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Leseprobe: Die Legende von Sarah und Thomas – Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

Kreuz

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
Dieses Gebot kam Thomas in den Sinn, während er mit geschlossenen Augen auf dem Boden saß. Er verscheuchte es wieder und öffnete die Augen, als er jemanden herannahen hörte.
Er hob den Blick. Vor ihm stand Gire Tabar. Ruhig sagte er, dass sie kamen. Es war so weit. Thomas erhob sich langsam.
„Sind alle bereit?“, fragte er. Gire nickte. Thomas wusste, dass er sich auf seine Gefährten verlassen konnte. Er legte kurz seine Hand auf Gires Schulter, dann gingen sie gemeinsam den Abhang hinunter. Bald würde es dunkel werden. Zu beiden Seiten des Weges, der zwischen den Bäumen verlief, standen die anderen bereit. Thomas wusste das, ohne sie zu sehen.
„Sie nehmen uns nicht ernst“, erklärte Gire bedächtig. „Zwei Dutzend Bewacher.“
„Bald werden sie uns ernst nehmen“, erwiderte Thomas düster. „Sehr ernst.“
Gire nickte und strich sich über seinen roten Stoppelbart. Es hörte sich an wie eine Klinge, die über Stein gezogen wurde. Thomas‘ Mundwinkel zuckten und die roten Augen seines riesigen Freundes leuchteten kurz auf.
Sie hielten an. Thomas schlug sein Schwert in die von weichem Moos bedeckte Erde und nahm seinen Bogen und einen Pfeil zur Hand, ohne anzulegen. Seine Gedanken flogen dem nahenden Wagen entgegen. Er atmete tief durch. Jeder Schuss musste sitzen.
Als die Reiter und der Wagen deutlich zu hören waren, legte er den Pfeil an und spannte den Bogen. In der hereinbrechenden Dämmerung war er zwischen den dicht beieinanderstehenden Bäumen für die Herannahenden kaum zu erkennen. Dafür konnte er sie umso deutlicher sehen. 22 Reiter und zwei Mann auf dem Bock. Möglicherweise saß noch jemand im Wagen bei Sarah, aber um den musste sie sich selbst kümmern. Thomas suchte mit den Augen den Anführer. Er ritt allein vorneweg, den Rücken durchgedrückt, aufmerksam die Umgebung beobachtend. Thomas verzog den Mund. Was für ein Affe, dachte er.
Als die ersten Reiter den verabredeten Punkt, die hervorstehende Wurzel eines geneigten Baumes, passierten, ließ er los. Sirrend fand der Pfeil seinen Weg und bohrte sich in den Hals des Anführers. Fünf andere Pfeile trafen ebenfalls ihr Ziel, vier Reiter und einer der Männer auf dem Wagen fielen zusammen mit ihrem Anführer. Thomas nahm in aller Ruhe den nächsten Pfeil und spannte den Bogen. Er legte an und schoss den zweiten Mann vom Wagen herunter. Seine Gefährten streckten vier weitere Reiter nieder. Noch 13 oder 14 Männer. Einige von ihnen hielten auf die Bäume zu, hinter denen sich Lanaya und Sulla versteckten. Ihnen blieb keine Zeit zum Schießen. Also sprangen sie mit gezogenen Schwertern und Kampfgeschrei den Reitern entgegen. Thomas und Gire erschossen zwei weitere Männer. Kars und Manty, bis dahin in der Dunkelheit zwischen den Bäumen verborgen, empfingen diejenigen, die sich auf Thomas und Gire stürzen wollten.
Thomas zog sein Schwert aus der Erde und rannte auf den Weg. Die Tür des Wagens wurde aufgestoßen, dann fiel ein lebloser Körper heraus. Thomas konnte erkennen, dass im Wagen gekämpft wurde. Er rannte darauf zu, doch ein Reiter stellte sich ihm in den Weg. Das Pferd stieg vor ihm hoch, ­Thomas wich aus und schlug sein Schwert durch das linke Bein des Reiters. Die Klinge blieb in der Seite des Pferdes stecken, das erneut hochging und ihm dadurch das Schwert aus der Hand riss. Schreiend vor Schmerzen fiel der Reiter nach hinten aus dem Sattel. Thomas konnte sein Schwert gerade noch packen, bevor das Tier die Flucht ergriff. Er blieb neben dem schreienden Mann stehen und schlug ihm den Kopf ab. Dann wandte er sich wieder der Kutsche zu.
Während er zum Wagen rannte, verschaffte er sich einen Überblick, ob seine Hilfe nicht an anderer Stelle dringender benötigt wurde. Lanaya schlitzte gerade mit ihrem Schwert einem Gegner den Hals auf und fuhr dann herum, um Sulla zu helfen. Gire, Kars und Manty erledigten den Rest. Für Thomas gab es nichts mehr zu tun.
Er ging zum Wagen und schaute hinein. Sarah saß auf der Bank. Vor ihr kniete ein Soldat, nicht mehr ganz lebendig. Sie hielt ihn mit gefesselten Händen von hinten am Hals umklammert, er röchelte nur noch vor sich hin. Thomas beendete seinen Todeskampf mit einem Schwertstich ins Herz. Sarah spürte, wie der Körper erschlaffte. Thomas packte ihn an den Haaren und zog ihn aus dem Wagen.
Sie stieg aus, in das bodenlange schwarze Kleid der zum Tode Verurteilten gehüllt. Sie fühlte sich schmutzig und war wütend. Thomas schnitt ihr die Handfesseln durch. Dann blickte sie sich um. Die schlangenhafte Lanaya und der schweigsame Manty waren dabei, die Herumliegenden auf Lebenszeichen hin zu untersuchen. Gire entfernte sich gemächlich und Sarah vermutete, dass er die Pferde holen wollte. Sie sah Thomas an, der ruhig vor ihr stand.
„Ich freue mich, dich zu sehen“, sagte sie.
„Ich freue mich, dich lebend zu sehen“, erwiderte Thomas. Er hielt ihrem forschenden Blick ruhig stand. „Wie geht es dir?“
„Ich bin wütend. Wütend auf diesen verfluchten Verräter Oluar! Und wütend auf mich!“
Thomas nickte. „Kann ich gut verstehen.“
„Ach, wirklich?“
Thomas hatte sie schon oft so erlebt und war unbeeindruckt. Er nickte erneut, und als Sarah zu einer Erwiderung ansetzte, deutete er auf den kleinen Kars Tersem, der sich ihnen schüchtern näherte. „Willst du die anderen gar nicht begrüßen?“
Sarah atmete tief durch, bevor sie antwortete: „Doch. – ­Hallo Kars. Bist du verletzt?“
Kars betastete seine Wange, auf der sich ein blutiger Striemen von der Schläfe an nach unten zog. Dann schüttelte er den Kopf. „Das ist nicht wichtig, nur eine Kleinigkeit. Hauptsache, dir geht es gut. Oder muss ich dich jetzt anders anreden? Mit Hoheit?“
„Untersteh dich!“ Sarah trat zu Kars, fasste in seine dunkelgrünen Haare und drückte ihre Lippen gegen seinen Mund. „Es ist schön, dich zu sehen. Und dass du nicht ernsthaft verletzt bist.“
„Versucht haben die es ja.“ Kars deutete vage auf die Herumliegenden. „Aber ich hatte was dagegen.“
Sarah lächelte. Dann blickte sie zu Gire, der mit den Pferden ankam. Von einem der Pferde nahm er ein Bündel und reichte es ihr. Nach einem knappen Nicken entfernte er sich wieder und half Lanaya und Manty, die Leichen auf einen Haufen zusammenzutragen. Sarah und Thomas sahen Sulla an, der schon eine Weile regungslos in der Nähe stand und sie beobachtete.
Sarah ging zu ihm und legte ihm die Hände auf die muskulösen Oberarme. Mit einem tiefen Blick in seine grünen Augen sagte sie leise: „Ich bin froh, dich zu sehen.“
Sulla nickte lächelnd. „Was hast du jetzt vor, Prinzessin?“
„Erst einmal dieses Kleid loswerden.“ Sarah trat einen Schritt zurück, dann packte sie das Kleid und zerriss es mit einer einzigen Bewegung. Darunter war sie nackt. Sulla wandte sich schnell ab, ebenso die anderen. Nur Thomas hielt den Blick auf Sarah gerichtet. Sie zog Hose und Hemd an, dann streifte sie die Stiefeln über. „Habt ihr auch mein Schwert?“, fragte sie.
„Ja.“ Kars trat zu seinem Pferd und brachte ihr kurz darauf einen eingewickelten Gegenstand. Sie nahm ihn entgegen und packte ihn aus. Zuerst wurde der schwarze Griff sichtbar. Sie umschloss ihn mit den Fingern, dann zog sie die Klinge aus der Scheide. Sirrend glitt sie durch die Luft, während Sarah verschiedene Figuren mit ihr malte. „Damit werde ich diesem Mistkerl den Kopf abschlagen!“, verkündete sie.
„Und dann?“, erkundigte sich Thomas. Die anderen sahen Sarah erwartungsvoll an. Sie musterte die Klinge, dann schob sie sie in die Scheide zurück. Ihr Blick glitt über die Wartenden und blieb zuletzt auf Thomas ruhen. Seine grünen Augen erwiderten den Blick gelassen.
„Dann werde ich die Königin von Untes sein!“
„Ein guter Plan“, sagte Thomas nickend. „Wir marschieren in den Königspalast, köpfen Oluar, erklären der Garde, dass er ein Mistkerl war, und alles ist gut. Du wirst das Land deiner Eltern regieren, die wir getötet haben.“
Sarahs Mundwinkel zuckten kurz. Gepresst fragte sie: „Hast du eine bessere Idee?“
Thomas deutete mit einer ausladenden Bewegung nach hinten. „Wir verlassen Untes und fangen irgendwo ein einfaches Leben an. Arbeiten. Bauen uns ein Haus. Irgendwo, wo uns niemand kennt.“
„Ein guter Plan.“ Sarah nickte. Sie hätte am liebsten losgeschrien, doch stattdessen sagte sie einigermaßen gefasst: „Davon habe ich schon immer geträumt. Eine einfache Bäuerin. Und dann Kinder. Verdammt, bist du bescheuert?!“ Ihr Wutaus­bruch ließ alle bis auf Thomas zusammenfahren. Achselzuckend wandte er sich ab und trat zum Wagen.
„Was machst du da?“, fragte Sarah in scharfem Ton.
Thomas hielt in seiner Bewegung inne und seufzte. „­Sarah, du benimmst dich, als wärst du bereits eine Königin. Ich schaue nach, ob hier etwas ist, womit wir in die Stadt kommen.“
„Da ist nichts!“ Sarahs Stimme klang wieder weicher. Sie trat zu Thomas und legte die Arme von hinten um ihn. „Es tut mir leid. Ich bin so wütend! Er wollte mich hinrichten lassen, dieser verfluchte Mistkerl!“
„Das will er immer noch“, erwiderte Thomas, ihr den Kopf leicht zugewandt. „Und wenn wir das verhindern wollen, brauchen wir einen Plan. Und zwar einen guten.“
„Und uns will er auch tot sehen“, bemerkte Lanaya. „Mit den zwei Dutzend hier wurden wir fertig, weil wir sie überrascht haben. Die Garde ist 500 Mann stark. Und sie werden gewarnt sein.“
„Nicht unbedingt“, sagte Sarah nachdenklich. Sie ging auf und ab. „Wenn wir es schaffen, im Palast zu sein, bevor die Kunde von meiner Befreiung dort ankommt, können wir Oluar erledigen. Er wähnt sich in Sicherheit.“
„Ein guter Plan“, stellte Thomas fest. Sarah spürte, wie sich ihr Körper kurz anspannte. „Wir reiten durch die Stadt? Damit alle sehen, dass du lebst und frei bist?“
Sarah schüttelte den Kopf, ging zu ihrem Pferd und schwang sich in den Sattel. Sie ließ das Tier steigen und dann auf ­Thomas zugaloppieren. Erst wenige Schritte vor ihm brachte sie es zum Stehen und sagte: „Es gibt geheime Wege in den Palast.“
Thomas nickte stumm.
„Es ist nicht aussichtslos!“, fuhr Sarah fort. Ihr Pferd tänzelte. „Kommt ihr mit? Thomas?“ Thomas nickte erneut. Sarah richtete ihren Blick auf die hellblonde Lanaya, deren gelbe Augen ihn selbstbewusst erwiderten. „Und du, Lanaya?“
Lanaya lächelte leicht. „Es wird mir eine Freude sein.“
Gire, Kars, Manty und Sulla standen zusammen. Gire sagte auf Sarahs fragenden Blick hin: „Ja.“ Kars und Sulla nickten schweigend. Manty erwiderte ihn mit ausdrucksloser Miene, dann ging er zu seinem Pferd und stieg in den Sattel. Ohne einen weiteren Blick auf die Toten oder seine Gefährten ließ er sein Pferd nach Norden galoppieren. Zum Palast.
„Gesprächig wie immer“, stellte Kars lachend fest. „Worauf warten wir noch?“ Statt einer Antwort riss Sarah ihr Pferd herum und ließ es Manty folgen. Thomas blickte sich um. Es war schon fast völlig dunkel. Sein Bauch verkrampfte sich kurz, doch er ignorierte es. Genau wie die anderen sechs stieg auch er auf sein Pferd und ließ es galoppieren.
Sie holten Sarah und Manty bald ein und ritten von da an gemeinsam auf der Hauptstraße in Richtung Retni. Thomas beobachtete Sarah von der Seite. Die rechtmäßige Königin von Untes starrte vor sich hin und ließ nicht erkennen, ob sie seine Blicke bemerkte. Hinter dem Hof des Selzo verließen sie die Hauptstraße und folgten nun dem kaum benutzten Weg zum Friedhof. Von der Stadt aus gab es andere, kürzere Wege dorthin. Das hatte den Vorteil, dass die Gefahr einer unliebsamen Begegnung nur sehr gering war.
Manty ritt voraus. Plötzlich ließ er sein Pferd anhalten und hob die Hand. Seine Gefährten stoppten auch sofort und verharrten angespannt, bereit, nach ihren Waffen zu greifen. So verging etwa eine Minute. Dann ließ Manty die Hand wieder sinken und ritt weiter. Die anderen atmeten tief durch. Sie hatten keine Angst vor einem Kampf, sie wünschten in diesem Moment aber auch keinen herbei.
Sie folgten Manty weiter bis zum Friedhof. Er stieg ab, ließ sein Pferd stehen und erkundete die Gegend. Dann kam er von hinten zurück. Mit einem kaum sichtbaren Lächeln registrierte er, wie fast jede Hand verstohlen den Griff eines Schwertes losließ. Einzig die Königin hatte sich nicht bewegt.
Er schüttelte den Kopf.
„Wir lassen die Pferde hier stehen, für den Fall, dass wir fliehen müssen“, sagte Thomas.
Sarah sah ihn durchdringend an. „Warum gehst du davon aus, dass wir fliehen müssen? Hat dich Drav Tersem nicht gelehrt, deine Gedanken darauf zu konzentrieren, was du erreichen willst, und nicht darauf, was du nicht erreichen willst?“
Thomas hielt in seiner Bewegung inne und starrte sein Pferd an. Er entgegnete langsam: „Er lehrte mich auch, auf alles vorbereitet zu sein. Unser Vorhaben ist gefährlich. Wir sollten auch das berücksichtigen, was uns unangenehm ist. Dein Hass sollte dich nicht blind machen, Sarah.“
Sie trat schnell an ihn heran und zwang ihn, sich umzudrehen und sie anzuschauen. Ihre weißen Augen funkelten in der Dunkelheit. „Nicht ich bin blind, sondern du! Du hast dich verändert! Ich will meinen Thomas wiederhaben!“
Thomas musterte ihr Gesicht und sah in ihren Zügen wieder diese ungezähmte Wildheit, die er schon vor mehr als zehn Jahren darin gesehen hatte. Er spürte auch die Berührung ihrer Hände auf den Schultern, die Kraft in ihren Fingern. Und er merkte, wie ihre Gedanken sich durch seine Augen in seinen Kopf bohrten und ihm keine Möglichkeit zum Entkommen ließen. So nickte er langsam. „Mag sein, Sarah, dass mich die Ereignisse vorsichtig gemacht haben. Wie nah warst du dem Tod?“
„Vor dem Tod habe ich keine Angst!“, erwiderte sie heftig. „Wenigstens hätte ich dann endlich meinen Frieden!“ Sie hielt inne, selbst erschrocken über das, was sie gesagt hatte. Leise sagte sie: „Lass uns gehen und diesen Mistkerl töten, Thomas.“
„Ja, dafür sind wir hier.“
Sarah fuhr herum. „Seid ihr bereit?“
„Wir sind bereit, Prinzessin“, antwortete Sulla. „Wir folgen dir.“
Sarah nickte. Sie blickte nach hinten, zu Thomas. Er nahm sein Schwert in die linke Hand und ging voran.
In der Dunkelheit der Nacht hatte Sarah das Gefühl, als entstiegen die Geister der Verstorbenen ihren Gräbern und flögen in alle Himmelsrichtungen davon. Sie hielt ihr Schwert mit beiden Händen fest und richtete den Blick auf den Rücken von Thomas. Wie oft waren sie, auch nachts, vom Schloss aus durch den geheimen Gang hierhergekommen und hatten sich über die Leute lustig gemacht, die Angst vor den Geistern hatten. Doch heute spürte Sarah selbst diese Angst. Sie fragte sich, ob es vielleicht daran lag, dass sie heute hätte hingerichtet werden sollen. Möglicherweise waren die Geister echt, und diejenigen, die selbst fast tot waren, konnten sie sehen und hören.
Sie erschauderte.
