Die Zeitschenker

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Ich wusste nicht, was mich an dieser Uhr so angesprochen hat. Ich, der seit Jahren gar keine Armbanduhr mehr trägt, in Zeiten von Smartphones, die einen eh viel zu oft nerven mit irgendwelchen Erinnerungen und Weckern, also ich blieb aus einem unerkannten Impuls heraus vor dem Schaufenster eines Uhrengeschäfts stehen. Es war ein kleines, einfaches Geschäft.

Da lag sie. Diese sehr schlichte Uhr mit einem Ziffernblatt, oben die 12, unten die 6, dazwischen jeweils 5 Striche für die Stunden dazwischen. Die Uhr hatte ungewöhnlicherweise nur einen Zeiger. Das Gehäuse war rund und, soweit ich es von draußen erkennen konnte, schwarz. Es schimmerte metallisch. Kein Hinweis auf den Hersteller war zu erkennen. Und dennoch, auf eine vewirrende Art und Weise faszinierte mich diese Uhr.

Das Geschäft war geöffnet, und einem weiteren, noch verwirrenderen Impuls folgend, betrat ich es. Beim Schließen der Eingangstür erklang ein heller Glockenton, während vertraut wirkender Duft nach einer alten, längst vergangenen Zeit mir entgegenkam. Es war, als hätte ich beim Übertreten der Türschwelle eine Zeitreise in meine Kindheit gemacht. Ich war allein in dem Laden, zumindest konnte ich niemanden entdecken, und der Raum war klein genug, um keinen anderen Menschen zu übersehen. Doch dann lüftete sich ein Vorhang, und eine junge Frau betrat den Laden. Ihre großen grünen Augen schauten mich freundlich an.

“Guten Tag”, sagte sie mit warmer Stimme. “Kann ich Ihnen behilflich sein?”

“Guten Tag”, erwiderte ich und merkte, wie ich rot wurde. Was für eine plumpe, geistlose Antwort! “Wenn ich ehrlich sein soll, weiß ich nicht genau, wann ich hier bin. Ich meine, warum ich hier bin.”

Die junge Frau lächelte. “Meistens sind es Menschen, die von dieser Uhr angezogen werden.” Sie trat zum Schaufenster und nahm die Uhr heraus, die mir aufgefallen war. “Sie ist schlicht, aber von zeitloser Eleganz. Hier, legen Sie sie doch an. Sie steht Ihnen bestimmt gut.”

Ich nahm die Uhr. Sie lag warm und angenehm in meiner Hand, und als ich sie mir um das Handgelenk legte und befestigte, durchströmte mich die Erkenntnis, dass diese Uhr nur für mich gemacht worden war. “Was soll sie kosten?” erkundigte ich mich nachdenklich.

“Das, was sie Ihnen wert ist”, gab die junge Frau überraschenderweise zur Antwort.

“Wie bitte? Diese… diese Uhr muss doch einen festgelegten Preis haben!”

“Ja, das hat sie”, bestätigte sie. “Den von Ihnen festgelegten.”

Nach kurzem Nachdenken beschloss ich, darüber nicht zu diskutieren, holte meine Brieftasche hervor und gab der jungen Frau alles an Bargeld, das ich dabei hatte. Viel war es nicht, ich glaube, etwas über 65 Euro. Aber sie nickte und stellte mir eine Quittung aus. Dann sagte sie: “Ich möchte Ihnen noch etwas über die Besonderheit dieser Uhr erzählen. Sie wurde exakt in der Sekunde Ihrer Geburt hergestellt und wartet seitdem in diesem Schaufenster auf Sie.”

“Das glaube ich nicht!” rief ich aus. “Ich bin so oft hier vorbeigegangen und sie ist mir nie aufgefallen!”

Sie lächelte sanft. “Ist Ihnen denn unser Geschäft aufgefallen?”

“Nein”, antwortete ich beschämt.

“Sehen Sie. Es gibt im Leben von jedem Menschen einen Moment, in dem er die Möglichkeit hat, dieses Geschäft zu sehen. Geht der Moment vorüber, ohne dass Sie uns sehen, verpassen Sie die Chance, diese Uhr ausgehändigt zu bekommen. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die so eine Uhr tragen.”

“Ich verstehe”, murmelte ich. “Und was ist nun an dieser Uhr so Besonderes?”

“Sie zeigt Ihnen an, wieviele Sekunden Sie bereits gelebt haben. Deswegen gibt es nur einen Zeiger. Er zeigt die Sekunden an.”

Nach einem Blick auf die Uhr sagte ich: “Aber der Zeiger steht doch!”

“So ist es. Sie haben noch nicht angefangen zu leben. Ihr Leben ist wie ein Tag. Manche Menschen durchschlafen den ganzen Tag und haben kurz vor Mitternacht noch nicht einmal gemerkt, dass sie geboren wurden.”

“Das ist ja schrecklich!” rief ich. “Was kann ich denn tun, damit der Zeiger sich bewegt?”

“Das wissen Sie nicht? Warten Sie einen Moment bitte!” Mit diesen Worten verschwand sie hinter dem Vorhang und kam nach einigen Minuten mit einem Büchlein wieder. Sie reichte es mir.

“Was ist das?” fragte ich, das Büchlein misstrauisch betrachtend.

“Ein Tagebuch. Noch steht nichts drin, aber wenn Sie anfangen, darin Ihren Tag aufzuschreiben, werden Sie wissen, was Sie tun müssen, damit der Zeiger sich bewegt. Vergessen Sie nicht, dass jeder Tag der Tag Ihres Lebens ist. Sie entscheiden, ob Sie leben oder nicht.”

Völlig durcheinander und verwirrt verabschiedete ich mich und verließ den Laden. Dabei hatte ich das Gefühl, eine Zeitreise zurück in die Gegenwart zu tun. Vor dem Laden blieb ich stehen und schaute zurück. Doch völlig fassungslos sah ich nur eine verwitterte Hauswand vor mir.

Auf einmal fiel mir meine Mutter ein, die ich ursprünglich besuchen wollte. Und dann sah ich sie vor meinem geistigen Auge, ihre alte, unscheinbare Armbanduhr, die sie niemals ablegte. Ich hatte mich oft gefragt, warum sie nur einen Zeiger hatte, der so schnell die Sekunden abzählte. Und nun verstand ich auch ihre Antwort, die sie mir gegeben hatte, als ich sie vor einiger Zeit mal fragte, was es für eine Bewandnis mit dieser Uhr hatte.

Sie hatte gelacht und gesagt: “Weil ich liebe.”

(c) tollschreiber