe ich Katharina zu. Da ich mich darin auskenne, sprinte ich zum nächsten Lüftungsschacht. Die Abdeckung leistet nicht lange Widerstand, sie ist nicht für rohe Kriegerkraft gemacht.
„Das sieht nicht einladend aus“, bemerkt Katharina.
„Ich weiß, aber hier wird es gleich noch weniger einladend sein.“