„Ist dir kalt?“, fragte Kars, der hinter ihr ging. Sie schüttelte den Kopf und war froh, als Thomas neben dem Baum anhielt, in dessen Innerem sich der Zugang zur Höhle befand. Der Stamm war sehr dick, so dick, dass Thomas und sie zusammen ihn nicht hatten umfassen können, als sie es vor wenigen Jahren einmal versucht hatten. Er teilte sich in Kopfhöhe, als hätte eine übermenschliche Faust von oben auf den Baum eingeschlagen. Wie drei Arme ragten die Fortläufer des Stammes nach oben und zwischen ihnen befand sich der Eingang. Ausgehöhlt vom Regen oder vielleicht auch von Tieren. Die derart entstandene Höhle führte durch den Stamm unter die Erde und unterirdisch bis in den Palast. Der erste Teil, der abwärts führte, war am schwersten zu passieren, denn es gab keine Stufen. Nur die Unebenheiten an der Innenseite des Baums boten etwas Halt für Füße und Hände.
Thomas hängte sich sein Schwert über den Rücken. Die anderen beobachteten ihn. Der Mond lieferte genug Licht, um ihn gut zu erkennen. Er packte einen der Stammfortsätze und schwang sich hoch. Ohne einen weiteren Blick auf seine Gefährten sprang er durch den Stamm nach unten.
Manty kletterte auf den Baum und folgte Thomas. Kars sog hörbar die Luft ein, als Gire hochkletterte. Der war sich der Ausmaße seines Körpers wohl bewusst und wählte den langsameren, sicheren Weg, indem er mit den Füßen tastend sicheren Halt suchte. Ihm folgte Lanaya mit den Worten: „Dann falle ich wenigstens weich.“ Grinsend machte sich der breitschultrige Sulla daran, hinter ihr in den Baum zu klettern. Nur noch Kars und Sarah waren übrig.
„Ich gehe zuletzt“, erklärte Sarah.
Kars sah sie an, und in seinem Blick lag etwas sehr Trauriges. So etwas wie Abschied. Sarahs Magen verkrampfte sich, und für einen sehr kurzen Augenblick dachte sie, dass der Vorschlag von Thomas vielleicht doch nicht so schlecht war. Aber dann siegte ihr Stolz. Sie nahm den Kopf von Kars und zog ihn an sich. Ihre Lippen berührten sich. „Für dich sterbe ich“, sagte er. Dann riss er sich los, kletterte schnell auf den Baum und verschwand darin.
Sarah spürte ihr Herz wie wild schlagen und lehnte die Stirn gegen den Baumstamm. Sie war völlig durcheinander, Übelkeit stieg in ihr hoch. Am liebsten hätte sie einfach losgeschrien, nur ihre Selbstbeherrschung hinderte sie daran. Sie waren an einem Punkt angelangt, an dem keine Umkehr mehr möglich war. Sarah spürte auf einmal ganz deutlich, dass sie ihre Gefährten in ein Abenteuer gedrängt hatte, dessen Ausgang mehr als ungewiss war. Egal wie es ausging, sie würde verlieren. Doch dann sagte sie sich, dass sie bereits verloren hatte, als sie geboren worden war. Wenn sie schon sterben musste, dann wenigstens im Kampf. Sie atmete tief durch und kletterte auf den Baum, um ihren Freunden zu folgen.
In der Höhle war es eng, doch nicht so eng wie im Baumstamm selbst. Immerhin konnten zwei Leute nebeneinanderstehen. Die anderen warteten schon ungeduldig auf sie. Sogar der sonst so unerschütterliche Thomas klang leicht gereizt, als er fragte, ob sie noch Pilze sammeln gewesen wäre. Sarah verkniff sich eine Antwort, weil sie sich ihrer Stimme nicht sicher war. Stattdessen drängte sie sich an ihren Gefährten vorbei und ging vor. Thomas unterdrückte seinen Ärger, denn als sie ihn berührte, konnte er deutlich ihre Angst spüren. Ihm wurde bewusst, unter welcher Anspannung sie stand, und das ließ schlagartig seine Wut in etwas umschlagen, das sich fast schon wie Mitleid anfühlte. Er folgte ihr ohne ein weiteres Wort, doch daran denkend, dass ihre Dickköpfigkeit auch sein Leben in Gefahr brachte. Realistisch betrachtet war die Chance, dass sie dieses Unternehmen überlebten, nicht sehr hoch. Trotzdem gab es für ihn keinen Zweifel daran, dass er das Richtige tat. Und er war sich sicher, dass die anderen genauso dachten.
Bis auf Sarah vielleicht.
Der Weg war anstrengend. Wer auch immer für den Bau der Höhle verantwortlich gewesen war, hatte es nicht da­rauf angelegt, den Boden eben und gut begehbar zu machen. Oft wurde die Höhle so schmal, dass Gire und Sulla nur quer durchgehen konnten. Sarah fluchte ab und zu, wenn sie in Spinnennetze lief und sich mal wieder eine Spinne in ihren Haaren verfing. Einmal merkte sie, wie eine aus ihren Haaren auf ihr Ohr krabbelte, und schlug wild nach ihr, wobei sie die Überreste des Tieres auf ihrem Ohr und in den Haaren verteilte. Sie spürte förmlich die Blicke ihrer Gefährten im Rücken und ging schneller. Sie war froh, dass ihre Gesichtsröte in dem schwachen Licht der Fackeln, die am Anfang der Höhle bereitgelegen hatten, auf keinen Fall zu sehen war.
Sie nutzte die nächsten Meter des Weges, um sich zu beruhigen. Es war nicht die Begegnung mit der Spinne, die ihr zu schaffen machte. Ihre übertriebene Reaktion wurde von einer inneren Unruhe verursacht, die sich ihrer auf dem Friedhof bemächtigt hatte. Sie wunderte sich über sich selbst.
Mantys Stimme riss sie aus den Gedanken. Manty, den sie in all den Jahren kaum hatte sprechen hören, sagte plötzlich: „Ich glaube, wir werden beobachtet.“
Thomas drehte sich um und sah ihn an. „Hier? Vielleicht von irgendwelchen Fledermäusen.“
Manty erwiderte seinen Blick ohne eine Regung. „Fledermäuse haben keine Augen.“
Thomas zuckte die Achseln und erwiderte: „Hier kann sich nichts und niemand verstecken. Hier ist kaum Platz genug für uns.“
Sarah schwenkte ihre Fackel herum, doch außer dem engen Höhlengang konnte sie nichts erkennen. „Hier ist wirklich nichts, Manty.“
„In Ordnung“, brummte der. „Gehen wir jetzt weiter?“
Thomas wechselte einen Blick mit Sarah. Ihrer verriet eindeutig, dass sie Manty für nervös hielt und dass er wohl da­rum schon Geister sah. Eine andere Erklärung hatte er ja auch nicht. Dass sie wirklich beobachtet wurden, hielt er für ausgeschlossen.
Sarah ging wieder vor. Weit mehr als die Hälfte des Weges hatten sie schon geschafft, und das gab ihr neuen Mut. Als die Höhle vor ihr breiter wurde und dann einen Knick machte, atmete sie laut aus. Sie waren am Ziel. Vorläufig zumindest. Im Schloss.
„Wir sind da“, sagte sie mit vibrierender Stimme.
„Wurde ja auch Zeit!“, knurrte Sulla hinter ihr.
Sarah warf einen Blick auf den muskulösen Kerl und grinste leicht. „Nichts für dich, hier unter der Erde, oder?“ Sulla schüttelte den Kopf. Sarah sah wieder nach vorne und sagte: „Da kommt gleich die Tür, hinter der die ganzen Toten aus den Kerkern abgelegt werden. Es … es stinkt ein bisschen.“
„Ein bisschen?“, echote Lanaya und verzog das Gesicht.
„Jedenfalls kommen wir so ins Schloss“, entgegnete Sarah. „Nur das ist wichtig!“
„Ja, schon gut, Hoheit, ich wollte dich nicht kritisieren“, erwiderte Lanaya kopfschüttelnd.
Sarah schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. In der Zwischenzeit schaltete sich Thomas ein: „Wir sollten einfach mal weitergehen, was meint ihr?“
Sarah nickte und setzte sich in Bewegung. Sie kannte Lanaya doch, warum regte sie sich also auf? Lanaya war eine treue Freundin, auf die sie sich immer verlassen konnte. Sie hatte eben ein freches Mundwerk, aber das mochte sie sogar an ihr. Oder lag es daran, dass Lanaya und Thomas …? Ach, er war ihr doch zu nichts verpflichtet! Dummes Weib!, schalt sie sich und beschloss, sich ab sofort wieder voll und ganz auf das Unternehmen zu konzentrieren.
Ihre gesamte Aufmerksamkeit war plötzlich wieder in der Gegenwart, als sie versuchte, die Tür aufzudrücken, und diese sich kaum bewegen ließ. Sie war verwirrt. Sie versuchte es erneut und warf sich mit der Schulter gegen die Tür – ohne Erfolg. Sie bewegte sich zwar anstandshalber ein winziges Stück, aber durch die so entstandene Öffnung wäre nicht einmal eine dieser lästigen Spinnen gekommen.
Sarah trat zurück und warf einen Blick auf Gire. Er ging an ihr vorbei zur Tür und drückte versuchsweise dagegen. Sie bewegte sich ein wenig, aber offensichtlich wurde sie auf der anderen Seite durch etwas blockiert. Gire trat mit dem Fuß dagegen, was das Holz splittern ließ, aber ansonsten keine nennenswerte Auswirkung hatte. Gire fluchte. Dann warf er sich mit aller Kraft gegen die Tür, und endlich ging sie auf. Nein, sie ging nicht, sie wurde regelrecht aus den Angeln gerissen und flog in den Raum hinein. Gefolgt von Gire, der das Gleichgewicht verlor und hinfiel. Nicht auf den Boden, denn dieser war mit Leichen und Leichenteilen in ganz unterschiedlichen Verwesungszuständen bedeckt. Ein schier unerträglicher Gestank kam den Gefährten entgegen, während Gire seine ganze Kraft brauchte, um nicht ohnmächtig zu werden. Er ließ sich davon nichts anmerken. Stattdessen richtete er sich auf und sagte zu Sarah: „Die Tür ist offen, Majestät. Würdest du bitte eintreten?“
„Danke“, erwiderte sie. Dann holte sie tief Luft und ging, ohne zu atmen, voran.
Nachdem sie sich durch die Leichenberge gekämpft hatten, gelangten sie auf einen modrigen Korridor. Jetzt erst wagte Sarah es, wieder Luft zu holen. Der Gestank war immer noch fürchterlich.
„Hoffentlich hat dieser Empfang keinen symbolischen Charakter“, bemerkte Kars.
„Und wenn doch, ist es auch egal“, erwiderte Thomas. „Teufel auch, so schlimm war es beim letzten Mal noch nicht!“
„Das muss Oluar gewesen sein“, sagte Sarah düster. „Vielleicht hat er so alle unliebsamen Zeugen beseitigt.“
Thomas nickte. „Ja, könnte sein. Ein Grund mehr, ihn aus dem Weg zu schaffen.“ Diesmal ging Thomas vor. Die Gänge hier unten waren alles andere als hell und großzügig, aber doch viel angenehmer zu begehen als der unterirdische Geheimgang, durch den sie hierhergekommen waren.
Thomas hielt sein Schwert mit blanker Klinge in der rechten Hand. Seitdem Manty in der Höhle davon geredet hatte, dass er sich beobachtet fühlte, verspürte er ein zunehmendes Unbehagen. Vielleicht hätten sie seine Bedenken nicht einfach so abtun sollen. Doch jetzt war es zu spät.
Wie sehr, das wurde ihm klar, als sie sich hinter einer Abbiegung plötzlich Oluar und mehreren Soldaten gegenübersahen. Ein halbes Dutzend der Männer hielt gespannte Bogen mit den Pfeilspitzen auf sie gerichtet. Sie saßen in der Falle, denn hinter ihnen kamen aus irgendwelchen dunklen Ecken weitere Soldaten, viele von ihnen ebenfalls mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Thomas ließ sein Schwert, das er reflexartig zum Schlag erhoben hatte, langsam wieder sinken.
„Eine weise Entscheidung!“, rief Oluar lachend. „Und jetzt sag deinen Freunden, dass sie es dir gleichtun sollen. Sonst müsste ich meinen Soldaten sagen, dass sie schießen sollen. Und das täte mir außerordentlich leid!“
„Lügner!“, schrie Sarah mit wutverzerrtem Gesicht. „Ich bring dich um! Komm her und kämpf wie ein Mann!“
Sie wollte sich auf Oluar stürzen. Im letzten Augenblick wurde sie von Gire festgehalten und hochgehoben. Sie trat wild um sich. Ihre Selbstbeherrschung reichte gerade eben aus, um nicht mit dem Schwert nach Gire zu schlagen.
„Lass mich los! Verdammt noch mal, Gire, lass mich los! Ich bring ihn um!“
„Sarah!“ Thomas sprang vor die Tobende und riss ihr das Schwert aus der Hand. „Komm zu dir! Du würdest lebend nicht einmal in seine Nähe kommen!“
„Hör auf deinen kleinen Freund, denn er hat recht!“, rief Oluar. „Ich will euch nicht töten lassen, aber ich tu es, wenn ihr mich zwingt.“
Sarah erstarrte. „Gib mir mein Schwert zurück!“ Thomas dachte kurz nach, dann gehorchte er. Sie nahm das Schwert an sich und wandte sich dann Gire zu. „Und du, lass mich los!“
„Bleibst du dann ruhig?“, erkundigte sich Gire.
„Du hast mir nichts zu befehlen!“, fauchte sie. „Lass mich los!“
„Nur wenn du keine Dummheiten machst.“
„Lass mich sofort los!“, kreischte Sarah. Dann atmete sie ein paarmal durch. „Also gut, lass mich jetzt bitte los.“
Gire nickte und gehorchte.
„Bravo!“, rief Oluar applaudierend. „Wie herrlich sie euch doch im Griff hat!“
„Vorsicht, du miese Ratte. Einer von uns könnte noch lebend bei dir ankommen und dich einen Kopf kürzer machen.“ Die ruhige Art, mit der Thomas das sagte, stand im krassen Gegensatz zum Inhalt seiner Worte. Sarah erschauderte unwillkürlich. „Was willst du, Oluar?“
Der fuhr sich mit der Hand durch seine gelben Haare. „Ihr wisst, dass ihr keine Chance habt. Und mal ganz ehrlich, was wollt ihr hier überhaupt?“
„Du sitzt auf meinem Thron!“, erwiderte Sarah heftig. „Wir holen uns zurück, was mir gehört!“
„Was dir gehört?“ Oluar lachte laut auf. „Du hast deine Eltern getötet!“
„Du fette Wanze!“, schrie Sarah. „Du warst genauso daran beteiligt! Du Scheißkerl!“
„Na, na, was schreist du da rum?“ Sarah, die Oluar gut kannte, bemerkte das leichte Flackern seiner Augenlider. „Das war ganz anders, meine Liebe. Ich wollte euch davon abhalten, diese fürchterliche Tat zu begehen. Leider kam ich zu spät. Aber ich verspreche euch, wenn ihr euch jetzt ergebt, sorge ich für ein gerechtes Verfahren.“
„Niemals!“, rief Sarah. „Lieber sterbe ich! Und außerdem glaube ich dir sowieso kein Wort! Du hast mich foltern lassen!“
„Meine Leute waren da etwas übereifrig. Das tut mir leid“, erwiderte Oluar in beschwichtigendem Tonfall. „Aber ich verspreche dir, dass ihr hier nur lebend rauskommt, wenn ihr euch ergebt.“
„Das werden wir ja sehen!“
„Sarah“, sagte Thomas leise. „Sarah. Denk nach. Niemand hat was davon, wenn wir hier ein Schlachtfest veranstalten.“
Sarah fuhr herum und starrte ihn mit funkelnden Augen an. Selbst im flackernden Fackellicht war das gut zu sehen. Thomas spürte, wie sein Magen sich verkrampfte. Er war bereit, für sie zu sterben, wenn es sein musste, auch hier und jetzt. Aber ihm war es lieber, wenn sie zur Vernunft kam.
Sarah kämpfte mit sich. Aus den Augenwinkeln sah sie ihre Freunde, die mit erhobenen Schwertern bereitstanden, um in den Tod zu rennen. Was für ein Wahnsinn!, dachte sie. Als sie Thomas in die Augen blickte, sah sie darin seinen Zwiespalt und seinen Schmerz.
Sie warf ihr Schwert auf den Boden und senkte den Kopf.
„Das ist eine kluge Entscheidung“, bemerkte Oluar mit kaum verhohlener Freude. „Legt sie in Ketten und bringt sie in den Kerker!“, befahl er dann mit harter Stimme. Mit diesen Worten machte er kehrt und ließ sie zurück.
*
Ihre Lage wirkte ziemlich aussichtslos. Thomas betrachtete seine Gefährten, ihre Umgebung, und spürte in seinen Körper hinein, um ganz nüchtern für sich festzustellen, dass Sarahs Idee vielleicht doch die bessere gewesen wäre. Sie standen oder saßen alle an einer Wand, angekettet, so unbequem wie nur möglich. Die Hände über den Köpfen in Fesseln, sodass sie nur für kurze Zeit sitzen konnten. Denn nach wenigen Minuten begannen die Schultern und Arme zu schmerzen. In der Zelle war es kalt und klamm, und sie konnten die Schreie von anderen Gefangenen hören, die allem Anschein nach gefoltert wurden.
„Wir hätten vielleicht auf dich hören sollen, Sarah“, stellte er fest und erschrak darüber, wie müde seine eigene Stimme klang.
Sarah, die links von ihm stand und bislang den Boden angestarrt hatte, hob den Kopf, um ihn anzuschauen. „Ach, ­Thomas … jede Entscheidung wäre die falsche gewesen. Im Grunde genommen hatten wir gar keine Wahl. Wir haben lediglich unseren Tod hinausgezögert.“
„Du meinst also, er wird sein Wort nicht halten?“, erkundigte sich Kars.
„Oh, ich bin sicher, er wird sein Wort nicht brechen“, bemerkte Lanaya. „Zumindest aus seiner Sicht. Ich glaube, wir verstehen unter einem gerechten Verfahren etwas anderes als dieser verfluchte Mistkerl.“
„Ach ja?“
„Das denke ich auch“, mischte sich Thomas ein. „Aber was soll´s. Wenigstens sind wir noch am Leben. Ihr wisst ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.“
„Ja, natürlich“, sagte Sarah, doch sie klang nicht sehr überzeugt. Thomas versuchte ein Lächeln.
