2. Preview: Fiona – Spinnen (Band 8)

ACHTUNG! SPOILER!

 

Fiona – Spinnen

„Ich hasse das! Ich hasse das! Ich hasse das!“
Katharina sieht mich erstaunt und fragend an. Kein Wunder. Eigentlich bin ich dabei, die entdeckten Kameras abzudecken. Sicher ist sicher. Eine Zugbegleiterin hat uns die versteckte Konsole gezeigt, über die das Spionagesystem der Suite gesteuert werden kann. Falls mal V.I.P.s an Bord sind. So nannte sie es zwar nicht, aber das war das Wesentliche.
„Du deckst nicht gerne Kameras ab?“, erkundigt sich Katharina.
„Ich hasse es, in die Hand gebissen zu werden! Ich hasse es, tagelang in einem Zug durch die Gegend zu fahren! Am allermeisten aber hasse ich es, dass ich schon wieder auf einer Weltrettungsmission bin! Das hasse ich ganz besonders!“
„Es tut mir leid. Aber ich mag es nicht, wenn man mir den Mund zuhält.“
„Und warum machst du es dann ständig?“
„Ich?“
„Ja, du! Früher ständig!“
„Wieso denn?“
„Das musst du ja wohl besser wissen!“
„Ich habe keine Ahnung. Vielleicht, weil du ständig redest und ich manchmal möchte, dass du damit aufhörst.“
„Was?!“
Sie lacht auf. „Ist doch wahr.“
„Ja, okay, ich rede nicht wenig. Aber nie ohne Grund!“
„Na ja …“
„Was?!“
„Okay, jetzt würde ich dir wirklich gerne den Mund zuhalten.“
„Tue es doch! Aber nicht mit der Hand!“
Für einen Augenblick sieht sie aus, als würde sie es ernsthaft in Erwägung ziehen. Aber anscheinend ist es ihr nicht wichtig genug, denn sie winkt ab und sucht eine Keksdose.
Ich lasse die Konsole wieder in die Wand fahren und hänge das Bild davor, das dort hingehört.
„Warum machst du es denn überhaupt?“, fragt Katharina mit vollem Mund.
„Was denn?“ Ich nehme mir auch einen Keks. Die Dinger schmecken einfach zu gut.
„Weltrettungsdings.“
„Weltrettungsmission. Mission. Hat nichts mit der Missionarsstellung zu tun. Ach, vergiss es. Warum ich das mache? Weil du unbedingt in den Ewigen Turm gehen musst. Und wir noch Sarah und Thomas finden müssen.“
„Aha. Ich hoffe, Sarah redet weniger als du.“
„Da hast du Pech, aber so richtig.“
„Die redet noch mehr als du?“
„Ich komme nicht zu Wort, wenn sie dabei ist.“
„Oh nein! Müssen wir sie wirklich retten?“
Ich muss lachen. „Ansonsten ist lieb. Und sie kann verdammt gut küssen. Dann redet sie wenigstens nicht.“
„Woher weißt du das?“, fragt Katharina misstrauisch.
„Hast du gesagt. Aber ich weiß es auch.“
„Ich habe das gesagt? Äh … Wer ist sie nochmal?“
„Eine ehemalige Königin. Hör zu, du wirst dich an alles erinnern. Aber ich glaube, jetzt willst du nur wissen, dass wir ein paarmal Sex zu dritt hatten.“
„Okaaay … Und warum?“
„Weil es Spaß gemacht hat?“
„Zu dritt?“
„Soll ich das jetzt näher ausführen, oder was erwartest du?“
„Nein, lass es lieber.“ Sie geht mit der Keksdose zur Couch und setzt sich mit ausgestreckten Beinen auf fast voller Länge darauf. Für mich bleibt ein bisschen Platz zwischen ihren Füßen und der gepolsterten Lehne. Sie hält mir die Keksdose hin und ich nehme mir einen Vorrat. „Hoffentlich haben wir wirklich genug“, meint sie dann.
