Mein sehnlichster Wunsch
Es war kalt draußen. Winzige Schneeflocken, die im Sonnenlicht tanzten und das Licht dabei in allen Farben reflektierten, fielen vom blauen Himmel. Doch die Schönheit der Natur währte nicht lange. Wolken zogen auf an diesem Tag.
Wir schreiben den 29. Februar 2012 und etwas ist anders. Als Ben an diesem Morgen erwacht, braucht er etwas länger um klar sehen und vor allem klar denken zu können. Er reibt sich seine Augen, setzt sich ganz langsam an die Bettkante und schaut benommen auf den Boden. Die ersten Sonnenstrahlen zwinkern durch die kleinen Löcher der zugezogenen Jalousie. Er hatte wieder diesen Alptraum, der ihn schon seit Wochen verfolgt. Doch er ist an ihn gewöhnt.
Schließlich wiederholt sich diese Prozedur jedes Jahr seit seinem zehnten Geburtstag.
Mittlerweile ist er neunzehn, aber anstatt besser zu werden, wird es mit jedem Jahr schlimmer. So
empfindet er es zumindest. Er läuft zum Fenster, zieht die Jalousie hoch und schaut hinunter in den
kleinen Garten. Die Schneeflocken tanzen vor seinen Augen und alles scheint so friedlich.
Zumindest für diesen kurzen Moment. Ben hat für heute extra Urlaub genommen, doch ein
entspannter Tag sieht anders aus. Heute vor ungefähr neun Jahren passierte es. Ein
schrecklicher Unfall, der sein Leben von Grund auf veränderte.
Ben hatte eine Zwillingsschwester. Ihr Name war Sarah und die beiden waren unzertrennlich. Auch
sie hatten diese besondere Verbindung, die man Zwillingen so nachsagt. Fast war es so, als wussten
sie ganz genau, was der andere dachte oder fühlte. Die beiden verabschiedeten sich von ihren
Eltern, um draußen Schlitten fahren zu gehen. Der kleine Hang war nicht weit vom Haus entfernt,
und so machten sich ihre Eltern keine allzu großen Sorgen. Ben führte seine Schwester
an der Hand. Er kümmerte sich immer rührend um sie. Auch wenn die beiden gleich alt waren,
so war Ben doch etwas reifer für sein junges Alter. Am Hang angekommen sausten sie auch schon
den Hang hinunter, so schnell es ihre alten, hölzernen Schlitten eben erlaubten. Was beide
allerdings durch die Schneemassen übersahen, war, dass der Hang in einen zugefrorenen und
mit einer dicken Schneeschicht bedeckten, kleinen See mündete. Und schließlich war
es bereits Ende Februar und die Temperaturen stiegen langsam wieder etwas in die Höhe. Der
Frühling stand zwar noch nicht ganz in den Startlöchern, aber man konnte fühlen,
dass sich das Wetter bald verändern würde.
Sarah rannte mit glitzernden Augen den Hügel hinauf, um erneut hinunter zu fahren. Sie war
diesmal so schnell, dass sie bis auf den See hinaus fuhr. Die Schneedecke unter ihr gab nach, und das
Eis brach. Ganz langsam und schleichend fing es an zu knistern und schließlich zu
reißen. Sarah brach ein. Das eiskalte Wasser brannte auf ihrer Haut wie tausend
Nadelstiche. Sie war zu klein und hilflos, um sich auch nur irgendwie zu retten. Es dauerte nicht
lange bis sie ertrank. Ben schrie und weinte, doch auch er konnte nichts tun. Es war der schlimmste
Tag in seinem bisher kurzen Leben.
Seitdem träumt er jedes verdammte Jahr davon. Warum konnte er sie nicht retten? Warum konnte er
nichts dagegen tun? Und so gedenkt Ben immer zu dieser Zeit seiner kleinen Schwester, die ihm so sehr
fehlt. Und so fährt er auch an diesem Tag an ihr Grab, legt Rosen nieder und geht auf die Knie. Der
Himmel verfärbt sich schwarz, als er zu reden beginnt: „Sarah, wenn du mich doch nur
hören könntest. An dem Tag, an dem du gingst, ging auch ein Teil von mir. Seitdem wandle
ich als seelenlose Hülle in dieser Welt. Wenn mir nur ein Tag im Leben geschenkt würde,
ich würde ihn dir schenken, nur um dich noch einmal sehen zu können. Wenn ich auch nur
einen Tag etwas in dieser Welt verändern könnte, so würde ich dich wieder
zurück in diese Welt holen. Doch niemand hat leider diese Macht dazu. Das wäre mein
einziger Wunsch, doch leider wird er für immer unerfüllt bleiben, bis wir uns eines
Tages im Himmel wiedersehen.“
(c) Corinna Scholz