„Ich glaube daran, dass das nicht unser Ende sein wird.“
„Genau, der Glaube versetzt Berge“, erwiderte Sarah spöttisch. „Kann er auch Ketten sprengen?“
„Wenn man fest genug daran glaubt, dann ganz sicher.“ Gire stand, während er das sagte, regungslos da. Er war der Einzige, der einigermaßen bequem hätte sitzen können. „Ist nur blöd mit dem Glauben. Wenn es nicht geklappt hat, war der Glaube nicht stark genug. Die Ausrede funktioniert immer.“
„Wohl wahr.“ Kars seufzte. „Und wer von uns glaubt grad nicht fest genug? Wer zweifelt? Wer verhindert, dass wir frei sind und diesen dämlichen Schweinehund einen Kopf kürzer machen? Wer ist es?“
„Ich vermute, dass du es bist!“, rief Lanaya lachend. „Ach, Kleiner, wir sind doch alle freiwillig hier. So schnell kriegt man uns nicht klein.“
„Das hoffe ich mal“, bemerkte Thomas. „Da kommt jemand, hört ihr das?“
Alle konnten hören, wie ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde. Bald darauf erschien eine zarte Frauengestalt in der Zellentür und ging schnellen Schrittes zu Thomas. „­Katharina!“, rief der erstaunt. „Was machst du denn hier?“
„Thomas!“, sagte sie mit tränenverschleierten Augen. „Oh, mein armer Bruder! Die Nachricht von eurer Gefangennahme ist schon in der ganzen Stadt angekommen.“
Thomas betrachtete voller Liebe seine Schwester und sog ihren Anblick in sich auf. Ihre zweifarbigen Augen, die langen, dunkelblonden Haare, die zarte Gestalt. „Du solltest mich nicht so sehen“, sagte er leise. „Überhaupt, es ist gefährlich für dich, hier zu sein.“
Katharina schmiegte sich an ihn und Thomas verfluchte die Ketten, die ihn daran hinderten, sie in die Arme zu nehmen. „Keine Sorge, Bruderherz“, flüsterte sie. „Wir werden euch befreien.“
„Wer ist wir?“, fragte er flüsternd zurück.
„Das kann ich dir nicht sagen. Noch nicht. Aber wir haben einen Plan. Morgen, in der Nacht, holen wir euch hier raus. So lange müsst ihr durchhalten.“
„Kein Problem, das schaffen wir schon“, erwiderte Thomas. „Aber seid vorsichtig, wer auch immer dazugehört. Oluar ist gefährlich. Er hat gewusst, dass wir kommen. Es ist mir ein Rätsel, wie er das wissen konnte.“
„Er hat uns gesehen“, bemerkte Manty. „Ich habe es gespürt und euch gewarnt.“
„Ja, das hast du“, knurrte Gire. „Aber wie konnte er uns sehen?“
„Keine Ahnung.“ Manty zuckte die Achseln.
„Das ist nicht sehr hilfreich“, stellte Sarah fest, dabei ­Katharina betrachtend. „Wie hast du es geschafft, dass sie dich reingelassen haben?“
Katharina schlug die Augen nieder. „Frag nicht.“ Sie holte tief Luft, dann griff sie unter ihren Mantel und holte Brot hervor. Da die Gefesselten es nicht selbst zum Mund führen konnten, fütterte sie alle der Reihe nach. Thomas beobachtete sie zugleich erfreut und besorgt. Als Manty an der Reihe war, zögerte Katharina kurz. „Es tut mir leid, Manty.“
Der schüttelte den Kopf. „Ist schon gut. Es ist nicht deine Schuld.“
„Niemand konnte das ahnen“, flüsterte Sarah, auf den Boden starrend. „Niemand konnte ahnen, dass ich mal meine eigenen Eltern umbringen würde. Niemand.“
„Aber warum habt ihr das überhaupt getan? Du hast deine eigenen Eltern getötet. Warum?“ Katharina sah die blauhaarige Frau verzweifelt an. „Was bringt eine Tochter dazu, ihre eigenen Eltern zu töten? Was haben sie dir denn angetan, dass du sie so gehasst hast?“
„Ich habe sie nicht gehasst!“, erwiderte Sarah wütend. „Ich habe sie geliebt, darum musste ich sie töten! Verstehst du, ich habe es aus Liebe getan! Ich konnte nicht anders! Sie … sie haben alles verraten, woran ich geglaubt habe! Sie haben ihr Land verraten, ihre Leute – und mich!“
Katharina ließ den Blick von Sarah zu Thomas schweifen. „Erklär du es mir! Ich verstehe das nicht!“
Thomas schüttelte den Kopf. „Schwesterherz, da gibt es nichts zu erklären. Für Sarah ist es, als hätte sie sich ihr eigenes Herz rausgeschnitten. Aber es ging nicht anders.“ Er wandte den Blick ab. „Du solltest jetzt lieber gehen.“
Katharina trat zu ihm und umarmte ihn. „Wir werden euch holen“, flüsterte sie. „In der nächsten Nacht holen wir euch. Haltet durch!“
Thomas nickte. „Ja, das tun wir, meine liebe Schwester. Pass du auf dich auf. Es kommen schwere Zeiten.“
„Ja, das tun sie.“ Katharina verließ eilig die Zelle und blickte nicht mehr zurück, weil ihr der Anblick das Herz gebrochen hätte.
*
Thomas ließ sich die Hände am Rücken fesseln. Es gefiel ihm nicht, aber es schien Sinn zu machen. Offensichtlich sollte ihnen jetzt der Prozess gemacht werden, und klar, dass Oluar vorsichtig war. Er konnte es sehr gut nachvollziehen. Gire knurrte zwar vor sich hin, aber nach einem Blick auf Thomas, der die Prozedur ruhig über sich ergehen ließ, leistete er keinen Widerstand. Und auch Sarah, die kurz daran gedacht hatte, etwas zu unternehmen, verhielt sich vernünftig. Zumindest hätte es Thomas so bezeichnet, dessen war sie sich sicher.
„Wohin gehen wir“, erkundigte sie sich, als die Soldaten sie und die anderen in Richtung Tür schubsten.
„In den Hof“, erwiderte einer der Soldaten grinsend.
„In den Hof?!“ Sarah blieb stehen und erhielt einen Schlag in den Rücken. „Los, weiter!“, brüllte ihr einer der Männer ins Ohr. Als jedoch auch die anderen stehen blieben, zogen alle Soldaten ihre Schwerter und umstellten sie.
„Oluar hat uns ein gerechtes Verfahren versprochen“, sagte Thomas so ruhig, wie es ihm nur möglich war.
„Das werdet ihr auch bekommen“, erklärte einer der Soldaten, der seiner Uniform nach die Befehlsgewalt hatte.
„Im Hof, oder was? Verfahren werden nicht im Hof abgehalten, da werden die Urteile vollstreckt. Und zwar die Todesurteile!“ Sarah trat versuchsweise nach einem der Soldaten, doch als dessen Klinge ihr Bein nur knapp verfehlte, sprang sie schnell zurück. „Dieser Bastard will uns nur möglichst schnell loswerden, damit ihm niemand mehr den Thron streitig machen kann! Das ist die Wahrheit!“
„Wir haben nicht das Recht, Anweisungen unseres Königs in Zweifel zu ziehen. Und die Anweisung lautet, euch in den Hof zu bringen und jeden, der sich widersetzt, sofort zu töten.“ Der Kommandant deutete auf die Tür. „Es ist eure Entscheidung.“
„Und wenn ich dir sage, dass ich die rechtmäßige Königin bin?“ Sarah zerrte bei diesen Worten wie wild an ihrer Handfessel, aber ohne jeden Erfolg.
„Du hast deine Eltern getötet. Damit hast du jedes Recht auf den Thron verwirkt“, antwortete der Kommandant. „Und jetzt bewegt euch, sonst gebe ich meinen Leuten den Befehl, jeden von euch, der sich nicht zur Tür bewegt, sofort zu töten!“
„Komm, Sarah“, sagte Thomas. „Ein Massaker hier unten macht keinen Sinn. Wir können nicht gewinnen.“
Sarah starrte ihn düster an, doch sie sah ein, dass er recht hatte, und ging zur Tür. Ihre Freunde folgten ihr, betreten auf den Boden schauend. Einzig Lanaya ging hocherhobenen Hauptes; sie musterte den Kommandanten wütend, und als sie nah genug an ihm dran war, spuckte sie ihm blitzschnell ins Gesicht. Sofort flogen Schwerter in die Höhe, doch der Kommandant hielt seine Leute mit einer Handbewegung auf.
„Du weißt, wofür das war“, bemerkte Lanaya. Der Mann nickte und wischte sich die Spucke aus dem Gesicht.
Später fragte Kars leise: „Eins deiner Abenteuer, Lanaya?“ Sie nickte stumm. Ihr war nicht nach Erzählen zumute. Sie spürte ganz deutlich die Nähe des Todes und ahnte, dass ihr junges Leben heute enden würde.
Der Hof, wie der öffentliche Hinrichtungsplatz von Retni genannt wurde, war voll mit Menschen. So voll, dass die Soldaten eine Schneise in die Menschenmenge schlagen mussten, um die Gefangenen in die Mitte führen zu können. Hier standen auf einem Podest fünf Galgen bereit. Alle Gefangenen wurden auf den Podest geführt, und von hier aus konnten sie dann auch sehen, warum es nur fünf Galgen gab. Zwei von ihnen sollten auf eine wesentlich grausamere Art und Weise sterben. Es gehörte nicht viel Überlegung dazu, zu erraten, wer diese zwei sein würden.
Die Menschenmenge jubelte, als die Gefangenen auf den Podest geführt wurden, und rief immer wieder: „Tod den Verrätern! Tod den Verrätern und Königsmördern!“ Oluar hatte gute Arbeit geleistet. Thomas ließ seinen Blick äußerlich ungerührt über die Menschenmenge schweifen, dann wandte er den Blick nach oben. Dort befand sich die Galerie, von der aus Mitglieder der Königsfamilie einer Hinrichtung beiwohnen konnten, wenn sie wollten. Auch er hatte schon dort zusammen mit ­Sarah gestanden. Es war ein seltsames Gefühl, nun selbst auf diesem Podest zu sein. Auf der Galerie befand sich Oluar mit einigen Männern, die Thomas flüchtig vom Sehen kannte.
Nun trat ein Mann, der sich bis dahin im Schatten aufgehalten hatte, hervor. Es war der Königliche Richter, und spätestens jetzt wusste Thomas, dass Oluar wirklich nicht daran dachte, ihnen so etwas wie ein Verfahren zuzugestehen. Er wollte einfach nur so schnell wie möglich lästige Zeugen beseitigen und zugleich dem Volk gegenüber ein Exempel statuieren. Von Königen zu Bauernopfern, so schnell konnte es gehen.
„Im Namen des Volkes …“, setzte der Königliche Richter an und verstummte – darauf wartend, dass die Menschenmenge still wurde. Als es schließlich so still wurde, dass selbst das Summen einer Fliege zu hören gewesen wäre, fing er erneut an: „Im Namen des Volkes und des Königs von Untes! Kraft meines Amtes verkündige ich folgende Urteile:
Gire Tabar, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Kars Tersem, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Lanaya Von, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Sulla Zut, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Manty Gök, du wurdest wegen Beteiligung an dem hinterhältigen Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch den Strang verurteilt! Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.
Und nun zu den beiden Hauptschuldigen!
Thomas Ay, du wurdest wegen des Mordes und aktiver Beihilfe zum Mord an Seiner Majestät Seun Kayl und Ihrer Königlichen Hoheit Gemahlin Kanga Kayla zum Tode durch das Kreuz verurteilt! Du wirst bei lebendigem Leibe an Füßen und Händen an das Kreuz genagelt und sollst verweilen am Kreuz für drei volle Tage. Am dritten Tage sollst du abgenommen werden vom Kreuz und ob du lebst oder tot bist, soll dein Kopf abgeschlagen und für weitere drei Tage vor das Kreuz gelegt werden. Dein Körper soll weiterhin den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden!
Und schließlich zu dir, Sarah Kayla, der Haupttäterin! Als solche verurteile ich dich zum Tode durch das Kreuz! Du wirst bei lebendigem Leibe an Füßen und Händen an das Kreuz genagelt und sollst verweilen am Kreuz für drei volle Tage. Am dritten Tage sollst du abgenommen werden vom Kreuz und ob du lebst oder tot bist, soll dein Kopf abgeschlagen und für weitere drei Tage vor das Kreuz gelegt werden. Dein Körper soll weiterhin den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden.
Dieses Urteil ergeht im Namen des Volkes und des Königs! Ein Widerspruch wird ausgeschlossen! Alle Urteile werden jetzt vollstreckt! Zuerst erfolgt die Kreuzigung, hiernach sind die Kreuze so aufzustellen, dass die beiden Gekreuzigten zusehen müssen, wie ihre verräterischen und feigen Mittäter den Tod durch Hängen finden.
Henker, beginnt eure Arbeit!“
Für einen Moment herrschte noch Stille, dann begann der Mob zu toben und forderte, dass die Verurteilten endlich hängen sollten. Die Henker kamen auf den Podest und wurden von Sarah mit einem Fußtritt empfangen. Der getroffene Henker riss zwei weitere mit nach unten, doch die anderen schafften es, die sich wild wehrende Sarah zu bändigen und festzuhalten.
„Ich verfluche dich, Oluar!“, schrie sie zur Galerie hinüber. „Ich verfluche dich und ich verspreche dir, dass ich wiederkommen und dich holen werde! Du bist bereits tot, du weißt es nur noch nicht! Verflucht sollst du sein! Ich komme und hole dich, das verspreche ich dir bei meiner Seele und bei Gott!“
Auf einen Wink Oluars hin rammte einer der Soldaten seine Faust in Sarahs Bauch, sodass sie sich vor Schmerz krümmte und röchelnd verstummte. Thomas wurde festgehalten, als er ihr zu Hilfe eilen wollte. Beide wurden jetzt vom Podest heruntergezerrt und zu den Kreuzen geschleift, während die Henker jedem ihrer Freunde den Strick um den Hals legten. Zuerst kam Sarah dran. Ihre Hände wurden von den Fesseln losgemacht, während jeder Arm von einem Henkersgehilfen festgehalten wurde. Trotzdem schaffte sie es, einen Arm zu befreien und dem Gehilfen, der den anderen Arm festhielt, die Finger in die Augen zu stoßen, sodass dieser unter wildem Geschrei zurücktaumelte. Doch bereits im nächsten Moment wurde sie von mehreren kräftigen Männern zu Boden gedrückt. Zwei hielten ihre Hand an den Querbalken des Kreuzes, während ein dritter den Nagel ansetzte und ihn mit mehreren Hammerschlägen durch den Handwurzelknochen in das Holz trieb.
Sarahs markerschütternder Schmerzensschrei holte Thomas aus seiner Lethargie. Er bäumte sich unerwartet auf unter den zwei Männern, die ihn zu Boden drückten, und als sie von ihm herunterkullerten, setzte er seine Beine ein, um sie vorübergehend kampfunfähig zu machen. Dann sprang er auf und wollte zu Sarah laufen. Nach wenigen Schritten wurde er von einem Soldaten umgerannt und dann von einigen Männern zum Kreuz zurückgeschleift. Mehrere Schläge prasselten auf ihn ein und ließen ihn bewusstlos werden.
Währenddessen kämpfte Sarah einen verlorenen Kampf um ihr Leben. Sie schlug und trat um sich, aber sie wurde von vielen Händen festgehalten. Ihr linker Arm war unnütz, mehr noch, eine Quelle bestialischen Schmerzes. Der andere wurde nun von gleich drei Männern festgehalten und auf das Holz gedrückt. Wenige Augenblicke später war auch die rechte Hand festgenagelt.
Sarah hörte auf zu schreien und sich zu wehren. Sie hörte plötzlich gar nichts mehr. Wie durch einen Schleier sah und spürte sie, dass ihr die Stiefel ausgezogen wurden. Dann legte man ihre Füße übereinander, und mit einem besonders langen Nagel wurden auch diese am Kreuz befestigt. Den Schmerz dabei nahm sie gar nicht mehr wahr.
Thomas wurde vom ersten Schmerz wach. Unfähig, sich zu rühren, sah er sein Blut aus dem Handgelenk spritzen. Mindestens ein Dutzend Männer, Soldaten und Gehilfen, hielten ihn fest. Dann kam seine zweite Hand dran. Er spürte den Geschmack vom Blut im Mund, als er sich die Zunge durchbiss, um nicht zu schreien. Denn diese Genugtuung wollte er dem Mob nicht bereiten. Auch als seine Füße festgenagelt wurden, blieb er stumm. Nur das zwischen den Lippen hervorsickernde Blut zeugte von seiner Qual.
Die schlimmsten Schmerzen begannen, als die Kreuze nun hochgezogen und in zuvor eigens dafür ausgehobene Löcher gestellt wurden. Thomas hörte, wie Sarahs Schultergelenke auskugelten. Seine eigenen hielten noch, doch der Schmerz in den Muskeln und Sehnen war kaum auszuhalten. Durch einen Tränen- und Blutschleier blickte er auf seine Freunde hinab.
Er sah, wie der Henker an den Hebel für die Falltür trat. Er fing den Blick von Gire auf, der ihn leicht angrinste. Dann öffnete sich die Falltür und fünf Körper fielen nach unten. Der Mob schrie auf. Sulla und Kars waren sofort tot. Mantys Kopf wurde durch den zu langen Fall vom Hals gerissen, sodass sein kopfloser Körper mit einem dumpfen Laut zu Boden fiel und der Kopf über den Podest kullerte. Seine Augen bewegten sich wild hin und her und der Mund öffnete sich, als wollte er etwas sagen. Lanaya zappelte wild, aber ihr Kopf hing in einem unnatürlichen Winkel vom Hals herab. Es bestand kein Zweifel daran, dass ihr Genick gebrochen war. Nach einer halben Minute oder auch mehr wurden ihre Bewegungen langsamer, bis sie schließlich genauso regungslos am Seil hing wie Sulla und Kars.