„Ich denke schon. Also gut, auch wenn Sarah durchaus nerven kann, müssen wir trotzdem beide retten. Und danach sehen wir weiter.“
„Okay. Ich muss dich aber mal was fragen.“
„Nur zu.“ Ich blicke sie an. Es fällt mir schwer, mich darauf zu konzentrieren, was sie redet. Die engen Jeans sind leicht hochgerutscht und zeigen ein Stück ihrer nackten Schienenbeine. Ich hätte nie und niemals gedacht, das könnte erregend sein. Dann das T-Shirt. Das ist zwar nicht hochgerutscht, aber gemäß der Gepflogenheiten solcher T-Shirts nicht unbedingt dick, sodass darunter ihre Brüste mitsamt BH gut zu erkennen sind. Es ist ein dünner, einfacher Soft-BH. Das weiß ich, weil ich ihn für sie ausgesucht habe. Und dann hält sie die Dose an ihren Bauch und stopft sich die Kekse in diesen verdammten, verheißungsvoller Mund, den vorhin zu halten jeden Beißschmerz wert war.
Verdammt, wie tief kann ich denn noch sinken?
„Hältst du es für richtig, die Menschen zu verraten?“, fragt sie plötzlich.
„Ich verrate die Menschen?“
„Nicht? Wie würdest du es denn nennen?“
„Also, erstens ist das nicht meine Welt. Und deine auch nicht. Aber lassen wir das mal außen vor, weil eigentlich ist es ein saudämliches Argument.“
„Genau.“
„Aber ich habe auch ein gutes. Ich verrate die Menschen nicht, ich bewahre sie vor der Selbstvernichtung.“
„Aber um den Preis ihrer Freiheit.“
„Ihrer Freiheit? Welche Freiheit meinst du denn? Die Freiheit, da unten dahinzuvegetieren und nach drei Generationen keine Augen mehr zu haben? Die Freiheit, einer Neuen im Bad aufzulauern und ihr eindrücklich mitzuteilen, dass sie die Finger vom Alten zu lassen hat?“
„Hat Dinalia das wirklich getan?“, fragt Katharina lachend.
„Hat sie. Oh ja! Meinst du diese Freiheit? Oder meinst du eher die Freiheit, zu Tausenden zu vegetieren und abgeschlachtet zu werden, wenn die sogenannten Starken nicht mehr genug zu essen haben?“
„Wer tut das?“
„Du wirst es sehen. Das gehört zu den Attraktionen, die ich dir noch zeigen werde, die auch Sor gemeint hat. Meine Liebe, in dieser Welt habe ich leider noch keinen einzigen Menschen finden können, der weiß, was Freiheit überhaupt ist.“
„Hm.“
„Siehst du das anders?“
„Was wäre dann Freiheit?“
„Freiheit hat für mich sehr viel damit zu tun, dass ich mich entscheiden kann. Um mich aber entscheiden zu können, brauche ich Alternativen, das setzt Wissen voraus. Wissen wird aber in dieser Welt ganz bewusst zurückgehalten. Ich garantiere dir, so gut wie niemand weiß von der Prex, so gut wie niemand weiß von der Tarx, so gut wie niemand weiß von den Spinnenlöchern. Die Menschen dürfen hübsch arbeiten gehen, ab und zu Sex haben, sonst fressen und schlafen und die Schnauze halten. Wer das nicht will, landet entweder als Futter für die Starken oder wird einer der Starken, was nicht wirklich besser ist. Und dass das so bleibt, dazu tragen Leute wie Niasman viel bei. Schon das allein wäre für mich Grund genug, ihn zu töten.“
„Das ist nicht deine Aufgabe.“
„Du hast recht, in dieser Welt nicht. In unserer ursprünglichen Welt war es sehr wohl meine Aufgabe. Ich war eine Kriegerin, so was war Routinearbeit.“
„Echt? Es war deine Aufgabe, für Freiheit zu sorgen?“
„Es war meine Aufgabe, für Gleichgewicht zu sorgen, aber ich konnte, durfte und musste selbst entscheiden, wie ich Gleichgewicht definiere und welche Maßnahmen ich ergreife.“
„Okay. Klingt spannend. Dann warst du da also ständig auf Weltrettungsdings?“
„Mission! Und nein, da war es nur ein Job. Die Mission kam später dazu, aber das führt jetzt zu weit. Jedenfalls hatten Sarah und Thomas damit zu tun. Und viele andere. Sogar deine Tochter.“
„Okay. Gut, und was machen wir dann jetzt?“
„Schlafen?“
„So richtig müde bin ich zwar nicht, aber warum nicht.“
Wir ziehen wieder die Seidenpyjamas an. Aus Seide sind sie vermutlich nicht, fühlen sich aber sehr ähnlich an. Und sie glänzen so schön. Nicht dass mir das wichtig wäre, obwohl … Es sieht trotzdem schön aus.
