Preview: Fiona – Spinnen (Band 8)

– ACHTUNG! SPOILER! –

Fiona – Spinnen

„Katharina!“
Obwohl ich sie eindeutig erkenne, reagiert sie nicht. Klar, sie wird hier anders heißen, wenn sie sich genauso wenig an ihren Namen erinnert wie ich eine Etage höher. Aber wie heißt sie dann?
Eigentlich ist es mir egal. Genauso egal ist es mir, wie sie aussieht. Die langen, vollen Haare sind radikal ab, ihre Haare so kurz, dass sie meine Hände aufschneiden würden, wenn ich sie streichelte. Sie ist dreckig, voll mit Sand, also in etwa wie ich. Passend zu den Temperaturen trägt sie eine Art Lendenschurz, etwas Ähnliches wie Stiefeln und ein Hemd. Oder Jäckchen. Oder was auch immer. Es bedeckt jedenfalls so gerade eben ihre vollen Brüste.
Ansonsten sieht sie natürlich gut aus. Kein Gramm Fett, alle Zähne, beide Augen, beide Ohren noch da.
Katharina halt.
Und sie ignoriert mich völlig.
Verdammte Scheiße!
Ich springe auf und laufe hinter ihr her, stoße dabei einige Männer und Frauen, die mit ihr zusammen angekommen sind, beiseite. Das erzeugt natürlich Unmut, der auch lautstark geäußert wird. Kurz bevor ich bei Katharina bin und ihr die Hand auf die Schulter legen kann, dreht sie sich um.
Sie sieht mich und reagiert sofort. Wahrscheinlich wirke ich sehr bedrohlich. Sie ist jedenfalls unglaublich schnell, vielleicht sogar noch schneller als früher. Unter normalen Umständen könnte ich sie vielleicht abwehren, aber vor Überraschung bin ich langsam.
Sehr langsam.
Noch langsamer als langsam.
Ihr Fuß haut mir den Boden unter den Füßen weg. Eigentlich trifft ihr Fuß mein Gesicht seitlich, aber die Wirkung ist so, als hätte sie mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich lande mit der Fresse auf dem harten, sandbedeckten Boden und bekomme so noch einen zweiten verpasst.
Das bremst mich ordentlich aus. Ich merke, dass mein Körper zeitweilig nicht das tun wird, was ich will. Und ich spüre den Geschmack von Blut. Kein Wunder. Hat mich Katharina eigentlich jemals geschlagen? Ich kann mich nicht erinnern. Dass sie Kraft hat, so als Halbdämon, wusste ich natürlich. Aber so viel?
„Wer ist die denn?“, höre ich ihre überraschte Stimme.
„Eine Leste“, antwortet jemand mit Dinalias Stimme. „Die Kleine ist total verwirrt. Kein Wunder. Merge, der Alte möchte dich dabei haben. Komm.“
Merge heißt sie also. Und der Alte fickt auch sie.
Unglaublich!
Nachdem ich mich wieder bewegen kann, richte ich mich stöhnend auf. Die anderen ignorieren mich. Mehr oder weniger. Das eine oder andere Grinsen bekomme ich zu sehen. Haben die etwa noch nie eine hübsche Blondine mit blutiger Fresse auf dem Boden knien sehen?
Mann!
Ich kehre auf meinen Schlafplatz zurück. Zuerst starre ich die Decke an, irgendwann ist der Tränenschleier zu dick.
Mir ist kotzübel, wenn ich daran denke, dass Merge bei dem Alten ist. Es hört sich eh schon so an, als würde mindestens die Hälfte der Kolonie vögeln. Aber Katharina mit dem? Natürlich weiß ich, dass jemand wie sie nicht fünf Jahre enthaltsam lebt. Ich habe das ja auch nicht getan und ich habe ganz sicher kein schlechtes Gewissen, weil ich Askan gefickt habe. Im Gegenteil. Seitdem ich mich wieder erinnern kann, ist mir klar, dass er und James sich sehr ähnlich waren. Das ist kein Zufall.
Und ich mache Katharina keinen Vorwurf.
Aber sie soll nicht den Alten ficken, verdammt nochmal!
Ich springe auf und renne in den Raum, den der Alte nur mit seinen Frauen teilt. In der Öffnung bleibe ich wie erstarrt stehen.
Katharina kauert auf allen Vieren nackt auf einer Decke. Der Alte kniet hinter ihr und nimmt sie mit harten Stößen. Ich kenne Katharina genau und ich kenne ihren Gesichtsausdruck sehr genau, wenn sie Lust empfindet.
Jetzt empfindet sie jedenfalls keine.
Dinalia ist auch nackt und drückt sich von hinten gegen den Alten, der fast einen Kopf größer ist als sie. Sie reibt ihren Unterleib gegen seinen Oberschenkel, küsst seinen Hals, streichelt mit einer Hand seine Brust und mit der anderen Katharinas Hüfte.