Auch Gire bewegte sich nicht, aber seine Augen waren offen und seine Lippen zusammengepresst. Er lebte und seine harten Muskeln hatten den Genickbruch verhindert. Er lebte und würde irgendwann ersticken. Solange seine Muskeln angespannt und hart blieben, konnte er atmen. Irgendwann würde ihn die Kraft verlassen, seine Muskeln würden erschlaffen und das Seil würde ihm die Luft abwürgen. Danach konnte es noch Minuten dauern, bis er wirklich tot war.
Der Mob war verstummt und beobachtete ihn entsetzt. Einer der Männer neben Oluar beugte sich über das Geländer und erbrach sich auf die darunter Stehenden. Gire schaute aus den Augenwinkeln zu Sarah hinüber, dann beobachtete er Thomas. Er wusste, dass er es sich nur unnötig schwer machte, aber er wollte diesem Mob etwas bieten.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis er nach einer letzten Zuckung das Bewusstsein verlor und starb.
*
Die Erinnerung an den Schmerz war augenblicklich da, nur um wieder zu gehen. Er blickte in das Gesicht vor ihm, und es kam ihm bekannt vor. Doch so sehr er sich auch anstrengte, konnte er sich weder an den Namen, der zu dem Gesicht gehörte, noch an die Ursache des Schmerzes erinnern.
Schließlich fragte er: „Bin ich tot?“
Die Frau, deren Gesicht er sah, nickte langsam. Jetzt wurde er der zweiten Frau weiter hinten gewahr, die mit gesenktem Kopf weinend dastand. Katharina. Sein Blick schweifte zu der alten Frau zurück.
„Was ist geschehen?“, fragte er.
„Du warst sehr tapfer“, antwortete die alte Frau mit den weißen Augen, die ihn an Sarah erinnerten. Sarah! Er konnte sich plötzlich an ihre Schmerzensschreie erinnern.
„Wer bist du?“
„Ich bin Anoa, die Großmutter von Sarah“, sagte die alte Frau zärtlich. Ihre Hände hielten sein Gesicht. Nun fiel es ihm wieder ein. Er hieß Gire, und er war erstickt. Nun war es dunkel. Er spürte, dass er noch am Seil baumelte. Anoa fuhr fort: „Ich werde dich jetzt losschneiden. Du musst dann deinen Freunden helfen.“
„Sind sie auch tot?“, erkundigte sich Gire.
„Ja, ihr seid alle gestorben. Nur Thomas und Sarah leben noch. Und euch bitte ich um einen letzten Freundschaftsdienst für die beiden. Bist du bereit?“
„Ja“, antwortete Gire. Anoa durchschnitt mit einem Messer das Seil, sodass er auf den Boden fiel und sich aus der Schlinge befreien konnte. Er sah den kopflosen Körper von Manty am Boden, und er sah Kars, Lanaya und Sulla leblos in der Luft baumeln.
„Nimm sie alle runter, damit ich sie für kurze Zeit wieder zum Leben erwecken kann“, bat Anoa.
„Du bist also eine Hexe“, stellte Gire fest, während er aus dem Loch kletterte und als Erstes Lanaya befreite und auf den Boden legte. Nachdem auch Sulla und Kars neben ihr lagen, trug er Mantys Körper auf den Podest und nahm seinen Kopf. Dann blieb er unschlüssig stehen.
„Setz ihn an seinen Hals“, sagte Anoa, und nachdem er das getan hatte, beobachtete er staunend, wie Kopf und Körper zusammenwuchsen. Manty setzte sich blitzartig auf und sah sich um.
„Was ist passiert? Ich bin gestorben? Habe ich nur geträumt?“
„Das war kein Traum“, sagte Anoa. Auch die anderen regten sich langsam, setzten sich auf und blickten sich verwundert um. „Ihr seid alle gestorben. Meine Kraft reicht leider nicht aus, um euch endgültig aus dem Totenreich zurückzurufen. Aber ich habe erwirkt, dass ihr Sarah und Thomas einen letzten Freundschaftsdienst erweisen dürft.“
Sie schauten an den Kreuzen hoch und sahen, dass Sarah und Thomas bewusstlos herunterhingen. Es war auch gut zu erkennen, dass Sarahs Schultern die Last nicht ausgehalten hatten. Schweigend kletterten sie hoch und befreiten die beiden. Sarah und Thomas stöhnten dabei, erlangten aber nicht ihr Bewusstsein zurück.
„Folgt mir!“, befahl Anoa. Dann führte sie die Gruppe in ihr Versteck tief unter der Stadt. Nur ganz wenige Auserwählte wussten von diesem Ort, und weder Oluar noch irgendeiner seiner Vertrauten gehörten dazu. Das Versteck bestand aus mehreren Räumen, die nur durch ein Labyrinth aus Korridoren unter der Erde erreichbar waren. Wer nicht wusste, wie er zu gehen hatte, konnte es nicht finden. Selbst Katharina, die schon mehrmals hier gewesen war, zweifelte daran, das Versteck allein finden zu können.
Die Toten machten sich solche Gedanken nicht. Sie waren in dieser Welt nur Gäste für kurze Zeit. Sie legten Sarah und Thomas auf die vorbereiteten Betten und zogen sie auf Geheiß von Anoa nackt aus. „Verabschiedet euch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Ihr müsst nun gehen. Mehr konnte ich leider nicht für euch tun.“
„Das war schon mehr, als wir erwartet haben“, erwiderte Lanaya. Sie beugte sich über Thomas und berührte seine aufgesprungenen Lippen mit dem Mund. „Lebe wohl, lieber Thomas. Ich beneide dich trotz allem nicht. Und mach dir keine Sorgen um uns.“ Dann küsste sie auch Sarah auf die Lippen, diesmal ohne etwas zu sagen.
Gire war kein Mann großer Worte, auch als Toter nicht. Er drückte kurz die Hand von Thomas und berührte mit den Fingerspitzen Sarahs schweißnasse Stirn. Die anderen machten es ähnlich. Kars gab Sarah zusätzlich einen zarten Kuss auf die leicht geöffneten Lippen, durch die stoßweise ihr Atem kam. Dann nahm Manty Katharina in die Arme. „Danke“, sagte er kurz.
Während Anoa die Toten nach draußen führte, begann ­Katharina damit, die Wunden der beiden Verletzten zu reinigen. Sie benutzte dazu einen Lappen, den Anoa ihr gegeben hatte, zusammen mit einem Eimer, in dem sich eine gelbgrünliche Flüssigkeit befand. Die Flüssigkeit roch seltsam und streng. Für einen Moment kämpfte Katharina gegen Übelkeit an. Sie schloss für einige Sekunden die Augen, dann begann sie mit ihrer Arbeit.
Als Anoa zurückkehrte, war sie mit Sarah schon fertig und säuberte gerade die rechte Handwunde von Thomas.
„Sind sie fort?“, fragte sie. Anoa nickte stumm und nahm eine Holzkiste, mit der sie sich neben Sarah auf das Bett setzte. Aus der Kiste holte sie getrocknete Blätter hervor, die sie auf die Wunden legte, begleitet von einem leisen Singsang. Als sie damit fertig war, legte sie je ein Blatt auf Herz und Stirn. Nun holte sie Stoffstreifen aus der Kiste und fixierte damit die Blätter. Dabei musste sie Sarahs Oberkörper anheben, um den Stoff um ihre Brust zu wickeln. Sie tat das mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, wie Katharina für sich feststellte. Ihrer zarten Gestalt war diese Kraft nicht anzusehen.
Als Katharina auch die Wunden von Thomas gesäubert hatte, verfuhr Anoa mit ihm wie zuvor mit Sarah. Danach richtete sie sich auf und betrachtete zufrieden ihr Werk.
„Sie werden nun Schlaf brauchen, viel Schlaf. Was ist mit dir, mein Kind? Sie werden nach dir suchen und wissen, dass du geholfen hast.“
„Das ist mir egal! Ich kehre nicht mehr zu diesem … diesem Bastard zurück.“
Anoa nickte. „Hier bist du jedenfalls sicher. Du wirst sie begleiten, sobald sie gesund sind.“
„Begleiten? Wohin?“ Katharina starrte die Alte entgeistert an.
„Was denkst du? Dass sie hier ihr Leben verbringen werden?“ Anoa lachte. „Nein, nein. Sie haben eine Aufgabe, das sollten sie jetzt verstanden haben. Und auch du, meine Liebe, hast eine Aufgabe. Deine Jahre als Magd meiner lieben Tochter dienten nur der Tarnung, meinst du nicht auch?“
Katharina schwieg verwirrt. Sie betrachtete ihren Bruder, der nun regelmäßig atmete, genau wie Sarah. Was die Alte da auch getan hatte, es schien schon zu wirken. Anoa nahm sie beim Arm und zog sie mit sich nach nebenan, wo sie sich an einen kleinen Tisch aus Stein setzten. Aus einem Krug goss Anoa ihnen Tee in Becher, die sie vorhin schon hingestellt hatte. Dann lehnte sie sich zurück, die Tasse an den Mund führend, den Blick auf die junge Frau gerichtet.
„Wer bist du eigentlich?“, fragte Katharina.
„Sarahs Großmutter.“
„Die deine Tochter getötet hat!“
„Und ihren Vater, ich weiß. Sie wird einen guten Grund gehabt haben.“
„Gire hat gesagt, du wärst eine Hexe. Du hast weiße Augen, genau wie Sarah. Und Kayla, deine Tochter.“
„Ja, so ist es. Seun wusste das, aber es war ihm egal.“ Sie nippte nachdenklich am Tee. „Ich war mal eine Prinzessin und gehörte dem stolzen Geschlecht der Zbarsz an. Und für die Tochter einer Prinzessin der Zbarsz gehörte es sich nun mal nicht, sich in einen Sterblichen zu verlieben, nicht einmal in einen sterblichen König.“ Sie lachte bitter. „Das war es dann für mich mit der Prinzessin. Doch glaube nicht, dass ich mich beschwere. Ich hatte durchaus ein Leben, das ich nicht eintauschen würde. Und nun muss meine Enkelin das Erbe antreten. Sie ist eigentlich noch zu jung und unerfahren, aber Thomas wird sie beschützen.“
„Warum er? Er ist genauso unerfahren!“
Anoa nickte. „Und er ist mächtig. Mächtiger, als er ahnt.“
„Was redest du da?“
Anoa lächelte sanftmütig. „Ich erkenne dich. Auch du bist keine normale Sterbliche, genauso wenig wie dein Bruder. Im Bewusstsein seiner Kraft hätten sie ihn nicht ans Kreuz gekriegt, und er wäre jetzt wohl tot. Nein, so war es schon besser für ihn. – Ihr seid Vépos.“ Als Katharina protestieren wollte, winkte sie ab. „Keine Sorge, das macht mir nichts aus. Hexen und Vépos haben sich schon oft verbündet. Von mir brauchst du nichts zu befürchten. Deine Feinde suchen da oben nach dir.“
Katharina entspannte sich. Ja, die Hexe hatte recht. Und sie hätte schon viele Gelegenheiten gehabt, ihnen zu schaden. Sie trank zum ersten Mal vom Tee, der noch warm war. Immer noch. Er schmeckte leicht süßlich, mit einer angenehmen, kaum merklichen bitteren Note. Eigentlich ein Widerspruch. „Was ist das für ein Tee?“, erkundigte sie sich.
„Er belebt den Geist. Ein übliches Getränk unter uns Hexen. Gibt Kraft und Ausdauer, das werden wir wohl brauchen. Ihr vor allem.“
„Und wo sollen wir hingehen, wenn wir nicht hierbleiben?“
„Och, da habe ich schon eine Idee. Ich wüsste jemanden, der euch vielleicht helfen kann.“
„Wobei helfen?“ Katharina biss sich auf die Unterlippe. Das war eine doofe Frage.
Anoa lächelte nachsichtig. Ihr gefiel die junge Vampirin immer mehr. Vor allem diese irritierenden Augen mit ihren unterschiedlichen Farben. Auf ihre Art war sie ein hübsches Ding. Keine Kriegerin, zumindest nicht im üblichen Sinne. Aber sie hatte einen starken Willen, genau wie ihr Bruder.
„Es ist schon spät. Wir sollten schlafen gehen“, schlug Anoa plötzlich vor.
Katharina lachte. „Erst belebenden Tee trinken, dann schlafen?“
„Der Tee, meine Liebe, belebt den Geist, nicht den Körper. Dein Geist mag wach bleiben, auch wenn dein Körper schläft. Oder irre ich mich da?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Wo kann ich mich hinlegen?“
Anoa zeigte auf das einzige Bett im Raum.
„Und du? Ich kann auch auf dem Boden schlafen, wenn du mir eine Decke gibst!“
Anoa lächelte und erwiderte: „Ich habe mein Bett nicht hier. Meine Art zu schlafen ist anders.“
Katharina begriff plötzlich, dass Anoa den Körper wie eine Haut ablegen konnte, und nickte. Als die Alte rausgegangen war, zog sie Stiefel, Hose und Jacke aus und kroch unter die Decke. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Hoffentlich hatte die Hexe ihr kein Gift verabreicht, dachte sie, bevor sie die Augen schloss und sofort einschlief.
*
Thomas betrachtete die Narben an seinen Handgelenken. Er saß auf seinem Bett, nur mit einer Hose bekleidet. Hier unten schien es immer warm zu sein, jedenfalls fror er nicht. Er warf einen Blick auf Sarah. Sie lag in ihrem Bett und schlief, wie ihr regelmäßiger Atem verriet. Unter der dünnen Decke zeichnete sich ihr nackter Körper deutlich ab. Für einen kurzen Moment verspürte Thomas heftiges Verlangen nach ihm. Er erinnerte sich an den Duft von Sarahs Haut, an den Geschmack ihres Mundes und an die Hitze ihres Unterleibs. Er wusste nicht mehr, wann und warum sie beschlossen hatten, dass sie niemals ein Paar sein wollen würden. Und auch wenn sie einige Male miteinander geschlafen hatten, blieben diese intimen Begegnungen ohne Bedeutung und Zusammenhang. Ihre Leidenschaften prallten aufeinander und trennten sich danach wieder. Oft schliefen sie viele Monate nicht miteinander, dann wieder in einer Woche fast jeden Tag. Und zwischendurch mit anderen, er mit Lanaya zum Beispiel, sie mit Kars. Ihm fiel die ekstatische Hingabe der schlangenhaften Lanaya ein, und er merkte, dass sich seine Hände zu Fäusten geballt hatten.
Sarah war da anders. Auch in ihr brannte ein heißes Feuer, aber sie war die Löwin und Lanaya die Leopardin. Doch Lanaya war tot, und Sarah lebte. Und er lebte auch. Etwas, das er nicht begreifen konnte. Seine Freunde waren vor seinen Augen gestorben. Er konnte sich genau an den letzten Blick von Gire erinnern, bevor sein Körper erschlafft war. Und an seinen eigenen Schmerz, während er am Kreuz gehangen hatte. Sarah hatte völlig teilnahmslos gewirkt, aber sie war bei Bewusstsein geblieben. Zumindest waren ihre Augen offen gewesen. Und Lanaya mit dem seltsam schiefen Hals und den weit aufgerissenen Augen, die ins Nichts starrten. All das sah Thomas vor sich wie in einem nebligen Traum. Er konnte und wollte nicht akzeptieren, dass nur Sarah und er überlebt hatten. Und auch das nur, weil Oluar sie besonders lange hatte leiden sehen wollen.
Nein, das durfte nicht sein!
Sarah stöhnte und riss die Augen auf. Für einige Sekunden starrte sie in die Welt zurück, aus der sie gekommen war. Dann wurde ihr Blick klar und schweifte zu Thomas hinüber. Sie lächelte schwach.
„Du bist da!“
Thomas nickte stumm. Sarah hob ihre Decke an und sah ihn auffordernd an. Thomas schlüpfte aus der Hose und legte sich neben sie. Ihr Körper schien zu glühen. Sarah drückte sich an ihn und er reagierte.
„Ich brauche dich“, flüsterte sie. „Ich brauche dich so!“
„Ich bin da“, erwiderte Thomas heiser und spürte, wie er bis zur Schmerzgrenze hart wurde. Sarah entging seine Erregung nicht. Sie legte ein Bein über seine Hüfte, sodass er wie von selbst den Eingang fand. Sein Glied glitt mühelos in ihre Nässe hinein. Sie verharrten bewegungslos für einige Zeit. Sarah drückte ihr Gesicht in seine Halsbeuge und weinte lautlos. Erst als sie ihr Gesicht hob und ihn anschaute, begann er langsam sich zu bewegen. Sie suchte seine Lippen, sog ihn förmlich in sich auf, während ihre Zungen einander umschlängelten. Plötzlich presste sie den Unterleib gegen seinen, ihre zuckende Vagina massierte den Orgasmus aus ihm heraus, und als er sich in sie ergoss, hatte er das Gefühl, von ihr völlig verschlungen zu werden.
Er öffnete die Augen und blickte in die ihren.
„Wir können nicht ewig hierbleiben“, sagte sie leise.
„Wo willst du hin? Und was ist mit Oluar?“
„Ich weiß es nicht. Im Moment ist er für uns in unerreichbarer Ferne. Jeden Augenblick, den wir hierbleiben, bringen wir meine Großmutter und Katharina in Gefahr.“
Thomas nickte. „Ich glaube, wir können bald aufbrechen. Unsere Wunden sind gut verheilt. Und jucken werden die Narben noch eine ganze Weile. Wir sollten uns mit Anoa unterhalten. Vielleicht hat sie eine Idee, wo wir hingehen können.“
„Da bin ich mir ganz sicher.“ Plötzlich kicherte Sarah. „Du bist aus mir rausgeflutscht!“
„Soll ich ihn wieder reinstecken?“, erkundigte sich Thomas trocken.
Statt einer Antwort sprang Sarah aus dem Bett. Sich einen Umhang überwerfend verließ sie das Zimmer. Als sie zurückkehrte, war Katharina bei ihr. Sie brachte eine Schüssel mit Kürbissuppe zu Thomas ans Bett, die er gierig zu essen begann. Sarah zog den Umhang enger um sich und setzte sich neben ihm auf das Bett. Sie musterte seine Schwester.