Fiona, bist du eine Prinzessin?
Nein, aber eine Königin. Halt die Klappe.
Ich kann lange nicht einschlafen, was kein Wunder ist. Doch nach ewigem hin und her wälzen schlummere ich schließlich ein. Wahrscheinlich schlafe ich sogar richtig, denn plötzlich schrecke ich auf.
Das Bett ist neben mir leer, ich höre Geräusche aus dem Bad. Kurz darauf kommt Katharina heraus. Sie trägt noch den Pyjama.
„Hast du gut geschlafen?“, fragt sie lächelnd.
„Ging so. Und du?“
„Sehr gut. Habe sogar etwas geträumt, etwas total Verrücktes.“
„Was denn?“ Ich setze mich im Bett auf und ziehe die Knie an. Könnte ja eine längere Geschichte werden.
Katharina kauert sich auf den Bettrand. „Also, da war viel Licht. Kam aber nicht von einer Lampe. Es gab nämlich keine Decke. Nach oben war alles offen, so wie hier unten, aber eben nicht dunkel, sondern strahlend hell und blau. Und irgendetwas Gelbes hat geleuchtet.“
„Himmel und Sonne, wie auf der Erde, unserer Heimat. Das ist spannend, dass du davon träumst.“
„So sah es da aus? Dann will ich da hin, das war schön! Jedenfalls, dann gab es so Sachen. Mit Türen. Da konnte man reingehen, aber das waren keine Kolonien, vor allem gab es ganz viele.“
„Häuser. Darin wohnen die Menschen.“
„Besser als so eine Kolonie, scheint mir. Und es gab andere Sachen, die waren wir Züge, weil sie sich bewegten. Nur viel kleiner. Und die Menschen darin hielten sich an etwas Rundem fest.“
„Autos“, sage ich lachend. „Das waren Autos und das Runde das Lenkrad zum Steuern. Aber tatsächlich ähnlich wie Züge, auch die Art, wie sie sich bewegen. Aber sie haben keine Schienen.“
„Ja, genau, das ist mir auch aufgefallen. Jedenfalls stand ich da irgendwo, viele diese Nichtzüge fuhren an mir vorbei. Und dann war da noch ein Junge,mit schulterlangen blonden Haaren. Kein Kind mehr, aber auch nicht erwachsen.“
Ich spüre, wie jegliches Blut aus meinem Kopf weicht.
„Und du warst auch da! Allerdings nicht da, wo der Junge und ich waren, sondern zwischen uns waren diese Nichtzüge. Wie hast du sie genannt? Na egal, also ich habe mit dem Jungen geredet, dann hat er dich gesehen und dir zugewunken und ich kannte dich wohl, denn ich habe mich auch gefreut, dich zu sehen … Was ist denn los?“
Sie starrt mich entgeistert an. Das ist vermutlich kein Wunder. Ich wäre auch sehr erstaunt, wenn ich etwas Lustiges, Schönes erzähle und plötzlich fängt jemand an zu heulen.
Ich halte die Hand vor den Mund, aber ich kann es nicht zurückhalten. Es ist einfach unmöglich. Katharina hat gerade den Traum beschrieben, den ich auch hatte, bevor ich in den Turm ging. Als ich mich noch gar nicht erinnern konnte. Als ich sie mit kurzen Haaren und Kian gesehen habe und dann überfahren wurde.