Kotzen oder ausrasten?
Maushia nimmt mir die Entscheidung ab. Sie springt auf und drängt mich nach draußen. Sie zwingt mich, mit ihr in den Gemeinschaftsraum zu gehen und mich auf die Decken zu setzen, auf denen der Alte saß, als ich angekommen bin. Dann bringt sie mir kalten Tee und setzt sich mir gegenüber.
„Trink!“, befiehlt sie.
Ich gehorche geistesabwesend, während mein Verstand mit dem Bild kämpft, wie Katharina sich von Sonsang ficken lässt. Warum tut sie das? Erhofft sie sich dadurch mehr Rechte als die anderen? Das würde irgendwo schon zu ihr passen. Aber so?
Scheiße, scheiße, scheiße.
„Kennst du sie?“, fragt Maushia.
„Wen?“
„Merge.“
„Nein.“
„Wirklich nicht? Du benimmst dich sehr seltsam.“
Das ist bei mir völlig normal. Aber vielleicht sollte ich das nicht laut aussprechen.
„Ich bin auf den Kopf gefallen“, murmele ich. Auch nicht besser.
Maushia lächelt. „Du redest Scheiße. Ich weiß das, du weißt das auch. Ich bin alt, aber nicht blöd.“
Ups?
„Hör zu, früher war ich schön. Auch wenn ich mich nie gesehen habe, weiß ich das, denn ich habe trotzdem mitgekriegt, wie die Männer sich um mich geschlagen haben. Ich weiß, dass Dinalia sehr schön ist. Ihr Körper bietet dem Alten, was ich ihm früher geboten habe. Auch Merge ist sehr schön, und eigentlich würde sie ihm genügen. Aber er kann Dinalia nicht einfach verstoßen.“
Das erklärt deren Verhalten im Bad. Keine Eifersucht, sondern Angst um den eigenen Status.
„Warum erzählst du mir das?“
„Ich glaube, du kennst Merge und liebst sie. Ich konnte es hören und riechen.“
„Ich kenne sie nicht!“
„Gut, dann erinnert sie dich an jemanden, den du kennst und liebst.“
Ich schweige, denn irgendwie stimmt das ja.
„Also ist das so“, stellt die Alte fest. „Trotzdem solltest du lernen, dich zu beherrschen. Merge ist unsere beste Kämpferin, du hast Glück, dass du noch deine Zähne hast. Sie wollte dir nicht wehtun, aber du hast sie wohl überrascht.“
„Ich weiß. Das war dumm von mir. Aber wogegen kämpft sie?“
„Sie ist im Widerstand. Aber im Moment kämpft sie gegen eine andere Kolonie, die uns den Turm neidet.“
Ich schließe kurz die Augen. Menschen sind doch wirklich überall gleich. Selbst hier, wo das Überleben schon schwer genug ist, haben sie nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
Bescheuert. Einfach nur bescheuert.
„Und wogegen kämpft sie, wenn sie im Widerstand ist?“
„Das ist kompliziert“, sagt Maushia seufzend. „So genau weiß man das nicht. Viele meinen, es ist ungerecht, dass wir hier unten leben müssen, während es denen da oben so gut geht. Du kennst es ja, oder?“
„Ja, kenne ich.“ Unwillkürlich denke ich an Goddo. Und an Tlen. Aber okay, es gibt natürlich auch viel bessere Bereiche in Lomas. Die meisten Menschen da oben dürften tatsächlich ein sehr viel besseres Leben als die hier unten haben.
„Wie heißt sie?“, fragt Maushia plötzlich.
„Wer?“
„Die, die du liebst.“
„Katharina.“
„Ein schöner Name. Etwas ungewöhnlich, aber schön. Es tut mir sehr leid für dich, dass du sie nicht wiedersehen wirst. Du erleichterst dir das Leben, wenn du mal um sie weinst und dann akzeptierst, dass du hier unten leben wirst. Hier gibt es auch schöne Frauen.“
„Ja, wie Merge“, rutscht es mir heraus.
Die Alte lacht. „Ja, aber die ist schon vergeben. Such dir eine andere.Und jetzt geh schlafen.“
Ich gehorche. Und irgendwie bin ich ihr dankbar. Ohne sie hätte ich etwas sehr Dummes getan. Ich kann Katharina nicht einfach so überfallen. Sie erinnert sich ja an nichts, so wie ich auch nichts wusste. Gar nichts. Absolut Null. Nada. Ich muss ihr wie eine Wahnsinnige vorkommen. Wie hätte ich mich als Königin Kyo verhalten? Oder wie habe ich mich als Psychotante verhalten, als Michael mir erklären wollte, dass ich nur in einem Albtraum des Elbenprinzen festhänge?
Nein, es muss einen anderen Weg geben, der auch funktioniert.
Irgendeinen. Irgendwo. Ich muss ihn nur noch finden.