„Anoa sagt, wir sollen zu Lord Dargk gehen“, sagte ­Katharina.
„Kenne ich nicht.“ Sarah sprang wieder auf und wanderte auf und ab. „Ich wünschte, ich wäre auch tot!“
„Geh doch zu Oluar“, bemerkte Thomas, scheinbar ungerührt.
„Hier!“ Sarah nahm ein Messer und reichte es ihm. „In mein Herz!“ Sie öffnete den Umhang und präsentierte ihm ihren nackten Oberkörper. Er betrachtete ihre wogenden Brüste, die vor wenigen Minuten noch so weich zwischen ihren Körpern gelegen hatten. Dann nahm er das Messer und warf es auf den Boden.
„Du spinnst. Ich bezweifle, dass er dir einen schnellen Tod gönnen würde. Und uns auch nicht.“
Sarah warf sich schmollend auf das Bett, sodass ein Teil der Suppe überschwappte. Thomas schüttelte den Kopf und aß dann ruhig weiter. Er kannte ihre Launen schließlich schon lange und gut genug. Katharina war da weniger abgehärtet. Sie nahm das Messer und legte es an seinen Platz. Dann wandte sie sich an Sarah:
„Auch wenn du Schmerzliches durchmachen musstest, ist das kein Grund, dass du dich wie eine Irre aufführst!“
„Lass gut sein, Schwesterherz.“
„Verteidigst du mich etwa?!“ Sarah setzte sich abrupt auf. „Ich bin kein kleines Kind!“
„Ach?“ Thomas grinste sie von der Seite an. „Ja, das ist wohl wahr. Auch wenn du dich so benimmst. Und, meine Liebe, wann lernst du endlich, dass mich das überhaupt nicht beeindruckt?“
Sarah kroch auf den Knien zu ihm, nahm ihm die leere Schüssel weg, warf sie auf den Boden und packte seinen Kopf. „Du lügst! Du liebst mich!“
„Mag sein.“ Er befreite sich aus ihrem Griff und richtete sich auf. „Du spielst wieder deine Spielchen. Wird Zeit, damit aufzuhören.“
„In Ordnung!“ Sarah sprang auf und verlor dabei endgültig ihren Umhang. Sie stand nun splitternackt vor ihm. „Dann schlag mich! Schlag mich, ins Gesicht! Los, ich befehle es dir!“
Katharina betrachtete die vor Erregung bebende junge Frau entgeistert. „Hat sie das öfter?“
Thomas zuckte mit den Schultern. „Das ist Teil ihres Spielchens.“ Dann schlug er zu – fest genug, dass Sarah auf das Bett fiel. Sie hielt sich die Wange, wo seine Hand sie getroffen hatte, und starrte ihn ungläubig an.
„Du hast es wirklich gewagt?“
„Das ist die Abkürzung“, erwiderte er ruhig. „Und jetzt zieh dich an.“
*
Anoa musterte die verweinten Augen ihrer Enkelin, war aber erfahren genug, um kein Wort darüber zu verlieren. Sie schenkte allen Tee ein, bevor sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte.
„Lord Dargk“, begann sie gedehnt, „wird euch helfen. Allerdings ist der Weg zu ihm nicht einfach. Ihr werdet die Hängebrücken von Heyges überqueren und wahrscheinlich auch Veglö passieren müssen. Vielleicht schafft ihr es auch ohne eine Begegnung, obwohl ich das nicht glaube.“
„Und wenn ich nicht zu diesem … Lord Dargk will?“, fragte Sarah provozierend.
„Jede gute Idee ist willkommen“, antwortete Anoa. Sarah presste die Lippen zusammen und schwieg. Lächelnd nickte Anoa und wandte sich dann an Thomas. „Lord Dargk ist ein mächtiger Mann, aber auch er wird Oluar nicht angreifen wollen. Ich bin mir sicher, dass er eine Idee haben wird, die euch hilft.“
„Warum sollte er uns helfen wollen?“, stellte Thomas die entscheidende Frage.
„Nun, sagen wir, er tut das mir zuliebe.“
„Ha!“, rief Sarah triumphierend. „Er ist verliebt in dich!“
„Er war es mal, ja“, erwiderte Anoa nachdenklich. Sarah biss sich verärgert auf die Unterlippe, als ihr klar wurde, dass sie die Gefühle ihrer Großmutter verletzt hatte. „Ob er das noch ist? Ich glaube nicht. Trotzdem wird er mir so eine Bitte nicht abschlagen. Außerdem mag er Oluar sicher nicht.“
„Was ist dieser Lord Dargk eigentlich?“ Thomas fand die Unterhaltung ermüdend, aber er hütete sich, seine Ungeduld allzu offensichtlich zu zeigen.
„Er ist der größte noch lebende Hexenmeister.“ Thomas hatte so eine Antwort erwartet und war nicht überrascht. Er gewann allmählich die Überzeugung, dass ihn gar nichts mehr überraschen konnte. „Nachdem der Rat uns wegen Kylas Liebe zu Seun verbannt hatte, verbrachte ich einige Jahre bei Lord Dargk und folgte dann schließlich meiner lieben Tochter hierher.“
„Wieso? Du hättest doch bei ihm bleiben können. Mama war auch bis dahin ohne dich ausgekommen. Ähm …“ Sarah wurde rot und biss sich erneut auf die Unterlippe. „Entschuldige, ich weiß heute nicht, was ich rede.“
„Nur heute?“ Thomas bereute seine Worte sofort, aber ungeschehen machen konnte er sie nicht. Sarah starrte ihn an und wirkte wirklich verletzt. Er atmete tief durch und sagte: „Tut mir leid.“
„Scheiße“, sagte Katharina seufzend. „Das wird ja eine lustige Reise.“
Sarah wischte sich hastig die Tränen ab und wandte sich an ihre Großmutter: „Also, warum?“
Anoa starrte scheinbar ins Nichts und antwortete erst nach einigen Minuten der Stille langsam: „Unsere Liebe war nicht stark genug.“
„Das verstehe ich nicht. Ihr habt euch nicht mehr geliebt?“
„Oh doch“, erwiderte Anoa. „Wir haben nie aufgehört uns zu lieben. Aber Liebe ist nicht die einzige Kraft des Universums.“
„Und?“, fragte Sarah. „Wie geht es weiter?“
„Gar nicht.“ Anoa erhob sich. „Ihr solltet schlafen, denn auf der Reise werdet ihr das selten tun können. Ich gehe einige Besorgungen machen. In der nächsten Nacht werdet ihr aufbrechen.“ Damit verließ sie den Raum.
„So kann man gleichzeitig viel und nichts sagen“, stellte ­Katharina staunend fest.
„Meine Begeisterung kennt keine Grenzen“, sagte Sarah säuerlich. „Wann ist eigentlich die nächste Nacht?“
„Nach diesem Tag.“ Thomas duckte sich blitzschnell unter Sarahs Hand hinweg. „Erst küsst du und dann schlägst du mich? Kein echter Mann kann eine Frau verstehen.“
Sarah räusperte sich und richtete sich auf. „Na schön. Ich bin ja kein Kind mehr. Packen wir also unsere Sachen zusammen!“
Katharina verkniff sich eine bissige Bemerkung. Wie es aussah, würden sie eine ganze Weile zusammen unterwegs sein, da war es besser, keine vermeidbaren Spannungen zu kultivieren.
Gemeinsam machten sie sich also daran, ihre wenigen Habseligkeiten zu packen.

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Leseprobe: Geschichten einer Kriegerin – Das hungrige Biest

Das Biest hat einen makabren Humor, so viel steht fest.
Es sieht aus wie eine Vogelscheuche. Fast. Nur dass diese hier aus echten menschlichen Teilen zusammengebastelt wurde. Der Kopf ist skelettiert, anscheinend stand kein gut erhaltener Schädel mehr zur Verfügung. Die in die Höhlen gepressten Augen hingegen wirken recht frisch. Der Körper ist nackt, der aufgeschlitzte Bauch notdürftig zusammengenäht. Das Biest hat eindeutig keine chirurgische Erfahrung. Und während der Oberkörper einer Frau gehört hat, stammt der untere Teil von einem Mann. Die Reste lassen das ganz gut erkennen, auch wenn nicht alles, was einen Mann so gewöhnlicherweise ausmacht, noch vorhanden ist.
Die Arme gehörten nicht der Frau, die den Oberkörper zur Verfügung stellt, sie gehörten nicht einmal demselben Menschen. Ein Arm ist so angewinkelt, dass die Hand ein Schild halten kann, auf dem in kraxeliger Schrift die eindeutige Aufforderung steht: „Kehr um!“
Der andere Arm zeigt mit ausgestrecktem Mittelfinger in die Richtung, aus der ich gekommen bin.
Ich denke darüber nach, ob ich dem Befehl folgen sollte. Was geht mich das hier überhaupt an? Okay, ich bin eine Kriegerin, ich habe gefälligst für das Gleichgewicht zu sorgen. Wobei, stört das Ding hier wirklich das Gleichgewicht? Ab wie vielen Opfern kann ich davon ausgehen? Und außerdem, vielleicht sollte ich dabei auch berücksichtigen, wen er sich holt. Klar, eigentlich ist das politisch sehr unkorrekt, den Wert von Menschen gegeneinander abzuwägen. Aber für das Gleichgewicht spielt es nun einmal eine Rolle, wer was tut in seinem Leben. Auch wenn es mich ankotzt, muss ich das berücksichtigen.
Seufzend beschließe ich, den Hinweis zu ignorieren, und gehe an der zusammengebastelten Vogelscheuche vorbei tiefer in den Tunnel hinein.

Um mich herum wird es immer dunkler. Warum konnte mir niemand vorher sagen, dass ich eine Taschenlampe brauchen werde? Missmutig betaste ich die Beule an meinem Kopf; das heißt, dank meiner Heilkräfte ist sie schon verschwunden. Aber es hat verflucht wehgetan, als das Biest mir mit dem Hammer den Kopf fast eingeschlagen hat.
Die Luft ist stickig und kalt. Und es stinkt. Wenn das Biest hier seine Opfer zum Verwesen aufbewahrt, dann ist das aber auch kein Wunder.
Ich merke, wie es in meinem Bauch rumort. Jetzt ist es schon ein halbes Jahr her, dass ich erfahren habe, eine Kriegerin zu sein und was das bedeutet. Habe ich mich deswegen schon daran gewöhnt? Ganz sicher nicht. Ich muss wahnsinnig sein, als unerfahrene Gleichgewichtsbewahrerin hier einem Wesen hinterherzujagen, das verweste, menschliche Leichen für eine Delikatesse zu halten scheint. Es wäre besser gewesen, Nilsson zu fragen. Oder zur Not auch Michael, obwohl der seltsame Vampir mir unheimlich ist. Bei ihm weiß ich nie genau, was er denkt.
Konzentrier dich lieber auf deine Aufgabe, erkläre ich mir. Wer weiß, ob du dich auch dann regenerierst, wenn du aufgefressen wirst.
Mit Sicherheit, erwidere ich mir und muss grinsen, als mir bewusst wird, was für Selbstgespräche ich führe. Ich sollte mich lieber auf meine Umgebung konzentrieren, sonst gibt es gleich den nächsten Schlag auf meinen Kopf.
Wozu braucht ein Wasserwerk überhaupt so einen Tunnel? Und will ich das wirklich wissen? Hoffentlich ist er außer Betrieb, wie der Rest. Möchte nicht plötzlich mit irgendwelcher Kloake geflutet werden. Obwohl, das Biest ist ja hier drin …
Ich halte inne. Eigentlich habe ich es hier nicht hineingehen sehen. Lediglich die komische Vogelscheuche im Eingang ließ mich das glauben. Was, wenn es zum makabren Humor des Wesens gehört, Leute auf völlig falsche Fährten zu locken?
Ich lausche angestrengt in die Dunkelheit hinein und verfluche meinen Leichtsinn, keine Taschenlampe dabei zu haben. Memo an mich: Auf Einsätze als Kriegerin immer, wirklich immer, eine Taschenlampe mitnehmen.
Es ist nichts zu hören. Und zu sehen schon mal gar nicht. Andererseits stinkt es derart abartig, als stünde ich inmitten der Vorratskammer des menschenfressenden Biestes.
Vielleicht stimmt das ja sogar.
Ich gehe langsam in die Hocke und taste den Boden ab. Es fällt mir schwer, keinen Schrei auszustoßen, als ich in etwas Glitschiges packe und mir kurze Zeit später klar wird, dass ich im Bauch von einem Menschen herumwühle.
Okay, also Vorratskammer stimmt schon einmal und auf falsche Fährte gelockt wurde ich auch nicht. Dann müsste das Biest doch eigentlich in der Nähe sein …
Ich spüre den Luftzug, bevor ich getroffen werde, und das rettet mich diesmal. Etwas Hartes streift meinen Kopf zwar trotzdem und reißt mir fast das linke Ohr ab, aber ich werde nicht bewusstlos.
Allerdings verliere ich das Gleichgewicht und falle in das, was ich gerade eben noch als offenen Bauch eines Menschen identifiziert habe. Ich schreie auf, halb vor Wut und halb vor Ekel.
Dann wird mir klar, dass ich es meinem Gegner nicht so leicht machen sollte, und rolle mich zur Seite. Das ist jedoch nur bedingt eine gute Idee, denn logisch, dass der Bauch nicht allein auf dem Boden herumliegt. Ob es die dazugehörigen Eingeweiden sind, in denen ich lande, oder etwas gänzlich anderes, kann ich auf die Schnelle nicht erkennen.
Und um ehrlich zu sein, will ich es auch gar nicht.
Das Biest scheint im Dunkeln sehen zu können, denn plötzlich packt es mich an den Schultern und hievt mich hoch. Ich spüre seinen Atem im Gesicht und denke darüber nach, ohnmächtig zu werden, derart gräßlich ist der Gestank, der plötzlich meine empfindlichen Geruchssinne bombardiert.
„Hör auf!“
Wie? Was? Hat wirklich gerade das Biest mit kaum zu verstehender Stimme, die einem Subwoofer Ehre machen könnte, darum gebeten, aufzuhören?
Ich beschließe, dass ich wohl halluziniere, was kein Wunder wäre angesichts dessen, was ich gerade einatmen muss. Ob sich bei der Verwesung auch Halluzinogene bilden, die nun konzentriert aus dem Magen dieses Monsters entweichen und mich der Sinne berauben?
Ich schlage wild in die Richtung, aus der die Stimme kam, und treffe etwas Hartes. Obwohl ich vom Kampfsport her gewohnt bin, Ziegelsteine und Ähnliches zu zertrümmern, habe ich das Gefühl, sämtliche Knochen meiner Faust wären gebrochen. Anscheinend habe ich das Biest voll im Maul getroffen, und seine Zähne sind verflucht hart.
Wir schreien beide auf und taumeln voneinander weg. Wenigstens kann ich meinen Gegner jetzt hören und so lokalisieren. Er scheint in Richtung Ausgang zu laufen und ich folge ihm, wenn auch etwas langsamer, da ich nichts sehen kann. Ich werde bei Gelegenheit Michael fragen, ob es irgendeinen Trick gibt, wie sich Vampire auch bei völliger Dunkelheit orientieren. Wobei, so wie ich ihn kenne, wird er sagen, dass sie es genauso machen wie die Fledermäuse.
Blödes Arschloch.
Doch jetzt sollte ich mich auf das menschenfressende Biest konzentrieren. Und weil es zunehmend hell wird, kann ich immer schneller laufen. Leider ist sein Vorsprung inzwischen so groß, dass ich ihn aus den Augen verliere, als er den Ausgang erreicht. Und bis ich ebenfalls dort ankomme, ist er verschwunden.
Na super.
Ich mustere die Vogelscheuche.
Dann meine Hände.
Und dann ist es vorbei. Zu viel ist zu viel.
Ich falle würgend auf die Knie und gebe die kümmerlichen Reste meines Abendessens von mir.
Als ich schließlich den Kopf hebe, sehe ich seine Füße.
Direkt vor mir.
Scheiße.

„Warum verfolgst du mich?“
Ich erhebe mich stöhnend, wische die Überreste meines Mageninhalts vom Kinn und starre das Biest dabei entgeistert an.
„Warum frisst du Menschen?“
„Das ist eine lange Geschichte“, erwidert es mit seiner tiefen, brummigen Stimme, und ich muss mich sehr konzentrieren, es überhaupt zu verstehen. „Aber ich habe niemanden getötet!“
„Na ja, die Krankenschwester, die du gebissen hast, hat einen Schock fürs Leben.“
„Das tut mir leid“, erwidert es mit gesenktem Kopf. „Ich wollte es nicht. Es überkam mich einfach.“
Das wird ja immer lustiger. Ein Monster mit Gewissensbissen?
„Hast du eigentlich einen Namen?“
„Ich heiße Theodor Calvan. Und du?“
Wie? Was? Ich atme tief durch, bevor ich antworte: „Nenn mich Fiona. – Hast du zufällig auch einen Personalausweis?“
„Nicht bei mir.“
Mich überkommt urplötzlich das tiefe Gefühl von Surrealität. Ich stehe hier vor einem Tunnel des stillgelegten, alten Wasserwerks von Skyline, mitten in der Nacht, es ist fast Vollmond, saukalt, und ein Monster, das aussieht wie eine Kreuzung aus Quasimodo und einem Zombie aus „Die Nacht der lebenden Toten“, erzählt mir, dass es zwar einen Personalausweis hat, ihn aber nicht bei sich trägt.
Vielleicht sollte ich mich mal kneifen. Obwohl, inzwischen weiß ich ja, dass das nichts bringt.
„Wo hast du ihn denn?“
„Zu Hause. Aber dort kann ich nicht mehr hin.“
„Wieso nicht?“
„Ich habe mich verändert.“ Er seufzt laut. „Ich war mal ein ganz normaler Mensch. Das Menschenfleisch hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“
„Was sagst du da? Du wurdest zu einem Monster, weil du Menschenfleisch frisst?“
„Ja.“ Das Biest lässt den Kopf hängen, was bei einem Zwei-Meter-Quasimodo-Zombie-Verschnitt einfach nur lächerlich wirkt. Trotzdem gelingt es mir unter Aufbietung all meiner Selbstbeherrschung, nicht laut loszulachen.
„Warum frisst du überhaupt Menschenfleisch? Selbst wenn du niemanden tötest dafür, zumindest bislang, ist das doch irgendwie ziemlich … irre.“
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Ich habe Zeit.“ Ich sehe es herausfordernd an. „So oder so, ich kann dich ja nicht gehen lassen.“
„Wie willst du das verhindern?“ Es richtet sich zu seiner vollen Größe auf und funkelt mich wütend an.
Nach einem Tritt zwischen die Beine und einem Faustschlag gegen seinen Rücken findet es sich auf dem Boden wieder.
„So“, erwidere ich ruhig. Langsam macht es mir Spaß, so was wie ein Engel zu sein. „Das war übrigens die Rache für den Schlag mit dem Hammer.“
„Das war keine Absicht“, sagt es dumpf, während es sich schwerfällig wieder aufrichtet. Seiner monströsen Fratze sehe ich an, dass es dabei Schmerzen hat, und plötzlich empfinde ich Mitleid für es.
„Klar, der Hammer hat deine Hand gezwungen, ihn gegen meinen Kopf zu führen.“
„Ich geriet in Panik, als du plötzlich da warst. Ich bekam es mit der Angst zu tun, weil ich wusste, das war wegen der Sache mit der Krankenschwester.“
„Genau, die du gebissen hast. Also gut, du erzählst mir jetzt schön deine Geschichte und ich überlege mir, was wir tun können.“
„Wer bist du überhaupt?“
„Sagte ich doch schon: Fiona.“
Es, oder eigentlich er, Theodor, mustert mich nachdenklich. „Dich kenne ich aber irgendwoher.“
„Kann schon sein. Vor zweieinhalb Jahren war ich viel in den Zeitungen und im Fernsehen.“
„Ich erinnere mich“, sagt er und nickt. „Wir können uns da drin hinsetzen.“ Er deutet auf den Tunnel und mich schüttelt es.
„Nein, danke, das muss nicht sein. Gibt es hier keinen gemütlicheren Ort? Sonst setzen wir uns in mein Auto.“
Wie auf ein Stichwort klingelt plötzlich mein Handy. Ben ist dran.
„Brauchst du Verstärkung?“, erkundigt er sich ohne Umschweife.
„Nein.“
„Hast du das Ding?“
„Äh … ja und nein.“
„Was zum Teufel heißt das denn?“
„Dass ich noch etwas Zeit brauche. Ich rufe dich an, wenn ich fertig bin.“
„Wenn du womit fertig …?“ Ich lege auf. Mir ist grad nicht nach Diskussionen mit ihm.
„War das die Polizei?“, erkundigt sich das … Theodor.
„Eigentlich nur ein Polizist. Die Polizei kann nicht telefonieren.“ Ich ignoriere seinen ratlosen Gesichtsausdruck und zeige auf mein Auto. Dann fällt mir ein, wie viel Blut und andere menschlichen Teile an uns kleben und ich entscheide mich um. „Das heißt, warte mal. Bestimmt gibt es hier irgendwo verlassene Büros, oder?“
Theodor nickt ergeben und geht voraus. Ich beobachte ihn aufmerksam, falls er fliehen oder mich angreifen will, möchte ich es rechtzeitig merken. Aber anscheinend hat er sich mit seinem Schicksal abgefunden. Direkt eine Kämpfernatur scheint er eh nicht zu sein. Jedenfalls führt er mich in ein Bürogeböude, wo wir uns in einem heruntergekommenen Meetingraum niederlassen. Immerhin gibt es hier Mobiliar.
„Fehlt nur noch die Sekretärin, die uns Kaffee bringt“, bemerke ich.
„Was?“
Ich beschließe, Theodor nicht zu überfordern. Er muss seine ganze Lebensportion Humor aufgebraucht haben, als er die Vogelscheuche gebaut hat.
„Also gut, dann erzähl mal. Wieso hast du angefangen, Menschenfleisch zu essen?“
„Daran war Yvonne schuld.“
„Wer ist Yvonne?“
„Yvonne ist … war eine Kollegin. Ich … ich dachte, ich könnte bei ihr landen, als sie mich zu einer besonderen Party eingeladen hat. Eine Art Tupperparty, sagte sie, nur interessanter.“
„Und da gab es Menschenfleisch?“
„Ja“, erwidert er langsam und starrt an mir vorbei ins Nichts. „Da habe ich zum ersten Mal Menschenfleisch gegessen.“
„Aus Tupperware?“
„Nein, von Tellern. Wieso?“
Fiona! Du wolltest ihn doch nicht überfordern!
Ich winke ab. „Nicht so wichtig. Du bist also wegen Yvonne mit auf eine Tuppermenschenparty gegangen. Und wie ging es dann weiter?“
„Ich habe mit Yvonne geschlafen.“
Jetzt starre ich ihn an. „Äh … Okay. Auf der Party?“
„Nein, danach.“
„Und was passierte auf der Party?“
„Zuerst war alles ganz normal. Ich wusste da ja auch noch nicht, dass es um Menschenfleisch geht. Viele wussten das nicht, die zum ersten Mal dabei waren. Und zuerst habe ich mich auch nicht gewundert, dass wir, als serviert wurde, eine weniger waren als am Anfang. Sie wird nach Hause gegangen sein, dachte ich. Bis ich ihren Ringfinger in der Suppe fand.“
„Hast du ihn gegessen?“, erkundige ich mich.
„Was?“ Theodor sieht mich irritiert an.
„Den Finger.“
„Nein! Ich wusste dadurch, dass sie nicht nach Hause gegangen ist.“
Nicht überfordern, Fiona, nicht überfordern! Vermutlich hat die Verwandlung auch sein Gehirn verändert. Vielleicht ist das eine Art Evolution rückwärts. Also, überfordere ihn nicht!
„Schon gut. Wie ging es weiter?“
„Ich … Ich weiß wirklich nicht, wieso ich dort hingegangen bin.Und wieso ich Fleisch gegessen habe. Menschenfleisch. Einige waren nicht zum ersten Mal da und schwärmten besonders von Babyfleisch.“
Ich atme tief durch. In meinem Magen ist nichts mehr, was ich wieder nach oben befördern könnte.
„Ihr habt Babyfleisch gefressen?“
„An dem Abend nicht. Wie gesagt, wir haben erst während des Essens erfahren, dass wir Menschenfleisch essen. Und irgendwie fühlte es sich normal an. Obwohl einige von uns das noch nie getan haben.“
„Möglicherweise habt ihr Drogen verabreicht bekommen. Ich frage mich nur, wieso eigentlich.“
„Drogen?“
„Meinst du nicht? Ich meine, du hast gerade gesagt, dass ihr nicht alle gewusst habt, was das für eine Party sein würde. Und dann wurde eine von euch sogar gekocht und gegessen. Ich glaube, die meisten Menschen, die in einer westlichen Kultur aufwachsen, lehnen das Verspeisen eines Menschen mehr oder weniger ab. Das ist eine Art angelernter Schutz, ein Tabu. So was lässt sich ziemlich gut mit Drogen ausschalten.“
„Und wieso wurde ich zu so … so einem Monster?“
„Das ist allerdings eine gute Frage. Was passierte denn nach der Party und nachdem du mit Yvonne geschlafen hast?“
„Woher weißt du davon?“
„Hast du vor ein paar Minuten noch selbst erzählt.“
„Ach so. Ja, das stimmt, ich habe dann wirklich mit ihr geschlafen. Aber nur einmal. Danach war sie verschwunden und ich habe sie nie wiedergesehen.“
„Könnte sie sich auch in …ein Monster verwandelt haben?“
„Das weiß ich nicht. Aber möglich ist es.“
Ich überlege, schon allein, um mich zu erholen. Einerseits von dem, was Theodor mir erzählt, anderseits von der Anstrengung, die das Zuhören verursacht, denn er spricht extrem undeutlich.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand nur dadurch, dass er Menschenfleisch isst, so verwandelt. Dass er sich überhaupt verwandelt. Dann müssten sich ja alle verwandeln, die Fleisch irgendwelcher Art essen. Nein, es gibt einen anderen Grund, und der wird mit den Drogen zu tun haben, die Theodor und einige der anderen offensichtlich verabreicht bekommen haben.
Aber wozu? Dahinter stecken vermutlich die Gastgeber der Party, doch was bezwecken sie? Ich habe den Verdacht, dass Theodor kein normaler Fall ist. Irgendwas ist bei ihm vermutlich schiefgelaufen und es entspricht gar nicht dem Plan, dass er sich so verändert hat.
Hilft alles nichts, ich muss sie selbst fragen.
„Führ mich hin.“
„Wohin?“, fragt Theodor erstaunt.
„Zu dem Haus, in dem du Menschenfleisch gegessen hast.“
„Was hast du vor?“
„Ich will herausfinden, was das alles zu bedeuten hat. Schon allein, weil ich es nicht zulassen werde, dass Newopes Bevölkerung aufgegessen wird.“
„So viele waren es gar nicht.“
Ich beschließe, den letzten Satz zu überhören. Alles andere wäre zu anstrengend.
Ich springe auf und mustere Theodor. Er sieht ja nicht wirklich unauffällig aus, nicht einmal im Schutz der Dunkelheit. Außerdem sind wir beide immer noch besudelt von … von was auch immer. Ich will es so genau gar nicht wissen.
„Gibt es hier eine Möglichkeit zu duschen?“
„Duschen?“
„Ja, duschen!“ Ich atme tief durch. „Sorry. Wir müssen mit dem Auto fahren, schätze ich, und so setzt du dich nicht in mein Auto. Und ich auch nicht!“
„Ich glaube nicht, dass es hier fließendes Wasser gibt“, sagt Theodor vorsichtig. „Aber einen kleinen Fluss …“
Hm. Es ist Winter und es ist kalt. Ich sterbe vor Kälteschock, wenn ich in Klamotten baden gehe. Und ohne Klamotten erst recht. Aber den Gestank würde ich nie wieder aus dem Auto kriegen … Verdammt!
„Also gut, wir gehen im Fluss baden. Und danach setzen wir uns bei voll aufgedrehter Heizung sofort ins Auto.“
„Mir ist nicht kalt.“
„Aber mir!“ Diesmal entschuldige ich mich nicht.

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Leseprobe: Verdächtige und andere Katastrophen

Paul Maurus schaute sich um. Seine großen, blauen Augen mit dem leicht verrückten Blick, blieben an dem Spülbecken hängen. Er fixierte den tropfenden Wasserhahn. Die Tropfen, die in regelmäßigen Abständen in den Spülstein fielen, hallten wie Trommeln in seinem Kopf. Mit dem Stuhl, auf dem er rittlings saß, schlug er kippelnd den Takt dazu. Die Arme auf der Lehne verschränkt, das Kinn darauf gestützt, wanderten seine Augen zum Telefon. Er wünschte, es würde läuten, wenngleich er nur mit Widerwille telefonierte. Seine Gedanken tanzten Walzer. Wie stets, wenn er seinen Kopf frei bekommen wollte, schüttelte er diesen so heftig, dass ihm seine kinnlangen, blonden Haare noch zerzauster in die Stirn fielen und ihm das Aussehen eines ausgefransten Wischmopps verliehen. Diese Phase der Entspannung wurde unvermittelt durch das Aufreißen der Tür gestört. Der Anblick seines Chefs, Kommissar „Eifer“, der bei Tag und Nacht, dienstlich wie privat, jederzeit mit Leib und Seele Hauptkommissar Gregor Brandolf war, ließ ihn unwillkürlich zusammenzucken. Nicht etwa, weil er sich ertappt fühlte oder die Art, wie sein Chef die Tür öffnete, waren der Grund, vielmehr die Tatsache, dass er sich nie wirklich an dessen Aussehen gewöhnt hatte und es auch niemals tun würde. Wie musste sich da erst Kommissar „Eifer“ beim Anblick seines Spiegelbildes fühlen? Der Gedanke stimmte ihn mitleidig gegenüber diesem ebenso unerbittlichen wie hässlichen Mann, dessen Aussehen nur eine Mutter lieben konnte und der mit der schmerzlichen Gewissheit zu leben hatte, dass jeder Spiegel sein natürlicher Feind war. Sein ungewöhnliches Äußeres ähnelte einer misslungenen Kreuzung teils exotischer Tiere. Und er litt an einer unheilbaren Krankheit, die schon zu weit fortgeschritten war. Es gab keine Möglichkeit mehr, sie zu heilen. Diese Krankheit hieß Ehrgeiz, und er würde daran sterben.
„Na, Chef! Was gibt’s Neues?“, fragte Paul lapidar.
„Maurus, Sie befinden sich in der günstigeren Position, diese Frage zu beantworten!“ Gregor Brandolf öffnete die Jacke seines wie stets in einem schlichten Grauton gehaltenen Anzugs und strich sich im Hinsetzen über die einen Farbton dunklere Krawatte.
„Sie haben recht, Chef. Der Gärtner war‘s!“
„Was fällt Ihnen ein, Maurus?!“
„Sehr viel, Chef!“
„Ihr Humor, Maurus, ist wirklich bewundernswert. Obschon Sie wissen, dass Sie Ihre Assistenz nicht einem Akt der Nächstenliebe zu verdanken haben und ganz sicher nicht Ihrer Logik, die so löchrig ist wie Schweizer Käse, sondern einzig und allein der Gegebenheit, dass Ihr Vater vor seiner Pensionierung selbst Hauptkommissar war, geben Sie hier den Possenreißer!“ Mit Nachdruck warf er die grüne Dokumentenmappe, die er unter seinem rechten Oberarm hervorgezogen hatte, vor sich auf den Schreibtisch.
„Jeder tut das, was er am besten kann, Chef!“
„Das halte ich für ein Gerücht, Maurus!“
„Und ich halte es für eine Tatsache, dass Sie zum Lachen in den Keller gehen, Chef, und sich dabei noch eine Kapuze über den Kopf ziehen.“
„Ich werde jetzt genüsslich ein paar Zigaretten rauchen und mich derweil daran erfreuen, dass Sie, als Nichtraucher, ein Dienstzimmer mit mir teilen müssen.“ Sein Froschmaul verzog sich zu einem spöttischen Grinsen, während er den Rauch tief einsog. „Wie Sie sehen, Maurus, habe ich noch immer die Hoffnung, dass Sie vielleicht früher oder später den Dienst quittieren und endgültig aus meinem Dunstkreis verschwinden.“
„Ach, Chef. Geben Sie sich keine Mühe!“ Paul öffnete das Fenster und lehnte sich weit hinaus. „So leicht werden Sie mich nicht los!“
„Schade, Maurus. Wirklich, schade“, knurrte Brandolf, während er sich die nächste Kippe anzündete.
Paul blickte gedankenverloren auf den tristen Hinterhof des Polizeipräsidiums. Die Sonne blendete ihn und er schloss für einen Moment die Augen. Millionen wunderliche Neigungen gab es auf der Welt und ausgerechnet diese Marotte hatte sich Kommissar „Eifer“ zulegen müssen. Eine einzige Gemeinsamkeit teilten sie sich, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen: Auf keinen Fall würden sie jemandem die Hand schütteln. Kommissar „Eifer“ vermied grundsätzlich jeglichen Körperkontakt mit kriminellen Kreaturen. Streng genommen war jeder ein potenzieller Verdächtiger. Getreu seinem Leitsatz: Jeder hat eine Leiche im Keller! Paul Maurus hingegen war ein Hypochonder und wollte auf krank machende Keime verzichten.
„Wir haben einen Mord und treten mit unseren Ermittlungen auf der Stelle, Maurus!“
Paul schloss das Fenster, setzte sich an den eigenen, wesentlich kleineren Schreibtisch und schaute seinen Chef abwartend an.
„Also, Maurus, fassen Sie noch einmal zusammen, was wir bis jetzt haben!“ Er lehnte sich zurück und schloss die Augen.
„Die Klavierlehrerin Rosamunde Stichnote, geschiedene Schmidt, wurde in ihrem Musikzimmer, neben ihrem kostbaren Konzertflügel, den sie ausschließlich privat nutzte, ermordet aufgefunden.
Sie lag auf dem Fußboden und hatte die Tatwaffe, eine walnussfarbene Strumpfhose, Konfektionsgröße 40, noch um den Hals geschlungen. Neben ihr ein Schreiben mit ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben folgenden Inhalts: Nächte mit vorhergesagtem Perseidenregen! Sternschnuppen! Die kleinen Glücksbringer am Himmel, siehst du eine, hast du einen Wunsch frei! Auf dem Schreiben befanden sich keinerlei Fingerabdrücke, weder von der Ermordeten noch von dem Verfasser. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde dieses Schreiben erst neben das Opfer gelegt, nachdem es erdrosselt war. Der stadtbekannte Fotograf Jürgen Stein, der freischaffend für den „Kreisanzeiger“ tätig ist, hat uns verständigt, nachdem er Rosamunde Stichnote stranguliert aufgefunden hatte. Kurz zuvor war bei der Redaktionsassistentin ein Anruf von benannter Klavierlehrerin mit der Bitte um eine Aufnahme mit Text zwecks Werbung eingegangen. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits tot. Demzufolge haben wir es mit einer Unbekannten zu tun, deren Identität noch immer ungeklärt ist. Meiner Überzeugung nach werden wir hinsichtlich dieser geheimnisvollen Anruferin auch weiterhin im Dunkeln tappen, Chef!“
„Maurus, verschonen Sie mich bitte mit Ihren fragwürdigen Auffassungen. Ich will nur Fakten, nichts als Fakten von ihnen hören!“
„Mit unseren Fakten als auch unserem Latein wären wir hiermit am Ende. Das Einzige, was wir zurzeit im Übermaß haben, sind Vermutungen, nichtssagende Mutmaßungen, die uns auf der Stelle treten lassen, Chef!“
„Da haben Sie ausnahmsweise einmal recht, Maurus!“
„Chef, es freut mich aufrichtig, dass wir wenigstens einmal einer Meinung sind!“
„Nicht ganz, Maurus! Nicht ganz. Schließlich haben wir unseren Hauptverdächtigen, den überspannten Jürgen Stein, den man nicht umsonst hinter vorgehaltener Hand als Psychopathen belächelt. Etliche bezeichnen ihn weniger despektierlich und nennen ihn, seiner durchweg meisterhaften Aufnahmen wegen, denen notwendigerweise Hochachtung gebührt, auch den „Starfotografen“ der Stadt. Andere titulieren ihn als den „rasenden Reporter“, weil er vorwiegend während der Urlaubszeit den einen oder anderen Bericht über Themen schreibt, die ihm persönlich am Herzen liegen, wie zum Beispiel Misswahlen in Diskotheken. Dieser schmierige Schmalspurliebhaber, dessen Fingerabdrücke sich erwiesenermaßen auf der Eingangstür und dem Telefon des Opfers befanden, ist unser Täter, Maurus! Das sagt mir mein untrüglicher Instinkt!“ Er langte sich an seine fleischigen Nilpferdnüstern. „Ich muss ihm den Mord an Rosamunde Stichnote nur eindeutig nachweisen“, fügte er tatkräftig hinzu.
„Und genau das wird Ihnen nicht gelingen, Chef! Verstehen Sie mich nicht falsch, es widerstrebt mir, Sie zu belehren. Aber wir haben nicht das Geringste gegen Jürgen Stein, den Sie voreilig als Hauptverdächtigen schimpfen, in der Hand. Seine Fingerabdrücke untermauern lediglich seine Aussage, dass er die nicht verschlossene Tür geöffnet und nach dem Auffinden der
Ermordeten sofort die Polizei angerufen hat!“
„Für den Mord hat er Handschuhe getragen und sie dann verschwinden lassen, Maurus. Sie wissen doch, für so etwas habe ich ein Gespür!“ Er hatte sich regelrecht auf Jürgen Stein als mutmaßlichen Täter versteift. Um seine Laufbahn ambitioniert voranzutreiben, war ihm nahezu jedes Mittel recht. Er war von der Idee besessen, besser einen höchst fraglichen Killer zu präsentieren, als mit leeren Händen und ohne Plan dazustehen. Letzteres hätte den sicheren Verlust seines Prestiges bedeutet. Solch eine unverzeihliche Niederlage war indiskutabel als auch der Gipfelpunkt der dienstlichen wie privaten Katastrophen.
„Ohne Ihren Spürsinn anzweifeln zu wollen, Chef, glaube ich nicht, dass Jürgen Stein der Mörder ist. Meiner Überzeugung nach ist er nicht fähig, jemanden zu töten!“
Paul sah Kommissar „Eifer“ in einer ihm so vertrauten Geste der Empörung mit den Fingern schnipsen. Er hörte sein „Verdammt“, noch bevor er es ausgesprochen hatte. „Maurus! Wachen Sie auf! Wo leben Sie eigentlich?! Nein! Ersparen Sie mir die Antwort. Ich weiß, worauf das hinausläuft, Pflanzenesser dieser Welt, verbrüdert euch! Nur weil dieser Kerl ein militanter Vegetarier ist, trauen Sie ihm keinen Mord zu!? Ihre Borniertheit stellt alles andere in den Schatten!“
„Bitte keine Beleidigungen, Chef!“
„Ja, weil Sie so zart besaitet sind, Maurus!“
„Genau, Chef! Und es würde nur wieder in einer Katastrophe gipfeln!“
„Maurus, ich bin auch nur ein Mensch. Sie sind so unbedarft, dass es schmerzt. Außerdem lebe ich mit der ständigen Sorge, dass Ihre Begriffsstutzigkeit auf mich abfärben könnte!“
„Chef, ich muss protestieren! Keine weiteren Erniedrigungen mehr oder ich sehe mich gezwungen …“
„Schon gut, Maurus! Bis vorhin lebte ich in dem Glauben, alle Demütigungen an Ihnen verbraucht zu haben … Und wo wir gerade beim Thema sind, während Sie heute Morgen wieder auf der faulen Haut gelegen haben und in Selbstmitleid zerflossen sind, habe ich fleißig Belastungsmaterial zusammengetragen. Nachdem ich in der Redaktion des „Kreisanzeiger“ erfahren hatte, dass sich unser „Paparazzo“ neuerdings auf der Suche nach „Freiwild“ befindet, habe ich mir kurzweg einen Durchsuchungsbeschluss für seine Wohnung besorgt und das hier sichergestellt!“ Er deutete auf die Mappe, die auf seinem Schreibtisch lag. „Dadurch, Maurus, werde ich noch heute ein Geständnis aus diesem Verrückten herauspressen! Allerdings kann es noch Stunden dauern, bis er auftaucht. Die in der Redaktion sind von mir angewiesen, ihn unverzüglich nach seinem Eintreffen hierhin zu schicken!“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und rieb sich fröhlich die Hände. „Vorfreude ist die beste Freude, so wie Ausdauer stets belohnt wird. Demnach, Maurus, müssen Sie sich noch etwas gedulden, bis Sie wieder einmal mehr in den Genuss meiner subtilen Verhörtaktik kommen. Und lassen Sie sich gesagt sein, dass diese Methode mich auf der Karriereleiter unaufhaltsam nach oben katapultieren wird! Ganz im Gegensatz zu Ihnen!“ Ein selbstverliebtes Lächeln umspielte sein Froschmaul, während er den Knoten seiner Krawatte zurechtrückte und überheblich den Hals reckte.
„Der Einfachheit halber wäre es doch eine begrüßenswerte Aussicht, dass der Hauptverdächtige die Sache selbst in die Hand nimmt und auf eigene Faust den Schuldigen überführt. – Wie im Mordfall der Melinda Arbogast“, seufzte Paul. „Es wäre alles so simpel, gäbe es nur mehr Menschen wie Eckehard Hunold …“
„Sie Weichpappe“, tobte Gregor Brandolf. „Was fällt Ihnen ein, diesen Dünnpfiff ventilierenden Kleinganoven Eckehard Hunold zu glorifizieren!? Ob es Ihnen passt oder nicht, Sie Einfaltspinsel, und wenn es Sie den Rest ihres Verstandes kostet, der Mörder ist Jürgen Stein! Punktum!“

Da saß er nun, der Fotograf Jürgen Stein, vergleichsweise gestresst, infolgedessen nicht in der besten körperlichen und seelischen Verfassung. Alles in allem war er eine recht seltsame Erscheinung. Er ähnelte einem karikierten „Müsli-H-Milch-Männchen“, das jederzeit wie in einem Comic zu einem Superhelden mutieren konnte. Die kurzen, schütteren, braunen Haare trug er als Ponyfrisur. Ein widerspenstiger Schnurrbart zierte seine Oberlippe. Auf Geheiß von Hauptkommissar Gregor Brandolf hatte er die Sonnenbrille, die speziell für ihn angefertigt worden war, hinter der er seine blauen Augen Tag und Nacht versteckte und nicht einmal zum fotografieren abnahm, wie er eindringlich zu erläutern versuchte, letztlich doch abnehmen müssen. Seine hochgewachsene, schlaksige Gestalt mit den endlos wohlgestalteten Beinen steckte in abgewaschenen Jeans, einem Shirt und Turnschuhen, die auf penible Reinlichkeit schließen ließ. Mit Vorliebe Baseballmützen zu tragen war genauso alltäglich für ihn wie das Schleppen seines „Zauberkoffers“, in dem sich jederzeit einsatzbereit seine komplette Fotoausrüstung befand.
Derzeit war er den verbalen Angriffen Brandolfs ausgeliefert. Mit seiner leisen, immerfort atemlos klingenden Stimme versuchte Jürgen Stein sich mit gezielten als auch kernigen Argumenten zu wehren. Für eine Weile wirkte er souverän. Aber allmählich machte sich seine Nervosität auf die unaufhaltsam obligate wie erbarmungslose Weise bemerkbar und verleitete ihn dazu, kontinuierlich mit den Wohnungsschlüsseln, die er stets mit einem langen Band um den Hals trug, zu klappern. Zudem rutschte er so zappelig auf dem Stuhl hin und her, als würde ihn Montezumas Rache heimsuchen.
Keine Frage, Gregor Brandolf hatte ihn weich gekocht. Außerdem hatte dieser katastrophale Vormittag mehr von ihm gefordert, als er in der Lage war zu geben. Dabei hatte der Tag so vielversprechend für ihn begonnen.


Er war bester Laune, nachdem er im „Kreisanzeiger“ seine Aufnahme vom Sonnenuntergang, die ihm wieder einmal meisterhaft gelungen war, bewundern konnte. Zur Feier des Tages gab er sich eine Extraportion Rosinen ins tägliche Müsli.
Während er sich den ersten Löffel gönnte und der Verdauung wegen ausdrücklich lange kaute, blätterte er die Seiten der Zeitung weiter um. Auf der Suche nach dem Foto von dem neu eröffneten Friseurladen, das er zusätzlich für diese Ausgabe geschossen hatte, wurde just ein Artikel mit der Überschrift „Mysteriöser Todesfall im Wald“ zu einem Blickfang für ihn. Zwischenzeitlich führte er den nächsten, flach gehäuften Löffel Müsli zum Mund. Er streifte ihn natürlich jedes Mal gewissenhaft am Rande der Schüssel mit dem Hahn- und Henne- Motiv und der Aufschrift „Müsli“ ab, um Flecken auf dem Tageblatt zu vermeiden. Solange seine Augen die Buchstaben verschlangen, vollführte sein Kiefer immer hastiger werdende Kaubewegungen. Jedes weitere Schriftzeichen ließ ihn zusammenzucken. Der Textabschnitt, der offenlegte, dass eine betagte Frau bei ihrem abendlichen Spaziergang durch den Wald infolge eines Schocks schlagartig ums Leben gekommen war, ließ ihm den Haferflockenbrei buchstäblich im Halse steckenbleiben. Zweifellos und bedauerlicherweise hatte er sie ins Jenseits befördert. Schreckliche Schuldgefühle plagten ihn. Nicht einmal in einem Anfall von Paranoia hätte er sich vorstellen können, eines Tages zum Mörder zu werden. Die Gewissheit, dass dies unbeabsichtigt geschehen war, änderte nichts an der Tatsache, dass er von jetzt an eine Tote auf dem Kerbholz hatte.
Von Panik erfüllt stand er auf. Er brauchte erst einmal ein Glas kalte Milch, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die eisgekühlte Flüssigkeit rann durch seine Kehle und ließ die Gläser seiner speziellen Sonnenbrille beschlagen. Sein Kopf arbeitete auf Hochtouren. Sein empfindlicher Magen rebellierte. Den Schädel über die Kloschüssel gebeugt, sinnierte er: Seine Leidenschaft, sich vorwiegend zur Abendstunde im Wald aufzuhalten, war ihm unwiderruflich zum Verhängnis geworden. Seine „Waldtauglichkeit“ hatte er unzählige Male unter Beweis gestellt. Er wollte alles und nichts. Ständig war er auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Bei seinen haarsträubenden, nächtlichen Unternehmungen trug er stets einen Tarnanzug, um sich der Landschaft anzugleichen. Der Weg war ihm so vertraut, dass er sogar auf eine Taschenlampe verzichten konnte. Mehr noch, er fand ihn selbst mit geschlossenen Augen. Er hatte es schon häufig ausprobiert. Aus reiner Experimentierfreude hatte er sich die Augen verbunden und war jedes Mal problemlos ans Ziel gelangt. Mittlerweile war er so geübt, dass er die Strecke mit verbundenen Augen und im Laufschritt bewältigen konnte, ohne einen nennenswerten Ausrutscher. Jenen Wald betrachtete er als sein Eigentum, besonders das Teilstück, wo er gewöhnlich sein Unwesen trieb. Hier war er der unumstrittene Herrscher. In seinem Kopf waltete totales Chaos. Erschöpft von dem Aufbegehren seines Magens, stützte er sein Kinn auf den kühlen Toilettenrand. Gerade so ermattet, wie in der verhängnisvollen Nacht, schoss es ihm da durch den Kopf. Er hatte in der kühlen Nachtluft am Rande des Waldes gestanden und den sternenklaren Himmel beobachtet. Dann breitete er die Arme aus und drehte sich im Kreis, als wolle er all die glitzernden Massen von gleißenden Funken, die vom Himmel fielen, auffangen. Die herabfallenden Sternschnuppen tauchten die Nacht für wenige Augenblicke in ein glänzend helles, funkensprühendes Licht, das dem Wald ein märchenhaftes Ambiente verlieh. Gefangen von der Magie des Moments hatte er sich ganz seinen Gefühlen hingegeben. Sich wie ein Derwisch drehend, mit weit emporgereckten Armen, als wolle er jede einzelne Sternschnuppe ergreifen und verwahren, damit keiner seiner Wünsche verloren ging, war er schließlich von seinem ungestümen Tanz so abgekämpft, dass er zu seinem Auto ging. Wie jedes Mal hatte er es am Rand des Hains geparkt. Seiner Gewohnheit nach drehte er die Musik, eine Mischung aus Heavy Metal, Hardrock und knarrenden Türgeräuschen, die er mit einem Kumpel abgemischt hatte, auf volle Lautstärke. Er schaltete das Innen- und Außenlicht mit den zusätzlich eingebauten Scheinwerfern ein. Als unheimlicher Kontrast zur Dunkelheit stand das Fahrzeug lichtdurchflutet abseits des Waldes und wies eine spektakuläre Ähnlichkeit mit einem Ufo auf.
So wie zigmal zuvor hatte er mit offener Tür auf dem Fahrersitz gesessen und die Beine baumeln lassen. Anschließend hatte er mit einer Flasche Mineralwasser seinen Durst gelöscht. Für einen Moment schloss er die Augen, als er daran dachte, wie er sich mit Heißhunger über das Päckchen Haferflocken hergemacht hatte. Möglicherweise war dies genau der Zeitpunkt, als sein vermeintliches Opfer durch seine einem Ufo gleichende, fahrende Disco den Tod gefunden hatte. Allein die Vorstellung hiervon genügte, um ihn erneut speien zu lassen. Solange sein Magen sich krampfartig zusammenzog und den restlichen Inhalt freigab, hatte er das Gefühl, sämtliche Eingeweide würden sich gleichfalls von ihm verabschieden. Entkräftet klammerte er sich am Klosett fest. Trübsinnig rekonstruierte er den Sachverhalt: Die hochbetagte Frau hatte sich bei einsetzender Dunkelheit als arglose Spaziergängerin auf dem Weg befunden, der direkt an das von ihm genutzte Waldstück grenzte. Just als er sein Auto wieder in ein unbekanntes Flugobjekt mit Discosound verwandelte, hatte sie blitzartig der Schlag getroffen. Bestimmt hatte sie gedacht, die Außerirdischen seien gelandet und der Schreck hatte sie dahin gerafft. Mit seiner Beherrschung war es endgültig vorbei. Er weinte laut. Die Tränen nässten seine erhitzten Wangen und die Gläser seiner Sonnenbrille. Ein neuerliches, beschwerliches Schlucken ließ ihn den Kopf tiefer ins WC neigen. Indes gab sein Magen nichts mehr her. Es war vorüber. Dagegen hatten die schwerwiegenden Vorwürfe, die er sich machte, erst ihren Anfang gefunden. Durch diesen unsagbaren wie Aufsehen erregenden „Forstzauber“ war seine Weltanschauung gänzlich verdreht.
Die Badezimmeruhr riss ihn aus seiner Schwermut. Es blieb ihm gerade noch ausreichend Zeit, die Zähne zu putzen, das Gesicht samt Sonnenbrille zu waschen und ein frisches Shirt anzuziehen. Dann musste er wohl oder übel zu dem Fototermin in die Autowerkstatt, um zur Werbung von dem Besitzer einige ansprechende Aufnahmen zu knipsen. Dies stellte sich allerdings als gar nicht so einfach heraus.
Erst einmal in der Werkstatt angelangt, musste er mit einem russischen Kraftfahrzeugmechaniker vorliebnehmen, der kaum deutsch sprach und nur wenige unverständliche Sätze in seinen Bart knurrte. Da er alle seine Standardvokabeln an dem Russen verbraucht hatte und die Situation ihn völlig überforderte, fing er wie üblich an zu stottern. Daraus konnte man ableiten, dass jede Faser seiner Nerven, die ohnehin überbeansprucht waren, wegen der inzwischen auftretenden Komplikationen unabänderlich zu zerreißen drohte. Überdies folgte das unerlässliche als auch hilfreiche Greifen nach den Schlüsseln um seinen Hals. Unbeeindruckt von seiner nervenaufreibenden Darbietung drehte sich der Russe um und ließ ihn der Einfachheit halber stehen. Sich selbst und seinem Schicksal überlassen, verzog er sich danach in das kleine Büro der Autowerkstatt. Bis zum Eintreffen des Chefs wollte er sich hier von den niederschmetternden Heimsuchungen erholen.
War solch eine Lawine erst einmal losgetreten, gab es kein Entkommen. Das wurde ihm nach der Begegnung mit dem Eigentümer und Meister der Werkstatt schmerzlich bewusst gemacht. Er hatte eine Begrüßung sowie ein paar Höflichkeitsfloskeln gestammelt und sich ohne Umschweife ans Werk gemacht. Sein Bestreben war es, den Inhaber in lasziver Pose auf einem Autoreifen abzulichten. Dies stellte sich aber als schier unmöglich heraus, weil dieser große, bullige Kerl einfach zu schwerfällig war.
In solchen Situationen bewies selbst er jedoch ein außergewöhnliches Durchhaltevermögen. Und wie sich herausstellte, war der Koloss ebenfalls bemüht, die Angelegenheit, so schnell und so gut es seine Statur erlaubte, hinter sich zu bringen. Irgendwie schien es dieser aufgepumpten Ausgabe von Batman tatsächlich peinlich zu sein, fotografiert zu werden. Noch mehr schien ihn allerdings die eigene Ungelenkigkeit zu beschämen. Solange er durch den Sucher blickte, schauderte es ihn, das feiste Individuum zu betrachten, das er so verzweifelt mit der Kamera festzuhalten versuchte. Ein wahrhaft grotesker Anblick, dieser Dieter Krüger. All seine Bewegungen wirkten wie ferngesteuert und das gesamte Aussehen seiner Person mochte durchaus die Bewohner eines anderen Planeten beeindrucken. Hier auf unserer Erde war seine Erscheinung jedoch indiskutabel. Durch das Objektiv schaute er ihm direkt in seine übergroßen, mandelförmigen, blauen Augen, die er nur zur Hälfte öffnen konnte und schoss ihn endlich ab. Das Bild war im Kasten. Er verabschiedete sich erleichtert und stellte sich die berechtigte Frage, ob tatsächlich die Außerirdischen gelandet seien.
Und jetzt sah er sich zu allem Überfluss, quasi als Krönung des Tages, mit diesem wild gewordenen Kommissar mit der Gorilla-Grimasse konfrontiert.


„Sie haben weder Geld noch Wertgegenstände entwendet. Was war Ihr Motiv für den Mord an Rosamunde Stichnote? Erleichtern Sie Ihr Gewissen und legen Sie ein umfassendes Geständnis ab. Sie werden … he, was ist denn mit Ihnen los? Sie sind ja völlig geistesabwesend, Herr Stein!?“
Gregor Brandolf hämmerte mit der Faust auf den Schreibtisch.
„Oh, Entschuldigung, Herr Kommissar …“
„Hauptkommissar! Wenn ich bitten darf. So viel Zeit muss sein!“
„Was? Ach so, ja! Sie müssen wissen, ich hatte einen anstrengenden Arbeitstag, Herr Hauptkommissar!“
„Pah! Dass ich nicht lache! Sie und arbeiten? Für Sie Chaot ist „Arbeit“ doch ein Fremdwort! Dieses exotische Vergnügen überlassen Sie lieber anderen. Uns, zum Beispiel. Ihretwegen, Herr Stein, hatte ich heute wirklich einen anstrengenden Arbeitstag! Als kleine Anerkennung möchte ich jetzt Ihr Schuldbekenntnis hören!“
„Ich kann nicht gestehen, was ich nicht getan habe!“ Jürgen Stein war verärgert. Er blickte abwertend zu seinem Scharfrichter, der so hässlich war, dass sich abermals sein sensibler Magen regte. Dieses Ekel konnte sich glücklich schätzen, dass er nichts Essbares mehr zu sich genommen hatte. Dann betrachtete er eingehend dessen Helfershelfer, der offenbar genauso irre war wie er selbst. Keiner hätte das besser beurteilen können. Nicht umsonst sagte man: Nur ein Irrer erkennt einen Irren. Und der hier schien ihm sogar um einige Ticks voraus zu sein.
„Sehen Sie mal, was ich hier habe! Diese anonymen Drohbriefe habe ich heute bei Ihnen sichergestellt!“ Gregor Brandolf öffnete siegessicher die grüne Mappe und breitete die Briefe auf seinem Schreibtisch aus.
„Was?! Sie waren in meiner Wohnung?!“
„Wenn Sie das Dreckloch, in dem Sie hausen, als Wohnung bezeichnen wollen, ja! Übrigens, hier ist der Durchsuchungsbeschluss. Alles ganz legal!“ Er schob ihm das Schriftstück hin. „Außerdem sollten Sie mir dankbar sein, dass ich Ihren Saustall sozusagen einmal gründlich ausgemistet habe. Wo sie doch bald in Untersuchungshaft sitzen werden!“ Brandolf warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
„Sie scheinen sich Ihrer Sache sehr sicher zu sein, Herr Hauptkommissar.“
„Oh, ja! Das bin ich in der Tat. Worauf Sie sich verlassen können. Wie heißt es doch gleich?“ Er wandte sich an seinen Assistenten und schnipste auffordernd mit den Fingern. „Wie heißt es doch so schön, Maurus?“
Der fühlte sich überrumpelt und wusste nichts weiter als „Chef?“ zu erwidern.
„Nun mal raus mit unseren Wahlsprüchen, Maurus!“
Paul konterte zögernd: „Ohne Fleiß kein Preis, Chef?“
„Bingo, Maurus! Tun Sie sich keinen Zwang an, weiter im Text!“ Beharrlich schnalzte er mit den Fingern.
„Chef, Sie meinen bestimmt: Nichts ist wie es scheint. Vertraue niemandem!“
„Unbestreitbar, unsere oberste Prämisse, um die tägliche Arbeit hier bewältigen zu können! Jeder ist eine denkbar kriminelle Kreatur, und in jedem Keller stößt man irgendwann auf eine Leiche …“
„Ich habe keinen Keller“, entgegnete Jürgen Stein beherzt.
„Gutes Argument, aber leider wenig überzeugend!“ Kommissar „Eifer“ wandte sich an seinen Gehilfen. „Sehen Sie mal, Maurus, wir haben es hier mit einem Komiker zu tun. Und er ist beinahe so witzig wie Sie …“
Rasch fiel ihm Paul ins Wort. „Da wir gerade beim Thema sind, fällt mir ein: Neugier bringt die Katze um, Chef!“
„Volltreffer, Maurus!“ Hochmütig wiederholte er das Sprichwort. „Neugier bringt die Katze um, … hält aber den Kriminalisten am Leben! Wie Sie sehen, Herr Stein, habe sogar ich einen gewissen Sinn für Humor. Widmen wir uns also wieder den ernsten Dingen! Dieses halbe Dutzend Drohbriefe wurde mittels Zeitungsbuchstaben erstellt, wie unschwer zu erkennen ist. Genau wie die Botschaft, die wir neben dem Mordopfer gefunden haben. Allerdings sind diese Schreiben hier weniger poetischen Tenors. Die Zeichnungen hingegen können sich sehen lassen! Beispielsweise die hier.“ Er deutete auf einen der Briefe, der wie die übrigen mit Sand und toten Mücken in Klarsichthüllen steckte und ein Strichmännchen am Galgen zeigte. „Der Verfasser hat sich besonders viel Mühe gegeben, mit Liebe zum Detail. Sie gleichen Ihnen wirklich bis aufs Haar, diese Spottbilder!“ Er lachte laut.
„Hören Sie, statt sich lustig zu machen, sollten Sie sich lieber um diese Schmierfinken kümmern“, erwiderte Jürgen Stein trotzig und strich sich verlegen über seinen Schnurrbart.
„Sie haben einen bestimmten Verdacht?! Oder sollte ich lieber fragen, ob Sie sich die Briefe selber geschrieben haben, um sich zu entlasten?“
„Wie können Sie es wagen, mir so etwas zu unterstellen! Zumal ich mir die Nächte um die Ohren geschlagen habe, um meine Vermutung belegen zu können. Sie können doch nicht nachvollziehen, wie man sich fühlt, wenn man solch einen Wisch in Händen hält!“ Die Worte des Protestes bahnten sich unaufhaltsam ihren Weg. „Anfangs waren die Briefe noch schlicht gehalten. Eben so wie ein Schreiben dieser Art auszusehen hat. Die ausgeschnittenen Buchstaben, in den dezenten Farben einer Tageszeitung gehalten und mit einem sachlichen Inhalt. Aber dann wurden es persönliche Verunglimpfungen, Morddrohungen, mit blutrünstigen Zerrbildern. Und wissen Sie, was das Allerschlimmste daran war?“ Er rückte seine Baseballkappe zurecht. „Nicht etwa der Terror, der kein Ende nehmen wollte. Nein! Es waren diese Karikaturen, die mir bis aufs Haar gleichen, wie Sie bereits festgestellt haben, Herr Hauptkommissar.
Dadurch war ich in meinem männlichen Stolz verletzt. Mein Herz schrie förmlich nach Rache. Diese Diffamie war ich nicht gewillt hinzunehmen. Es dürstete mich nach Satisfaktion. Äußerlich gleiche ich vielleicht einem Grashüpfer, einer Heuschrecke, einem Strichmännchen, wie zur Genüge dargestellt. Aber innerlich bin ich ein Berserker und das wollte ich dem anonymen Verfasser beweisen. Ein für allemal sollte er einen Denkzettel erhalten und auf keinen Fall ungeschoren davonkommen. Ich hatte auch einen ganz bestimmten Verdacht. Bei den Übeltätern musste es sich um einige Kinder handeln, die in der gleichen Gegend wohnen und dort ihr Unwesen treiben. Genau genommen: Zwei Mädchen und zwei Jungen von circa neun Jahren. Den Rotznasen wollte ich zeigen, wer hier wen fest im Griff hat. Da die Kuverts stets handgeschrieben an mich gerichtet in meinem Briefkasten lagen, musste ich zuerst einmal Nachforschungen wegen der Schrift anstellen. Um in den Besitz von Schriftproben zu gelangen, nahm ich einige Strapazen in Kauf. Bei den von mir Verdächtigten schlich ich bei Nacht ums Haus. Ich durchsuchte ihre Mülltonnen gewissenhaft nach verräterischen Zeitungsresten und fischte die weggeworfenen handschriftlichen Hausaufgaben zusammen mit Hundekot und anderen Abfallresten aus den Eimern heraus. Wieder zu Hause angelangt, ließ ich die Putzhandschuhe gleich an und bearbeitete die Schriftproben, die nebenbei bemerkt, sogar identisch waren. Mit dem Bügeleisen schweißte ich sie in Folie ein. Tags darauf machte ich mich mit den gesammelten Beweisen auf den Weg zur Polizei. Überdies hatte ich eine Anzeige verfasst. Auf der Wache sollte nur noch die offizielle Strafanzeige gegen die Eltern dieser nachlässig erzogenen Gören erfolgen. – Aber weit gefehlt! Anstelle von tatkräftiger Unterstützung wurde mir nur der Hohn der Polizeibeamten zuteil. Schlimmer noch: Sie machten mir Vorhaltungen, dass ich nicht Mann genug sei, mit ein paar Kindern fertig zu werden. Des Weiteren versicherten sie mir glaubhaft, dass der zuständige Staatsanwalt diesem Kinderkram ebenso viel Beachtung wie dem Platzen eines Reissackes in China schenken würde. Da man mich sowieso nicht ernst nahm, wollte ich zumindest meine beschwerlich zusammengetragenen Beweisstücke vor dem unausweichlichen Ende im Reißwolf bewahren. Folglich verabschiedete ich mich echauffiert. Hinterher legte ich die Schriftstücke wieder zu meinen anderen Papieren.“
„Tja, in Ihren Unterlagen herrscht sorgfältige Ordnung. Das muss ich neidlos anerkennen. Wenn ich da zu Hause an mein Schema denke …“ Gregor Brandolf rieb sich den Pavianschädel. „Allerdings bin ich kein Mörder, so wie Sie Herr Stein“, stocherte er mit Nachdruck. „Verdammt noch mal! Gestehen Sie endlich! Mit meiner Toleranz bin ich jetzt am Ende!“ Er schlug mit der Faust auf seinen Schreibtisch.
Jürgen Stein verlor die Selbstbeherrschung und kreischte. „Ich gestehe! Ich werde jetzt alles bekennen!“ Besser die Flucht nach vorne antreten und diesem Henker den Schneid abkaufen, dachte er dabei.
Unterdessen warf Brandolf seinem Assistenten einen Blick über die Seite zu, der unmissverständlich war: Wieder einen weich gekocht! Grinsend lehnte er sich zurück.
Gegenwärtig klang die dünne Stimme von Jürgen Stein gleichmütig, als er perseverierte: „Ich gestehe! Ich gestehe! Nach so viel maskuliner Schönheit bleibt mir nichts anderes übrig als zu gestehen! Ich gestehe, ich wäre gerne Pilot geworden, doch meine schulischen Leistungen waren nicht annähernd ausreichend. Demzufolge habe ich des Öfteren meine Schulzeugnisse gefälscht. Aber irgendwann war der Schwindel aufgeflogen und fortan musste ich mich als Fotograf durchschlagen. Diese Tätigkeit habe ich zwar nicht erlernt, beherrsche sie aber von allen mir gebotenen Möglichkeiten noch am besten. Nebenbei bemerkt, ich hatte keine große Auswahl, die mir zur Verfügung stand. Und falls es Sie interessieren sollte, Herr Hauptkommissar, obendrein bin ich als Detektiv tauglich – was mich zutiefst befriedigt und mit einem gewissen Stolz erfüllt. Allerdings dient mir diese exzeptionelle Fähigkeit nur als Hobby. Zugegeben, ein etwas merkwürdiges Steckenpferd, das nicht unbedingt alltäglich ist. Was zuerst als reiner Zeitvertreib gedacht war, artete allzu schnell zur Sucht aus. Unter Umständen kann das einer der anwesenden Herren nachvollziehen!?“ Er lächelte spöttisch in die Richtung von Scharfrichter und Helfershelfer, ohne die beiden wirklich eines Blickes zu würdigen. Er war jetzt in seinem Element und fuhr mit seinem Geständnis fort. „Ferner gestehe ich – in meiner Freizeit Militärklamotten zu tragen und das, obwohl ich keinen Wehrdienst geleistet habe. Ich konnte mich der Wehrpflicht erfolgreich entziehen, indem ich mir selbst einige Schmerzen zufügte. Damals bin ich mehrfach an eine Wand gesprungen, was sich langfristig gesehen wirklich gelohnt hat!“
Von den eigenen Worten derartig berauscht, war er nicht mehr zu bremsen. Und Gregor Brandolf beherzigte unerschrocken einen seiner berüchtigten Leitsprüche, niemals, unter gar keinen Umständen, einen dringend Tatverdächtigen bei seinem Geständnis, sei es auch noch so umfangreich, zu unterbrechen.
„Des Weiteren gestehe ich meine Sympathie für die Vereinigten Staaten von Amerika. Jedoch gilt hier zu differenzieren, dass es sich nicht um eine Schwäche für die Vereinigten Staaten selbst handelt, sondern vielmehr um die Bezeichnung „USA“. Denn ich kann mich selber nicht daran satt hören, „USA“ zu sagen! Natürlich könnte ich auch United States of America sagen. Aber ich persönlich finde die Nennung „USA“ hat so etwas, ist so speziell und klingt so kernig, insbesondere aus meinem Mund! Schließen Sie beide für einen Moment die Augen, während ich „USA“ über meine Lippen bringe und Sie werden verstehen, was ich meine …“
Das Läuten des Telefons ließ ihn abrupt verstummen. Allen Anwesenden stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Selbst Paul Maurus, der stressgeschädigte Gehilfe von Kommissar „Eifer“, mit seiner Antipathie fürs Telefonieren, stürzte sich wie befreit und tollkühn auf den Fernsprecher.
Allerdings wurde er von seinem Chef, der entgegen seiner Gewohnheit höchst persönlich zum Hörer griff, abgewehrt. „Polizeipräsidium, Morddezernat, Sie sprechen mit Hauptkommissar Gregor Brandolf, was kann ich für Sie tun?“ Mit dem Sehapparat einer tropischen Baumeidechse fixierte er seinen neurotischen Assistenten und warf ihm vielversprechende Blicke zu. „Ja, in Ordnung … Auf Wiederhören! – Und vielen Dank!“ Er legte auf und wandte sich wieder dem Fotografen zu.
„Jetzt im Telegrammstil, Sie bleiben also dabei, Rosamunde Stichnote nicht gekannt und nicht stranguliert zu haben?!“
„Korrekt! Ich habe sie an jenem Tag kennengelernt, als sie mit dieser Strumpfhose um den Hals erdrosselt neben ihrem Konzertflügel lag.“ Jürgen Stein war wie umgewandelt und sprach wieder mit seiner leisen, immerfort atemlos klingenden Stimme. Und wie stets sah er aus, als würden ihm ein paar Chips in der Rübe fehlen.
„Dann können Sie jetzt gehen!“ Freigiebig und ohne einen Unterton der Enttäuschung, ihn nicht überführt zu haben, richtete Kommissar „Eifer“ diesen unerlässlichen Satz an sein Gegenüber, der nicht zu verblüfft war, um hastig seine Sonnenbrille aufzusetzen und sich seinen „Zauberkoffer“ zu schnappen.
„Herr Stein, entweder sind Sie ein begnadeter Schauspieler oder Sie leiden an Schizophrenie!“
„Vielleicht trifft beides auf mich zu, Herr Hauptkommissar! Ich könnte ein paranoider Schizophrener mit einer sogenannten Tageslicht-Halluzination sein. Möglicherweise bin ich auch nur ein Gernegroß mit einer harmlosen Panikstörung!“
„Ich werde es mit Gewissheit herausfinden!“
„Ich erwarte nichts anderes von Ihnen, Herr Hauptkommissar, schließlich werden Sie dafür bezahlt“, bemerkte er verächtlich und ging.
„Dieser Schmierenkomödiant hat es Ihnen aber gegeben, Chef!“
„Der verarscht uns doch nach Strich und Faden. Aber, Maurus, wer zuletzt lacht, der lacht am besten!
Überdies kommt endlich Bewegung in die Sache.“
„Sie meinen sicher den Anruf von vorhin?“
„Mensch, Maurus, Sie imponieren mir mit ihrem versteckten Scharfsinn! Jetzt brauche ich aber erst mal eine wohlverdiente Zigarette. Ist längst überfällig“, sagte er müde.
„Und dazu einen frisch gebrühten Kaffee!“
„Was würde ich nur ohne Sie anfangen, Maurus?“ Ein ehrlich gemeintes Lächeln umspielte sein Froschmaul. Während er den Rauch inhalierte, schloss er die Augen. „Was glauben Sie, wäre passiert, wenn ich soeben bei dem Weichei gequalmt hätte? Ich sage es ihnen, Maurus, er wäre uns hier kollabiert oder ins Delirium gefallen. Dieser Idiot!“
„Wer war denn der Anrufer, Chef?“ Paul schlürfte seinen Kaffee.
„Sofia von Stetten, die Nachbarin der Ermordeten. Sie ist heute aus dem Urlaub gekommen. Sie will gleich vorbeikommen, um eine Aussage zu machen.“
„Phänomenal, Chef. Da bin ich wirklich gespannt …“